Das Tal. Das Spiel - Krystyna Kuhn - E-Book

Das Tal. Das Spiel E-Book

Krystyna Kuhn

4,4
6,66 €

Beschreibung

Mitten in den kanadischen Wäldern liegt das berühmte Grace-College, Ausbildungsschmiede für Hochbegabte. Doch seltsame Dinge gehen in dem abgeschlossenen Tal vor sich: Warum ist der Ort nicht auf Google Earth zu finden? Was hat es mit der Gruppe Jugendlicher auf sich, die Mitte der 70er in den Bergen verschwanden? Julia und ihre Clique sind ahnungslos, als sie ihr erstes College-Jahr beginnen. Doch sie werden bald herausfinden, dass im Tal nichts ist, wie es scheint. Und dass sie alle nicht ganz zufällig an diesem Ort sind.

Eine hippe Einweihungsparty im Bootshaus: So feiern die Freshmen ihre Ankunft im Grace College. Doch dann beobachtet der stille Robert das Unfassbare: Ein Mädchen läuft in tiefer Nacht in den See. Sie wird von einem merkwürdigen Strudel erfasst und ertrinkt. Robert versucht zu helfen - doch er hat keine Chance. Am nächsten Morgen glaubt ihm niemand seine Geschichte, obwohl tatsächlich ein Mädchen spurlos verschwunden ist. Aber Angela kann nicht in den See gelaufen sein. Denn Angela sitzt seit ihrer Geburt im Rollstuhl.

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EPUB

Seitenzahl: 364

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Krystyna Kuhn

DAS TAL – Season 1

___________________

Das Spiel

Band 1 der Serie

Thriller

Für Christiane & Christiane

Veröffentlicht als E-Book 2010

© 2010 Arena Verlag GmbH, Würzburg

Alle Rechte vorbehalten

Covergestaltung: Frauke Schneider

ISBN 978-3-401-80022-6

www.arena-verlag.de

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Inhaltsverzeichnis

 

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Epilog

Kapitel 1

In einer Höhe von knapp zweitausend Metern wurde Julia vom Quietschen der Bremsen aus dem Halbschlaf gerissen. Der voll beladene Geländewagen schien bei jeder neuen Kurve laut aufzustöhnen. Kein Wunder. Der Landrover quälte sich bereits seit über einer Stunde die steilen Serpentinen hoch. Er war ganz offensichtlich nicht mehr der Jüngste.

Der Letzte macht das Licht aus!

Mum hatte das immer gesagt, wenn sie das Haus verließen. Tatsächlich schien es Julia, als hätte jemand, gleich nachdem sie Fields verlassen hatten – ein gottverlassenes kleines Kaff in den Rocky Mountains – tatsächlich die Sonne ausgeknipst.

Julia starrte durch das staubige Seitenfenster. Von der Straße, die sich vor ihnen den Berg hinaufschlängelte, war nur ein schmales Stück zu sehen – der graue Asphalt glänzte nass unter dem trüben Licht der Autoscheinwerfer. Hoch über ihnen zeichneten sich die Silhouetten der Nadelbäume ab, die links und rechts die Straße säumten.

Julia hatte noch nie so hohe Bäume gesehen, ihre Spitzen ragten drohend in den dunklen Himmel und gaben nur einen schmalen Blick auf die Sterne frei. Es war ein unheimliches Begrüßungskomitee, das lediglich aus einem einzigen Grund hier stand: das Tal vor Eindringlingen zu schützen.

Eindringlingen wie Julia?

Oder waren die Raubvögel gemeint, die über den Bäumen kreisten, bereit, aufeinander loszugehen oder sich auf das Auto zu stürzen, das die Ruhe in ihrem Jagdgebiet störte?

Die Scheinwerfer des Wagens ließen ein Schild am Wegrand kurz aufleuchten.

Achtung, Steinschlag!

Kurz darauf lichtete sich der Wald zu ihrer Linken. Ein steiler Felsen ragte in die Höhe und versperrte für einen Moment die Sicht auf den weiteren Verlauf der Straße. Es sah aus, als führen sie direkt auf die steil aufragende Steinwand zu. Der Landrover legte sich in die Kurve, bevor er eine Brücke überquerte, die gleich hinter der Wand über eine senkrecht abfallende Schlucht führte. Julias Körper wurde in den Sitz gedrückt, während der Wagen über den schwankenden Untergrund rumpelte, offenbar Holzbohlen. Roberts Kopf vor ihr stieß gegen die Nackenstütze des Beifahrersitzes, doch Julias Bruder wachte nicht auf.

Verdammt, ihr Bein war eingeschlafen, ja es fühlte sich an, als sei es nicht mehr vorhanden. Sie bewegte es prüfend und stieß gegen etwas Weiches. Die überdimensionale schwarze Dogge zu ihren Füßen starrte ihr entgegen. Selbst im Dunkeln ahnte sie die aggressiven Augen des Hundes. Sein Name war Ike und Ike knurrte leise.

»Sorry«, flüsterte sie ihm zu, um ihn zu beschwichtigen.

Julia war kein Naturfreak. Sie war in der Großstadt geboren. Aber daran durfte sie nicht denken.

Nicht jetzt.

Nie wieder.

Julia Frost und ihr ein Jahr jüngerer Bruder Robert waren seit über zwei Tagen auf dem Weg zum Grace-College, das in dem gleichnamigen Hochtal in den Rocky Mountains lag. Sie hatten einige Umwege genommen, waren nicht direkt nach Calgary, sondern zunächst nach New York und anschließend weiter nach Seattle geflogen. Hier erst waren sie in die Maschine nach Calgary gestiegen. Von dort aus ging es weiter nach Banff und Lake Louise, einem der bekanntesten Orte in den Rockies, wo sie eine winzige Propellermaschine erwartete, um sie in den Yoho-Nationalpark zu bringen.

Julia schloss die Augen. Noch immer hatte sie das Gefühl, dass das alles ein Traum war. Vielleicht passierte das ja auch in einer der Parallelwelten, von denen Robert unablässig sprach. Immer dieser nachdenkliche Blick hinter den runden Rändern seiner Brille, die er auf dem Flohmarkt entdeckt hatte und mit der er so ernsthaft wirkte, als handele es sich bei ihm um den jüngsten Nobelpreisträger aller Zeiten: Robert Frost, der internationale Spezialist für exterrestrische Erscheinungen.

Mitten in der Zeile I don’t know where else I can go verabschiedete sich Julias iPod. Ein Blick aufs Display zeigte: Der Akku hatte seinen Geist aufgegeben,

»Robert?« Sie konnte nur seine Silhouette vor sich erkennen. »Robert, kann ich deinen iPod haben?«

Keine Antwort.

Alex, ihr Fahrer, blickte nach rechts auf den Beifahrersitz auf Julias schlafenden Bruder und grinste. Alex war Seniorstudent am Grace-College, oder auch einfach Grace, wie er sagte, und ihr Studienberater. Am Grace-College, einem Elitecollege für Hochbegabte, war es Tradition, dass die Studenten des vierten Studienjahres die Freshmen aus dem ersten Jahr betreuten. Am Grace wurde viel Wert auf das Miteinander der Studenten gelegt, wie Alex gleich zu Beginn der Fahrt erklärt hatte.

