Das stärkere Geschlecht - Sharon, Dr. Moalem - E-Book

Das stärkere Geschlecht E-Book

Sharon, Dr. Moalem

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Beschreibung

Frauen leben länger als Männer. Frauen haben ein stärkeres Immunsystem. Frauen sterben seltener am neuartigen Corona Virus, sind weniger anfällig für Entwicklungsstörungen, sehen die Welt in einer größeren Farbenvielfalt und sind widerstandsfähiger gegen Krebs. Frauen sind in jedem Lebensabschnitt einfach stärker als Männer. Aber warum? Der renommierte Neurogenetiker Dr. Sharon Moalem nimmt uns mit auf eine faszinierende Entdeckungsreise zu den Ursachen der genetischen Überlegenheit des weiblichen Geschlechts. Er legt überzeugend dar, dass wir die biologisch bedingten Anlagen von Frauen bisher nicht richtig verstanden, ihre genetische Stärke viel zu lange unterschätzt haben, und zeigt, dass wir unsere Wahrnehmung, Gesundheitsfürsorge und Forschungskultur ändern müssen. Die Zukunft der Medizin und unser Überleben als Spezies hängen davon ab.

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Seitenzahl: 353

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Dr. Sharon Moalem

DASSTÄRKEREGESCHLECHT

Dr. Sharon Moalem

DASSTÄRKEREGESCHLECHT

Warum Frauen genetischüberlegen sind

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie. Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Für Fragen und Anregungen

[email protected]

1. Auflage 2020

© 2020 by riva Verlag, ein Imprint der Münchner Verlagsgruppe GmbH

Nymphenburger Straße 86

D-80636 München

Tel.: 089 651285-0

Fax: 089 652096

Die amerikanische Originalausgabe erschien 2020 bei Farrar, Straus and Giroux, New York, unter dem Titel The Better Half. On the Genetic Superiority of Women.© 2020 by Sharon Moalem. All rights reserved.

Alle Rechte, insbesondere das Recht der Vervielfältigung und Verbreitung sowie der Übersetzung, vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotokopie, Mikrofilm oder ein anderes Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme gespeichert, verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

Übersetzung: Ursula Pesch, Antoinette Gittinger

Redaktion: Werner Wahls

Umschlaggestaltung: Sonja Vallant

Umschlagabbildung: shutterstock/LuckyN

Satz: ZeroSoft, Timisoara

Druck: GGP Media GmbH, Pößneck

eBook: ePubMATIC.com

ISBN Print 978-3-7423-1187-0

ISBN E-Book (PDF) 978-3-7453-0841-9

ISBN E-Book (EPUB, Mobi) 978-3-7453-0842-6

Weitere Informationen zum Verlag finden Sie unter

www.rivaverlag.de

Beachten Sie auch unsere weiteren Verlage unter www.m-vg.de

Inhalt

Anmerkung des Autors

Einleitung

1. Die Tatsachen des Lebens

2. Widerstandskraft: Warum Frauen robuster sind

3. Benachteiligt: Das männliche Gehirn

4. Durchhaltevermögen: Wie Frauen Männer überleben

5. Superimmunität: Kosten und Nutzen genetischer Überlegenheit

6. Wohlbefinden: Warum die Gesundheit von Frauen nicht die Gesundheit von Männern ist

Fazit: Warum Geschlechtschromosomen eine Rolle spielen

Danksagung

Über den Autor

Anmerkungen

Für meine bessere Hälfte

Ich habe es – so frei heraus es mir möglich ist, aber doch nicht ohne Scham – in Angriff genommen, ein Thema zu behandeln, das bisher ignoriert wurde, aber keinesfalls fern der Wahrheit ist, nämlich die Vornehmheit und Überlegenheit des weiblichen Geschlechts.

– Heinrich Cornelius Agrippa von Nettelsheim, Antwerpen, 16. April 1529

Anmerkung des Autors

Einige der Namen, Falldetails und identifizierenden Merkmale von in diesem Buch erwähnten Personen wurden geändert, um die Privatsphäre von Patienten, Kollegen, Bekannten, Freunden und Familienangehörigen zu schützen. In einigen Fällen wurden Szenarien und Beschreibungen verändert oder miteinander verknüpft, um ein höheres Maß an Anonymität zu gewährleisten und einer Idee oder Diagnose Klarheit zu verleihen.

Dieses Buch soll lediglich ein Nachschlagewerk und kein medizinisches Handbuch sein. Es ist nicht als Ersatz für Behandlungen gedacht, die Ihnen Ihr Arzt verschrieben hat. Wenn Sie befürchten, ein medizinisches Problem zu haben, möchte ich Sie dringend bitten, kompetente medizinische Hilfe zu suchen.

Einleitung

Hier einige grundlegende Tatsachen: Frauen leben länger als Männer.1 Frauen haben ein stärkeres Immunsystem.2 Frauen leiden seltener an einer Entwicklungsstörung,3 sehen die Welt eher in einer größeren Farbenvielfalt4 und sind beim Kampf gegen Krebs erfolgreicher. Frauen sind einfach in jeder Lebensphase stärker als Männer. Aber warum? Diese Frage hielt mich an einem Sommerabend gefangen, an dem ich mich nach einem schweren Verkehrsunfall in einem Krankenwagen wiederfand, der zum nächsten Krankenhaus raste. Während ich dort auf der Trage lag und zu den Monitoren hochschaute, kamen mir plötzlich zwei spezifische Ereignisse aus meiner Vergangenheit in den Sinn, die zu lebhaften Erinnerungen geworden waren. Das eine betraf meine Zeit als Arzt auf einer Neugeborenen-Intensivstation, wo ich Frühchen behandelt hatte; das andere, zehn Jahre zuvor, fiel in die Zeit, in der ich mich auf die Neurogenetik konzentriert und mit Menschen in ihren letzten Lebensjahren gearbeitet hatte. Die beiden Ereignisse schienen irgendwie miteinander verknüpft zu sein, aber ich wusste nicht genau, wie.

Dann wurde mir inmitten der chaotischen Aktivitäten in diesem Krankenwagen schlagartig klar: Bei uns allen gibt es bestimmte Lebensereignisse, die dazu führen, dass wir gewisse grundlegende Annahmen infrage stellen. Die beiden Dinge, über die ich an jenem Sommerabend nachdachte, und der kristallisierende Moment, der folgte, sind verbunden mit der Behauptung, die ich in diesem Buch aufstelle: dass Frauen Männern genetisch überlegen sind.

Als ich in meiner Eigenschaft als Neurogenetiker (jemand, der sich auf die genetischen Mechanismen neurodegenerativer Krankheiten spezialisiert) zu forschen begann, bestand eine der unerwarteten Herausforderungen, denen ich mich gegenübersah, darin, eine ausreichende Zahl gesunder älterer Erwachsener dafür zu gewinnen, an den Studien teilzunehmen. Selbst wenn ich die perfekten Forschungsfragen stellte und die notwendige finanzielle Unterstützung erhielt, um sie zu testen, musste ich mein Vorhaben oft verschieben, weil ich keine alters- und geschlechtskorrelierten gesunden Probanden finden konnte. Der Rekrutierungsprozess dauerte manchmal Jahre.

