Das Tal. Die Prophezeiung - Krystyna Kuhn - E-Book

Das Tal. Die Prophezeiung E-Book

Krystyna Kuhn

4,6
5,99 €

Beschreibung

Es ist Prüfungszeit am Grace College - und ausgerechnet jetzt verschwindet Ben, für drei lange Tage. Als er ins College zurückkehrt, ist er kaum wiederzuerkennen. Was immer ihn auf diesen Horrortrip gebracht hat, jetzt schwebt er in Lebensgefahr. Hat Ben etwas über die Vergangenheit des Tals herausgefunden, was ihm nun gefährlich wird? Die einzige Möglichkeit, sein Leben zu retten und das Geheimnis endgültig zu lüften, ist, Benjamins Spur zu folgen. Katie, Robert und David machen sich auf den Weg in die Berge und ahnen nicht, was für ein unfassbarer Fund sie erwartet.

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 303




Titel

Krystyna Kuhn

DAS TAL – Season 1

________________

Die Prophezeiung

Band 4 der Serie

Thriller

Impressum

Veröffentlicht als E-Book 2012© 2011 Arena Verlag GmbH, WürzburgAlle Rechte vorbehaltenGestaltung: Frauke Schneider ISBN 978-3-401-80121-6www.arena-verlag.deMitreden unter forum.arena-verlag.dewww.das-tal.com

Widmung

Für Stasia – meine Rettung

Grace Dossier

Brief von Mark de Vincenz an Professor Bishop

15. Oktober 2009

Professor Bishop,

schon viele Male habe ich diesen Brief formuliert, wenn auch nie mit dem festen Willen, ihn abzuschicken. Nun bin ich fest entschlossen und ich frage mich, ob es vielleicht schon zu spät ist. Sie haben vermutlich geglaubt, diese Notizen nie lesen zu müssen.

Nun. Es ist an der Zeit, Sie zu enttäuschen.

Jahrelang habe ich mich gegen die Erinnerung gewehrt, was auf dem Ghost geschehen ist. Aber am Ende lehrt mich die Erfahrung als Kriminalbeamter: Je heftiger wir versuchen, die Vergangenheit zu verdrängen, desto deutlicher schiebt sie sich ins Bewusstsein. Vor allem, wenn sie mit Schuld, Verzweiflung und Angst verbunden ist.

Seit ich erfahren habe, dass das College unter neuem Namen wiedereröffnet wurde, vergeht kein Tag, an dem ich mich nicht frage: Wie konnte das geschehen?

War es Zufall, Schicksal oder wie Eliza sagte: Kismet? Glauben Sie mir, ich habe in den letzten Jahren oft den Tod gesehen. Aber nie wieder hat er mich so erschüttert.

Wollen Sie immer noch wissen, was dort oben geschehen ist? Soll ich es Ihnen erzählen? Ihnen Bericht erstatten, wie sich jeder von uns in diesem einen Moment verhalten hat, als es passierte?

Denn genau das hat Sie doch am meisten interessiert, oder? Nicht die Wahrheit, sondern die Lügengeschichten, die ein jeder von uns erfunden hat.

Oft frage ich mich, ob wir nicht alle von den gleichen quälenden Träumen heimgesucht werden. In meinen Träumen jedenfalls besuchen wir uns gegenseitig. Eliza im Tunnel; Paul, der den Eispickel in den Gletscher schlägt; Kathleens Lachen; Franks verrückte Ideen.

Deshalb bin ich zur Kriminalpolizei gegangen, habe bei der Aufklärung unzähliger Morde geholfen, habe die Täter hinter Gitter gebracht.

Ironie des Schicksals, hätte Paul gesagt.

Wie finden Sie das?

Sind Sie enttäuscht, dass Ihr Experiment misslungen ist?

Sind Sie enttäuscht, dass Sie nie auch nur einen Blick auf unsere Aufzeichnungen werfen konnten?

Nur so viel: Sie sind an einem sicheren Ort. Und ich hoffe, der Gedanke, dass sie irgendwo existieren, wird Sie weiterquälen. Aber wir haben damals geschworen, nie ein Wort über die Ereignisse zu verlieren.

Wir – das waren:

Milton Jones, Mi Su Eliza Chung, Paul Forster, Frank Carter, Kathleen Bellamy, Martha Flemings und natürlich Grace Morgan.

Erinnern Sie sich noch an Grace?

Mark de Vincenz

Kapitel 1

Demon Days.

Nein. Bloß nicht! Die Dämonen hatte sie gerade verjagt.

Katie schaltete auf den nächsten Song ihrer Wiedergabeliste.

Hope there’s someone von Antony and the Johnsons.

Okay, das war auch nicht besser.

Sie schob den Gedanken an Sebastien schnell zur Seite. Vermutlich gab es unendlich viele tragische Songs über Liebespaare. Nicht daran denken. Vorbei ist vorbei.

Sie starrte zur Steilwand hinüber, die in einiger Entfernung hinter dem Solomonfelsen aufragte. Den Winter über hatte Katie jede freie Minute im collegeeigenen Fitnessstudio verbracht. An den Geräten absolvierte sie jeweils zwei Runden à zwanzig Wiederholungen: Oberarmtraining, Bauchmuskeln, Waden, Unterschenkel, Rücken, Po. Sie war bestens gewappnet für die Klettersaison im Freien.

Katie drückte auf dem iPod herum, um doch wieder bei Robert Forster zu landen. War es Zufall, dass sie ihn mochte? Schließlich war der Name Forster hier oben Programm. Und die Dämonen führten sowieso ihr eigenes Leben, das wusste sie aus bitterer Erfahrung.

Die Musik klang in ihren Ohren.

The fingers of fate

Stretch out and take

Us to a night

Sie zog das Handy aus der Hosentasche. Es zeigte eine Liste von unbeantworteten Anrufen, die alle denselben Namen anzeigten. Warum meldete er sich nicht? Der Duke, wie Benjamin ihn damals, nachdem sie wieder am College waren, getauft hatte. Wenigstens eine SMS – ein Lebenszeichen – ein Standardsmiley. Aber nichts?

