Das Unglück der kleinen Giftmischerin - Erich Wulff - E-Book

Das Unglück der kleinen Giftmischerin E-Book

Erich Wulff

0,0

Beschreibung

Mehr als einhundert Schwerstverbrecherinnen und -verbrecher hat Prof. Dr. Erich Wulff in zwanzig Jahren seiner Tätigkeit als Gerichtssachverständiger begutachtet. In zehn spannenden Lebens- und Deliktgeschichten schildert er die Taten von Mördern, Totschlägern und Sexualdelinquenten - und ihre Hintergründe. Als Mensch und Psychiater interessieren den Autor die Lebensschicksale der Täterinnen und Täter. »Was für ein Kind ist dieser Mensch gewesen? Wer waren seine Eltern, seine Geschwister, seine Lehrer und seine Freunde? « Was treibt den Täter zu seiner Tat, welchen Weg hätte man selbst gewählt? Statt pauschaler Verurteilung stellt der talentierte Erzähler den Menschen in den Mittelpunkt - mit seinen Widersprüchen und Chancen, Konflikten und Kurzschlüssen, mit seinen schuldhaften Verstrickungen. Die sensibel erzählten Geschichten sind so unterhaltsam wie Krimis und aufschlussreiche Lektüre für alle, die mit straffällig gewordenen Menschen zu tun haben.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 229

Veröffentlichungsjahr: 2014

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Erich Wulff

Das Unglück der kleinen Giftmischerin

Und zehn weitere Geschichten aus der Forensik

Erich Wulff: Das Unglück der kleinen Giftmischerin. Und zehn weitere Geschichten aus der Forensik.

1. Auflage 2007

© BALANCE buch + medien verlag, Köln 2007

Der BALANCE buch + medien verlag ist ein Imprint der Psychiatrie Verlag GmbH, Köln.

Alle Rechte vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf ohne Zustimmung des Verlages vervielfältigt, digitalisiert oder verbreitet werden.

ISBN-ePub: 978-3-86739-851-0

ISBN-Print: 978-3-86739-015-6

Bibliografische Informationen der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Originalausgabe: Psychiatrie Verlag, Köln 2005

Umschlagkonzeption: p.o.l. kommunikation design, Köln,

unter Verwendung eines Bildes von ToumaArt, Leipzig

Satz: BALANCE buch + medien verlag, Köln

www.balance-verlag.de

Menü

Buch lesen

Innentitel

Inhaltsübersicht

Informationen zum Autor

Impressum

Vorwort

Kopflos

Das Geisterschiff

Von der langen Herrschaft der Gewalt

Das Unglück der kleinen Giftmischerin

Das wilde Fleisch

Kalkuliertes Risiko

Der Machtrausch des Waldgängers

Der dunkle Flussgott des Bluts

Der Liebeshochstapler

Public enemy number one

Die Steinigung

Nachwort

Der Sicherheitsdiskurs

Informationen zum Autor

Vorwort

Woran liegt es, dass unter den vielen Angeklagten und Verurteilten, darunter mehr als hundert Mörder, Totschläger und Sexualdelinquenten, die ich während der letzten zwanzig Jahre zu begutachten hatte, allenfalls drei oder vier mir während unserer Gespräche Abscheu, Widerwillen oder Angst eingeflößt haben? Waren das wirklich die Monster, über deren Taten Presse und Fernsehen Angst und Schrecken verbreiten? Mir gegenüber saßen eher ruhige, höfliche, manchmal zunächst auch etwas eingeschüchterte Männer und Frauen, die sich weder in ihrem Outfit noch in ihrer Gestik und Mimik noch darin, wie sie redeten, merklich von den Leuten unterschieden, die man bei der Arbeit, im Laden oder abends in der Kneipe trifft. Hatten sie alle etwas von Dr. Jekyll und Mr. Hyde an sich?

Wenn ich nach der Durchsicht der Strafakten zunächst noch etwas Angst hatte, diese Mörder oder Sexualdelinquenten, die ohnehin nichts mehr zu verlieren haben, könnten mich als Geisel nehmen, waren diese Befürchtungen meistens schon nach drei Minuten Gespräch mit ihnen wie weggewischt und ich begann, mich für ihr Lebensschicksal zu interessieren. Was für ein Kind ist dieser Mensch gewesen? Wer waren seine Eltern, seine Geschwister, seine Lehrer und seine Freunde? Wie hat er menschliche Nähe, wie hat er die Liebe, wie die Freundschaft kennen gelernt? Wie kam er mit seinen Lehrherren, seinen Vorgesetzten und seinen Arbeitskameraden zurecht? Und auf welchen Wegen, Umwegen und Abwegen ist er in seine Tat hineingeschlittert? Was hat ihn dazu verführt, was dazu getrieben? Je tiefer ich in diese seine Lebens- und Deliktgeschichte Eingang fand, desto stärker fühlte ich mich mit ihr verbunden, und schließlich war es mein Bruder Mensch, der durch sie zu mir sprach. Eine zunächst neutrale Informationsgewinnung war unversehens zu empathischem Verständnis umgeschlagen, dem sich nicht selten auch ein Schuss kumpelhafter Sympathie zugesellte.

