Das Tao Jetzt! - Alan Watts - E-Book

Das Tao Jetzt! E-Book

Alan Watts

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Beschreibung

Aus den prophetischen und unterhaltsamen Vorträgen von Alan Watts zusammengestellt, skizziert »Das Tao jetzt – Die Weisheit des Wasserlaufs« den Weg des geringsten Widerstands für die zeitgenössische Kultur und präsentiert einen Leitfaden für die Umsetzung der Prinzipien und Praktiken des Tao und des Wu Wei (Tun ohne zu erzwingen): Nie waren diese Lehren so wertvoll wie heute!

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Seitenzahl: 281

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Alan Watts

Das Tao jetzt!

Es gibt heute unbedingt viele gute Gründe, das weibliche Geschlecht wieder besser sichtbar zu machen. Dies ist seit mehr als 40 Jahren auch Anliegen unseres Verlages. Ob dies durch Gendern erreicht wird, darf man jedoch hinterfragen, immerhin geht es um unsere Muttersprache. Sicher ist, dass der grammatische Genus nichts über das Geschlecht (Sexus) aussagt. Deswegen halten wir uns als Verlag beim Gendern bewusst zurück. Ausführliche Begründung dazu unter www.neue-erde.de/derdiedas

Alan Watts

Das Tao jetzt!

Die Weisheit des Wasserlaufs

Herausgegeben von

Mark Watts und Dr. Brian Wheeler

Aus dem amerikanischen Englisch von

Andreas Lentz

Bücher haben feste Preise.

1. Auflage 2026

Alan Watts

Das Tao jetzt!

Der Titel des englischen Originals lautet »Tao for Now«.

Übersetzt aus dem Englischen von Andreas Lentz.

Copyright © 2023 Mark Watts Vorwort © 2023 Brian Wheeler

www.AlanWatts.org / www.AlanWatts.com

Alle Rechte vorbehalten. Dieses Buch oder Teile davon dürfen ohne die ausdrückliche schriftliche Genehmigung des Herausgebers nicht vervielfältigt oder in irgendeiner Weise verwendet werden, mit Ausnahme von kurzen Zitaten in Artikeln und Buchbesprechungen. Auszüge aus Tao: The Watercourse Wayvon Alan Watts nachgedruckt mit Genehmigung von Pantheon Books, einem Imprint von Penguin Random House LLC. Text von Alan Watts Copyright © 1975 von Mary Jane Yates Watts, Literarische Testamentsvollstreckerin von Alan W. Watts, verstorben. Text von Al Chung-liang Huang Copyright © 1975 von Al Chung-liang Huang. Alle Rechte vorbehalten.

© für die deutsche Ausgabe Neue Erde GmbH 2026

Alle Rechte vorbehalten.

Umschlag:

Foto: twabianshutterstock.com

Gestaltung: Dragon Design, GB

ISBN 978-3-89060-298-1

ISBN 978-3-89060-880-8

Neue Erde GmbH

Cecilienstr. 29 · 66111 Saarbrücken

Deutschland · Planet Erde

www.neue-erde.de · [email protected]

Gewidmet Henry »Sandy« Jacobs,

Alans enger Freund und spielerischer

Audiopionier, der Alan erstmals mit

Live-Aufnahmen vertraut machte.

Anmerkungen des Übersetzers

Uns ist bekannt, dass für das Chinesische inzwischen die Pinyin-Umschrift die offizielle ist, die die früher gebräuchliche abgelöst hat. Demnach schreibt man zum Beispiel »Dao«, nicht »Tao«, »Laozi«, nicht »Laotse«. Allerdings hat sich die neue Schreibweise im deutschsprachigen Raum nicht recht durchgesetzt; darum bleiben wir beim Gebräuchlichen und nutzen weiter die traditionellen, gewohnten Schreibweisen.

Watts spricht immer wieder von »den Chinesen«; damit bezieht er sich allerdings auf die Zeitgenossen von Konfuzius und Laotse, nicht auf das heutige moderne China, das in vielem in den industriellmaschinellen Komplex einbezogen ist.

INHALT

Vorwort des Herausgebers

Teil 1 Philosophie des Tao

Kapitel 1 Philosophie des Tao I

Kapitel 2 Philosophie des Tao II

Kapitel 3 Philosophie des Tao III

Teil 2 Im Weg sein

Kapteil 4 Im Weg sein I

Kapitel 5 Im Weg sein II

Kapitel 6 Im Weg sein III

Teil 3 Der Weg des Wasserlaufs

Kapitel 7 Die Weisheit des Lächerlichen

Kapitel 8 Weit jenseits der Suche

Kapitel 9 Die Weisheit des Wasserlaufs

Teil 4 Der Weg des geringsten Widerstands

Kapitel 10 Ausstieg aus dem Karma

Kapitel 11 Flow und Meditation I

Kapitel 12 Flow und Meditation II

ANMERKUNGEN

Kapitel Sieben

ÜBER ALAN WATTS

ÜBER DIE HERAUSGEBER

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Vorwort des Herausgebers

Als einer der eloquentesten und fesselndsten Redner des 20. Jahrhunderts hinterließ Alan Watts (1915–1973) ein umfangreiches Werk, das die Herzen, den Verstand und die Seelen von Millionen von Menschen berührt und verändert hat – sowohl zu seiner Zeit als auch heute. Mit Hunderten von aufgezeichneten Seminaren und Vorträgen, über zwanzig Büchern, mehreren Dutzend Fachartikeln und mehr als vierzig posthum erschienenen Büchern mit seinen Vorträgen ist eines sicher: Watts’ fesselnde und weise Einsichten sind durch und durch zeitlose Weisheiten, die heute dringend vonnöten sind. In seinem Vermächtnis befindet sich ein kritischer Ausreißer, ein Manuskript, das unvollendet blieb, als er diese Welt verließ – Tao: Der Weg des Wasserlaufs.