Sie steckte es zurück.

The half whispered hopes

The dreams that we smoked.

Katie streckte die Beine aus. Von ihrem Platz am Ufer des Lake Mirror hatte sie einen Wahnsinnsblick auf das Panorama. Es war vermutlich einer der klarsten Tage, die sie je hier oben erlebt hatte, mit einer Sicht, die ihr den Atem verschlug.

Der Schnee und die glitzernde Oberfläche des Spiegelsees reflektierten das Licht so stark, dass es in den Augen wehtat. Sie schob die Sonnenbrille nach unten und legte den Kopf zurück.

Auf den Berghängen und den Gipfeln rundherum lag noch meterhoch der Schnee – doch in Seehöhe war er unter dem Einfluss des sogenannten Pineapple Express innerhalb eines Tages geschmolzen. Der Pineapple Express, auch Kona-Sturm genannt, trat immer dann auf, wenn feuchte Warmluftmassen aus Hawaii auf die arktische Luft Kanadas prallten. Bis vorgestern hatten sich Regenfälle von tropischen Ausmaßen entladen, dann war plötzlich die Sonne hinter den Wolken hervorgekommen und heute hatte das Thermometer fünfzehn Grad erreicht – und das im Februar und auf zweitausend Meter Höhe!

Katie sah auf die Uhr. Noch gut dreißig Minuten bis zu ihrem nächsten Seminar. Sollte sie noch einmal versuchen, ihn anzurufen? Katie wollte schon das Handy in die Hand nehmen, als sie aus den Augenwinkeln Julia und Chris erkannte, die Hand in Hand das Ufer entlangkamen. Als die beiden auf der Höhe ihrer Bank angekommen waren, nickte Katie ihnen zu.

Chris ließ sich neben sie auf die Sitzfläche fallen und zog ihr einen Stöpsel aus dem Ohr. »Was hörst du?« Er horchte. »Oh, Robert Forster?«

»Was dachtest du denn? Teenage Dream von Katy Perry?«

Julia lachte leise, doch dann verzog sich ihr Gesicht. »Katie, hast du meine Notizen für den Französischkurs irgendwo gesehen? Sie sind seit heute Morgen spurlos verschwunden.«

»Das höre ich jetzt schon seit Stunden.« Chris seufzte.

»Ja! Weil du mir nicht sagen kannst, ob ich sie dabeihatte, als ich zu dir runterkam, oder nicht.«

»Wenn du nachts an meinem Bett erscheinst, achte ich nur darauf, was du nicht anhast, Süße, und nicht, was du in der Hand hältst.«

Katie hob ironisch die Augenbrauen, aber sie sparte sich einen Spruch. Normalerweise bereitete es ihr großes Vergnügen, Chris zu provozieren, vor allem, nachdem er sie damals auf dem Ghost einfach im Stich gelassen hatte. Doch dieser Tag … sie seufzte … war einfach zu sonnig für die üblichen Boshaftigkeiten.

»Wo warst du eigentlich heute Morgen?«, wandte sie sich an Julia. »Wir wollten aufs Laufband, vergessen?«

Julia blickte sie schuldbewusst an. »Wir haben verschlafen, tut mir leid.«

Chris grinste. »Verschlafen?«

Julia hob die Schultern und trug ein verlegenes Lächeln im Gesicht. »Ja, verschlafen.«

»Seitdem Debbie nicht mehr über euch wacht, verschläfst du so gut wie jeden Tag«, gab Katie zurück.

»Nur kein Neid!« Chris legte den Arm um Julia.

»Gott, Chris«, Katie schüttelte gelangweilt den Kopf. »Meinetwegen könntet ihr es hier auf der Bank miteinander treiben, ich würde es nicht zur Kenntnis nehmen.«

Ganz so war es nicht. Vor allem, wenn sie daran dachte, dass er immer noch nicht angerufen hatte. Außerdem störte sie etwas an der Beziehung zwischen Chris und Julia, heute mehr noch als früher. Nach der Sache am Remembrance Day schienen sie den Preis für das perfekte Paar gewinnen zu wollen und seit Weihnachten war es sogar noch schlimmer geworden. Irgendetwas war passiert, aber Katie war noch nicht dahintergekommen, was es sein könnte. Egal. Sie hatte ihr eigenes Geheimnis.

»Sehen wir uns nachher im Seminar?«

Katie nickte. »Viel Erfolg bei der Suche nach deinem Franz-Script! Vielleicht ist es wieder im Kühlschrank, wie neulich deine Formelsammlung«, rief sie Julia nach.

»Sie war nicht im Kühlschrank …«, Julia winkte ihr zu, »sondern im Gefrierfach.«

Wenn es weiter bei Katie so gut im Studium lief, würde sie Französisch doch als Schwerpunkt behalten. Seit dieses Arschloch von Professor ach so tragisch aus dem Leben geschieden war – oh, nein – Katie empfand kein Mitleid –, unterrichtete André Marot ihr Hauptfach. Am liebsten hätte sie diesen Professor heiliggesprochen, schon allein seiner Aussprache wegen. Ganz abgesehen davon, dass er keine öden Vorträge über einen mumifizierten Literaten hielt, der seiner Kindheit hinterhertrauerte.

Katie wollte wieder die Stöpsel des iPods in die Ohren stecken, als das Handy an ihrer Hüfte vibrierte. Sie fischte das Telefon so hektisch aus der Tasche, dass es fast hinuntergefallen wäre. Bevor sie die grüne Taste drückte, atmete sie tief durch. Okay, Katie, er muss ja schließlich nicht hören, wie sehr du auf den Anruf gewartet hast.

»Hi.«

»Ist das alles, was dir dazu einfällt, wenn mein Name auf deinem Display erscheint? Hi?« Seine dunkle Stimme klang spöttisch.

»Du weißt doch, ich gehöre zur Kategorie Stille Wasser sind tief.« Katie starrte auf den See hinaus, dessen wirkliche Tiefe niemand zu kennen schien.