Es sei denn, natürlich, man hat Sarah auf seiner Seite. Sarah ist Ende 80 und hat zwei künstliche Hüften, ist mit ihrer Gehhilfe jedoch kaum aufzuhalten. Auf ihrem Wochenplan stehen ein Aquarellkurs, Schwimmen, ein Kardiokurs und ein Tanzabend. Reicht das noch nicht, nimmt Sarah an fast täglich stattfindenden Veranstaltungen in verschiedenen Seniorenzentren der Stadt teil. Sie gehört einer Freiwilligenorganisation an, deren Mitglieder hospitalisierte ältere Menschen besuchen, die keine Familie oder keine Freunde haben, die Zeit mit ihnen verbringen. Außerdem ist sie meine Großmutter.

Ich werde oft von Familienmitgliedern gefragt, ob ich bereit sei, offen mit Sarah darüber zu sprechen, dass sie langsamer treten sollte. Alle machen sich Sorgen, dass sie sich einfach zu viel zumutet. Meine Antwort ist immer dieselbe: Es geht ihr deshalb so gut, weil sie so aktiv ist und ihre täglichen Aktivitäten ihrem Leben so viel Sinn verleihen. Wichtiger noch: Wenn sie aufhören würde, Kontakte zu pflegen, würde ich schon bald keine älteren Forschungsprobanden mehr haben.

Meine Großmutter half mir erstmals vor fast 20 Jahren, Freiwillige für meine Forschung zu finden. Sie schreckte auch nicht davor zurück, mir Ratschläge zu erteilen. »Mit diesem gruseligen weißen Laborkittel und dem Namensschild drauf wirst du nie jemanden dazu bringen, dir bei deinen Forschungen zu helfen«, sagte sie. »An deiner Stelle würde ich ihn weghängen. Und deine Krankenschwester sollte das auch tun – keine Laborkittel. Sie machen uns Angst. Sie erinnern mich an meine Operationen und warum sollte ich an die erinnert werden wollen? Ohne den Kittel siehst du einfach wie ein normaler Mensch aus. Schließlich bittest du die Menschen, etwas von sich preiszugeben, und das ist eine große Sache. Du wirst sehen – es gibt viele Leute, die helfen wollen.«

Ich hörte auf sie und entledigte mich meines Laborkittels. Es funktionierte. Nachdem ich in Zivilkleidung potenziellen Probanden mein Vorhaben vorstellte, hatten wir mehr Forschungsteilnehmer, als wir brauchten. Doch es gab ein Problem: Selbst wenn sich jeder im Raum bereit erklärte, an der Studie teilzunehmen, gab es immer einen eklatanten Mangel an Individuen einer spezifischen demografischen Gruppe. Es gab einfach nicht genügend Männer.

Ältere Frauen überleben ihre männlichen Zeitgenossen im Durchschnitt um mindestens vier bis sieben Jahre.5 Die Diskrepanz zwischen der Lebenserwartung von Männern und Frauen wird umso auffälliger, je mehr wir uns dem äußersten Ende der menschlichen Lebensspanne nähern. Bei den über 85-Jährigen gibt es zuweilen doppelt so viele Frauen wie Männer. Und bei den Hundertjährigen ist der Überlebensvorteil von Frauen sogar noch viel größer: Von hundert derzeit lebenden Hundertjährigen sind 80 Frauen und nur 20 Männer.[1]

Zehn Jahre später wurde ich an einem Abend im Frühherbst, in dem die Blätter gerade begonnen hatten, sich bunt zu färben, ausgerufen, auf die Neugeborenen-Intensivstation zu kommen. Rebecca, die Krankenschwester, die Bereitschaftsdienst hatte, trat zu mir ans Waschbecken und informierte mich über zwei Frühchen, die einige Tage zuvor aufgenommen worden waren. Die zweieiigen Zwillinge Jordan und Emily waren bereits in der 25. Woche zur Welt gekommen – mehr als drei Monate vor dem offiziellen Geburtstermin. Ich streifte einen sauberen Kittel und blaue Nitrilhandschuhe über und legte einen Mundschutz an, denn das Letzte, was diese Babys brauchten, war, irgendetwas ausgesetzt zu werden, was ich vielleicht unabsichtlich aus dem Krankenhausatrium, in dem ich, nur wenige Minuten bevor mein Pager losging, gesessen hatte, mit hereinbrachte.

Rebecca gehörte seit mehr als drei Jahrzehnten zum Krankenhauspersonal und sah trotz der Überstunden und der sehr schwierigen Arbeit auf der Neugeborenen-Intensivstation jünger aus als 60 plus. Sie zählte zu den Menschen, deren Stimme und Wesensart beruhigend wirken, egal wie schlimm die Situation ist. Der größte Teil des Personals, einschließlich vieler Ärzte, schloss sich ihrem Urteil an, wenn es darum ging, den Versorgungsplan für die jüngsten Patienten des Krankenhauses zu ändern. Rebecca, die Oberschwester auf der Level-4-Neugeborenen-Intensivstation, war eine wahre Frühchenflüsterin. Und das, was sie mir an jenem Abend sagte, änderte nicht nur meine Forschungsrichtung, sondern auch mein Leben.

Glücklicherweise sind sich die meisten Menschen des Kampfes, den neugeborene Frühchen führen müssen, nur um den Tag zu überstehen, nicht bewusst. Allein in ihrem kleinen, durchsichtigen Zuhause kämpfen diese winzigen, zerbrechlichen Wesen um ihr Überleben. Ihr Brutkasten, der grob wie ein künstlicher Mutterleib gestaltet ist, dient als kontrollierte Umgebung, bis die Babys so alt und stark sind, dass sie ihn nicht mehr brauchen.

Auf einer Level-4-Neugeborenen-Intensivstation sind normalerweise die jüngsten und kränksten Frühgeborenen untergebracht. Viele der hier benutzten Brutkästen haben ein Luftfilterungssystem, welches das Infektionsrisiko senkt, indem es die Babys vor der Außenwelt schützt. Die Brutkästen sorgen auch für die richtige Menge an Feuchtigkeit in der Luft. Wenn Babys sehr früh geboren werden, ist die Hautbarriere, die vor Dehydration schützt, noch nicht voll ausgebildet.

Eine enorme Menge an Technologie, menschlichem Wissen und Engagement wird in die wenigen investiert, die diese Plexiglasgehäuse bewohnen. Krankenschwestern, Ärzte und Familienmitglieder führen gemeinsam einen unaufhörlichen Kampf, um die Babys am Leben zu halten und zum Wachsen und Gedeihen zu ermutigen.

