Das vertauschte Gesicht - Åke Edwardson - E-Book

Das vertauschte Gesicht E-Book

Åke Edwardson

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Beschreibung

Kommissar Eric Winter stehen kurz vor dem Jahrtausendwechsel wichtige persönliche Veränderungen ins Haus. Zum Glück scheint es in der Göteborger Mordkommission ruhig zu bleiben. Bis zu dem Tag, an dem zwei Eheleute tot aufgefunden werden. Das Paar hält sich bei den Händen, die Gesichter einander zugewandt. Doch mit ihren Köpfen scheint etwas nicht zu stimmen. Subtil, suggestiv und stilsicher geschrieben. Erneut beweist Åke Edwardson, dass seine Romane das Zeug haben, Krimi-Klassiker zu werden.

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Das Buch

Erik Winter fühlt sich bei weitem nicht mehr wie der jüngste Kriminalkommissar von ganz Schweden. Nicht nur, dass er bald vierzig wird, nein, er zieht mit seiner Freundin Angela zusammen und – sie ist schwanger. Als sei das noch nicht genug der Verantwortung, erreicht ihn ein Anruf aus Spanien: Seine Mutter bittet ihn, nach Marbella zu kommen, der Vater liegt im Sterben. Dann jedoch geschieht ein ungewöhnlich grausamer Mord – nur ein paar Häuser von Kommissar Erik Winters Wohnung entfernt. Das ermordete Ehepaar, das auf dem Sofa sitzend aufgefunden wird, die Musik, die vom Endlosband kommt, die sorgfältig arrangierte Szene am Tatort: Allen im Ermittlerteam ist bald klar, dass es sich bei dem Täter um einen schwer gestörten Mann handeln muss – erst recht, als dieser beginnt, Winter aufzulauern und ihn persönlich in den Fall zu verwickeln. Und als sie dann herausfinden, dass der Mörder in den eigenen Reihen zu suchen ist, sieht sich Winter an die Grenzen seiner psychischen Belastbarkeit getrieben. Doch nicht nur der Kommissar selbst schwebt in großer Gefahr …

Der Autor

Åke Edwardson, Jahrgang 1953, lebt mit seiner Frau und zwei Töchtern in Göteborg. Bevor er sich dem Schreiben von Romanen widmete, arbeitete er als erfolgreicher Journalist, u.a. im Nahen Osten, schrieb Sachbücher und hat an der Universität in Göteborg Creative Writing unterrichtet. Seine Kriminalromane wurden mit dem Crime Writer’s Award der Schwedischen Akademie ausgezeichnet.

Von Åke Edwardson sind in unserem Hause bereits folgende Erik-Winter-Krimis erschienen:

Tanz mit dem Engel · Das vertauschte Gesicht · In alle Ewigkeit · Der Himmel auf Erden · Segel aus Stein · Zimmer Nr. 10 · Rotes Meer · Toter Mann

Außerdem:

Allem, was gestorben war · Der Jukebox-Mann · Geh aus, mein Herz · Samuraisommer · Winterland

Åke Edwardson

Das vertauschte Gesicht

Roman

Aus dem Schwedischen von Angelika Kutsch

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Alle Rechte vorbehalten. Unbefugte Nutzungen,

wie etwa Vervielfältigung, Verbreitung,

Speicherung oder Übertragung

können zivil- oder strafrechtlich verfolgt werden.

Ungekürzte Ausgabe im List Taschenbuch

List ist ein Verlag der Ullstein Buchverlage GmbH.

1. Auflage September 2002

9. Auflage 2010

© für die deutsche Ausgabe Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin 2004

© 2002 für die deutsche Ausgabe Ullstein Heyne List GmbH & Co. KG

© 2001 für die deutsche Ausgabe by Econ Ullstein List Verlag GmbH & Co. KG, München/Claassen Verlag

© Åke Edwardson 1999

Titel der schwedischen Originalausgabe: Sol och skugga (Norstedts Förlag, Stockholm)

Umschlaggestaltung: Jorge Schmidt, München Titelabbildung: Gemälde von Lucas Cranach d.Ä., »Die Prinzessinnen Sibylla, Emilia und Sidonia von Sachsen«, um 1535 (Ausschnitt) / akg-images

E-Book: CPI books GmbH, Leck

ISBN 978-3-8437-0571-4

SEPTEMBER

1

Es hatte angefangen zu regnen. Simon Morelius stellte die Frequenz neu ein. Seit fünf Minuten kein Funkruf. Es war bald zehn, und alles war ruhig. Greger Bartram hielt bei Rot vor der Ampel. Zwei Frauen überquerten die Straße, die eine drehte sich zum Streifenwagen um und lächelte, und Greger Bartram hob grüßend die Hand.

