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Zu viel Stress zerstört jede Partnerschaft. Dennoch übertragen viele Paare denselben Anspruch, perfekt zu sein, den sie in ihrem beruflichen Leben an sich stellen, auch in ihr Privatleben. Dies zerstört jede Privatsphäre, meinen die Autoren Wayne und Mary Sotile zu Recht, denn Zärtlichkeit und Leidenschaft bleiben ebenso auf der Strecke wie Verständnis und Toleranz. Die Folge: Burnout in der Beziehung! Die Autoren zeigen hier die typischen Fehler im Denken und Handeln auf, gehen auf übersteigerte Erwartungshaltungen und Stress auslösende Faktoren ein. Checklisten und Tests, aber auch Ratschläge und konkrete Aktionspläne helfen, den Ausweg aus der Lustlosigkeit zu finden.
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Seitenzahl: 261
Veröffentlichungsjahr: 2001
Wayne M. Sotile • Mary O. Sotile
Das Traumpaar-Syndrom
Wayne M. Sotile • Mary O. Sotile
Das Traumpaar-Syndrom
So überlebt Ihre Liebe trotz Stress
Aus dem Amerikanischen übersetzt von Günther Strehle
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie. Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
Für Fragen und Anregungen:
Für unser Töchter, Rebecca und Julia.
Weil Ihr bewundernswerte Geschwister seid, weil Euer Dasein unser Leben bereichert, und weil Ihr auf Euren eigenen Wegen dennoch nicht vergesst,was Familie heißt.
Euch einander zu geben war das beste, was wir je tun konnten.
Nachdruck 2013
© 2001 by mvg Verlag, ein Imprint der Münchner Verlagsgruppe GmbH
Nymphenburger Straße 86
D-80636 München
Tel.: 089 651285-0
Fax: 089 652096
© 1998 by Wayne M. Sotile and Mary O. Sotile. All Rights Reserved. Authorized translation from the English Language edition published by John Wiley & Sons, Inc.
Titel der amerikanischen Originalausgabe: „Supercouple Syndrome“.
Alle Rechte, insbesondere das Recht der Vervielfältigung und Verbreitung sowie der Übersetzung, vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotokopie, Mikrofilm oder ein anderes Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme gespeichert, verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.
Aus dem Amerikanischen: Günther Strehle
Umschlaggestaltung: Vierthaler & Braun, München
Satz: mi/Sirch
Druck: Books on Demand GmbH, Norderstedt
ISBN Print 978-3-86882-391-2
ISBN E-Book (PDF) 978-3-86415-426-3ISBN E-Book (EPUB, Mobi) 978-3-86415-964-0
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www.mvg-verlag.de
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Inhalt
Vorwort
Danksagungen
Kapitel 1: Zwei Einkommen, kein Sex
Die Opfer: Karen und John
Die Kämpfer: Bruce und Marsha Malcom
Die Erfolgreichen: Mike und Belle Milano
Wer sind diese Menschen?
Kapitel 2: Leiden Sie am Traumpaar-Syndrom?
Das Paradoxe am Erfolgshunger
Früher hatten wir eine viel intimere Beziehung
Geht es auch anders?
Was ist BEST?
Wie schneiden Sie ab?
Kapitel 3: Beziehungen im Dauersprint
Der Faktor Zeit im täglichen Leben
Welche Zeit gehört der Familie?
Arbeitssucht
Die Triade der Erfolgshungrigen
Kapitel 4: Wenn Jäger nisten und Nestbauer jagen
Der neue (Tanz-)Schritt: Wir machen das zusammen!
Was schadet Frauen?
Wollen Männer wirklich mehr Beziehung?
Der zweite (Tanz-)Schritt: Wer sitzt am Drücker?
Neue Versionen von Ehe und Familienleben
Kapitel 5: Hochleistungsmenschen – und wer sie liebt
Suchen wir mehr oder weniger Beziehung?
Das Nähe-Distanz-Spiel
Lösungsversuche, die alles noch komplizierter machen
Das Dilemma von Frauen, die erfolgshungrige Männer lieben
Das Dilemma der Männer, die erfolgshungrige Frauen lieben
Kapitel 6: Zwei Jobs, zwei Kinder, zu viel? Erziehung als Nebensache
Ist in Ihrem Leben Platz für Kinder?
Welche Auswirkungen hat der moderne Lebensstil auf unsere Kinder?
Kapitel 7: 15 Mythen von Traumpaaren – oder warum Xena und Herkules ein lausiges Liebesleben hatten
Kapitel 8: Stress gemeinsam bewältigen
Was ist Stress?
Was sagt Ihr Körper dazu?
Kämpfen oder Flüchten?
Wie man mit Veränderungen umgeht
Im Einklang mit seinen Werten leben
Wie man sich Zeit nimmt (oder schafft)
Kapitel 9: Wie man es schafft, den Fuß von Gas zu nehmen
Man kann sich auch mit Mittelmaß zufrieden geben
Vier Wege, wie man krankhafte Eile behandeln kann
Eine Ermahnung zur Vorsicht
Kapitel 10: Wie man mit den Traumpaar-Syndrom fertig wird
Wie man Träume in Pläne verwandelt
Die acht Schritte der Veränderung
Die acht Schritte fügen sich zusammen
Veränderungen bedeuten eine Herausforderung
Kapitel 11: Dynamische Duos
Müssen wir unseren Vertrag noch einmal überarbeiten?