Alex hatte Julia und Robert an dem kleinen Landeplatz in Fields mit einem so strahlenden Lächeln in Empfang genommen, dass Julia sich nach der Tortur der langen Reise zum ersten Mal entspannt hatte. Und auch jetzt, als er einen kurzen amüsierten Blick auf Robert warf, wirkte er sympathisch. Er sah über die rechte Schulter zu ihr nach hinten und zwinkerte ihr gut gelaunt zu.

Fast automatisch erwiderte Julia sein Lächeln. Sie war schließlich ein nettes Mädchen. Everybody’s Darling. Das Mädchen, das mit ihrer Fröhlichkeit für ein harmonisches Miteinander sorgte. So stand es in ihrem letzten Zeugnis: Mit ihrem freundlichen Wesen wirkt sie stets ausgleichend.

»Mann, dein Bruder schläft ja wie ein Stein! Er nimmt doch keine Drogen, oder?«

»Nein!«, entgegnete Julia und fühlte, wie ihr Lächeln gefror. Das fehlte gerade noch, dass man Robert so etwas anhängte, bevor sie überhaupt angekommen waren. Aufmerksamkeit war das Letzte, was sie gebrauchen konnten!

»Keine Panik!« Alex’ Augen erschienen im Rückspiegel. »War doch nur ein Scherz! Glaub mir, ich weiß, wie man sich nach so einer Mammutanreise fühlt! Aber bevor ich im College losgefahren bin, habe ich dafür gesorgt, dass ihr noch ein warmes Essen bekommt. Die Küche am Grace kann man zwar nicht mit einem Sternerestaurant vergleichen, aber für ein College ist sie nicht übel. Und mit den Kursen morgen könnt ihr es auch noch langsam angehen lassen.«

Alex’ Stimme klang ehrlich besorgt. Ja, ganz eindeutig. Er war ein Vertreter der männlichen Spezies Sunnyboy. Und er sah verdammt gut aus. Ein Typ, der vermutlich am Strand gezeugt und bereits mit einem Surfbrett unter dem Arm geboren worden war.

Julia starrte auf den tadellos gebügelten Kragen seines hellblauen Hemdes. Zumindest würde er besser nach Florida passen als in diesen schmuddeligen, klapprigen Landrover. Und vermutlich zog er die Mädchen an wie ein Magnet.

Erneut traf ihr Fuß die Dogge, die sich im Fußraum breitmachte. Sie knurrte bedrohlich.

»Psst, Ike, spiel dich nicht so auf«, sagte Alex und fügte hinzu: »Keine Sorge, er ist einer von den Hunden, die sich ständig aufpissen, aber wenn es darauf ankommt, zieht er den Schwanz ein. Im Ruhezustand stellt er keine Gefahr dar, ist aber dafür auch in der Gefahr keine Hilfe.«

»Ist er dein Hund?«, fragte Julia.

»Ike? Nein! Er gehört eigentlich Professor Brandon, einem der Philosophie-Dozenten des Colleges. Aber im Grunde genommen gehört Ike jedem, der ihn mag.«

»Ich mag ihn!« Robert gähnte herzzerreißend, streckte sich und sah aus dem Fenster. »Sind wir immer noch nicht da?«

Nein, offenbar schienen sie weiter denn je davon entfernt zu sein, anzukommen.

Die steilen Felswände lagen mittlerweile hinter ihnen. Stattdessen hatte sich der Wald wieder wie ein riesiges Lebewesen um sie herum geschlossen. Noch immer führte die Straße steil bergauf – Julia konnte die Steigung förmlich spüren, und für einen Moment schoss ihr durch den Kopf, was passieren würde, wenn der ächzende Motor hier mitten im Nirgendwo seinen Geist aufgab.

Fingen so nicht immer Horrorfilme an?

Julia fühlte, wie sich die Härchen auf ihren Unterarmen aufstellten. Komm schon! Mach dir nicht gleich in die Hose! Wie oft bist du schon nachts alleine U-Bahn gefahren? Das war hundert Mal gefährlicher. Das hier ist schließlich nur ein Wald!

Und doch – das Atmen fiel ihr plötzlich schwer. Vielleicht lag es daran, dass die Nadelbäume immer dichter aneinanderrückten. Nicht eine Lücke war zu erkennen.

Und, Mann, sie fuhren jetzt schon stundenlang bergauf. Irgendwann mussten sie doch die Baumgrenze erreicht haben!

Julias Fingernägel bohrten sich in ihre empfindlichen Handflächen, als sie die Fäuste ballte. Klar, sie hatte von der Abgeschiedenheit des Colleges gewusst – das war schließlich der eigentliche Grund gewesen, warum sie sich dafür entschieden hatten. Aber was Abgeschiedenheit in Wirklichkeit bedeutete – das hatte sie nicht im Entferntesten geahnt und so einsam hätte sie es sich auch in ihren schlimmsten Albträumen nicht vorgestellt.

»Am Anfang wird einem schon ein wenig mulmig zumute, wenn man nur durch Wald fährt, oder?«, fragte Alex. Offenbar ahnte er, was Julia durch den Kopf ging. »Aber man gewöhnt sich daran. Das Grace ist wirklich cool – mal was anderes als die üblichen Schulen. Wusstet ihr, dass es das höchstgelegene College in ganz Kanada und Nordamerika ist?« Eine hellblonde Strähne seines halblangen Haares hing schräg über dem rechten Auge. »Und zu eurer Beruhigung – wir nähern uns schon dem Pass, danach geht es hinunter ins Tal.«

»Wie hoch?« Robert war ein Zahlenfreak. Ohne genaue Daten konnte er geistig nicht überleben.

»Knapp 2500 Meter. Sein Name ist White Escape, aber das soll keine Aufforderung zur Flucht sein.« Alex’ Lachen war ansteckend. Robert stimmte ein, während Julia wieder aus dem Fenster starrte.

White Escape.

Na super!

»Wow! Dann ist Skifahren hier wahrscheinlich Pflicht, oder?«, wandte sich Robert an Alex.

»Pflicht? Nein! Skifahren in diesen Bergen ist...« Alex schüttelte den Kopf und ein verschlossener Ausdruck trat in sein Gesicht. Oder bildete sich Julia das nur ein? »Außerdem kommt jetzt erst einmal der Sommer. Da gehen die meisten eher schwimmen. Das College hat einen gigantischen Schwimmbereich. Unsere Mannschaft ist extrem erfolgreich.«

»Und was ist mit dem See?«

Alex wiegte den Kopf. »Im Lake Mirror ist das Schwimmen nur an einer einzigen Stelle erlaubt. Ich sage es euch gleich, die vielen Warnschilder stehen dort nicht zur Deko am Ufer. Der See hat es in sich. Also, wenn ihr auf einem Schild Achtung Lebensgefahr lest, dann haltet euch fern!«

»Um Julia musst du keine Angst haben. Die taucht wie eine Weltmeisterin. Sie hat schon jede Menge Preise gewonnen, oder, Julia?«, erklärte Robert stolz.

Julia antwortete nicht.

