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Die Existenz dieses Buches liegt einem Traum zugrunde. Denn ein alter Mann aus diesem Traum, vermittelte mir es zu schreiben. Es handelt von der Homosexualität, von der ich sehr lange glaubte, dass sie eine Sünde gegen Gott ist. Es handelt von meiner Lebens- und Glaubenskrise, den Lügen der Kirche, der Bibel, die der Wahrheit zum Trotz immer weitergeführt werden. Von neuen Erkenntnissen, die mir einen neuen Blick auf den christlichen Glauben ermöglichten und mir nach Fertigstellung dieses Buches Gewissheit verschafften. Am geglaubten Ende meiner Lebenskrise, die durch meine sexuelle Neuorientierung dem Ende entgegen ging, stellte ich mich Anfang 2009 zum ersten Mal in meinem Leben meiner Homosexualität. Allerdings geschah das heimlich, ohne dass meine Frau davon erfuhr. Wie sollte ich ihr sagen, was mir klar wurde? Wie sollte ich meiner Frau, mit der ich seit über zwanzig Jahren verheiratet bin, erklären, dass ich Männer liebe? Das schien unmöglich zu sein und so blieb es geheim, vorerst ... "Mann" sollte die Intuition einer Frau nicht unterschätzen. Dieses Buch handelt von der Lebenssituation, die dieses Drama in einer heterosexuellen Ehe mit sich bringt und von meinen Schandtaten natürlich. Von meinen ersten, heimlichen Dates mit homosexuellen Männern und von der Liebe, die ich auf der bekanntesten Kontaktplattform für Homosexuelle, fand. Die Liebe, die ich zum ersten Mal in meinem Leben einem Mann gestand. Es handelt auch von Männern, die den Gefühlen anderer zum Trotz bereit sind, alles zu tun, um ihre Ziele zu erreichen. Natürlich auch von meiner Naivität, meiner Arglosigkeit und dem verklärten Blick auf eine Welt, von der ich dreißig Jahre lang nichts wissen wollte. Bis mir durch meine Erlebnisse die rosarote Brille von der Nase gefegt wurde. Worauf der Glaube, die Liebe und die Hoffnung - die drei stärksten Emotionen – bei mir einen Nullpunkt erreichten und der alte Mann in besagtem Traum erschien, bevor das Unvermeidliche passierte ...
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Seitenzahl: 528
Veröffentlichungsjahr: 2015
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E. G. Seidel
Das verlorene Kind
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Vorwort
Gesundheits- und Sicherheitshinweise
Einleitung
Das Vorspiel
Die Glaubenskrise
Leidenschaft die Leiden schafft......
Das unentdeckte Land
ENDLICH URLAUB, WAS FÜR EIN STRESS
Weinst du auch, wenn deine Welt zerbricht?
Springst du auch, wenn du am Abgrund stehst?
Geboren um zu leben
Nachwort
Impressum neobooks
Jeder Mensch braucht einen anderen, der nicht darauf hört, was andere sagen und immer zu einem steht, auch wenn "Mann" Fehler macht. Meine Frau ist dieser Mensch – leider der Einzige, der immer zu mir stand, auch wenn ich Fehler machte, egal, was andere sagten. Und leider ist sie auch der Mensch, dem ich am meisten Schaden zufüge mit den Folgen meines unbedachten Handelns. Deshalb widme ich dieses Buch meiner Frau, dem Menschen, der mir sehr viel bedeutet.
Durch unglückliche Ereignisse und Umstände, die sich im Leben manchmal auf einen Punkt konzentrieren, entstand eine komplexe Lebenssituation, in die ich sie mit hineinzog. Es entstand ein Lügenkonstrukt in der Ehe aufgrund meiner homosexuellen Neigung, die ich wegen meines Glaubens dreißig Jahre lang unterdrückte. Das Buch handelt von diesem Lügenkonstrukt des Lebens, des Glaubens, der schwulen Welt und von meiner verwirrten sexuellen Ausrichtung, die erstmals in meinem Leben – durch die Kontaktplattform für Homosexuelle, auch blaue Seiten genannt – eine nie gekannte Freiheit erfährt. Von der Lebenssituation, die dieses Drama in einer heterosexuellen Ehe mit sich bringt und von meinen Schandtaten natürlich. Es handelt von menschlichen Abgründen und unsagbaren Enttäuschungen, von Gott, meinem Glauben, der langsam wie ein Schiff am Horizont verschwand. Oft weiß ich nicht mehr, woran ich glauben soll oder wo sich die Wahrheit befindet. Denn es ist keine einfache Aufgabe, zwischen den vielen Lügen dieser Welt die Wahrheit zu erkennen. Seit Beginn meiner Lebenskrise beginnt für mich die Suche nach dem Ausweg aus dieser Situation.
Ursprünglich hatte ich die Hoffnung das dieses Buch mich aus meiner Situation befreit, aber letztendlich musste ich erkennen, dass es diesen Zweck nicht erfüllen sollte. Dass dies nur meine Gedankenwelt war, an die ich mich zu lange geklammert hatte. Womöglich hätte ich sonst nicht die Kraft aufgebracht, das alles niederzuschreiben. Ich vermute, der alte Mann aus meinem Traum hätte nicht gewollt, dass ich mich an diesem Buch finanziell bereichere, deshalb werden die Erlöse aus diesem Buch der Organisation "Ärzte ohne Grenzen" gespendet.
Die Namen aller Beteiligten in dieser Geschichte wurden verfälscht. Eventuelle Ähnlichkeiten oder Übereinstimmungen mit existierenden Personen sind reiner Zufall. Dieses Buch spiegelt lediglich meine Erlebnisse und Erfahrungen wider. Es liegt mir fern, zu diskriminieren oder zu verurteilen. Mit einem nicht einkalkulierbaren Risiko für körperliche und geistige Veränderungen, für die ich nicht haftbar gemacht werden kann, wie z. B. eine mögliche Erblindung aufgrund falscher Wortwahl, erklärt sich der Leser automatisch einverstanden, wenn er mit dem Lesen fortfährt.
Die Existenz meines Buches liegt einem Traum zugrunde, ohne den ich niemals auf den Gedanken gekommen wäre, jemals ein Buch zu schreiben. Seitdem sich mein Leben veränderte, seitdem längst vergessene Probleme und Depressionen erneut ihren Anfang fanden, traten sehr seltsame und intensive Träume auf, die mir etwas sagen wollen. Denn in der Abwärtsspirale, der Hoffnungslosigkeit und den Depressionen, in denen ich mich befand, stand ich kurz davor, eine Dummheit zu begehen. Die Geschichte dieses Buches beginnt mit einemTraum, der mir in der schwersten zeit meines Lebens, in meiner größten Verzweiflung erschien, um diese Dummheit zu verhindern.
Mein Traum vom 3.4.2011:
Ich gehe durch einen langen Flur mit sehr vielen Türen an den Wänden, auf der Suche nach dem Ausgang. Ich öffne eine Tür, gehe hindurch und gelange wieder in einen Gang mit weiteren Türen. Darauf öffne ich eine weitere Tür und gelange immer wieder in weitere Gänge mit Hunderten von Türen. Man könnte sagen, ich irre hier etwas planlos umher, denn ich weiß nicht, welche Tür ich als Nächstes öffnen soll. Auf einem der Flure begegnet mir ein anderer Mann. Ich erkenne auf die Schnelle nicht richtig, wer es ist, aber ich scheine ihn zu kennen. Ich gewinne den Eindruck, dass er ebenfalls den Ausgang sucht. Er geht jedoch andere Wege als ich und ist wenig später durch eine der Türen verschwunden. Ist das ein Wettstreit? Die Suche nach dem Ausgang? Ich bin mir nicht sicher. Ich fühle mich herausgefordert, zuerst den Ausgang zu finden. Nach einiger Zeit des planlosen Suchens erreiche ich ihn. Besser gesagt, ich öffne eine Tür, die endlich mal in einem Zimmer mündet. Dieser Raum erweckt den Eindruck eines Wartezimmers. Auf der anderen Seite des Raumes befindet sich eine weitere Tür, über der ein Leuchtschild mit der Aufschrift "Ausgang" hängt. Daneben steht ein unbesetzter Stuhl. An der gegenüberliegenden Wand beziehungsweise hinter der Tür, die ich gerade geöffnet hatte, sitzt auf einem zweiten Stuhl ein alter Mann mit grauem Bart. Den konnte ich aber erst sehen, nachdem ich den Raum betreten hatte. Mir schießt sofort der Gedanke in den Kopf, dass der leere Stuhl für mich am Ausgang steht. Ich folge diesem Gedanken und setze mich. Niemand sagt etwas ... Nach einer kleinen Weile fragt mich der alte Mann, welches Buch ich ihm empfehlen könne. Darauf empfehle ich ihm das Buch "Das verlorene Kind“ zu lesen, das sei ein gutes Buch. In dem Moment wird mir sofort klar, dass ich dieses Buch bereits verfasst hatte und es deshalb empfehle. Ende des Traums!
Woher stammt dieser Traum? Wer ist der alte Mann mit dem grauen Bart? Woher stammen die Informationen aus diesem Traum? Die Gänge und Türen im Traum verdeutlichen meinen Lebensweg und die Irrwege, die „Mann“ im Leben geht. Meine Suche nach dem Ausgang, nach dem Sinn des Lebens, nach dem Ausweg aus meiner komplexen Lebenssituation. Das Wartezimmer deutet auf mein „Abwarten“ hin, bis ich den „Ausgang“ betreten darf, bis das Buch letztendlich geschrieben ist. Bisher hatte ich noch nie einen Gedanken daran verschwendet, jemals ein „Buch“ zu schreiben. Dann kann der Traum eigentlich nicht durch mein Unterbewusstsein verursacht worden sein. Es sei denn, es hat eigene Vorstellungen und Ideen, weil es mehr Wissen, mehr Erfahrung, mehr Eindrücke und mehr Kenntnisse über die Geschehnisse besitzt, als man selbst bewusst wahrnimmt. Das könnte eine glaubhafte Erklärung sein. Mein Gefühl sagt mir jedoch, das es eine Intervention von außen war, um mir in der schwersten zeit meines Lebens beizustehen, um eine Dummheit zu verhindern! Dabei finde ich gerade die Art und Weise interessant, wie der alte Mann mir vermittelte, ein Buch zu schreiben. Statt mich zu fragen, welches Buch ich ihm empfehlen kann, hätte er mir auch direkt und unverblümt mitteilen können, dass ich es schreiben soll. Aber er zog es vor, die Situation so zu gestalten, dass ich das Buch empfehle und suggeriert bekomme, dass es bereits geschrieben ist.
