Das Tor zur Welt - Karl-Heinz Biermann - E-Book

Das Tor zur Welt E-Book

Karl-Heinz Biermann

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Beschreibung

Wir alle kennen sie, die Metapher Hamburg - das Tor zur Welt, eine bekannte Redewendung, die uns verdeutlichen will, wie weltoffen die Großstadt mit ihrem Hafen zu sein scheint. Betrachten wir das Wappen Hamburgs, dann fällt uns allerdings auf, dass es ein geschlossenes Tor zeigt. Weltoffen und verschlossene Türen? Darüber ist schon oft gemutmaßt worden, im Heiteren wie ernsthaft. Sicher ist, dass das Erscheinungsbild des heutigen Wappens dem frühen Mittelalter entstammt und mit Stadtmauer und Türmen die Wehrhaftigkeit einer Festung symbolisieren soll. Doch wir wollen nicht an der Interpretation des Wappens rätseln, wir, verehrte Leserin und verehrter Leser, öffnen das Tor, denn dahinter gibt es abseits von Elbvertiefung und Elbphilharmonie Schauplätze rund um den Hamburger Hafen zu entdecken und etwas über Menschen und ihre Schicksale zu erfahren, über die so wie in diesem Buch noch nirgends geschrieben wurde. Lassen Sie sich also in die wundersame Welt hinter dem geöffneten Tor führen und erleben Sie Geschichten, bei deren Lektüre Sie schmunzeln werden oder sich aber auch von ihnen berühren lassen können.

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Seitenzahl: 183

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Das Tor zur Welt

Wundersame Geschichten

rund um den Hamburger Hafen

Karl-Heinz Biermann

Das Tor zur Welt

Wundersame Geschichten

rund um den Hamburger Hafen

© 2015 Karl-Heinz Biermann

Autor: Karl-Heinz Biermann

Lektorat: Fritz Klumb

Titelfoto im Besitz des Autors

Verlag: tredition GmbH, Hamburg

ISBN: 978-3-7323-6238-7

ISBN: 978-3-7323-6239-4 (e-Book)

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt.

Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig.

Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung,

Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Inhalt

Vorwort

Auf großer Fahrt

Die allzu jungen Männer des CVJM

Auf der Jagd nach Sensationen

Der Eintänzer

Das Postbojenboot

Kyra

„He lücht“ lügt nicht

Außer Spesen nichts gewesen

Künstler im Strom

Moorburg versus Kanada

Die Frau aus der Welt hinter dem Tor

Eine Zeremonie auf der Elbe

Der besondere Tag

Das Tor zur Welt

Vorwort

Wir alle kennen sie, die Metapher Hamburg – das Tor zur Welt, eine bekannte Redewendung, die uns verdeutlichen will, wie weltoffen die Großstadt mit ihrem Hafen zu sein scheint. Betrachten wir das Wappen Hamburgs, dann fällt uns allerdings auf, dass es ein geschlossenes Tor zeigt. Weltoffen und verschlossene Türen? Darüber ist schon oft gemutmaßt worden, im Heiteren wie ernsthaft. Sicher ist, dass das Erscheinungsbild des heutigen Wappens dem frühen Mittelalter entstammt und mit Stadtmauer und Türmen die Wehrhaftigkeit einer Festung symbolisieren soll. Doch wir wollen nicht an der Interpretation des Wappens rätseln, wir, verehrte Leserin und verehrter Leser, öffnen das Tor, denn dahinter gibt es abseits von Elbvertiefung und Elbphilharmonie Schauplätze rund um den Hamburger Hafen zu entdecken und etwas über Menschen und ihre Schicksale zu erfahren, über die so wie in diesem Buch noch nirgends geschrieben wurde. Lassen Sie sich also in die wundersame Welt hinter dem geöffneten Tor führen und erleben Sie Geschichten, bei deren Lektüre Sie schmunzeln werden oder sich aber auch von ihnen berühren lassen können.