Akzeptieren Sie, dass Sie zwei unterschiedliche Menschen sind
Nutzen Sie Ihre guten Seiten, um sich zu bessern
Kämpfen Sie für das Richtige?
Anmerkungen
Videos, Kassetten und Bücher der Autoren
Literaturverzeichnis
Vorwort
Wir sind die neuen Superhelden: Eine Generation von Männern und Frauen, die in drei maßgeblichen Bereichen – Familie, Arbeit und bei sich selbst – beispiellosen Veränderungen und weit reichenden Erwartungen gegenüber stehen. Wir treiben uns gegenseitig an und fordern uns zu immer neuen Höchstleistungen heraus, um alles zu bekommen: Erfolg, Gesundheit und Glück. Im Vergleich zu früheren Generationen erwarten wir heute mehr. Doch als Resultat einer zunehmenden Tendenz zum Abbau von Arbeitsplätzen des letzten Jahrzehnts kämpfen wir heute auch mehr.
Es gibt eine neue Arbeitsethik, die uns zwingt, flexibel zu bleiben, mit Übergangslösungen zu leben, das Wort „Erfolg“ neu zu definieren – und dabei gleichzeitig eine sinnvolle Balance zwischen Arbeit, Familie und dem eigenen Leben zu finden. Doch wir begegnen selten Paaren, die von einer vernünftigen Balance zwischen all diesen Aufgaben berichten könnten. Das Gerücht, dass moderne Paare eine solche Balance erreicht hätten, eignet sich höchstens für das Drehbuch der modernen Ausgabe einer überholten TV-Familiensage. Wie sollte das auch funktionieren, wenn heutzutage weniger als 15 Prozent der amerikanischen Haushalte den Luxus besitzen, dass die Frau des Hauses zu Hause bleibt? In Wirklichkeit kann das nicht funktionieren. Betrachtet man die Summe all unserer Aufgaben, haben wir heute 85 bis 110 Wochen-Arbeitsstunden zu unserer Norm gemacht.
Ausgeglichen leben wir nicht gerade – nein, wir leben das „moderne Leben“. Unsere weit reichenden Erwartungen und vielfachen Aufgaben machen uns zu Supermenschen mit außergewöhnlichen Bewältigungsstrategien, mit deren Hilfe wir es schaffen, uns trotz einer gewaltigen Flut von Stress, Erschöpfung und Anspannung immer weiter voranzutreiben. Wir haben uns zu Experten in der Bewältigung unserer Pflichten entwickelt, doch mit der Pflege unserer Beziehungen hapert es noch immer. Tatsächlich schadet uns der Druck, den unser Hochgeschwindigkeits-Lebensstil erzeugt, zu Hause wie auch im Beruf. Der Stress, den dieser tägliche Balanceakt mit sich bringt, führt dazu, dass wir Dinge auf eine Art und Weise angehen, die unseren Beziehungen letztendlich schadet. Das ist es, was wir „das Traumpaar-Syndrom“ nennen.
Ehepaare, die unter dem Traumpaar-Syndrom leiden, steuern ihre privaten Beziehungen mit den gleichen, sehr fordernden Attributen, die ihnen auch im Berufsleben zum Erfolg verhelfen: Kontrolle ausüben, stetiges Konkurrenzdenken, Streben nach Perfektion und rasches Handeln. Doch dieses Vorgehen belastet ihre Beziehungen. Wenn die privaten Beziehungen in Mitleidenschaft gezogen werden, verliert der Mensch seine Stressresistenz. Die Folge sind übermäßige Verausgabung und Ausfälle, zu Hause wie auch im Beruf, die manchmal im nächsten Schritt zur Entlassung führen.
Ein neuer Hoffnungsschimmer am Horizont
Unsere Studien weisen darauf hin, dass es eine ganze Reihe neuer, realistischer und viel versprechender Möglichkeiten für die „Dynamischen Duos“ von heute gibt – Paare, die ihre Beziehung zu einer Zufluchtsstätte vor den Anforderungen der Außenwelt machen, die angemessene Grenzen setzen, die sich Zeit für den Spaß am Leben nehmen und die alltäglichen Leistungen ihrer Partner honorieren. Was sind das für Paare? Was unterscheidet sie von den stressgeplagten Paaren? Was ist das Geheimnis, das ihnen ermöglicht, sich aus dieser so verrückten Welt eine gesunde Beziehung zu schnitzen?
In den letzten 20 Jahren haben wir uns auf die Beantwortung dieser Fragen konzentriert. Wir begannen damit am Duke Universal Medical Center und führten unsere Arbeit an der Wake Forest Gray School of Medicine fort, bis sie schließlich in unserer eigenen Praxis für medizinische Psychologie und Ehe- und Familienberatung mündete. Wir haben über 5.000 Ehepaare beraten, und mehrere Tausend haben unsere Workshops und Vorlesungen besucht. Zusammengerechnet durften wir nahezu 60.000 Stunden mit dynamischen Menschen verbringen, die ihre Möglichkeiten dazu genutzt haben, im Beruf und auch im Privatleben erfolgreich zu sein.