Man gewöhnt sich nie wirklich an die Geräusche der Geräte auf einer Neugeborenen-Intensivstation. Die Ventilatoren brummen, die Monitore summen und gelegentlich sind so laute Alarmsignale zu hören, dass dies selbst bei den abgebrühtesten Mitgliedern des medizinischen Personals für Verwirrung sorgt. Und so verwundern die Forschungsergebnisse nicht, die zeigen, dass das Licht- und Geräuschspektakel der modernen Medizin eine negative Auswirkung auf die Gesundheit von Frühchen haben kann (etwas, was Ärzte heutzutage zu verringern versuchen).6 Bei meiner Einführung in die Arbeit auf der Neugeborenen-Intensivstation – zuerst als Student und dann als Arzt – war mir keine Schonzeit vergönnt und die erste Zeit war sehr hart. Ich schwankte ständig zwischen reiner Ehrfurcht und purem Entsetzen, wobei oft beide Emotionen schnell aufeinanderfolgten – und manchmal gleichzeitig auftraten.

Meistens heißt es jedoch: viel warten. Trotz all der medizinischen Fortschritte, die wir im Lauf der Jahre gemacht haben, brauchen diese jungen Körper mehr als alles andere Zeit, um sich voll entwickeln zu können. Sie landen natürlich aus allen möglichen Gründen in einer solchen Intensivstation, doch in den meisten Fällen sind sie dort, weil eine Frühgeburt das Gehirn und die Lunge gefährdet, deren Entwicklung längere Zeit in Anspruch nimmt als die Entwicklung anderer Organe.

Eine der größten Herausforderungen für die jüngsten Frühchen und eine, die über ihre Überlebenschance entscheidet, stellt der Grad der Lungenreife dar.7 Die Lunge von Frühchen muss, lange bevor sie dazu reif ist, mit einer Geschwindigkeit, die mit dem Leben vereinbar ist, Sauerstoff aufnehmen und Kohlendioxid abgeben. Wir sind immer noch nicht sicher, warum einige Babys zu früh zur Welt kommen, aber Gott sei Dank haben wir im Lauf der Zeit verbesserte Maßnahmen entwickelt, um ihre Überlebenschance zu erhöhen.8 Die Körpertemperatur zu regulieren und die Billionen Mikroben in Schach zu halten, die immer Ausschau nach einem leichten Ziel halten, kann sich für einige Frühchen als zu anstrengend erweisen. Es ist ein Wunder, dass diese Babys – der schützenden Hülle des Mutterleibs beraubt, lange bevor sie dazu bereit sind, sich äußeren Herausforderungen zu stellen – überleben können, obwohl sie Monate vor dem Entbindungstermin zur Welt gekommen sind. Aber sie überleben.

Alles Mögliche kann letztlich zum Tod oder Leben eines Frühchens beitragen – vom Gestationsalter (der Schwangerschaftsdauer) bei der Geburt bis hin zu unerwarteten Hindernissen. Und überraschenderweise handelt es sich bei einem der wichtigsten Indikatoren für den potenziellen Erfolg, mit den Widrigkeiten des Lebens fertigzuwerden, um eine ganz einfache Sache, wie ich schon bald herausfinden sollte.

Nachdem ich Jordan und Emily untersucht hatte, führte Rebecca mich durch einen langen Gang und in einen ruhigen Raum, in dem ich einige Zeit mit den Eltern der Zwillinge verbringen konnte. In Krankenhäusern fehlen oft Räumlichkeiten, in denen besorgte Familienmitglieder ungestört zusammenkommen und mit jemandem reden können. Wir hatten das Glück, über einen solchen Raum zu verfügen.

Ich setzte mich mit Sandra und Thomas zusammen, um über unseren Behandlungsplan für ihre Zwillinge zu sprechen, doch es dauerte nicht lange, bis sie mir von ihrer Reise zur Elternschaft erzählten. Nach vielen gescheiterten Versuchen, zahlreichen Hormonkuren und sogar einer In-vitro-Fertilisation hatten sie es fast schon aufgegeben, eigene Kinder zu haben.

Und dann passierte es plötzlich. Überglücklich stellten sie fest, dass Sandra schwanger war, versuchten aber, zunächst nicht zu enthusiastisch zu werden, weil sie aus eigener Erfahrung wussten, wie schnell aus guten Nachrichten schlechte werden können. Doch im Laufe der Zeit erlaubten sie es sich allmählich, daran zu glauben, dass diese Schwangerschaft vielleicht tatsächlich zum Glück führen würde. Als das Ultraschallbild zeigte, dass Sandra und Thomas nicht nur ein Kind, sondern zwei Kinder bekommen würden, schien ihr Traum von einer Familie endlich wahr zu werden.

Und gerade als sie es wagten, einmal tief durchzuatmen, gab es wieder Probleme. Statt sich weiterhin vorzustellen, wie es wohl sein würde, wenn zwei kleine Kinder Leben in ihre ruhige Wohnung in Brooklyn bringen würden, hofften und beteten sie nun, dass ihre Zwillinge überlebten.

Rebecca ließ mich eines Nachts ausrufen, weil sie mit Jordans Aussehen gar nicht zufrieden war. Ihre jahrelange Erfahrung hatte sie gelehrt, dass sie ihren Instinkten fast immer vertrauen konnte. Da ich die Zwillinge seit ihrer Aufnahme auf der Intensivstation betreut hatte, bestürzte mich Rebeccas Nachricht. Nach zwei Wochen auf der Neugeborenen-Intensivstation hatten Emily und Jordan zwar glücklicherweise begonnen, selbstständig zu atmen, doch ich wusste, dass sie noch nicht über dem Berg waren.

Auf dem Weg zu Jordans Brutkasten gab ich darauf acht, dass ich mich nicht in all den Drähten verfing, mit denen Jordan an die Maschinen angeschlossen war, die ihm halfen. Rebecca, die sich, so wie auch ich es vor dem Betreten der Intensivstation jedes Mal tat, routinemäßig die Hände gewaschen, Kittel und Handschuhe angezogen und den Mundschutz angelegt hatte, trat zu mir an das Krankenbett. Wir wussten beide, dass die Lage bei so jungen Patienten heikel werden konnte. Rebecca warnte mich, dass ich mich in Jordans Fall auf das Schlimmste vorbereiten solle. Und sie hatte recht. Zwölf Stunden später starb der Junge.

Ein paar Jahre später begegnete ich Rebecca zufällig in der Krankenhauscafeteria. Ich arbeitete inzwischen in einer anderen Einrichtung und war gekommen, um einen Vortrag zu halten. Nach ihren vielen aufopferungsvollen Dienstjahren bereitete sie sich darauf vor, Ende des Monats in Rente zu gehen, und freute sich, mehr Zeit mit ihren sieben Enkeln und zwei Urenkeln verbringen zu können. Ich erzählte ihr, dass ich die Erfahrung mit ihr in jener Nacht auf der Neugeborenen-Intensivstation noch immer sehr frisch in Erinnerung hatte.