Die Geschichte dieses Buches, Das Tao jetzt! – Die Weisheit des Wasserlaufs (Tao for Now: Wisdom of the Watercourse), beginnt dort, wo Watts’ letztes Schreibprojekt abgebrochen wurde. Laut Al Chungliang Huang, einem engen Freund und Kollegen, hat Watts mit diesem Buch zeigen wollen, dass die uralte Weisheit des Taoismus ein »Heilmittel für die Übel des Westens«1 sein kann, vor allem für die Illusion der Trennung. Wie Watts im Vorwort des Buches schrieb, ist der Taoismus »von immenser Bedeutung für unsere Zeit, in der […] wir erkennen, dass unsere Versuche, die Natur mit technischer Gewalt zu beherrschen und ›in Ordnung zu bringen‹, die katastrophalsten Folgen haben können«.2 Als Alternative schlug er vor, wir sollten – so wie das Risiko, anderen zu vertrauen, für eine gesunde Gemeinschaft notwendig ist – »die Unsicherheit auf uns nehmen, unsere Segel nach den Winden der Natur auszurichten«2 und nach dem zu leben, was er als »den Weg des Wasserlaufs« bezeichnete. Das heißt natürlich: im Einklang mit dem unergründlichen Tao (dem Weg der Natur).

Als Watts am 16. November 1973 im Schlaf starb, endete mit ihm auch die Aussicht auf die Abfassung der fehlenden Kapitel, so dass der Höhepunkt seines Lebenswerks unvollendet blieb. Doch anstatt die bereits fertigen Kapitel unveröffentlicht zu lassen, lief alles auf Huang hinaus, der mit Watts eng an dem Projekt gearbeitet hatte und das

Buch 1975 mit fünf Kapiteln herausbrachte – zweifellos weit besser, als irgendjemand sonst es hätte tun können. Dennoch, wie Huang in seinem Vorwort berichtet:

Nachdem er [das fünfte Kapitel] beendet hatte, sagte Alan zu mir mit einem besonderen Funkeln in den Augen: »Ich habe jetzt mich und meine Leser in Sachen Wissenschaft und Intellekt zufriedengestellt. Der Rest des Buches wird voller Spaß und Überraschungen sein!« Alan hatte gehofft, seinen Lesern das Tao so nahezubringen, wie er es im täglichen Leben praktiziert und erfahren hat.3

Während es zweifellos ein Rätsel bleiben wird, wie Watts diese letzten Seiten gefüllt hätte, bietet das Alan Watts Audioarchiv mit seinem Fundus von über 400 Stunden aufgezeichneter Vorträge eine Vielzahl von Hinweisen und Möglichkeiten. Das Archiv, das sich von 1956 bis 1973 erstreckt, enthält Seminare, die Watts auf Retreats, in Privathäusern und an Colleges und Seminarzentren in ganz Nordamerika, wie dem Esalen-Institut, gehalten hat, sowie Vorträge von großen Saalveranstaltungen in Kirchen, Zen-Zentren, öffentlichen Hörsälen und Universitäten wie Harvard, UC Berkeley und Columbia. Wenn man sich die archivierten Audiodateien anhört, wird man immer wieder auf Überraschungen stoßen. Seine legendären Vorträge sind voll davon.

Und niemand kennt sich mit Watts’ audiovisuellem Vermächtnis besser aus als Mark Watts, Alans Sohn, mit dem ich die Ehre habe, dieses Buch gemeinsam herauszugeben. Ausgehend von ihrem gemeinsamen Interesse an Religionspsychologie, mystischer Literatur, Kunst, Filmemachen und visueller Sprache begann Mark Watts 1968 im Alter von 15 Jahren mit den Aufnahmen der Vorträge seines Vaters und arbeitete von 1971 bis 1973 Vollzeit mit Alan zusammen, nachdem er nach Sausalito, Kalifornien, gezogen war, um auf dem legendären Fährschiff seines Vaters (der SS Vallejo) zu leben. Mark half nicht nur bei den Aufnahmen, den Buchbesprechungen, der Beantwortung interessanter Fanpost und chauffierte die gegenkulturelle Ikone, die sein Vater war, auf Westküstentouren (sowie zum und vom Flughafen, wenn er auf Vortragsreisen ging oder von solchen zurückkam), sondern spielte auch eine wichtige Rolle bei der Auswertung zahlreicher legendärer Vorträge und Seminare, die auf einem hochmodernen Tonbandgerät aufgezeichnet wurden, das ihm einige Jahre zuvor zugekommen war. Darüber hinaus war er für die Zusammenstellung von Aufnahmeserien verantwortlich, was zu der Idee von »Kursen auf Kassette« führte, die in einem umfassenden Katalog das Äquivalent zu elektronischen Hochschulprogrammen bildeten. Ein Jahr später gründete das Vater-Sohn-Duo zusammen mit Alans Freund Henry »Sandy« Jacobs 1973, kurz vor Alans Tod, die Electronic University.