Alex pfiff anerkennend und sah Robert an. »Und wie steht es mir dir?«

»Ich bin allergisch gegen Wasser.«

»Na, da hast du etwas mit Ike gemeinsam.«

»Wie kommen wir eigentlich in die Stadt?«, unterbrach Julia das Gespräch. Auf keinen Fall wollte sie, dass Robert noch mehr erzählte. Manchmal brachte er kein Wort über die Lippen und dann wieder redete er ununterbrochen, als hätte er einen irreparablen Defekt im Sprachzentrum.

»Die meisten Studenten haben hier kein Auto. Die Anreise ist einfach zu weit und anstrengend. Aber einmal die Woche fährt ein Bus in die Stadt, wenn du Lust auf Zivilisation hast. Obwohl – ihr habt ja Fields gesehen!«

»Zivilisation?«, erwiderte Julia und grinste. »Das Kaff kam mir vor, als würden dort immer noch die ersten Siedler leben.«

»Keine Sorge, wenn du etwas brauchst, egal was, auf dem Collegecampus gibt es einen Supermarkt, zwei Cafés und ein Kino. Außerdem kannst du übers Internet bestellen, was immer dein Herz begehrt. Man muss das Tal nicht verlassen. Man kann hier oben ganz gut überleben.«

Noch vor wenigen Wochen hätte Julia auf so eine Ankündigung mit einem hysterischen Anfall reagiert. Mit hundertprozentiger Sicherheit wäre sie auf der Stelle aus dem Auto gesprungen und hätte auf dem schnellsten Weg das Weite gesucht.

Aber jetzt?

Jetzt war alles anders. Es ließ sich nicht leugnen, in ihrer Situation schien das College tatsächlich die richtige Wahl gewesen zu sein. Wenn man überhaupt von Wahl sprechen konnte.

Alex schaltete das Fernlicht ein. Weißes Licht schwebte über der Straße wie Nebel, der irgendwelche phosphoreszierende Substanzen enthielt. Sternenglitzer vielleicht oder Kometenstaub? Na ja, irgendwie hatte Alex ja auch recht, als er jetzt sagte: »Die Landschaft ist der Hammer, oder? Ich sag euch, seid ihr erst einmal da, wollt ihr nie wieder weg. Die Berge machen süchtig!« Der Wagen wurde langsamer. »Okay Leute, wir sind auf dem Pass. Jetzt dauert es nicht mehr lange.«

Eigentlich hatte Julia sich vorgestellt, dass sie vom Pass aus hinunter ins Tal würden schauen können. Doch der höchste Punkt der Straße unterschied sich nicht sehr von dem Weg, den sie bisher zurückgelegt hatten. Auch hier standen die Fichten dicht gedrängt und versperrten jegliche Sicht. Lediglich ein verwittertes Holzschild zeigte an, dass sie den Gipfel erreicht hatten: White Escape, 2413 meter. Und darunter die Angabe 7916 feet.

Sekunden später ging es spürbar bergab. Alex gab Gas und für Julias Geschmack raste er ein bisschen zu schnell die enge kurvenreiche Straße hinab. Eben war der Asphalt nur nass gewesen, aber nun spritzte das Wasser aus riesigen Pfützen hoch und ab und zu holperte der Wagen über Steine. Und der Hund auf dem dreckigen Wagenboden stank abartig.

»Mrs Hill, die Jahrgangsleiterin des ersten Jahres, hat mir übrigens nicht verraten, warum ihr jetzt erst kommt«, vernahm Julia erneut Alex’ Stimme. »Das Semester hat bereits vor einer Woche angefangen.«

»Robert war lange krank und durfte erst jetzt fliegen«, murmelte Julia.

»Was hatte er denn?«

»Lungenentzündung.« Die Lüge kam ganz automatisch. Und um von Robert abzulenken, fragte sie: »Alle anderen sind schon da?«

»Ja, klar. Euer Jahrgang ist der einzige, der noch nicht vollzählig ist. Du wohnst mit drei anderen Mädchen, Deborah Wilder, Katie West und Rose Gardner, im Apartment 213.«

Namen, die ihr nichts sagten. Leute, die Julia nicht kennen wollte.

»Und ich?«, wollte Robert wissen.

»Apartment 113. Ein Stockwerk darunter. Zusammen mit David Freeman, Benjamin Fox und Christopher Bishop. Die Stockwerke sind nach Geschlecht getrennt.« Alex lachte. »Pro Stockwerk gibt es einen Senior-Betreuer. Für den zweiten Stock ist Isabel Hill verantwortlich und ich hab den ersten übernommen. Wenn ihr Probleme habt, wendet euch also einfach an mich oder Isabel. Wir haben ein gemeinsames Büro und arbeiten eng zusammen.«

Betreuer? So wie er es sagte, klang das eher nach Aufpasser, schoss es Julia durch den Kopf.

Sie schloss die Augen und rief sich das Lied ins Gedächtnis zurück, das die Batterie ihres iPods so jäh unterbrochen hatte.

I know it’s over von Emilia Autumn.

Nicht gerade ein Sound, der zu Everybody’s Darling passte.

Die nächsten zehn Minuten herrschte Schweigen im Landrover.

Wenn ihr Probleme habt, wendet euch einfach an mich!

Julia hätte sich kaputtlachen können, wäre nicht alles so schrecklich gewesen.

Probleme?

Das Wort traf auf ihre Situation nicht zu. Problem war ein Wort, das man verwendete, wenn man den Bus verpasste, die Pickel im Gesicht sich flächendeckend ausbreiteten oder meinetwegen auch die Scheckkarte nicht gedeckt war. Nein, Julia hatte keine Probleme. Sie war die Verkörperung der Katastrophe. Einer Katastrophe, die nie enden würde – genau wie der Weg dort draußen, so schien es jedenfalls.

Alex steuerte den Wagen mit einer Hand und noch immer hatte er die Geschwindigkeit nicht gedrosselt. Aber Julia war zu erschöpft, um eine Bemerkung zu machen.

Ihr Blick folgte dem grellen Scheinwerferlicht, das immer dasselbe Stück des Waldweges auszuleuchten schien: schwarze Bäume, für wenige Sekunden erleuchtet, als würden sie Feuer fangen, wenn die Scheinwerfer sie trafen. Jeder die Kopie des anderen.

Die Straße.

Die Zukunft.

Eine Klapperschlange, die einen gruselt, wenn sie sich mit diesen seltsamen unerwarteten Bewegungen ihren Weg bahnt. Und keiner kann ahnen, welche unvorhergesehene Richtung sie als Nächstes einschlagen wird.

Plötzlich erschien Julia Roberts Geschwätz von dem Paralleluniversum gar nicht mehr so absurd.

»Pass auf ihn auf!«, hatte ihre Mutter ihr mehr als einmal eingeschärft. »Pass auf deinen Bruder auf. Er ist nicht für diese Welt geschaffen. Er ist anders.«

Und ich, hätte Julia am liebsten gefragt, was ist mit mir? Bin ich Superman? Spiderwoman? Lara Croft?

