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Exzellent – das ist er im wahrsten Sinne des Wortes: einzigartig, schlagfertig und natürlich auch unangenehm schlagfähig. Wer ihn unterschätzt, hat schon verloren. Sein Regenschirm ist nicht nur sein Markenzeichen, sondern auch die beste Waffe der Welt. Seinem Charisma, Witz und Charme kann keiner widerstehen. Der exzellente Butler Parker ist seinen Gegnern, den übelsten Ganoven, auch geistig meilenweit überlegen. In seiner auffallend unscheinbaren Tarnung löst er jeden Fall. Bravourös, brillant, effektiv – spannendere und zugleich humorvollere Krimis gibt es nicht! Es war schon recht seltsam. Genau um 18. 26 Uhr wurde der Verkehr auf der Collins Avenue in Miami Beach wie von einer unsichtbaren Hand gestoppt. Die chromfunkelnden Cadillacs und teuren, ausländischen Sportwagen, um nur einige Beispiele zu nennen, bremsten durchweg jäh ab und fuhren an den Straßenrand. Die versnobten Fahrer in diesen Wagen starrten aus hervorquellenden Augen auf die Mitte des breiten Prachtkorsos. Im Dienst erfahrene und ergraute, clevere Hotelportiers bekamen den Schluckauf und zweifelten an ihrem gesunden Menschenverstand. Auch sie konnten sich vom Anblick, der sich ihnen bot, nicht losreißen. Die lässig einherschreitenden Passanten am Rande der Avenue vergaßen den Strand und die sich dort bietenden, reizvollen Aussichten. Wie auf ein geheimes Kommando hin wandten sie sich alle der Straße zu. Die ganze Collins Avenue samt den Menschen, die sich auf ihr bewegten, schien den Atem anzuhalten. Für einige, quälend lange Sekunden wurde es unheimlich still. Diese konzentrierte Aufmerksamkeit galt einem skurril aussehenden Gefährt, das sich auf vier großen Lastwagenreifen bewegte. Auf dem Rahmen dieses hochbeinigen Monstrums befand sich ein hoher, eckiger Aufbau, in dem man ohne Mühe aufrecht zu stehen vermochte. Die Wagenscheiben waren von innen mit gepflegten Gardinen versehen worden. Der eckige, langgestreckte Kühler wurde mit diversen Lederriemen zusätzlich gegen ein Selbständigmachen gesichert. Große, blank polierte Scheinwerfer ließen den Eindruck entstehen, daß dieses Vehikel an der Basedowschen Krankheit litt. Aus dem armdicken Zwillingsauspuff kräuselten sich blaue Rauchwölkchen. Dieses Monstrum auf Rädern schien einem Museum für Alterskunde zu entstammen. Daher auch die allgemeine Aufmerksamkeit auf der Collins Avenue. Solch einen Wagen hatte man noch nie gesehen.
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Seitenzahl: 136
Veröffentlichungsjahr: 2023
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Es war schon recht seltsam.
Genau um 18.26 Uhr wurde der Verkehr auf der Collins Avenue in Miami Beach wie von einer unsichtbaren Hand gestoppt. Die chromfunkelnden Cadillacs und teuren, ausländischen Sportwagen, um nur einige Beispiele zu nennen, bremsten durchweg jäh ab und fuhren an den Straßenrand. Die versnobten Fahrer in diesen Wagen starrten aus hervorquellenden Augen auf die Mitte des breiten Prachtkorsos.
Im Dienst erfahrene und ergraute, clevere Hotelportiers bekamen den Schluckauf und zweifelten an ihrem gesunden Menschenverstand. Auch sie konnten sich vom Anblick, der sich ihnen bot, nicht losreißen.
Die lässig einherschreitenden Passanten am Rande der Avenue vergaßen den Strand und die sich dort bietenden, reizvollen Aussichten. Wie auf ein geheimes Kommando hin wandten sie sich alle der Straße zu. Die ganze Collins Avenue samt den Menschen, die sich auf ihr bewegten, schien den Atem anzuhalten. Für einige, quälend lange Sekunden wurde es unheimlich still.