Auf großer Fahrt

J

Jan Pedersen starrte in das trübe Grau des Hafenbeckens. Hier, wo der Schatten eines Schuppen aufs Wasser fiel, wirkte es noch dunkler, als es eh schon an solchen Tagen schimmerte. Ihm schräg gegenüber lag ein Zehntausend-Tonner, schlaff hing hinten am Mast die Fahne herunter, nur ab und zu bewegte sie ein leichter Wind, und Jan versuchte anhand ihrer Farben zu erkennen, wo das Schiff registriert war, wenngleich er auch am Heck das in großer Schrift gemalte „Nassau“ lesen konnte. Er wusste aber, dass es nicht unbedingt bedeutete, dass es auch von den Bahamas kam. Es konnte von wo weiß woher gekommen sein. Diese Pötte waren doch in alle Welt verchartert, immer mehr von diesen ausgeflaggten Schiffen, die früher einmal unter dem Hamburger Wappen fuhren, machten im Hafen fest.

Jan maß über 1,80 Meter und wären seine Schultern nicht so eingefallen, hätte man ihn stattlich nennen können. Dafür trug er seine weiße Schirmmütze etwas nach hinten verschoben, was ihn ein wenig verwegen aussehen ließ. Jetzt hob er die Hand zum Mützenrand, tippte sie leicht an, als zwei Männer grüßend an ihm vorübergingen. Sein Alter mochte man auf über sechzig schätzen, aber er war noch keine Mitte fünfzig. Über seiner dunkelblauen Uniformjacke trug er eine Lederjacke, die ihm bis zu den Hüften reichte und die schon bessere Tage gesehen hatte.

Dieser Tag hatte trübe begonnen, auch jetzt am Nachmittag hatte die Sonne sich immer noch hinter den Wolken versteckt gehalten. Ab und zu sah Jan zurück zur Einfahrt des Hafenbeckens, wo er einen Blick auf die Elbe hatte. Fast unbeweglich stand er auf der Pier, seine Hände tief in den Taschen vergraben, und beobachtete den betriebsamen Schiffsverkehr auf dem Strom. Auf der Pier befand sich die Anlegestelle einer Fährlinie, die kreuz und quer durch den Hafen führte. Bisher aber machte keines der schnellen Fährschiffe, die immer wieder an der Einmündung vorüber fuhren und geschäftig das graue Wasser durchpflügten, Anstalten, in das querab gelegene Hafenbecken hineinzudrehen.

Jan sah wieder hinüber zum Frachter. Sein Blick strich an der hochaufragenden Bordwand hinauf zu den Aufbauten und noch höher bis zur Brücke des Schiffes. Dort hielt sich jetzt niemand auf, dachte er, und doch sah er im Geiste Kapitän und Brückenpersonal da oben auf Wache. Da oben kannte er sich genauestens aus. Er schloss für ein paar Sekunden seine Augen, sah sich selbst vor den Instrumenten und Geräten, er wusste wo sie ihren Platz hatten, kannte ihre Funktionen; er sah die bizarren Zeichnungen des Radars, die bei jedem Impuls aufleuchteten, registrierte die trägen Bewegungen des Kompasses und spürte den kalten Messinggriff des Maschinentelegraphen, als würde seine Hand ihn berühren.

Jan öffnete wieder die Augen, ging langsam ein paar Schritte, nicht weit, nur ein paar Meter, dann drehte er sich wieder um, ging die paar Schritte wieder zurück bis an die Stelle, wo er vorher gestanden hatte. Er schaute auf seine Uhr am Handgelenk, zog seine Schultern hoch, um seine Hände wieder in den Taschen seiner abgewetzten Lederjacke verschwinden zu lassen und starrte in das Wasser vor sich, das gurgelnd und glucksend gegen die eiserne Spundwand der Pier schwappte.

Das ist nichts gegen das Meer, dachte Jan, dieses kabbelige, dunkle Wasser, das nicht zu wissen schien, wie es denn fließen sollte. Immer wieder wurde es nach allen Richtungen gezogen, ständig musste es weichen vor den vielen Fahrzeugen im Hafen, wurde immer wieder neu zerteilt. Das Meer, dachte Jan, das Meer wurde nur zerteilt, wenn er es mit einem riesigen Pott durchfuhr, eine breite, weiße Spur hinter sich lassend. Und doch wirkte das Meer ruhiger, gleichmäßiger als hier im Hafen. Außer bei Sturm, dachte er, da war die Macht des Meeres zu spüren. Die Kraft und die Macht der Natur, das war schon etwas ganz anderes als das langweilige Wasser des Hafens.

