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Der dubiose Auftrag eines mysteriösen Fahrgastes bringt einen Taxifahrer zurück in seine alte Heimat und nimmt den Leser mit auf eine Reise, die von Geheimnissen, Illegalität und Misstrauen begleitet wird. Für den Deutschtürken Yusuf wird es eine Fahrt auf den Spuren seiner Vergangenheit, die Sehnsucht nach einer verpassten Liebe – eine strapaziöse Tour, die ihn an die Grenzen seines Denkens und Handelns führt. Die Fachzeitschrift "Buchszene" kommentiert (Ausgabe 04/2011): Brillant leuchtet der Autor menschliche Schwächen aus und erzählt eine Geschichte, die von Anfang bis Ende mitreißt. "Im Zeichen des Rosenmonds" ist ein hochspannender Roman, der mit seiner ungeheuren emotionalen Präsenz auch das Herz ergreift.
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Seitenzahl: 371
Veröffentlichungsjahr: 2024
Inhalt
Im Zeichen
© 2011 Karl-Heinz Biermann
Kapitel 1
Karl-Heinz Biermann
des Rosenmonds
Roman
Neuausgabe 2024
Korrektorat und Titelgestaltung: Michael Streeb
ISBN Softcover: 978-3-384-16159-8ISBN E-Book: 978-3-384-16160-4
Druck und Distribution im Auftrag des Autors:
tredition GmbH, Heinz-Beusen-Stieg 5, 22926 Ahrensburg, Germany
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Zunächst streifte Yusuf ihn nur in einem flüchtigen Augenblick, aber er schaute genauer hin, als ihm auffiel, wie der Mann dort draußen auf der anderen Straßenseite die Dienste der Kollegen ablehnte, die ihre Fahrzeuge ordentlich hintereinander abgestellt hatten und auf Kundschaft warteten. Jedes Mal, wenn ein Taxi an die vorderste Stelle aufgerückt war und der Fahrer anbot, ihn zu befördern, indem er ihm die Tür aufhielt, schüttelte der Mann mit dem Kopf. Yusufs Fahrzeug war das letzte in der Reihe, und erst als die vorderen Taxen nach und nach wegfuhren und er an der Reihe war mit seinem aufzuschließen, beendete er bedächtig sein Frühstück, zahlte und ging über die Straße hinüber zu seinem Wagen.
Der Mann stand immer noch in der Nähe, und jetzt bemerkte Yusuf den Koffer, den er in seiner Hand hielt. Er musste ihn schon die ganze Zeit über getragen haben und Yusuf sah, dass es ein recht kleiner Koffer war.
Er startete den Motor und ließ den Wagen ohne Gas zu geben, nur durch den Antrieb des Automatikgetriebes, weiter nach vorne rollen; er stand jetzt als Dritter in der Kolonne. Hinter ihm fanden sich zwei Taxen ein, die von ihren Touren zurückkamen und sich langsam heranschoben. Yusuf sah, wie der Mann die angekommenen Kollegen offensichtlich in Augenschein nahm, unbeweglich, aber mit festem Blick, genauso, wie er selbst von ihm vorhin gemustert worden war, und jetzt bemerkte er auch, dass dem Mann wohl noch zwei größere Koffer gehörten, sie standen auf den grauen Platten des Gehweges direkt neben ihm.
Keiner von den Kollegen nahm mehr Notiz von ihm, nur Yusuf behielt ihn im Auge. Wahrscheinlich fremd in der Stadt, dachte er. Gepflegt, moderner Anzug, sauber sitzende Frisur, gesunde, leicht gebräunte Gesichtsfarbe; einer von denen, die jede Woche dreimal ins Fitness-Studio gingen. Für so etwas hatte er nichts übrig. Zwar fand er, dass er trotz seines Alters Sport nötig hätte; sein Übergewicht störte ihn manchmal sehr, aber er war nur zu faul sich zu bewegen.
Er sah wieder zu dem Mann hinüber. Der kam ihm vor wie einer dieser blonden Typen in den Modeprospekten. Er schätzte ihn auf knapp vierzig. Er spürte, wie er wieder fixiert wurde, minutenlang, und sah dann, wie der Mann die beiden Koffer nahm, während er sich den kleineren unter den Arm klemmte und an das Taxi herantrat.
Yusuf schwang seinen fülligen Körper aus dem Wagen, was ihm bei seiner Arbeit keine Mühe machte; er war es gewohnt aus dem Sitz zu schnellen und den Fahrgästen die Tür aufzuhalten. Immer machte er das nicht, es kam auf die Leute an. Er unterschied nach denen, die nach Geld aussahen, und solchen, von denen er aufgrund ihres Erscheinungsbildes annahm, dass sie weniger gut situiert waren. Auch bei jüngeren, gut aussehenden Frauen sprang er beflissentlich aus dem Auto.
Er öffnete den Kofferraum und wuchtete die beiden größeren Gepäckstücke hinein. Danach streckte er die Hand aus, um auch den kleinen Koffer entgegenzunehmen, aber der Mann hob abweisend die Hand und schob ihn auf die Rücksitze und nahm daneben Platz. Yusuf zuckte mit den Schultern und schlug den Kofferraum- deckel zu. Er ließ den Wagen an und fuhr langsam auf die Hauptfahrbahn.
„Wohin?“ Er schaute in den Rückspiegel.
„Hotel Atlantic.“
Yusuf nickte. Er sah seine Einschätzung des Mannes bestätigt.
„Gibt es da in der Nähe einen guten Italiener?“, fragte der Mann.
„Sie meinen ein Restaurant?“
„Natürlich ein Restaurant!“
„Oh ja, da gibt es sogar zwei.“
„Um essen zu gehen, genügt mir ein einziges Restaurant“, sagte der Mann schroff.
Yusuf entschied sich für das „La Fattoria“, weil er dort manchmal zum Dank ein Essen spendiert bekam, wenn er Gäste brachte, sozusagen als Provision.
„Ich kenne da ein sehr gutes, ich kann sie hinfahren.“ Er blickte erwartungsvoll in den Rückspiegel.
Der Mann regte sich nicht. Er schien das musternde Interesse an ihm verloren zu haben, denn er schaute zum Fenster hinaus.
„Fahren Sie erst zum Hotel“, sagte er nach einer Weile. „Sie sind Türke, nicht wahr?“
„Sicher, ja, ich bin in der Türkei geboren, wenn Sie das meinen. Warum?“
„Sind Sie schon lange in Deutschland?“, fragte der Mann und schaute dabei immer noch aus dem Fenster.
„Über dreißig Jahre.“
„Dann kennen Sie sich in der Türkei gar nicht mehr aus? Haben Sie noch Kontakt zu Ihrer Heimat?“
„Verwandte leben dort.“
„Und die besuchen Sie regelmäßig?“
„Früher bin ich fast jedes Jahr da runter.“ Yusuf äugte in den Rückspiegel und sah, wie sich ihre beiden Blicke im Spiegel begegneten. „Als ich jünger war, habe ich oft meinen Cousin in Izmir besucht.“
„Ich nehme an, dass Sie mit dem Auto dorthin gefahren sind.“
Yusuf bremste das Taxi ab, vor ihnen staute sich der Verkehr. Er sah wieder zu dem Mann im Rückspiegel.