Diese konzentrierte Aufmerksamkeit galt einem skurril aussehenden Gefährt, das sich auf vier großen Lastwagenreifen bewegte. Auf dem Rahmen dieses hochbeinigen Monstrums befand sich ein hoher, eckiger Aufbau, in dem man ohne Mühe aufrecht zu stehen vermochte. Die Wagenscheiben waren von innen mit gepflegten Gardinen versehen worden.
Der eckige, langgestreckte Kühler wurde mit diversen Lederriemen zusätzlich gegen ein Selbständigmachen gesichert. Große, blank polierte Scheinwerfer ließen den Eindruck entstehen, daß dieses Vehikel an der Basedowschen Krankheit litt. Aus dem armdicken Zwillingsauspuff kräuselten sich blaue Rauchwölkchen.
Dieses Monstrum auf Rädern schien einem Museum für Alterskunde zu entstammen. Daher auch die allgemeine Aufmerksamkeit auf der Collins Avenue. Solch einen Wagen hatte man noch nie gesehen. Selbst von Fachleuten ließ er sich baujahrmäßig nicht einordnen.
Am Steuer dieses Vehikels saß Butler Josuah Parker. Natürlich übersah er die erstaunten und belustigten Blicke. Im Lauf der Zeit hatte er sich daran gewöhnt, daß man ihn übersah, daß man ihn nicht für voll nahm. Daß dieser erste Eindruck dann später meist revidiert werden mußte, stand auf einem anderen Blatt. Parker hatte seine Gegner bisher immer noch verblüfft und in Verlegenheit gebracht.
Übrigens paßte er überhaupt nicht in diese feudale Umgebung. Sein Wagen war an sich bereits ein Anachronismus. Butler Parker aber schien direkt aus der Zeit der englischen Queen Victoria in die Gegenwart gesprungen zu sein.
Selbstverständlich trug er seinen schwarzen Anzug, den schneeweißen steifen Eckkragen und den schwarzen Binder. Auf seinem Kopf saß die schwarze Melone. Dicht neben dem Steuer hing der Universal-Regenschirm, von dem Parker sich nur höchst selten trennte. Seine Hände staken in schwarzen Zwirnhandschuhen.
Josuah Parker steuerte sein Monstrum direkt auf die Auffahrt des teuren und exklusiven Bay-Beach-Hotels zu. Daß hinter ihm der Verkehr nur zögernd und langsam wieder in Bewegung kam, interessierte ihn nicht. Parker konzentrierte sich ganz auf seine Aufgabe. Natürlich war er nicht als Tourist nach Miami-Beach gekommen.
Als der Portier das Monstrum in der Auffahrt sah, rieb der Mann sich verzweifelt die Augen. Er glaubte zuerst an eine Halluzination. Er wurde weich in den Beinen, als diese Halluzination vor dem Baldachin hielt. Parker entstieg seinem Wagen, öffnete eine seitlich angebrachte Klappe und griff nach einem handlichen, fingerdicken Seil. Er spulte es ab und sicherte damit sein Monstrum. Er band es an einem der Baldachinpfoten fest.
Sich den Universal-Regenschirm fest unter den Arm klemmend, schritt Parker dann mit der unnachahmlichen Würde eines Königreihers auf die Hotelhalle zu. Der Portier wich entsetzt zurück. Er war derart fassungslos, daß er nicht in der Lage war, Parker mit einigen Worten zu stoppen, eine Tatsache übrigens, die für sich sprach.
Josuah Parker erreichte inzwischen die Rezeption. Er nahm höflich die schwarze Melone ab und blies einige unsichtbare Stäubchen ab.
»Ich komme im Auftrag Mr. Ben Zalakoffs«, begann Parker mit leiser, verhaltener Stimme und fixierte den Mann hinter der Anmeldung. »Die telegrafische Ankündigung muß bereits vorliegen, wenn mich nicht alles täuscht. Haben Sie die Güte, mir die Apartments zu zeigen. Ich möchte sehr hoffen, daß alles nach den Wünschen meines jungen Herrn gerichtet worden ist.«
Der Name Zalakoff wirkte elektrisierend auf den Empfangschef. Er verbeugte sich mit der Regelmäßigkeit eines Automaten und fischte dabei nach einem Schlüssel.