Jan streckte seine Hand aus, sah wieder auf die Uhr, dann ging er wieder die paar Schritte wie vorher, nur die paar Schritte und sah in Richtung der Einfahrt eine von diesen Fähren herankommen. Bügeleisen wurden sie im Hafenjargon genannt, wohl weil sie so eine ähnliche Form hatten. Jan ging die paar Schritte wieder zurück, hörte hinter sich die Fähre heranrauschen. Ohne dass er sich umdrehte, spürte er, wie das Schiff anlegte, nicht weit von ihm entfernt, genau da, wo sich die Haltestelle für die Fährlinie befand. Auf den Zentimeter genau legte der Kapitän das Schiff an die Pier, gekonnt und routiniert.

Jan wandte sich um und sah die Reihe der Leute, die aus der Fähre über einen schmalen Bootssteg an Land gingen. Ein Decksmann hielt das Geländer, sah gelangweilt an den Passagieren vorbei. Jan spürte die Nähe der Leute, als sie an ihm vorüber eilten, schnellen Schrittes, geschäftig, vielleicht auf dem Weg zur Arbeit, vielleicht auch schnell nach Hause, ihrem wohlverdienten Feierabend entgegen. Er wollte nicht länger darüber nachdenken. Bei einigen sah er in ihre Gesichter, bemerkte in jedem davon den fast gleichen Ausdruck, einen nach vorne gerichteten, zielstrebigen Blick.

Er drehte den Kopf zur Seite und sah hinter dem Fährschiff her, das bereits wieder aus dem Hafenbecken hinauslief; eilig nahm es Fahrt auf, um seine ewige Reise hin und her durch den Hafen fortzusetzen.

In den Augenwinkeln nahm er einen Schatten wahr, jemand am Ende der langen Reihe der Passagiere war ausgeschert, machte kehrt und kam genau auf ihn zu.

„Menschenskind, Jan Pedersen, bist du es wirklich?“ Der vor ihm stand ergriff seine Hand und schüttelte sie kräftig. „Ich hätte dich fast gar nicht erkannt, aber ich dachte mir, das ist doch Jan Pedersen. Mensch, Junge, alter Fahrensmann, wie geht es dir?“

Jan versuchte zu begreifen, wer ihn da ansprach. Es konnte nur jemand aus der Vergangenheit sein.

„Martin Raschke. Ich bin’s, Martin!“ Der andere schüttelte immer noch seine Hand.

Jetzt erkannte er den Mann. „Du bist … Martin?“ Jan erwiderte nun den Handschlag, indem er kräftiger zudrückte, bis sie wieder losließen. „Mein Gott, wie lange ist das her?“ Er sprach es zögernd, indem er nachdachte und sich weiter zu erinnern versuchte.

„Fünfundzwanzig Jahre, auf unserer letzten Fahrt kamen wir mit Holz von Vancouver, ich hatte unterwegs in Rotterdam abgemustert und ihr seid weiter nach Hamburg“, sagte der Mann, der sich als Martin zu erkennen gegeben hatte. „Fünfundzwanzig Jahre ist das her!“

Er hatte es noch einmal mit gewichtiger Stimme betont und er lächelte ständig, trug dabei ein außergewöhnlich breites Gesicht. Jan konnte sich nicht erinnern, ob der Mann vor ihm früher auch immer so ein breites Grinsen gezeigt hatte.

„Was hast du denn danach so gemacht?“, fragte Martin, „ich war öfter mal in all den Jahren in Hamburg. So ein Zufall, dich heute hier zu treffen.“

„Bin immer unterwegs. Und was machst du hier?“ Jan schaute wieder zur Einfahrt des Hafenbeckens und dann auf seine Uhr.