»Ja, sie verlassen einen nie«, sagte sie. »Ich erinnere mich noch an all ihre Gesichter.« Sie griff nach ihrem Kaffee, um einen Schluck zu trinken.

»Da ist etwas, was ich Sie schon immer fragen wollte«, sagte ich. »In dieser Nacht auf der Intensivstation – woher wussten Sie da, was mit Jordan geschehen würde? Was hat Sie glauben lassen, dass er es wahrscheinlich nicht schaffen würde?«

»Ich weiß es nicht genau – aber wenn man diesen Job so lange macht, entwickelt man ein Gefühl für die Dinge. Und bei so vielem von dem, was wir tun, handelt es sich um Ermessensentscheidungen. Manchmal ist es sogar etwas, was die Laborergebnisse oder die Tests einem anfangs gar nicht zeigen. Vielleicht ist es einfach nur Intuition. Aber eines ist sicher: Auf der Neugeborenen-Intensivstation ist es für Jungen immer sehr viel schwerer als für Mädchen. Und ich vermute, dass dies nicht nur auf die Neugeborenenstation zutrifft … Ich habe meinen Mann schon vor zwölf Jahren verloren und auch die meisten meiner Freundinnen sind Witwen.«

Ich schwieg, während ich über Rebeccas Worte nachdachte. Unwillkürlich musste ich an meine Großmutter und an den Männermangel am anderen Ende unserer Lebensspanne denken. Es war, als füge sich in diesem Moment alles zusammen, was ich je erforscht und in meiner Eigenschaft als Arzt erfahren hatte, und als bilde sich aus dem Nebel von Jahren des Studiums eine klare Frage heraus.

»Man hat mich immer gelehrt, Männer seien das stärkere Geschlecht, aber das widerspricht dem, was ich bisher gesehen habe, sowohl im Rahmen meiner klinischen Praxis als auch meiner genetischen Forschung. Warum also scheinen Männer tatsächlich das schwächere Geschlecht zu sein?«, fragte ich.

»Vielleicht stellen Sie einfach nicht die richtige Frage«, meinte sie nachdenklich und rührte in ihrer Kaffeetasse herum. »Statt über die Schwäche der Männer nachzudenken, sollten Sie vielleicht die Frage stellen: Was macht Frauen stärker?«

Die Antwort auf Rebeccas Frage erhielt ich sechs Jahre später. Es war ein wunderschöner Sommertag – perfekt für eine Fahrt zum Strand. Nach einem sehr langen Winter und einem sehr feuchten Frühling war endlich die Sonne da. Meine Frau Emma und ich freuten uns auf ein paar ruhige Stunden nur für uns, und da ich an diesem Tag keinen Bereitschaftsdienst hatte, schaltete ich sogar mein Telefon aus. Das Letzte, woran ich mich erinnere, ist, dass ich nach ihrer Hand griff und sie hielt, während wir auf einer fast leeren Straße in Richtung Westen fuhren und den Song mitsangen, zu dem wir zum ersten Mal miteinander getanzt hatten: Leonard Cohens »Dance Me to the End of Love«.

Zeugen sagten später, dass jemand, der eine rote Ampel überfahren und mit über 70 Stundenkilometern auf uns zugerast sei, uns mit voller Wucht getroffen habe. Unser Auto überschlug sich zweimal. Der Aufprall war heftig, das Autodach wurde eingedrückt und keiner der Airbags wurde ausgelöst. Da unser Auto so stark beschädigt war, bereiteten sich die Ersthelfer auf das Schlimmste vor. Doch wir hatten unwahrscheinliches Glück. Wir hatten beide nur einige Prellungen und ein paar blutende Wunden von dem Hartglas, das zerplatzt und auf uns herabgeregnet war, als das Auto sich überschlug. Angesichts der Schwere des Unfalls waren unsere Verletzungen ziemlich gering; außerdem waren sie sich sehr ähnlich – wobei Emmas Verletzungen jedoch ein bisschen schwerer waren. Und wissen Sie, was ich dachte, als ich mich, ein Rettungskorsett mit Gurten an meinem Körper fixiert, hinten im Rettungswagen auf dem Weg zum Krankenhaus befand? Ich dachte daran, wie dankbar ich war, dass Emma ein genetisch weibliches Individuum mit zwei X-Chromosomen war.

Ich dachte zurück an meine Begegnung mit Rebecca, bei der sie mir vorgeschlagen hatte, mich zu fragen, warum Frauen sowohl am Anfang als auch am Ende des Lebens stärker sind. Aus meiner klinischen Arbeit und Forschung wusste ich, dass meine Frau sich wahrscheinlich besser und schneller erholen würde als ich, selbst wenn wir die gleichen Verletzungen hatten.9 Ihre Wunden würden schneller heilen und das Risiko nachfolgender Infektionen wäre aufgrund ihres stärkeren Immunsystems geringer. Insgesamt war ihre Prognose mit hoher Wahrscheinlichkeit besser als meine. Dies lag daran, dass ihrem Körper zwei X-Chromosomen zur Verfügung standen, meinem hingegen nur eins.10 Der grundlegende chromosomale Unterschied zwischen den Geschlechtern besteht darin, dass die Zellen aller genetisch weiblichen Individuen zwei X-Chromosomen und die Zellen genetisch männlicher Individuen ein X-Chromosom und ein Y-Chromosom haben.[2] Wenn es darum geht, mit dem Trauma des Lebens fertigzuwerden, haben genetisch weibliche Individuen Alternativen, genetisch männliche Individuen nicht.

Unsere beiden Geschlechtschromosomen erhalten wir von unseren leiblichen Eltern, bevor wir geboren werden. Die genetische Überlegenheit meiner Frau bestand schon lange, bevor wir uns kennenlernten. Schon in der 20. Woche im Mutterleib hatte sie mir gegenüber einen Überlebensvorteil – einer, der zu jedem Zeitpunkt unserer Lebenszyklen vorhanden sein wird. Das gilt sogar, wenn wir andere, durch den Lebensstil oder das Verhalten bedingte Risikofaktoren wie Berufsrisiken und Selbstmord berücksichtigen. Schon von Anfang an steht fest, dass sie wahrscheinlich länger leben wird als ich, egal was das Leben für uns bereithält.

Und meine Frau gewinnt nicht nur, wenn es um die Lebensdauer geht. Ihr Risiko, dass Krebs in Organen auftritt, die wir beide haben, ist geringer als meines. Und falls sie Krebs bekommt, hat sie bessere Überlebenschancen, denn die Forschung zeigt, dass Frauen besser auf Behandlungen reagieren als Männer. Natürlich erkranken mehr Frauen an Brustkrebs, doch insgesamt sterben pro Jahr mehr Männer an Krebs als Frauen.

