Das Tal. Die Katastrophe - Krystyna Kuhn - E-Book + Hörbuch

Das Tal. Die Katastrophe E-Book

Krystyna Kuhn

4,8
5,99 €

Beschreibung

Mitten in den kanadischen Wäldern liegt das berühmte Grace-College, Ausbildungsschmiede für Hochbegabte. Doch seltsame Dinge gehen in dem abgeschlossenen Tal vor sich: Warum ist der Ort nicht auf Google Earth zu finden? Was hat es mit der Gruppe Jugendlicher auf sich, die Mitte der 70er in den Bergen verschwanden? Julia und ihre Clique sind ahnungslos, als sie ihr erstes College-Jahr beginnen. Doch sie werden bald herausfinden, dass im Tal nichts ist, wie es scheint. Und dass sie alle nicht ganz zufällig an diesem Ort sind.

Katie hat nur ein Ziel. Den Gipfel des Ghosts, jenes legendären Dreitausenders, der das Tal überragt. Unheimliche Mythen ranken sich um den Berg, seit dort in den 70er Jahren eine Gruppe von Jugendlichen verschwunden ist. Und doch machen sich Katie und ihre Freunde auf den Weg. Aber am Berg wird sehr schnell klar, wer zum Freund wird, wer ein Feind ist. Und als dann noch ihre Führerin, die Cree-Indianerin Ana, spurlos verschwindet, sind die College-Studenten völlig auf sich gestellt. Niemand von ihnen ahnt, dass ein gefährlicher Schneesturm heraufzieht. 

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Seitenzahl: 375

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Krystyna Kuhn

DAS TAL – Season 1

___________________

Die Katastrophe

Band 2 der Serie

Thriller

Für Gisela: Lob, Lob, Lob!

Dominik: Dank für uneingeschränkte Solidarität!

Veröffentlicht als E-Book 2010

© 2010 Arena Verlag GmbH, Würzburg

Alle Rechte vorbehalten

Covergestaltung: Frauke Schneider

ISBN 978-3-401-80119-3

www.arena-verlag.de

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1

Irgendwo stürzte ein Stein die Felsen hinab, schlug in seinem Fall mehrfach gegen die Wand und das dumpfe Geräusch des Aufpralls wiederholte sich noch lange als Echo, als der Fels-brocken schon längst auf die glatte Oberfläche des Lake Mirror eingeschlagen und innerhalb weniger Sekunden hinab auf den Grund des Gletschersees gesunken war.

Katie ließ sich nicht ablenken, sondern bewegte sich mit routinierter Sicherheit weiter. Vielleicht hätten manche Leute sie auch mit einer Katze verglichen. Und wenn sie an Wiedergeburt hätte glauben können und die Wahl gehabt hätte – Katzen hätten mit Sicherheit auf ihrer Topliste ganz oben gestanden. Nur eben nicht eine einfache Hauskatze, sondern so etwas wie ein Leopard.

Etwa fünfundzwanzig Meter unter ihr nahm der Gletschersee fast die gesamte Fläche des Tals ein. Die Morgensonne, die gerade hinter den hellen Gebäuden des Grace College am Ostufer aufging, ließ die Schatten auf der Wasseroberfläche wie lebendige Wesen aussehen.

Kein Windhauch war zu spüren und Katie ahnte, dass es wieder einer dieser Sonnentage im Herbst werden würde, wie sie sich nun schon seit gut einer Woche aneinanderreihten. Nach dem völlig verregneten Sommer hatte keiner von den Studenten des Grace mehr daran geglaubt, dass hier oben auf knapp zweitausend Meter noch einmal die Sonne scheinen würde. Die letzten Tage hatte eine regelrechte Hitze geherrscht und Katie fürchtete, dass es damit bald vorbei sein würde.

Es war fast sieben Uhr morgens.

Kein Wecker war nötig gewesen, um Katie aus ihrem unruhigen Schlaf zu reißen und dem Traum, der sich – so kam es ihr jedenfalls vor – die ganze Nacht wiederholt hatte, als hätte jemand die Taste Repeat gedrückt. Sie hatte genau in dem Moment die Augen aufgeschlagen, als die erste Morgendämmerung die schneebedeckte Bergkette des Ghost in ein unwirkliches Licht tauchte.

Katie klammerte sich mit den Fingerspitzen an der Fels-kante direkt unterhalb des Überhanges fest, der die dreißig Meter hohe Steinwand in zwei Abschnitte teilte. Es war die schwierigste Stelle im Felsen und noch dazu war durch die Kühle der Nacht der Stein rutschig und kalt. Doch konnte sie zumindest auf dem Absatz unter dem Überhang stehen.

Aber es gab einen entscheidenden Faktor, der jedes Zurück unmöglich machte. Sie hatte den Point of no return bereits überschritten. Katie kannte diese Route inzwischen so gut, dass sie sie free solo klettern konnte, also ohne Seilsicherung, nur mit Magnesiumbeutel und diesen super Kletterschuhen, die sie in Fields gekauft hatte. Und das erst machte es so unglaublich spannend. Wenn es nur noch den Fels und dich gab. Denn nur das ließ den Blick nach vorn zu. Auch wenn ein Fehler gleichbedeutend war mit einem Absturz.

Was sie hier machte, das tat sie für Sebastien. Sie trainierte ihren Körper, ihren Geist, ihren Mut. Damit sie, wenn es wieder einmal so weit kommen sollte, das Richtige tat.

Ihre rechte Hand suchte nach der ersten Felsritze im Überhang. Sie hatte höchstens zwei, vielleicht sogar nur einen Versuch. Anderenfalls würde ihre Kraft nachlassen und ohne Kraft in den Armen und Fingern wäre sie hier in der Wand verloren. Der linke Griff passte zum Glück, denn ausgerechnet heute bekam sie den Kopf nicht frei. Vielleicht lag es daran, dass das College mitten in den Vorbereitungen für den Besuch der Generalgouverneurin steckte, die im Rahmen der kanadischen Ausbildungsoffensive alle Elite-Colleges des Landes besuchte.

Von den meisten Studenten der jüngeren Jahrgänge wurden die Eltern erwartet und verdammt noch mal, war es da ein Wunder, dass sie an ihre eigenen dachte? Man konnte nun einmal nicht einfach die Worte Mum und Dad aus dem Gedächtnis löschen. Auch wenn sie es nicht verdienten, überhaupt so genannt zu werden.

Katie hatte die Felsritze gefunden, aber ihr rechter Zeigefinger spürte einen winzigen Stein in der Felsritze, der sie irritierte und für einen Moment hatte sie das Gefühl zu schwanken. Sie streckte das linke Bein zur Seite und traf auf Anhieb die Kante, an der sie sich abstützen musste, um nach oben zu schwingen. Sie konzentrierte sich, ein Ruck ging durch ihren Körper und sie griff mit der rechten Hand nach oben. Doch sie spürte sofort, dass der erste Versuch misslingen würde.

Der Schweiß stand auf ihrer Stirn, als sie das Bein zurückgezogen, ihre rechte Hand wieder die alte Position gefunden hatte. Sie lehnte für einige Sekunden den Körper gegen den kalten Felsen.