„Ich muss zur Werft da drüben“, antwortete Martin. „Ich arbeite für ein Ingenieurbüro in der Nähe von Hamburg, wir stellen die Maschinen her für eine ihrer Neubauten.“

Jan fiel ein, dass Martin ein tüchtiger Mann gewesen war, als er damals mit ihm fuhr. Martin hatte tief im Schiffsinneren für den störungsfreien Lauf der Maschinen gesorgt, während er selbst oben auf der Brücke am Ruder gestanden hatte.

„Hast du es noch zum Ersten geschafft?“, fragte Martin. „Du warst doch damals schon Zweiter Offizier, soviel ich noch weiß.“

„Joh“, antwortete Jan knapp.

Er sah zur Einfahrt des Hafenbeckens, dann über den Strom hinweg. Er fixierte die Stelle, wo sich die Landungsbrücken befanden, die er aber von hier aus nicht sehen konnte. Sein Blick glitt weiter bis dahin, wo er die Überseebrücke vermutete, auch hier wurde ihm die Sicht verdeckt, aber er wusste dort den ‚Schwan des Südatlantiks‘ an der Pier zu liegen, als Museumsschiff auf immer vertäut. Jan dachte an die Zeit zurück, als jene legendären weißen Schiffe früher die Südamerika-Route befuhren.

„Menschenskind, Jan, fünfundzwanzig Jahre, ist ’ne lange Zeit“, stellte Martin fest. Er schaute mit fragendem Blick, ohne dass dabei sein Grinsen nachließ. „Wie hieß noch mal der Alte, mit dem wir die Hamburg-Süd gefahren sind? Ich komme nicht mehr drauf.“

„Liegt mir auf der Zunge, weiß ich auch nicht mehr“, antwortete Jan ohne seine Gedanken danach forschen zu lassen.

„Komischer Kauz war das“, fuhr Martin fort, „ständig mussten wir uns seine alten Kriegsgeschichten anhören.“

Jan nickte kurz.

„Bist du später noch wieder mit ihm gefahren?“

„Nein“, sagte Jan, „mit ihm nicht mehr.“

„Und heute? Wo fährst du heute?“, fragte Martin.

Jan sah wieder rüber über den Strom und sah die Mastspitze und die oberen Aufbauten eines Schiffes, das sich langsam in den Hafen schob. Er fand, dass sie schwebten, gerade passierten sie die Seefahrtschule, die sich auf der anderen Elbseite befand, auf der er vor langer Zeit gewesen war.

„Überall noch so, komm ganz schön rum“, antwortete er ohne von seinem Blick über den Strom abzulassen.

„Ich hab vor ungefähr zehn Jahren endgültig abgemustert, bin nie wieder zur See gefahren“, hörte er Martin sagen. „Ich fühl mich an Land einfach besser aufgehoben. Ist doch alles anders geworden, mit den Liegezeiten fängt das schon an.“

Martin hielt kurz inne, wohl eine reagierende Antwort abwartend, und fuhr dann weiter fort: „Früher hatte man viel mehr Zeit für Landgänge. Aber heute? Vierundzwanzig Stunden, höchstens, dann sind die Riesenpötte doch schon wieder draußen.“

Jans Blick haftete weiter an der schwebenden Mastspitze, solange, bis sie mit dem Fernsehturm, der aus der Stadt ragte, für einen Moment eine Linie bildete und seine Antenne verlängerte. Jan kniff die Augen zusammen, fixierte das Gebilde, wie es in den grauen Himmel zeigte. Dann zog er die Schultern hoch und sah wieder auf Martin. „Mag schon sein. Aber ich brauch die See, ich muss immer frische Luft um die Nase haben.“

„Wenn man es genau nimmt, gab es die gute, alte Seefahrerromantik schon zu unserer Zeit nicht mehr“, hakte Martin nach, „erinnere dich, es war oft eine ganz schöne Knüppelei.“

„Hat mir nie etwas ausgemacht“, sagte Jan.

Sein Gegenüber schüttelte leicht den Kopf. „Ne, ne, ich weiß was ich jetzt habe, mich zieht jedenfalls nichts mehr zur See.“ Martin schaute Jan fragend an und behielt auch dabei sein Lächeln. „Warst du eigentlich jünger oder älter als ich? Ich meine, leichter wird’s mit der Zeit für dich ja auch nicht.“

„Ich fühl mich auf dem Wasser immer noch gut aufgehoben“, hielt Jan dagegen.