„Immer mit dem Auto“, sagte er. „Und der ganzen Familie“, fügte er hinzu. „Später sind wir auch mal mit dem Flugzeug da runter, wenn es einen günstigen Flug gab.“ Er lenkte sein Taxi von der Hauptstraße in eine Seitenstraße ab. „Ich umfahre den Stau, scheint länger zu dauern.“
Der Mann nickte kurz. „Sie kennen sich hier aus.“
„Sie sind nicht aus Hamburg?“, fragte Yusuf, obwohl er schon längst eingeschätzt hatte, dass sein Fahrgast ein Reisender war.
Der Mann schüttelte kurz mit dem Kopf. „Ich bin gerade angekommen.“
„Sagen Sie, wie geht das eigentlich, wenn Sie schon so lange in Deutschland leben und arbeiten, haben Sie dann einen türkischen Pass oder einen deutschen?“, wollte er nach einer Weile, in der sie beide geschwiegen hatten, wissen.
„Ich hab irgendwann die deutsche Staatsbürgerschaft angenommen und auch einen deutschen Pass, meinen türkischen musste ich abgeben.“
„Aha, so ist das.“ Der Mann schwieg wieder eine Zeit lang. „Sie erwähnten vorhin Ihre Familie, Sie sind also verheiratet.“
Yusuf zögerte mit einer Antwort, er hatte nicht erwartet, dass sein Fahrgast sich so ausgiebig nach ihm erkundigen würde, er schätzte ihn als arrogant ein. Er sah im Spiegel, dass der Mann auf eine Antwort wartete.
„Klar.“ Yusuf sagte es unwirsch, er sprach nicht gerne über seine Frau und auch nicht über seine Ehe. Was sollte er auch groß erzählen, er war schon lange verheiratet. Seine beiden Kinder waren erwachsen und aus dem Haus und sein Eheleben ging niemanden etwas an. Seine Kinder, ja, auf die war er stolz, und er wollte anfangen, von ihnen zu erzählen, doch der Mann ließ ihn nicht zu Wort kommen.
„Ist dies Ihr eigenes Taxi?“
„Nein, nein, ich fahre für eine Firma, das ist sicherer. Habe keinen Ärger und regelmäßigen Verdienst.“
Yusuf rief sich ins Gedächtnis, wie oft er dem Wunsch nach einem eigenen Taxi nachgehen wollte und es nie dahin gebracht hatte. Wie oft sie in Streit gerieten, wenn seine Frau von ihm forderte, dass er es zu etwas bringen sollte. Es war nicht nur am fehlenden Geld gescheitert, er wusste nur zu gut, dass er immer den für ihn bequemsten Weg gegangen war. Jetzt, wo er älter wurde, sah er kaum noch eine Möglichkeit, in den Besitz eines eigenen Taxis zu kommen.
Der Mann unterbrach seine Gedanken. „Haben Sie Verwandte oder Bekannte in Istanbul?“
Yusuf schaute fragend in den Rückspiegel.
„Jeder Türke hat doch Verwandte in Istanbul“, sagte der Mann.
„Ja, einen Schwager, alle haben einen Schwager in Istanbul“, erwiderte Yusuf lachend.
„Sehen Sie, das sagte ich doch.“
„Ich habe ihn aber noch nie gesehen.“ Yusuf lachte wieder.
Der Mann schwieg. Er hatte einen Arm auf seinem kleinen Koffer liegen und Yusuf hörte, wie er mit den Fingern darauf klopfte.
„Wir sind gleich da, es ist viel Verkehr heute. Sind Sie Geschäftsmann?“
„Ja, ich bin beruflich hier. Sagen Sie, kann ich Sie später wieder bestellen, nachdem Sie mich zum Hotel gebracht haben?“
Yusuf horchte auf. „Das geht schon, wenn ich nicht gerade eine Tour habe.“
„Das ist gut. Ich hätte es gerne, wenn Sie mich anschließend zu diesem Italiener fahren würden.“
Yusuf dachte an seine Provision.
„In Ordnung, ich schreibe Ihnen gleich meine Telefonnummer auf und Sie können mich anrufen. Ich komme so schnell es geht.“
Der Mann nickte stumm.
„Da vorn ist Ihr Hotel, wir sind da.“
Yusuf lenkte das Taxi in die Zufahrt und hielt die Wagentür auf. Von dem kleinen Koffer ließ er die Finger. Eilig kritzelte er die Nummer seines privaten Mobiltelefons auf die Rückseite einer Geschäftskarte der Taxifirma, für die er fuhr.
„Wann etwa brauchen Sie mich?“ Er reichte dem Mann die Karte.
„Kann ich nicht sagen, warten Sie auf meinen Anruf.“ Der Mann ging zum Eingang und der Portier machte ihm Platz. Ein anderer Hotelangestellter kam flink heraus. Yusuf sah, wie der Mann den Kopf schüttelte, als dieser den kleinen Koffer nehmen wollte. Der Angestellte ging hinten ans Taxi, öffnete den Kofferraum und Yusuf glaubte zu erkennen, dass ein zufriedenes Lächeln über dessen Gesicht flog, als er die Koffer herausholen konnte, um doch noch seinem Beruf eilfertig nachzukommen.
*
„Wir nehmen den Fisch, den Sie auf der Mittagskarte empfehlen“, sagte der Mann zum Kellner. „Ich nehme doch an, dass Sie auch den Fisch essen, oder?“, wandte er sich an Yusuf, der ihm gegenüber saß.
Yusuf nickte als Zeichen des Einverständnisses.
„Am Telefon meldete ich mich mit Schneider.“ Der Mann goss sich Weißwein ein. „Auch?“, fragte er und hielt die Flasche mit ausgestrecktem Arm über den Tisch.
„Nein, vielen Dank.“ Yusuf hielt die Hand über sein leeres Glas. Dann aß er vom Brot der Vorspeise und blickte kauend zu seinem Gastgeber.
„In Wahrheit heiße ich Blohm“, sagte der Mann.
Yusuf hielt inne und sah sein Gegenüber fragend an.
„Wie ich schon sagte, ich bin geschäftlich hier in Hamburg.“
„Und warum nannten Sie mir vorhin einen falschen Namen?“ Yusuf aß weiter, während er den Mann beäugte.
„Mein geschäftlicher Auftrag verlangt Diskretion.“
Der Kellner brachte den Fisch und sie schwiegen in der Zeit, in der er ihn servierte.
„Sie kennen sich also in Istanbul aus?“, fragte Blohm dann.
„Mehr vom Durchfahren.“
„Würden Sie noch mal mit dem Auto in die Türkei fahren?“
Yusuf schluckte erst sein Essen runter, bevor er antworten konnte, und zuckte mit den Schultern. „Weiß ich nicht, könnte ich mir heutzutage nicht mehr vorstellen.“
„Weil Sie nicht mehr dahin müssen? Oder weil Sie nicht mehr können? Wie alt sind Sie?“
„Dreiundfünfzig, aber das hat nichts mit meinem Alter zu tun.“
„Eben“, nickte Blohm, „Sie sind doch ein Profi.“
Yusuf tat gleichgültig. „In welchem Geschäft arbeiten Sie?“, fragte er, um die Unterhaltung nicht einseitig werden zu lassen.