Fuck! Von wegen Katze, die sich mit schlafwandlerischer Sicherheit im Fels bewegte! Sie fluchte leise vor sich hin. Was war nur heute Morgen mit ihr los? Wenn der nächste Versuch nicht klappte, war es das. Schon jetzt spürte sie, wie ihre Finger verdächtig zitterten.

Als sie sich vor gut einer Stunde aus dem College geschlichen hatte, hatte über dem Apartment, das sie zusammen mit drei anderen Studentinnen, Debbie, Rose und Julia, bewohnte, noch Totenstille gelegen. Niemand würde sie vermissen, außer vielleicht Julia. Die anderen hatten sich daran gewöhnt, dass sie ihr eigenes Ding durchzog und sich einen Dreck um ihre Mitstudenten scherte. Die Gespräche drehten sich doch sowieso fast ausschließlich um Kurse, credits, Noten, Dozenten.

Außerdem würde niemand darauf kommen, dass sie hier im Sperrbezirk sein könnte. Nicht nach den Ereignissen vor drei Monaten, der Horrornacht, wie Debbie sie nannte.

Als ob Katie sich von ein paar Verbotsschildern aus Blech abhalten lassen würde, diese Felswand hochzuklettern. Nein, sie, Katie West, würde nie eine Grenze akzeptieren, die andere ihr setzten. Nicht vom Dean, Mr Walden, nicht von ihren Dozenten und schon gar nicht von ihrem Vater.

Sie wandte den Kopf nach rechts, wo sich der Ghost, inzwischen von der hellen Morgensonne angestrahlt, über dem Lake Mirror erhob.

Ihr nächstes Ziel.

Ihr Herz schlug schneller vor Aufregung und Erwartungsfreude.

Ja, der Gedanke fühlte sich genau richtig an.

Zum zweiten Mal suchte Katies Hand an dem kalten, vom Morgentau feuchten Felsen nach der winzigen Felsritze über ihr, bis sie den widerspenstigen Griff fand und sich daran festklammerte. Sie streckte ihr linkes Bein.

Konzentrier dich, Katie!

Nur ein Meter. Nur ein einziger Meter. Und er kostete so viel an Kraft.

Katzen haben sieben Leben. Volles Risiko und alles auf eine Karte setzen. Und wenn sie es erst einmal bis an das Ende der Felswand geschafft hatte, würde sie sich dort oben frei fühlen. Dann würde sie auch diesen Tag überstehen, wie sie bereits die letzten hundert Tage im Tal überstanden hatte.

Aufgeben war keine Option für Katie. Das war sie auch Sebastien schuldig.

Weiter oben wurden die Griffabstände größer. Sie schüttelte den einen Arm aus, dann den anderen und griff in den Magnesiumbeutel an ihrer Hüfte.

Ihr linkes Bein schien sich fast in die Steinwand zu bohren, als sie jetzt mit aller Kraft dagegentrat.

Sachte, Katie. Langsam.

Auf den nächsten Versuch kam es an. Sie ging im Kopf die Bewegungen durch. Es war ihre Route. Sie kannte jede Stelle und sie selbst hatte ihr den Namen gegeben.

Black Dream.

Nirgendwo hatte sie einen Hinweis gefunden, dass vor ihr schon jemand die Wand hochgeklettert war. Keine Haken, keine vorgegebene Linie im Fels, keinerlei Spuren.

Und wenn du es geschafft hast, ohne Sicherung diese Route zu klettern, dich nur mit der Kraft des eigenen Körpers nach oben zu bewegen, wirst du dich gut fühlen. Verdammt gut!

Im Stillen zählte sie die Sekunden von zehn abwärts, um bei drei... zwei... eins... null tief Luft zu holen und dann spannte sich ihr Körper in eine Linie und sie hing über dem Felsabsatz, auf dem sie soeben noch gestanden hatte.

Ja!

Dieser Felsen war ihr Felsen. Dieser Morgen war ihr Morgen. Dieser Tag ihr Tag. Und den konnte ihr niemand nehmen, vor allem nicht ihr Vater. Er nicht. Gerade er.

George West, ihr Vater, war eines Tages vor ihr gestanden mit diesem Brief in der Hand: »Ich wusste nicht, dass du dich für dieses College beworben hattest.«

Katie hatte lediglich mit den Schultern gezuckt und schnippisch erwidert: »Es ist meine Entscheidung.«

»Du willst also nach Kanada?«

Kanada? Nie im Traum wäre Katie vorher auf diese Idee gekommen. Doch die Sache mit Sebastien war erst wenige Wochen her. Er war ihr erster Freund gewesen. Ihr erster und einziger und sie hätte alles dafür gegeben, wenn er noch am Leben gewesen wäre.

»Warum nicht Kanada? Hast du etwa etwas dagegen? Willst du lieber, dass ich die Georgetown University besuche?«

»Keineswegs. Es reicht, dass dein Bild in allen Zeitungen zu sehen ist.«

»Eben. Wozu brauchst du mich dann noch live und in Farbe?«

Und ihre Mum? Sie hatte diese völlig emotionslose Miene der Chungs aufgesetzt, der Gesichtsausdruck, der sich im Lauf der vielen Generationen des Chung-Clans genetisch festgesetzt und aus dem Chromosomenpool nicht mehr wegzudenken war. Aber die Tage vor Katies Abreise war sie seltsam unruhig gewesen, war in der riesigen Wohnung umhergewandert, ihre Hände unablässig damit beschäftigt, Stühle zu verschieben, Schubladen auf-und zuzumachen, Kissen gerade zu rücken. Fast als versetze sie der Abschied ihrer Tochter in Panik. Doch dann hatte sie nicht einmal die Hand zum Abschied gehoben. Und schon gar nicht den typischen Satz über die Lippen gebracht, den jede Mutter ihrer achtzehnjährigen Tochter mitgibt, die zweitausend Meilen weiter weg ihr neues Leben anfängt.

»Ruf doch mal an.«

Durch Katies Herz ging ein Stromschlag. Gut – biologisch betrachtet war es irgendetwas anderes –, aber genau so fühlte es sich an. Dieser kurze, wirklich kurze Moment, wenn das wichtigste Organ des Menschen, das ihn am Leben erhält, den Rhythmus verliert. Und das alles nur wegen dieser elenden Erinnerungen. Scheiße!

Sie war doch sowieso für ihre Eltern gestorben!

Anders, Katie, du musst umgekehrt denken. Sie sind für dich gestorben!

Für einen Moment fühlte sie sich hundeelend. Noch immer klebte sie mit gegrätschten Beinen im Steinhang. Sie biss die Zähne zusammen und spürte, wie ihre schweißnassen Finger abrutschten. Ihre Knie zitterten.

Hatte sie dieser Gedanke an ihre Eltern, dieser Stromschlag aus der Konzentration gebracht? Verdammt, sie wusste doch, dass es sie das Leben kosten konnte.

Aber dann begriff sie, dass es etwas anderes gewesen war, was sie aufgeschreckt hatte. Und im nächsten Moment hörte sie es auch schon.

Steinschlag!

Direkt von oben!

Ihre Finger krallten sich in die Ritze in der Wand. Ihre Füße klebten am Fels, sie wagte es nicht, auch nur eine Hand loszulassen. Ein Stein pfiff an ihr vorbei. Und instinktiv zog sie den Kopf nach vorne.

Der Helm! Sie hatte ihn im Zimmer gelassen, ihn einfach vergessen.