Mit der Hilfe von Sandy, Watts’ langjährigem Audioarchivar, produzierte und vertrieb Mark das Versandprogramm von Alan Watts »Schule ohne Wände«. Er produzierte auch LPs mit Audioaufnahmen der Videoprogramme seines Vaters, die 1972 aufgezeichnet worden waren, und verteilte sie an Radiosender und Bibliotheken in den gesamten Vereinigten Staaten – all das trug dazu bei, Watts’ eingängige, dringend benötigte Weisheit tiefer in der westlichen Seele zu verankern.

Während sich die Electronic University schließlich zu dem entwickelte, was heute die Alan Watts Organization ist, hat sich Mark in den letzten fünfzig Jahren intensiv um das Audio-Vermächtnis seines Vaters gekümmert. Neben der Verwaltung einer Sammlung von über 400 Seminaren und Vorträgen von Alan Watts hat Mark Dutzende von Büchern mit den transkribierten und bearbeiteten Vorträgen seines Vaters veröffentlicht, eine 200-stündige Audiosammlung kuratiert, 120 Radiosendungen produziert und an zahlreichen kreativen Projekten mitgewirkt, die das Werk seines Vaters in den Bereichen Film und Fernsehen, Musik und Bildung aufgreifen. Vor kurzem hat er eine Audio-Streaming-Plattform – play.alanwatts.org – ins Leben gerufen, die Archivvideos und Hunderte von Watts’ Seminaren und Vorträgen in voller Länge enthält. Kurz gesagt, Mark Watts verfügt über ein unvergleichliches Gespür für Audioarchive und findet immer wieder innovative Wege, um Zuhörer und Zuschauer zu begeistern.

Da ich in den letzten Jahren bei der Alan Watts Organization eng mit Mark zusammengearbeitet habe, kann ich bestätigen, dass er mit dem Audioarchiv von Alan Watts besser vertraut ist als jeder andere, den ich während meiner Doktorarbeit über Watts’ Werk kennengelernt habe. Es überrascht daher nicht, dass er genau wusste, in welchen Regalen die sprichwörtlichen Nadeln im Heuhaufen zu finden waren, die wir bei der Zusammenstellung dieses Buches zu entdecken versuchten. Als Mark und ich Ideen entwickelten, wie TAO for NOW aussehen könnte, erzählte er, dass Tao: Der Weg des Wasserlaufs eigentlich nur »das halbe Buch« sei, denn sein Vater »sei nie bis zu der entscheidenden Schlussfolgerung gelangt, wie eine bessere Lebensweise aussehen könnte. Er streift das Thema zwar, aber er bringt nicht die beabsichtigte abschließende Zusammenfassung«. Zweifellos wird diese für immer unerreichbar bleiben, obwohl der vorliegende Band genau mit dieser Absicht entstanden ist.

Entschlossen, für dieses Buch die aussagekräftigsten Texte von Watts’ Lehren über den Taoismus zusammenzustellen, durchforsteten Mark und ich alle bisher veröffentlichten Audioaufnahmen sowie viele der Aufnahmen, die in den letzten dreißig Jahren in seinem »Tresor«, wie er es nennt, aufbewahrt wurden. Dabei haben wir eine erstaunliche Menge an einzigartigem Material zum Taoismus gefunden, das noch nicht das Licht der Welt erblickt hat. Natürlich war mein innerer Alan Watts-Gelehrter angenehm überrascht, ja, ihm war fast schwindlig, Inhalte zu entdecken, die Watts selbst nie niedergeschrieben hat. Und auch wenn Das TAO jetzt! keineswegs Watts’ ungeschriebene »Späße und Überraschungen« vollständig wiedergeben kann, so bietet es doch zumindest einen Einblick in die Bereiche, die durch sein vorzeitiges Ableben unbetreten blieben. Das Buch beginnt mit einer Reihe von Vorträgen – Philosophie des Tao –, die Watts 1966 hielt und die hier erstmals veröffentlicht werden.

Das Tao jetzt! wurde aus einem Dutzend von Watts’ Seminaren über den Taoismus zusammengestellt und skizziert den Weg des geringsten Widerstands für den Westen, indem es einen Leitfaden für die Umsetzung der Prinzipien und Praktiken des taoistischen »Weges des Wasserlaufs« präsentiert, der für die Navigation in der heutigen Welt von entscheidender Bedeutung ist. Ich möchte Sie ermutigen, die Weisheit der folgenden Seiten im Geiste der von Huang empfohlenen Lesart des Tao aufzunehmen: »Paradoxerweise darf sie nicht als Medizin genommen werden, als eine intellektuell geschluckte ›Pille‹, sondern man muss sie voll Freude unser ganzes Wesen durchdringen und sie so unser persönliches Leben und damit unsere Gesellschaft transformieren lassen.«4

Auf Ihrem Weg durch das Das Tao jetzt! werden Sie vielleicht einige Überschneidungen im Material bemerken, was beabsichtigt ist. (Allerdings haben wir Inhalte herausgeschnitten, die uns zu wortwörtlich erschienen und nicht über das hinausführten, was Watts bereits gesagt hatte.) Anstatt die Audiotransskripte so zu »glätten«, dass jedes Schlüsselthema nur einmal angesprochen wurde, wollten wir berücksichtigen, dass Watts sehr wohl verstanden hat, dass wichtige Dinge nicht nur wiederholt, sondern am besten aus verschiedenen Blickwinkeln behandelt werden sollten. So werden Sie feststellen, dass Watts den Kern des Buches aus einer Vielzahl von miteinander verbundenen Perspektiven betrachtet und so jeweils neue Einsichten, Kommentare, Interpretationen oder Erkenntnisse bietet.