Diese Untersuchungen und Beratungen gipfelten schließlich im BEST-Programm („BEating Stress Together“ – Stress gemeinsam bewältigen), das dazu entworfen wurde, den chronisch motivierten, auf der Überholspur fahrenden Paaren von heute zu helfen. Das BEST-Programm zeigt, wie man mit neun einfachen Schritten seine Beziehung wesentlich verändern kann. Mit BEST kann selbst aus den stressgeplagtesten Paaren ein Dynamisches Duo werden.
Die Fallbeispiele in diesem Buch stammen aus unserer praktischen Erfahrung. Erzählungen und dazu gehörende Fakten wurden abgeändert, um die Privatsphäre unserer Klienten zu schützen.
Danksagungen
Unser aufrichtiger Dank gebührt den vielen Menschen, die unseren eigenen Balanceakt beim Schreiben dieses Buches so unkompliziert und angenehm wie möglich gemacht haben:
Kathy Hall, unserer Assistentin und Büroleiterin – für die täglichen Heldentaten, die sie für uns vollbracht hat. Lynn Swaim, unserer Schreibkraft – dafür, dass Sie den Dienstag auch nach all den Jahren noch zu unserem Lieblingstag macht. Joyce Waters, unserer Sekretärin – dafür, dass sie sich auf so angenehme Art in unser bunt gemischtes Team eingegliedert hat. Richard Martin, Elin Call, Lani Seltzer, Carol Wash und Cleaver Hillmann, unseren Kollegen – weil sie solch angenehme und kompetente Partner in unserer Praxis sind. Gail Ross, unserer Agentin – für ihre Wärme, Kompetenz und Leitung. Den netten Leuten bei North Market Street Graphics – für die tolle und termingerechte Arbeit! Dem dynamischen Team bei John Wiley & Söhne – weil sie an unser Konzept geglaubt und mit uns zusammen gearbeitet haben, damit wir ein Buch nach unseren Wünschen schaffen konnten. Unser spezieller Dank gebührt Tracey Thornhlade – für ihr scharfsinniges Redigieren.
Und auch Kelly Franklin, der leitenden Redakteurin bei John Wiley & Söhne – für ihren Enthusiasmus, ihre Überzeugung und Anleitung, die unser Manuskript zu einem Buch verwandelt haben, auf das wir stolz sind. Ihr Feingefühl und ihre Wärme haben die Veröffentlichung dieses Buches zu einer absolut angenehmen Erfahrung gemacht. Wir schätzen sie sehr.
Wir danken auch den Tausenden von couragierten Menschen, die uns erlaubt haben, in solch entscheidenden Momenten ihres Lebens mit ihnen zusammenarbeiten zu dürfen.
Zuletzt danken wir unseren Familien – den Sotiles, Milanoes, Owens und Letts – dafür, dass sie uns gelehrt haben, den Wert von Familie, harter Arbeit und viel Spaß zu schätzen, und für ihre Großzügigkeit und Güte.
Kapitel 1
Zwei Einkommen, kein Sex
Auch wenn es nach außen hin vielleicht unterschiedlich aussehen mag, so haben die Traum-Paare von heute dennoch alle ähnliche Probleme.
Die Opfer: Karen und John
Karen saß weinend auf unserer Couch, während sie eine Litanei der Verständnislosigkeit zum Thema ihrer letzten gescheiterten Beziehungen rezitierte. „Scheinbar hält keine meiner Beziehungen länger als drei Jahre. Dann bekomme ich von den Männern wieder das berüchtigte ,Ich brauche einfach nur etwas mehr Freiraum’ zu hören und ich weiß genau, dass das der Anfang vom Ende ist.
Bei John habe ich wirklich alles versucht. Ich verstehe einfach nicht, warum unsere Beziehung nicht gehalten hat. Ich glaube, die Tatsache, dass ich zwei Kinder habe, hat ihn mehr belastet, als ich dachte.
Aber eins sage ich Ihnen: Ich weiß, dass ich das überstehen werde. Ich habe meine Scheidung überlebt. Ich bin über den Tod meines Vaters hinweggekommen und über die Tatsache, dass meine Mutter für sechs Monate bei mir eingezogen ist und jetzt nur sechs Straßen von mir entfernt wohnt. Ich habe es geschafft, mit nur 40 Prozent des Geldes auszukommen, das ich früher hatte. Also werde ich auch das hier überstehen.“
Während einer eigenen Sitzung erklärte uns John: „Was mich angeht, so ist die Tatsache, dass Karen zwei Kinder hat, keine Belastung, sondern ein Gewinn. Ich liebe ihre Kinder.