»Ich habe nicht viel Zeit und bin auch nicht allein.«

»Warum rufst du dann an?«

Er lachte leise. »Immer wieder ein Vergnügen, mit dir zu telefonieren.«

»Warum tust du es dann so selten?«

»Höre ich so etwas wie Sehnsucht aus deiner Stimme?«

»Höre ich da so etwas wie Eitelkeit in deiner Stimme?«

»Komm schon, Katie, gib es zu! Du vermisst mich. Bist du einsam?«

Katie erhob sich und ging ein Stück am Ufer entlang, bis sie auf der nächsten Bank, die nur wenige Meter entfernt lag, Platz nahm.

»Ich werde noch verrückt hier oben«, sagte sie leise. »Mein Kopf platzt bald. Und wenn mich noch einmal Sam Ivy mitten im Philo-Seminar antextet und um ein Date bittet, kotz ich ihm vor die Füße.«

Wieder lachte er leise.

»Und? Warum willst du dich nicht mit ihm treffen?«

Sie wechselte das Handy von einem Ohr zum anderen. »Eben weil ich ihm lieber vor die Füße kotze!«

Ein Knacken tönte in der Leitung, dann war seine Stimme, plötzlich wieder ernst. »Katie, wir müssen uns endlich sehen.«

Sie schloss die Augen. »Du kennst die Regeln«, sagte sie.

»Ja«, erwiderte er. »Und ich bin jetzt bereit dafür. Tag der Wahrheit.«

Katie hörte ihr Herz pochen. Er war bereit? Was hatte ihn plötzlich dazu bewogen? Seit er sich aus dem Nichts heraus am Anfang des Jahres gemeldet hatte, hatte der Duke sich geweigert, ihr seinen wahren Namen zu verraten. Aber das war ihre Bedingung dafür gewesen, einem Treffen mit ihm zuzustimmen.

Sie hörte ihn fragen: »Samstag?«

Wieder ertönte ein Knacken.

»Bist du noch dran?«

Nichts.

Hatte er einfach aufgelegt? Oder war sie wieder einmal an einer Stelle im Tal, wo es plötzlich keinen Empfang gab? Sie starrte auf das Handy in ihrer Hand und die Anzahl der grünen Balken.

»Katie? Katie?« Erleichtert vernahm Katie wieder seine Stimme. »Ja.«

»Ich muss aufhören. Samstagmittag. In Fields. Das kleine Café neben dem Sportgeschäft?«

»In Ordnung.«

»Katie? Es war eine lange Zeit. Ich … ich vermisse dich.«

Sie grinste. Was wollte er jetzt hören? Ich dich auch? Den Gefallen tat sie ihm nicht. »Viele Grüße … an Paul Forster«, sagte sie stattdessen. »Richte ihm aus, ich denke an ihn.«

Sie hörte sein Lachen, und als sie auf die rote Taste drückte, fühlte sie sich mit einem Mal leicht, irgendwie schwerelos. Solche Momente hatte es seit der Sache mit Sebastien in ihrem Leben nur noch selten gegeben.

Katie starrte hinüber auf den weißen Gipfel des Ghost und schob die Erinnerung an das Drama, das sie dort oben erlebt hatte, einfach weg. Die enge Gletscherspalte, die Angst, die Panik – einfach auf Delete drücken, Katie, und weg damit. Wichtig war nur das Gefühl von Freiheit, als sie auf dem Gipfel gestanden hatte. Es war ein Gefühl, das der Duke mit ihr geteilt hatte.

Sie atmete die frische, klare Luft, legte wieder den Kopf in den Nacken und hob ihr Gesicht in Richtung Sonne. Sie genoss die Stille, dieses klare Schweigen, das man hier, so nahe am Campus, nur selten erlebte.

Doch diese Stimmung hielt nicht lange an, denn gleich darauf hörte sie Schritte im Kies hinter sich und eine Stimme, die mit seltsamem Unterton flüsterte. »Paul?«

Erschrocken riss Katie den Kopf herum und sah sich Benjamin gegenüber. Aber im Gegensatz zu sonst war sein Tonfall nicht unbeschwert und fröhlich, er hatte auch seine Kamera nicht vor dem Gesicht. Dafür lag in seiner Stimme eine unterschwellige Aggression, die sie sich nicht erklären konnte. Sein Blick schweifte ruhelos über den See. Katie war völlig überrascht, als seine Hand ihre Schulter packte und sich seine Finger in ihre Jacke krallten. »Du telefonierst mit einer Leiche?«, fragte er heiser. »Mit Paul? Paul Forster?«

Grace Dossier

Liste aller Vorräte

Martha

Wem noch etwas einfällt, bitte dazuschreiben!

Fleisch, Eintöpfe, Früchte, Gemüse

Mehl, Nudeln, Dosenbrot, Zwieback, Haferflocken, Knäckebrot, Reis

Salz, Öl, Margarine, Konfitüre, Zucker, Gewürze

Kaffeepulver, Tee, Mineralwasser, Milchpulver, Kakao

Klopapier, Seife, Zahnbürste und -pasta, Müllbeutel, Küchenrolle

Milton

Wetterschutzkleidung, festes Schuhwerk

Essgeschirr, Besteck, Dosenöffner

Schlafsack und Isomatte

Taschenlampe und Ersatzbatterien

Erste-Hilfe-Material, Medikamente

Pass, Geld

Feuerzeug, Taschenmesser, Kompass, Signalpfeife

Wer besorgt die Wasseraufbereitungstabletten in Fields?

Grace

Und was ist mit SCHOKOLADE?

Frank

Und ALKOHOL?????

Paul

Den schleppst du selbst.

Mark

Denkt ihr auch daran, dass wir im Hochgebirge sein werden?

Bergschuhe, Steigeisen, Gletscherbrille (ganz wichtig!) und Eispickel oder Eisaxt.