Der Preis, den Frauen dafür zu bezahlen scheinen, ein aggressiveres Immunsystem zu haben, eines, das eindringende Mikroben und bösartige Zellen besser bekämpfen kann, ist, dass sie – immunologisch gesprochen – selbstkritisch sind. Das weibliche Immunsystem greift viel eher den eigenen Körper an, was etwa bei Krankheiten wie Lupus und multipler Sklerose der Fall ist.11 Der einzige Vorteil, den ich habe, ist also das geringere Risiko, eine Autoimmunkrankheit zu entwickeln. Ich wusste in jener Nacht, als wir zum Krankenhaus rasten, dass die Zellen meiner Frau sich bereits teilten und einen Prozess der zellulären Selektion durchliefen, um mit den Mikroben fertigzuwerden, die bei dem Aufprall wahrscheinlich in ihren Körper eingedrungen waren. Sie hatten bereits begonnen, sich ihrer kollektiven genetischen Weisheit zu bedienen, um Reparaturarbeiten an ihrem Gewebe vorzunehmen. Und in jedem Bereich ihres Körpers würden die Zellen – ob ihre Leukozyten, die Teil ihres Immunsystems sind, oder die Epithelzellen, die ihre Haut bilden – einen flexiblen genetischen Selektionsprozess durchlaufen. Mein Körper, der aus Zellen besteht, die genetisch identisch sind, hatte diese Möglichkeit nicht.

Obwohl jedes genetisch weibliche Individuum in jeder seiner Zellen zwei X-Chromosomen hat, kann jeweils nur eines dieser Chromosomen genutzt werden. Die Zellen meiner Frau nutzen entweder das von ihrem Vater oder das von ihrer Mutter geerbte X-Chromosom. Meinen Zellen ist dieser Luxus nicht vergönnt. Jede meiner Zellen muss sich des gleichen X-Chromosoms bedienen, nämlich desjenigen, das ich von meiner Mutter geerbt habe, während mein Y-Chromosom nach unserem Unfall nichts anderes tun konnte, als dazusitzen und zuzuschauen.

Die Fähigkeit, von unterschiedlichen X-Chromosomen Gebrauch machen zu können, ist einer der Hauptgründe für die genetische Überlegenheit meiner Frau. Während sich unser Zimmer mit Gute-Besserung-Ballons füllte, nutzten die Zellen in ihrem Körper unterschiedliche Xe und fuhren fort, sich schnell zu teilen. Bestand zunächst eine 50-50-Aufteilung zwischen den Zellen, die das von ihrer Mutter beziehungsweise das von ihrem Vater geerbte X nutzten, wurde nun schnell jeweils das X genutzt, das zufällig den erforderlichen Job effektiver erledigte.12 Noch vor dem Eintreffen der Notfallhelfer teilten sich mehr von diesen weißen Blutzellen und zogen ein X dem anderen vor. Und um mit der Herausforderung des Heilens fertigzuwerden, fand derselbe zelluläre Wettbewerb, nur das beste X für den Job zu wählen, wahrscheinlich auch überall sonst in ihrem Körper statt. Hätten Sie in mein Blut hineingeschaut und erwartet, dasselbe vorzufinden, wären Sie enttäuscht gewesen.

Zwei X-Chromosomen nutzen zu können, gewährt Frauen genetisch verschiedene Möglichkeiten. Und die Fähigkeit, sich auf dieses vielfältige genetische Wissen verlassen zu können, ist der Grund dafür, dass Frauen die Oberhand haben. Ob es um das Überleben eines kleinen Mädchens auf einer Neugeborenen-Intensivstation geht, um die Fähigkeit einer Frau, Infektionen zu bekämpfen, oder um das verminderte Risiko eines genetisch weiblichen Individuums, eine X-chromosomale geistige Behinderung zu haben – es läuft alles auf die einfache Tatsache hinaus, dass Frauen ein Maß an genetischer Flexibilität haben, das Männern fehlt.

Obwohl wir derselben Spezies angehören und mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede haben, gibt es einen entscheidenden Grund dafür, dass Frauen genetisch besser ausgestattet sind. Unsere Lebensgrundlage hängt seit Millionen von Jahren davon ab. Genetisch das stärkere Geschlecht zu sein, ermöglicht es Frauen, lange genug am Leben zu bleiben, um das Überleben unserer Nachkommen zu sichern – was wiederum unser aller Überleben bedeutet.

Meine ursprüngliche genetische Forschung, meine klinischen Entdeckungen, meine Lebenserfahrungen, die bahnbrechende Arbeit meiner Kollegen und die Forschungsergebnisse wegbereitender Wissenschaftler, die die Lehren ihrer Zeit infrage stellten, haben in dieser unleugbaren Erkenntnis gegipfelt: Frauen sind das stärkere Geschlecht.

In Das stärkere Geschlecht werde ich die wichtigsten Herausforderungen erforschen, denen wir uns im Verlauf unseres Lebens gegenübersehen, und zeigen, wie Frauen sie meistern und dabei die Männer hinter sich lassen, wenn es um Lebensdauer, Widerstandskraft, Intellekt und Durchhaltevermögen geht. Ich werde darlegen, dass die Medizin und fast alle anderen Wissenschaften diese Tatsache ignoriert haben.

An der medizinischen Hochschule lernte ich, dass Patientinnen häufiger Nebenwirkungen der ihnen verschriebenen Medikamente melden würden. Man lehrte mich auch, dass der Grund hierfür wahrscheinlich ein verhaltensbezogener sei – dass Frauen Probleme einfach eher äußern und im Allgemeinen öfter zum Arzt gehen würden als Männer.

Aber wenn es sich nur um einen Melde-Bias handelt, warum haben dann so viele Frauen schwere Nebenwirkungen, die eine medizinische Intervention erfordern? Ein Bericht des U.S. General Accounting Office über zehn vom Markt genommene Medikamente offenbarte, dass acht von ihnen zurückgezogen worden waren, weil man festgestellt hatte, dass sie für Frauen gefährlich waren.13 Außerdem wird Frauen häufiger unabsichtlich eine zu hohe Dosis eines Medikaments verabreicht. Obwohl wir aus medizinischer Sicht seit Jahren wissen, dass Frauen empfindlicher gegen chemische Verbindungen wie Alkohol sind, verschreiben wir in der Regel immer noch beiden Geschlechtern exakt die gleichen Medikamente. Das muss sich ändern. Vor fast 20 Jahren veröffentlichte das Institute of Medicine der National Academy of Sciences einen Bericht, in dem es hieß: »Männlich oder weiblich zu sein, ist eine wichtige fundamentale Variable, die berücksichtigt werden sollte.«14 Lassen Sie uns dies also tun. Abgesehen von der Geburtshilfe und der Gynäkologie wurden die unglaublichen Fortschritte der modernen Medizin, von denen wir alle profitieren, fast ausschließlich mittels Forschungen mit männlichen Probanden, männlichen Versuchstieren sowie männlichem Gewebe und männlichen Zellen erzielt. Der Mangel an weiblichen Versuchstieren, weiblichem Gewebe und weiblichen Zellen bei präklinischen Medikamentenversuchen führt dazu, dass die meisten Ärzte aufgrund der dadurch entstandenen Leerstellen schätzen oder im schlimmsten Fall raten müssen, welches die beste Dosis für ihre weiblichen Patienten sein könnte.