Das Tao jetzt! beruht auf Vorträgen, die Watts zwischen 1966 und 1973 in sehr persönlichen Seminarsituationen gehalten hat, und spiegelt seinen lockeren und zugänglichen Stil wider, der dafür charakteristisch ist, wie er mit kleinen Zuhörerkreisen in Kontakt trat. Obwohl Watts heute nicht mehr unter uns weilt, atmet der lebendige Geist seines Werkes auf den folgenden Seiten. Hier werden Sie nicht nur Watts’ Erklärung des Taoismus und dessen grundlegende Prinzipien entdecken, sondern auch Einblicke in die Umsetzung des Weges des Wasserlaufs in Ihrem täglichen Leben, von der Meditation und den kreativen Künsten bis hin zum Kaffeekochen und Geschirrspülen. Das Tao jetzt! lädt Sie ein, sich von gesellschaftlichen Konstrukten und egoistischen Konventionen zu befreien, und es wird Ihnen helfen, die klare und weitläufige Natur Ihres Geistes und die zeitlose, fließende Präsenz dessen, was Sie wirklich sind, zu enthüllen.

Brian Wheeler, PhD

Inverness, Kalifornien

Das Thema dieser Seminare ist die alte chinesische Philosophie, der Taoismus. Im Alten China gab es zwei vorherrschende Philosophien, die anscheinend mehr oder weniger aus der gleichen Zeit stammen – auch wenn sich die Gelehrten dessen nicht sicher sind. Konfuzius, den jeder kennt, lebte kurz nach 600 vor Christus. Das Gegenstück zu Konfuzius, Laotse genannt, soll ein Zeitgenosse von Konfuzius gewesen sein, lebte aber wahrscheinlich etwas später; und er ist eine eher legendäre Figur, über die wir viel weniger historische Überlieferungen kennen.

Diese beiden Philosophien spielen auf bemerkenswerte Weise miteinander. Der Konfuzianismus befasst sich mit der Gesellschaft und vermittelt eine Vorstellung von ihrer Ordnung – das heißt, er beschreibt ein System gesellschaftlicher Übereinkünfte – was man als eine sehr ausgefeilte und tiefgründige Form der Etikette bezeichnen könnte. Es ist nicht allein auf die Menschen ausgerichtet, denn es hat eine Vorstellung von den Grundprinzipien des Universums – von der harmonischen Beziehung zwischen Himmel und Erde und dergleichen. Doch befasst sich der Konfuzianismus in erster Linie mit der Ordnung der familiären und politischen Beziehungen, mit der Sprache, den Zeremonien und den Gesetzen des Landes. Und das gibt mir die Gelegenheit, etwas über das Wesen dieser gesellschaftlichen Übereinkünfte zu sagen – wir könnten sie auch soziale Einrichtungen nennen. Denn wenn wir von sozialen Einrichtungen sprechen, meinen wir nicht nur Dinge wie Krankenhäuser, Gerichte, gesetzgebende Körperschaften und öffentliche Gesundheitssysteme. Zu den sozialen Einrichtungen gehören Dinge wie die Uhr, der Kalender, Gewichte und Maße und vor allem die Sprache selbst.

Der Konfuzianismus beschäftigte sich intensiv mit dem, was man Festlegung von Benennungen nannte – das heißt, mit der Erstellung von Wörterbüchern, damit alle Menschen die Wörter auf die gleiche Weise verwendeten. Dabei müssen wir erkennen, dass viele Dinge, die wir alle für unabänderliche Wirklichkeiten halten, tatsächlich nichts anderes als gesellschaftliche Festlegungen sind – es sind Übereinkünfte. So ist zum Beispiel unsere Vorstellung von uns selbst – also unser Ich-Bild – keine biologische Tatsache, sondern sozial bedingt. Die Eigenschaften, die wir mit Männern einerseits und Frauen andererseits assoziieren, sind gesellschaftliche Festlegungen.

Sie haben sehr wenig mit Biologie oder gar Neurologie zu tun. Alle möglichen Dinge, von denen wir glauben, es gäbe sie »da draußen«, sind in Wirklichkeit Konventionen. Sie wissen zum Beispiel sehr gut, dass man ein Paket nicht mit dem Äquator verschnüren kann, denn dieser ist ja bloß eine imaginäre Linie. Und genauso ist die (Uhr-)Zeit eine imaginäre Art, Bewegung zu unterteilen und zu messen. Aber wie es so ist, werden diese gesellschaftlichen Einrichtungen mit der Zeit so bequem und nützlich, dass wir sie allmählich mit der wirklichen Welt verwechseln.

Das kann zu einer enormen Verwirrung führen; die gleiche Art von Verwirrung, unter der Sie litten, wenn Sie zum Beispiel die Speisekarte statt des Abendessens äßen. Da wir uns nun zivilisieren, können wir dies nur durch gesellschaftliche Einrichtungen tun. Mit anderen Worten, wenn wir keinen Kalender hätten, wenn wir keine Vorstellung von den Himmelsrichtungen Norden, Süden, Osten und Westen hätten – obwohl die Erde eine Kugel ist und es diese Richtungen gar nicht gibt – könnten wir nicht miteinander auskommen. Wenn wir uns nicht über die Bedeutung der Sprache einig wären, könnten wir nicht miteinander kommunizieren. Und wenn ich nichts über Zeit und Raum wüsste, könnte ich nicht sagen: »Ich treffe dich um vier Uhr nachmittags an der Ecke State und Madison«; und deshalb würden wir uns nie finden. Aber weil diese Einrichtungen so nützlich sind, glauben wir an sie. Und vor allem identifizieren wir uns mit der Rolle, die wir im Leben spielen.