»Halt!« würde hier jeder sagen, der auch nur eine kleine Ahnung von psychoanalytischer Begrifflichkeit hat. »Was Sie da schildern, ist ein typisches Gegenübertragungsphänomen, das Ihnen außer Kontrolle geraten ist. Fragen Sie sich doch, was Sie bei diesen Verbrechern anzieht, welche eigenen unterdrückten Bedürfnisse Sie stellvertretend im Eingehen auf deren Lebensgeschichte und deren Untaten zu befriedigen suchen. Wenn Sie dem auf die Spur kommen, erst dann werden Sie diese Menschen so wahrnehmen können, wie sie wirklich sind.«

Da mag etwas dran sein. Aber ich bin nicht der erste und nicht der einzige Sachverständige, dem so was nicht nur einmal, sondern immer wieder passiert. Und vielen Anwälten geht es nicht anders. Vielleicht ist dabei also auch etwas Allgemeineres im Spiel als meine eigenen unterdrückten Wünsche. Oder sie schaukeln sich zumindest an etwas Allgemeinerem hoch. Im Übrigen: Die Menschen sind es, die mir in diesen Gesprächen vertrauter werden, in manchen ihrer Taten bleibt ein unverdauter Rest Fremdartigkeit zurück, an den auch ich mich nicht herantraue.

Um dem Allgemeinen, über meine Person des Gutachtenden und die des jeweiligen Begutachteten Hinausweisenden etwas näher zu kommen, frage ich mich, in welcher Situation die Begutachteten sich befinden, wenn sie mir in der Justizvollzugsanstalt oder auf der forensischen Station eines psychiatrischen Krankenhauses erstmals gegenübertreten. Und da ergibt sich als Antwort etwas ganz Banales: Sie alle sind Gefangene, des Knastes oder einer Forensik. Sie haben ihre Freiheit verloren, müssen tun, was die Justiz, von den Staatsanwälten und Richtern angefangen bis herunter zu den Wärtern, von ihnen verlangt, ihre Zukunft ist bestenfalls ungewiss, und was ihr Verhältnis zu den anderen Mitgefangenen betrifft, sind sie ziemlich schonungslos dem Recht des Stärkeren ausgeliefert. Sie finden sich – und ich finde sie – in einer Situation der Machtlosigkeit und Hilflosigkeit vor, vorbei die grenzenlosen Machtträume, die sie draußen als Täterinnen und Täter gehabt haben mögen. Jetzt sind sie schwach und brauchen jemanden, der sie unterstützt, jemanden, in den sie ihre Hoffnungen setzen können. Das ist zuerst ihr Anwalt – und das bin ja vielleicht auch ich. Sie haben einen feinen Riecher für mein Bedürfnis, den Schwachen zu helfen, das in einer solchen Situation angesprochen wird – weil ich auch mich selbst als einen Schwachen kenne. In meiner Sensibilität für diese Schwäche gründet unsere Gemeinsamkeit, in der sind wir Brüder.

Aber diese Gemeinsamkeit geht noch über unsere gemeinsame Schwäche hinaus. Bei jedem entscheidenden Schritt ihrer Lebensgeschichte frage ich mich, wie ich wohl in ihrer Situation gehandelt hätte. Bei jedem ihrer Wünsche, ob ich ihn nicht auch hätte haben können. Und ich muss mir dann sagen, dass ich an vielen Entscheidungspunkten meines Lebens, ja schon bei den Lebensvoraussetzungen, in die ich hineingeboren bin, einfach mehr Glück gehabt habe als sie. Vielleicht ist ihre Lebensgeschichte nur eine Negativfolie der meinen. Unter ihren Voraussetzungen – und bei einigen eigenen unglücklichen Entscheidungen mehr – hätte aus mir vielleicht auch ein Gewalttäter werden können. So weit sind wir also gar nicht voneinander entfernt.