»Mein junger Herr wird in etwa einer Stunde eintreffen«, redete Parker würdevoll weiter. »Kein Aufsehen, wenn ich bitten darf. Mr. Zalakoff reist inkognito. Er haßt jede Anspielung auf seine Position im internationalen Ölgeschäft.«
»Selbstverständlich, selbstverständlich …!«
»Mr. Zalakoff wird vorerst für drei bis vier Wochen hier wohnen«, erklärte der Butler weiten »Ich möchte an dieser Stelle allerdings meiner Besorgnis darüber Ausdruck verleihen, daß der Urlaubsfriede von Miami-Beach augenscheinlich gestört wird.«
»Wie meinen Sie?« Der nervöse Empfangschef hatte endlich den Schlüssel erwischt und überreichte ihn dem Butler.
»Mit anderen Worten, hier in Miami-Beach scheinen Gangster ihr Unwesen zu treiben«, präzisierte Parker seine umständlichen Andeutungen. »Ich will nicht hoffen, daß Mr. Zalakoff ebenfalls gestört werden wird.«
»Keineswegs, keinesfalls …!« Der Empfangschef dienerte eifrig. »Ich möchte behaupten, daß die Behörden bereits wieder Herr der Lage sind. Die ›Strandhaie‹ haben sich in den vergangenen beiden Tagen nicht mehr gerührt.«
»Ich wäre sonst auch sehr peinlich berührt«, murmelte Josuah Parker. Er griff nach Melone und Universal-Regenschirm, deutete eine leichte Verbeugung an und schritt zum Lift.
Die Menschen in der großen Lounge des Hotels starrten Parker nach, als handele es sich um eine gespensterhafte Erscheinung. Der Empfangschef schnappte nach Luft und lockerte sich den Kragen. Einer der Gäste aber, ein Mann von etwa fünfundvierzig Jahren, im grauen Anzug und mit hellen Schuhen, hatte es plötzlich sehr eilig. Er hastete auf den Ausgang zu und setzte sich in einen simplen Ford, der auf der anderen Straßenseite parkte.
Er fuhr so schnell los, als ginge es um sein Leben …
*
Herbert L. Shradon kam etwa um diese Zeit zurück in sein Hotel. Er hatte den Nachmittag am weißen Sandstrand zugebracht und sich von der Sonne rösten lassen. Nach einem Cocktail an der Hotelbar wollte er sich ausgiebig mit den Vorbereitungen für das Abendessen befassen. Herbert L. Shradon, groß, korpulent, ohne dick zu sein, war Junggeselle. Er war Generalvertreter in der sanitären Porzellanbranche und den Freuden des Lebens außerordentlich zugetan. Er hielt sich schon seit fast acht Tagen in Miami-Beach auf und hatte sich bisher herzlich wenig um die Dinge gekümmert, die die Zeitungen in großen Schlagzeilen herausstellten.
Als er sich in seinem Apartment umkleiden wollte, wurde ihm ein Brief zugestellt, Shradon wunderte sich. Er konnte sich nicht vorstellen, wer ihm schrieb. Der Brief war nämlich hier in Miami-Beach aufgegeben worden.
Gelassen öffnete er den Umschlag und faltete das Schreiben auseinander. Er stutzte, als er das Fehlen eines Briefkopfes vermißte. Er stutzte noch mehr, als er die wenigen Zeilen, die mit einer Maschine getippt worden waren, überlas.
Man forderte von ihm die Zahlung von einhundert Dollar, versprach ihm dafür ruhige Urlaubstage in Miami-Beach. Die Verfasser dieses obskuren Briefes versicherten ihm darüber hinaus, seinem Cadillac würde ganz gewiß nichts geschehen. Man sei sicher, daß die einhundert Dollar sein Urlaubsbudget nicht gefährlich einschrumpfen ließen. Die einhundert Dollar solle er aus praktischen Gründen in bar entrichten und sie in einem Umschlag auf den Vordersitz seines Cadillac legen. Unterschrieben waren diese Zeilen mit dem gefährlich klingenden Namen: Die Strandhaie.