Ein kurzer Blick die Wand hinauf. Die Morgensonne mit ihrem hellen Licht malte einen Schatten auf die Felsen. Die Morgensonne. Für den Bruchteil einer Sekunde blitzte sie auf in Katies Augen.

Ihr Kopf stieß gegen den Felsen.

2

Mist! Sie hatte verschlafen! Obwohl Chris versprochen hatte, den Wecker seines Handys auf vier Uhr zu stellen. Und hätte er nicht im Schlaf gesprochen und sich von einer Seite auf die andere geworfen, würde sie immer noch neben ihm liegen.

Leise zog Julia die Tür des Apartments 113 hinter sich zu und holte tief Luft, um anschließend auf Zehenspitzen die Treppe hochzuschleichen. Wenn man sie erwischte und herauskäme, dass sie nachts bei Chris schlief, würde sie Ärger bekommen.

Verdammt viel Ärger!

Julia grinste innerlich: Huch, da bekam sie aber echt Schiss! Ärger – das war ein Wort, das in ihrem Wortschatz eigentlich nicht vorkam. Denn Ärger war nicht schlimmer als ein Fleck auf einem T-Shirt, ein abgetretener Schuhabsatz, nicht mehr als ein Kratzer im Lack ihres Alltags. Wow! Sie war ja richtig gut drauf, heute Morgen. Die letzten Sätze sollte sie sich merken für Mrs Hill, die nicht nur englische Literatur am College unterrichtete, sondern auch Creative-Writing-Kurse gab.

Im zweiten Stockwerk angelangt, stieß Julia leise die Glastür auf, die das Treppenhaus von dem langen Korridor trennte, in denen sich die Apartments der Mädchen aus dem ersten Jahr aneinanderreihten. Wie immer lag dieser merkwürdige Geruch über den holzvertäfelten dunklen Fluren. Irgendetwas zwischen schweißgetränkten alten Socken und ätzenden Reinigungsmitteln, die mit hundertprozentiger Sicherheit schon längst auf dem Index für gefährliche Umweltgifte standen.

Es war kurz vor halb sechs. Zu früh, um hier draußen im T-Shirt, sozusagen halb nackt, herumzurennen, und zu spät, um sicher zu sein, dass noch niemand wach war. Isabell Hill, Studentin im Senior-Jahr und Betreuerin des zweiten Stockwerks, gehörte zu den Frühaufstehern und war jemand, der um diese Uhrzeit bereits gerne joggte. Julia konnte nicht verstehen, weshalb die Senior-Studentin von der Collegeleitung überhaupt noch als Tutorin akzeptiert wurde, nachdem sie die verbotene Party am See vor drei Monaten organisiert hatte, die in dieser furchtbaren Katastrophe um Angela Finder gemündet hatte.

Aber offenbar hatte Dean Walden kein Problem damit. Vielleicht lag es auch daran, dass Isabells Eltern Dozenten am Grace waren.

Julia huschte an den Aufzügen vorbei in Richtung ihres Apartments, das ganz am Ende des Flurs lag. Sie hatte nicht zum ersten Mal eine Nacht bei Chris verbracht und damit eine der strengen Hausregeln verletzt. Allerdings war es nicht der Verstoß gegen die heilige Hausordnung, der ihr Sorge bereitete. Nein, was sie echt fürchtete, war der Fakt, dass sie süchtig nach Chris’ Nähe zu sein schien. Denn im Hinterkopf schwebte immer die Angst, sie könnte einfach nur das Alleinsein nicht aushalten. Die Nächte im Tal – sie waren am schlimmsten. Wenn Dunkelheit und Stille sich verbündeten und den schrecklichen Erinnerungen an die Vergangenheit und der Panik vor der Zukunft Tür und Tor öffneten.

War es wirklich Julia, die nach Mitternacht hinunter zum Apartment der Jungs schlich? Oder nicht etwa ihr früheres Ich: Laura de Vincenz? Das Mädchen, das sie gewesen war, bevor ihre Eltern so brutal ermordet worden waren – und deren alte Identität sich immer wieder den Weg an die Oberfläche suchte? Ähnlich einem Gespenst aus der Vergangenheit, das durch die nicht enden wollenden Flure alter Gemäuer huschte?

Niemand hier im College wusste, dass Julia und ihr Bruder Robert im Rahmen des deutschen Zeugenschutzprogramms ein neues Leben angefangen hatten. Nicht einmal Chris.

Vor allem nicht Chris.

Sie musste unbedingt mit Katie über Chris reden. Nicht, dass man mit Katie wirklich hätte reden können. Es war mehr so, dass die spröde Halb-Koreanerin einfach nur zuhörte. Und wenn sie doch einmal einen Kommentar abgab, dann äußerte sie mit Sicherheit kein Verständnis, sondern allenfalls etwas wie mitleidslose Akzeptanz.

»Warum beschwerst du dich dauernd über Chris?«, hatte Katie nicht nur einmal gesagt. »Wenn er dir zu wenig spricht, dann stelle ihm Fragen. Vielleicht ist er einer von den Typen, die nur im Dialog funktionieren.«

»Aber was will er wirklich von mir?«

»Wie wäre es mit Sex? Dazu braucht er nicht zu reden. Männer reden nur, um eine Frau herumzubekommen. Meiner Meinung nach ist das der Grund, warum sie überhaupt die menschliche Sprache lernen.«

Ganz so einfach, wie Katie es schilderte, war die Sache nicht, und je stärker ihre Mitbewohnerin über Chris lästerte, desto heftiger verteidigte Julia ihn: »Aber er sagt, er liebt mich. Immer wieder!«

»Ist doch schön! Ich verstehe allerdings nicht, warum sich das aus deinem Mund so verzweifelt anhört.«

Das war meistens der Punkt, an dem Julia das Thema wechselte, denn im Grunde hatte sie keine Ahnung, warum Chris sie wieder und wieder in diese Zweifel stürzte. Vielleicht, weil es bei Kristian völlig anders gewesen war? Nein, du, Julia, warst damals völlig anders, dachte sie und drückte die Klinke zum Apartment 213 herunter, das wie alle VierZimmer-Apartments von dem langen Hauptflur abzweigte.

Als sie die Tür leise hinter sich zuzog und den Vorraum durchquerte, hörte sie es in der Küche rascheln.

Auch das noch! Womöglich war Debbie wieder mal mittendrin in einer ihrer Fressorgien. Als ob es nicht in einer Stunde Frühstück in der Mensa gäbe.

Julia stoppte und lauschte. Die Tür des Kühlschranks wurde geöffnet und wieder geschlossen. Dieses Mädchen litt unter einer nicht zu stillenden Sucht und damit meinte Julia nicht nur die Fresssucht, sondern eine unermessliche Neugierde, die etwas Parasitäres an sich hatte. Sie bohrte sich in das Leben der anderen, saugte sie aus und übertrug ihr Wissen von einem Studenten zum anderen. In rasanter Geschwindigkeit. Schneller, als ein Virus es vermochte.

Schon näherte sich die rundliche gedrungene Gestalt ihrer Mitbewohnerin der Glastür. Julia fiel nichts Besseres ein, als in das am nächsten liegende Zimmer zu flüchten. Schon hatte sie bereits den Türgriff in der Hand.