Als ich vor meinem Umzug nach Frankreich die 300 Kilogramm Gutachten, die ich später der Aktenvernichtung anheim gab, und die vielleicht 50 Kilo, die mich begleiten sollten, noch einmal durchblätterte, sah ich, dass viele der Menschen, denen ich als Gutachter begegnet war, ihre Taten in einer Krisen- und Umbruchsituation begangen hatten und dass sich unter ihnen viele Immigranten befanden: Kurden, Libanesen, Kosovo-Albaner, Vietnamesen, Menschen aus der früheren Sowjetunion, darunter auch Russlanddeutsche. Das mag an meinem Image als transkulturell erfahrener Psychiater gelegen haben, auch daran, dass meine aus der eigenen Kindheit herstammenden rudimentären Russischkenntnisse sich bei den Gerichten herumgesprochen hatten. Aber dass gesellschaftliche und welthistorische Umbruchsituationen sowohl das Gefühl für Recht und Unrecht als auch das Vertrauen in das vom Einzelnen an den Staat delegierte Gewaltmonopol schwächen können, ist ja seit den Anomieforschungen Durkheims für niemanden mehr ein Geheimnis, und so kann es sein, dass die große Zahl derjenigen, die sich in solchen Umbruchsituationen vorfanden, doch mehr als ein Zufall ist. Auch solche Erfahrungen der Entwurzelung haben mich ihnen näher gebracht, musste ich doch als Dreizehnjähriger im November 1939 meine estländische Heimat verlassen, um zunächst in dem von Hitler eroberten »Warthegau« angesiedelt, danach im Frühjahr 1945 an die ostpreußische »Ostfront« geschickt und schließlich – mit viel Glück – in Westdeutschland angespült zu werden. Natürlich, sie hatten noch viel mehr verloren als ich, der einen Pass, eine Nationalität und, nach den Unbilden der ersten Nachkriegszeit, eine hoffnungsvolle, einigermaßen gesicherte Zukunft offeriert bekam. Aber eine kleine Ahnung davon, was ihnen zugestoßen war, vermittelte mir meine eigene Biografie doch, und sie reichte dazu aus, dass ich mich auch mit ihrem Schicksal ein Stück weit solidarisch fühlen konnte.

Jetzt möchte ich damit anfangen, die Lebens- und Deliktgeschichten einiger Angeklagter und einiger Forensikpatienten zu erzählen, und auch einiges von ihren Prozessen, von denen ich die meisten von Anfang bis zum Ende mitverfolgen konnte. Dabei warten auf mich einige Tücken: Um die Begutachteten nicht nur der Form halber, sondern auch wirksam zu anonymisieren, musste ich nicht nur ihre Namen austauschen, die Daten ändern und die Gerichtsorte unkenntlich machen, auch ihre Geschichten mussten so weit verfremdet werden, dass Dritte sie nicht mit Gewissheit wiedererkennen können; manches musste ich zwangsläufig herausschneiden, um es dann wieder aufzufüllen. Aus einem Tatsachenbericht wurde so zwangsläufig eine Erzählung, aus einer deskriptiven so etwas wie eine narrative Forensik. Und gleichwohl musste ich darauf achten, dass dabei weder etwas Wesentliches verloren ging noch etwas allzu Unpassendes hinzugefügt wurde. Die anderen Lebensgeschichten, die ich diesen Menschen erfinden musste, sie sollten dennoch ihre Geschichten bleiben. Auf dieser Gratwanderung bitte ich nun meine Leser mich zu begleiten.