Seitdem ich in diesem Buch von meinen Erlebnissen, meinem Leben erzählt habe, kommt mir vieles unwirklich vor. Warum bürdete Gott mir dieses Schicksal mit meiner Homosexualität auf? War meine Kindheit nicht schon schwer genug? Warum ließ er zu, dass ich seit über 30 Jahren Tag ein Tag aus gegen meine Neigung ankämpfen musste, das ich niemals frei sein, nicht einfach nur leben konnte? Warum musste ich mir aufgrund der Bibelverbote jegliche Liebe, Lust und Leidenschaft versagen? Warum hat er mich nicht aus meinem Gefängnis befreit? Warum musste ich jedes Mal, wenn ich in einen Mann verliebt war, durch die Hölle gehen? Warum schenkte er mir nicht das Glück, wonach sich alles in mir sehnte? Warum darf man nicht einfach nur leben, einfach nur frei sein? Oder hatte ich Vorstellungen, die nicht erfüllbar waren? Warum bin ich in meinem Leben immer auf Menschen getroffen, die meine Schuldgefühle verstärkten? Warum ist mehrfach genau das Gegenteil von dem passiert, was mich vorwärtsgebracht, mir geholfen hätte? Warum hat Gott letztendlich, nachdem ich mich selbst aus meinem Gefängnis befreite, dieses unsägliche Leid bei meiner Frau durch mein Outing zugelassen? Warum erkannte ich dabei meine eigenen Fehler, meine Lügen erst so spät? Nie stellte ich mir das Leben und die Liebe so schwer und kompliziert vor. Nie hätte ich gedacht, wie Männer, wie die schwule Welt wirklich ist. Niemals hätte ich es für möglich gehalten, selber jemals so sehr verletzt zu werden. Gibt es diesen Gott überhaupt? Meine Träume und vor allem Ereignisse, die nach Fertigstellung meines Buches folgten, geben mir Hoffnung und Gewissheit. Denn noch viel schwerwiegender als der Tod des Körpers ist der Tod der Hoffnung, der Tod der Träume.
Wenn wir versuchen ehrenhaft zu leben, wenn wir moralisch gut handeln, wenn es uns gelingt "Richtig" und "Falsch" zu erkennen und letztendlich auch "Richtig" zu wählen, wird am Ende alles gut werden! (E.G.Seidel)
Die Verkettung der Ereignisse – ob glücklich oder unglücklich sei erst einmal dahingestellt – begann bereits kurz vor der Jahrtausendwende mit meinem Arbeitsunfall. Die aus dem Unfall resultierenden Verletzungen, die Verbrennungen, das fehlende Trommelfell und der Tinnitus benötigten Zeit, um zu heilen. Mein Heilungsprozess wurde mit einer sogenannten Sauerstofftherapie unterstützt, um ihn positiv zu beeinflussen. Während dieser Therapie musste ich in einer „U-Boot-Kapsel“ sitzen, auch Tauchkammer genannt, und Sauerstoff unter erhöhtem Druck einatmen. Dabei fand ich mal wieder die Muße, Bücher zu lesen, statt meiner seit vielen Jahren anhaltenden Computerspielsucht nachzugehen. Gerade das Lesen brachte etwas in Bewegung, das mir erst viele Jahre später bewusst wurde. Ähnlich einem Dominoeffekt, wenn der erste Stein umgefallen ist. Ich saugte Bücher in mich auf, die die Kirche und ihre Geschichte kritisch betrachten. Werke wie:
„Im Namen Gottes“
„Als die Kirche Gott verriet“
„Die Inquisition“
„Die Kreuzzüge“ und einige mehr.
Mein Wissensstand über Kirche, Gott und Glauben war bis zu meinem dreißigsten Lebensjahr fast nur von der Bibel und keinem anderen Buch geprägt. Was nicht im Einklang mit den Bibelgeschichten stand, fand nicht den Weg in mein Bewusstsein oder wurde von mir als Lüge abgetan. Das Lesen dieser kritischen und sündhaften Bücher säte weiteren Wissensdurst, der dazu führte, dass ich mir auch außerhalb der Sauerstofftherapie Zeit für Bücher und für Dokumentationen nahm. Ich wollte erfahren, was richtig und was falsch ist. Es begann die Zeit, in der ich das hinterfragte, woran ich glaubte. Der Sauerstoff hatte vermutlich auch dazu geführt, dass mein Gehirn endlich einmal arbeitete. Wer weiß, was zuvor in meinem Kopf abgelaufen ist? Bereits seit meiner Jugend befand ich mich in einem psychologischen Glaubensgefängnis, das dazu führte, dass ich meine homosexuelle Neigung unterdrückte, dass ich eine Ehe mit einer Frau einging, die ich belog – meine wahren sexuellen Gefühle betreffend.
Seit der Jahrtausendwende, seit dem Lesen kritischer Bücher und dem ausgelösten Zweifel an meinem Glauben, begann dieses neue Wissen immer mehr an meinen Mauern zu rütteln. An dem Bollwerk, in das ich meine homosexuelle Neigung eingekerkert hatte. Es wurden Fragen ermöglicht, an die ich zuvor nicht einmal zu denken wagte. Fragen, die ich nie zugelassen hatte, fanden den Weg in mein Bewusstsein. Mein Fundament „Die Bibel“, die Wahrheit Gottes, blieb dabei noch lange unangetastet und war über jede Kritik erhaben. Das Problem, dass die Bibel für mich unantastbar war, entstand bereits in meiner Kindheit, als der Glaube bei mir auf fruchtbaren Boden fiel. Eigentlich begann es mit meiner ersten Bibel, die ich bei meinem Opa entdeckte, den Erzählungen meiner Oma und den christlichen Filmen im Fernsehen, die ich mit diesem Buch verknüpfte. Daraufhin las ich immer öfter in dem Buch der Bücher, auch wenn ich anfangs wenig von dem verstand, was dort geschrieben stand. Nachdem ich viele Jahre später in meiner Jugend meine verwirrte Neigung und darauf die Verbote in der Bibel entdeckt hatte, entstand daraus ein Teufelskreis aus Glaubensregeln und Verboten, die das Unterdrücken meiner Homosexualität überhaupt erst ermöglichten. Denn ich wollte vor Gott nicht sündigen, sondern erstrebte, in den Himmel zu kommen. Um das zu erreichen, darf „Mann“ seine sündhafte Homosexualität laut Bibel natürlich nicht ausleben.
Wahrscheinlich hielt ich an meinem von der Bibel geprägten Weltbild fest und ließ keinen Zweifel zu, weil mein Glaube bereits seit meiner Kindheit in mir bestand. Die Gründe für mein damaliges Denken und Handeln kann ich heute jedoch nur vermuten. Ich bin kein Psychologe und kann nicht mit Bestimmtheit sagen, welche Einflüsse mir in meinem Leben diese Scheuklappen angelegt haben, die mich dazu bewogen, derart extrem und lange an der Bibel festzuhalten, meine Homosexualität zu unterdrücken, ohne Fragen zu stellen. Um zu verdeutlichen, wie stark ich im Glauben verankert war, wie die Bibel diese wichtige Stelle in meinem Leben einnehmen konnte, wie konsequent ich aufgrund meines Glaubens später gegen meine Homosexualität, meine sündige Natur ankämpfte, um Gott zu gefallen, und überhaupt, wie alles begann, wie ich in dieses Glaubensgefängnis geriet, möchte ich in groben Zügen die Zeit meiner Kindheit, meiner Jugend, die Entdeckung meiner verwirrten Sexualität und die Jahre danach, in denen ich meine heutige Frau kennenlernte und heiratete, näher erläutern. Weil ich nicht genau weiß, an welchem Punkt ich beginnen soll, nehmen wir einfach den Tag, an dem ich das Licht der Welt erblickte.
Die Zeitreise beginnt im Jahr 1970. Der Ernst des Lebens begann ... Aber davon ahnte ich nichts, denn als Baby hat man anderes im Kopf. Um vorab jeden Zweifel auszuräumen, der Storch hat mich nicht gebracht. Es war die BIENE! Also, die Biene hat mich natürlich nicht als fertiges Baby eingeflogen, sie hat nur die Blüte bestäubt und sich anschließend aus dem Staub gemacht. Bei Letzterem wäre es sicher besser gewesen, ich hätte es Ihr gleich getan. Denn mein Leben begann bereits von Geburt an nicht optimal. Ja, ich weiß, das ist der übliche Satz. Man schiebt schnell die ganze Schuld auf eine schwere Kindheit. Vielleicht liege ich falsch und meine Kindheit war nicht so schlimm? Wenn man nichts anderes kennt und keine Vergleichsmöglichkeit hat, wie soll man als Kind beurteilen, realisieren, wo der Fehler liegt, wie eine optimale Kindheit verlaufen sollte? Aufgrund eines Blackouts war mir sehr lange, eigentlich bis zu diesem Buch nicht klar, das in meiner Kindheit einiges schief gelaufen ist. Aufgrund eines Blackouts kann ich mich kaum an Ereignisse, die vor meinem neunten Lebensjahr stattfanden, erinnern. Vieles ist verzerrt , gelöscht und anders in meinem Kopf gespeichert. Dem entsprechend kann auf den ersten Seiten meines Buches manches unvollständig und lückenhaft erscheinen. Das Einzige was ich habe sind meine Albträume und die Erzählungen anderer Personen, um das Puzzle zu vervollständigen.In den ersten neun Jahren meines Lebens wuchs ich in sehr desolaten Verhältnissen auf. In dieser Zeit der Prägung hatte ich nicht wie die meisten Kinder einen Vater, nein gleich vier, wenn man die Biene mitrechnet. Und alle konnte man in der Pfeife rauchen ...