Katies Raum lag fast vollständig im Dunkeln. Aber eben nur fast. Denn das helle Licht des Morgens schaffte es hier und da, durch eine der Ritzen der wurmstichigen Holzläden zu dringen. Wie ihr eigener Raum war auch Katies Zimmer winzig. Die Wand links wurde komplett von einem Schrank und einem schmalen Bücherregal eingenommen, gegenüber standen das Bett und rechts der Schreibtisch. Julia tastete sich langsam nach vorne und hoffte, dass sie Katie nicht zu Tode erschreckte.

Als ob Katie etwas erschrecken könnte, schoss ihr durch den Kopf. Jedenfalls musste sie schlafen wie ein Stein, denn weder hörte Julia ein Rascheln der Bettdecke noch irgendwelche Atemgeräusche. Als hätte man den Stecker gezogen.

Draußen im Vorraum hörte sie Debbies schlurfende Schritte und das Klatschen ihrer Flipflops auf dem Linoleum, dann fiel eine Tür ins Schloss.

Julia stieß in der Dunkelheit gegen etwas, das sich plötzlich bewegte. Der Schatten des alten Schaukelstuhls schwang vor und zurück. Katie hatte das hässliche Teil bei Ebay bestellt und verbrachte darin mehr Zeit als in ihrem Bett. Manchmal, wenn Julia an Katies Zimmer vorbeiging, hörte sie das ruhelose Knarzen des Stuhls. Nur eines der Dinge, die nicht zu ihrer verschlossenen Mitbewohnerin zu passen schienen, wie auch die Bilder und Fotos, mit denen sie die Wände ihres Zimmers tapeziert hatte.

Katie war die Einzige, die das ungemütliche College-Zimmer mit der Holzdecke, den einfachen formlosen Möbeln und den grau gestrichenen Wänden umgeräumt hatte.

Julia wich dem Schaukelstuhl aus, der immer noch hin und her schwang, und tastete sich nach vorne zum Bett. Immer noch war kein Geräusch zu hören.

Kurz überlegte sie, ob sie Katie schlafen lassen sollte, aber sie war zu wach und zu aufgeputscht, um jetzt auf ihrem Bett zu sitzen und Däumchen zu drehen. Schließlich hatte Chris letzte Nacht die drei Worte gesagt: Ich liebe dich. Und Julia wusste nicht, ob sie sich darüber freuen sollte. Sie musste einfach mit jemandem darüber reden!

»Hey, Katie«, flüsterte sie.

Keine Reaktion.

Julia räusperte sich, diesmal hörbar. »Katie!«

Wieder nichts.

Mann, da half wirklich nur totale Schocktherapie. Julias Hand suchte nach der Nachttischlampe und im nächsten Moment wurde der Raum von einem grellen Licht erhellt, das sogar Julia blendete.

Aber niemand schrie empört auf und Julia verstand nun auch, warum.

Katies Bett war leer. Die Decke glatt gestrichen, das Kopfkissen schien unberührt.

Als Julia ihre Hand unter die Decke schob, war das Laken eiskalt.

Katie schien überhaupt nicht geschlafen zu haben – zumindest nicht in ihrem eigenen Bett.

Und obwohl Julias Verstand ihr sagte, dass es dafür eine ganz natürliche Erklärung geben musste, schließlich war ihr eigenes Bett diese Nacht ebenfalls unberührt geblieben, konnte sie es nicht verhindern: Wieder stiegen die Bilder der furchtbaren Nacht vor drei Monaten in ihr auf.

Die Nacht, die damit geendet hatte, dass Angela Finder, eine der Senior-Studentinnen im Tal, spurlos aus ihrem Zimmer verschwunden war. Julia und die anderen hatten sie gefunden – im See. Nie würde Julia den Anblick der Leiche vergessen, deren lange Haare das Wasser wie feine Fäden durchzogen hatten.

3

Nicht bewusstlos werden!

Nicht bewusstlos werden!

Du darfst nicht bewusstlos werden!

Wie ein Mantra murmelte Katie die Worte, während sie hilflos in der Wand hing.

Um die zwanzig Meter Abgrund klafften unter ihr. Wenn sie von diesem Felsvorsprung in die Tiefe stürzte, war es aus. Etwas Feuchtes lief Katies Stirn herunter, dort wo sie mit dem Kopf gegen den Felsen gestoßen war.

Egal, scheißegal! Vergiss das Blut! Du musst dich einfach nur festhalten. Dichter an den Felsen ran! Er gibt dir Sicherheit. Komm schon, wozu hast du wochenlang trainiert?

Ein Geräusch drang von oben zu ihr herunter. Ein Scharren, dann ein Rascheln. Es brachte Katie endgültig zur Besinnung.

»Ist da jemand?« Erst einen Moment später wurde ihr klar, dass es ihre Stimme war, die da so dünn und fragend durch die Morgenluft klang. Sie versuchte es noch einmal, diesmal bestimmter: »Hier! Ich bin hier!«

Keine Antwort. Nur der leise Wind, der über die Felswände strich, und das Dröhnen ihrer Stimme in den Ohren.

Da war niemand. Natürlich nicht. Niemand trieb sich in der Sperrzone herum – schon gar nicht um diese Uhrzeit. Vermutlich war es ein Tier gewesen. Ein Tier, Katie? Wann hast du jemals hier im Tal ein Tier gesehen?

Egal, Hauptsache, nicht noch ein Stein löste sich.

Sichern!

Die Abläufe, die Kletterbewegungen, die Katie sich so oft eingeprägt hatte, das immer gleiche Schema, das in der Wand über Überleben oder Tod entschied, tauchte aus den Tiefen ihres Unterbewusstseins auf und übernahm wieder die Kontrolle. Katie krallte die Finger fester in den Felsriss, dessen scharfe Kante ihr in die Hand schnitt, und atmete einmal tief ein und aus.

Wären nur nicht ihre Zehen gewesen, die sich leblos und taub anfühlten! Als seien sie aus Plastik. Als Katie sie bewegte, um herauszufinden, ob sie nicht bereits abgefallen waren, spürte sie, wie der ganze Fuß ins Rutschen geriet.

Verdammt! Festhalten und Gleichgewicht halten! Du bist doch keine Anfängerin!

Ihr Herz hämmerte gegen ihren Brustkorb und sie fühlte, wie ihr ganzer Körper zitterte. Katie wusste, dass sie sich beruhigen und die Konzentration zurückgewinnen musste, bevor sie weiterklettern konnte.

Einatmen. Ausatmen. Den eigenen Rhythmus finden. Gleichmäßig wie ein Uhrwerk.

So hatte es Sebastien ihr beigebracht.

Nein, nicht an ihn denken! Nicht jetzt, nicht hier.

Katie bewegte ihren Kopf einen Millimeter von der Wand weg. Über sich erkannte sie nur grauen Felsen.

Die Gefahr eines erneuten Steinschlags war groß.

Nein, nie im Leben!

Ihr Vater hatte es Sucht, Besessenheit, Wahnsinn genannt. Wie auch immer! Sie – Katie – konnte jedenfalls nicht anders. Die Höhe war für sie etwas, das ihr half, den Überblick zu behalten. Und Höhe war für Katie schon immer der einzige Ausweg gewesen.