Der Konfuzianismus befasste sich intensiv mit Rollen. Er beschäftigte sich mit Fragen wie: Was ist die richtige Rolle für einen Vater? Was ist die richtige Rolle für eine Mutter, einen älteren Bruder, einen jüngeren Bruder, eine ältere Schwester, eine jüngere Schwester? – Und so weiter und so fort. Und Sie wissen, wie es in unserem eigenen Leben ist: Wir spielen alle Rollen. Wir spielen Rollen je nach unserer Tätigkeit im Leben; wir spielen auch Rollen in Bezug auf unseren Charakter.

Es gibt zum Beispiel bestimmte soziale Rollen, die Männer spielen dürfen, und es gibt bestimmte Rollen, die Männer laut Definition nicht spielen sollten. Man wird sehr bald von seiner Familie, von seinen Freunden gelehrt, sich selbst als eine bestimmte Art von Charakter zu betrachten. Man sagt Ihnen, wer Sie sind.

Vielleicht erinnern Sie sich, wie Sie als Kind mit anderen Kindern spielen gingen, und als Sie nach Hause kamen, ahmten Sie die Verhaltensweisen eines anderen Kindes nach. »Das bist nicht du, Johnny! Das ist Peter.« Denn jeder will dich identifizieren und dir sagen, wer du bist, und das nimmt im Laufe des Lebens immer mehr zu – mehr und mehr Leute versuchen, dich zu identifizieren. Sie fragen zum Beispiel: »Sind Sie Republikaner oder Demokrat? Sind Sie Presbyterianer, Episkopaler, Baptist, römisch-katholisch… Kommen Sie schon, was sind Sie? Sagen Sie es uns.« Mit anderen Worten, die Leute überreden Sie, bestimmte Rollen anzunehmen, und das setzt sich fest, weil Sie schließlich an all das zu glauben beginnen.

Eines der amüsantesten Dinge, die sie einem antun, ist: Man lernt als Kind, wer man ist, was es praktisch unmöglich macht, sich gesellschaftlichen Überzeugungen zu widersetzen. Dem, was einem als Kind gesagt wird, kann man sich kaum entziehen. Aber zugleich erklärt man Sie zu einem freien und unabhängigen Akteur und sagt: »Sie sind verantwortlich! Und wir werden Sie für das loben, was Sie gut machen, und für das tadeln, was Sie schlecht machen.« Aber Sie sind verantwortlich – das heißt, Sie sind eine unabhängige Quelle von Gefühlen, Gedanken und Handlungen, und Sie glauben das, weil Sie es müssen – es gibt keine Möglichkeit, sich dagegen zu wehren. Mit anderen Worten: Sie werden zum unabhängigen Akteur erklärt, weil Sie es nicht sind, und das führt zu den erstaunlichsten Verwirrungen.

Ich sage nicht, Sie hätten von Natur aus keine Freiheit; ich sage nur, dass die Art und Weise, wie man Sie als frei erklärt, so wirkt, dass Sie sich dem nicht widersetzen können. Und deshalb sagt Ihnen die Gesellschaft, wie Sie sich verhalten sollen und dass es nur akzeptabel ist, wenn Sie dies auch freiwillig tun. Das heißt: »Liebling, alle netten Kinder lieben ihre Mütter, und natürlich sollst du deine Mutter auch lieben; aber nicht, weil ich es sage, sondern weil du es wirklich willst.« Oh weh! Und wenn man Ihnen das eingetrichtert hat, leben Sie für den Rest Ihres Lebens in einem Zustand der Verwirrung – weil Ihr Versuch, frei zu sein, das Ergebnis eines Zwanges ist, dem Sie nicht widerstehen können. Das ist absolut widersprüchlich. Das ist also eines der Probleme, die mit dem Spielen von Rollen verbunden sind.

Aber wenn es im Leben weitergeht und man merkt, dass man sich abnutzt, dass die eigene Rolle ein bisschen fadenscheinig wird, dann fängt man an, sich Gedanken über den menschlichen Zustand zu machen, über den Tod, über das Kranksein und das Älterwerden, und man fängt an, Fragen zu stellen: Wer bin ich wirklich? Ich meine, was ist das alles hinter der Rolle? Was ist das Selbst? Was ist Sensibilität? Was ist Bewusstsein? Was heißt es, zu leben? Ich glaube, ich kenne mich überhaupt nicht. In unserer Kultur haben wir derzeit Menschen in diesem Zustand nicht viel zu bieten. Es stimmt, wir haben die Psychoanalyse, und wir haben einige Religionen, aber wenn man sich die gewöhnlichen Markenreligionen der westlichen Welt anschaut – und sie verkünden jetzt alle mehr oder weniger, Gott sei tot –, dann bieten sie nicht viel mehr als gesellschaftliche Übereinkünfte und trichtern einem ein, dass man gut sein soll.