Kopflos

Anfang September des Jahres 1993 machte ein Passant in einem Waldstück nahe einer deutschen Kleinstadt bei einem Spaziergang eine schauerliche Entdeckung: Ein nackter Körper ohne Kopf, ohne Hände und Füße lag am Wegesrand. Zunächst konnte niemand diese Leiche identifizieren, irgendwelche Vermisstenmeldungen aus der Gegend lagen der Polizei nicht vor. Etwas später förderte eine genauere Spurensuche ein Portemonnaie mit Ausweispapieren auf den Namen Tumakow zutage, eines Asylsuchenden aus der ehemaligen Sowjetunion, der in einem Asylantenheim des kleinen Ortes untergebracht gewesen, aber dort seit einigen Tagen nicht mehr gesehen worden war. Dessen daraufhin vernommener Zimmerkollege Puchlins, der in der gleichen kleinen, gerade erst selbstständig gewordenen baltischen Republik wie Tumakow beheimatet war, verwickelte sich rasch in Widersprüche und gab schließlich zu, seinen Landsmann im Streit mit einer Axt erschlagen zu haben. Den Kopf und die anderen Körperteile der Leiche habe er abgetrennt, in der Hoffnung, so nicht in Verdacht zu geraten; zusammen mit den Kleidern habe er sie in ein Bündel verschnürt und in einen etwa 50 Kilometer entfernten Fluss geworfen. Dort konnten sie rasch gefunden werden. Das Portemonnaie des Opfers, das Puchlins zunächst eingesteckt hatte, war ihm noch in unmittelbarer Tatortnähe aus der Tasche gefallen. Er hatte das bemerkt, es gesucht, aber nicht wiederfinden können. Wäre ihm das gelungen, so wäre er wahrscheinlich straflos davongekommen. »Unsere Asylbewerber kommen und gehen, oft kehren sie von selbst, ohne sich abzumelden, in ihre Heimat zurück«, sagte im Prozess der Heimleiter. Das Opfer wäre also nie vermisst, die Leiche nie identifiziert worden. So aber wusste Puchlins, dass die Polizei ihn bald finden würde, und unternahm dennoch keinen Versuch zu fliehen. Das machte mich schon etwas stutzig, bevor ich ihn persönlich kennen lernte. Denn die Presse hatte nicht nur den Horror des Leichenfundes breit ausgewalzt, um damit die Kaltherzigkeit des Mörders zu belegen, sondern auch wild über einen Berufskillerauftrag der russischen Mafia spekuliert.

Fünf Monate nach der Tat bekam ich Puchlins erstmals zu Gesicht. Ihn hatte inzwischen eine tiefe depressive Verzweiflung erfasst, er sprach mit niemandem mehr und war wegen drohender Selbstmordgefahr ins Lazarett einer großen JVA überführt worden, an dem auch ein Gefängnispsychiater tätig war. Dieser, ein engagierter Altlinker, hatte mich dem Gericht als Gutachter vorgeschlagen. So saß ich im Arztzimmer, einem freundlichen, hellen, mit Bildern und Blumen ausgestatteten Einsprengsel der Außenwelt in dem finsteren, kahlen und rissigen Gefängnistrakt, einem fünfundzwanzigjährigen schlanken, gut aussehenden jungen Mann gegenüber.

Wir waren nicht allein. Ich hatte einen Dolmetscher mitgebracht, einen Russlanddeutschen, der während der Perestroika-Jahre einer der Sprecher dieser Minderheit in Moskau gewesen war, einen ruhigen, väterlichen Mann Mitte fünfzig. Aber bald stellte sich heraus, dass ich weite Strecken unseres Gespräches mit Puchlins direkt auf Russisch führen konnte.

Über fast alles aus seiner Lebensgeschichte konnte er flüssig berichten. Bei einigen Themen geriet er jedoch ins Stocken oder begann heftig zu weinen. Dazu gehörten nicht nur der Tathergang und die Erwähnung des Opfers, sondern der gesamte Bereich seiner Sexualität. Ich insistierte darauf zunächst nicht und redete mit ihm über andere Dinge, um ihm Gelegenheit zu geben, mich etwas besser kennen zu lernen. Schon bei unserem zweiten Gesprächstermin war er in der Lage, auch über heikle Themen einigermaßen flüssig Auskunft zu geben.

Bei allen unseren Unterredungen zeigte sich Puchlins höflich und wohl erzogen, etwas schüchtern und eher skrupulös. Der Gefängnispsychiater, der ihn schon ein paar Monate kannte, schilderte ihn mir als einen äußerst korrekten, pflichtbewussten, disziplinierten, ja etwas zwanghaften jungen Mann. Aber Puchlins konnte auch sehr warmherzig von seiner Verlobten erzählen. Schon beim zweiten Gesprächstermin zeigte er innerlich bewegt mir und dem Dolmetscher seine Familienfotos. Ich gewann den Eindruck, dass auch ihm daran lag, mit uns herauszufinden, was für ein Mensch er war und wie es zu dieser Tat hatte kommen können.