»Siebenundzwanzig und hübsch«, sagte er. »Und sie denkt dasselbe von mir.«

»Mich hat sie angelächelt, nicht dich«, sagte Morelius.

»Sie hat mir direkt in die Augen gesehen«, beharrte Bartram. »Mich hat sie gemeint.«

Die Ampel wurde grün, und Bartram bog in den Korsvägen ein.

»Und dann hat sie festgestellt, dass dahinter niemand zu Hause ist«, sagte Morelius.

»Haha.« Aus dem Sender ertönte eine Frauenstimme: »Neun eins zwanzig, neun eins zwanzig, kommen.« Von irgendwoher das Gemurmel einer Antwort und wieder die Frauenstimme: »Bei Liseberg liegt jemand vorm Focus, wahrscheinlich besoffen. Dort hält sich eine Gruppe Jugendlicher auf. Bitte übernehmen.«

Sie hörten jemanden aus einem anderen Streifenwagen auf den Anruf antworten: »Wir haben gehört. Wir sind auf der Prinsgatan und fahren runter zum Focus.«

Morelius griff nach dem Mikrofon. »Hier elf zehn. Wir sind näher dran, wir befinden uns auf dem Korsvägen und fahren hin.«

»Okay, elf zehn.«

Der Streifenwagen vom Bezirksrevier Lorensberg verließ den Kreisverkehr und fuhr vor das Einkaufszentrum. Eine kleine Gruppe Menschen hockte auf dem Parkplatz. Als das Auto hielt, lief jemand von ihnen auf die Autotür zu, die Bartram gerade geöffnet hatte.

»Ich hab angerufen«, sagte ein Mädchen, etwa fünfzehn oder sechzehn Jahre alt, und schüttelte das Handy, als ob es anfangen sollte zu klingeln, um zu bestätigen, was sie eben gesagt hatte. Ihre Haare glänzten, und ihre Augen waren groß und erschrocken. Sie roch nach Alkohol und Tabak. Ihre Armbewegungen waren übertrieben weit ausholend. »Da liegt sie, Maria, aber ihr geht’s schon wieder besser.«

»Ich hab einen Krankenwagen gerufen«, sagte Bartram.

Morelius folgte dem Mädchen die wenigen Schritte zu der Gruppe Jugendlicher. Sie standen im Halbkreis um ein Mädchen herum, das sich gerade langsam aufrichtete. Als Morelius näher kam, schwankte sie, er streckte einen Arm aus und fing sie auf. Sie wog fast nichts und sah aus wie die Zwillingsschwester von dem Mädchen, das mit ihnen gesprochen hatte, aber ihr Blick war glasig. Bei ihr ist wahrhaftig niemand zu Hause, dachte Morelius.

Sie roch nach Alkohol und Erbrochenem. Morelius spürte die Schmiere unter den Schuhsohlen. Er musste aufpassen, dass er nicht ausrutschte. Ein paar Sekunden später sah das Mädchen ihn mit einem plötzlich scharfen Blick an.

»Ich will nach Hause«, sagte sie.

»Was hast du genommen?«, fragte Morelius.

»Ni… nichts«, antwortete sie. »Nur ein paar Bier getrunken.«

»Ein paar Bier, was?« Morelius musterte die Gruppe von fünf oder sechs Jugendlichen. »Was hat sie genommen? Es ist wichtig. Wenn ihr was wisst, dann sagt es jetzt, und zwar ein bisschen dalli.« Er hob seine Stimme, und die Gruppe wirkte eingeschüchtert.

»Wie sie gesagt hat«, antwortete ein Junge mit Strickmütze und Trainingsoverall, »nur ein paar Bier … und etwas Schnaps.«

»Schnaps? Was für Schnaps? Hat einer von euch die Flasche?«

Die Jugendlichen wechselten Blicke.

»DIE FLASCHE!«, wiederholte Morelius.

Der Junge mit der Strickmütze steckte seine Hand unter den zu weiten Overall und zog eine Flasche hervor. Bartram nahm sie und hielt sie ins Licht der Neonschilder.

»Da ist kein Etikett drauf«, sagte er.