„Ich bin Kaufmann, Außenhandel.“
„Da verdienen Sie ganz ordentlich?“
„In der Branche so üblich“, sagte Blohm. Er winkte den Kellner herbei und bestellte eine Flasche Wasser.
„Wie lange bleiben Sie in Hamburg?“, fuhr Yusuf fort. „Ich kann Sie jederzeit fahren, wenn ich gerade frei bin, Sie brauchen mich nur anzurufen, wenn Sie zu Ihren Geschäftspartnern müssen, auch abends kann ich ...“
Blohm schnitt ihm das Wort ab. „Würden Sie mehr verdienen, wenn Sie ein eigenes Taxi fahren würden, ich meine eines, das Ihnen ganz alleine gehört?“
„Vielleicht, vielleicht lohnt sich’s“, antwortete Yusuf.
„Sie wären Ihr eigener Chef, Sie könnten Leute einstellen und vielleicht sogar ein kleines Unternehmen aufbauen.“
„Man merkt, dass Sie Geschäftsmann sind.“
„Das könnten Sie auch sein, erst ein eigenes Taxi, dann zwei, drei weitere dazu?“ Blohms Blick schien forschend.
„Lohnt sich heute nicht mehr; wenn ich noch etwas jünger wäre, dann vielleicht.“
„Für Geschäfte ist man nie zu alt, und so alt sind Sie außerdem nun auch wieder nicht.“
„Ja, schon, ich wollte immer ein eigenes Taxi besitzen. Aber es hat eben nicht gereicht: die Frau, die Kinder, Sie verstehen.“ Yusuf rieb symbolisch den Daumen mit dem Zeigefinger.
„Erzählen Sie mir von Ihrer Frau“, forderte Blohm ihn auf.
Yusuf schüttelte den Kopf. „Was soll ich Ihnen da erzählen, ist eben meine Frau.“
„Ist sie auch Türkin?“
„Ja sicher.“
„Und schon lange verheiratet, nehme ich an. Kinder?“
„Zwei“, sagte Yusuf, „sind schon erwachsen.“
„Haben Sie sonst noch Verwandte hier in Hamburg? Ihre Eltern leben wohl in der Türkei?“
„Nein, nur die Schwiegereltern leben noch.“
„Ist Ihre Frau jünger?“
Yusuf nahm einen Schluck Wasser und sah über das Glas hinweg an Blohm vorbei. „Nur ein paar Jahre“, sagte er, als er das Glas wieder auf den Tisch stellte.
„Verwöhnen Sie Ihre Frau heute noch?“
Yusuf blies seine Backen auf und pustete anschließend seinen Atem leise hinaus.
„Ich meine, machen Sie ihr ab und zu noch kleine Geschenke?“ Blohm beugte seinen Kopf vor und schien auf die Antwort zu lauern.
Yusuf überlegte, was er sagen sollte. Warum stellte sein Gegenüber diese Fragen. Sie wurden ihm unangenehm, aber er hielt sie für zulässig, immerhin wurde der Fisch, den er gerade gegessen hatte, von diesem merkwürdigen Geschäftsmann bezahlt.
„Wenn Sie genug Geld hätten, könnten Sie Ihrer Frau Schmuck schenken. Sie liebt doch Schmuck? Wie wäre es mit Diamanten?“ Blohm grinste verschmitzt. „War ein kleiner Scherz.“
„Natürlich besitzt sie Schmuck“, sagte Yusuf etwas ungehalten, „alle Frauen mögen Schmuck.“
„Natürlich“, pflichtete Blohm ihm bei. „Sind Sie ein strenggläubiger Moslem?“
Diese Frage überraschte ihn. Er war gerade dabei zu überlegen, wie er das Theater um seine Frau unterbinden konnte. Jetzt zählte er nach, wie oft er in der letzten Zeit in der Moschee gewesen war. Im letzten Jahr, fiel ihm ein, war er zweimal dort gewesen, und in diesem erst einmal, zur Hatim-Feier eines Sohnes von Bekannten.
„Nicht gläubiger als es meine christlichen Nachbarn sind“, gab er brummig Auskunft.
„Wollen wir noch ein Dessert zu uns nehmen?“, fragte Blohm.
Yusuf zog kurz seine Schultern hoch. „Muss nicht sein, für mich nicht, ich muss auch bald wieder los, meine Mittagspause ist begrenzt“, entschuldigte er sich. Ihm war daran gelegen, die Unterhaltung mit diesem Blohm abzuschließen. Er hatte die Einladung zum Essen angenommen, weil er dachte, den Geschäftsmann, solange er in Hamburg blieb, auch weiterhin als Kunden zu gewinnen. In solchen Fällen war oft ein sehr gutes Trinkgeld zu erwarten. Zum Essen hatte ihn allerdings noch kein Fahrgast eingeladen.
Blohm hatte inzwischen nach dem Kellner gerufen.
„Kaffee trinken Sie doch?“
Sie schwiegen eine Weile, bis der Kellner den Kaffee gebracht hatte. Yusuf trank ihn schwarz.
„Könnten Sie sich vorstellen, eine Fahrt nach Istanbul anzunehmen?“, fragte Blohm.
„Istanbul? Mit dem Taxi? Ich dachte, Sie machen hier in Hamburg Geschäfte.“
„Auch. Hamburg, Istanbul, wo auch immer. Ich tätige gerade ein Geschäft zwischen Hamburg und Istanbul.“
„Und dazu brauchen Sie ein Taxi?“
„Ja, für einen Transfer.“
Yusuf überlegte, was Blohm damit meinte.
„Sie kennen sich doch in Istanbul aus und sprechen türkisch“, hörte er ihn wieder sagen.
„Ich war erst einmal so richtig in Istanbul, und das ist schon lange her, sonst bin ich auf meinen Reisen immer nur durchgefahren.“
„Das ist auch nicht weiter wichtig, ich bräuchte vor allem Ihre Diskretion.“
Yusuf fühlte sich von Blohm beobachtet, als er über dessen Äußerungen nachdachte, sie irritierten ihn und er konnte nichts damit anfangen.
„Was nehmen Sie für so eine Fahrt?“, hakte Blohm nach.
„Ich halte es für verrückt, dass sich jemand von hier aus in die Türkei fahren lassen will.“
„Wieso verrückt? Gab es denn nicht schon solche Touren?“
„Sicher, aber es ist ungewöhnlich.“ Yusuf rutschte unruhig auf seinem Stuhl hin und her.
„Bleiben Sie noch einen Moment, hören Sie mir doch erstmal zu!“ Blohm hob beschwichtigend eine Hand.
„So etwas habe ich noch nie gemacht, und ich müsste auch meinen Chef informieren. Das geht nicht ohne seine Einwilligung.“
„Das geht anders“, sagte Blohm und fuhr leiser fort: „Sie müssen mir beantworten, ob ich mit Ihnen über ein Geschäft reden kann, das äußerstes Vertrauen verlangt. Wie ich schon sagte, ich würde von Ihnen als Taxifahrer Diskretion erwarten.“ Er hatte sich über den Tisch zu Yusuf hinübergebeugt.
„Ist das illegal, was Sie da vorhaben?“ Yusuf ahnte, dass es in eine Richtung lief, die möglicherweise an sein Gewissen ging.