»Was meinst du, Julia?«, flüsterte Robert. »Wie lange sind wir schon unterwegs?«

»Keine Ahnung.«

»Zeit ist relativ...Wir sind vielleicht achtundvierzig Stunden unterwegs, aber mir kommt es vor, als ob die Zeit stillsteht.«

»Robert, ich bin müde. Ich habe keine Lust, über das Phänomen Zeit nachzudenken.«

»Was ich meine«, hörte sie ihn sagen, »ist ja nur – es gibt Momente, in denen man keine Zeit spürt, weil sich gar nichts verändert – oder alles! Woran soll man sich aber dann orientieren, wenn Zeit und Raum...«

Julia schloss die Augen und versuchte seine Stimme auszublenden. Sie wusste, wenn Robert mit einem seiner wissenschaftlichen Vorträge anfing, dann war sie ihm nicht gewachsen. Und im Moment fehlte ihr dazu auch jeder Ehrgeiz – sie wollte nichts anderes als ankommen, sich ins Bett legen und hoffen, dass die Zukunft vorbeiging.

Die Dogge zu ihren Füßen knurrte.

»Ruhig, Ike!«, hörte sie Robert murmeln. »Du bist ein guter Hund. Ich glaube, wir werden Freunde.«

Der Wagen wurde langsamer. Julia öffnete die Augen.

In den wenigen Sekunden, in denen sie die Welt um sich herum ausgeblendet hatte, hatte sie sich verändert. Als hätte jemand Julia an einen anderen Schauplatz versetzt, sie auf einen anderen Platz gebeamt.

Der dichte Wald war hinter ihnen zurückgeblieben und vor ihnen wurde der Weg plötzlich breiter. Links und rechts der Straße standen Laternen und ihr orangefarbenes Licht zeigte den Weg in die Nacht. Und dann fühlte Julia, wie ihre Hände vor Aufregung zu schwitzen begannen. Alex steuerte direkt auf eine riesige glitzernde Fläche zu.

Trotz der Dunkelheit konnte man den See nicht nur erahnen, sondern Julia konnte ihn deutlich sehen – fast als würde er aus sich heraus leuchten. Als glitzerten unzählige Lichter unter der Wasseroberfläche. Und ihr schien, als breite sich der See endlos im Tal aus – als kenne er keine Grenzen, so kam es Julia zumindest vor. Weder die gegenüberliegenden Berge konnte man im Dunkeln erkennen noch das Ufer, das doch irgendwo in der Ferne den See einschließen musste.

Und dann – links am Ende der Straße – lag es: das Collegegebäude, schätzungsweise noch eine Viertelmeile entfernt. Es war hell erleuchtet.

Julia hatte es sich moderner vorgestellt. Stattdessen fuhren sie auf ein riesiges Gebäude zu, das mit den vielen Schornsteinen, unzähligen Balkonen, Fenstern und Seitenflügeln wirkte, als hätte es im Laufe seiner Geschichte mehrere Umbauten hinter sich. Zudem wirkte es nicht einladend, wie Julia nach der langen Reise gehofft hatte, sondern vielmehr abweisend, wenn nicht sogar unheimlich. Wie ein Fremdkörper in diesem Tal, etwas, das nicht hierhergehörte. Ja, fast schien es Julia, als weiche die schwarz glänzende Fläche des Lake Mirror vor dem Gebäude zurück.

Alex trat auf die Bremse und der Wagen wurde langsamer.

Julia reckte den Kopf. Die Scheinwerfer strahlten einen rot-weiß gestreiften Schlagbaum an. Als handele es sich um eine Staatsgrenze, dachte Julia und überlegte, wo sie den Pass hingesteckt hatte. Mit diesem ätzenden Verbrecherfoto, nur dass anstelle einer Gefangenennummer der Name Julia Frost darunterstand.

Die Wagenräder knirschten.

»Moment«, sagte Alex, ließ das Fenster hinunter, lehnte sich hinaus und sprach in eine unsichtbare Sprechanlage: »Alex Cooper. Können Sie die Schranke öffnen?«

Wenige Sekunden später hob sich lautlos der Schlagbaum und Alex fuhr los. Durch das geöffnete Wagenfenster drang raue Nachtluft, so kalt, dass Julia dachte: Genauso gut könnte ich den Kopf in eine Gefriertruhe stecken. Kann er das verdammte Fenster nicht wieder zumachen? Doch bevor sie sich beschweren konnte, tauchte das Schild auf. Grüne verschnörkelte Schrift auf weißem Hintergrund, die von unzähligen Lämpchen erleuchtet wurde, als sei Weihnachten mitten im Sommer.

Welcome in Grace Valley

Sie hatten es geschafft. Die Zeit stand nicht still.

»Ihr seid da!«, sagte Alex und drehte sich kurz zu ihr um.

Nein, dachte Julia, wir sind fort! Für immer!

»Achtung!« Robert schrie auf. »Da steht jemand!«

Alex’ Blick schoss nach vorn, die Reifen drehten durch, der Wagen kam abrupt zum Stehen.

Die Dogge sprang hoch und legte die Pfoten auf Julias Schoß.

Roberts Stimme zitterte. »Was war das?«

»Mann, hast du mich erschreckt!« Alex sah Robert ärgerlich an.

»Sorry, aber da am Wegrand! Da war etwas! Du hättest es fast gestreift. Ich glaube, es war ein Mensch!«

Julia starrte aus dem Fenster. Die nächste Laterne war knapp hundert Meter entfernt, sodass nur das Scheinwerferlicht die Umgebung um sie herum erhellte, rechts Bäume, links ein zum College hin abfallendes Feld, das mit Gestrüpp bewachsen war. Überall lagen größere und kleinere Felsbrocken oder Steine, doch niemand war zu sehen.

Auch Alex blickte sich um, doch dann schüttelte er den Kopf.

»Du hast dich getäuscht«, sagte er und setzte den Rover in Bewegung. »Diese Steine hier kann man in der Dunkelheit leicht mit einem Tier oder einem Menschen verwechseln.«

»Ich habe mich nicht getäuscht«, erwiderte Robert bestimmt. »Da war jemand.« Julia hörte aus seiner Stimme diesen Starrsinn, der typisch für ihn war. War ihr Bruder erst einmal von etwas überzeugt, konnten nichts und niemand ihn davon abbringen. Das wusste sie aus Erfahrung.

War das der Grund, weshalb sie sich umwandte?

Die Rücklichter hinterließen rote Punkte wie eine Leuchtspur auf der dunklen, schmalen Straße. Alex drosselte das Tempo. Die Bremslichter leuchteten kurz auf, und...da! Mitten auf dem Weg stand etwas und starrte dem Wagen nach.

Ein Mensch? Nein – irgendetwas anderes, kleiner, kompakter...

Doch ein Tier?

Nein! Robert hatte recht!

Es war tatsächlich ein Mensch! Für eine Sekunde erkannte Julia eine Hand, die ihnen hinterherwinkte. Eine Hand, die zu jemandem gehörte, der in einem Rollstuhl saß.

Die Stimmen von Alex und Robert verschwammen. Sie wurden übertönt von lautem Krächzen. Julia konnte die Vögel hören, doch nicht sehen. Lediglich aus ihrem Geschrei konnte sie erahnen, dass sie über ihren Köpfen kreisten. Für einen Moment wurden sie lauter, bis das Krächzen plötzlich schwächer wurde.

Die Vögel flüchteten aus dem Tal.

Etwas oder jemand hatte sie erschreckt.

Am liebsten wäre Julia mit ihnen geflohen.