Das Problem ist Karen selbst; es ist, als ob sie eine gespaltene Persönlichkeit hätte. Irgendwie ist sie der gütigste Mensch, den ich kenne. Sie tut einfach alles, um anderen zu helfen. Doch andererseits ist sie auch ein Mensch, der sich sehr stark mit anderen vergleicht und das widert mich wirklich an. Außerdem ist dieser Wettstreit auch irgendwie so hinterrücks. Was ich meine ist, dass sie hinter verschlossenen Türen so tut, als ob ihr ganzes Leben ein einziger Konkurrenzkampf mit jedem sei, der ihr über den Weg läuft. Ihr einziges Gesprächsthema sind die Macken ihrer Freunde oder Verwandten. Ihr Stress ist immer der schlimmste; ihr Terminkalender ist stets der vollste; ihre Last ist immer die schwerste. Eine merkwürdige Art, sich zu vergleichen. In den ersten beiden Jahren lief es mit uns beiden echt gut. Aber diese letzten beiden Jahre waren die Hölle. Ich habe versucht, mit ihr darüber zu reden, aber am Ende klingen unsere Unterhaltungen jedes Mal wie ein Wettstreit darüber, wer von uns beiden sich weniger mit anderen vergleicht. Ich habe es einfach satt.“
Die Kämpfer: Bruce und Marsha Malcom
Jeder der beiden Malcoms kletterte mit großen Schritten seine eigene Karriereleiter empor. Bruce war gerade Teilhaber seiner Anwaltskanzlei geworden, und Marsha war kurz davor, das Maklergeschäft ihrer Familie zu übernehmen. Als dann acht Jahre später ihr zweites Kind geboren wurde, schien wirklich alles perfekt zu sein. Sie verdienten zusammen über 385.000 Dollar im Jahr. Sie respektierten jeweils den Erfolg des anderen und unterstützten sich bei der Bewältigung ihrer 50- bis 75-Stunden-Wochen, während sie dabei gemeinsam ihren elterlichen Pflichten nachkamen und sich zusammen um den Haushalt kümmerten.
Doch unter der Oberfläche war nicht alles Gold, was da so glänzte. Als sie in unsere Praxis kamen, hatten sie seit über 18 Monaten keinen Sex mehr gehabt, angeblich auf Grund von Marshas rätselhafter Lustlosigkeit. „Ich weiß nicht, was passiert ist“, klagte Bruce. „Früher waren wir so leidenschaftlich. Wenn man bedenkt, wie schlecht der Sex in unseren beiden ersten Ehen war, dann war die Leidenschaft einer der großen Reize für uns. Ich weiß nicht, was zum Teufel mit Dir los ist!“
Marshas Antwort sprühte von Sarkasmus. „Ich weiß nicht, Bruce. Vielleicht ist das mit mir los, dass ich es leid bin, von Dir zu hören, wie ich leben, mein Geld ausgeben, Auto fahren, mit meiner Familie umgehen, unsere Kinder erziehen und im Bett auf Dich reagieren soll. Du bist die dominanteste Person, die mir je begegnet ist.“
Marsha hatte eine schier endlose Liste von Beschwerden über Bruce. Wenn sie Auto fuhr, gab er ihr hilfreiche Tipps, welche Spur gerade die bessere wäre. Er hatte die unangenehme Angewohnheit, ihr ins Wort zu fallen; er beendete Marshas Sätze, scheinbar darum bemüht, das Gespräch voranzubringen und endlich zum Punkt zu kommen. Er schien unfähig zu sein, sich auf nur eine Sache zu einer Zeit zu konzentrieren. Wenn er mit seiner Familie am Frühstückstisch saß, studierte er dabei seinen Terminkalender, überflog nebenbei die Tageszeitung und hörte sich gleichzeitig im Radio die morgendlichen Aktienberichte an.
Auf die Kritik seiner Frau antwortete Bruce mit seinen eigenen bissigen Bemerkungen: „Nun tu mal nicht so. Du bist auch nicht gerade Frau Harmlos. Egal wo Du gerade bist, Du bist einfach nie zufrieden. Wenn Du zu Hause bist, machst Du Dir Sorgen über Dein Büro. Wenn Du in der Arbeit bist, zerbrichst Du Dir den Kopf darüber, was zu Hause los sein könnte. Ja, vielleicht bin ich etwas dominant; vielleicht mache ich viele Dinge gleichzeitig, ich gebe es ja zu. Aber wenigstens bin ich da. Du dagegen bist meistens unterwegs. Du tust so, als ob Du nur 45 Stunden in der Woche arbeiten würdest, aber in Wirklichkeit nimmst Du Dir nie frei!
Mit Deiner Arbeit im Büro und Deiner Arbeit zu Hause dazu – und bei Gott, für einen großen Teil davon könnten wir wirklich jemanden einstellen – arbeitest Du Dein Leben und unsere Ehe kaputt!“
Die Erfolgreichen: Mike und Belle Milano
Es war wie ein Schock, als Mike nach sechs Jahren glänzender Leistungen in seinem Beruf als Anlageberater erfuhr, dass er seinen Job verlieren würde. Durch Rationalisierungsmaßnahmen in seiner Firma wurden die Aufgaben seiner Abteilung an eine andere Firma übertragen. Mike war das erste Mal in seinem sonst so erfolgreichen Leben arbeitslos, und das auch noch ausgerechnet während der selbst auferlegten Karrierepause seiner Frau. Belle hatte sich vier Jahre vorher dazu entschlossen, ihre Marketingkarriere zu unterbrechen, um für ihren kleinen Sohn zu Hause zu bleiben.