Kapitel 2

»Paul Forster? Ich habe keine Ahnung, wovon du sprichst«, sagte Katie und die Kälte in ihrer Stimme musste sie nicht spielen.

Benjamin ließ ihre Schulter los, umrundete die Bank und stand nun direkt vor ihr.

Was war nur mit ihm los?

»Du siehst grauenhaft aus«, sagte sie. »Wann hast du dich zum letzten Mal gekämmt? Und was ist mit deinen Kleidern passiert? Hast du dich im Dreck gewälzt?«

Für einen Moment starrte Benjamin an sich herunter, seine Hände wischten über den dünnen Pullover, den eine dicke rote Staubschicht bedeckte. Zur Abwechslung trug er einmal nicht seine blaue Lieblingsjacke.

»Ehrlich, Ben, du brauchst dringend eine Dusche.«

Er murmelte etwas vor sich hin, das sie nicht verstand, dann wandte er das Gesicht der Sonne zu und blinzelte heftig. »Schaff mir die Sonne aus den Augen!«

Oh Mann, seine Pupillen waren riesig. Und glänzten – blank geschliffene schwarze Marmorkugeln in den tief liegenden Augenhöhlen.

»Alter, was hast du denn genommen?«

»Es ist so hell«, murmelte er, legte den Ellbogen übers Gesicht und stieß seltsame Laute aus. Es klang wie das Heulen von einem Nachtvogel. »Mach sie aus, Katie.«

»Was?«

»Die Lichter! Es ist einfach zu hell, verstehst du?« Hatte er zunächst geflüstert, schrie er nun.

Katie erhob sich und wollte sich an ihm vorbeischieben, doch er reagierte sofort und versperrte ihr den Weg.

»Lass mich in Ruhe, Ben.«

»In Ruhe? Und dann? Dann erstarre ich langsam zu Tode.« Er stand nun direkt vor ihr und Katie stockte der Atem, so sehr stank er aus dem Mund.

»Rote Wolken, schau.« Er breitete die Arme aus und wankte auf das Seeufer zu. Wie er vorsichtig einen Fuß vor den anderen setzte, schien es, als balanciere er auf einem Hochseil. »Er hat mich gerufen«, sagte er verträumt.

Katie fluchte einmal durch die Zähne. Was immer Ben genommen oder geraucht hatte, in diesem Zustand konnte sie ihn unmöglich allein lassen.

»Wovon redest du?« Sie ging hinter ihm her und packte ihn am Arm.

»Paul Forster«, schrie er. »Er hat mich gerufen, kapierst du das nicht? Ich bin auserwählt.«

Scheiße. Benjamin war total neben der Spur. Einfach auf einem anderen Planeten. Katie hatte noch nie kapiert, warum manche Leute sich so zudröhnen mussten, dass sie jeglichen Sinn für Realitäten verloren. Gut, auch sie verstand das Prinzip des Rausches, wusste um den Kick, aber das hier war etwas anderes.

»Jetzt krieg dich mal wieder ein, Ben.« Sie zog ihn vom Ufer weg. Für den Bruchteil einer Sekunde schien er sie tatsächlich zu verstehen und folgte ihr willenlos. Aber auf seinem Gesicht lag ein seltsamer Ausdruck. Er lachte zwar, doch es klang boshaft.

»Du solltest zur Krankenstation gehen.« Katie sprach langsam und überdeutlich. »Mrs Briggs wird dir etwas geben, damit du dich beruhigst. Du brauchst wirklich Hilfe.«

Er wandte den Kopf und starrte sie mit einem verschlagenen Blick an. »Mit wem hast du eben telefoniert, Katie? Mit wem? Mit wem? Was? Sag es mir! Komm, Katie!«

Sein Arm schnellte nach vorne. Er wollte ihr das Handy entreißen, das sie immer noch in der Hand hielt, doch Katie ließ es rasch in die Hosentasche gleiten.

Ein Knurren stieg aus seiner Kehle auf, das fast nicht mehr menschlich klang. Katie zuckte zurück. So hatte sie Benjamin noch nie erlebt. Er war so aufgewühlt und gleichzeitig schien ihn eine Kälte einzuhüllen, die ihn vergessen ließ, wer sie war. Nein, dachte sie für den Bruchteil einer Sekunde, er trägt einfach keine Maske mehr. Er hat sie fallen gelassen.

»Du hast mit dem Duke telefoniert, stimmt’s? Unserem falschen Freund, der auf dem Ghost mit dabei war – du hast ihn gefunden!«

»Ich?«

»Ja, an dem Wochenende im November, als der große Sturm kam und uns andere hier oben eingesperrt hat.«

»Ich muss jetzt ins Seminar, Ben. Und du auch.« Sie versuchte, sich an ihm vorbeizuschieben, aber er packte sie an der Jacke und hielt sie fest.

»Wo warst du an dem Wochenende über den Remembrance Day, Katie?« Plötzlich war sein Blick wieder klar.

»Unterwegs.«

»Debbie meinte, du wärst auf der Suche nach dem Duke gewesen.« Er lachte irre. »Dem Duke des Grace Valley, der mit uns den Ghost bestiegen hat und doch auf keinem einzigen meiner Filme zu sehen ist. Als ob er nie existiert hätte! Aber vielleicht existiert ja das alles hier nicht.«

»Jetzt dreh nicht durch, Benjamin.«

Abrupt wandte er sich ihr zu. »Du glaubst, ich ticke nicht ganz richtig, was?«

»Sag du es mir.«

»Warum ist er auf keinem meiner Filme zu sehen?«, brüllte er.

Ihr Herz hämmerte, sie spürte jeden einzelnen Schlag. Einfach cool bleiben, sagte sie sich. Sie zögerte kurz und stieß dann aus: »Warum ist das so wichtig?«

»Verarsch mich nicht.« Ben kniff wütend die Augen zusammen. »Tu nicht so, als ob du nicht wüsstest, wovon ich spreche. Er ist plötzlich aufgetaucht, mit uns auf den Berg gestiegen und wieder verschwunden – wie ein Geist. Wie ein Geist«, wiederholte er.