Ich erinnere mich, wie naiv ich in Bezug auf die Einbeziehung von Frauen in die Grundlagenforschung und die klinische Forschung war, als ich vor fast 20 Jahren Studien entwarf, um zu testen, wie effektiv ein Antibiotikum, das ich entdeckt hatte, Mikroben töten konnte. Um die Wirkungen des Medikaments weiter zu testen und eine Bestätigung oder Entkräftung meiner Ergebnisse zu erhalten, nahm ich Verbindung mit einem unabhängigen Unternehmen auf, das sich auf derlei Experimente spezialisiert hatte. Während ich die Studien entwarf, die das Unternehmen in meinem Namen durchführen sollte, ging ich davon aus, dass es die gleiche Anzahl an männlichen und weiblichen Mäusen verwenden würde.

Ich irrte mich. Es verwendete nur männliche Mäuse. Wie ich erfuhr, bildete dieses Unternehmen darin keine Ausnahme. Alle anderen taten genau dasselbe. Als ich den Grund wissen wollte, hieß es damals, dass es leichter und billiger sei, männliche Versuchstiere zu verwenden. Interessanterweise können weibliche Mäuse, wie ich herausfinden sollte, ein viel stärkeres Immunsystem haben, was die Ergebnisse eines Experiments, bei dem es darum geht, Infektionen bei beiden Geschlechtern gleichermaßen zu heilen, verkomplizieren kann.

In der Tat haben wir die physischen Fähigkeiten von Frauen nicht richtig verstanden und viel zu lange ihre genetische Stärke unterschätzt. In Das stärkere Geschlecht werde ich aufzeigen, dass sich unsere Wahrnehmung, unsere Gesundheitsfürsorge und unsere Forschungskultur ändern müssen. Die Zukunft der Medizin und unser Überleben als Spezies hängen davon ab.

1. Die Tatsachen des Lebens

Dies ist ein Buch über Entscheidungen. Nicht die bewussten Entscheidungen, die wir täglich treffen, sondern die biologischen, die in jeder Sekunde in jedem einzelnen genetisch weiblichen Individuum vorgenommen werden. Dieses Phänomen beginnt in dem Moment, in dem die Eizelle einer Mutter das Sperma eines Vaters akzeptiert und der Befruchtungsprozess in Gang gesetzt wird.

Die folgenden biologischen Grundlagen sind erforderlich für das Verständnis meiner These. In jeder menschlichen Zelle gibt es insgesamt 46 Chromosomen.1 Zwei davon sind die Geschlechtschromosomen. Hat man ein XX-Paar geerbt, ist man ein genetisch weibliches Individuum, hat man ein XY-Paar geerbt, ein genetisch männliches Individuum.[1]

Wie die Bände einer Enzyklopädie enthalten unsere 23 Chromosomenpaare Gene, welche die genetischen Informationen liefern, die Leben möglich machen. Man nimmt an, dass wir insgesamt rund 20 000 Gene haben, die über unsere 23 Chromosomenpaare verteilt sind. Auch wenn einige unserer Chromosomen mehr Gene enthalten als andere, ist jedes von ihnen gleich bedeutend.

Zumeist sind jedem der 23 Chromosomenpaare Varianten der gleichen Gene gemein, es sei denn, Sie sind ein genetisch männliches Individuum und haben ein X und ein Y geerbt. Das X-Chromosom enthält fast 1000 Gene, das Y-Chromosom nur etwa 70, von denen die meisten an der Spermaproduktion beteiligt sind.[2] Viele Jahre lang hat man geglaubt, eines der Gene auf dem Y-Chromosom sei auch verantwortlich für den Überschuss an Haaren auf den Ohren älter werdender Männer, für den der medizinische Begriff »aurikuläre Hypertrichose« lautet. Jüngste Studien legen nahe, dass selbst diese unglamouröse Fähigkeit nicht länger ausschließlich dem Y-Chromosom zugeschrieben werden kann. Obwohl wir noch nicht alle wissenschaftlichen Prozesse verstanden haben, die während der Empfängnis stattfinden, sind wir in unserer Evolution als Spezies an einen Punkt gelangt, an dem kein Geschlechtsverkehr mehr nötig ist, um ein Baby in die Welt zu setzen. Wir sind auf dem besten Weg, die Kunst der manipulativen Empfängnis zu beherrschen. Einst der Stoff von Science-Fiction, sind Techniken der assistierten Reproduktion – mit deren Hilfe menschliche Eizellen außerhalb des Körpers unter extrem sterilen Laborbedingungen befruchtet werden können – heutzutage Routine.2 Aber wir sind noch zu weitaus mehr in der Lage. Wir können mit dem genetischen und zellulären Material von drei verschiedenen Eltern ein Kind erzeugen und sogar unsere eigene DNA bearbeiten. Dennoch, der sogenannte »natürliche« Prozess ist alles andere als einfach. Rund 500 Millionen Spermien treten die Reise zur Eizelle an und schwimmen mit beachtlicher Geschwindigkeit den Fortpflanzungstrakt der Mutter hoch. Sie bewegen sich durch ihren Gebärmutterhals und ihren Uterus und landen schließlich in einem ihrer beiden Eileiter. Dort treffen sie auf eine Eizelle. Und ob das einzelne Spermium, das sich erfolgreich den Weg durch die äußeren Schichten der Eizelle bahnt, ein X- oder ein Y-Chromosom trägt, ist ausschlaggebend für den genetischen Prozess, der Ihr biologisches Schicksal bestimmen wird. Alles – von Ihrem Risiko, im Lauf Ihres Lebens Krebs oder ein neurologisches Leiden wie die Alzheimerkrankheit zu bekommen, bis hin zu Ihrer Fähigkeit, Virusinfektionen abzuwehren – entscheidet sich genau in diesem Moment, und zwar abhängig von dem Chromosomensatz, den Sie geerbt haben: XX oder XY.

Ihr biologisches Geschlecht ist nicht immer identisch mit Ihrem Gender.3 Ihr Gender hängt nicht von Ihren Geschlechtschromosomen ab, sondern vielmehr davon, wie Sie sich selbst wahrnehmen, ob als männlich oder weiblich oder irgendetwas dazwischen oder jenseits davon. Gender beinhaltet das Selbstbild und die Selbstidentifikation eines Individuums wie auch die Rolle, die es in der Gesellschaft annehmen mag. Das Gender wird Kindern oft abhängig von ihren Geschlechtschromosomen und ihren äußeren Genitalien bei der Geburt zugewiesen. Dies kann sogar schon lange vor der Geburt erfolgen, zum Beispiel nach der Erstellung eines Ultraschallbilds oder mithilfe eines Tests der fetalen DNA im Blut der Mutter. Ihr Gender können Sie verändern, doch wenn es um die Geschlechtschromosomen und ihren immensen Einfluss auf unser Leben geht, haben wir keine Wahl. Wir können es uns nicht aussuchen, ob wir ein Y-Chromosom oder zwei X-Chromosomen oder irgendeine Kombination von beidem erben.