Der Erste, mein genetischer Vater, die BIENE, war nur bei der Bestäubung anwesend. Das war der Mann, der sich an einer schönen Blüte zu schaffen machte, die bereits vergeben war; obwohl die Blüte der Fremdbestäubung sicher nicht abgeneigt war. Von diesem Vater habe ich nie etwas gesehen, nie etwas gehört. Der ist abgeschwirrt, ohne sich der sozialen Verantwortung zu stellen. Interesse an mir war nicht vorhanden. Vermutlich war es auch gut so, denn wer weiß, was ich mir mit dieser Kanaille eingehandelt hätte. Im Grunde hat er sich gegeben, wie man es von Männern meistens erwartet. Nur auf der Suche nach dem schnellen Spaß. Eben das übliche Verhalten, knick knack, zack zack, fertig und jeder geht seiner Wege. Alles andere geht spurlos an ihnen vorüber ...
Der Zweite, der Alkoholiker, der Gehörnte, kehrte in den ersten sieben Jahren meines Lebens täglich abgefüllt bis an die Oberkante abends nach Hause zurück und verursachte in seinem Alkoholrausch regelmäßig Ehestreitigkeiten, Gewalt und Schläge. Bei diesen Auseinandersetzungen, den Handgreiflichkeiten ist Einiges zu Bruch gegangen oder die Treppe hinuntergeflogen. So manches Kücheninventar und auch Küchengroßgeräte fanden sich nach einem Streit am unteren Ende der Treppe wieder. Er verschaffte sich in seinem Delirium regelmäßig Zutritt zum Kinderzimmer, in dem sich meine Mutter bei diesen Eskalationen oft vor ihm versteckte und verbarrikadierte, mit meinem Bett die Türklinke blockierte. Ich musste diese Streitigkeiten jeden Tag für mehrere Jahre, von meinem Kinderbettchen aus mit ansehen, mit anhören, mitfühlen. Bei diesen Auseinandersetzungen entstand eine besonders prägende Situation für mich, nachdem er die Tür durchbrochen hatte:
"Er bedrohte meine Mutter mit einem großen Küchenmesser, drohte sie zu erstechen und rammte es anschließend in die Schranktür, weil sie sich geduckt hatte."
Wobei ich nicht sagen kann, ob diese Eskalationen speziell mit dem Küchenmesser öfters vorkamen, denn aufgrund eines Blackouts kann ich mich an Ereignisse, die vor meinem neunten Lebensjahr stattfanden, nicht erinnern. Diese jahrelangen von Gewalt geprägten Zustände, vor allem das Ereignis mit dem Küchenmesser, sind Dinge, die sich für sehr viele Jahre in meinen nächtlichen Albträumen manifestierten, die sich wie folgt gestalteten:
"Ich verstecke mich im Kinderzimmer unter meinem Kinderbett und ein Mann bedroht mich mit einem großen Küchenmesser. Er sticht mit diesem Messer auf mich ein, um mich zu töten. Ich drücke mich in die hinterste Ecke meines Kinderbettes und hoffe, dass er mich mit dem Messer nicht erwischt. Dort harre ich aus, bis er irgendwann von mir ablässt, weil er mich nicht erreichen kann. Ich habe dabei Todesangst, denn ich will nicht sterben."
Dieser und andere Albträume in ähnlicher Form verfolgten mich regelmäßig bis zu meinem vierzehnten Lebensjahr, ohne das ich die Gründe dafür kannte. Laut meiner Mutter soll dieser Vater aber auch seine guten Seiten gehabt haben, nur der Alkohol hätte ihn zum schlechten verändert. Allerdings kann ich kaum etwas über ihn sagen, da mir dieser Vater völlig unbekannt ist, obwohl ich 7 Jahre mit ihm verbracht hatte!
Die Atmosphäre in meinem Zuhause war angespannt, unberechenbar und willkürlich. Tägliche Streitigkeiten in der Familie, fast tägliche häusliche Gewalt, sowie Lieblosigkeit begleiteten mich, in den für die Entwicklung wichtigsten Jahren eines Kindes. Die Alkoholsucht meines Vaters wirkte sich negativ auf die gesamte Familienatmosphäre, auf den Familienzusammenhalt sowie auf die Befriedigung kindlicher Bedürfnisse nach Sicherheit, Verlässlichkeit, Geborgenheit und die Qualität der Eltern-Kind-Bindungen aus. Wenn ein Elternteil trinkt, kann ein Kind nicht Kind sein. Ein normales Leben ist kaum möglich. Aufgrund des emotionalen Stresses, unter dem ich stand, nässte ich nicht nur nachts, sondern auch tagsüber oft ein. Mir wurde jedoch immer Absicht unterstellt, ich würde extra einnässen und wurde dafür entsprechend bestraft. Das ist auch sehr einfach, die Schuld dem Kind zuzuschieben! Die bis zu meinem 14ten Lebenssjahr nicht enden wollende Inkontinenz löste immer wieder erneute Schläge und Bestrafungen der Eltern aus, die meinten, das damit unterbinden zu können. Aber niemand machte sich über die Gründe meines Verhaltens Gedanken. Warum auch? Von dem Gefühl ungerecht bestraft worden zu sein, dem zerstörten Selbstwertgefühl, mal ganz abgesehen.
Eines ist klar, Kinder leiden sehr unter der Alkoholsucht, ob nur ein Elternteil betroffen ist oder beide. Die Eltern kreisen oft nur noch um sich selbst, um ihre eigenen Probleme, sind von ihrer eigenen Situation total überlastet. Die Probleme des Kindes werden dabei nicht mehr beachtet. Das Kind loben, es unterstützen, vor allem Zuneigung zeigen, fällt in diesen Familien ganz aus. Die Bedürfnisse des Kindes bleiben auf der Strecke, alles wird nach dem Befinden des Süchtigen ausgelotet. Da ist kein Platz für Bedürfnisse, geschweige denn für Gefühle und Zuneigung. Zudem sind Kinder ständig einem inneren Konflikt ausgesetzt. Auf der einen Seite wollen sie nicht, dass etwas bekannt wird, schämen sich für die häuslichen Zustände, auf der anderen Seite fühlen sie sich nicht wohl, missverstanden und ganz schlimm: nicht geliebt! Sie ziehen sich unter den gegebenen häuslichen Umständen in ihre eigene Welt zurück. Was in der Kindheit durch fehlende Liebe zerstört wird, damit lebt ein Kind als Erwachsener weiter und führt zu einer Abwärtsspirale. Man kann sie nur durchbrechen, wenn man sich selbst genug wert ist. Denn gerade Kinder von Süchtigen haben ein erheblich gestörtes Selbstbewusstsein.
Meine beiden Vornamen erhielt ich auf sehr kreative Weise von dieser Schnapsdrossel. Einer stammte von ihm selbst und der andere war der Vorname seines Saufkumpanen, mit dem er sich fast täglich die Kante gab. Auf diese Weise, im Alkoholrausch, einen Namen zu bekommen ist absolut lieblos. Jedes leblose Spielzeug bekommt auf emotionalere Weise einen Namen. Seine Alkoholsucht und die häufigen Ehestreitigkeiten bestanden bereits schon vor meiner Geburt, wie ich erfahren habe. Vermutlich der Grund, warum die Blüte der Fremdbestäubung nicht abgeneigt war? Als ich etwa sieben Jahre alt war, trennte sich meine Mutter von diesem Mann, der wenige Monate danach in seinem Alkoholrausch Suizid beging. Die Gründe für seinen Suizid kann ich heute nur vermuten. Aber es zeigt das er mit seinem Leben total überlastet und sehr unglücklich war. Vielleicht auch aus Liebeskummer und/oder Trennungsschmerz?Der Suizid aus Liebeskummer ist bei uns eine Familientradition, denn er war und wird nicht der Einzige bleiben. Wie eine Krankheit, wie ein roter Faden setzte er sich immer weiter fort. Wie ich sehr viele Jahre später über einen Anwalt herausfand, der auf der Suche nach meinem genetischen Vater war, hatte er einige Monate vor seinem Suizidversuch einen Vaterschaftstest machen lassen. Wobei ich nicht sagen kann, ob er diesen Test gemacht hat, weil er daran zweifelte, dass ich von ihm bin oder weil er durch die Trennung von meiner Mutter finanzielle Einbußen befürchtete. Meine Mutter war kein Kind von Traurigkeit und lachte sich relativ schnell den nächsten Kerl an. Aber wenn ein Mann meiner Mutter beim Flirten zu nahe kam, er sie aus Spaß traktierte, schubste und kitzelte und sie daraufhin zu schreien begann, war ich jedes Mal von Angst und Schmerz erfüllt. Ich konnte aufgrund der vergangenen täglichen Gewalt in unserem Zuhause nicht mehr zwischen Spaß und Ernst unterscheiden. Ich hatte in jeder Situation Angst um meine Mutter, weil ich sie in Gefahr glaubte. Rückblickend weiß ich, dass es Spaß war, aber damals als Kind war das für mich unerträglich. Dann folgte die Einschulung, mit der ich total überfordert war, denn das bedeutete gleichzeitig eine zeitliche Trennung von meiner Mutter. Eine Trennung war für mich unvorstellbar und kaum zu bewerkstelligen. Jeden Tag erneut lief ich von der Schule weg, meiner Mutter hinterher. Das führte dazu, das sie anfangs für viele Wochen, jeden Tag mit mir die Schulbank drücken musste, damit ich mich irgendwann daran gewöhnte einige Stunden dort auch mal ohne sie zu verbringen. Letztendlich hat es dann auch geklappt. Leider fand ich in dieser Schule keine Freunde. Die Gründe dafür verstand ich nicht. Ich fühlte mich abgelehnt und ausgeschlossen. In den 4 Grundschuljahren stand ich in den Pausen immer alleine da, war von Angst erfüllt.