»Du spielst mit deinem Leben, Katie!«, hatte der glatzköpfige Psychiater gesagt, der ihr von ihrem Vater aufgezwungen worden war.

»Ach ja? Ich dachte eigentlich, ich spiele mit dem Tod! Sie wissen schon! So etwas wie Verstecken! Ich fordere ihn heraus, verstehen Sie, ich sag ihm: Wetten, dass du mich nicht kriegst?«

»Hast du Angst vor dem Leben?«

»Nein! Ich fürchte nur die Langeweile.«

»Du brauchst also den Kick, damit du dich spürst?«

»Genau wie Sie meine Probleme benutzen, um Ihre eigenen dahinter zu vergessen.«

»Eben«, hatte er gesagt, »darum geht es doch auch bei dir, Katie! Du fliehst!«

Scheiß drauf, dachte Katie nun. Scheiß auf dieses ganze Gelaber. Was wusste er oder sonst jemand schon, warum sie tat, was sie tat? Sie liebte einfach die Höhe und hasste die Tiefe. Ende der Geschichte.

Noch immer hatte Katie ihre Position um keinen Zentimeter verändert. Sie konnte nun auch ihre Finger nicht mehr spüren.

Zieh es durch, Katie, sagte sie sich, und verdammt noch mal, gib nicht auf! Gib ihnen nicht recht.

Sie spürte den metallischen Geschmack des Blutes an ihren Lippen. Noch einmal holte sie tief Luft, schloss die Augen, öffnete sie wieder, ließ die Luft durch ihre Lungen strömen und im nächsten Moment löste sie die rechte Hand aus dem Spalt. Der Arm schwang nach oben und fast gleichzeitig tasteten ihre Finger den Felsen über ihr ab.

Nicht in jeder Wand gab es ein Loch, einen Riss, einen Spalt, in dem man sich festkrallen konnte. Aber hier gab es ihn, sie wusste es. Sie musste ihn nur finden.

Da! Es war eher ein Riss statt ein Loch, aber egal.

Okay! Bleib dran! Nun der linke Fuß. Aus den Augenwinkeln erkannte Katie den Felsvorsprung fast sofort, so unscheinbar er auch war. Geradezu an den Felsen geklebt, schob sie sich, das Knie angewinkelt, nach oben. Noch ein Stück – würde es reichen?

Ja!

Endlich fand ihr Bein Halt und sie zog sich hoch.

Ein letzter Schwung, dann war es geschafft.

Nein – nicht es war geschafft, sie hatte es geschafft!

Sie, Katie West, hatte diesen Überhang überwunden, Steinschlag hin – Platzwunde her!

Nichts und niemand konnte sie aufhalten!

Katie spürte das Pulsieren des Adrenalins, es durchströmte ihren ganzen Körper, überirdisch gut fühlte sich das an. Und sie wusste einmal mehr, wozu sie all das hier tat. Wozu sie überhaupt lebte. Jetzt blieben noch allenfalls fünf Meter, die sie zurücklegen musste. Ein Kinderspiel und einen Moment später war es tatsächlich geschafft. Sie hatte den Ausstieg erreicht. Als Katie sich auf den feuchten Felsen fallen ließ und auf den spiegelglatten See tief unter ihr starrte, hätte sie fast geschrien vor Triumph und Glück.

Es war wie ein Rausch.

Ein Gefühl von Macht und Freiheit, nach dem man einfach süchtig werden musste.

Nein, Sebastien hätte nicht gewollt, dass sie aufgab.

Knapp zwei Stunden später musterte Katie durch das große Panoramafenster der Empfangshalle eine Gruppe von Arbeitern, die damit beschäftigt waren, Klappstühle auf dem akkurat geschnittenen Rasen vor der provisorischen Bühne aufzustellen, die in Richtung See zeigte.

Um die Stippvisite der Generalgouverneurin machte das College ein Aufheben, als hätte sich die Königin von England angekündigt und nicht nur ihre Repräsentantin. Die Gouverneurin stattete fünf ausgewählten Elite-Colleges der USA und Kanadas einen Besuch ab, die Reise hatte irgendetwas mit dem neuen Bildungsgesetz zu tun, das vor einem halben Jahr verabschiedet worden war. Katie hatte schon wieder vergessen, worum es sich genau handelte. Wie abartig, dass Kanada noch immer eine Monarchie war. Und, Mann, fiel denn keinem auf, wie absurd das klang, dass der Grace Chronicle, also die Collegezeitung der Studenten, doch tatsächlich schrieb, der Besuch ihrer Exzellenz, der Höchst Ehrenwerten Michelle Jean, und ihres vizeköniglichen Gemahls sei eine Ehre für das College. Katie konnte es noch immer nicht fassen!

Es würde ein paar Reden geben, kluge Vorträge von den Professoren, die Generalgouverneurin würde vermutlich weise nicken und viele Hände schütteln. Dann die Presse, ein paar Interviews und Fotos – und anschließend war der Spuk vorbei. Katie kannte sich bestens aus mit diesen verlogenen Veranstaltungen. Sie hatte Dutzende in ihrer Kindheit erlebt und verabscheute sie mehr als alles andere auf der Welt.

Politiker! Sie waren wie dieses College hier – die Fassade, Eingangshalle, Mensa, Sportzentren, Seminarräume prunkvoll, makellos – schöner Schein. Dahinter jedoch, dort wo das wahre Leben stattfand, der graue Alltag sich abspielte, dort sah es ganz anders aus. Das College bestand aus dem historischen Hauptgebäude und mehreren niedrigeren, lang gestreckten Nebengebäuden und Bungalows dahinter, die durch unterirdische Tunnels verbunden waren. Der weiß gestrichene, dreiflügelige Komplex wirkte auf den ersten Blick einladend. Doch obwohl der Campus erst vor wenigen Jahren – nach der Wiedereröffnung des Colleges – renoviert worden war, hatte man vor allem im historischen Teil ganze Trakte ausgespart, als sei dafür das Geld ausgegangen.

Der Anstrich der langen Gänge der Seitenflügel beispielsweise, in denen die Studentenapartments untergebracht waren, zeigte noch die Risse der letzten Jahrzehnte und die Wände der Treppenaufgänge waren mit Uralt-Graffiti beschmiert.

Hier sollte sich die Gouverneurin mal umsehen, dann bekäme sie ein anderes Bild vermittelt, dachte Katie. Aber das würde der Dean des Grace College, mit Sicherheit zu verhindern wissen.

Als Katie ins Apartment zurückgekommen war, war sie erleichtert gewesen, keine ihrer drei Mitbewohnerinnen anzutreffen. So ersparte sie sich die besorgten Blicke und die bohrenden Fragen.

Vor allem Debbie konnte sich nicht daran gewöhnen, dass Katie sie in der Regel ignorierte, während Rose immer wieder versuchte, auf ihre zurückhaltende Art Katie zu begegnen und ihr Vertrauen zu gewinnen. Aber auch sie ließ Katie meistens abblitzen. Die Einzige, zu der sie so etwas wie Vertrauen gefasst hatte, war Julia. Vielleicht lag es daran, dass sie beide ein Geheimnis miteinander teilten, seit sie im April gemeinsam die geheimen Daten von Angela Finder im Lake Mirror versenkt hatten. So etwas wie ein öffentlicher Schwur war dafür nicht notwendig gewesen. Katie war sich ziemlich sicher – so sicher man sich eben sein konnte bei einem anderen Menschen –, dass Julia nie ein Wort darüber verlieren würde.