Shradon hatte diese Unterschrift noch nicht ganz verdaut, als er das durchaus höfliche Schreiben wütend zusammendrückte und in den Papierkorb warf. Zum Teufel mit solchen Bettelbriefen, dachte er, eine neue Masche, Erpressungen in die Wege zu leiten. Da es sich nur um einhundert Dollar handelte, nahm er den Brief nicht weiter ernst. Irgendein Verrückter mußte ihn geschrieben haben.
Als Shradon sich ein neues Hemd überstreifte, klingelte das Telefon. Shradon knurrte, griff nach dem Hörer und meldete sich.
»Haben Sie unseren Brief erhalten?« fragte eine freundlich klingende Stimme.
»Welchen Brief? Moment mal, haben Sie mir diesen Wisch geschrieben? Sind Sie das, der die einhundert Dollar will?«
»Sehr richtig, Mr. Shradon. Sie werden doch zahlen, nicht wahr?«
»Ich denke nicht daran. Ich werde mich an die Polizei wenden, wenn Sie mich noch mal belästigen. Wo leben wir denn, he?«
»Sie sollten die Banknoten möglichst innerhalb von zehn Minuten in Ihren Cadillac legen, Mr. Shradon. Dieser Brief ist kein Witz gewesen.«
»Und wenn ich es nicht tue? Ich lasse mich nicht unter Druck setzen!«
»Nun, dann wäre es doch sehr schade um Ihren neuen Wagen«, antwortete der Anrufer. »Stellen Sie sich vor, er ginge in Flammen auf. Nur so zum Beispiel!«
»Mich jagen Sie nicht ins Bockshorn«, schnaufte Shradon gereizt. »Sie bekommen keinen Cent von mir.«
Er warf den Hörer in die Telefongabel und setzte sich. Er hatte sich derart erregt, daß er einen Moment verschnaufen mußte. Er griff nach den Importzigarren und zündete sich eine an. Als sie brannte, schaute er unwillkürlich auf seine Armbanduhr. Innerhalb von zehn Minuten sollte er die hundert Dollar in seinen Wagen legen. Ausgeschlossen! Darauf ließ er sich nicht ein.
Dann aber dachte er an seinen Cadillac.
Der Wagen hatte ihn sehr viel Geld gekostet. Er hing an ihm. Und wenn dieser Wagen nun doch angezündet würde? Das alles wegen lumpiger hundert Dollar?
Herbert L. Shradon, der sich angeblich nicht unter Druck setzen ließ, hatte es plötzlich sehr eilig, sich anzukleiden. Er schaffte es innerhalb weniger Minuten. Er verließ sein Zimmer, rannte zum Lift und fuhr hinunter in die Hotelhalle.
Ohne nach links oder rechts zu sehen, eilte er auf den Vorplatz, wo sein Cadillac stand. Alles sah unverdächtig aus. Shradon schlängelte sich durch die dicht zusammenstehenden Wagen und öffnete erleichtert seinen Wagen.
Da ihm ein Umschlag fehlte, legte er fünf Zwanzigdollarscheine auf den Vordersitz. Nachdenklich klinkte er den Wagen zu und ging zögernd zurück zum Hotel. Am Eingang blieb er stehen. Er wollte doch sehen, wie zu seinem Wagen ging, wer die Banknoten abholte.
»Entschuldigen Sie, Sir, haben wir uns nicht schon mal gesehen?« fragte eine Stimme neben ihm. Es handelte sich um eine Frauenstimme. Sie klang rauchig und aufregend. Shradon, immerhin Junggeselle und recht ansehnlich, wandte sich unwillkürlich zu der jungen Dame um.
Sie war seiner Schätzung nach etwa fünfundzwanzig Jahre alt, mittelgroß und schlank. Sie trug ein einfaches, aber raffiniert geschnittenes Leinenkostüm. Ihr Haar war tizianrot, Die moderne Sonnenbrille verlieh ihr ein rätselhaftes Aussehen.
»Oh, entschuldigen Sie«, sagte die junge Dame bestürzt. »Ich habe Sie verwechselt. Jetzt habe ich den Irrtum bemerkt.« Sie grüßte und verschwand in der Hotelhalle.