Katie starrte über Benjamins Schulter Richtung Campus, der sich allmählich leerte. Von der Treppe winkte ihr Alex Claus zu, ein Student aus ihrem Französisch-Schwerpunkt. Ganz gegen ihre Gewohnheit winkte sie zurück und wollte schon zu ihm hinüberlaufen, aber Benjamin hielt sie am Arm zurück. Katie stolperte und fing sich in letzter Sekunde. »Mann, Benjamin, sieh zu, dass du von diesem Trip herunterkommst«, fauchte sie. Sie versuchte, den Kopf zu drehen, um zu sehen, ob Julia und Chris von ihrem Spaziergang zurückkehrten, doch Ben versperrte ihr den Blick, indem er sich vor sie stellte. Der Griff um ihren Arm wurde noch stärker.

»Lass mich los!«

»Paul Forster ist hier irgendwo, stimmt’s?«

»Paul Forster ist seit über dreißig Jahren tot.«

»Du weißt, wen ich meine.«

Katie spürte, wie sie zitterte. Wie kam er ausgerechnet jetzt auf den Duke? Wochenlang hatten sie nicht mehr darüber gesprochen und niemand hatte den Namen erwähnt.

Es war Katie gewesen, die im letzten Sommer die Tour auf den Ghost, den höchsten Berg im Tal, initiiert hatte. Und kurz vor ihrem Aufbruch war dieser Junge mit dem kurz gestutzten Bart, den rötlichen Haaren und der Narbe auf der Wange aufgetaucht. Er besaß eine der seltenen Karten vom Tal und hatte sich als Paul Forster vorgestellt.

Nicht sein wahrer Name, wie sich herausstellen sollte.

Am Ende war er einfach verschwunden. Und den echten Paul, einer der Studenten, die in den Siebzigern auf dem Berg verschollen waren, hatte Katie in einer Gletscherhöhle gefunden. Für fast vierzig Jahre war die Höhle sein eisiges Grab gewesen.

»Der Duke war ein Lügner, hat einen falschen Namen angegeben, warum auch immer«, sagte Katie. »Es ist mir völlig gleichgültig.«

»Du lügst, Katie.«

Sie sah plötzlich, dass er am ganzen Körper zitterte. »Mensch, Benjamin, leg dich ins Bett und schlaf dich richtig aus, sonst landest du da, wo Debbie ist: in der Psychiatrie.«

Er zerquetschte fast ihren Arm. »Du bist eiskalt, stimmt’s Katie? So kalt und hart wie das Eis auf dem Gletscher.«

Normalerweise machte ihn das Zeug, das er nahm, gut gelaunt, manchmal auch hyperaktiv, aber noch nie hatte Katie ihn so aggressiv erlebt. Die Worte, die er sagte, klangen wirklich so, als wäre er auf einem Trip, der ihn in eine andere Welt führte. Er schien völlig losgelöst von der Realität und hätte er nicht ständig ihren Namen wiederholt, hätte sie gedacht, dass er sie gar nicht erkannte. Und wieder streifte sein fürchterlicher Mundgeruch sie, als er nun sagte: »Ich habe gesehen, was zwischen euch gelaufen ist.«

»Was denn?«

Benjamin ließ sie für einen Moment los. »Schwingungen«, murmelte er. »Echte Schwingungen. Er fand dich toll, hätte dir am liebsten die Kleider vom Leib gerissen. Die ganze Zeit, vom ersten Moment an. Der Duke war nur deinetwegen dabei. Wir anderen haben ihn einen Scheiß interessiert. Und du interessierst dich doch auch nicht für uns, oder? Also, warum bist du hier im Tal? Wer hat dich geschickt?«

»Geschickt?« Katie spürte die Wut kommen. Sie stürmte los, aber im selben Moment war Benjamin über ihr. Er, der nicht größer oder schwerer war als sie, entwickelte plötzlich unglaubliche Kraft. »In wessen Auftrag bist du hier?«, brüllte er.

»Was redest du da?«

»Du hast die Aufnahmen von ihm gelöscht, stimmt’s? Hast dir meine Kamera genommen und die Bilder überspielt.«

»Ich habe doch keine Ahnung, wie das Ding überhaupt funktioniert.«

Benjamin kniff die Augen zusammen: »Oder ging es um etwas anderes? Wolltet ihr, dass ich dort oben krepiere?« Eine Art Grinsen lag nun auf seinem Gesicht. »Vermutlich dachtet ihr, ich würde das sowieso nicht durchhalten. Dass ich schlappmachen würde. Hast du meinen Tod in Kauf genommen, Katie?«

»Kein Mensch hat dich gezwungen, mit dort hochzugehen.«

Sein Griff war mittlerweile wieder erschlafft und Katie hätte sich befreien können, aber etwas in seinem Tonfall hielt sie davon ab.

»Die Lichtstraße«, sagte er und seine Stimme wurde so schleppend, als müsse er um jeden seiner Gedanken ringen, als wäre es eine kaum zu ertragende Last, jeden einzelnen Buchstaben auszusprechen. Er wandte das Gesicht dem See zu und kniff die Augen zusammen. »Siehst du sie, Katie? Siehst du sie? Manchmal verschwindet sie, dann ist sie wieder da.« Angst sprach aus seinem Blick. »Du siehst sie doch auch, Katie, oder?«

Sie hielt den Atem an.

»Die Lichtstraße führt in die Unendlichkeit. Ich habe es gewusst, nur deshalb bin ich mit dir auf den Berg gestiegen. Weil der Gletscher«, flüsterte er nun, »der Gletscher ist nicht wirklich da, verstehst du? Er ist nur eine Spiegelung der Milchstraße und weißt du, wohin sie uns führt? Uns alle?«

Katie sah, wie sich zwei Gestalten auf dem Weg näherten, Arm in Arm. Chris und Julia. Gott sei Dank! Sie würden ihr helfen, Ben auf die Krankenstation zu bringen, denn da gehörte er hin, und zwar schleunigst, wenn sie das richtig sah.