„Ist es illegal, mit dem Auto in die Türkei zu reisen?“
„Wenn es voller Rauschgift ist?“
„Wenn es Rauschgift wäre, dann ja wohl nur aus der Türkei heraus. Nein, Sie fahren runter, um etwas abzu- holen.“
„Ohne meinen Chef davon in Kenntnis zu setzen geht das nicht.“
„Das sagten Sie bereits. Aber wir brauchen ein Taxi und nicht Ihren Chef. Sie müssen mir jetzt sagen, ob Sie interessiert sind, bevor ich weiterrede.“ Blohm lehnte sich zurück und sah Yusuf abwartend an.
„Ich müsste auf jeden Fall Vorkasse verlangen, plus Spesen und die Vereinbarung einer Tagespauschale.“
„Sie können mehr als das bekommen.“
„Mehr als den regulären Fahrpreis?“
„Sie können Besitzer eines eigenen Taxis werden.“
Yusuf starrte sein Gegenüber lauernd an. Er vermutete, dass Blohm gleich wieder sagen würde, es wäre nur zum Scherz.
„Und selbstständig sein, eine eigene Firma gründen. Sie sind Türke und die sind doch besonders stolz auf ein eigenes Geschäft“, schob Blohm nach.
Yusuf schüttelte den Kopf. „Niemand zahlt so einen Preis, so etwas gibt es nicht. Da ist doch etwas faul.“
„Hier geht es um einen lukrativen Auftrag.“
„Warum suchen Sie gerade mich aus?“
„Sie sind ein Profi. Sie sind Taxifahrer. Taxifahrer sind clevere Menschen. Und diskret.“ Blohm machte eine kurze Pause. „Sie sind es doch, oder?“
Yusuf nickte leicht mit dem Kopf.
„Dann hören Sie zu“, fuhr Blohm fort, „ich will Ihnen den Ablauf des Geschäfts unterbreiten, aber nicht hier.“
Yusuf nickte wieder.
*
Blohm zeigte auf eine der wenigen Parklücken am Straßenrand neben der Außenalster. Er blieb hinten im Fond sitzen und redete mit ruhiger Stimme.
„Wir werden ein Mercedes-Taxi kaufen, ein bestimmtes Modell, schon ein wenig älter, aber von einer zuverlässigen Baureihe. Ich habe auch schon einen Verkäufer gefunden. Der will fünfzehntausend Euro. Das zahlt man doch dafür, oder?“
Yusuf zuckte mit den Schultern.
„Ich handle ihn noch runter, sagen wir auf zwölftausend. Mit diesem Taxi fahren Sie nach Istanbul. Dort verkaufen Sie es. Dieses Modell ist dort sehr begehrt. Das Geld, das Sie dafür bekommen, gehört Ihnen!“ Blohm machte eine Pause. „Viel mehr Geld, als es bei unserem Kauf kosten wird“, fuhr er fort. „Feilschen Sie, handeln Sie, das können Sie doch gut.“
Blohm machte wieder eine Pause, Yusuf bemerkte seinen abwartenden Gesichtsausdruck im Rückspiegel.
„Ich gebe Ihnen die Adresse eines Händlers in Istanbul, dem Sie das Taxi verkaufen“, fuhr Blohm fort. „Und jetzt hören Sie genau zu: Von ihm bekommen Sie auch ein anderes Auto für die Rückfahrt, und in diesem Auto werden Diamanten versteckt sein, gut versteckt, und Sie fahren damit zurück. In Hamburg wird der Wagen wieder verkauft und auch das Geld dafür können Sie behalten!“
„Halt, warten Sie.“ Yusuf drehte sich in seinem Sitz so- weit es ging nach Blohm um. „Das kann ich nicht tun, das ist nichts für mich. Danke, nein.“ Er hob wie zum Schutz die Hände, so, als wollte er sich hinter ihnen verbergen.
Blohm beugte sich vor. „Was kostet ein nagelneues Taxi? Dreißigtausend?“
„Vierzigtausend, aber lassen Sie es gut sein, das kann ich nicht machen.“
„Weil Sie Angst haben, erwischt zu werden? Das Risiko ist geringer, als Sie vermuten, und Sie werden reich dabei.“
„Reich?“, höhnte Yusuf. „In den Knast werde ich kommen. Warum gehen Sie nicht selbst da runter, warum nehmen Sie nicht das Flugzeug?“
„Sie kriegen doch keine Diamanten in ein Flugzeug! Ich erkläre Ihnen, wie es funktioniert“, sagte Blohm. „Wenn Sie als Türke mit einem Auto einreisen, noch dazu in einem Taxi, welches Sie in der Türkei verkaufen wollen, so ist das für die Beamten an der Grenze ganz plausibel. Jeden Tag werden gebrauchte Taxen über die Grenze verschoben, Ihre türkischen Kollegen sind da ganz heiß drauf.“
„Aber man kann doch hinfliegen und dort das Auto übernehmen. Wieso sollte ich erst mit dem Taxi da runter?“
„Wenn Sie mit dem Flugzeug einreisen und mit dem Auto wieder ausreisen, ist das für die Behörden ungewöhnlich und sie schöpfen Verdacht. An der Grenze sehen die doch die Stempel in Ihrem Pass.“
„Und wie kriegen Sie die Diamanten über die Grenze?“, wandte Yusuf ein. „Was ist, wenn die das Auto auseinandernehmen?“
„Jetzt kommt Ihr Schwager in Istanbul ins Spiel.“
„Aber ich habe keinen Schwager.“
Blohm stutzte. „Wieso? Sie sagten doch, Sie hätten einen Schwager in Istanbul.“
„Das habe ich doch nur so gesagt, es ist eine türkische Redewendung.“ Im Rückspiegel sah Yusuf, wie Blohm nachdachte.
„Gut, das ändert den Plan nur wenig. Wir brauchen ja nur jemanden, der das Auto über die Grenze bei Edirne bringt, jemanden, dem wir vertrauen können. Haben Sie da einen?“
Yusuf wollte nicht mehr zuhören, er ließ den Wagen an. Jetzt wurde es ihm immer undurchsichtiger. Wie sagte dieser Blohm? Diskreter Taxifahrer? Blödsinn, dachte er. An seiner Schulter spürte er eine Berührung und vernahm Blohms ruhige Stimme.
„Mit dem Geld von dem Verkauf der beiden Autos und einer zusätzlichen Summe, die Sie von mir bekommen werden, haben Sie das Geld für die Anschaffung Ihres neuen Taxis, egal wie teuer es ist.“
„Vierzigtausend Euro? So viel ist Ihnen das wert?“ Yusuf drehte sich wieder nach ihm um.
„Vierzigtausend, plus eine kleine Summe für jemanden, den wir für unser Geschäft noch brauchen. Was ist mit Ihrem Cousin in Izmir?“
Yusuf stellte den Motor wieder ab.