Was die Geschlechtsdifferenzierung beim Menschen angeht, können innerhalb der Gene genetische Variationen auftreten, die den Verlauf der körperlichen Entwicklung verändern. Das SRY-Gen, das nur auf dem Y-Chromosom zu finden ist, spielt eine entscheidende Rolle bei der Geschlechtsdifferenzierung, da es den Prozess in Gang setzt, die bipotentialen Geschlechtsdrüsen in den Föten in Hoden umzuwandeln, die dann Testosteron absondern. Diese durch das SRY-Gen getriggerte zelluläre Entwicklung hat auch die Entwicklung der männlichen äußeren Geschlechtsorgane zur Folge. Doch wenn die Zellen einer Person mit einem X- und einem Y-Chromosom in sehr seltenen Fällen nicht auf Testosteron reagieren können, dann werden sich äußerlich weibliche Merkmale, im Körperinneren jedoch Hoden anstelle von Uterus, Eileitern und Gebärmutterhals entwickeln. Genau das passiert im Fall der kompletten Androgenresistenz, einem genetischen Leiden, das von einer ererbten Mutation im Androgenrezeptor-Gen (AR-Gen) herrührt. Die meisten Betroffenen merken erst, dass sie eine komplette Androgenresistenz haben, wenn die Pubertät beginnt und sie nicht menstruieren.

In seltenen Fällen kann sich ein Baby mit zwei X-Chromosomen körperlich in die männliche Richtung entwickeln.4 Dies kann passieren, wenn zusammen mit den beiden X-Chromosomen ein kleiner Teil des Y-Chromosoms, welches das SRY-Gen beherbergt, geerbt wird. Es ist zwar ungewöhnlich, aber möglich, dass ein Kind sich auch ohne das SRY-Gen oder irgendeinen Teil des Y-Chromosoms äußerlich und innerlich als Mann entwickelt. Ich war an der Entdeckung eines außergewöhnlich seltenen alternativen Verlaufs der Geschlechtsentwicklung bei einem Jungen namens Ethan beteiligt, der mit zwei X-Chromosomen und ohne SRY-Gen oder irgendwelche anderen genetischen Faktoren, die eine Geschlechtsumkehr bewirken, als biologischer Mann geboren wurde – etwas, von dem man glaubte, dass es genetisch nicht möglich sei. Wir fanden heraus, dass bei Ethan eine Duplikation des Gens SOX3 vorlag, wodurch in diesem Fall ein genetisch weibliches Individuum mit zwei X-Chromosomen in ein physisch männliches verwandelt wurde. Das SOX3-Gen wird für den genetischen Vorläufer des SRY-Gens gehalten und sie spielen beide eine entscheidende Rolle bei der Geschlechtsdifferenzierung. Die Geschlechtsentwicklung des Menschen ist komplex. Selbst heute noch versuchen Genetiker und Entwicklungsbiologen die scheinbar endlosen Möglichkeiten der Geschlechtsdifferenzierung zu klären. Allerdings wissen wir mit Bestimmtheit, dass das chromosomale Geschlecht und die auf ihm basierenden Unterschiede biologischer Natur sind. Der Grund dafür ist folgender: Die Eizellen von Frauen enthalten nur ein X-Chromosom, weswegen das männliche Sperma über das biologische Geschlecht eines Kindes entscheidet. Wenn ein Spermium Träger des Y-Chromosoms ist, wird sich in der Regel ein genetischer Junge entwickeln. Und alle Zellen im Körper dieses Jungen werden dasselbe identische X-Chromosom nutzen müssen – dasjenige, das er von seiner Mutter geerbt hat. Ist dieses Spermium hingegen Träger des X-Chromosoms, wird sich die befruchtete Eizelle auf einem vorprogrammierten genetischen Pfad zu einem genetischen Mädchen entwickeln.

Während des größten Teils der menschlichen Geschichte wussten wir einfach nicht, wie das Geschlecht eines Kindes determiniert wird – zumindest hatten wir nicht die Tools, um mit wissenschaftlicher Sicherheit beweisen zu können, wie die Geschlechtsdifferenzierung erfolgt. Es gab viele Theorien, und angesehene Mitglieder vieler Kulturen verließen sich auf Zeichen der Götter oder auf ausgeklügelte Mondkalender. In Indien vertrauen manche Menschen in dem Versuch, die Geburt eines Jungen sicherzustellen, weiterhin auf alte ayurvedische Heilmittel. Einige gläubige Frauen haben mir sogar erzählt, dass man sie ermutigt habe, sich beim Sex auf Bilder von Heiligen zu konzentrieren, um die Wahrscheinlichkeit zu maximieren, einen frommen Sohn zu empfangen.

Historisch trieb der Wunsch nach einem männlichen Erben (vor allem in einer patriarchalischen Gesellschaft, in der gesellschaftliche Ränge und Besitz ausschließlich über die männliche Linie weitervererbt wurden) die Menschen dazu, fast alles zu versuchen, um das Ergebnis zugunsten von XY zu beeinflussen.5 Vor über 2000 Jahren richtete Aristoteles seine Aufmerksamkeit auf dieses Problem, wahrscheinlich auf Drängen einiger älterer Gönner, die sicherstellen wollten, dass sie einen männlichen Erben bekamen. Er war bereits von den embryologischen Ursprüngen von Tieren fasziniert und zu einem passionierten Sammler und Sezierer aller Embryonen geworden, die er in die Finger bekommen konnte. Reichlich vorhanden waren angesichts ihrer relativen Größe und leichten Erhältlichkeit vor allem die befruchteten Eier des Haushuhns. Aristoteles dokumentierte seine Forschungsergebnisse in seinem Werk De animalibus, das Mitte des 4. Jahrhunderts vor unserer Zeitrechnung veröffentlicht wurde.6 Darin beschreibt er, gemessen an heutigen wissenschaftlichen Standards, exakt einige der Variationen zu Beginn des Lebens. Er stellte ganz richtig die Theorie auf, dass einige Tiere (wie das Huhn, das er sezierte) aus Eiern schlüpfen, während Säugetiere mit Plazenten durch eine Lebendgeburt auf die Welt kommen und wieder andere wie einige Haie Eier im Mutterleib ausbrüten. Aristoteles gilt als der erste Mensch, der den Zweck der Plazenta und der Nabelschnur herausfand. Doch Aristoteles’ Theorien dazu, wie die männliche und die weibliche Entwicklung voneinander abweichen, haben sich nicht alle bestätigt. Er postulierte zum Beispiel, dass es die Menge an Wärme sei, die der männliche Partner beim Geschlechtsverkehr abgebe, die später über das Geschlecht des Kindes entscheide. Ein gewisses Maß an Wärme galt als notwendige energetische Substanz für die Entwicklung aller Babys. Je mehr Wärme dem Embryo durch den Vater bereitgestellt wurde, desto eher entwickelte sich dieser später zu einem Jungen. Nicht genug Wärme, und aus dem Embryo wurde ein Mädchen. Frauen waren schließlich halbgare Männer, wie die Herrschenden jener Zeit glaubten. Je größer die Wärme des durch die Leidenschaft entfachten Feuers, desto wahrscheinlicher war es, dass eine Frau einen Jungen gebar.