»And if you listen very hard. The tune will come to you at last …«, begann Ben zu singen und es klang fast, als ob er weinte. »When all are one and one is all – to be a rock and not to roll.«

Sie winkte Chris und Julia zu, damit sie sich beeilten.

»And she’s buying a stairway to heaven.«

Katie räusperte sich, trat von hinten an ihn heran und legte die Hand auf Bens Schulter. Sie war dreckig und feucht. »Irgendwann wird dich jemand dem Dean melden, Ben«, sagte sie eindringlich, »und dann fliegst du vom College, verstehst du?«

»Niemand kann mich aus dem Tal werfen, Katie, das ist unmöglich.« Seine Stimme klang fast tonlos. »Es gibt keinen Weg zurück, wenn man erst einmal so weit gekommen ist.«

»Ach ja? Du wirst sehen, wie schnell das geht.«

Sein Kopf schnellte herum. Plötzlich war sein Gesicht wieder völlig normal, trug den heiteren Ausdruck, der für Benjamin typisch war. Zwar waren die Pupillen noch immer geweitet, aber sein Blick war ganz klar.

Julia und Chris waren nur noch wenige Schritte entfernt, als er sagte: »Du hast keine Ahnung, worum es hier oben geht, oder?«

Benjamin ließ Katie stehen, noch bevor Chris und Julia sie erreichten. Er ging mit schnellen Schritten querfeldein über den Rasen auf den historischen Teil des Collegegebäudes zu, dessen Schornsteine und Giebel sich fast unwirklich klar gegen den blauen Himmel abhoben. Katie starrte ihm fassungslos hinterher und konnte nicht glauben, dass Ben noch nicht einmal schwankte.

Plötzlich war sie sich nicht mehr sicher, ob er ihr einfach nur etwas vorgespielt hatte. Die Frage war nur – warum? Katie versuchte, sich zu erinnern, wann sie ihn zum letzten Mal gesehen hatte. Es fiel ihr nicht ein. Es war Prüfungszeit und jeder war mit sich beschäftigt. Sie hatten kaum Zeit, sich zu treffen oder miteinander zu reden. Vermutlich war er in einem der Grundkurse gewesen, sie hatte ihn nur nicht bemerkt.

»Ist was?«, fragte Julia, als sie und Chris bei Katie angelangt waren. »Du siehst aus, als wäre hier gerade ein Geist vorbeigekommen.«

»Chris, was ist mit Benjamin los?«, fragte Katie statt einer Antwort.

»Was soll mit ihm los sein?«

»Er ist völlig von der Rolle.«

Chris lachte. »Das ist doch nichts Neues.«

»Nein, nicht wie sonst. Er war total aggressiv.«

»Ben?« Julia schüttelte ungläubig den Kopf.

»Außerdem hat er wirklich seltsame Dinge erzählt.«

Chris zuckte mit den Schultern und grinste. »Vielleicht hat er sich mit seinem Lover gestritten?«

»Lover?«

»Das weißt du noch nicht?« Auch Julia lachte nun.

»Was?«

»Er ist mit Tom zusammen, einem der Senior-Studenten. Der aus dem Collegetheater – erinnerst du dich an seinen grauenhaften Hamlet?«

Katie schüttelte den Kopf. »Tom und Benjamin? Das hat mir bisher niemand erzählt.«

»Tja«, sagte Chris und hob die Hände, »seitdem sie Debbie in die Psychiatrie gesteckt haben, versagt der Nachrichtendienst am Grace. Dann wüsstest du, was los ist. Benjamin hat sich schon ewig nicht mehr im Apartment blicken lassen. Vermutlich wohnt er bei Tom im Bungalow. Ich habe sogar das Gefühl, er vernachlässigt seine Filmerei.«

Katie überlegte. »Hört mal, er wirkte alles andere als frisch verliebt. Er war völlig zugedröhnt, hat etwas von Lichtstraßen und Aufträgen gelallt.«

Julia pustete sich eine Haarsträhne aus der Stirn. »Schade, dass wir zu spät gekommen sind. Das muss ja eine echte Show gewesen sein.«

Chris rollte die Augen. »Ich kann auf so einen Scheiß verzichten«, knurrte er. »David hat ihm schon hundertmal gesagt, dass er endlich die Drogen aufgeben soll. Aber Benjamin macht sich nur über ihn lustig und behauptet, selbst Moses wäre vermutlich nur bekifft gewesen, als er den brennenden Dornbusch sah. Vielleicht hat er recht, egal, ich mische mich da nicht ein …« Chris stockte kurz und kniff die Augen zusammen. »Wenn jemand erst einmal damit angefangen hat, dann kann man als Außenstehender kaum etwas machen.«

Katie schüttelte den Kopf. Chris und Julia verstanden nicht, was sie sagen wollte, aber andererseits – es machte ja auch keinen Unterschied. Sie lebte ihr Leben – und Ben seins. Im Grunde genommen ging es sie nichts an, wenn er sich zugrunde richtete.

Sie wandte sich zum Gehen. »Egal«, sagte sie. »Wir kommen zu spät zum Bio-Grundkurs. Und, Scheiße, ich bin nicht vorbereitet.«

»Was wollte Ben eigentlich ausgerechnet von dir, Katie?«, hörte sie Julia fragen. »Er ist ja sonst nicht gerade dein bester Freund.«

Katie zuckte zusammen, aber ihre Stimme war völlig ruhig, als sie sagte: »Ich habe keine blasse Ahnung. Er hat nur irgendwelchen Unsinn geredet von wegen Stairway to heaven. Aber wenn ihr meine Meinung hören wollt: Der stand nicht auf den ersten Treppenstufen Richtung Himmel, sondern war auf dem besten Weg zur Hölle.«

Grace Dossier

Aufzeichnungen aus Elizas Notizbuch

(05. August 1974)

Uhrzeit: zehn Uhr abends.

Wetterverhältnisse: sechs Grad.