Es gibt statistische Untersuchungen über den Inhalt von Predigten in den Vereinigten Staaten – Sonntag für Sonntag erhoben –, und im Grunde genommen besteht der Großteil der Predigten darin, den Menschen zu sagen: »Ihr sollt gut sein.« Jeder weiß das, aber niemand weiß, wie. »Ihr müsst lieben« – das sagen die Prediger. Und wenn uns die Geschichte etwas lehrt, dann, dass Predigten nicht funktionieren. Niemand hat je auf sie gehört, obwohl alle es lieben, gescholten zu werden. Eine farbenfrohe Zurechtweisung durch einen guten Prediger ist zwar ein wunderbarer Nervenkitzel, aber im großen und ganzen gehen unsere Standardreligionen nicht sehr weit, wenn es darum geht, eine wirklich tiefe und erfahrbare Entdeckung dessen zu machen, wer und was man wirklich ist und wie die eigene Stellung in diesem Universum aussieht. Man kann sich natürlich tief in die Theologie einlesen und ziemlich weit kommen. Aber die Kost, die der normale Mensch in der durchschnittlichen Kirche bekommt, ist sehr oberflächlich.

Die Chinesen haben jedoch für alle, die an diesem Punkt angelangt sind, eine Philosophie entwickelt, die sie Taoismus nennen – und die, wie gesagt, das Gegenstück zum Konfuzianismus ist. Das chinesische Schriftzeichen Tao wird »dau« ausgesprochen.

Man könnte meinen, es wird »tao« oder »teo« ausgesprochen, aber wir haben das Chinesische so romanisiert, dass nur die Eingeweihten wissen, wie es ausgesprochen wird. Wir hätten es auch d-a-u buchstabieren können, aber wir schreiben es t-a-o. Tao bedeutet »der Lauf der Natur«, »der Weg«, »der Fluss der Dinge«. Und so ist der Taoismus die Philosophie vom Weg der Natur.

Zunächst einmal muss ich sagen, dass das Tao nicht definiert werden kann. Sie werden vielleicht denken, wie seltsam es ist, wenn ich ein ganzes Wochenende lang über etwas spreche, über das man eigentlich nichts sagen kann. Das grundlegende Buch des Taoismus, das Tao Te King (das Buch vom Weg und seiner Kraft), beginnt mit den Worten: »Das Tao, das benannt werden kann, ist nicht das ewige Tao.« Und dann schreibt Laotse ein Buch darüber, was Sie wohl für ziemlich unlogisch halten. Aber es ist sehr wichtig zu verstehen, dass Tao das bezeichnet, was absolut grundlegend ist. Es bedeutet also die grundlegende Energie des Universums; es bezeichnet das, was Sie wirklich sind – Ihr wahres Selbst. Aber genauso, wie man nicht auf die eigenen Zähne beißen kann, und genauso, wie man sich nicht in die eigenen Augen schauen kann, ohne einen Spiegel zu benutzen, kann man sein wahres Selbst nicht definieren. Die Hand kann sich nicht selbst fassen; die Fingerspitze kann die Fingerspitze nicht berühren; und deshalb können wir aus dem, was wir wirklich sind, leider keinen Gegenstand machen.

Und deshalb ist jede Vorstellung davon, wer Sie wirklich sind – die Sie vielleicht haben – falsch. Wenn Sie sich also als ein Ego vorstellen – das heißt, als ein separates Bewusstseins- und Handlungszentrum, das irgendwie in einem Sack aus Haut eingeschlossen ist – dann ist das eine falsche Vorstellung. Das sind Sie nicht; Sie tun nur so, als ob Sie es wären; Sie spielen es nur vor. Aber was Sie wirklich sind, entzieht sich jeder Definition und fällt daher in die Kategorie von etwas Metaphysischem – das heißt, jenseits der Physis – jenseits der Natur im Sinne dessen, was klassifiziert werden kann, was beschrieben werden kann, was in eine Schublade gesteckt werden kann und von dem man sagen kann, es ist entweder tierisch, pflanzlich oder mineralisch, es ist entweder lang oder kurz, schwarz oder weiß, zeitlich oder ewig. Jede Einordnung, die Sie vornehmen, ist dafür ungeeignet.

Sie haben also hoffentlich nichts dagegen, wenn wir mit etwas beginnen, über das wir überhaupt nichts sagen können – das aber von grundlegender Bedeutung ist. Sehen Sie, es ist so: Welche Farbe haben Ihre Augen? (Ich meine nicht die Iris, sondern die Linse.) Wir sagen, sie hat keine Farbe, sie ist durchsichtig. Aber sehen Sie, die Wahrnehmung aller Farben und aller Formen hängt von dieser transparenten Linse ab. Man könnte also fragen: Was ist die Natur des Bewusstseins? Niemand kann das sagen, denn das Bewusstsein ist allen Erfahrungen gemeinsam, und es gibt keine Möglichkeit, es zu isolieren. Was ist die Farbe des Raums? Das ist die gleiche Frage. Oder wenn Sie einen Phonographen oder ein Radio hören, sind alles, was Sie hören – alle menschlichen Stimmen, alle Geräusche der verschiedenen Instrumente – Schwingungen auf einer Membran. Aber nirgendwo sagt das Radio, dass das, was Sie jetzt hören, nichts als Schwingungen einer Membran sind. Das ist die Grundlage für alles, was man hört, und es wird als selbstverständlich vorausgesetzt. Genauso ist das Tao die Grundlage von allem, was geschieht, und wird als selbstverständlich angesehen; es ist für alles, was geschieht, so notwendig wie das Trommelfell für die Nachrichten im Radio, aber wir ignorieren es, weil es allgegenwärtig ist. Das Tao ist die Grundlage aller Erfahrung, deshalb bemerken wir es nicht.