Kapitel 2

[A wie Ankunft]

Die Luft im Zimmer war fürchterlich stickig. Robert fiel es schwer zu atmen. Der Weg vom Pass hinunter war nicht weit gewesen – das Grace lag immer noch knapp über zweitausend Meter. Anfang Mai musste es in dieser Höhe frostige Nächte geben, stattdessen schwitzte er. Aber Robert wusste, dass es nicht an den Außentemperaturen lag.

Seine Gedanken schweiften ab. Sie flohen vor dem lauten Echo der Erinnerungen. Er wusste es, konnte es aber nicht ändern. Es wurde zunehmend schlimmer. Seine Gedanken jagten durch die gewundenen, labyrinthartigen Korridore seines Gehirns. Alles nur Biologie, dachte er, Chemie, Synapsen.

Aber warum konnte er sie dann nicht steuern?

Was war anders?

Und auch diese Frage konnte er nicht festhalten. Stattdessen überfiel ihn wieder eine jener blitzartigen Einsichten, die ihn zu Tode ängstigten. Er konnte durch die Dinge hindurchsehen und dahinter nahm er eine andere Welt wahr, die vielleicht harmlos war, vielleicht aber auch Gefahren barg.

Robert hatte sich schon beim Anblick des Collegekomplexes unerträglich niedergeschlagen gefühlt.

Unerträglich, weil er dieses Gefühl niemandem mitteilen konnte und weil es keinen gab, der ihn trösten, keinen, der ihm Glauben schenken würde.

Er starrte durch das Fenster seines kleinen Zimmers hinaus in die fremde Landschaft. Vor dem schwarzen Himmel, dessen Dunkelheit mittlerweile durch das grelle Licht des Mondes verstärkt zu werden schien, erhob sich im Südosten die Silhouette des höchsten Gipfels.

Der Berg hieß Ghost. Er hatte Alex gefragt.

Ein seltsamer Name und dennoch passend.

Der Ghost bestand aus drei zusammenhängenden Gipfeln, von denen der mittlere die anderen beiden rechts und links um mehrere Hundert Meter überragte. Wie in ein graues Tuch gehüllt erhob sich die Bergkette über dem Tal und dem Lake Mirror, dem Spiegelsee.

Robert kniff die Augen hinter den Brillengläsern zusammen. Der mittlere Gipfel sah tatsächlich aus wie das Gesicht eines Gespenstes. Die dunklen Linien rechts und links wirkten wie zwei Augenschlitze im hellen Geistertuch. Und die Nebengipfel ähnelten in der Dunkelheit zwei Armen, die den See zu umarmen schienen.

Hör auf damit, sagte Robert zu sich selbst und versuchte vergeblich, seinen Atem zu beruhigen. Er lauschte dem Wasser, das leise gegen die Uferbefestigung schwappte. Der See war so nah, dass man ihn selbst bei geschlossenem Fenster hören konnte, und je länger Robert lauschte, desto mehr schien es ihm, als murmele das Wasser Worte.

Was natürlich Unsinn war.

Totaler Humbug, rubbish, nonsense.

Doch das schaurige Gefühl verstärkte sich. Eine Vorahnung breitete sich in ihm aus, leise und noch kaum wahrnehmbar. Flüchtig wie der leichte Windhauch, der durch die klapprigen Fensterrahmen zog und ihn trotz der stickigen Luft frösteln ließ.

Wie immer beruhte seine Vorahnung auf etwas, das Robert irritierte. In diesem Fall war es die Architektur des Grace.

Auf den ersten Blick handelte es sich bei dem historischen Hauptgebäude des Colleges um einen riesigen schlossähnlichen Bau, der aus einem gewaltigen Mittelkomplex und zwei Seitenflügeln bestand. Im Rücken des Hauptgebäudes lagen die modernen Bauten, das Sportcenter, der Supermarkt und die Bungalows für den Lehrkörper und die älteren Studenten, aber diese waren so geschickt in die hügelige Landschaft integriert, dass sie nicht weiter auffielen.

Das, was Robert wirklich interessierte, war die Fassade des Hauptgebäudes. Auf den ersten Blick wirkte sie verspielt und zunächst hatten Robert die unzähligen Balkone, Dachgaupen, Arkadenbögen und Sprossenfenster verwirrt.

Aber der erste Eindruck täuschte.

Und die Täuschung beruhte auf Zahlen. Während Zahlen Robert normalerweise beruhigten, war nun das Gegenteil der Fall.

2, 4, 8, 12, 16.

Die Zahlen ängstigten ihn.

2, 4, 8, 12, 16.

Zwei Seitenflügel mit jeweils vier Stockwerken und acht Balkonen. Jeder der Seitenflügel wurde von zwei Treppenhäusern eingerahmt, also insgesamt vier. Das Hauptgebäude wiederum bestand aus einem riesigen verglasten Mittelteil, der Eingangshalle und Mensa beherbergte. Rechts und links davon erstreckten sich jeweils sechzehn Fenster und ganz oben im Dach zwölf Dachgauben.

Vier Studenten in jedem Apartment der Seitenflügel. Pro Stockwerk acht Apartments, vier nach vorne raus, vier nach hinten. Das machte zweiunddreißig Studenten pro Stockwerk. Also hundertachtundzwanzig Studenten pro Seitenflügel, zusammen zweihundertsechsundfünfzig. Dazu kamen noch einmal hundertzweiundzwanzig Senior-Studenten, die bis auf die Betreuer alle in den geräumigeren und modernen Rückgebäuden auf dem Campus untergebracht waren. So kam man auf genau dreihundertachtundsiebzig Studenten. Exakt die Zahl, die Robert im Prospekt des Colleges gelesen hatte.

Klar, das Zahlensystem war einfach, ja geradezu primitiv. Aber der Bauherr hatte sich verdammt viel Gedanken über die Architektur gemacht.

Oder – bildete er sich das alles nur ein? Schließlich beruhte die Architektur, ja die ganze Welt auf Zahlen und mathematischen Prinzipien.

Also alles nur Zufall?

Aber das war es doch nicht, was ihn irritierte und dieses unbehagliche Gefühl auslöste. Nein, es war das System, das er erkannte. Jede Wohnung, jedes Zimmer besaß denselben quadratischen Grundriss. Und die Quadrate reihten sich aneinander wie Zellen in einem Gefängnis. Übersichtlich, geordnet und jederzeit gut zu kontrollieren.

Und noch etwas: Der Collegebau des Grace und der Ghost lagen sich spiegelbildlich gegenüber. Das Grace erhob sich über dem Westufer, der Berg überragte das Ostufer. Und wenn Robert nicht alles täuschte, dann . . . nein, das nicht. Es konnte nicht sein, dass das Zahlenverhältnis zwischen Seitengipfeln und Hauptgipfel des Ghost identisch war mit dem des Hauptgebäudes und seiner Seitenflügel.

Wieder fröstelte Robert. Abrupt wandte er sich von dem Fenster ab. Er spürte die Panik kommen. Sie fühlte sich an, als fiele er in ein bodenloses Dunkel.