Aus dem, war er uns über seine Kindheits- und Jugendjahre berichtete, ging hervor, dass er einer Familie entstammte, durch die seit drei Generationen ein Riss ging. Der Großvater väterlicherseits, Kommunist, hatte sich nach 1945 an der Jagd auf die Partisanengruppen beteiligt, die sich nach der Vertreibung der deutschen Besatzungstruppen aus deren Kollaborateuren, aber auch aus nationalistischen Sowjetgegnern in den dichten Wäldern des Landes zusammengefunden hatten und von dort aus Attentate verübten. Auch der Vater hatte in der Sowjetmiliz Karriere gemacht, in dem Stadtviertel, in dem die Familie lebte, war er gefürchtet und hatte das Sagen. Er war, wie Puchlins sagte, zwar kein Parteimitglied, aber ein bedingungsloser Anhänger des »alten Systems«, Gegner der Perestroika und aller nationaler Unabhängigkeitsbestrebungen, nicht so sehr aus politischer Überzeugung, sondern weil Disziplin, Zucht und Ordnung ihm über alles gingen. Zu Hause war er ein Tyrann, der, obwohl er nicht trank, schon bei kleinen Widrigkeiten Frau und Kinder schlug und nach festem Glauben der Mutter immer wieder Affären mit anderen Frauen hatte, und Puchlins vermutete, dass die ständige Eifersucht der Mutter auch nicht ganz unbegründet war. Anders als die meisten seiner Landsleute war Puchlins nicht getauft worden, in die Kirche ging auch niemand von seinen Angehörigen, jede Art religiöser Betätigung wäre mit der Position des Vaters als Polizeichef des Stadtteils unvereinbar gewesen. Die Familie lebte in einem bescheidenen materiellen Wohlstand, der Vater verfügte sogar über ein eigenes Auto.

Über den Großvater mütterlicherseits durfte in der Familie nicht gesprochen werden, ein striktes Tabu lag über seinem Lebensschicksal. Puchlins wusste nur, dass er im Krieg oder gleich danach »irgendwie« auf eine nicht sehr ehrenvolle Art umgekommen war: Entweder hatte er mit den deutschen Besatzern kollaboriert oder er hatte zu den antisowjetischen Partisanen gehört. Vielleicht traf auch beides zu, Puchlin wusste es nicht genau. Nicht alle Kollaborateure waren schließlich Faschisten gewesen. Manche von ihnen hatten die Deutschen 1941 als Befreier vom Sowjetjoch begrüßt und zunächst gutgläubig mit ihnen zusammengearbeitet. Als sie sahen, dass die »Befreier« aus ihrem Land einen Siedlungsraum für »Deutschblütige« machen wollten, waren viele schon so eng mit ihnen verstrickt, dass sie sich von ihnen nicht mehr lösen konnten. Was nun beim Großvater mütterlicherseits im Einzelnen der Fall gewesen war, ließ sich nicht aufklären. Die Mutter jedenfalls war, vielleicht im Andenken an ihn, seit dem Anbruch der Perestroika eine leidenschaftliche Anhängerin der Unabhängigkeitsbestrebungen der kleinen Sowjetrepublik geworden, und Puchlins schloss sich dieser Meinung etwa ab 1989 auch an, im Gegensatz zu seiner Schwester, die mit dem Vater eine Befürworterin des »alten Systems« blieb.

Puchlins’ eigenes Leben war, bis Ende der Achtzigerjahre, ebenso planvoll wie ereignislos verlaufen. Seine Spielkameraden wurden vom Vater handverlesen, selbst durfte er sich keine Freunde suchen, dazu war der Vater zu sehr auf seine Reputation als Polizeichef bedacht. Das brachte eine gewisse Vereinsamung, jedenfalls eine Beschränkung des ihm zur Verfügung stehenden Territoriums auf die eigene Familie mit sich. Aber es gab für ihn auch ein Kinderparadies: bei der Großmutter mütterlicherseits, die auf dem Lande lebte und deren Liebling Puchlins war. Von ihr wurde er in den Ferien dort »grenzenlos verwöhnt«. Wie bei vielen Straftätern, die über schwierige Beziehungen zwischen den Eltern berichten, tauchte auch bei Puchlins als Kontrast dazu eine großelterliche Idylle auf.

Durch die Schule kam Puchlins problemlos, wenngleich nur mit mäßigen Noten, anders als die ein Jahr jüngere Schwester, die trotz ihrer Körperbehinderung besser war als er. Der Vater drängte ihn, die Mittelschule nach der achten Klasse zu verlassen und auf das landwirtschaftliche Technikum, eine Art Berufsschule, überzuwechseln, das er noch vor dem Militärdienst mit Führerschein und vielen praktischen Kenntnissen beenden könne – und wie er es gewohnt war, gehorchte er ihm. Ich fragte ihn, ob er nicht, wie alle Jungen, von einem Lieblingsberuf geträumt habe. Architekt hätte er werden wollen, sagte er, aber der Vater war dagegen und es bot sich dafür auch keine Möglichkeit an. Das Technikum beendete er 1988 mit sehr guten Noten. Das brachte ihm einen Studienplatz an der Landwirtschaftsakademie in der zweitgrößten Stadt des Landes ein und die Aussicht, Landwirtschaftsingenieur zu werden. Dort aber scheiterte er im dritten Semester an einer Prüfung. Mittlerweile hatte die Perestroika zu einer inflationistischen Verteuerung des Lebensunterhaltes geführt, das am Technikum noch reichlich bemessene Stipendium reichte nicht mehr, er musste nebenher arbeiten und das ließ ihm nicht mehr genug Zeit zum Lernen. Der Vater sagte, er hätte ihm mit dem Technikum zu einer guten Berufsausbildung verholfen und könne ihn auf der Akademie nicht weiter unterstützen. So brach Puchlins nach der verhauenen Prüfung sein Studium ab, schlug sich zunächst mit kleinen Jobs durch und wandte sich dann ab 1990 dem »Business« zu.

