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"Die böhmische Geige" beschreibt den Aufstieg eines kleinen Jungen aus den Trümmern seiner zerbombten Heimatstadt bis hin zu einem berühmten Geigenvirtuosen. Eingebettet in die tiefe, liebevolle Beziehung zu seinem Großvater, dessen alte Geige die Initialzündung, der Grundstein für die Karriere seines Enkels bedeutet, sollte die Novelle nicht nur Musikinteressierte begeistern, sondern alle Leserinnen und Leser anrühren und bereichern
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Veröffentlichungsjahr: 2024
Karl-Heinz Biermann
Die böhmische Geige
Novelle
Karl-Heinz Biermann
Die böhmische Geige
Novelle
© 2024 Karl-Heinz Biermann
Lektorat: Michael Streeb Coverdesign: Michael Streeb
Illustration auf der gegenüberliegenden Seite
nach einem Aquarell von Gerda Plaß (im Besitz des Autors)
ISBN Hardcover: 978-3-384-02466-4
ISBN E-Book: 978-3-384-02467-1
Druck und Distribution im Auftrag des Autors:
tredition GmbH, Heinz-Beusen-Stieg 5, 22926 Ahrensburg, Germany
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt.
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detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über https://portal.dnb.de/opac.htm abrufbar.
Zum Gedenken an meinen Großvater und Yehudi Menuhin gewidmet, dem großartigen Geiger und Menschenfreund
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Kapitel 01
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Bücher von Karl-Heinz Biermann:
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Dunkelheit ist meine früheste Erinnerung, dann allmähliche Wahrnehmung der Welt um mich herum, vordergründig die Gesichter zweier Menschen, die bei mir sind. Es sind liebevolle Blicke, die von ihnen ausgehen, das Antlitz meiner Oma trägt warme Herzlichkeit und das meines Opas Bedacht und Würde – so wenigstens will ich es heute deuten. Eine gütige Erinnerung, ich muss damals so um die vier Jahre alt gewesen sein, man hatte mir den Namen Henrik gegeben.
Ich kann mich weder an eine Mutter noch an einen Vater erinnern. Zärtlichkeit leiblicher Eltern, ihre liebkosende Fürsorge ist mir fremd geblieben; meine Oma und mein Opa waren meine Eltern, einfache und rechtschaffende Menschen, beide mit schlesischen Wurzeln. Opa Karl war im Bergbau beschäftigt; durch einen Unfall ein Großteil seines Gehörs wie auch einen halben Finger seiner linken Hand verlustig, musste er als Teilinvalide zusammen mit seiner Frau Martha und der halbwüchsigen Tochter die oberschlesische Heimat verlassen, um als Beauftragter an der pommerschen Ostsee für den Küstenschutz zu dienen, bis in den letzten Kriegstagen die Zivilbevölkerung vor der herannahenden Roten Armee evakuiert wurde. Großvater hatte aufgrund seines Amtes großen Anteil an der Organisierung der Flüchtenden, bis auch er mit Oma Martha auf einem der letzten Schiffstransporte unversehrt Kiel erreichte.
Es muss Anfang der 50er-Jahre des 20. Jahrhunderts gewesen sein, als die anfängliche Dunkelheit um mich herum ins Licht wechselte, mein Bewusstsein einsetzte, mit vier Jahren, wie ich eingangs erzählte. Ich mache es auch daran fest, dass ich erstmalig Glockenklänge verspürte, sonore, eine mir bis dahin fremd gebliebene, wohlige Geräuschkulisse, die in eine kleine Wohnung im Schatten der Hamburger St.-Michaelis-Kirche drang. Wie ich später erfahren habe, waren die Großeltern mit ihrer Tochter schon bald nach Kriegsende von Kiel nach Hamburg gezogen. Hier, in der Großstadt mit seinem Hafen an der Elbe, wurde ich ein paar Jahre später geboren. Meine Mutter? Wahrscheinlich die Tochter meiner Großeltern. Erst viele Jahre später – ich war schon erwachsen – erklärte mir Opa Karl recht zögernd die Umstände, unter denen sich seine Tochter mit einem englischen Besatzungssoldaten eingelassen hatte. Eine unwillige Preisgabe, die meinen Großeltern Mühe bereitete, darüber zu reden.
Bereits im Kindergarten und auch danach in der Schule bereitete es wiederum mir Mühe, wenn andere Kinder mich hänselten, weder einen richtigen Vater noch eine richtige Mutter zu haben. Was sollte das heißen: richtige? Ich hatte doch welche, ich kannte keine anderen als Oma und Opa. Die Kinder verstanden es nicht, selbst manche Erwachsene nicht. Erst später begriff ich, dass es da Unterschiede gab, obwohl ich die größte Liebe meiner Großeltern erfuhr, die nur irgendwie möglich war. Ich erfuhr auch, dass andere Kinder es nicht leicht mit ihren Eltern hatten, besonders nicht mit den Vätern, die zumeist traumatisiert aus dem Krieg heimgekehrt waren und ihren Frust oft mit brutaler Gewalt an ihrem Nachwuchs ausließen.
Ich dagegen genoss eine schöne Kindheit, hatte mich an die Gehässigkeiten der anderen Kinder gewöhnt; manche wurden sogar meine Spielkameraden, mit denen ich in der teils noch vorhandenen Trümmerlandschaft einer ausgebombten Stadt Fußball spielte. Auch Cowboy- und Indianer-Abenteuer waren angesagt, allerdings durfte ich von Haus aus keine Spielzeugwaffen besitzen, die Oma war strikt dagegen. Meine Freunde liehen mir welche aus, die ich dann wieder, bevor es zum Essen und Schlafen heimging, abgeben musste. Apropos Essen: Ich habe heute noch den Duft gebratener Hähnchen in der Nase, die auf dem Herd in der Wohnküche in der Pfanne schmurgelten. Oma hatte sie immer frisch auf dem Großneumarkt in der Nähe gekauft, und auch ihre selbst gemachten schlesischen Klöße bereiten mir heute noch in der Erinnerung herrlichen Genuss.
Mit der Zeit verlor ich die Gedanken daran, dass meine leibliche Mutter, die ich nie zu sehen bekommen habe, mich nach meiner Geburt nicht wollte, dass sie offenbar mit meinem mir unbekannten Erzeuger das Weite gesucht hatte. Wahrscheinlich war sie mit ihm nach England gegangen, so wie ich meinen Opa verstand.