Kapitel 3

Sobald Isabel Hill, die betreuende Senior-Studentin für das zweite Stockwerk im Nordflügel, die Tür zu dem winzigen Zimmer öffnete, geriet Julia in einen Schockzustand. Während sie auf der Fahrt nur müde und genervt gewesen war, spürte sie nun deutlich, wie tiefe Niedergeschlagenheit endgültig von ihr Besitz nahm und vermutlich nie wieder weichen würde.

Es war schon spät, fast halb elf, und obwohl Alex es ihnen angeboten hatte, hatten Julia und Robert darauf verzichtet, noch etwas zu essen.

Die Flure und Gänge des Nordflügels, vor dessen Seiteneingang Alex den Rover geparkt hatte, waren bei ihrer Ankunft verhältnismäßig leer gewesen – auf dem Weg zu Alex’ Büro im ersten Stock waren sie nur wenigen Studenten begegnet, die sie neugierig musterten. Julia hatte richtig sehen können, wie die Fragen in deren Köpfen ratterten. Wer waren die beiden neuen Studenten? Warum kamen sie erst jetzt? Mitten in der Nacht und außerdem eine Woche nach Semesterbeginn? Und wozu das viele Gepäck?

Andererseits war Julia viel zu erschöpft gewesen, um sich genau umzusehen. Alles, was sie wahrnahm, waren unendlich lange Flure, nur spärlich beleuchtet, mit reichlich abgewetzten Teppichen, deren ursprüngliches Muster nicht mehr zu erkennen war und die das von den Füßen unzähliger Studenten glatt gewordene Parkett verdeckten.

Irgendwie roch es merkwürdig. Als hätte sich der Dreck seit Jahrzehnten in das Holz an den Wänden und dem Boden gefressen und man versuchte nun vergeblich, ihm mit ätzenden Reinigungsmitteln Herr zu werden. Der ewige Kampf des Menschen gegen die Hartnäckigkeit von Schmutz und Dreck. Ihre Mum hatte ihn fast immer gewonnen. Kein Wunder. Sie war ein Ordnungsfreak und gehörte zu den Frauen, die in ihrer Handtasche stets Sagrotanspray und Putztücher mit sich schleppten.

»Na, was sagst du? Gemütlich, oder?« Isabel war ein hochgewachsenes, schlankes blondes Mädchen mit einer dieser Kurzhaarfrisuren, die lässig zerzaust wirkten, denen in Wirklichkeit aber ein ultrateurer Schnitt zugrunde lag und wahrscheinlich eine halbstündige morgendliche Stylingaktion. An ihrem Gang konnte Julia erkennen, dass sie zur Sportfraktion gehörte, also jemand war, der mit Sportschuhen ins Bett ging, bereits vor dem Frühstück joggte und, anstatt zu leben, einen genauen Trainingsplan einhielt. Früher hatten Julia und Kris-tian immer gelästert: Leute, die joggen, laufen dem Leben davon.

Früher.

Es wurde Zeit, dass sie dieses Wort endgültig aus ihrem Wortschatz strich. Wie auch den Namen Kristian.

»Das gemeinsame Badezimmer findest du dort drüben. Toilette ist separat«, erklärte Isabel, »und schräg gegenüber die Glastür führt zur Küche, wobei ihr auch jede Mahlzeit in der Mensa einnehmen könnt.« Sie sah Julia an. »Was ist? Soll ich dir deine Mitbewohnerinnen noch kurz vorstellen?«

Julia schüttelte den Kopf. »Lieber morgen«, presste sie hervor. »Ich bin ziemlich erledigt. Wir waren lange unterwegs.«

Isabel nickte und wuchtete einen von Julias Koffern auf den Stuhl vor dem Schreibtisch. »Klar, verstehe. Übrigens, du hast Glück. Euer Apartment liegt genau auf der Ecke zum Hauptflügel, also habt ihr noch Seeblick. Und du hast einen eigenen Zugang zum Balkon. Allerdings zeigt er nach Norden, das heißt, wenn es richtig zu stürmen beginnt, klappern die Fensterläden noch lauter und im Winter gibt es Eisblumen auf den Scheiben.«

Julia trat pflichtbewusst auf die Glastür zu, hinter der der See und die mächtige Bergkulisse im trüben Licht der Außenbeleuchtung als graue Umrisse zu erkennen waren.

»Ja, wirklich toll!« Julia nickte und schob sich ein Lächeln ins Gesicht. Sie lächelte, als Isabel ihr Bettwäsche und einen Stapel Handtücher in die Hand drückte, ihr die Schränke zeigte und einen Orientierungsplan auf den Schreibtisch legte. Und sie lächelte immer noch, als die ältere Studentin ihr die Hausordnung mit den Worten überreichte: »Regeln am Grace sind dazu da, eingehalten zu werden.«

Ehrlich, Julia hatte Angst, ihre Mundwinkel würden auf halber Höhe einrasten und sie müsse ihr Leben lang dieses Grinsen im Gesicht tragen.

Aber sie riss sich zusammen und bedankte sich. Doch sobald Isabel das Zimmer verlassen hatte, warf sie sich auf das Bett, dessen Matratze fast bis zum Boden durchhing, und starrte in die Luft.

Dieses Zimmer war winzig. Und geschmacklos. Einfach schrecklich! Soweit sie wusste, war das Gebäude um die vorletzte Jahrhundertwende entstanden. In den Siebzigerjahren hatte man es zum College umfunktioniert. Seitdem schien nicht mehr viel gemacht worden zu sein, zumindest nicht hier in den Seitenflügeln und Apartments.

Julia gruselte sich vor den künstlichen Schnitzereien an der Zimmerdecke und war überzeugt, das Klappern der Fensterläden würde chronischen Tinnitus, die wurmstichige Holztäfelung Atemnot und der Teppichboden Neurodermitis hervorrufen. Und erst diese Möbel. Direkt aus den Siebzigern, aber keine Spur von coolem Retro. Das Einzige, was ihr gefiel, war der braune Sessel direkt vor der Balkontür.

Aber sonst! Ein hölzerner Stuhl. Ein Schreibtisch, der Bücherstapeln kaum standhalten würde. Und wenn das Kantinenessen so war wie die Ausstattung der Zimmer, würde sie vermutlich an Unterernährung sterben.

Nur der liebe Gott und der Innenarchitekt wussten, welche Giftstoffe beim Bau dieses Gebäudes verwendet worden waren, um diese Materialien für die Ewigkeit zu erhalten. Und Mum – Mum hätte sie auf der Stelle mit nach Hause genommen und sie einer homöopathischen Vollbehandlung unterzogen.

Mum.

Julia fühlte sich in einen quälenden Albtraum versetzt, in dem die Zeit rückwärtslief. Es war verrückt, sie sah tatsächlich vor ihrem inneren Auge die Zeiger der Uhr rasen.

Nur in die falsche Richtung.

Julia konnte den fürchterlichen Streit einfach nicht vergessen. Dad hatte gebrüllt, Mum hatte versucht zu schlichten.

»Du kannst sie nicht festbinden«, hatte sie gesagt. Wie immer, wenn sie aufgeregt war, kam ihr englischer Akzent noch stärker durch. Julias Mum stammte aus Bristol.