Was also sollte man tun, wenn die Leidenschaft einfach nicht groß genug oder der Mann vielleicht zu alt war, um wirklich erregt zu werden, aber dennoch einen männlichen Erben produzieren wollte? Aristoteles’ Lösung war einfach: Das Paar sollte versuchen, während der wärmeren Monate des Jahres ein Kind zu zeugen, wobei der Sommer natürlich ideal war. Bevor wir dies als reine Quacksalberei abtun: Aristoteles war tatsächlich einer Sache auf der Spur, als er dachte, dass die »Wärme« bei der Geschlechtsdetermination eines Kindes eine Rolle spiele. Nur nicht beim Menschen.

Bei einigen Wirbeltieren wie Alligatoren, Schildkröten und manchen Echsen kann die Bruttemperatur das Geschlecht beeinflussen. Höhere Temperaturen können bei Alligatoren und bei dem lebenden fossilen Tuatara (Brückenechse), einem in Neuseeland heimischen Reptil, eine Entwicklung zum Männchen begünstigen. Doch bei vielen anderen Wirbeltierarten wie der Europäischen Sumpfschildkröte und der Maurischen Landschildkröte führen höhere Temperaturen während der Brutzeit zur Entwicklung von Weibchen.

Die Vorstellung, sich einen Jungen »backen« zu können, hielt sich lange und wurde sogar von der frühen christlichen Kirche übernommen. Es ist schwer zu glauben, aber es gibt immer noch Menschen, die denken, dass es die Wahrscheinlichkeit erhöht, einen Jungen zu bekommen, wenn die Frau viel Wärme ausgesetzt wird – nicht nur während der Empfängnis, sondern auch während der Schwangerschaft.

Ich hörte erstmals von dem Glauben an Wärme während der Schwangerschaft von einer schwangeren Patientin namens Anna. Da sie bereits drei Mädchen zu Hause hatte und ihr Partner der einzige Sohn in seiner Familie war, machte Anna sich Hoffnungen, dass ihr viertes Kind ein Junge sein würde.

Als ich sie kennenlernte, erzählte sie mir, dass sie die Schwangerschaft nicht sonderlich genieße. Anna stand unter gewaltigem Druck. Ihre Schwiegermutter glaubte fest daran, dass mehr Wärme einen Jungen produzieren würde, und besorgte ihrer Schwiegertochter ein ayurvedisches Mittel, mit dessen Hilfe deren Körpertemperatur erhöht werden sollte.

Leider passen eine Schwangerschaft und viele dieser Phytopharmaka einfach nicht zusammen, selbst wenn die Tinkturen und Tees nicht synthetisch hergestellt wurden.7 Anna brachte sechs Monate später tatsächlich einen Jungen zur Welt. Er hatte mehrere angeborene Fehlbildungen, die höchstwahrscheinlich durch die teratogenen Wirkungen des Elixiers, das Anna getrunken hatte, verursacht worden waren. Mehr als 1000 Jahre nach Aristoteles hatte die medizinische Wissenschaft (die fast ausschließlich von Männern angeführt wurde) zwar ihr Verständnis von zahlreichen wichtigen Phänomenen verbessert – von der Beschreibung des Blutkreislaufs durch den britischen Arzt William Harvey im 17. Jahrhundert bis zu Edward Jenners früher Verwendung eines Impfstoffs gegen Pocken im 18. Jahrhundert und sogar der Entdeckung und Verwendung der Röntgenbildgebung durch den Nobelpreisträger Conrad Röntgen im 19. Jahrhundert –, doch es gab immer noch keinen wissenschaftlichen Konsens darüber, wie die Geschlechtsdetermination erfolgte. Tatsächlich wurde der größte Teil der genetischen Geschichte des Menschen (sowohl die der Frau als auch die des Mannes) von Männern geschrieben, was meiner Ansicht nach einen negativen Einfluss auf die Art und Weise hatte, wie wir aus medizinischer Sicht beide Geschlechter behandeln.

Doch im 20. Jahrhundert nahm unser Verständnis von der chromosomalen Grundlage der Geschlechtsdetermination schließlich Gestalt an, und zwar als Ergebnis der Entdeckungen von Pionierarbeit leistenden Forscherinnen. Eine von ihnen war Nettie Stevens.8 Als Stevens die Chromosomen des Mehlwurms untersuchte, entdeckte sie, was anderen so lange entgangen war: Sowohl die Weibchen als auch die Männchen dieser Spezies hatten 20 Chromosomen (wie Sie sich erinnern werden, haben Menschen demgegenüber insgesamt 46 Chromosomen). Doch bei den männlichen Tieren war eins der 20 Chromosomen viel kleiner als die anderen. Stevens hatte das Y-Chromosom entdeckt.

In ihrem bahnbrechenden Aufsatz von 1905 postulierte und beschrieb Stevens die chromosomale Geschlechtsdetermination. Zum ersten Mal wurde hier dargelegt, dass weibliche Individuen einen XX-Geschlechtschromosomensatz haben, männliche Individuen hingegen einen XY-Satz. Stevens vermutete, dass eben dieser Unterschied für die einzigartigen Entwicklungspfade der beiden Geschlechter verantwortlich war.

Während meiner Zeit am College erfuhr ich nie etwas von Stevens. Es hieß, wir würden unser Verständnis der Geschlechtschromosomen jemand anderem verdanken: Edmund Beecher Wilson, einem Zeitgenossen von Stevens und angesehenen Genetiker, der als der Erfinder des Konzepts der chromosomalen Geschlechtsdetermination gefeiert wurde. Mein Lehrbuch erwähnte jedoch nicht, dass Beecher Zugang zu Stevens Forschungsergebnissen gehabt hatte, bevor diese veröffentlicht wurden. Und dann wurde sein Aufsatz (jetzt mit ähnlichen Ergebnissen wie denen von Stevens) im August 1905 eiligst im Journal of Experimental Zoology veröffentlicht, einer Fachzeitschrift, zu deren Redaktionsleitung Beecher ganz zufällig gehörte.

Eine andere Wissenschaftlerin, der nicht immer Gerechtigkeit widerfährt, ist die britische Genetikerin Mary F. Lyon.9 Ihre Forschung war von entscheidender Bedeutung und verdient während unserer kurzen Einführung Beachtung. Lyon erschütterte die Welt der Genetik, als sie 1961 einen Aufsatz in der Fachzeitschrift Nature