„Wozu brauchen wir eigentlich noch jemanden, wenn ich den Wagen genauso gut über die Grenze bringen kann?“
„Das erkläre ich Ihnen gleich, wenn Sie dem Geschäft zustimmen.“
„Das ist ein einfacher Bauer, ich glaube nicht, dass wir ihn ins Vertrauen ziehen können. Wieso vertrauen Sie mir eigentlich? Was wäre, wenn ich jetzt zur Polizei ginge?“
„Was wollten Sie denen sagen? Dass ich Sie zum Essen eingeladen habe als Dank dafür, dass Sie mich in Hamburg herumfahren?“
„Und wenn ich die Behörden in der Türkei informieren würde?“
„Ich melde das Auto dann eben als gestohlen“, entgegnete Blohm süffisant, „beweisen Sie dann dort mal etwas anderes. Und auf der Rückfahrt können Sie’s auch nicht machen, da haben Sie schon die Diamanten dabei. Sie müssen es sich jetzt genau überlegen und entscheiden: Ein neues Taxi und Sie imponieren Ihrer Frau mit einem eigenen Geschäft oder Sie leben Ihren alten Trott weiter. Ich biete Ihnen eine große Chance! Und bedenken Sie, es gibt absolut kein Risiko. Sie werden das erkennen, wenn Sie erst einmal meinen weiteren Plan kennen.“
Yusuf war verstört, er wusste, dass es schon lange nichts mehr gab, womit er seiner Frau imponieren konnte. Sie war sehr kritisch geworden in den letzten Jahren und nahm nichts mehr so widerspruchslos hin wie früher. Am Anfang ihrer Ehe steckten sie voller Pläne, aber er hatte nie den Sprung geschafft wie manche seiner Landsleute, die einen Gemüsehandel oder ein Reisebüro ihr Eigen nennen konnten. In die Fabrik wollte er nicht und das Einzige, was ihm noch gefiel, war die Arbeit als Taxifahrer, und er fuhr bis heute gerne Taxi. Sie hatten ihr Auskommen, die Ansprüche waren weniger geworden, die Kinder groß. Widerstrebend wollte er in Erfahrung bringen, wie Blohms Plan aussah. Ob es wirklich kein Risiko bei dieser Geschichte gab, wenn auch sein Verstand ihn wegen der Brisanz warnte. Es ging hier um etwas, das ihm bisher niemals in den Sinn gekommen war.
„Nun?“, forderte Blohm eine Antwort.
Yusuf wiegte seinen Kopf langsam hin und her. „Nein“, sagte er, „es ist mir doch zu gefährlich.“
„Dieser Auftrag ist das Geschäft Ihres Lebens; nur der lange Weg hin und zurück ist vielleicht das Anstrengendste an dieser Reise.“
„Das Fahren macht mir nichts aus.“
„Was hindert Sie dann?“
„Ich kann es nicht sagen, es hört sich zwar verlockend an, aber …“ Yusuf hielt inne.
„Aber …?“, forschte Blohm.
Yusuf zog die Schultern hoch.
„Ihnen fehlt der Mut.“ Blohm ließ sich zurück in den Sitz fallen. „Vielleicht zögert ein Kollege von Ihnen nicht so lange.“
Yusuf fühlte, dass er zwischen zwei Stühlen saß. Er wusste, dass er schon zu weit auf Blohm eingegangen war und eigentlich auch nicht mehr zurückwollte, und es ärgerte ihn.
„Ich mach’s für fünfzigtausend.“ Er hörte seine Stimme, als sei sie fremd, und sie klang wie von weit her.
„Fünfzigtausend!“ Blohm dehnte das Wort langsam, als er es wiederholte. Er beugte sich wieder vor. „Na, und wie Sie handeln können. Das ist sehr viel Geld, aber bitte.“
„Sie verdienen dabei bestimmt das Zehnfache.“ Yusuf erwartete eine ausgestreckte Hand, wie bei einem Geschäftsabschluss, aber Blohm lehnte sich wieder zurück in die Polster und Yusuf war froh darüber.
„Also, in Istanbul übernehmen Sie besagtes Auto, fahren mit einer Person des Vertrauens, die wir noch ausfindig machen, zurück zur Grenze bei Edirne. Dort übernimmt Ihr Begleiter, Ihr Cousin oder wer auch immer, das Auto und bringt es über die Grenze. Sollte die Grenzpolizei wider Erwarten das Auto auseinandernehmen, werden sie nichts finden!“
Blohm machte eine Pause und grinste, und Yusuf spürte, wie er von ihm dabei lauernd beobachtet wurde.
„Die können nichts finden“, fuhr Blohm bedeutungsvoll fort, „denn noch bevor Ihr Begleiter über die Grenze fährt, bringt er Sie nördlich von Edirne in eine einsame Gegend, die von der Grenzpolizei nicht kontrolliert wird. Sie nehmen die Diamanten an sich, der Autohändler in Istanbul wird Ihnen zeigen, wo sie im Auto versteckt sind. Dann bringen Sie die Diamanten zu Fuß über die grüne Grenze rüber auf die andere Seite, auf bulgarischen Boden, und Sie warten dort, bis Sie von Ihrem Begleiter wieder abgeholt werden. Er weiß ja, wo genau er Sie auf der anderen Seite erwarten kann. Nun, wie finden Sie das?“
„Wo sind Sie eigentlich während der ganzen Zeit?“
„Bei Ihnen!“ Blohm sagte es so, dass es charmant klang, und als er Yusufs irritierten Blick sah: „So lange, bis wir knapp vor der türkischen Grenze sind. Dort werde ich Sie für kurze Zeit verlassen.“
„Sie gehen nicht mit über die Grenze?“
„Ganz richtig. Ich kann nicht mit Ihnen zusammen im Taxi die Grenze passieren, das würde eventuell Fragen aufwerfen. Warum sollte sich jemand den weiten Weg in die Türkei in einem Taxi fahren lassen? Nein, wir dürfen nicht zusammen über die Grenze, das gilt auch für die Rückreise.“
„Dann sollten Sie doch von Hamburg aus direkt nach Istanbul fliegen und wir treffen uns dort wieder. Warum nehmen Sie die lange Reise im Auto auf sich?“
„Leider bin ich im internationalen Geschäft so etwas wie, na sagen wir, eine bekannte Größe, im Moment zu groß.“ Blohm lachte. „Auf den Flughäfen sind die Kontrollen zurzeit sehr scharf.“
„Das hört sich aber doch nach einem Risiko an. Werden Sie gesucht?“
„Wo denken Sie hin, es ist alles im grünen Bereich. Ich werde eine andere Art des Grenzübergangs bevorzugen. Auf der Strecke von Sofia nach Istanbul verkehrt täglich ein Linienbus.“
„Aber auch der Bus muss an den Grenzbeamten vorbei.“
„Dafür ist vorgesorgt, ich habe noch einen zweiten Pass.“
„Auf den Namen Schneider, nehme ich an“, unterbrach Yusuf spöttisch.
„Kurz vor der Grenze werde ich in den Bus zusteigen“, fuhr Blohm unbeirrt fort.
„Und wir treffen uns wieder in Istanbul“, folgerte Yusuf.