Nanuk Cree hat wie versprochen die Vorräte hier hochgebracht und beim Anblick der Konserven, Cornflakes-Packungen und Pakete mit Kaffee, Zucker und Milchpulver, Ersatzbatterien, Kerzen, Streichhölzer wird mir klar, dass wir tatsächlich hier oben bleiben werden.

In einer halben Stunde wollen wir uns treffen und den Tag besprechen. Die Zeit bis dahin werde ich nutzen, um meinen Bericht über den Tunnelaufstieg noch einmal zu überarbeiten.

Bericht über die Ereignisse im Tunnel:

Feuchtigkeit an den Holzwänden, die Balken über uns strömen einen fauligen Geruch aus. Gleichzeitig Staub in der Luft. Ich darf nicht an die niedrige Decke über mir denken.

Panik.

»Alles okay?«, fragt Mark hinter mir. Er schiebt sich in dem engen Gang an mir vorbei, und als wir dicht voreinander stehen, zieht er mich an sich. Für einige Sekunden liegt mein Kopf an seiner Brust. Ich spüre seinen Herzschlag, als sei es mein eigener.

»Es tut mir leid, dass ich dich überredet habe mitzukommen.«

Ich schüttele den Kopf. »Meine Mutter hätte verlangt, dass ich nach Korea komme. Das wäre viel schlimmer als dieser Tunnel.«

Die Stimmen der anderen, die die Dunkelheit schon lange verschluckt hat:

Kathleens helles Lachen.

Ausrufe des Erstaunens.

Milton, angespannt: »Lasst uns weitergehen.«

Franks Antwort: »Wow. Vielleicht haben wir hier ein bedeutendes Weltkulturerbe entdeckt. Und noch niemand vor uns war hier unten.«

Milton, gereizt: »Ach ja? Und woher kommen die Holzbalken?«

»Geht es?«, fragt Mark. Er weiß, dass ich Angst vor engen Räumen habe.

Ich bejahe. Vielleicht zu leichtfertig?

Wir schließen zu den anderen auf.

Sie starren auf die Höhlenwand. Erst als Mark seine Taschenlampe auf das Gestein richtet, verstehe ich die Aufregung. Die Wand ist über und über mit Zeichnungen bedeckt. Schmale Figuren, Gesichter, die wie Karikaturen wirken. Grässliche Fratzen, Masken, Schlangen, Pferde, ein Jaguar und dazwischen immer wieder komplizierte geometrische Figuren.

Paul: »Mann, die sind ja überall. Hier, der ganze Seitengang ist voll davon. In jeder Nische und jedem Spalt haben sie Bilder hinterlassen.«

Grace: »Seht ihr die maskierten Tänzer? Ist das nicht wundervoll? Und diese ovalen Hüte, die sie aufhaben, sind doch witzig, oder? Meint ihr, die waren in der Steinzeit Mode?«

Milton mahnt noch einmal zum Aufbruch, inzwischen ungeduldig.

Grace schüttelt den Kopf. Beugt sich näher vor, studiert jede Linie. »Das sind Indianersymbole. Ich möchte nur wissen, woher sie die Farben hatten. Milton, gib mir doch mal die Taschenlampe.«

Sie richtet den Strahl der Lampe auf den Boden, wo ein Haufen Steine liegen – und Knochen.

Reste von Tieren oder Menschen? Sie bilden ein kompliziertes Muster.

Grace bückt sich, hebt einen Stein auf und zieht eine dunkelrote Linie an der Wand. »He, die muss ich unbedingt mitnehmen.«

Ein leiser Aufschrei. »Shit, jetzt habe ich mich geschnitten.« Milton wird wütend. Er will endlich weiter.

Grace fragt: »Warum hast du es so eilig? Wir werden sowieso Wochen dort oben verbringen. Da kommt es auf ein paar Minuten nicht an. Also stellt euch in einer Reihe auf, ich werde uns auf der Wand verewigen.«

Mark zieht mich nach vorne.

Ein seltsames Gefühl überfällt mich, als Grace direkt vor mir steht und meinen Umriss zeichnet. Ich fühle mich plötzlich Tausende von Jahren zurückversetzt.

Grace: »Und jetzt, Paul, malt Eliza uns beide, wie sich unsere Hände berühren. Paul?«

Ihre Stimme hallt im Tunnel nach. Das Gebälk knirscht. Gesteinsbrocken und Staub rieseln auf uns hinab.

»Paul?«

»Paul? Paul, wo bist du?«

Kapitel 3

Die Sonne brannte durch die großen Fensterscheiben wie ein monströser Scheinwerfer und heizte die stickige Luft des Raums derart auf, dass Katie fürchtete, jeden Moment umzukippen. Sie fühlte sich so eingeengt, als ob ihr ein zu kleiner BH die Luft abschnürte, und sie sah an den Gesichtern der anderen Studenten, dass es offenbar nicht nur ihr so ging.

Wie konnte Jay Bauer von ihnen verlangen, bei diesem blauen Himmel in dieser Sardinenbüchse zu sitzen und seinen Ausführungen zu lauschen?

Jay Bauer gehörte zur Kategorie von Dozenten, die das Studium mit modernem Management verwechselten. Er war um die dreißig, seine Glatze glänzte, als hätte er sie mit Politur behandelt, sein Humor war so gering wie der Alkoholgehalt von Muttermilch und seine Miene so ernst, als verkünde er den Bankrott der Bank of Canada. Jeder im Tal wusste, dass er nach einem Professorenposten schielte, und vielleicht verstand er genau deshalb keinen Spaß.

Etwa zwei Meter weiter links entdeckte Katie einen schwarzen Punkt auf dem Fußboden. Sie kniff die Augen zusammen und starrte ihn an.

Eine Ameise …

Ameisen waren zum Großteil genauso dumm wie die Studenten hier im Raum. Bis auf diese eine. Sie hatte sich ganz offensichtlich der Diktatur ihres Volkes entzogen und versuchte, sich alleine im Tal durchzuschlagen.

Stopp.

Das war nicht möglich.