»Hey Katie, du bist aber spät dran!«, riss sie eine Stimme aus ihren Gedanken. Vor ihr stand David Freeman, einer der Jungs, der zu ihrer Clique – wie Debbie es nannte – gehörte. Doch Katie hatte sich noch nie zu einer Gruppe zugehörig gefühlt. Aber David war immerhin jemand, den sie ertragen konnte, einfach weil seine Lebensstrategie auf hartnäckiger Geduld beruhte und einem – Katie konnte es nicht anders nennen – naiven Optimismus. Jeder mochte David und so gut wie niemand wollte mit ihr – Katie – befreundet sein. Aber das beruhte schließlich auf Gegenseitigkeit.

David, der wie so oft schwarz gekleidet war, trug ein paar Bücher unter dem Arm.

»Wenn ich gewusst hätte, was hier los ist, wäre ich gar nicht erst aufgetaucht!« Sie deutete auf die Arbeiter, die eine Reihe Stühle nach der anderen aufbauten. »Hast du den Aufmarsch da draußen gesehen?«

»Das College will sich der Gouverneurin und den Eltern eben von seiner besten Seite zeigen!«

»Das haben sie ja auch nötig nach Angelas Tod. Ist nicht gerade eine super Werbung für ein College, wenn hier Studentinnen sterben.«

Katie bemerkte Davids prüfenden Blick. »Was hast du denn da an der Stirn?«

Sie hob gleichgültig die Achseln und wandte sich Richtung Mensa. »Bin gegen einen Baum gerannt.«

David schüttelte den Kopf. »Hat sich das jemand angesehen?«

»Das muss sich niemand ansehen, okay?«

Im nächsten Moment hatte sie David bereits stehen gelassen und lief die Treppe hoch zur Mensa im ersten Stock, wo der größte Teil der Studenten dabei war, sein Geschirr wegzuräumen und den Saal zu verlassen. Ihre Hand berührte das Pflaster an der Stirn. Die Platzwunde war ziemlich tief, wie sie vorhin im Spiegel gesehen hatte.

Unwillkürlich schob sie sich eine Strähne ihres schwarzen Haares in die Stirn in der sinnlosen Hoffnung, das Pflaster bliebe unbemerkt. Obwohl – sollten die anderen doch denken, was sie wollten. Nichts und niemand würde ihr das Hochgefühl von heute Morgen verderben können.

Als sie die Essensausgabe verließ, war ihr Tablett voll beladen mit einer doppelten Portion Rührei, Müsli, Vollkornbrot, Frischkäse, Tomaten und Obst.

»Was ist denn mit dir los?«, hörte sie eine spöttische Stimme hinter sich. Als Katie sich umwandte, stand Chris vor ihr. »War die Nacht so hart, dass du derartigen Kohldampf schiebst? Du isst doch sonst nur Obst und Gemüse.«

»Träume können auch anstrengend sein«, erwiderte sie so gut gelaunt wie möglich und wandte ihm wieder den Rücken zu.

»Und gefährlich! Oder was ist mit deiner Stirn passiert?«

Katie rollte mit den Augen. So viel zur guten Laune. Na ja, sie hatte es versucht.

»Ich habe mich beim Rasieren geschnitten«, gab sie schnippisch zurück.

Chris lachte.

»Ach und übrigens – schaden könnte dir so eine Rasur auch nichts.« Katie nahm ihr Tablett. »Ich bin mir nicht sicher, ob dein Dreitagebart Julia wirklich gefällt.«

Wie immer, wenn die Sprache auf Julia kam, verhielt Chris sich seltsam. Als ob sie ihm allein gehörte. »Sag du mir nicht, was Julia gefällt!« In Chris’ Stimme schwang ein selbstgefälliger Unterton mit. Katie war sicher, dass Julia wieder einmal die Nacht mit ihm verbracht hatte.

Sie hatte keine Ahnung, was genau sie von Chris hielt, andererseits war das auch nicht ihr Problem. Sie schob sich mit ihrem Tablett an ihm vorbei und drängte sich durch die Menge Studenten, die zur Tür strömten.

Die Sonne brannte durch die hohen Glastüren, die hinaus auf den Balkon führten, wo der größte Teil der Tische besetzt war.

Dieser Teil des Collegegebäudes war um die letzte Jahrhundertwende entstanden. Das Haupthaus erinnerte Katie immer an eins dieser gigantischen Herrenhäuser in einem pseudohistorischen Schmachtfilm. Es bestand aus einem Mittelflügel und zwei Seitenflügeln mit jeder Menge Schornsteinen, Giebeln und Balkonen. Das Herz des Gebäudes bildete die riesige Empfangshalle, über der sich die Mensa erstreckte.

Katies Blick ging wie immer, wenn sie hier oben war, über die weite Fläche des Lake Mirror bis zu den gigantischen Felsenwänden des Ghost mit seinen beiden niedrigen Nebengipfeln und der Gletscherregion dahinter. So weit entfernt und doch so monumental, als seien sie ein von Menschenhand errichtetes Denkmal für die göttliche Allmacht. An die Katie im Übrigen nicht glaubte. Und dennoch konnte sie sich nicht gegen die Faszination wehren, die das Bergmassiv auf sie ausübte.

Wozu auch?

Wieder dachte Katie daran, was sie sich vorgenommen hatte. Der Ghost war ihr nächstes Ziel. Aber falls sie in diesem Jahr noch den Gipfel machen wollte, durfte sie nicht viel länger warten. Noch waren die Felswände schneefrei. Sie hatte die Wetteraufzeichnungen der letzten Jahrzehnte analysiert und sich eingehend erkundigt. Vor den Herbststürmen gab es fast immer eine Ruheperiode. Und für die nächsten Tage ging der Wetterbericht von einer Wahrscheinlichkeit zu fünfundachtzig Prozent von gutem Wetter aus.

Allerdings konnte man sich im Hochgebirge nie sicher sein. Das Wetter schlug um und dann...

»He, Katie, ist das da Blut unter deinem Pflaster?«, riss Debbies schrille Stimme sie aus diesen Gedanken.

Katie wandte den Kopf. Sie stand direkt neben dem Tisch, an dem ihre Mitbewohnerinnen saßen: Deborah Wilder, genannt Debbie, Rose Gardner und Julia. Außerdem war da noch Robert, Julias Bruder, doch der hatte wie immer das Gesicht in einem Buch vergraben und blickte nicht auf, als Katie ihr Tablett abstellte.

Katie mochte Robert, obwohl ihn viele hier am College für einen Psycho hielten. Aber Robert blickte hinter Dinge, von denen andere noch nicht einmal etwas ahnten. Er hatte sogar Angelas Tod vorausgesehen. Und er stellte andere Fragen als der Rest von ihnen.

Wenn Katie eines in den letzten Monaten im Tal gelernt hatte, dann das: Hier oben in dieser Einsamkeit, diesem von Felswänden eingeschlossenen Platz waren die Antworten nicht immer ganz so klar und eindeutig wie an anderen Orten der Welt.

Das war etwas, das sie sowohl reizte wie auch erschreckte. Und ach ja – und wenn ihre Eltern davon wüssten, würden sie ihre Tochter sofort abholen und sie in die Psychiatrie stecken.