Der dritte Vater, der Portugiese, der aufgrund der Flirts meiner Mutter zwischen meinem siebten und achten Lebensjahr bei uns sein Lager aufschlug, verteilte an uns Kinder täglich Prügel, manchmal mehrmals am Tag. Dennoch, nach Zuneigung sehnend, hoffte ich wieder auf die Liebe eines Vaters. Aber seine liebste Erziehungsmethode waren Schläge mit dem Gürtel, bei jeder Gelegenheit, statt Liebe und Geborgenheit. Hatte er von seinem Vater auch ständig Prügel bezogen und meinte jetzt, den Radfahrer mimen zu müssen? Aufgrund meiner anhaltenden Inkontinenz wurde ich von diesem Mann weiterhin entsprechend gemaßregelt. Alle Strafen und Schläge bewirkten nichts und ich nässte weiterhin ein. Glücklicherweise blieb der Schläger nur für etwa ein Jahr. Die kurze Zeit war jedoch ausreichend um weitere dauerhafte Verhaltensanomalien bei mir auszulösen.
Mit meinem neunten Lebensjahr tauchte dann der letzte Vater, „Werner“, bei uns auf. Der Choleriker, emotionslos und eifersüchtig, lehnte uns Kinder ab. Nur seine eigenen leiblichen Kinder waren es wert, geliebt und umsorgt zu werden. Das machte sich allerdings erst über die kommenden Jahre bemerkbar. Zu Beginn, als er meine Mutter kennenlernte, war er wirklich sehr nett. Dieses Gefühl hatte ich auch wegen der Schokolade, die er jedes Mal für uns Kinder mitbrachte und mir damit Zuneigung suggerierte. Und sicher auch, weil er die desolaten Zustände, in denen wir uns befanden, deutlich verbesserte. Aber Liebe für ein Kind zu empfinden, zu zeigen, Geborgenheit zu vermitteln, dazu war auch er nicht fähig. Als Kind ist man immer auf der Suche nach bedingungsloser Liebe von der gerade anwesenden Vaterfigur. Jedoch Liebe und Geborgenheit war für alle meine „Väter“, etwas Extraterrestrisches. Sie vermittelten mir das Gefühl, nicht dazuzugehören. Auf diese Weise starb die Hoffnung auf Liebe jedes Mal erneut. Wenn die Suche nach Liebe jedes Mal auf Ablehnung stößt, ist das nicht gerade aufbauend für das eigene Selbstbewusstsein und endet schließlich in Resignation. Ich konnte es nie in Worte fassen, was mir fehlte. Man weiß nicht, warum und was hier überhaupt falsch läuft. Man fühlt sich abgelehnt! Ist es nicht so, dass man sein Kind hin und wieder in den Arm nehmen sollte, um ihm zu sagen, dass man es liebt? Ich kann mich nicht erinnern das mir diese Art Zuneigung von einem meiner Väter auch nur ein einziges Mal in meinem Leben widerfahren ist.
Das Kuriose ist, das beim Schreiben dieses Buches ein Blackout bei mir zum Vorschein kam, mit vielen fehlenden und auch falschen Erinnerungen. Ich entdeckte einen Teil meines Lebens völlig neu. Durch die Korrespondenz mit meiner Mutter, denn wir redeten erstmals über diese Zeit in meinem Leben, wurde mir klar, das ich viele falsche Erinnerungen hatte, die sich in vielen Ereignissen und in dem Folgenden bemerkbar machten. Nachdem meine Mutter sich damals von dem dritten Vater, dem Portugiesen getrennt hatte, er bei uns ausgezogen war, bezogen wir ebenfalls eine andere Wohnung, um vor der Vergangenheit und der üblen Nachrede zu fliehen. Denn den Nachbarn blieben unsere desolaten Zustände, die seit vielen Jahren bestehenden fast täglichen lautstarken Ehestreitigkeiten und die häusliche Gewalt nicht verborgen. Ich kann mich jedoch nicht an den tatsächlichen Auszug aus der alten Wohnung und den Einzug in die neue Wohnung, erinnern. In meiner Erinnerung befindet sich eine etwas andere Version der Geschehnisse. Demnach sind wir alle zusammen mit dem vierten Vater „Werner“ gleichzeitig in die neue Wohnung eingezogen. Obwohl das in dieser Weise nie stattgefunden hat. Laut meiner Mutter wohnten wir für über ein halbes Jahr mit einer portugiesischen Familie zusammen, ohne Vater. In meiner Erinnerung befinden sich keine Bilder mit dieser portugiesischen Familie, auch keine Erlebnisse aus dieser Zeit, wie alltägliche Begegnungen im Haus, die ganz sicher stattfanden. Kinder spielen doch miteinander und in einem Alter von acht Jahren sollte man sich zumindest an solche Ereignisse erinnern. Wegen Platzmangels teilte ich mein damaliges Kinderzimmer sogar mit meinem älteren Bruder. Diese Details sind mir absolut neu und völlig unbekannt, als wäre es nie passiert. Im ersten Moment dachte ich meine Mutter würde mir einen Bären aufbinden. Es gibt jedoch keinen Grund, warum Sie mir nicht die Wahrheit sagen sollte. Also muss es an mir liegen, dass mir Erinnerungen von vielen Jahren aus einem unbekannten Grund fehlen. Stimmt hier etwas mit meinem Kopf nicht? Kann es sein, dass auch andere Erinnerungen in meinem Kopf falsch sind? Es gab damals zu ungefähr derselben Zeit, neben der häuslichen Gewalt, den Alkoholexzessen und dem Suizid meines Vaters, ein paar Erlebnisse, die ebenfalls einen Gedächtnisverlust ausgelöst haben könnten. Zum einen eine Begegnung mit einem Mann, der mich mit meinem Fahrrad an der Straße angehalten hat, um mir die Süßigkeiten auf dem Rücksitz seines Autos zu zeigen. Laut meiner Erinnerung konnte ich mich losreißen und mit meinem Fahrrad flüchten. Ist hier etwas anderes passiert an das ich mich nicht mehr erinnern kann? Oder der zwanzig Jahre alte Nachbar, der in dieser Zeit mit mir des Öfteren spazieren ging. Hatte er keine Freunde, dass er mit kleinen Kindern spielte? Meine Mutter dachte sich nichts dabei und ließ es zu. Diese Spaziergänge sind in meiner Erinnerung wie in Nebel gehüllt. Ich weiß das der eine oder andere Spaziergang stattfand, mehr nicht. In einer späteren Situation fragte mich dieser Nachbar ob ich mal seinen Hodenkrebs sehen will. Ich wusste in meiner Unschuld damals nicht, was er damit meinte oder was das überhaupt bedeutet. Als ich das meiner Mutter beiläufig beim Abendessen erzählte, war sofort Schluss mit diesen Spaziergängen.
In der weiteren Aufarbeitung meiner Vergangenheit folgten weitere Unstimmigkeiten, aufgrund meiner Gedächtnislücken, dem Blackout. Dabei wurde mir bewusst, dass ich mich noch nicht mal an die Räume von unserem Zuhause, in denen ich die ersten sieben bis acht Jahre meines Lebens verbracht hatte, erinnern kann. Sicherlich hat ein Baby oder Kleinkind normalerweise keine oder kaum Erinnerungen. Aber in den späteren jahren sollte man sich zumindest ein wenig an alltägliche Dinge wie, Begegnungen, Frühstück, Mittag, Abendessen, Ostern, Weihnachten, Geburtstage, die Räume in denen ich spielte und Freizeit verbrachte, erinnern. Bei mir ist an dieser Stelle ein großes schwarzes Nichts! Es gibt nur ganz wenige kleine Lichtblitze in dieser Dunkelheit meiner Erinnerungen, die sich jedoch alle außerhalb der Familie abspielen, z.B beim Spielen im Wald oder auf dem Spielplatz. Auch banale alltägliche Erlebnisse mit meinen ersten Vätern sind nicht vorhanden. Dass ich mich an meinen genetischen Vater nicht erinnern kann, ist verständlich, dem bin ich nie begegnet. Aber an meinen Vater, die Schnapsdrossel, mit der ich die ersten sieben Jahre meines Lebens verbracht hatte, fehlen mir fast sämtliche Erinnerungen. Lediglich eine einzige eigene Erinnerung besitze ich. Diese fand kurz vor seinem Suizid statt, wie ich heute vermute. Er kehrte abgefüllt bis an die Oberkante nachmittags von seiner Kneipentour zurück und auf dem Weg nach Hause schenkte er mir zehn DM, damit ich mir davon Eis kaufen konnte. Vermutlich kann ich mich daran erinnern, weil es die erste und Einzige positive Geste von ihm war, die mir zuteilwurde.