Wovon Sie keine Grenze sehen, das bemerken Sie nicht, und deshalb können wir auch nicht darüber nachdenken. Aber der Punkt ist, und das ist sehr wichtig zu verstehen, dass Sie es sind. Wenn Sie das entdecken – und es gibt einen Weg, es zu erfahren, auf den wir später eingehen – werden Sie, wie sollen wir es nennen … befreit. Sie lassen sich nicht mehr auf das Spiel ein, das Sie spielen, nämlich: »Ich« bin dieses bestimmte Ego, das in diese Welt kam und schließlich vom Tod verschluckt wird – und das war’s. Sie durchschauen dieses Spiel und wissen, dass es eine Illusion ist – wenn auch eine überzeugende. Dies ist also grundlegend: Tao ist der Lauf der Natur.

Das erste Kapitel des Buches von Laotse beginnt mit den Worten: »Das Tao, das benannt werden kann, ist nicht das ewige Tao.« Ich nehme das nur als Schlüsselsatz, um Ihnen den ersten Punkt zu vermitteln. Was ist nun der zweite Punkt? Das ist der Anfang des zweiten Kapitels dieses Buches, das Laotse zugeschrieben wird und das mindestens seit 400 vor Christus existiert haben soll. Zu Beginn des zweiten Kapitels sagt er:

Wenn alle Welt weiß, dass Schönheit schön ist,

gibt es bereits Hässlichkeit;

wenn alle Welt weiß, dass Güte gut ist, gibt es bereits das Böse.

So ergeben sich »Sein« und »Nicht-Sein« wechselseitig.

Dieses wechselseitige Werden ist ein absolut wesentlicher Gedanke, die Grundlage für das ganze chinesische Denken. Das chinesische Schriftzeichen dafür hat zwei Komponenten, die eine bedeutet »entstehen« – was ursprünglich die Figur einer wachsenden Pflanze ist – und die andere bedeutet »Gegenseitigkeit«, und das ist ganz entscheidend für alles, worüber ich sprechen werde. Verstehen Sie, dass es keine Vorderseite ohne Rückseite geben kann, kein Oben ohne Unten, die Vorstellung von Länge nicht ohne die von Kürze? Es gibt keine langen Dinge, bevor man kurze Dinge hat, oder kurze Dinge, bevor man lange Dinge hat.

Genauso wenig gibt es eine Welt, in der es Bienen ohne Blumen oder Blumen ohne Bienen gibt. Denn Bienen und Blumen sind in Wirklichkeit derselbe Organismus. Sie sehen unterschiedlich aus, so wie sich der Kopf von den Füßen unterscheidet, aber es gibt keine Menschen, die einen Kopf und keine Füße haben, oder Füße und keinen Kopf. Sie gehören zusammen. Natürlich sind sie ganz offensichtlich durch Haut und Knochen verbunden, aber Bienen und Blumen bewegen sich mit Abstand. Bienen summen und Blumen strömen Duft und Farbe aus, dennoch sind sie im wesentlichen derselbe Organismus – weil sie nicht zu trennen sind – sie brauchen einander. Das ist also die ganze Idee vom gegenseitigen Entstehen.

Mit anderen Worten: Sein und Nichtsein – der ganze Begriff von ist und ist nicht – hängen voneinander ab. Dies wiederspricht unserem gesunden Menschenverstand. Wir denken, das Sein sei wirklich da und das Nichtsein nicht. Aber wir haben gleichzeitig Angst, das Sein könne als Nicht-Sein enden, weil es so viel mehr Nicht-Sein als Sein gibt. Mit anderen Worten, es scheint so viel mehr Raum zu geben, als es Festes gibt, und da alles, was in der Welt fest ist, Energie benötigt, und da die Energie schließlich zu Ende geht, haben wir Angst, alles könne als ein Nichts enden – wir könnten als Nichts enden, zusammen mit allem anderen. Und davor haben wir eine Heidenangst, weil wir nicht verstehen, dass Raum (oder Leere) und Festes zwei Aspekte einer einzigen Wirklichkeit sind – so wie vorne und hinten, so wie Biene und Blume zusammengehören. Sie müssen zusammengehören. Man kann sich einen Festkörper nicht ohne einen ihn umgebenden Raum vorstellen, und man kann sich den Raum nicht vorstellen, ohne dass darin Festkörper vorkommen. Denn Raum ist in der Tat nichts anderes als die Beziehung zwischen Körpern.

Es ist wie ein Intervall in der Musik: Man kann keine Melodie hören, wenn man keine Intervalle hört. Aber die Intervalle sind nicht da, es gibt nur die Töne. Die Intervalle sind in gewisser Weise eine Illusion. Das Hören der Intervalle – also der Schritte zwischen den Tönen – ist jedoch absolut notwendig, um eine Melodie hören zu können. Wenn man die Intervalle nicht hört, hört man nur eine Abfolge von Geräuschen. Dann ist man taub für Töne (oder taub für Melodien). Sie sehen also, wie wichtig das Intervall ist. Und jeder Architekt, jeder Künstler weiß, dass der Raum real ist. Wir sprechen über die Funktionen des Raums, Astronomen und Physiker sprechen über die Eigenschaften des Raums, den gekrümmten Raum und so weiter und so fort.

Aber mit dem normalen Menschenverstand, den die meisten Menschen haben, denken sie, der Raum sei einfach nicht da. Festkörper sind da. Wirklichkeit wird daher mit dem Festen, mit der Energie, identifiziert und die Unwirklichkeit mit der Leere.