In Anbetracht einer unsicheren finanziellen Zukunft wägten die Milanos ihre Möglichkeiten ab. Zuerst dachten sie daran, ihren Lebensstandard herunterzuschrauben. Vielleicht sollten sie ihr relativ neues Haus wieder verkaufen. Doch sie verwarfen diesen Gedanken wieder, denn hier war ihr Zuhause; hier war der Ort, an dem ihre Kinder aufwachsen sollten. Sie beschlossen, das Haus zu behalten. Sie diskutierten über die Möglichkeit, dass Belle wieder arbeiten gehen könnte, entschieden dann aber, damit solange zu warten, bis ihr Sohn in die Schule gehen würde. Sie waren fest davon überzeugt, dass Mike wieder eine Arbeit finden würde. Doch sie hatten nicht damit gerechnet, dass dies tatsächlich 14 Monate dauern würde. Sie hatten auch nicht mit Belles zweiter Schwangerschaft und den damit verbundenen gesundheitlichen Problemen gerechnet. Nach drei Monaten Bettruhe erlitt Belle eine Fehlgeburt.
Als Mike schließlich bei einer privaten Anlageberatung anfing, hatten die Milanos ihre kompletten Ersparnisse aufgebraucht und 40.000 DM von ihren Eltern geliehen. Aber sie ließen den Kopf nicht hängen: „Es war der einzige Weg, wie wir das Ganze durchstehen konnten. Ich bin stolz auf Belle. Sie ist eine Kämpfernatur, die niemals aufgibt. Es macht mich nur traurig, wenn ich über das Baby und unsere finanziellen Verpflichtungen nachdenke. Sobald ich in meinem neuen Job Fuß gefasst habe, werden wir noch einmal versuchen, Nachwuchs zu bekommen. Das Geld? Na ja, Geld zu machen ist doch mein Job. Bei dieser neuen Firma bieten sich große Chancen, und ich habe vor, diese Chancen zu nutzen.“ Mehr noch, als sich über ihre finanzielle oder familiäre Zukunft zu sorgen, beunruhigten Belle die Auswirkungen, die dieser Karriereknick auf Mike haben würde. Sie beschrieb ihren Ehemann als Workaholic, der sein Temperament nur schwer in den Griff bekam:
„Mike hat immer geglaubt, nur deswegen Erfolg zu haben, weil er härter arbeitet als alle anderen. Er hat einfach zu wenig Vertrauen in seine natürlichen Talente und Fähigkeiten. Wenn es etwas zu tun gibt, dann kann er einfach nicht abschalten, und natürlich gibt es immer etwas zu tun.
Es ist nicht das erste Mal, dass wir so etwas durchmachen. Mike begann seinen neuen Job vor sechs Jahren. Vor diesem Job hatten wir einige schlimme Jahre, die daher kamen, dass er seinen vorherigen Beruf wirklich hasste und deswegen dauernd schlecht gelaunt war. Ich fürchte mich davor, wie er – und unsere Beziehung – diese Sache verkraften werden. Manchmal bin ich am Ende. Ich kann Mikes Zerstreutheit und seine Launen bald nicht mehr ertragen. Wenn er zu Hause ist, ist er oft völlig abwesend und kann einfach nicht abschalten.
Aber ich glaube, dass er einfach sein Bestes versucht. Er ist ein guter Vater, und er liebt mich über alles; außerdem haben wir trotzdem noch jede Menge Spaß, zumindest wenn ich uns mit anderen Paaren vergleiche, die ich kenne. Gott sei Dank haben wir uns dazu durchgerungen, an unserer ,Dienstagabend ist Auszeit’-Regel festzuhalten. Wir haben diese Regel damals eingeführt, kurz bevor er seinen letzten Job kündigte. Damals hatten wir das so miteinander ausgefochten. Mike arbeitete über 90 Stunden in der Woche und war ständig schlecht drauf. Ich erklärte ihm, dass ich mich scheiden lassen würde, wenn er sich weiterhin in seiner Arbeitswut und schlechten Laune vergraben würde. Ich weigerte mich, schwanger zu werden, wenn er nicht etwas ändern würde. Und das tat er.
Er versprach mir, dass er zumindest lernen würde, sich bewusste Pausen von der Arbeit zu gönnen, und dass er über eine berufliche Veränderung nachdenken würde. Er hielt sein Versprechen: er wechselte den Beruf und fing bei der Bank an. Er hat diesen neuen Job geliebt, und jetzt das.
Aber ich könnte schwören, dass es das dienstägliche Abschalten von all unseren Sorgen und der Arbeit ist, das uns am Leben erhält. Ich weiß, dass wir es schaffen werden – wir haben schon ganz andere Sachen geschafft!“
Wer sind diese Menschen?
Auf unterschiedliche Arten verkörpern diese Paare eine neue Norm. Sie sind die Traum-Paare: Sie meistern unterschiedliche Rollen, managen komplexe Familien und sind dabei konstantem Stress ausgesetzt. Kurz gesagt, sie leben das moderne Leben.
Die Anpassung an dieses Leben hat uns zu einer Gesellschaft von außerordentlich fähigen Menschen gemacht, zu Powermenschen, die eine ganze Reihe von Bewältigungsstrategien einsetzen, um sich trotz anormaler Mengen an Stress, Erschöpfung und Gereiztheit am Leben zu erhalten. Die typischen Erfolgsmenschen bewältigten einen Hochdruckberuf und verbreiten eine einschüchternde Ausstrahlung. Egal, welchen Beruf man auch haben mag, wer den ständig zunehmenden Stress erträgt und sich an dieses Klima anpasst, der zählt heute zu diesen Erfolgsmenschen.