Das war eine Tätigkeit, die vor der Perestroika nicht nur ideologisch suspekt, sondern auch mit strikten Beschränkungen belegt gewesen war. Außer den Kolchosbauern durften nur Rentner oder Invaliden als Blumen-, Beeren- oder Pilzverkäufer kleine Geschäfte tätigen. Verboten war insbesondere, etwas zu erwerben, um es dann mit Profit weiterzuverkaufen, privat verkauft werden durfte eben nur das, was man selbst eigenhändig produziert oder gesammelt hatte, und natürlich die selbst genutzten eigenen Sachen. Wie auch sonst im Leben eines Sowjetbürgers war eindeutig festgelegt, was man durfte, alles andere war verboten, Grau- oder Übergangszonen gab es nicht. Ich erinnerte mich an ein Straßenschild mit der Aufschrift »Erlaubt« unter einem Rollschuh, das ich bei meinem ersten Nachkriegsbesuch 1985 an einer wenig belebten Straße meiner Heimatstadt Tallinn gesehen hatte. Das hieß auch, überall wo kein solches Schild stand, war Rollschuhlaufen selbstverständlich verboten.

Mit der Perestroika verschwamm diese Eindeutigkeit der Erlaubnisse und der Verbote und damit wurden auch Übertretungen nicht mehr automatisch sanktioniert. Noch zu Breschnews Zeiten hatten selbst kleine Verfehlungen zu unübersehbaren Folgen führen können, auch weil die Auslegung der strafrechtlichen Bestimmungen durch die Gerichte immer einen Faktor politischer Opportunität und manchmal auch persönlicher Willkür enthielt. Das war ein wirkungsvoller Disziplinierungsfaktor gewesen. Ab 1987 wurden immer mehr vorher streng verbotene private Geschäftstätigkeiten zunehmend von den Autoritäten toleriert, zu manchen von ihnen wurde man jetzt sogar ermutigt, dies aber, ohne dass eine eindeutige gesetzliche Grundlage dafür geschaffen wurde. Fast alles in diesem Bereich verwandelte sich so zu einer Grauzone, die dazu aufforderte, es doch einfach einmal zu probieren, zumal die Angst vor Strafen allmählich verflog.

Puchlins hatte in dieser Zeit, noch als Student, einen Job bei der Staatsbank gefunden. Als die großen Rubelscheine für ungültig erklärt wurden und der Staat gleichzeitig auch eine Obergrenze für ihren Umtausch festsetzte, bat ihn ein Freund, seine restlichen für ihn einzutauschen. Die Provision, die er für diesen kleinen Freundschaftsdienst erhielt, reichte aus, um sich einen Lada zu kaufen. Natürlich war das alles verboten, aber fast jeder machte nun schon solche Geschäfte, nutzte seine Stellung, um zu mehr Geld zu kommen. »Business«, vorher verpönt und verfolgt, begann im Untergang der alten sozialistischen Gesellschaftsordnung zur Wertegrundlage der neuen zu werden. Was man war und was man galt, wurde zunehmend vom geschäftlichen Erfolg abhängig, den man durch Einfallsreichtum und Nutzung aller seiner Chancen erzielen konnte. Für Puchlins, der einer Familie entstammte, die vom Vater eine sozialistische Moral und einen Heidenrespekt vor den Sanktionen des Staates eingeflößt bekommen hatte, musste dieser gesellschaftliche Wandel zu einer schweren Erschütterung seiner gesamten Existenz führen, zu einer Verunsicherung, aber gewiss auch zu dem Gefühl einer sich plötzlich grenzenlos gebärdenden Freiheit.