»Nei…ein.«

»Was ist das?«, fragte Bartram. In dem Augenblick ertönte von der anderen Seite von Gothiaskrapan die Sirene eines Krankenwagens. »Was ist das für ein Fusel? Ist das Selbstgebrannter?«

»Ja … ich glaub, ja«, sagte der Junge. »Ein Kumpel hat ihn mir verkauft.« Der Junge sah aus, als würde er gleich anfangen zu weinen. »Er hat gesagt, der ist in Ordnung.«

»Nichts ist da in Ordnung«, sagte Morelius. Er spürte, wie das Mädchen in seinem Arm schwer wurde. Sie war wieder auf dem Weg in die Bewusstlosigkeit. »Wo bleibt denn der verdammte Krankenwagen?«, sagte er. In dem Augenblick bremste der Wagen zwei Meter von ihnen entfernt, und rasselnd wurde eine Tragbahre herausgezogen.

Sie saßen im Wartezimmer der Notaufnahme. Das Mädchen war ins Untersuchungszimmer geschoben worden. Nach zwanzig Minuten kam ein Arzt heraus. Morelius sah seinem Gesicht an, dass das Mädchen lebte.

Ein Junge, noch ziemlich jung, tigerte nervös im Wartezimmer herum. Vielleicht war er auch dabei gewesen vorm Focus. Morelius kam er bekannt vor. Wie hatte er es so schnell hierher geschafft?

»Alkohol in einem jungen Körper, tja … das ist keine gute Kombination« sagte der Arzt.

»Wie geht’s ihr?«

»Den Umständen entsprechend gut, wie man so sagt. Sie muss aber über Nacht hier bleiben.«

»Dann war der Alkohol also … in Ordnung?«, fragte Bartram.

Der Arzt warf ihm einen merkwürdigen Blick zu. »Sie meinen, es war Selbstgebrannter? Ist so was jemals in Ordnung?«

»Sie werden ja verdammt noch mal verstehen, wie ich das gemeint hab?!«

Der Arzt sah ihn an.

»Es gibt keinen Grund, so aufzubrausen«, sagte er. Er strich über seinen Kittel, als ob er Bartrams Fluch wegwischen wollte. »Nicht den geringsten.«

»Entschuldigung«, sagte Bartram. »Wir nehmen eben Anteil an diesem Mädchen. Manche Polizisten sind so.«

»Wir möchten nur wissen, ob es noch … andere Folgen gibt … als die üblichen … falls der Schnaps doch gefährlicher war als er normalerweise ist«, sagte Morelius.

Der Arzt sah sie zweifelnd an, als glaubte er, sie wollten ihn auf den Arm nehmen.

»Im Augenblick scheint alles normal zu sein«, sagte er. »Aber hier überlassen wir nichts dem Zufall. Sind übrigens die Angehörigen benachrichtigt?«

»Ja«, sagte Morelius. »Die Mutter muss jeden Augenblick kommen.«

»Jaa … na dann«, sagte der Arzt und wollte gehen.

»Vielen Dank, Doktor«, sagte Bartram.

Sie sahen ihn durch die Schwingtüren verschwinden.

»Arroganter Kerl«, brummte Bartram.

»Er scheint dasselbe von dir zu denken.«

Bartram murmelte etwas Unverständliches und sah seinen Kollegen an. Es war kurz nach elf, und Morelius’ Gesicht war fleckig von dem grellen Licht im Wartezimmer.

»Es ist also die Tochter von der Pastorin. Bist du da sicher? Hanne Östergaard? Die unsere gemarterten Seelen heilt?«

»Das ist kein Grund, so ironisch zu werden.« Morelius hielt die Brieftasche des Mädchens in der Hand. Er hatte ihren Ausweis studiert. »Maria Östergaard. Eine Straße in Örgryte. Unsere Polizeipastorin heißt Hanne Östergaard, wohnt in Örgryte, und sie hat eine Tochter mit Namen Maria.«

»Woher weißt du das eigentlich alles?«

»Spielt das eine Rolle?«

»Nein, nein.«

»Ganz sicher bin ich übrigens nicht.« In dem Moment kam eine Frau zur Tür hereingestürzt. »Oder doch«, sagte Morelius und ging auf Hanne Östergaard zu.

»Wo ist Maria?«, sagte sie. »Wo ist sie, Simon?«

»Immer noch im Untersuchungsraum oder wie das heißt«, sagte Morelius. »Aber es scheint alles in Ordnung zu sein.«

»In Ordnung? Alles scheint in Ordnung zu sein?« Hanne Östergaard sah aus, als würde sie gleich anfangen zu lachen. »Kann mir einer zeigen, wo sie ist?«

Eine Krankenschwester war durch die Schwingtüren gekommen, und Hanne Östergaard folgte ihr ins Untersuchungszimmer.

Der Junge, der im Hintergrund auf und ab gegangen war, ging ihr hinterher. Er sah sich noch einmal um und verschwand im Korridor.

»Na, so was«, sagte Bartram. »Und sie kannte sogar deinen Namen.«

Morelius antwortete nicht.