Aber das eigentlich Spannende war, dass jeder diese Antwort nur alleine finden konnte. Und Robert war der Einzige von ihnen, der das ahnte.

Selbst Julia, seine Schwester, war da anders. An dem Abend im Mai, als Katie zusammen mit Julia den Memory-stick in den See geworfen hatte und das Wasser ihrer beide Geheimnisse verschluckt hatte, da war sich Katie sicher gewesen, dass auch sie begriff. Doch inzwischen hatte es immer wieder Augenblicke gegeben, in denen sie an Julia zweifelte. Nicht daran, dass Julia keinen Grund hatte, das Wissen, das Angela Finder über sie alle gesammelt hatte, zu vernichten, sondern ob Julias Persönlichkeit stark genug wäre, den Kampf mit dem Tal aufzunehmen.

Kampf mit dem Tal, dachte sie im nächsten Moment. Mann, Katie, dreh jetzt nicht durch.

Sie nahm neben Julia Platz, die sie besorgt musterte. »Wo warst du denn heute Morgen?«, flüsterte sie Katie zu. »Ich hab in dein Zimmer geschaut, aber du warst spurlos verschwunden. Gleich nach dem Frühstück hätte ich den Suchtrupp alarmiert!«

»Später«, erwiderte Katie mit Blick auf Debbie, die sie beide neugierig musterte und kurz davor war, die Frage nach der Verletzung zu wiederholen. Um von sich abzulenken, hob Katie die Hand und befahl: »Kein Wort, keine Frage und schon gar keine blöden Kommentare zu meinem Pflaster! Haltet einfach die Klappe und lasst mich in Ruhe frühstücken! Im Gegensatz zu euch habe ich nämlich noch Zeit, bis mich dieser Mistkerl von Mr Forster mit seinen Endlossätzen nervt.«

»Wenn du das Fach so hasst, warum hast du dann Französisch als Schwerpunkt gewählt?«, fragte Rose. Die schöne Rose, die so sanft tat und doch ihre Meisterschaft darin suchte, anderen zu beweisen, wie unzulänglich sie waren. So jedenfalls kam es Katie manchmal vor.

»Und warum trägst du eine Glatze?« Katie funkelte Rose an. »Habe ich nicht gesagt, keine Fragen?«

Für einen Moment herrschte eisiges Schweigen am Tisch. Sogar Robert sah von seinem Buch über Quantenphysik auf.

Katie spürte, wie Julia sie von der Seite musterte. Ja, sie wusste, sie war sozusagen der Eiswürfel in jeder gemütlichen Runde. Sobald sie erschien, sank die Stimmung auf unter null Grad, selbst wenn sie gut drauf war wie heute.

Rose erhob sich, blieb einige Sekunden unschlüssig stehen und wandte sich schließlich an Julia. »Kommst du mit, Julia? Isabel sucht Freiwillige für die Infostände über die unterschiedlichen Projektgruppen am Grace.«

Julia sah unschlüssig von Katie zu Rose.

Katie ertappte sich dabei, wie sie sich plötzlich sehnlichst wünschte, Julia würde bleiben.

Beim Anblick der Drillingsgipfel im strahlenden Sonnenschein und der Aussicht auf den Trubel hier im College hatte sich ihr Plan verfestigt. Sie konnte ihn einfach nicht mehr aus dem Kopf kriegen und genau darüber musste sie unbedingt mit Julia reden.

Aber bei Julia konnte man sich nie sicher sein. Manchmal hatte sie das Gefühl, in ihr steckten eigentlich zwei unterschiedliche Persönlichkeiten. Oft passte Julia sich allem einfach an, ohne irgendetwas zu hinterfragen, und nahm den leichtesten Weg, nur damit sie bei niemandem aneckte. Dann wieder spielte sie die Coole. Wenn Julia sich jetzt dafür entschied, mit Rose zu gehen, da war sich Katie zu hundert Prozent sicher, würde sie die Mitbewohnerin nicht in ihren Plan einweihen. Aber Katie würde einen Teufel tun und Julia auch nur einen einzigen bittenden Blick zuwerfen, geschweige denn irgendeinen Ton sagen. Sollte sie doch mit Rose losziehen und der Gouverneurin und allen anderen die neue Elite des Landes präsentieren. Sollte sie doch dem stolzen Eltern-pack das Grace als Paradies verkaufen. Ihr doch egal.

Seltsamerweise war es Debbie, die die Situation zugunsten von Katie entschied, denn sie sprang plötzlich auf, und ehe Rose noch wusste, was ihr geschah, fauchte sie schon los: »Warum fragst du eigentlich nie mich, Rose? Immer nur Julia! Ausgerechnet Julia! Als ob nicht schon genug Jungs auf sie stehen würden!«

Wie so oft, wenn Debbie sich aufregte, versprühte sie großzügig ihren Speichel an ihre Umgebung. Zwar blieb Katie diesmal verschont, doch sie bemerkte, wie Robert seine runde Brille abnahm und sie angewidert trocken wischte, während Debbie weitergiftete: »Meinst du etwa, Julia, ich weiß nicht, was du nachts treibst? Dass du dich ein Stockwerk tiefer von einem Bett zum anderen...«

»Halt sofort die Klappe, Debbie, oder...« Plötzlich stand David am Tisch und trug diesen wütenden Ausdruck im Gesicht, bei dem Katie immer dachte, sie wollte diesen Jungen nicht zum Feind haben. David war jemand, der seine Aggressionen ständig unterdrückte, und wenn sie einmal zum Ausbruch kämen, dann würde es zu einer ungeheuren Explosion kommen, da war sich Katie sicher. Und damit wäre es vorbei mit seinem Ruf als Heiliger.

»Oder?« Debbie war knallrot im Gesicht. »Oder? Was oder? Klar, dass du Miss Morgengrau zu Hilfe kommst. Vielleicht ist sie ja heute Morgen aus deinem Bett...«

»Es reicht, Debbie!« Rose griff nach dem Arm des Mädchens. »Und bitte, ich habe ja gar nichts dagegen, wenn du mitkommst. Aber dann los! Ich hab keine Lust, am Infostand für politische Bildung zu landen.« Im nächsten Moment zog sie Debbie schon mit sich.

»Gott«, sagte Julia inbrünstig, »irgendwann werde ich handgreiflich, Katie!«

»Sei vorsichtig mit dem, was du sagst«, erwiderte David ernst. »Du hast wohl schon vergessen, was mit Angela passiert ist!«

»Würde ich ja gerne, aber irgendjemand erinnert einen ja ständig daran!«, erklärte Katie. »Haben sie das auch in dieser Werbebroschüre für die Gouverneurin abgedruckt? Das besondere Highlight am Grace! Mord inbegriffen! Und ich wette, irgendwo gibt es noch ein detailliertes Infoblatt über die anderen Studenten, die damals in den Siebzigerjahren hier oben...«

Es war Robert, der Katie unterbrach. Julias jüngerer Bruder schlug mit lautem Knall das Buch zu, erhob sich und sagte an Katie gewandt: »Halt Julia aus der Sache raus!«

Dann verließ er den Tisch.