„Genau, Sie bleiben auf dem letzten Teil der Fahrt immer in der Nähe des Busses, bis wir in Istanbul sind. Aber das erkläre ich Ihnen später noch mal.“
Yusuf bewegte langsam beifällig den Kopf. „Gut“, sagte er, „hört sich einfach an, vielleicht zu einfach.“
„Und wie gesagt, genauso machen wir es auch auf der Rückfahrt. Ich fahre mit dem Bus hinter die Grenze, Sie gehen locker mit den Diamanten in einer einsamen Gegend hinüber, und unser dritter Mann holt Sie dort auf der anderen Seite wieder ab. Von da aus geht’s direkt nach Hamburg und zwar ausschließlich durch EU-Länder. Bulgarien, Rumänien, Ungarn, Slowenien, Tschechien, keine weiteren Kontrollen an den Grenzen. Alles soweit verstanden?“
Yusuf überlegte. „Ich muss für die Zeit der Reise Urlaub nehmen“, sagte er dann.
„Können Sie das kurzfristig klären?“
Yusuf nickte.
„Inzwischen kümmere ich mich um den Ankauf des Taxis“, sagte Blohm.
„Sollte ich nicht besser dabei sein? Ich kann Ihnen helfen und das Auto begutachten …“
„Das ist fast schon erledigt, danke für Ihr Angebot, aber sehen Sie zu, dass Sie möglichst schnell Urlaub bekommen. Ich denke, wir brauchen nicht länger als eine Woche für die Transaktion.“
„Wann wollen wir fahren?“, fragte Yusuf.
„Morgen“, antwortete Blohm, „morgen Nacht.“
Im fahlen Licht der Hotelzufahrt betrachtete Yusuf das Taxi, indem er es einmal umrundete. Dann setzte er sich in den Wagen, ließ den Motor an und schaltete das Licht ein. Sein Blick hing prüfend an den Anzeigen der Armaturen. Als er wieder ausgestiegen war, schaute er noch einmal durch die geöffnete Tür in das Wageninnere. Er kannte diesen Typ, er hatte ihn früher selbst lange gefahren und wusste, dass es ein sehr robustes Fahrzeug war, bei seinen Kollegen sehr beliebt.
„Ich darf annehmen, dass Sie sich ausgeschlafen haben und ausgeruht sind?“ Blohm, der neben seinen Koffern stand, sah auf Yusuf, der sich zu den Reifen bückte und sie inspizierte.
„Ich bin es gewohnt, nachts zu fahren.“ Yusuf ging nach hinten an den Wagen, öffnete den Kofferraum, schwang das Gepäck hinein und wunderte sich, dass Blohm es zuließ, dass er den kleinen Koffer, den er sofort wiedererkannte, anfassen und dazulegen durfte. Seine eigene, eine nicht allzu große Reisetasche, packte er zuletzt hinein.
„Wir werden kaum halten, höchstens zum Tanken“, sagte Blohm.
„In Ordnung, wenn es Ihnen nichts ausmacht?“, brummelte Yusuf.
„Ich werde das Vergnügen haben, die meiste Zeit schlafen zu können.“ Blohm lachte leise und stieg auf der Beifahrerseite ins Taxi.
„Was haben Sie für den Wagen bezahlt?“, fragte Yusuf, als er sich ans Steuer setzte.
„Wie ich Ihnen schon sagte, konnte ich mit dem Verkäufer handeln. Zwölftausend habe ich gegeben, nun liegt’s an Ihnen, in Istanbul mehr rauszuschlagen.“
Yusuf lenkte den Wagen langsam aus der Zufahrt in den zu dieser späten Stunde ruhig fließenden Verkehr und steuerte die Autobahn an. Blohm neben ihm stellte seinen Sitz in eine andere Position. Yusuf war es nicht gewohnt, dass seine Fahrgäste neben ihm Platz nahmen, er sah sie lieber hinten sitzen, wo er sie im Rückspiegel beobachten konnte.
Blohm war eingeschlafen, bevor sie auch nur eine Stunde auf der Autobahn unterwegs waren. Ab und zu blickte Yusuf auf den Schlafenden, der seinen Kopf zur Seite an das Fenster der Beifahrertür gelehnt hatte. Der Tempomat war eingeschaltet und sie fuhren mit gleich bleibender, aber hoher Geschwindigkeit. Mit ihnen waren wenige Autos unterwegs und entspannt lenkte er den Wagen durch die Nacht in Richtung Süden.
Er überlegte, ob er das Radio einschalten sollte, aber er zögerte, er wollte nicht, dass Blohm vielleicht dadurch geweckt wurde. Sein Blick ging zur Uhr, es war kurz nach Mitternacht. Würde er durchfahren, dachte er, wäre er am übernächsten Tag in den Morgenstunden in Istanbul. Er kannte den Reiseverlauf genau, Blohm war mit ihm die Route durchgegangen, und zu Hause hatte er noch mal einen Blick auf die Straßenkarten geworfen. Jetzt war sie in seinem Kopf gespeichert, er brauchte kein Navigationsgerät. Tschechien, Ungarn, an Budapest vorbei auf die E 75 und später auf die M 5, dann in Rumänien über Sibiu und an Bukarest vorbei nach Ruse in Bulgarien und danach auf die E 80 Richtung Edirne, wo sie die bulgarisch-türkische Grenze passieren sollten. Yusuf berichtigte sich, er allein sollte die Grenze passieren. Er schaute auf seinen schlafenden Fahrgast. Schon ein merkwürdiger Kerl, dachte er, aber einer mit viel Geld.
Blohm hatte diese Route bestimmt, ihm schien wichtig, dass sie nur EU-Länder passierten. Keine Kontrollen an den Grenzen, wie er sich ausdrückte. Mit Rumänien war Yusuf sich nicht im Klaren. War Rumänien überhaupt an diesem Schengener Abkommen beteiligt, von dem er gehört hatte? Und Bulgarien? Er wusste es nicht genau, aber es waren Mitgliedsstaaten der EU, das war ihm bekannt. Möglicherweise gab es also doch ein Risiko, wenn sie an diese Grenzen kamen. Auf der Hinfahrt würde es keine Probleme geben, da hatten sie nichts zu verbergen, dachte er. Und zurück? Blohm war sich hier sehr sicher, so wie er es erklärt hatte. Vielleicht würde nicht kontrolliert. Yusuf wollte nicht weiter darüber spekulieren und über etwas anderes nachdenken.
Ihm fiel wieder Istanbul ein. Einmal war er dort als Junge gewesen, und er erinnerte sich, wie er diese Stadt kennengelernt hatte und wie gern er dort gewesen war. Der Lärm in den Straßen, die hupenden Autos, es drang im Moment noch genauso an sein Ohr, als habe er es gestern erst erlebt. Die bunten Lichter, die ihn verzaubert hatten. Trotz aller Hektik ging damals für ihn, auf dem Land geboren und aufgewachsen, von dieser Stadt eine Faszination aus, die er jetzt plötzlich wieder verspürte. Alles tauchte in seiner Erinnerung erneut auf, selbst die Gerüche der pulsierenden Großstadt stiegen in seine Nase, und er erinnerte sich gern, und mit einem Mal überkam ihn ein Glücksgefühl, als er sich klarmachte, dass diese Stadt schließlich das Ziel dieser Reise war.