„Ihr hattet es auf der Brücke auch nicht so anstrengend wie wir in der Maschine.“

„Na ja“, erwiderte Jan, „so leicht nun auch nicht, waren schon harte Törns dabei.“

„Und ich sage noch einmal, die guten alten Zeiten der Seefahrt sind längst vorbei.“ Martins Stimme klang fordernd. „Du hast es als Offizier auf der Brücke bequemer und siehst das vielleicht nicht so.“

„Das glaub’ man ja nicht“, entgegnete Jan.

Martin zögerte ein wenig, als wartete er darauf, dass Jan noch mehr dazu sagen würde, dann fuhr er fort: „Heute ist doch alles computergesteuert, sogar das Beladen der Containerschiffe. Die Neubauten zum Beispiel, die demnächst vom Stapel laufen, sechzehntausend Container sollen die tragen, sechzehntausend!“

„Die Verantwortung für so ein Schiff ist immer noch dieselbe und genauso groß.“ Jan sprach es etwas unwirsch. Er schaute wieder zur Einfahrt des Hafenbeckens, wünschte sich, dass er davonfahren könnte, als er die Bugwelle sah, die ein Stückgutfrachter auf der Elbe vor sich her schob. Für einen Moment nahm er nicht mehr die Geräusche des Hafens wahr, meinte nur das Rauschen der Bugwelle zu hören, wenn auch nur in gedanklicher Erinnerung, bis ihn Martins Stimme zurückholte.

„Wie auch immer, ich bin froh, einen guten Job an Land gefunden zu haben.“ Martin blickte zur Werft hinüber. „Ich muss los, ich darf mich nicht länger verspäten. Also, grüß mir dennoch die See auf deinem nächsten Törn.“ Martin gab ihm die Hand. „Und allzeit gute Fahrt“, sagte er, bevor er sich umdrehte und davonging.

Jan tippte kurz an seine weiße Kapitänsmütze. Er sah hinter Martin her, wie er zur Werft eilte.

Der tiefe Klang einer Schiffssirene drang zu ihm herüber. Jan kannte diesen Ton schon von Kindesbeinen an, er hatte ihn oft gehört, wenn er als Junge nachmittags im Hafen herumstromerte. Er erinnerte sich, wie ihn dieser Klang immer in Gedanken in die ferne Welt hinausgetragen hatte, so, als sollte er fortgelockt werden und hatte bei ihm schon früh die Sehnsucht erweckt nach dem großen, weiten Meer.

Die letzten Schwingungen dieses tiefen Brummens, die sich noch in seinen Ohren hielten, vermischten sich mit einem bekannten Tuckern, das immer lauter wurde. Jan drehte seinen Kopf zur Seite, sah die Barkasse näher kommen. Nur kurz darauf war sie bei ihm an der Stelle der Pier, auf der er stand. Ein Mann warf eine Leine und schwang sich über die Bordwand. Der andere, der am Steuerrad gestanden hatte, kam hervor.

„Moin Kamerad“, rief er Jan zu.

Jan ließ ein knappes „Joh“ vernehmen und stieg über die niedrige Bordwand in die Barkasse. „Bist spät dran“, raunte er seinem Kollegen zu, der an ihm vorbeidrängte.

„Schöne Schicht und nur man keine Müdigkeit vortäuschen“, neckte der, wandte sich noch einmal nach ihm um, als er auf die Pier trat, er winkte kurz.

Jan schaute ihm nach, wie er hinter dem Schuppen verschwand, drehte dabei mit hastigen Bewegungen das Steuerrad, so, dass die Barkasse schnell ablegte. Dichter Qualm stieß aus dem Auspuffrohr. Als Jan kurze Zeit später das Fahrwasser der Elbe erreichte, schaute er nach links und rechts, ob alles klar war, bevor er in den Fluss hineindrehte. Schon wandte er den Kopf wieder nach links, elbabwärts. Er hatte an Backbord wieder den großen Stückgutfrachter gesehen, wie er sich langsam den Strom hinunterschob, der einsetzenden Flut entgegen. Jan schätzte, dass es mindestens ein Dreißigtausend-Tonner sein musste. Während er das Ruder nach Steuerbord drehte, hielt er rückwärts gewandt nach dem ablaufenden Frachter Ausschau, der dem Meer zusteuerte. Seine Barkasse aber hielt er auf Kurs binnenwärts, in Richtung der Landungsbrücken, wo er neue Passagiere abholen sollte – zur nächsten Hafenrundfahrt.