Verblüfft starrte Julia ihm hinterher. Einige Sekunden später wandte sie sich Katie zu und fragte: »Welche Sache? Was hat er damit gemeint? Hab ich was verpasst?« Und dann, etwas leiser: »Wo warst du denn nun heute Morgen? Hast du etwa einen heimlichen Liebhaber?«

Und Katie dachte nur: Ich muss herausfinden, auf welcher Seite sie steht!

4

Katie saß geistesabwesend in ihrem Kurs über Marcel Proust und wunderte sich, dass ein Dichter sieben Bücher benötigen konnte, um eine einzige Geschichte zu erzählen, die er dazu noch »Auf der Suche nach der verlorenen Zeit« genannt hatte.

Proust war Mr Forsters Spezialgebiet und der Roman sein Steckenpferd. Und bei der Länge konnte er damit ohne Probleme die Studenten bis zu seiner Pensionierung beschäftigen. Offenbar hatte die Langsamkeit des Schriftstellers auf den Dozenten abgefärbt, denn er besaß diese schreckliche Angewohnheit, fast nach jedem Wort zu schlucken, was seine Vorträge in die Unendlichkeit zu ziehen schien.

Forsters Ruf unter den Studenten am Grace war umstritten, aber die internationale Fachwelt war sich einig: Wer in Sachen Proust forschte, konnte Professor Forster nicht genug schätzen.

Was Katie am Arsch vorbeiging. Gähnend starrte sie auf die Landkarte, die sie auf ihren Block gekritzelt hatte. Das Studium war Katie so gleichgültig, dass sie die letzten Wochen wie in Trance verbracht hatte. Aber solange ihre Noten so fantastisch waren wie im Moment, brauchte sie sich keine Sorgen zu machen. Während also Mr Forster seinen Vortrag hielt, beschäftigte sie sich damit, eine alphabetische Liste der Ausrüstung zu erstellen, die sie für das Unternehmen benötigten, und zum hundertsten Mal ging sie im Kopf die Tour durch.

Es gab eigentlich nur einen Weg auf den Hauptgipfel des Ghost, der ihr geeignet schien.

Die Steilwand, die direkt zum See abfiel, schied im Moment aus, so wenig das Katie auch passte. Selbst von hier aus konnte man erkennen, dass sie dazu ein Team von Profis brauchte, die in demselben Schwierigkeitsgrad kletterten. Sie hatte sich erkundigt – hatte wieder und wieder gefragt, aber die Wand war etwas, das sie sich aus dem Kopf schlagen musste – vorerst.

Eine Besteigung über die niedrigeren Seitengipfel war die zweite Möglichkeit. Aber das würde zu lange dauern und erforderte absolute Trittsicherheit und die Fähigkeit, mindestens im siebten Schwierigkeitsgrad zu klettern. Zumindest konnte man das aus den zahlreichen Fotos, die sie gemacht hatte, schließen. Es war nun einmal, verdammt noch mal, kein vernünftiges Kartenmaterial über das Tal zu bekommen. Robert hatte schon vor Monaten herausbekommen, dass selbst Google Earth den Zugriff verweigerte, wenn man versuchte, sich in die Gegend zu zoomen. Aber auch andere Karten über das Tal fehlten, wohingegen es kein Problem gewesen war, in Fields eine Karte über die Gletscherregion zu kaufen.

Mein Gott, wie oft hatte sie eigentlich schon diese Berge angestarrt? Und kam doch immer wieder zu demselben Schluss.

Sie mussten erst die Steilwand umgehen und über die Rückseite und die Südflanke hinauf zum Gipfel, auch wenn dies bedeutete, dass sie über den Gletscher mussten.

Fraglich war nur, ob die anderen die Kraft und die Geschicklichkeit für die Strecke haben würden. Abgesehen davon, dass Katie sie erst einmal von ihrem Plan würde überzeugen müssen.

Ohne vernünftige Karte war ihr Vorhaben der reinste Wahnsinn. Aber dennoch – Katie würde sich davon nicht abhalten lassen.

Eine Weile hatte sie gehofft, aus den Zeitungsausschnitten über das Unglück in den Siebzigerjahren etwas herausfinden zu können. Nichts. Nothing. Nada.

Stimmt nicht, Katie, du hast den einen Namen gefunden, ohne den du deine Pläne vergessen könntest.

Wie Katie es hasste, in diesem fensterlosen Seminarraum mit den Betonwänden zu sitzen. Wie in einem Bunker fühlte sie sich, während Mr Forster noch immer dabei war, seine schläfrigen Studenten mit seiner grauenhaften französischen Aussprache zu bombardieren, sodass man sich unwillkürlich fragte, wie zum Teufel so jemand eine internationale Koryphäe sein konnte. Zum Glück endete dieser Frontalangriff auf Katies empfindliches Sprachempfinden, bevor sie von der schlechten Luft im Raum bewusstlos werden und vom Stuhl kippen konnte.

Als sie am Ende des Seminars erleichtert ihre Sachen zusammenpackte, stellte sie sich zum hundertsten Mal die Frage, weshalb sie eigentlich ihre Zeit hier absaß und warum sie überhaupt Französisch als Schwerpunkt gewählt hatte. Warum, Katie?

Weil du, wenn du Französisch hörst und sprichst, Sebastien nahe bist.

Jedenfalls hasste sie Mr Forster mit seinem schwarzen Anzug, der korrekt gebundenen Krawatte und dem Taschentuch in der Brusttasche an diesem Vormittag noch mehr als sonst. Und ausgerechnet heute hielt er sie an, als sie an ihm vorbeiging: »Miss West? Ich habe festgestellt, dass sie sich noch in keine Freiwilligenliste des Französischdepartements eingetragen haben, was den Besuch der Generalgouverneurin betrifft. Darf ich fragen, warum?«

Am liebsten hätte Katie auf Französisch erwidert: »Nein, dürfen Sie nicht.« Stattdessen sagte sie: »Ich wusste nicht, dass freiwillig bedeutet, dass man verpflichtet ist, sich einzutragen. Vielleicht ist mein Englisch nicht gut genug.«

Mr Forster wusste, wer Katies Vater war. Er hatte schon einmal bemerkt, wie sehr er ihren Vater als Politiker und Diplomat schätze. Und vermutlich wollte er Katie der Gouverneurin als ein Beispiel präsentieren, dass am Grace nur die Elite aufgenommen wurde.

»Katie, ich warne Sie. Ich habe Ihre Aufnahme hier am Grace befürwortet«, sagte Mr Forster. Seine Augen schienen winzig klein hinter der dicken Hornbrille.

»Ach ja? Mich hat leider keiner gefragt, ob ich Sie als Dozent befürworte.«

Ungerührt von dieser Bemerkung fuhr Mr Forster fort. »Leider muss ich feststellen, dass ich mich in Ihnen getäuscht habe. Auch wenn Ihre Leistungen zugegebenermaßen brillant sind, stelle nicht nur ich einen eklatanten Mangel an Verantwortungsbewusstsein und Teamfähigkeit fest.«

Katie zuckte mit den Schultern und wandte sich zum Gehen, doch Mr Forster war offenbar noch nicht fertig und sie erkannte in seinem Gesicht maßlosen Ärger und – oder täuschte sie sich – sogar eine Drohung. »Diese Geschichte damals, in die Sie verwickelt waren, hat immerhin politisch einigen Wirbel verursacht.«