»Ich muss sie auch nicht festbinden, denn ich hoffe doch, ich habe ihr genug Verstand mitgegeben, um sie daran zu hindern, sich mit Leuten zu umgeben, die nicht den Dreck unter ihren Schuhen wert sind. Schau sie dir an. Unsere Tochter. Wie sie aussieht. Ist sie das überhaupt noch, meine Tochter?«

Und Julia hatte sich umgedreht, die Tür hollywoodlike hinter sich zugeknallt, war in ihr Zimmer gerannt und hatte sich später aus dem Haus geschlichen, um Kristian zu treffen. Kurz, sie hatte getan, was alle Jugendliche in ihrem Alter tun sollten: Sie zog ihr Ding durch. Sie setzte ihren Eltern eine deutliche Grenze und ließ sie einfach stehen.

Jetzt im Nachhinein wusste sie, dass es ein Fehler gewesen war! Verdammt – wie viel einfacher wäre es, wenn man das Unglück sehen könnte, das auf einen zukommt.

Kopfschmerzen.

Fucking Kopfschmerzen.

Julia setzte sich auf, tastete im Dunkeln nach dem neuen Handy und drückte irgendeine Taste. Das Display zeigte 01:23 Uhr.

Sie hatte es nicht geschafft, sich auszuziehen, lag auf dem unbequemen Bett und konnte einfach nicht einschlafen. Aber was hatte sie erwartet? Sie schlief schon seit Wochen nicht mehr, fiel allenfalls in eine Art kurzfristige Bewusstlosigkeit, aus der sie schweißgebadet hochschreckte. Wie war sie nur auf die Idee gekommen, das würde sich ändern, sobald sie im College angekommen wären?

Eine Weile starrte sie an die Zimmerdecke, auf der die Außenbeleuchtung, die das Collegegebäude in diffuses Licht tauchte, seltsame Figuren warf.

Vielleicht sollte sie ihre Koffer auspacken.

Oder aufstehen, um das versprochene Lebenszeichen zu geben?

Lebens-Zeichen.

Ein Wort, das seit Kurzem eine besondere Bedeutung für sie und Robert hatte. Wie es ihrem Bruder wohl ging?

Konnte er schlafen?

Julia sah wieder seinen verzweifelten Gesichtsausdruck vor sich, als Alex ihnen die Schlüssel ausgehändigt hatte. Robert wäre am liebsten mit in ihr Zimmer gegangen, um sich auf ihrem Bettvorleger zusammenzurollen. Nur um nicht alleine schlafen zu müssen. Doch er hatte nichts gesagt, denn Alex – müde und erschöpft von der langen Autofahrt – hatte ihnen kaum noch Aufmerksamkeit geschenkt. Oder war er immer noch sauer auf Robert gewesen, weil er im Auto fast einen Unfall verursacht hätte? Andererseits – Robert hatte recht gehabt, da war tatsächlich jemand auf der Straße gewesen. Doch keiner von ihnen beiden hatte Alex auf die Gestalt im Rollstuhl angesprochen – Julia wusste selbst nicht, warum.

Sie hob den Kopf und starrte durch die Scheibe der Balkontür nach draußen. Es schien, als hätte sich die Nacht mit einer angespannten Stille verbündet. Sie fühlte sich, als hätte jemand ein schwarzes Tuch über sie gebreitet, das sie einhüllte, doch nicht wärmte. Das alle Geräusche erstickte, bis auf einen schleifenden Laut draußen im Flur, der Erinnerungen in ihr weckte.

Sie fröstelte.

Von irgendwoher zog es.

Und wieder dieses Schleifen. Es drang in ihr Bewusstsein, setzte sich in ihrem Gehör fest, bohrte sich entschlossen und unaufhaltsam einen Weg Richtung Gehirn.

Sie lauschte. Waren das Schritte?

Sie konzentrierte sich. Ein Schaben, dann abermals Schritte.

War jemand in ihrem Zimmer?

Ja.

Jetzt spürte sie es deutlich. Jemand ging auf ihr Bett zu. Jemand starrte sie an. Jemand atmete laut.

Im nächsten Moment hatte Julia den Schalter gefunden und das Licht der Nachttischlampe blendete auf. Sie konnte nichts erkennen, doch sie hörte ein leises Kichern.

»Oh, du bist ja wach!« Wieder dieses Kichern und dann: »Herzlich willkommen im Tal!«

Blassblaue Augen starrten Julia geschlagene zwanzig Sekunden an, ohne ein einziges Mal zu blinzeln.

Es war nicht so sehr der Schreck, sondern vielmehr totale Irritation, die Julia empfand. Jede Einzelheit nahm sie wahr, als ob ihr Gehirn versuchte, die Elemente des Bildes, das sie vor sich sah, zu etwas zusammenzusetzen.

Helle, irgendwie wässrige Augen, Sommersprossen, schmaler Hals. Orangefarbene Strähnchen in braunem Haar. Ein grelles Orange, wie Julia es von Rettungswesten kannte. Wenn diese geschmacklose Farbe der Friseur auf dem Campus verbrochen hatte, würde sie sich die Haare so lang wachsen lassen, dass sie damit ihre ständig kalten Füße wärmen konnte. Das Mädchen trug eine schlabbrige graue Jogginghose und ein Shirt.

»Du starrst mich an, als sei ich ein Gespenst«, sagte es und streckte ihr die Hand entgegen.

War das etwa verwunderlich, wenn sie sich nach Mitternacht in Julias Zimmer schlich, ohne anzuklopfen oder sich sonst irgendwie bemerkbar zu machen?

Doch statt das laut auszusprechen, holte Julia tief Luft, setzte sich auf und quetschte sich zum hundertsten Mal in den vergangenen Stunden ein Lächeln ins Gesicht.

Die mit Sommersprossen übersäte Hand, die sich Julia jetzt entgegenstreckte, fühlte sich kalt an wie die Haut eines toten Huhns, das soeben gerupft worden war.

Das Mädchen leckte sich die Lippen und zog den Rotz in ihrer Nase hoch. »Tut mir leid, aber ich habe geklopft. Ich dachte, du kannst sicher nicht schlafen und hast vielleicht Lust auf ein bisschen Gesellschaft.«

Ehrlich gesagt, glaubte Julia ihr kein Wort, dennoch erwiderte sie: »Na ja, ich kann tatsächlich nicht schlafen.«

»Klar, ist ja alles neu für dich.«

Dagegen gab es nichts zu sagen. Aber Julia hatte auch keine Gelegenheit, etwas zu erwidern, denn die andere plapperte schon weiter. Die Niagarafälle waren ein Rinnsal dagegen.

»Ich kann dir alles über das Grace erzählen, was du wissen willst. Am Anfang ist es hier ziemlich verwirrend, aber nach ein paar Tagen findest du dich zurecht. Und ehrlich, das College ist das Beste, was mir passieren konnte. Endlich bin ich meine Eltern los. Keine Vorhaltungen mehr, keine Verbesserungsvorschläge für mein Leben. Ich bin zwar erst eine Woche im Tal, aber mir kommt es vor, als sei ich hier geboren.«

Irgendwie, dachte Julia, siehst du auch so aus.

»Rück mal ein Stück!« Das seltsame Mädchen kroch über Julia hinweg und machte es sich, den Rücken an die Wand gelehnt, auf dem schmalen Bett bequem. »Warum seid ihr erst eine Woche später gekommen?«

Julia holte tief Luft. Der wahre Meister im Lügen, der Profi des Versteckspiels beantwortete Fragen mit Gegenfragen.