Das Fehlen von wichtigen Erinnerungen zieht sich wie ein roter Faden durch die ersten neun Jahre meines Lebens. Es gibt einige Hinweise, die auf einen Missbrauch, Misshandlung, in meinem Leben hindeuten, um nicht alle meine heutigen Probleme und Verhaltensanomalien nur auf die Alkoholsucht meines Vaters zu schieben. Bisher war ich aus Angst jedoch nicht bereit den genauen Gründen näher auf den Grund zu gehen. Ein Blackout bei einem Kind passiert nicht grundlos. Zudem bin ich aufgrund der Ereignisse die bereits zu diesem Buch geführt haben emotional nicht in der Lage weitere Probleme zu verkraften. Wer kann schon genau sagen, wie sich das Leben gestaltet, wenn man das ans Licht holt, was besser im verborgenen bliebe? Im Grunde ist es ganz einfach: "Die Wahrheit ist zu schmerzhaft, also erinnert man sich besser nicht daran!" Diese Art Trauma ist auch bekannt als dissoziative Störung. Sie wird ausgelöst durch Erlebnisse akuter Lebensbedrohung, das über einen längeren Zeitraum anhält und der man hilflos ausgeliefert ist. Auch starker, rein psychischer Stress in der Kindheit kann ähnlich wirken. Diese Erinnerungsverfälschung ist im Allgemeinen um so stärker beeinträchtigt, je jünger das Opfer, je akuter, länger und häufiger die traumatischen Belastungen waren.
Erwachsene Kinder von Alkoholkranken Eltern fühlen sich zudem minderwertig, besitzen keine Lebensfreude, haben häufig Beziehungsstörungen, können nicht "nein" sagen und keine Veränderungen eingehen und leiden unter gnadenloser Selbstverurteilung. Sie tragen die schmerzhaften Gefühle aus der Vergangenheit in sich. Gerade in Partnerbeziehungen, auch Jahrzehnte später, kommen diese alten Probleme zum Tragen. Sie suchen Nähe aber finden sie nicht, weil sie meist Partner wählen, die unerreichbar, selbst abhängig oder nicht bindungsfähig sind. Sie erleben immer wieder, dass sie allein gelassen werden, fühlen sich in vielen Situationen überfordert, wie in ihrer Kindheit. Diese Erwachsenen sind selbst hoch gefährdet, in eine Abhängigkeit zu geraten, da sie es nicht anders kennengelernt haben, ihre Gefühle zum Ausdruck zu bringen. Sie leiden unter einer erheblichen Erschütterung des Selbst- und Weltverständnisses mit tiefer Verunsicherung bezüglich des eigenen Wertes. Im Erwachsenenalter können vielfältige seelische und körperliche Symptome auftreten. Je früher und schwerer die Traumatisierung in der Kindheit erfolgte, desto schwerwiegender können später die Folgen sein.
Aufgrund der dauerhaft vermittelten Ablehnung und Lieblosigkeit meiner Väter, holte ich mir abends zum Kuscheln, wenn alles schlief, so oft ich konnte, die Jacke von dem anwesenden Vater, um wenigstens auf diese Weise Liebe und Geborgenheit von ihm zu erfahren. Ich wusste sehr viele Jahre nicht, warum ich mich so verhielt. Warum ich dieses Bedürfnis nach seiner Jacke hatte. Ich schämte mich, es überhaupt zu sagen und hielt es geheim. Ich hatte dabei immer das Gefühl, etwas Verbotenes zu tun.
Psychologisch betrachtet, wenn die Zuneigung und Fürsorge der Eltern zu einem Kind fehlt, kann sich eine Verlagerung der Liebe von einem Menschen auf etwas anderes, das als Ersatz für diesen Menschen dient, entwickeln, z.B. ein Kleidungsstück der betreffenden Person. Es ist der Versuch eines Kindes, auf diese Weise Liebe und Geborgenheit zu erfahren.
Meine Situation mit neun Jahren verbesserte sich mit dem Einzug des vierten Vaters "Werner" in Sachen Liebe und Geborgenheit erneut nicht. Seine Schokolade hatte anfangs nur erneut die Hoffnung in mir geweckt, dass es endlich mal ein netter Mann ist, den meine Mutter angeschleppt hat. Den Teufelskreis der Lieblosigkeit setzte er weiter fort, wenn auch nicht mehr ständig mit körperlicher Züchtigung. Den Part übernahm meine Mutter des Öfteren auf seine Anweisungen. Er bestrafte mich gerne auf andere, auf psychische Weise. Hausarrest, Strafarbeit und viele andere Bestrafungsmethoden wurden bei mir angewendet, die mir willkürlich und ungerecht erschienen. Zugegeben, wir waren drei Brüder mit Verhaltensauffälligkeiten aufgrund unserer nicht optimalen Vergangenheit, mit der er sicher überfordert war. Laut meiner Mutter soll er auch auf mich eifersüchtig gewesen sein. Aber ich habe das in der Art nie wahrgenommen. Ich fühlte mich abgelehnt und verstand es nicht. Auch bei ihm lief ich der Liebe eines Vaters viele Jahre hinterher. Das war keine bewusste Entscheidung, das war ein Reflex, ein unterbewusstes Verlangen wie die Suche nach Nahrung. Als Kind kann man nicht benennen, was einem fehlt. Man folgt einer Sehnsucht, ohne zu wissen, was es ist. Wird sie nicht erfüllt, reagiert man mit auffälligem Verhalten, um Aufmerksamkeit zu bekommen, machte blödsinn. Darauf folgten erneute hilflose Erziehungsmethoden und Züchtigungen. Davon abgesehen, das muss man ihm zugutehalten, hatten wir seit seinem Einzug bei uns das erste Mal ein einigermaßen normales, geregeltes Familienleben, ohne die desolaten Zustände und Extreme der Vergangenheit mit den anderen Lebensgefährten meiner Mutter.
Mit etwa neun Jahren entdeckte ich auch Jesus, Gott und den Glauben für mich. Vor allem die christlichen Filme, die ich im Fernsehen sah, die ich für bare Münze hielt, beeinflussten mich total. Jedes Mal brach ich in Tränen aus und war davon ergriffen; ich war wirklich sehr sensibel. Zusätzlich beeinflusste mich meine Oma, die mich oft mit in die Kirche genommen und mir von Gott und Jesus erzählt hatte. Sie war damals der einzige Mensch, der mir offen, selbstverständlich und bedingungslos Zuneigung, Liebe und Geborgenheit entgegenbrachte. Seitdem glaubte ich an Gott wie andere Kinder an den Weihnachtsmann, an den ich übrigens nie glaubte. Ich sah einmal zu Weihnachten durch das Schlüsselloch, als die Eltern die Geschenke unter den Weihnachtsbaum legten. Und dann bekam man erzählt, der Weihnachtsmann sei vorbeigekommen. Hallo? Der Weihnachtsmann war es jedenfalls nicht! Oder er verkleidete sich als meine Eltern? Über die Jahre wurde Gott für mich so selbstverständlich, wie die Sonne, die auf und untergeht. In meiner Jugend hatte ich sogar den Wunsch Jude zu werden, um Gott möglichst nah zu sein, um auch zu seinem Volk zu gehören. Im Glauben fand ich über die Jahre „Halt“. Denn ich war in meinem Umfeld überwiegend geprägt von Angst, Einsamkeit und Ablehnung. Richtige Freunde fehlten in meinem Leben. Sicher auch geschuldet durch unsere häufigen Umzüge, die Freundschaften zusätzlich erschweren, gar unmöglich machen. Selbst heute nach über 40 Jahren, besitze ich keine einzige Freundschaft. Den Grund kann ich nicht mal eindeutig benennen. Vermutlich liegt es an mir. Kindergeburtstage mit anderen Kindern, die mit mir feiern, gab es schon in meiner Kindheit nicht. Bis auf einen Geburtstag, meinen zehnten. Und das nur, weil meine Lehrerin aus Mitleid die anderen Kinder und deren Eltern dazu überredete. Das Ereignis gestaltete sich in der Weise, dass meine Lehrerin während des Unterrichts verkündete, dass wir heute ein Geburtstagskind unter uns haben. Damit meinte sie mich! Das allein war eigentlich schon peinlich genug. Aber nein, anschließend fragte sie noch, ob ich Geburtstag feiere und wer alles zu meiner Party komme. Woraufhin ich vor der ganzen Klasse anfing zu weinen. Denn niemand wollte aus eigenem Antrieb heraus diesen Tag mit mir verbringen, geschweige denn mit mir spielen. Letztendlich konnte meine Lehrerin einige Eltern aus Mitleid dazu bewegen, ihre Kinder zu meinem Geburtstag zu schicken. An diesem Geburtstag war ich überglücklich, sehr viele Kinder waren gekommen. Er sollte jedoch die goldene Ausnahme bleiben. Ein Jahr später folgte die große Enttäuschung. Voller Hoffnung verteilte ich Geburtstagseinladungen, worauf auch einige zusagten. Aber als alles vorbereitet, gerichtet und gedeckt war, erschien niemand. Keiner war gekommen! Ich wartete stundenlang … Das empfand ich als überaus demütigend. Ich war unglaublich enttäuscht und schämte mich vor meinen Eltern. Was war so schrecklich an mir? Damals verstand ich die Ablehnung nicht, die mir entgegengebracht wurde. Das einzige Positive war, ich hatte die Geburtstagstorte für mich allein. Heute weiß ich, das Verhalten der Kinder lag darin begründet, dass meine Familie bei deren Eltern als asozial galt, es ihnen verboten wurde, mit mir zu spielen. Unsere Vergangenheit, Alkoholprobleme, häusliche Gewalt und der Suizid meines Vaters vor vielen Jahren blieben den Nachbarn nicht verborgen. Alles das war nach Jahren immer noch Dorfgespräch und wurde mit Verachtung gestraft. Es verfolgte uns sogar bis in unser neues Zuhause. Als Kind versteht man ein derartiges Verhalten nicht, man fühlt sich einsam, verstoßen und abgelehnt. Man bezieht das auf sich selbst. Das ist nicht gerade aufbauend für das eigene Selbstbewusstsein.