Ihm fiel ein, wie er seiner Frau hatte beibringen wollen, dass er für einige Zeit verreisen würde. Wie versteinert hatte sie dagesessen und ihm nur still zugehört. Er hatte ihr nicht gesagt, dass der Lohn für diese Fahrt ein eigenes Taxiunternehmen sein würde. Er hatte nur gesagt, dass sein Fahrgast überaus gut bezahle und dass im Übrigen die Tour von seinem Chef abgesegnet worden sei. Sie wäre nur ein paar Tage allein zu Hause, was sei schon dabei? Ob noch genügend Geld im Hause wäre, hatte er gefragt. Mit ihren großen, schwarzen Augen hatte sie ihn angeschaut, und Yusuf erinnerte sich an die Tränen, wie sie langsam an ihren Wangen hinuntergerollt waren. Er war noch nie lange von zu Hause fort gewesen und er fand es dumm, dass er es so gesagt hatte. Wie sonst so oft hatte er ihren Protest erwartet, wenn er etwas machte, was ihr nicht gefiel, aber sie hatte weiter geschwiegen. Später, als er in der Nacht aufbrechen wollte, war sie ins Schlafzimmer gegangen ohne ein Wort des Abschieds, und er hatte vor der Tür gestanden und ihm war nichts eingefallen, wie er sich hätte verabschieden sollen.
Yusuf schob seine Gedanken beiseite und schaltete doch das Radio ein, ganz leise. Er schaute weit nach vorne und sah die Rücklichter der Fahrzeuge, wie sie vor ihm auf dem Weg durch die Nacht ihre roten Spuren hinterließen.
*
Blohm erwachte. Er reckte sich und verzog sein Gesicht, als hätte er sich verrenkt. Langsam richtete er sich auf.
„Sie können die Rückenlehne auch ganz runterstellen, dann können Sie bequemer schlafen“, riet Yusuf ihm.
Blohm sah durchs Fenster, offensichtlich spähte er nach Hinweisschildern.
„Wie weit sind wir?“, fragte er.
„Hinter Dresden.“
„Wie lange brauchen wir bis Prag?“
„Schätze anderthalb Stunden, wenn wir weiter so gut durchkommen.“
„Fahren Sie dort einen Rastplatz an“, sagte Blohm nach einer Weile, „ich denke, wir sollten eine Pause machen.“
Yusuf nickte. Und getankt werden muss auch, sagte er sich, als sein Blick zur Benzinuhr ging.
Blohm lehnte sich wieder zurück, ohne die Rückenlehne verstellt zu haben, so wie Yusuf es vorgeschlagen hatte, und war kurze Zeit später trotz seiner unbequemen Position wieder eingeschlafen. Er wachte erst auf, als Yusuf das Taxi auf einen Rastplatz in der Ortschaft Jihlava lenkte und eine Tankstelle ansteuerte. Während der Diesel in den Tank floss, übte Yusuf sich hinter der Zapfsäule in zaghaften Dehn- und Streckübungen.
„Ich brauche Geld für die Tankfüllung“, rief er über das Autodach hinweg zu Blohm, der gerade ausstieg.
Blohm kam herum und gab ihm zweihundert Euro. „Gleich für das nächste Mal mit“, sagte er brummig, offensichtlich war er noch verschlafen.
Als Yusuf von der Kasse zurückkam, entdeckte er Blohm vor dem Motel, das gleich hinter der Tankstelle lag, und verstand dessen Winken so, dass er mit dem Taxi nachkommen sollte. Er musste einmal um die Tankstelle herum fahren, und als er den Parkplatz vor dem Motel erreichte, war Blohm bereits in das Gebäude gegangen. Yusuf blieb im Taxi. Er spürte jetzt, dass er müde wurde, und fuhr seine Rückenlehne etwas runter, aber gleich wieder hoch, als Blohm wieder aus dem Motel herauskam.
„Wir sollten hier etwas frühstücken. Ich warte im Restaurant auf Sie, bis Sie sich frisch gemacht haben. Die Waschräume sind so früh am Morgen noch angenehm leer“, sagte Blohm, als er am Auto angekommen war.
Er nahm einen seiner beiden größeren Koffer aus dem Kofferraum und ging ins Motel zurück. Yusuf nahm den Waschbeutel aus seiner Gepäcktasche. Etwas später setzte er sich zu Blohm an den Tisch. Außer ihnen waren keine Gäste im Restaurant. Er hatte sich nach dem Waschen rasiert, was dazu beitrug, dass er sich etwas frischer fühlte. Der Kellner brachte Kaffee und Yusuf genoss den Duft, als er seine Tasse füllte. Danach stellte der Kellner Brot sowie eine Platte mit Wurst und Käse auf den Tisch.
„Ich bestelle uns noch Spiegeleier, oder mögen Sie lieber ein gekochtes Ei oder Rührei?“, fragte Blohm kauend.
„Spiegelei, und etwas Marmelade für mich.“
„Sie hatten das Taxi so schnell aufgetrieben“, fragte Yusuf später, als sie schon fast mit dem Frühstück fertig waren und nur noch den Kaffee vor sich stehen hatten. „Kannten Sie den Händler schon vorher?“
„Durch meine Geschäfte habe ich viele Kontakte.“
„Vielleicht wäre es besser gewesen, wenn ich beim Kauf dabei gewesen wäre. Ich hätte mir den Wagen genauer angesehen. Irgendwie fehlt es ihm an Leistung.“
„Wie kommen Sie denn darauf?“ Blohm schaute lauernd auf.
„Heute früh, bei den Steigungen, zog er nicht richtig durch. Und in den scharfen Kurven hatte ich das Gefühl, dass er etwas schwimmt.“
„Was erwarten Sie, der Wagen hat schon einige Kilometer auf der Uhr.“
„Ich hab diesen Typ jahrelang als Taxi gefahren, war immer zuverlässig, bis zuletzt. Wir sollten den Wagen in einer Werkstatt checken lassen.“
„Dazu haben wir nicht die Zeit“, entgegnete Blohm.
„Wir können auch eine Tankstelle anfahren, den Wagen aufbocken, und ich seh mir das Fahrwerk selbst an.“
Blohm schüttelte unwirsch mit dem Kopf. „Nein, kommt nicht in Frage, wir sollten die Zeit lieber nutzen, um uns auszuruhen, die Fahrt ist noch lang genug und der Wagen wird es schon schaffen. Sie sagten doch selbst, dass es ein zuverlässiges Auto ist.“
„Ich wollte nur darauf hinweisen. Aber Sie müssen es wissen, Sie sind der Chef.“ Yusuf tat gleichgültig, aber er machte sich doch Gedanken um das Taxi, schließlich sollte beim Verkauf in Istanbul der Preis nicht durch irgendeinen Mangel am Fahrzeug geschmälert werden.
„Gönnen Sie sich eine Schlafpause“, sagte Blohm. „Reicht Ihnen dafür die Zeit bis, sagen wir, zwölf Uhr?“
„Sie meinen ich soll im Auto schlafen?“
„Es macht Ihnen doch hoffentlich nichts aus? Für die paar Stunden lohnt sich doch kein Zimmer mehr.“
Yusuf war es egal. Das Frühstück hatte ihn noch müder gemacht. Hauptsache, er konnte schlafen. Er rechnete sich aus, dass er fast fünf Stunden schlafen konnte.
„Von mir aus, es wird schon gehen.“
„Ich bleibe hier“, sagte Blohm, „ich werde etwas lesen und ich muss noch ein paar Telefonate erledigen.“
„Geschäftlich, nehme ich an.“
Blohm nickte.