Karen bewältigt ihre Scheidung, erzieht ihre Kinder alleine, verkraftet den Tod ihres Vaters, wird mit ihren mehrfachen eigenen Rollen fertig und erträgt das Scheitern einer Reihe bedeutender Beziehungen. Bruce und Marsha jonglieren mit zwei fordernden Karrieren, während sie gleichzeitig zwei Kinder erziehen und dazu noch mit sich selbst zu kämpfen haben. Wie vielen Supermenschen fällt es auch ihnen schwer, genug Zeit füreinander zu finden, was sich negativ auf ihr Liebesleben auswirkt. Am Ende werden sie zu Paaren, die zwar zwei Einkommen, aber keinen Sex mehr haben.
Mike und Belle kämpfen gegen den Fluch, unter dem viele Paare heute leiden: vom modernen Lebensstil ausgelaugt, ihre die Ehe kurz davor, auseinander zu brechen. Doch die Milanos gewinnen diesen Kampf. Trotz aller finanziellen Belastungen, der massiven beruflichen Probleme, trotz Mikes Launen und seiner Arbeitssucht, der Angst um ihre Gesundheit und der Trauer um Belles Fehlgeburt, versuchen sie dennoch, ihre Liebe am Leben zu erhalten.
Diese Beispiele beschreiben einen Großteil der Paare von heute. Wir sind ein Volk von stresserprobten Leistungsmenschen. Das war die gute Nachricht. Die schlechte Nachricht? Die Art und Weise, wie wir in diesem großen Leben mit uns selbst umgehen, kann uns unsere Beziehungen kosten.
Erfolgsmenschen von heute können mehr, managen mehr, ertragen mehr und erreichen mehr als die meisten anderen Menschen. Um ihr Arbeitspensum zu bewältigen, nehmen sie keinerlei Rücksicht auf sich selbst – egal, ob es dabei um die Arbeit im Büro, die Aufgaben in der Familie oder um beides zusammen geht. Sobald jedoch einer oder beide Partner sich dazu in die typischen Bewältigungsstrategien der Supermenschen verstricken, bekommen sie die Auswirkungen des Traumpaar-Syndroms deutlich zu spüren: Die Mittel und Methoden, die sie einerseits zur Bewältigung Ihres modernen Lebens brauchen, gehen andererseits auf Kosten von Toleranz, Leidenschaft und Freude. Ihre Beziehungen verlieren an Würze, ihre Familien verlieren an Wärme, und ihre Kreativität schwindet dahin.
Dieses Buch soll zeigen, wie man den Frust des Traumpaar-Syndroms vermeiden kann. Statt Teil eines stressgeplagten Erfolgs-Paares zu sein, kann man Teil eines Dynamischen Duos werden, das sich gegenseitig unterstützt, einander Kraft gibt und das sich zu einem gemeinsamen Weg in ein gutes Leben verpflichtet hat.
Kapitel 2
Leiden Sie am Traumpaar-Syndrom?
Über 70 Prozent der Menschen in unserer Gesellschaft zeigen regelmäßig mindestens eine der Bewältigungsstrategien von Powermenschen beim Umgang mit Problemen. Diese ermöglichen es, trotz übermäßigem Stress und außergewöhnlichen Belastungen durchzuhalten. Solche Strategien sind unter anderem:
die Fähigkeit, unmenschlich hart zu arbeiten
die Tendenz, andere zu kontrollieren
Perfektionismus
chronisch krankhafte Eile – die Tendenz, auch dann in Eile zu sein, wenn objektiv gesehen gar kein Grund dazu besteht
die Fähigkeit, mehrere Dinge gleichzeitig zu tun und/oder zu denken
leidenschaftliches Konkurrenzverhalten
Ausdauer in Bezug auf häusliche und berufliche Anforderungen.1
Für die Bewältigung des modernen Lebensstils entwickeln wir ein typisches Merkmal von leistungsorientierten Menschen: die Fähigkeit, bei Stress abzustumpfen und dann einfach immer weiter zu machen. Weil die Erfolgsmenschen so wahnsinnig viel zu tun haben und der Meinung sind, alles davon auch wirklich erledigen zu müssen, sind sie leicht frustriert, reizbar und manchmal auch feindselig oder zynisch. Wer das moderne Leben lebt, wird wahrscheinlich einen Großteil seiner Zeit mit seinen eigenen Ängsten, seinem Stress, seinen Nöten und Wünschen beschäftigt sein. Daraus erwachsen verschiedene Formen von sogenanntem „Beziehungs-Narzissmus“ – der Tendenz, so intensiv mit der Kontrolle des eigenen Ichs beschäftigt zu sein, dass die Beziehung darunter leidet. Bei manchen zeigt sich das in der folgenden Einstellung: „Schau doch einmal an, wie mich der Stress fertig macht. Es ist doch nur gerecht, wenn ich verlange, dass Du mir all meine Wünsche erfüllst, mir meine Ängste nimmst und mir meine Akkus wieder auflädst! Und wenn Du das nicht kannst, dann kann ich meinen Frust sehr wohl an unserer Beziehung auslassen.“
Bei anderen wiederum resultieren Beziehungsprobleme aus ihrer Unsensibilität ihren Mitmenschen gegenüber. Die Folgen dieses Hochdrucklebens auf der Überholspur sind Abschottung, Zerstreutheit und Unruhe, und mitten in all diesem Stress werden dann zwei Dinge vernachlässigt: die Bedürfnisse anderer und die Wirkung, die unser Macher-Umgangston auf diese Menschen hat.