Nach dem erfolgreichen Bankgeschäft gab Puchlins seine akademischen Studienpläne endgültig auf. Er verkaufte seinen Lada zu einem sehr günstigen Preis, um über Startkapital für eine neue Geschäftsidee zu verfügen: Export und Import als Einmannbetrieb, als »Ich-AG«, wie das heute so schön heißt. Er kaufte industrielle Güter der (noch) Sowjetrepublik auf, um sie in Rumänien zu verkaufen, und brachte von dort vor allem landwirtschaftliche Produkte mit. Natürlich hatte er dazu keinerlei Genehmigung, rechtlich gesehen handelte es sich immer noch um Schmuggel. Aber die Zollvorschriften beachtete zu jener Zeit kaum jemand mehr. Die Gewinne, die er auf diesen Reisen machte, reichten aus, um auf eine einträglichere Gechäftssparte umzusteigen: den Ankauf deutscher Gebrauchtwagen und deren Verkauf in seiner Stadt. Als er sich auf den deutschen Automärkten schon etwas auskannte, kamen Vermittlungstätigkeiten für noch unerfahrene Landsleute, die ebenfalls solche Geschäfte tätigen wollten, hinzu. Einmal war er dazu als Tourist eingereist, das zweite Mal stellte er unter Vorlage der alten sowjetischen Pässe einen Asylantrag, behielt aber die neuen Ausweispapiere seiner inzwischen unabhängig gewordenen Republik, so dass er jederzeit wieder dorthin zurückkonnte.

Puchlins’ Geschäfte waren für ihn kein Selbstzweck. Sie sollten dem Kauf einer gemeinsamen Wohnung für sich und seine Verlobte dienen, denn der Staat stellte jungen Paaren nun keinen billigen Wohnraum mehr zur Verfügung. Noch während seiner Banktätigkeit hatte er nämlich ein Mädchen kennen gelernt, das er heiraten wollte, eine »ernste Beziehung«, wie er sagte. Puchlins weinte, als er von seiner Freundin erzählte: Sie sei, nachdem seine Tat mit voller Namensnennung in den Zeitungen seines Heimatlandes breitgetreten worden sei, ständigen Anfeindungen und Bedrohungen ausgesetzt gewesen. Dabei habe er sie ja nur beschützen wollen. Mit einem gewissen Stolz zeigte er uns, dem Dolmetscher und mir, ihr Bild: ein schlankes, junges Mädchen mit ausdrucksvollen grünen Augen und welligem, aschblondem Haar. Ich konnte gut verstehen, dass er sie zu seinem ganzen Lebensinhalt gemacht hatte. Wichtig für ihn war, dass sie noch unberührt gewesen war, als er zum ersten Mal mit ihr geschlafen hatte. Eben ein ernsthaftes Mädchen. Auf meine Frage, ob er selbst schon vorher mit einer anderen Frau sexuellen Umgang gehabt habe, wollte er zunächst nicht antworten. Schließlich bejahte er das verschämt, sagte aber, es sei nichts Ernstes gewesen. Er sei damals sehr enttäuscht worden, wolle darüber aber nicht sprechen. Bei seiner jetzigen Freundin brauche er so etwas nicht zu befürchten.

Ich wurde das Gefühl nicht los, dass hier noch etwas für Puchlins Problematisches verborgen lag, an das ich aber nicht herankam. Obwohl er keiner Religion anhing, war Sexualität für ihn offenbar etwas Heiliges, das man nur unter gewissen Voraussetzungen leben durfte: einer großen, ernsthaften und lebenseinmaligen Liebe. Alles andere war hässlich, eine Art Entweihung und Lästerung, und durfte noch nicht einmal in Worte gefasst werden.

Etwa zwei Jahre vor der Tat hatte Puchlins sein späteres Opfer, Tumakow, kennen gelernt. Dessen Frau war eine Freundin von Puchlins’ Verlobter. Tumakow war ein ehemaliger Berufsboxer, er hatte in seiner Gewichtsklasse den vierten Platz in der sowjetischen Landesmeisterschaft errungen. Mit der Auflösung der Sowjetunion musste auch er sich neu orientieren, war es doch mit den Privilegien zu Ende, die Spitzensportler dort bis dahin genossen hatten. Die meisten der ehemaligen Boxer hätten in zweifelhaften, oft mafiösen »Sicherheitsdiensten« Jobs gefunden, so auch Tumakow, berichtete Puchlins mir. Puchlins mochte Tumakow von vornherein nicht. Er sei ein grober, oft brutaler Mensch gewesen, der mit seinen Verbindungen zur Mafia, aber auch mit seinen weiblichen Eroberungen prahlte. Von den Frauen, die er kannte, hätte er nur schlecht geredet, sogar seine eigene Frau eine Nutte genannt. Sein Motto sei gewesen: Wer vor mir Angst hat, der respektiert mich auch.