Yusuf fuhr das Taxi um das Motel herum in eine abgelegene Ecke des Geländes. Es gab keinen Betrieb und keinen Verkehr, trotzdem wollte er sichergehen und die wenigen Stunden ungestört bleiben. Die Rückenlehne ließ er ganz runter, fast in die Waagerechte, und da er nicht annahm, im Kofferraum eine Decke zu finden, und auch gar nicht erst danach suchen wollte, rollte er seine Jacke zusammen und legte sie unter den Kopf. Während seiner Arbeit als Taxifahrer war er es gewohnt, in den Wartezeiten mal kurz zu nicken, und er hatte gelernt, wie man im Fahrersitz entspannen konnte.
*
Um die Mittagszeit steuerte er das Taxi auf die Autobahn Richtung Budapest, fünfhundert Kilometer waren es bis dahin, wusste er. Blohm hatte nichts erwähnt, ob sie dort übernachten würden. Yusuf fühlte sich ausgeruht; angesichts der sechs Stunden Fahrzeit, die vor ihnen lagen, wünschte er sich aber am Abend ein Bett für die Nacht.
Das wird anstrengend, dachte er. Anstrengender, als er es sich vorgestellt hatte. Er versuchte sich zu erinnern, ob es anstrengend gewesen war, damals vor dreißig Jahren, als er in die Türkei gefahren war. Ihm fiel nur ein, wie gern er damals gefahren war, und er glaubte, sich zu erinnern, dass sie immer nur einmal auf der weiten Reise übernachtet hatten, er und seine Familie, und gestoppt hatten sie auch nur zum Tanken. Heute Abend würde er auch wieder nachtanken müssen und spekulierte auf eine längere Pause.
„Wie hat es Ihre Frau eigentlich aufgefasst, dass Sie so schnell wegmussten und sie einige Zeit allein bleiben muss?“, fragte Blohm.
Yusuf war wieder einmal erstaunt. Wieso machte Blohm sich Gedanken über seine Frau? Er suchte nach einer Antwort.
„Was soll sie schon gesagt haben? Es kann ja mal vorkommen, dass ich eine längere Tour übernehme.“
„So lange waren Sie aber wahrscheinlich noch nie weg, das wird ihr sicher nicht gefallen haben.“
„Es wird ihr schon nichts ausmachen.“
„Haben Sie ihr von dem Geld erzählt, das Sie bekommen?“
„Nein, ich will sie damit überraschen.“
„Na, das ist doch auch was.“ Blohm sagte es affektiert.
Zwei Stunden später ließ er anhalten und sie vertraten sich für eine halbe Stunde die Beine. Yusuf merkte, wie ihm die frische Luft guttat, aber nachdem sie wieder unterwegs waren, überfiel ihn umso mehr die Müdigkeit. Mit einem Blick auf Blohm schaltete er die Klimaanlage zwei Grad runter, um sich wach zu halten, aber der tat so, als sei ihm dies egal.
Ob er im Hotel geschlafen hatte? Vielleicht hatte er sich doch ein Zimmer gegönnt. Yusuf schielte hinüber. Einen ausgeruhten Eindruck machte er ihm allerdings nicht. Blohm döste vor sich hin und ab und zu schloss er die Augen. Die Rückenlehne war auch jetzt noch immer aufrecht eingestellt und sein Kopf fiel irgendwann gegen das Seitenfenster.
Am späten Nachmittag verspürte Yusuf Hunger und er stellte sich vor, wie er und Blohm zu Abend speisten. Budapest war jetzt nicht mehr weit und er war gespannt darauf, ob Blohm einen Schnellimbiss an der Autobahn anfahren wollte oder ob er ein Restaurant vorziehen würde. Die Vorstellung von einem guten Essen vergnügte ihn und hielt ihn weiterhin wach. Er freute sich darauf, bald endlich eine Pause machen zu können.
Es war achtzehn Uhr, als er auf die Armaturen schaute, und sie hatten Budapest fast umrundet, aber Blohm döste immer noch vor sich hin.
Yusuf räusperte sich. „Soll ich den nächsten Rastplatz anfahren, einen mit Hotel?“
Blohm schreckte hoch. „Was? Nein, egal, sehen Sie nur zu, dass wir tanken und eine Kleinigkeit essen können.“
Yusufs Hoffnung auf ein gutes Abendessen schwand dahin.
„Und wie ist es mit Übernachten? Ich bin jetzt sechs Stunden gefahren.“
„Wir halten eine Stunde. Danach fahren wir gleich weiter bis Arad. Das sind noch ungefähr vier bis fünf Stunden. Dann sind wir auch schon in Rumänien. Dort schlafen Sie sich bis zum Morgen richtig aus.“
Was aufmunternd klingen sollte, empfand Yusuf als Zumutung. Als sie sich kurze Zeit später auf einem Autobahnrasthof gegenübersaßen, sprachen sie nicht viel miteinander. Er aß wieder Spiegelei mit Brot und trank eine Flasche Wasser in kurzer Zeit leer. Warum wollte Blohm noch in der Nacht die rumänische Grenze passieren? Und warum ließ er ihn die vielen Stunden durchfahren, abgesehen von dieser kurzen Pause? Er wollte ihn nach dem Grund fragen, ließ aber davon ab. Vielleicht wird nachts an der Grenze weniger streng kontrolliert? Dann müsste Rumänien tatsächlich vom Schengener Abkommen ausgenommen sein. Er sah nachdenklich auf Blohm, der seinen letzten Bissen des schnellen Abendessens nahm.
*
Sie verließen die Autobahn E 75, bogen bei der Stadt Szeged auf die Straße nach Arad ab und fuhren dem Ort Nagylac entgegen. Yusuf wusste, dass sie dort auf den Grenzübergang zwischen Ungarn und Rumänien treffen würden. Er sah hinüber zu seinem Fahrgast. Der schlief jetzt nicht mehr und döste auch nicht, saß ruhig in seinem Sitz und schien entspannt.
Nicht so er selbst. Ihn befielen unruhige Gedanken, er chauffierte immerhin jemanden, der ihm undurchsichtig genug vorkam. Es gefiel ihm nicht. Wie schnell hatte er zugesagt, ohne große Überlegung. Leicht verdientes Geld? Gefährlich konnte es werden, verdammt gefährlich. Und verrückt kam es ihm vor, als er sich zum ersten Mal bewusst vorstellte, wie er auf dem Rückweg die Diamanten durch unbekanntes Gelände schmuggeln sollte. Einfach nicht mehr mitmachen und umkehren? Wie würde Blohm reagieren, wenn er nicht mehr weiterführe? Nochmals warf er einen unauffälligen Blick auf ihn. Von wegen Geschäftsmann. Einen Kriminellen, der ihn nicht schlafen ließ, fuhr er durch die Gegend. Ein abgebrühter Kerl saß da, den die bevorstehende Grenzüberfahrt nicht zu bekümmern schien. Jetzt einfach aufhören und umkehren! Yusuf dachte wieder an die Summe von fünfzigtausend Euro und er dachte an seine Frau.
Kurz vor dem Grenzübergang wurde er ruhiger, seine düsteren Gedanken verflogen und er konzentrierte sich darauf, die Grenze zu passieren.