Hierbei wird der Beziehungs-Narzissmus noch durch das Gefühl intensiviert, dass „man ja so nervös und gestresst ist, dass man deswegen den anderen mit seinen Bedürfnissen einfach übersehen hat“.
Betrachten Sie es einmal so: Sie fahren mit Ihrem Auto gemütlich spazieren – vielleicht mit 50 oder 60 Stundenkilometern. Sicherlich werden Sie sich irgendwie um Ihre Mitfahrer kümmern. Sie beteiligen sich eventuell an deren Unterhaltung. Oder Sie fragen, wie es ihnen geht, ob ihnen zu warm oder zu kalt ist, oder vielleicht, ob sie Musik hören wollen.
Wenn Sie jedoch mit über 200 Stundenkilometern irgendwo die Autobahn entlang rasen, dann werden Sie sich nicht sonderlich viel um Ihre Mitfahrer kümmern können. Stattdessen werden Sie Ihre ganze Aufmerksamkeit auf die Straße vor sich richten müssen.
Falls Sie Ihr Leben also wie ein ständiges Straßenrennen gestalten, dann wird das unvermeidbare Auswirkungen auf Ihre Beziehungen haben:
Wenn Sie durch Ihre Herausforderungen als „Supermensch“ laufend erschöpft sind, werden Sie damit den Elan aus Ihren Beziehungen nehmen.
Wenn Sie in Ihren Beziehungen dominant sind, werden andere sich Ihnen gegenüber nicht mehr öffnen wollen, weil sie noch mehr ungewolltes Eindringen in ihr Inneres befürchten.
Wenn Sie Perfektionist sind, wird Ihre Kritik andere vor den Kopf stoßen.
Wenn Sie ständig gehetzt sind – auch krankhafte Eile genannt – wird die Verbindung zu Ihren Freunden darunter leiden.
Wenn Sie aus Gewohnheit mehrere Dinge gleichzeitig tun oder denken, dann werden andere das Gefühl haben, dass Sie ihnen nie die volle Aufmerksamkeit schenken.
Wenn Sie sich ständig mit anderen messen, wird man Sie aus Angst, besiegt zu werden, meiden.
Wenn Sie ungeduldig sind, werden andere in Ihrer Nähe nervös werden.
Wenn Sie sich wiederholt verärgert und feindselig geben, werden andere sich in Ihrer Gesellschaft nicht gut aufgehoben, sondern verletzt und unwohl fühlen.2
Schaden Ihre Umgangsformen Ihren Beziehungen? Benutzen Sie die folgende Übung dazu, diese Frage zu beantworten.
Diese und andere Übungen in diesem Buch sollen Ihnen dabei helfen, sich selbst zu bewerten und zu erkennen, in welchen Bereichen Sie anderen wichtigen Menschen in Ihrem Leben ähneln oder wie Sie sich von ihnen unterscheiden. Es geht darum festzustellen, wie Sie sich gegenseitig darin unterstützen können, Ihre Emotionen effektiver zu kontrollieren. Unser Ziel ist es dabei nicht, dass Sie diese Übungen dazu verwenden, um sich selbst in ein schlechtes Licht zu rücken.
Beachten Sie bei der Betrachtung Ihrer gemeinsamen Antworten speziell die Unterschiede zwischen Ihrer Selbsteinschätzung und dem Eindruck, den Sie auf Ihren Partner machen. Die meisten von uns haben eine ziemlich ungenaue Vorstellung des Eindrucks, den sie bei anderen erwecken. Egal, wie gut unsere Absichten auch sein mögen, neigen wir doch dazu, uns in unseren Bewältigungsmechanismen zu verlieren.
Skala zur Messung des Erfolgshungrigen-Syndroms3
Anleitung: Nutzen Sie die folgende Skala, um damit sich selbst und Ihren Partner auf jedem der angegebenen Gebiete einzustufen.
1
2
3
4
5
nie
manchmal
öfters
regelmäßig
immer
Wie oft bin ich ...?
Wie oft ist mein Partner...?
in Eile
____
____
ungeduldig
____
____
ein Perfektionist
____
____
feindselig/zynisch
____
____
kontrollierend
____
____
dabei, mich/sich zu vergleichen
____
____
beschäftigt
____
____
ungeduldig
____
____
reizbar
____
____
dabei, mehr als eine Sache gleichzeitig zu tun
____
____
Das Paradoxe am Erfolgshunger
Auch wenn Sie am Anfang einer Beziehung kein typischer Powermensch sind, so ist die Wahrscheinlichkeit dennoch groß, dass Sie als Reaktion auf Ihre Partner im modernen Leben dazu werden. Dies resultiert aus der Tatsache, dass Beziehungen oft von dem geformt werden, was am häufigsten besprochen wird. Nur wenige Dinge sind ein so häufiges Thema wie die Strategien, die wir in der Bewältigung der täglichen Stress-Epidemie benutzen. Je mehr wir unter Stress stehen, desto stärker erhöhen wir unsere Lebensgeschwindigkeit. Doch je schneller wir leben, desto schwieriger werden auch unsere Beziehungen.