Aber was bedeutet „asozial“ eigentlich? Asoziale sind doch Individuen – angeblich nur in den Unterschichten –, die als unfähig oder unwillig gelten und sich nicht in eine soziale Gemeinschaft einordnen wollen. Aber die vielen Millionäre und Unternehmer, die vielen Banker, Politiker, Fußballfunktionäre und selbstgefälligen Manager in den feinen Nadelstreifenanzügen gelten als sozial, wenn sie ihre Millionen steuerfrei in der Schweiz oder auf irgendwelchen pazifischen Inseln verstecken und sich ohne Rücksicht auf Verluste die eigenen Taschen füllen! Diese Menschen werden letztendlich noch mit Achtung belohnt – schizophren! Sogar Massenmörder werden auf diesem Planeten heiliggesprochen. Aber ein Kind aus angeblich asozialen Verhältnissen, das diese selbst nicht verursacht hat, sondern dort hineingeboren wurde, wird mit Missachtung gestraft. Eine verdrehte Welt, oder?
Und welche Bedeutung hat „sozial“? Beinhaltet das nicht die Fähigkeit, sich für andere zu interessieren, sich einfühlen zu können, das Wohl anderer im Auge zu behalten oder fürsorglich auch an die Allgemeinheit zu denken? Bedeutet es nicht auch, anderen zu helfen und nicht nur an sich selbst zu denken? Gegenüber Untergebenen großmütig oder leutselig zu sein, gegenüber Unterlegenen ritterlich, gegenüber Gleich- und Nichtgleichgestellten hilfsbereit, höflich, taktvoll und verantwortungsbewusst zu sein? Die Menschen, die mich mit Missachtung straften, fühlten sich wahrscheinlich noch der anderen, der „sozialen“ Gruppe zugehörig.
Natürlich gab es in meiner Kindheit auch schöne und unbeschwerte Tage und Momente. Aber leider viel zu wenige. Negative Erfahrungen sind zudem viel prägender. Vor allem die, die sich in der Familie ereignen. Die Familie, das Zuhause, sollte eigentlich ein Rückzugsort sein. Der Ort für Geborgenheit und Liebe. Das Gegenteil davon ist durch meine gestörte Eltern-Kind-Beziehung eingetreten. Die mit meinem auffälligen Verhalten und meinem einnässen einhergehende körperliche Züchtigung wurde auch erst in meiner Jugend, als ich ungefähr vierzehn Jahre alt war, gänzlich eingestellt. Das „Einnässen“ hörte ungefähr zur selben Zeit auf. Ob es einen Zusammenhang gibt? Das wäre naheliegend oder doch nur Zufall? Die Angst vor Schläge blieb auch noch lange danach im Kopf haften. Bleibt die Frage, wozu sind Eltern überhaupt zu gebrauchen? Die Spirale der Gewalt, die einhergehende Angst vor derselben nahm für mich für viele Jahre kein Ende. Mit keinem der neuen Lebensgefährten meiner Mutter trat eine Besserung ein, sie hatten alle nur „Strafen“ und hilflose Erziehungsmethoden im Sinn. Aber Liebe, nur mal so zwischendurch ohne irgendeinen Anlass, einfach mal in den Arm nehmen, sagen "Ich hab Dich lieb" das war nicht drin. Das, was die Eltern mit ihrer falschen und unbeholfenen Erziehung in einem Kind zerstören, hat Einfluss auf das gesamte Schicksal. Die fehlende Liebe der Eltern zu ihrem Kind ist prägend für die weitere Entwicklung. Durch fehlende Liebe und Wärme hat ein Kind ein höheres Risiko, an Depressionen und/oder einer Persönlichkeitsstörung zu erkranken. Je nachdem, wie wir das, was wir in unserer Kindheit erlebt haben, verhalten wir uns entweder sehr ähnlich oder entgegengesetzt in unserem weiteren Leben. Ein rote Faden, der sich fortzusetzen droht...
Jeder einzelne meiner Väter hatte mit seinen unbeholfenen Erziehungsmethoden und der Lieblosigkeit in der wichtigsten Zeit meiner Entwicklung jeweils eigene Verhaltensanomalien bei mir zurückgelassen. Verhaltensweisen, die auch heute nicht mehr auszulöschen sind, von denen mir lange nicht bewusst war, woher sie stammen, ohne jetzt näher auf alle Probleme eingehen zu wollen. Trotz christlicher Werte fällt es mir schwer, das Erlebte zu vergeben. Denn meine Eltern beraubten mich der Möglichkeit, ein normales Leben zu führen. Einfach zu schreiben, dass ich ihnen vergebe, wäre nicht ehrlich und käme nicht von Herzen. Wahre Vergebung ist zwar etwas höchst erstrebenswertes, aber auch etwas sehr schweres. Dass ich das lange nicht konnte, lag daran, dass mir die Gründe für meine Probleme und Verhaltensanomalien erst mit diesem Buch bewusst geworden sind und ich mehr Zeit zum Verarbeiten benötigte. Viele Jahre befand sich in mir ein Fass, voll mit Wut und Trauer. Je nach Tagesstimmung und weiteren Schicksalschlägen fiel es mir leichter oder schwerer, den Deckel geschlossen zu halten. Zugegeben, Eltern sind keine Übermenschen und machen selbst Fehler und hatten meist Eltern, von denen sie sich Fehler abgeschaut haben, deswegen kann ich ihnen keinen Vorwurf machen. Auch mir ist klar, niemand ist absichtlich lieblos oder kalt, niemand wird absichtlich zum Alkoholiker, niemand schlägt verbal oder physisch um sich, weil er sich dabei besonders gut fühlt. Sondern nur, weil er selber hilflos ist. Aber man muss sagen dürfen, was vorgefallen ist.
Anlässlich meiner dauerhaft gestörten Vater-Sohn-Beziehungen entstand in mir eine, damals noch nicht bewusst wahrgenommene Verhaltensanomalie. Ich wollte nicht erwachsen werden! Folglich will man die Wirklichkeit nicht sehen und hält unbewusst am „Kindsein“ fest. Vermutlich wird man gerade dadurch auch in anderen Dingen, wie in Glaubensfragen oder Fragen der Sexualität, in einer Traumwelt gefangen gehalten. Der Wunsch, nicht erwachsen werden zu wollen, ist heute unter dem sogenannten „Peter-Pan-Syndrom“ bekannt. Die Ursachen sind noch nicht vollends geklärt, mir ist jedoch klar, dass einige Symptome exakt auf mich zutreffen. Meine, im Peter-Pan-Syndrom beschriebene, durch die Ablehnung der Väter verursachte emotionale Missbildung oder auch Unfähigkeit zu Liebe in zwischenmenschlichen Beziehungen führte letztendlich dazu, dass ich meinen heutigen Sohn nie wie einen Sohn lieben konnte. Immer nur wie einen Bruder oder Kumpel. Ich konnte ihm nie Vatergefühle, Vaterliebe vermitteln, weil ich diese Gefühle selbst nie erfahren durfte. Vor diesem Buch konnte ich mein eigenes Fehlverhalten noch nicht mal benennen, es überhaupt als solches erkennen.
Gefühle und Emotionen, die man als Kind nicht lernt, sind als Erwachsener nur sehr schwer weiter zu vermitteln. Als Eltern, kann man oft nur die Erfahrung weitergeben, die man selbst gemacht hat. Das gilt im Positiven, wie im negativen Sinne. Ein Bäcker kann erst dann richtiges Brot backen, wenn er das Handwerk erlernt hat. Ein Bogenschütze wird erst dann zum Meisterschützen, wenn er sich die Technik aneignet durch Üben und Nachahmen. Es ist in allem und auch mit Verhaltensweisen so, die in einer Eltern-Kind-Beziehung geprägt werden. Wenn die Eltern dem Kind keine Liebe und Geborgenheit vermitteln, kann es, wenn es erwachsen ist, diese Liebe und Geborgenheit oft nicht weitergeben. Weil es dies nie gelernt, nie erfahren hat. Zugegeben, auch meine Eltern wurden in ihrer Kindheit schlicht und einfach aufgrund der selbst erfahrenen fehlerhaften Erziehung unfähig darin, Kinder zu lieben. Die Verkettung dieser unglücklichen Umstände ist der besagte rote Faden, der sich auch in die nächste Generation, bei meinem Sohn, fortzusetzen droht. Unser Sohn hat immer gemerkt, dass bei uns etwas anders ist als in anderen Familien. Er konnte es früher nie richtig zuordnen oder benennen. Und ich verstand damals nie, was ich falsch machte oder woran es lag. Er fühlte sich von mir abgelehnt, obwohl das Gegenteil der Fall ist. Denn ich liebe meinen Sohn, auch wenn ich es nie richtig zeigen konnte. Glücklicherweise versuchte meine Frau, mein emotionales Defizit gegenüber unserem Sohn mit ihrer Liebe auszugleichen. Sie stand immer auf seiner Seite, wenn es darauf ankam, und das war auch gut so. Ich kann heute nur hoffen, dass er seine Kinder mehr lieben wird, als ich es je konnte. Damit sich meine emotionale Missbildung, der rote Faden, nicht in die übernächste Generation fortsetzt.