Die allzu jungen

Männer des CVJM

D

Die laue Sommernacht hatte eben begonnen, als sich die Gruppe auf der Treppe unterhalb der Jugendherberge auf dem Stintfang einfand. Es dauerte etwas, wie sie umständlich ihre Plätze einnahmen, dreißig Jungen eines Christlichen Vereins junger Männer aus dem Rheinland. Am Nachmittag waren sie mit dem Zug in Hamburg angekommen, für ein paar Tage sollten sie die Hansestadt besuchen und für alle war es das erste Mal und sie brannten auf dieses Erlebnis.

Einige hatten sich auf die steinernen Stufen gesetzt, während andere versuchten, einen erhöhten Stehplatz zu ergattern, bis alle schließlich über die gesamte Treppe verteilt den Worten ihres Gruppenleiters lauschten, der mit der Abendandacht begann.

Es war im selben Jahr der großen Flut, die weite Teile des Hamburger Hafens überschwemmt hatte. Jetzt, Monate danach, war alles wieder hergestellt und die Nacht von Lärm erfüllt, der vom Hafen herüberkam: Weithin hallende Schläge der Niethämmer auf den Werften, tuckernde Barkassenmotoren und sonore Basstöne, die aus den Typhonen großer Schiffe kamen, die den Strom hinauf fuhren, dazwischen die Sirenen der Hafenschlepper mit ihren heiseren Klängen; noch nie erlebte Geräusche, die da an die Ohren der Jungen drangen, fremdartig und beeindruckend. Die weiter oben standen hatten zudem einen direkten Ausblick auf den Hafen und sie sahen Tausende Lichter, die sich noch mal tausendmal in der dunklen Elbe spiegelten und das Wasser erst erkennen ließen. Zur anderen Seite, zur Stadt hin, hörten sie den Lärm des Straßenverkehrs, ein auch zu dieser Stunde noch unablässiges Rauschen; sie sahen das Leuchten der Glitzerwelt der Reeperbahn, das als Widerschein hell am Nachthimmel hing – all dies löste bei den Jungen, die aus der Provinz kamen, ein stummes Staunen aus.

Und doch, trotz der Geräuschkulisse des Hafens und der Stadt meinten sie eine Stille zu spüren, in der allein die ruhige Stimme ihres Leiters wie von weit zu ihnen herauf klang, und sie fühlten sich in der Gruppe geborgen.

Am Morgen darauf fiel der Schatten des Bismarck-Denkmals auf die Jungen, die gleich nach dem Frühstück losgezogen waren, um die fremde Großstadt zu erkunden. Noch vor der Tür der Jugendherberge hatten sie sich in kleine Gruppen aufgeteilt. Ihr Leiter hatte sie mit wohlmeinenden und mahnenden Worten für diesen Vormittag entlassen, und zu fünft oder wenig mehr brachen sie in erwartungsvoller Neugier zu ihren Exkursionen auf.

Die einen wollten zum Hafen hinunter, eine andere Gruppe in die Innenstadt und zur Alster. Diese Jungen hier, die über das Gelände der monumentalen Statue liefen, steuerten in eine bestimmte Richtung. Sie hatten sich am Vorabend auf der Treppe gemerkt, wo der helle Widerschein am Himmel hing, der in ihnen ein sehnsüchtiges Verlangen nach einem Besuch dieser Stätte erweckt hatte. Ein paar Kreuzungen später standen sie unter dem Straßenschild, welches den Namen ihres Zieles kundgab: die Reeperbahn.