Shradon wollte ihr interessiert nachsehen, doch dann erinnerte er sich der fünf Zwanzigdollarscheine in seinem Wagen.
Hastig wandte er sich um. Am Wagen war kein Mensch zu sehen. Das heißt, der Parkplatzwächter, ein bereits betagter Mann von gut und gern sechzig Jahren, winkte gerade einen abfahrenden Wagen hinaus auf die Straße.
Shradon ging zurück auf den Parkplatz. Er konnte es kaum erwarten, einen Blick in den Wagen zu tun. Ob die Banknoten noch auf dem Sitz lagen?
Sie waren verschwunden!
Sie mußten genau in dem Moment abgeholt worden sein, als die junge, tizianrote Dame ihn angesprochen hatte.
Handelte es sich um ein abgekartetes Spiel?
Shradon wußte es nicht genau, doch er kam sich sehr blamiert vor. Er hatte solch eine Wut, daß er mit dem Gedanken spielte, sich an die Polizei zu wenden …
*
William McLee saß zusammen mit seinen Freunden in einer kleinen Strandbar in der Nähe des Jachthafens. Er war vor einer Stunde von einer Ausfahrt zurückgekommen. Sie hatten draußen auf See sehr viel Spaß gehabt. McLee war ein großzügiger Gastgeber, der sich Extravaganzen leisten konnte.
Er sah aus wie ein Playboy, war braungebrannt, sportlich und schien von ehrlicher, harter Arbeit nichts zu halten. Das Gegenteil aber war der Fall. William McLee, erst achtundzwanzig Jahre alt, war der Juniorchef eines großen Chemieunternehmens im Mittelwesten. Er war es nicht nur dem Namen nach. Er leitete praktisch den ganzen Betrieb und hatte sich in der Vergangenheit durch geschickte Vertragsabschlüsse ausgezeichnet. Wenn er allerdings Urlaub machte, wollte er ihn auch vollkommen genießen. Dazu gehörte eine Motorjacht, die ständig in Miami-Beach lag.
Als er ans Telefon gerufen wurde, winkte er seinen Freunden zu, ging ohne große Eile in die Telefonzelle und zündete sich gelassen eine Zigarette an.
»McLee. Mit wem spreche ich?«
»Hier ist Canters, Sir.« Die Stimme seines Bootswartes klang aufgeregt.
»Was liegt an?« Kurz und knapp kam McLees Frage.
»Ihre Jacht, Sir …, ich meine … Die Jacht …!«
»Was ist mit meiner Jacht?«
»Sie ist … ist … in die Luft geflogen.«
»Wie war das …?« McLee schnappte nach Luft.
»Das Heck ist wegexplodiert, Sir. Eben erst … Ich kann von Glück sagen, daß mir nichts passiert ist. Das Boot ist daraufhin abgesoffen.«
»Warten Sie, ich komme sofort! Haben Sie die Polizei schon verständigt?«
»Klar, die ist bereits im Anrollen, Sir …!«
»In zehn Minuten bin ich bei Ihnen, Canters.«
William McLee legte im Gegensatz zu Mr. Herbert L. Shradon den Hörer fast vorsichtig zurück in die Gabel. Nachdenklich rieb er sich das glattrasierte Kinn. Er wußte plötzlich, warum das Heck seiner Motorjacht in die Luft geflogen war.
*
Er hatte nämlich vergessen, zweihundert Dollar in bar für die ›Strandhaie‹ zu reservieren …
Helen Lockhart war eine attraktive, junge Frau von zweiunddreißig Jahren. Groß, schlank und dunkelblond, war sie der Prototyp eines amerikanischen Karrieregirls. Helen galt in Fachkreisen als ungemein tüchtig. Sie konnte sehr hart sein, wenn es sein mußte. Helen Lockhart war die Vertreterin eines New Yorker Betriebes, der sich auf Damenoberbekleidung spezialisiert hatte. Diese Firma stellte in erster Linie Badeanzüge und Strandmoden her. Miami-Beach war für Helen einer der besten Plätze. Hier tätigte sie Umsätze, die sie zu einer unabhängigen, wohlhabenden Frau hatten werden lassen.