Im Tal gab es keine Tiere – außer der schwarzen Dogge von Professor Brandon. Weder Säugetiere noch Insekten. Keine Bären, keine Weißkopfseeadler, keine Murmeltiere – und keine Ameisen. Nur Vögel, doch selbst sie schienen an der Grenze zum Tal kehrtzumachen.

Katie beugte sich vor. Neben ihr saß Robert, Julias kleiner Bruder, das Genie am Grace. Er fixierte einen Punkt irgendwo vor den Fenstern. Robert war strange – und Katie musste zugeben, dass sie aus ihm nicht wirklich schlau wurde. Mit seiner Harry-Potter-Brille und seinen jungenhaften Gesichtszügen schien er viel eher auf die Highschool zu gehören als an ein College. Aber sie wusste, dass Professor Vernon, der Leiter des Mathematik-Departments, so große Stücke auf Robert hielt, dass er ihn oft zu sich nach Hause einlud und mit ihm über Probleme diskutierte, die an Universitäten der ganzen Welt erforscht wurden.

Katie hatte sich schon oft gefragt, wie Robert die Welt sah. Erschien sie ihm vielleicht in Zahlen – oder in abstrakten, geometrischen Formen?

Wobei – Formen hin, Zahlen her – für die arme Ameise schien das Wunderkind keine Augen zu haben. Dafür bewegte Robert den Fuß immer weiter nach links. Nur noch ein Zentimeter und – klatsch, die Ameise wäre nicht mehr länger dreidimensional, sondern total platt.

Katie beugte sich unter die Bank und schob sich an Roberts Beinen vorbei.

»Beweg dich nicht, Robert.«

Doch genau das tat er. Sein Fuß hob sich und … Katie hielt ihn fest.

Sie streckte die Hand aus und berührte den winzigen Fleck. Er blieb an ihren Fingern kleben. Nein – keine Ameise. Nur ein winziger rötlich brauner Stein. Sie hatte sich getäuscht.

Ihr Kopf erschien wieder über der Bank. Jay Bauer funkelte sie an, doch sie zuckte lediglich mit den Schultern.

»Was ist los?«, flüsterte Robert.

»Nichts.«

Sie legte den Stein auf die Bank.

»Was ist das?«

»Dreck«, erwiderte sie und gleich darauf schnitt Bauers Stimme durch den Raum.

»Haben Sie etwas zu dem Thema zu sagen, Miss West?«

»Eigentlich nicht«, erwiderte sie, verschränkte die Arme und lehnte sich zurück.

Der Dozent fuhr in seinen Ausführungen fort. »Je dichter der Baumbestand ist, desto weniger dringen die Sonnenstrahlen bis zum Boden durch. Die Nadelbäume besitzen deshalb eine …« Jay Bauers Zeigefinger schwebte über dem Touchscreen-Display des Hightech-Rednerpults. Auf dem riesigen Bildschirm hinter ihm erschien in Großbuchstaben ein lateinischer Fachbegriff: »Ektotrophe Mycorrhiza.«

Ektotrophe Mycorrhiza.

Das Klappern von Tasten verriet Katie, dass einige der Studenten soeben dabei waren, ihr Gehirn mit Wikipedia zu verlinken. Laut ihrem Philosophie-Professor Brandon die Internetplattform für Fastfood-Wissen beziehungsweise Computerfraß, wie Benjamin es nannte. Im Erfinden von neuen Worten war er sehr begabt.

»Wer kann zu diesem Thema etwas sagen?«

Rose Gardner, die sich mit Katie und Julia ein Apartment teilte, hob die Hand. Sie stach nicht nur wegen ihrer Schönheit aus der Horde Studentinnen heraus, sondern vor allem wegen ihrer Glatze. Die schöne Rose belagerte alle vierzehn Tage das gemeinsame Badezimmer, aus dem zunächst das Surren der Haarschneidemaschine zu hören war. Dann Stille. Eine beängstigende Stille, wenn Katie sich vorstellte, wie Rose nun auf ihrem Kopf den Haarschaum auftrug, um ihn anschließend zu rasieren. Es gab Dutzende von Spekulationen, warum sie das tat, aber Katie kümmerte sich nicht weiter darum.

»Einige Baumarten ernähren sich im Boden nicht selbstständig, sondern stehen in ihrem Wurzelsystem mit einem Pilzmyzelium in Symbiose, das die Ernährung des Baumes aus dem Boden übernimmt.«

»Sehr gut, Miss Gardner.« Bauer nickte. Es gab keinen Dozenten, der Rose nicht zu einer seiner Lieblingsstudenten erklärt hätte. Sie besaß ein dickes Konto von Extrapunkten, um das sie die meisten Studenten hier am Grace beneideten.

»Ektomykorrhiza findet man bei einer Reihe von Baum- und Straucharten, vornehmlich aus den Familien Pinaceae, Cupressaceae, Myrtaceae und Caesalpiniaceae«, fuhr der Dozent fort. »Wo kommt die Mehrzahl dieser Bäume vor?«

Niemand meldete sich. Bauer trat vom Pult zurück und begann, im Vorlesungssaal auf und ab zu gehen.

Wieder war das Klappern der Tastauren zu vernehmen. Die Vorlesungsräume des Grace College waren mit WLAN ausgestattet. Ein Großteil der Professoren hatte dagegen protestiert, mit – wie sie verkündeten – www.web-sex.tv in Konkurrenz zu treten.

»Niemand?«, fragte Jay Bauer abermals. Er hielt inne und wartete auf eine Antwort, die jedoch ausblieb. »Gut. Vielleicht hören Sie jetzt bitte alle auf zu schreiben.«

Die Studenten hoben die Köpfe. Einigen von ihnen war anzusehen, dass ihre Gedanken gerade den Cyberspace verließen, um wieder in die Erdatmosphäre einzutauchen. Doch ihre Finger schwebten weiter über den Tasten wie Riesenspinnen, bereit, sich in der nächsten Sekunde auf jede mentale Beute zu stürzen.