Eine breite Straße tat sich vor ihnen auf, eine Straße mit regem Autoverkehr. Auf beiden Seiten eines ausgestreckten Mittelstreifens sahen sie zweispurige Fahrbahnen und großzügig angelegte Fußgängerwege und sie wunderten sich; in ihren Erwartungen hatten sie sich die Reeperbahn als verruchte Gasse vorgestellt, von der übrigen Welt abgesondert und von halbseidenen Gestalten bevölkert.

Sie entschieden sich für den breiten Gehweg auf der linken Straßenseite und sie gingen schnell, die ungewohnte Umgebung war für sie aufregend, es war so, als würde ihr neugieriges Drängen sie selbst überholen wollen, sie trieben voran und erst nach einer Weile erkannten die Jungen die Sinnlosigkeit ihrer Hast, weil wenig genug da war, das ihr Interesse wecken konnte, und sie setzten nun ihre Schritte langsamer.

Kein buntes Neonlicht erwartete sie, kein Club, in dessen dunkles Innere sie gerne, wenn auch nur von der Straße aus spähen wollten, und so wurden ihre Erwartungen gedämpft. Dass so viele Leute unterwegs waren wunderte sie. Ständig mussten die Jungen entgegenkommenden Passanten Platz machen, sie selbst gingen ja nebeneinander, sie wollten sich bloß nicht verlieren.

Auf Höhe der Davidswache reckten sie ihre Köpfe, sahen den an der Fassade angebrachten Namen der weltberühmten Polizeistation. An der nächsten Ampel wechselten sie die Straßenseite, rannten hinüber, obwohl das Grün der Fußgängerampel ihnen Zeit gelassen hätte. Drüben gingen sie in derselben Richtung weiter und mussten feststellen, dass es auch hier nicht anders aussah als auf der gegenüberliegenden Seite der Reeperbahn, auf der sie vorher gegangen waren.

Der schwungvolle Schriftzug, der in weitem Bogen eine Seitenstraße überspannte und dessen unbeleuchtete Lettern die große Freiheit verhießen, zog ihre wissbegierige Aufmerksamkeit auf sich. Ein paar aus der Gruppe meinten, schon mal davon gehört zu haben, ein alter Film solle so heißen und hier gehandelt haben.

„Hier in der Nähe soll doch auch die Herbertstraße sein“, meldete sich einer.

Die Jungen sahen einander an. Jeder forschte in den Gesichtern der anderen nach irgendeiner Reaktion.

„So eine berühmte Straße, wir könnten doch mal hingehen“, forderte dieselbe Stimme wieder.

„Was weißt du denn von der Herbertstraße?“, fragte einer, der ein, zwei Jahre älter als die übrigen war.

„Wir könnten sie uns immerhin mal ansehen, wenn wir schon mal hier sind“, meinte ein anderer.

„Genau, könnte doch interessant sein und zu Hause hätten wir was zu erzählen.“

„Hau nicht so auf die Pferde“, entgegnete der Älteste der Jungen.

„Was ist denn so besonderes an dieser Herbertstraße?“, wollte wiederum ein anderer wissen.

„Ja, was gibt’s denn da so zu sehen?“, fragte noch einer.

„Wie, was gibt’s da zu sehen? Jungens, das ist da, wo die leichten Mädchen sind.“ Der Ältere tat sich hervor. „Ihr wisst doch, was ein Puff ist?“

„Klar“, antwortete der, der gefragt hatte, „da sind doch bestimmt noch mehr hier in der Gegend.“

„Dieser ist aber der bekannteste, die Herbertstraße kennt doch alle Welt“, sagte wieder der Ältere mit wichtigem Gesicht.

„Was sollen wir denn da, ist bestimmt genau so wenig los wie hier“, meinte jemand, „ich hätte lieber Lust, zum Hafen zu gehen.“

„Genau“, wurde ihm beigepflichtet, „hier haben wir doch schon alles gesehen.“

„Diese Herbertstraße sollten wir uns aber nicht entgehen lassen.“

„Weißt du, wo die ist?“

„Wir fragen uns durch.“

„Kommt, wir gehen zurück, hier ist die Reeperbahn sowieso schon zu Ende.“ Bewegung kam in die Gruppe, die Jungen wechselten wieder die Straßenseite und gingen den Weg zurück, den sie gekommen waren.