Ich kann hier leicht über meine Unfähigkeit zu tiefen Gefühlen innerhalb zwischenmenschlicher Beziehungen reden und schreiben, weil ich die Ursachen verstehe. Aber richtig nachfühlen, die Liebe zu einem Sohn, wie es sein sollte, wie es normal ist, das kann ich nicht. Mir fehlt etwas, was ich nicht nachholen, nicht nachfühlen kann. Die Folge der erlebten Traumas in meiner frühesten Kindheit. Das Problem an vielen negativen Kindheitserfahrungen ist, dass sie prägend sind. Besonders die ersten sieben Jahre im Leben eines Kindes sind wichtig. Trotz späterer positiver Einflüsse lassen sich Fehlentwicklungen in dieser Zeit nicht mehr auslöschen. Viele Dinge sind dann unwiederbringlich zerstört. Dank meiner Frau sind jedoch ein paar Verhaltensanomalien des „Peter-Pan-Syndroms“ bei mir heute nicht mehr so ausgeprägt, da sie während unserer Ehe die „Mutterrolle“ übernahm und mein emotionales Defizit auszugleichen schien. Sie übernahm die überfürsorgliche, nachgiebige, stets auf Harmonie und Konfliktvertuschung bedachte, sich zur Märtyrerin stilisierende „Mutterrolle“. Dass sie sich so aufopferte, liegt vermutlich in ihrer eigenen schwierigen Kindheit begründet, in der sie auch nie die Liebe erhielt, die für die „normale Entwicklung“ eines Kindes notwendig gewesen wäre. Bei ihr hat sich diese negative Kindheitserfahrung aber anders ausgeprägt. Denn negative Kindheitserfahrungen müssen sich nicht zwangsläufig immer in dieselbe Richtung entwickeln. Das Ganze ist abhängig von einer Vielzahl von Ereignissen, Traumas und Erfahrungen, die man als Kind macht. Viele positive und negative Lebensumstände kreieren sozusagen ihr eigenes Süppchen, eine eigene Persönlichkeit. Man könnte diesen Vorgang tatsächlich mit einem Kochrezept einer Suppe vergleichen. Jede Zutat, die hinzukommt, wegfällt, anders dosiert wird, verändert das Ergebnis mit zum Teil schwerwiegenden Folgen. Dazu reicht bereits etwas zu viel Salz aus und die Suppe ist ungenießbar ... Bei meiner Frau hat ihre negative Kindheitserfahrung dazu geführt, dass Sie sich im späteren Leben anders verhalten hat als ich. Ein Umstand, der eine Partnerschaft mit mir zusätzlich begünstigen wird. Zwei problembehaftete Menschen, meine Frau und ich, haben sich sozusagen gesucht und gefunden! Aber dazu später mehr …
Mit meinem elften Lebensjahr begann die Schulzeit in der Hauptschule, die auch noch von Gewalt und Mobbing durch andere Schüler geprägt war. Vermutlich spüren andere instinktiv, wenn man schwach und verängstigt ist. Insbesondere ein mehrere Jahre älteres Mädchen, das mir in der Schule vor und/oder nach Unterrichtsbeginn auflauerte. Nur, um mich zu schlagen, anzuspucken, zu demütigen oder um mir zu drohen, mir einfach Angst zu machen. Dieses Mädchen verhielt sich wie ein Junge, kleidete sich wie ein Rocker und hatte ein entsprechend aggressives Auftreten. Soweit ich damals erfahren habe, saß ihr Vater wegen Bankraub hinter schwedischen Gardinen. Allerdings kann das auch dummes Gerede gewesen sein. Menschen bauschen Geschichten gerne auf, wie man an der Klatschpresse gut erkennen kann. Aber wenn der Bankraub tatsächlich stattgefunden hat, war sie selbst nur ein Opfer ihrer eigenen häuslichen Umstände. Ich kann mich noch sehr gut an diese tägliche Angst vor diesem Mädchen erinnern, kurz vor der Schule, wenn ich aus dem Bus ausstieg, nach dem Unterricht und bei Schulschluss auf dem Weg zur Bushaltestelle. Sie löste mit ihren ständigen Drohungen und den Demütigungen für viele Jahre, tägliche Angstzustände in mir aus. Die Schulferien waren dabei immer meine Erlösung! Und während der Schulzeit suchte ich nach Gründen, nicht zur Schule gehen zu müssen, um vor diesen bedrohlichen Situationen zu fliehen. Das konnte ich oft nur erreichen, wenn ich krank war. Daraus entwickelte sich der Versuch, mich krank zu machen, und ich schluckte allerlei Zeugs. Mal irgendwelche grünen Blätter, mal Beeren von Bäumen aus dem Wald. Und ich erkrankte in der Tat. Entweder folgte eine sofortige Reaktion oder ich kehrte des Nachts mein Innerstes nach außen. Manchmal wurde das mit „schulfrei“ belohnt. Dass ich von den Pflanzen und Waldfrüchten hätte sterben können, bedachte ich in meiner kindlichen Naivität nie. Aufgrund der immer wieder erneut ausgelösten Übelkeit ließ ich irgendwann von dieser Idee ab. Die Jahre der Angst vor Schlägen und den Demütigungen in dieser Schule werde ich nie vergessen können. Eine weitere Erfahrung, die nicht gerade aufbauend ist für das eigene Selbstbewusstsein.
Ungefähr zwei Jahre später folgte ein Umzug unserer Familie von NRW nach Niedersachsen und diese täglichen Bedrohungen durch andere Schüler hörten damit glücklicherweise von ganz allein auf. Denn durch den Wechsel der Bundesländer musste ich auch die Schule wechseln. Das war eine unglaubliche Erleichterung für mich, denn in der neuen Schule war Mobbing kein Thema mehr. Aber wie das im Leben oft ist, das eine Problem beendet und das Nächste ist bereits im Anmarsch.
Denn in den ersten Monaten nach unserem Umzug spürte ich plötzlich diese fremden homosexuellen Gefühle, als ich einen nackten Mann in einer bekannten Jugendzeitschrift sah – auf der Seite mit der sexuellen Aufklärung! Ich fühlte mich zu diesem Bild mehr hingezogen als zu dem Bild mit dem nackten Mädchen. Um nicht zu sagen, weibliche Reize hatten plötzlich keine Wirkung mehr auf mich. Für einen Jungen sind diese Gefühle sehr seltsam, wenn man zuvor noch dieselben Gefühle für das andere Geschlecht hatte. Denn in meiner alten Heimat hatte ich eine Freundin, in die ich verliebt war. Sozusagen meine erste große Liebe nach meiner Mutter. Ich kann mich noch an den ersten Kuss mit diesem Mädchen erinnern, der mich total elektrisierte, als hätte ich Strom in den Lippen. Sogar den Wunsch nach sexuellem Kontakt hatte ich bei meiner Freundin bereits sehr früh. Ein Wunsch, der unerfüllt blieb. Nachdem ich von diesem Mädchen enttäuscht worden war, weil sie mit einem anderen Jungen ging, war ich auf der Suche nach einer neuen Freundin. Eine Suche, die nicht von Erfolg gekrönt war.
Zum Zeitpunkt meiner gerade neu entdeckten Neigung, mit zwölfeinhalb Jahren, war ich jedoch noch sehr naiv, verträumt und verspielt und wenig nachdenklich, was die Dinge in der Welt betraf, deshalb beachtete ich sie vorerst nicht weiter. Ich war schon länger der verträumte, in sich gekehrte Typ – möglicherweise wegen der vielen vergangenen negativen Erlebnisse. Diese neuen sexuellen Gefühle und das Nachdenken darüber sollten mich aber bald einholen, als ich mich in der neuen Schule in einen Klassenkameraden verliebte. Die Liebe auf den ersten Blick traf zum ersten Mal in meinem Leben auf einen Mann. Ich schämte mich unglaublich dafür, konnte aber nichts sagen. Unterbewusst wurde diese Scham vor diesen Gefühlen ausgelöst, weil mir klar war, dass ich von etwas Schlechtem heimgesucht werde, dass ich schwul bin, dass es etwas Falsches, Krankes und Verbotenes ist. Warum diese homosexuellen Gefühle damals in meinem Kopf derart negativ verankert waren, weiß ich nicht genau. Es war einfach so! Ich glaube, es lag daran, weil meine Umgebung das Wort „schwul“ als Schimpfwort benutzte und damit das Negative bereits suggeriert wurde.
Seitdem ich in meinen Klassenkameraden verliebt war, wurde der mit der Liebe einhergehende Liebeskummer und das Gefühl krank und unnormal zu sein mit jedem Tag unerträglicher. Alles in mir sehnte sich jeden verdammten Tag nach ihm und suchte seine Nähe. Ständig musste ich diese fremdartigen Gefühle aushalten. Jede Minute, jede Stunde, konnte ich an nichts anderes mehr denken als an ihn. Trotz meiner ständigen Gebete war der Liebeskummer ein Jahr später immer noch nicht vorbei. Ich konnte keine Minute mehr von diesem Mann abschalten, denn ich sah das Objekt der Begierde jeden Tag in der Schule. Völlig unverhofft entdeckte ich kurz darauf die Verbote in der Bibel. Ich las zwar bereits seit Jahren hin und wieder in diesem Buch, aber mit Hinweisen auf mein sexuelles Problem rechnete ich nicht. Die gelesenen Worte lösten unmittelbar ein konstant schlechtes Gewissen gegenüber Gott in mir aus. Meine Scham war von jetzt auf gleich extrem vergrößert. Die Bibel sagt, dass meine sexuelle Ausrichtung eine Sünde gegen Gott ist. Dass auf das Ausleben und Zulassen dieser sündhaften Gefühle die Todesstrafe steht. Das suggerierte mir, dass es etwas sehr Schlimmes sein musste, wenn man von Gott dafür mit dem Tode bestraft wird. Ich vermutete, das war der Grund, warum meine Gebete wegen dem unerträglichen Liebeskummer nicht erhört wurden. Entsprechend stark bauten sich seit diesem Tag meine Ablehnung gegen diese seltsamen Gefühle und sexuellen Bedürfnisse auf. Die Bibel war für mich bindend, da Gottes Wort. Hier ein Überblick über die Bibelverbote und Ermahnungen, die mir das Leben zur Hölle machten:
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Korinther Brief
“ Was? Wisst ihr nicht, dass Ungerechte das Königreich Gottes nicht erben werden? Lasst euch nicht irreführen. Weder Huren noch Götzendiener, noch Ehebrecher, noch Männer, die für unnatürliche Zwecke gehalten werden, noch Männer, die bei männlichen Personen liegen, Blutschande und Sodomie sind ebenfalls Sünden gegen Gott.
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3. Mose 20,13
“ Wenn ein Mann bei einem Manne liegt wie bei einer Frau, so haben sie getan, was ein Gräuel ist, und sollen beide des Todes sterben.