Tumakow hatte ihn gedrängt, ihn und E., den Bruder von Puchlins’ Verlobten, auf ihrer nächsten »Geschäftsreise« nach Deutschland zu begleiten. Puchlins wollte dies zunächst partout nicht, denn seine Freundin hatte ihn vor Tumakow gewarnt: Er hätte versucht, wenn auch vergeblich, mit ihr zu schlafen. Da Tumakow ihm aber durch Vermittlung von Autoverkäufen zum Startkapital für diese Reise verholfen hatte, war nichts anderes übrig geblieben, als ihn mitzunehmen, obwohl Puchlins noch eine heftige Wut gegen ihn im Bauch hatte.

Zu einem offenen Konflikt mit Tumakow kam es aber erst, nachdem Tumakow Puchlins ein Paket mit Medikamenten übergeben hatte, das ein auf Besuch in Deutschland befindlicher Freund Puchlins bei seiner Rückkehr ins Heimatland für Tumakows Angehörige dorthin mitnehmen sollte. Tumakow behauptete zunächst, dieses Paket sei dort überhaupt nicht angeliefert worden, und machte Puchlins dafür verantwortlich. Später sagte er, ein Teil der Medikamente sei verschwunden, bedrohte seinen Landsmann laut schreiend und verlangte von ihm eine große Summe Geldes für den Verlust. Bei seinen Wutausbrüchen hätte Tumakow auch auf Puchlins’ Verlobte geschimpft, sie eine Hure genannt und damit geprahlt, vor ihm schon mit ihr »gebumst« zu haben. Schließlich hätte er Puchlins auch geschlagen und erniedrigt: Einmal habe er ihm den Inhalt eines Joghurtbechers in die Haare geschmiert. Meist sei er bei solchen Attacken betrunken gewesen.

Wenn ich mir die Heftigkeit dieser Auseinandersetzungen vergegenwärtige, stellen sich bei mir allerdings nachträglich einige Zweifel an Puchlins’ Schilderung ein: Ob es sich bei dem Paketinhalt tatsächlich nur um Medikamente für Tumakows Familie gehandelt hat und nicht – ohne oder mit Puchlins’ Wissen – um eine Schmuggelsendung mit Betäubungsmitteln.

Zur Erkenntnis, es gäbe keinen anderen Ausweg, als Tumakow Todesangst einzujagen und ihn so einzuschüchtern, dass dessen eigenes Motto: Wer Angst vor mir hat, der respektiert mich auch, bei im selbst wirksam würde, kam Puchlins, wie er betonte, allerdings erst, als Tumakow eine monatliche Summe von 300 DM von ihm verlangte und drohte, andernfalls aus Puchlins’ Freundin »eine Lokomotive zu machen«, d. h., mindestens zehn seiner Kumpane würden sie vergewaltigen. Puchlins sagte, dass bei diesen Worten alles in ihm zusammengebrochen sei. Tumakows lauthals verkündete Beziehungen zur Schutzgeldmafia seiner Heimatstadt habe er ernst genommen, eine panische Angst um seine Freundin habe ihn erfüllt. Sein einziger Gedanke sei gewesen, wie er sie vor Tumakow und seinen Kumpanen beschützen könne.

Leider habe ich Puchlins eine wichtige Frage nicht gestellt: Wie hätte er sich seiner Freundin gegenüber verhalten, wenn sie wirklich vergewaltigt worden wäre? Hätte er sie getröstet? Hätte er dann immer noch Kinder von ihr haben wollen? Oder wäre eine solche Beschmutzung für ihn so unerträglich gewesen, dass er sich von ihr getrennt hätte? Hätte er gar erwartet, dass sie sich danach selbst, allein oder mit ihm zusammen, das Leben nimmt? Wahrscheinlich hätte er auf diese Fragen aber auch gar keine Antwort geben können und, wie so oft bei für ihn schmerzlichen Themen, nur geweint.

Tumakows Brutalität auch ihm gegenüber, sagte Puchlins, hätte seine letzten Zweifel daran beseitigt, dass er zur Ausführung seiner Drohungen vollauf imstande sei. Aber erst als er in einem Kaufhaus am Tag vor der Tat ein Beil gesehen hätte, da sei ihm der Gedanke gekommen, Tumakow, der ihm körperlich weit überlegen war, einen Hieb mit diesem Beil beizubringen. Nein, töten wollen hätte er ihn nicht. Tumakow sollte nur wissen, dass er zur Verteidigung seiner Verlobten zu allem bereit sei. Aus