Sie wohnte im ›Strand‹, einem mittelgroßen Haus. Ihr Caravan stand in der hoteleigenen Tiefgarage. In diesem Wagen befanden sich die Verkaufsmuster, wohlverpackt in geschmackvollen Schrankkoffern. Helen hatte zwei sehr gute Verkaufstage hinter sich, als sie einen Brief der ›Strandhaie‹ erhielt.
Sie wußte sofort, daß sie niemals zahlen würde. Und sie hatte sich mit der Polizei in Verbindung gesetzt. Dort hatte sie den bewußten Brief abgeliefert und um polizeilichen Schutz gebeten.
Zu der Stunde, als Josuah Parker Quartier für einen gewissen Mr. Ben Zalakoff machte, wurde auch sie angerufen. Sie meldete sich mit kühler, beherrschter Stimme.
»Wir schrieben Ihnen einen Brief«, sagte eine höflich klingende Stimme. »Leider haben Sie bisher versäumt, die kleine Schutzgebühr von einhundert Dollar auf den Sitz Ihres Wagens zu legen, Miss Lockhart.«
»Ich habe es nicht vergessen.« Helen Lockhart kam nicht einen Moment aus der Fassung. »Ich habe das Geld absichtlich nicht gezahlt. Damit Sie es genau wissen, ich lasse mich nicht einschüchtern! Holen Sie sich Ihr Geld, wo immer Sie wollen, nur nicht bei mir!«
»Ob Ihr Verhalten sehr klug ist?«
»Das wird sich erweisen.«
»Ob es auch klug war, sich an die Polizei zu wenden?«
»Sie sind gut informiert.« Helens Stimme klang ironisch.
»Wir werden leider ein Exempel statuieren müssen«, entgegnete die freundliche Stimme. »Es tut mir besonders leid, da Sie eine sehr schöne Frau sind.«
»Vielen Dank für die Blumen«, meint Helen mokant. »War sonst noch etwas, Mr. Unbekannt?«
»Im Augenblick nicht, Miss Lockhart. Schade um Ihre Musterkoffer, schade, wirklich, sehr schade …!«
Bevor Helen Lockhart antworten konnte, klickte es in der Leitung. Die junge Frau legte den Hörer zurück. Jetzt, nachdem sie diese Stimme gehört hatte, kamen ihr doch einige Bedenken. Sie schalt sich nachträglich eine Närrin, die einhundert Dollar nicht gezahlt zu haben. Sie konnte dieses Geld doch sehr gut verschmerzen.
Unruhig geworden, verließ sie das Apartment und fuhr mit dem Lift hinunter in die Tiefgarage. Während der Fahrt fiel ihr ein, daß sie vergessen hatte, die Polizei zu benachrichtigen. Aber dazu war es jetzt zu spät.
In der Tiefgarage angekommen, schritt sie energisch und ohne jedes Angstgefühl auf die Garagenbox zu, in der ihr Caravan stand. Ein kleiner, untersetzter Garagenwart kam ihr entgegen. Seine Beine waren unwahrscheinlich gebogen und krumm. Sie bildeten fast ein O.
»Ich glaube, an Ihrem Wagen stimmt was nicht«, sagte der Wart hastig. »Er raucht …«
»Kommen Sie!« Helen kümmerte sich nicht weiter um den Krummbeinigen. Sie verzichtete auf alle Selbstbeherrschung und lief auf ihren Caravan zu. Sie sah gelb-weiße Rauchschwaden, die aus den geöffneten Seitenfenstern quollen. Hastig riß Helen die hintere Tür des Wagens auf.
Sie schluchzte vor Empörung.
Die Schrankkoffer mit den Verkaufsmustern waren geöffnet. Die Verkaufsmuster: einteilige Badeanzüge, Bermuda-Shorts, Freizeithemden und Strandhosen, lösten sich in ihre Bestandteile auf. Eine starke Säure zerfraß die Latexstoffe. In einigen Koffern hatte sich bereits ein trüber Brei gebildet, der sich nun daran machte, auch die Kofferwände anzunagen.
Helen drängte die Tränen zurück.