Der Grund dafür ist ein gefährliches Paradox. Einerseits sind Macher oft die Ausnahme der Regeln, die für viele andere gelten. Sie ertragen mehr, sind den Anforderungen besser gewachsen, sie erreichen und bewirken oft mehr. Doch dabei entwickeln sie auch ein gehöriges Maß an Inkompetenz: für ihre eigenen Beziehungen. Sowohl zu Hause als auch im Beruf versinken sie in den Fängen und Wirren des Stresses und vernachlässigen oder schaden einander.
Beziehungen scheinen ein schwieriges Thema für hart arbeitende, ehrgeizige und hektische Menschen zu sein, und Macher begeben sich ungern auf ein Gebiet, auf dem sie sich nicht kompetent fühlen. Wer ständig in Eile ist, hat eine gute Ausrede dafür, sich mit anderen nicht beschäftigen zu müssen. Traumpaare werden nie richtig sesshaft; einmal intensivieren sie ihre Beziehung, dann wieder vernachlässigen sie diese völlig; sie befassen sich nie intensiv genug miteinander, um Vertrauen aufzubauen und Sicherheit im Umgang mit den komplizierten Gefühlen, die innige Beziehungen definieren; zu gewinnen.
Früher hatten wir eine viel intimere Beziehung
Zuneigung und Harmonie in Beziehungen können auf verschiedene Art gemessen werden:
wie oft man über die Witze des anderen lacht
wie oft man etwas Nettes zueinander sagt
wie oft man seinem Partner vor anderen Komplimente macht
wie oft man miteinander schläft
wie oft man ausgelassen und verspielt miteinander umgeht
wie oft man sich bei Gesprächen in die Augen sieht
wie oft man sich mit netten Kleinigkeiten überrascht
wie oft man „Bitte“, „Danke“ oder „Entschuldigung“ sagt.
Was wird aus Zuneigung und Harmonie im Laufe einer Beziehung? Die meisten Beziehungen beginnen im Siebten Himmel, einem Ort innigster Gefühle zueinander. Unter der Einwirkung von Amphetamin-ähnlichen Liebeshormonen – Phenylethylaminen – wird die menschliche Wahrnehmung selektiv, so dass man nur noch das sieht, was man sehen will und sich auf eine Weise verhält, die Harmonie erzeugt. Beide glauben, in ihrem Partner die Erfüllung aller Träume gefunden zu haben. Man sieht in dem anderen die Antwort auf die eigenen, unerfüllten Wünsche und glaubt, Eigenschaften zu erkennen, die einem selbst fehlen oder bei denen man sich unsicher fühlt. Man verliebt sich mit der Absicht, zu einer Ergänzung im Leben des anderen zu werden: Ich bin schüchtern, du gehst auf Menschen zu; du bist ein Arbeitstier, ich spiele gern und kümmere mich gern um andere; ich bin ein Hitzkopf, du bist sanftmütig. Zusammen teilt man die Hoffnung, dass man sich vereint und gemeinsam eine Person ergibt, dass das Glück nie vergeht und dass die Beziehung zu einer immerwährenden Zufluchtsstätte füreinander wird.
Und man tut so, als ob das alles tatsächlich passieren wird. Man kann sich gar nicht genug lieben. Man erfindet sogar eigene Wege, sich die gegenseitige Liebe und Hingebung zu beweisen. Man denkt sich Kosenamen für den anderen aus. Man sammelt unsinnige, aber symbolische Andenken von besonderen Momenten, die man miteinander verbracht hat. Man badet in der gegenseitigen Aufmerksamkeit und Hingabe.
Im Innersten dieses frühen Stadiums einer Beziehung entwickelt sich eine Art Beziehungsvertrag. Basierend auf dem, was man – bewusst oder unbewusst – empfindet und vermittelt, teilt man dem anderen und sich selbst eine Reihe von Rollen zu, die ein ganz persönliches Beziehungsgefüge erschaffen. Dieser Vertrag legt die Richtlinien füreinander fest. Er definiert, wer und wie man als Paar bestehen wird und sein gemeinsames Leben beginnt.
Als Nächstes folgt das Stadium, das man „die kleine Erosion“ nennt. Man lässt sich ernsthaft aufeinander ein, heiratet vielleicht, und die spürbaren Zeichen der Zuneigung verflüchtigen sich. So, als ob man sagen würde, „also gut Liebling, es wird Zeit, wieder an die Arbeit zu gehen. Wir haben nicht das ganze Leben lang für dieses Zusannhenkleben Zeit.“ Die Zeit vergeht, die Liebeshormone werden weniger, und man stellt fest, dass viele der Charaktereigenschaften, die man dem Partner zugesprochen hat, einfach nicht existieren. Bald darauf folgt der große Erdrutsch.
Nach typischerweise vier bis acht Jahren, manchmal auch in Verbindung mit Kindern, Hauskauf, unerwarteten Rückschlägen oder sonstigen, plötzlich zunehmenden Ansprüchen des modernen Lebensstils, verliert man einander. Man fühlt sich von diesem doch nur scheinbar perfekten Partner verraten. Dieser wunderbare Charakter, den man in dem anderen erkannt hatte, scheint die eigene Last doch nicht zu verringern. Zurück bleiben Arbeitswut, Hitzköpfigkeit, Schüchternheit, oder was immer man sonst in diese Beziehung mit eingebracht hatte.