Und deshalb gibt es diese grundlegende Furcht, von Existentialisten als »Angst« bezeichnet – eine fundamentale Angst, die aus der Tatsache entsteht, dass man in dem Moment, in dem man weiß, dass man existiert, auch weiß, dass man nicht existieren könnte; und deshalb schwebt das ganze Leben lang eine Art Damoklesschwert über einem – dass man von jetzt auf gleich nicht mehr sein könnte. Das ist echte Angst. Jedenfalls bis man begreift, dass »Sein oder Nichtsein« nicht die Frage ist. Denn das Sein kann nicht sein, ohne nicht zu sein, genauso wie das Nichtsein nicht sein kann, ohne zu sein.

Im chinesischen Denken werden diese beiden Aspekte der Welt als Yang und Yin bezeichnet. Yang bedeutet die Südseite eines Berges, die in der Sonne liegt, während Yin die Nordseite eines Berges bedeutet, die im Schatten liegt. Sie stehen also für positiv und negativ, weiß und schwarz, männlich und weiblich. Und sie werden in dem bekannten Diagramm einer S-Kurve innerhalb eines Kreises dargestellt, zwei ineinandergreifende Kommata – ein schwarzes und ein weißes –, wobei jedes sozusagen als Auge des Kommas (oder als Auge eines Fisches oder einer Kaulquappe oder so) die andere Farbe hat. Diese Yang-Yin-Symbolik wird manchmal, wie im Buch der Wandlungen (dem I Ging), durch unterbrochene und durchgezogene Linien dargestellt. Und tatsächlich hat Leibniz aus der Symbolik des Buches der Wandlungen – das älter ist als die Literatur, von der ich spreche –, das er in lateinischer Sprache gelesen hat, die binäre Arithmetik entwickelt, die heute die Grundlage aller Computertechnik ist. Null und Eins: Alle Zahlen können durch Null und Eins dargestellt werden; Null ist Yin und Eins ist Yang. Aber sehen Sie, das ganze Geheimnis ist, dass Yin und Yang nicht zu trennen sind.

Als wir kleine Kinder waren und man uns das »ABC« beibrachte … und das »1, 2, 3…«, hat man uns das Schwarz und Weiß, das Ein und Aus nicht beigebracht. Das gehört in unserer Kultur gewissermaßen zur vertuschten Seite der Dinge. Nun, die Lektion von Schwarz und Weiß besteht zum Beispiel darin zu erkennen, dass alle unsere Sinne in Wirklichkeit ein einziger Sinn sind – eine Art Berührung. Mit den Augen berühren Sie das Licht. Mit dem Trommelfell berühren Sie die Schwingungen der Luft und nehmen den Klang wahr. Im Geruch berühren uns Gase und Staub aus der Luft. Beim Schmecken berührt man die Beschaffenheit von Lebensmitteln und Dingen. Die Berührung mit der Epidermis ist vielleicht die gröbste Form der Berührung, und das Sehen die subtilste.

Und ist Ihnen klar, dass jede Empfindung eine Schwingung ist? Sie geht an und aus, immer und immer wieder – es ist ein Yoing, Yoing, Yoing, Yoing, Yoing, Yoing. Aber wenn es schnell genug geht, merkt man das Aus nicht – man bemerkt nur das Ein. Ein Lichtbogen geht zum Beispiel mit unglaublicher Geschwindigkeit an und aus; so sehr, dass man ein Lichtbogenlicht nicht in einem Sägewerk verwenden sollte, weil sich das An- und Ausschalten mit der Geschwindigkeit der Säge synchronisieren kann und eine Kreissäge stillzustehen scheint, obwohl sie sich tatsächlich bewegt. Aber das ist bei allen Dingen so – an und aus. Es gibt keine Schwingung, wenn es kein Wellenmuster ist, bei dem der Scheitelpunkt der Welle ein und der Tiefpunkt der Welle aus ist. Und es kann keine Welle geben, die nur eine halbe Welle ist. Mit anderen Worten: Es gibt keine Welle, die nur aus einem Scheitelpunkt besteht – es muss auch einen Tiefpunkt geben. Eine halbe Welle kann nicht manifestiert werden. Sie sehen, da ist das Sein am Werk – denn das Sein ist ständig Sein, Nichtsein, Sein, Nichtsein – jetzt sehen Sie es, jetzt sehen Sie es nicht.

Obwohl Ein und Aus also unterschiedlich sind, sind sie nicht zu trennen – wie die beiden Pole eines Magneten. Wenn Sie das nicht erkennen – dass Ein und Aus eine Einheit bilden – dann bekommen Sie Angst, dass das Aus gewinnen könnte. Und wenn Sie Angst bekommen, dass das Aus gewinnen könnte, dann hören Sie auf, das Spiel von Schwarz und Weiß (oder Ein und Aus) zu spielen, und beginnen ein anderes Spiel, das heißt: »Ein« muss gewinnen; dann artet das Spiel in einen Kampf aus – es wird ernst – Oh weh! Die schrecklichen Schrecklichen könnten am Ende die Oberhand gewinnen. Aber das werden sie nicht. Es mag so aussehen, aber sie werden es nicht. Doch wenn Sie das nicht begreifen, kommen Sie durcheinander und verstehen die Beziehung von Yang und Yin nicht. Es ist also die innere Verbindung, oder vielmehr die Untrennbarkeit von Yang und Yin, die mit Tao gemeint ist. Deshalb kann Tao nicht erklärt werden.

Und der Grund ist wiederum – wenn ich es anders ausdrücken darf –, dass alles Denken eine Klassifizierung ist. Man fragt: »Bist du ist, oder bist du ist nicht? Ist es dies, oder ist es das