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3. Mose 18,22
“ Und du sollst nicht bei einer männlichen Person ebenso liegen, wie du bei einer Frau liegst. Es ist eine Abscheulichkeit.
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Römer 1,26 – 27
“ Deshalb übergab Gott sie schändlichen sexuellen Gelüsten, denn sowohl ihre weiblichen Personen vertauschten den natürlichen Gebrauch von sich selbst, mit dem widernatürlichen und desgleichen verließen auch die männlichen Personen den natürlichen Gebrauch der weiblichen Person und entbrannten in ihrer Wollust zueinander, Männliche mit Männlichen, indem sie unzüchtige Dinge trieben und an sich selbst die volle Vergeltung empfingen, die ihnen für ihre Verirrung gebührte.
Seit ich Kenntnis davon hatte, gestaltete sich meine Situation immer schwieriger. Auch, weil über die Jahre meine Hormone immer mehr in Wallung kamen und sexuelle Wünsche immer mehr den Weg in mein Bewusstsein fanden. Gedanken, gegen die ich mich nicht wehren konnte. Wenn dir das Objekt der Begierde jeden Tag über den Weg läuft, sind Gedanken, nicht einfach auszulöschen. Die Bibelermahnungen verursachten mit der Zeit mein gnadenloses Unterdrücken meiner Homosexualität. Auch das Nachdenken und Zweifeln wurde gnadenlos unterdrückt, weil Fragen und Zweifel laut Bibel ebenfalls Sünde sind. Ich haderte zwar oft mit mir und meiner Situation, blieb jedoch immer treu und ließ keinen Zweifel zu. Sicher war das dumm von mir, aber was sollte ich machen ohne Erfahrung, ohne Wissen? Woher sollte ich wissen, dass ich falsch lag, wenn doch alle Welt die Bibel las? Woher soll ein Kind wissen, dass auch das geschriebene Wort in Büchern gelogen sein kann? Wissen fällt nicht vom Himmel auf einen herab. Die Gesellschaft, die Menschen um mich herum bestätigten mir immer wieder indirekt meine Handlungsweise durch ihre negative Einstellung gegenüber der Homosexualität. Auch durch ihre Kirchgänge mit der Bibel in der Hand! Von meinen Eltern wurde es mir ebenfalls nicht vermittelt, dass Homosexualität normal ist. Ganz im Gegenteil! Sonst wäre es wohl kaum so negativ in meinem Kopf verankert gewesen. Dass mein „Halt“ im Glauben über die Jahre durch die Bibelermahnungen zu einem Glaubensgefängnis mutierte, ahnte ich nicht im Entferntesten. Lange Zeit hielt ich mich nicht nur für krank, sondern auch von einem bösen Geist oder Dämon besessen, weil dieser Quatsch auch in der Bibel steht. Meine Schuldgefühle gegenüber Gott sind mit der Zeit derart ausgeprägt gewesen, dass ich fast jeden Tag die Zehn Gebote durchging. Ich fragte mich, welche Gebote ich nicht befolgte und warum ich von Gott mit Homosexualität bestraft werde. Nach einiger Zeit gab ich diese Manie auf, weil mir klar wurde, dass es daran nicht liegen konnte, dass es keine Strafe, vielleicht eine Bürde war. Beten und hoffen war das Einzige, was ich tun konnte.
Viele werden sich fragen, warum ich mich mit meinen Problemen nicht an einen Elternteil gewendet habe? Das war jedoch von vornherein ausgeschlossen. Meinem Vater brauchte ich mit Problemen, geschweige denn sexuellen Problemen nicht zu kommen, er lehnte mich schon seit Jahren ab. Liebe, Geborgenheit und Verständnis waren für ihn Fremdworte. Zudem war er für diese sexuellen Anomalien nicht gerade empfänglich, um nicht zu sagen, er lehnte Homosexualität total ab. Als Kind spürt man das! Und zu meiner Mutter fehlte ebenfalls das Vertrauensverhältnis. Sie fügte sich immer dem Willen ihres Lebensgefährten. Sie stand immer auf der Seite des Mannes, der gerade anwesend war, und nicht auf der Seite ihres leiblichen Kindes. Dadurch fühlte ich mich von ihr verraten und die Mutterliebe glaubte ich verloren zu haben. Jegliches Vertrauen wird hier bereits im Keim erstickt. Wir alle wissen, dass im Leben eines Menschen die Muttererfahrung entscheidend ist. Die Sehnsucht nach der Mutter ist eine unheilbare Krankheit. Zudem ist sie die erste große Liebe im Leben eines Kindes. Ohne sie fühlt man sich verwaist. Und Freunde hatte ich auch keine. Es gab außer Gott niemanden, mit dem ich über solche pikanten Dinge hätte reden können, über die ein kleiner Junge aus Scham eigentlich mit niemandem reden kann. Es gab keinen Menschen, zu dem überhaupt irgendeine Art von Vertrauensverhältnis existierte. Eigentlich sollten Eltern für diese Art von Vertrauensverhältnis da sein. Aber die bemerkten über die Jahre nicht, dass mit mir etwas nicht stimmte, dass ich mich in Jungs verliebte und es mir jahrelang fast täglich hundeelend ging, dass mir der Liebeskummer und die Schuldgefühle das Leben zur Hölle machten. Sie bemerkten nicht, dass ich mit den Jahren immer mehr Depressionen hatte, dass ich bereits in der Schule auffällig wurde, dass ich immer häufiger auch unter Darmbeschwerden litt. Niemand bemerkte, wie schlecht es mir eigentlich ging.
Fortan kämpfte ich allein gegen die sexuellen Gedanken und Wünsche und vor allem gegen den ständig präsenten Liebeskummer zu meinem Klassenkameraden an. Gerade dieser wurde immer unerträglicher. Aber sagen konnte ich nichts, Gott bewahre. Ich hätte mich vor Scham in Luft aufgelöst, wenn nur ein falsches Wort gefallen wäre. Ich verhielt mich unauffällig und versuchte mir nichts anmerken zu lassen. In der Schule wurde ich infolge der Erkrankung am Liebeskummer immer öfter auffällig aufgrund fehlender Konzentration. Denn ich suchte während des Unterrichts emotional die Nähe des Klassenkameraden, der mir in der Klasse auch noch gegenübersaß. Da war so etwas wie Konzentration im Unterricht natürlich nicht mehr existent. Anlässlich meines dauerhaft auffälligen Verhaltens verwies mich mein Klassenlehrer an den Schulpsychologen. Durch meine hyperaktiv verträumte Art blieb ich jedoch verschlossen und öffnete mich dem Schulpsychologen nicht. Wie käme ich dazu, einem wildfremden Mann von meinen Problemen zu erzählen? Ich hatte unglaubliche Angst etwas zu offenbaren, veranlasst durch meine Schuldgefühle, und ich wollte auch nicht darüber reden. Der Schulpsychologe hakte nicht weiter nach und verordnete mir autogenes Training, um meine Konzentrationsfähigkeit zu verbessern. Letztendlich musste ich allein mit diesen, für einen Jungen seltsamsten Gefühlen sowie den Scham- und Schuldgefühlen gegenüber Gott, mit der Gewissheit, dass ich nicht normal bin, klarkommen. Nicht mal im Traum konnte ich mir vorstellen, dass sehr viele Menschen homosexuell sind. In der Schule wird die Wahrheit nicht vermittelt und in der Bibel stehen auch keine genauen Zahlen. Verbote und Strafen stehen drin, alles andere nicht. Aber mir war schon klar, dass die Verbote nicht für mich dort eingetragen waren, dass es Menschen mit demselben Problem geben musste. Ich kannte nur keinen! Wenn ich wenigstens einen guten Freund, einen Menschen gehabt hätte, dem ich vertrauen konnte, hätte ich vielleicht meine Probleme klären können, um einen anderen Blickwinkel zu bekommen. Im besten Fall ein Freund, der mir sagt, dass ich falsch lag. Doch ich besaß weder Freundschaften noch selbst genügend Verstand.
In der neuen Umgebung, in Niedersachsen, war ich erneut sehr einsam. Ich konnte einfach keine Freunde finden. Das „Peter-Pan-Syndrom“ lässt grüßen? Ein Symptom dieser Erkrankung ist, dass die Suche nach Freunden erfolglos bleiben wird. Die Freunde, die ich nach zwei Jahren glücklicherweise durch Zufall fand, waren leider nur oberflächlich, denn für niemanden war ich besonders wichtig. Aber das war allemal besser als keine Freunde zu haben. Durch einen dieser Freunde entdeckte ich eine Fluchtmöglichkeit in eine Traumwelt. Die Welt der Fantasy-Rollenspiele! Dadurch eröffnete sich mir unbewusst ein Weg, mich zu betäuben, um nicht jeden Tag über meine Probleme und den Liebeskummer nachzudenken, um aus der Wirklichkeit zu flüchten. Schon als Kind, lange bevor diese seltsamen Gefühle bei mir zum Vorschein kamen, war ich ein Träumer. Ständig in meiner eigenen Welt versunken und nicht in der Wirklichkeit zu Hause. Durch das Fantasy-Rollenspiel war es jetzt leicht, mir neue Traumwelten zu schaffen. Wenn die Welt um einen herum zu schrecklich ist, erträumt man sich seine eigene Welt. Und die Fantasy-Rollenspielwelt war eine Welt, in der es mir besser ging. In der ich jemand ganz anderer sein konnte. In der ich der sein konnte, der ich sein wollte. Bei dieser Flucht bzw. bei diesem Rollenspiel verbrachte ich möglichst viel Zeit mit meinen neuen Freunden, was mir sehr gut tat, obwohl ich nicht wichtig war. Denn dabei sein ist alles! In dieser Rollenspielrunde konnte ich meine Probleme oft ganz vergessen. Und das waren immer meine schönsten Tage!