»Wie heißt du eigentlich?«

»Deborah. Deborah Wilder, aber jeder nennt mich Debbie.« Debbie beugte sich nach vorne und griff nach dem Schmuck auf Julias Nachttisch. »Warum hast du zwei goldene Ringe an der Kette?« Sie suchte nach einer Gravur, bis Julia ihr die Kette aus der Hand riss.

»Oh, sorry, ich wollte nicht neugierig sein. Bist du verlobt?«

Verliebt, verlobt, verheiratet. Das stand ganz bestimmt nicht auf dem Radar von Julias Zukunft. Dennoch drängten sich plötzlich die Erinnerungen in ihrem Kopf, als ständen sie Schlange.

Hatte Kristian sie bereits vergessen? Oder suchte er noch immer nach ihr? Und was hatte er gedacht, als sie plötzlich verschwunden war, ohne Gruß, ohne Abschied?

Irgendwann, nach Jahren, würde ihn vielleicht jemand fragen: Erinnerst du dich noch an das Mädchen, mit dem du zum ersten Mal geschlafen hast? An diesem Samstagabend, dem Abend, an dem das Unglück passierte?

Wie lange würde es dauern, bis Julia zu einem Nebel in seinen Erinnerungen wurde?

Wie lange würde es dauern, bis er vergaß, wer sie gewesen war?

Welches Mädchen, würde Kristian antworten.

»Mein Zimmer liegt übrigens genau neben deinem.« Debbie sah sich voller Neugierde im Zimmer um. »Warum hast du eigentlich so viel Gepäck? Möchtest du für immer hierbleiben?

Na ja, hier gibt es Lehrer, die waren schon in den Siebzigern am Grace und sind zurückgekommen, nachdem das Tal wiedereröffnet wurde.«

»Wiedereröffnet? War es denn mal geschlossen?«

Debbie winkte ab. »Lange Geschichte. Passierte sozusagen in grauer Vorzeit. Kümmern wir uns lieber um die Gegenwart. Du möchtest sicher alles über die zwei erfahren, die mit uns hier wohnen. Wir teilen uns Küche und Bad, aber das weißt du wahrscheinlich schon von Isabel.« Sie zupfte an Julias Bettdecke. »Ehrlich gesagt, das große Los haben wir nicht mit denen gezogen.« Debbie wartete Julias Antwort nicht ab, sondern redete einfach weiter. »Also, da ist erst einmal Rose. Die liebe, die schöne, die wunderbare Rose. Na ja, bis auf die Glatze.«

»Glatze?«

Debbie kicherte.

»Total kahl. Sie sieht aus wie ein Sträfling.«

»Ist sie krank?«

»Keine Ahnung. Hab sie nicht gefragt. Oder besser, ich habe sie gefragt, aber sie hat mir keine richtige Antwort gegeben.« Debbies Gesicht verzog sich zu einer Grimasse. »Ich kenne diesen Typ. Sie tut sanft und unschuldig, dabei ist sie in Wirklichkeit Miss Untouchable. Die Unberührbare, verstehst du?«

Nein, Julia verstand kein Wort. Es interessierte sie auch nicht, doch solange Debbie über andere redete, fragte sie Julia wenigstens keine Löcher in den Bauch. Vielleicht ging es beim Lästern genau darum. Wenn man sich über andere den Mund fusselig redete, musste man nichts von sich preisgeben.

»Hörst du mir überhaupt zu?« Debbie starrte Julia an. Wie sie nun die Lippen missmutig zusammenkniff, sah sie aus, als hätte sie anstelle eines Mundes nur einen schmalen Schlitz im Gesicht. Irgendwie gruselig.

»Klar höre ich dir zu. Und das andere Mädchen?«

Julia hatte gehofft, der verdrossene Ausdruck in Debbies Gesicht würde mit ihrer Frage verschwinden, doch nun zwinkerte sie nervös mit den blassblauen Augen.

»Katie?«

»Heißt sie so?«

»Ja, Katie West. Kommt aus irgendeinem asiatischen Land. Ich kann Asiaten nicht leiden, und du?«

Anstelle einer Antwort zuckte Julia mit den Schultern. Gott, jetzt stellte sich diese Debbie auch noch als Rassistin heraus.

»Halte dich besser von ihr fern!«, flüsterte Debbie. »Sie ist seltsam. Spricht fast mit niemandem. Ist immer für sich. Aber die Jungs in unserem Jahrgang sind total in Ordnung. Vor allem die Truppe auf dem Stockwerk unter uns. Die werden dir gefallen!« Sie seufzte. »Wie ich die um Alex beneide! Wir müssen uns auf unserem Stockwerk mit dieser eingebildeten Zicke Isabel herumschlagen. Die denkt, sie sei sonst wer, nur weil ihre Eltern hier am College unterrichten. ›Regeln sind dazu da, eingehalten zu werden‹«, äffte sie die ältere Studentin nach, und Julia musste zugeben, dass es täuschend echt klang. »Als ob sie unsere Mutter wäre. Aber egal. Hast du schon gehört, am Donnerstagabend...«

Ein lautes Knacken unterbrach Debbies Redefluss, gefolgt von einem Sirren, das irgendwo aus den Tiefen des alten Gebäudes zu kommen schien. Und dann plötzlich ging das Licht aus. Mit einem Mal herrschte völlige Dunkelheit im Zimmer und vollkommene Schwärze draußen.

»Hilfe! Was ist jetzt schon wieder los?«

Julia fühlte eine Hand, die sich an ihre Schulter klammerte.

»Oh Gott!« Debbies Stimme war am absoluten Limit ihrer Leistungsfähigkeit, als sie wisperte: »Dunkelheit! Seit meiner Kindheit fürchte ich mich davor. Ich glaube nämlich an Nachtwesen, verstehst du. Wesen, die nur in der Finsternis existieren!«

Debbie klang so, als sei sie tatsächlich überzeugt von dem, was sie hier von sich gab. Am liebsten hätte Julia laut aufgelacht, doch in der nächsten Sekunde hörte sie einen neuen Laut, und sie erschrak so heftig, dass sie sich auf die Lippen biss.

Es war ein Schrei, der durch die Collegeflure gellte, und eines war sicher: Er hatte nichts Menschliches an sich. Es war die pure Verzweiflung, die sich die Seele aus dem Leib schrie.

Kapitel 4

Als das Licht wieder anging, hatte Debbie bereits die Tür aufgerissen und stürmte in den Vorraum des Apartments, von dem aus ein Durchgang zum Hauptflur führte. Julia folgte ihr, von einer Vorahnung getrieben, die sie nicht genau benennen konnte. Direkt neben ihrem Zimmer stand ein hochgewachsenes, schlankes Mädchen in der Tür. Ihr Kopf war kahl rasiert, doch Julia machte sich keine weiteren Gedanken darüber. Genauso wenig beachtete sie das andere Mädchen, das verschlafen aus dem hintersten Zimmer trat. Es strich das lange schwarze Haar nach hinten und auf seinem Gesicht lag ein ungeduldiger Ausdruck. Das musste das asiatische Mädchen sein, über das Debbie gelästert hatte.