»Nicht mal Pastoren bleiben verschont«, sagte Bartram.

»Von was?«

»Davon, dass nahe und liebe Angehörige in aufrüttelnde Erlebnisse verwickelt werden. Aber du hast wohl keine Kinder?«

»Die Antwort ist nein. Aber diese Geschichte scheint ja ein glückliches Ende zu nehmen.«

»Und das haben sie uns zu verdanken.«

»Och. Nur ein Gör, das zu viel getrunken hat und kotzen musste. Vermutlich wäre sie nach einer Weile von selbst wieder zur Besinnung gekommen, und jemand aus ihrer Clique hätte sie nach Hause gebracht. Happens all the time. Ist dir das noch nie passiert?«

»Mir? Soweit ich mich erinnern kann, nicht.«

»Das hat vielleicht nicht viel zu sagen.«

»Wollen wir fahren?«, fragte Bartram.

Sie fuhren in Richtung Zentrum, an Chalmers und dem Vasa-Krankenhaus vorbei. Der Regen war stärker geworden. Das Licht der Straßenbeleuchtung wirkte jetzt schwächer, wie in Nacht gehüllt. Bartram hielt bei Rot. Zwei Frauen gingen über die Straße, aber diesmal drehte sich keine der beiden nach ihnen um und lächelte. Morelius stellte die Frequenz neu ein. Sie lauschten den wenigen Funkrufen. Ein verwirrter alter Mann, vor ein paar Stunden in Änggården verschwunden, war wieder aufgetaucht. Eine lautstarke Auseinandersetzung in einer Wohnung in Kortedala war bereits beendet, als die Kollegen vor Ort eintrafen. Ein Betrunkener, der sich bei Brunnsparken gegen eine haltende Straßenbahn gelehnt hatte, war hingefallen, als die Bahn wieder anfuhr. Kann man das als Verkehrsunfall bezeichnen?, fragte Bartram sich.

Morelius dachte an Hanne Östergaard und an das Gespräch, das er vor einigen Wochen mit ihr gehabt hatte. Greger hatte nicht weiter gefragt, und dafür war er dankbar.

Erik Winter machte das Licht in seinem Zimmer aus und ging hinaus. Es hatte aufgehört zu regnen. Er fuhr mit seinem Fahrrad über Heden nach Hause. Auf der Vasagatan wich er einem Fußgänger aus, der nicht auf den Verkehr achtete. Wasser spritzte gegen seine Hosenbeine, vielleicht auch anderer Dreck. Es war zu dunkel, um etwas sehen zu können. Er wollte an den Markthallen vorbeifahren, ließ es dann aber bleiben. Sein Handy klingelte. Er hielt an und nahm es aus der Innentasche seines Regenmantels.

»Ich kann mich nicht entscheiden, was ich mit dem Sofa machen soll«, sagte Angela, als er sich meldete. »Ich brauche auf der Stelle einen Rat.«

»Dann müssen wir es wohl mitnehmen, wenn du dich nicht entscheiden kannst. Bei mir ist ja Platz.«

»Aber wo soll es stehen?«

»Hat das nicht Zeit bis heute Abend?«

»Ich wollte alles so gut wie möglich vorbereiten.«

»Hhm.«

»Es ist eine wichtige Entscheidung.«

»Ich weiß.«

»Hast du dir wirklich alles genau durch den Kopf gehen lassen? Vielleicht sollten wir doch nicht …«

»Bitte, Angela …«

»Ich weiß, ich weiß. Es ist bloß ein so gravierender Einschnitt. Das alles.«

Das ist vielleicht das richtige Wort, dachte Winter und wischte sich ein paar Wassertropfen von der Schulter. Ein gravierender Einschnitt. Zum ersten Mal in seinem erwachsenen Leben würde er mit einem anderen Menschen zusammenziehen. Nach Jahren des Getrenntlebens würden er und Angela zusammenwohnen. Er hatte das Gefühl, dass sie es war, die alle Entscheidungen traf. Nein, das war ungerecht gegen sie. Er selbst musste auch Verantwortung übernehmen.

Es hatte keine Alternative gegeben. Entweder würden sie zusammenleben oder … es wäre aus. Aber das war nicht mehr vorstellbar. Er würde es nicht wagen, Schluss zu machen. Die Einsamkeit wäre zu groß, oder nicht? Und sie würde schlimmer werden. Einsam im neuen Jahrtausend. Silvester: Musik aus dem CD-Player und allein ein Gläschen Sekt. Das war’s dann. Eine trostlose Szene, vom Silvesterfeuerwerk angeleuchtet.

Bald waren es nur noch drei Monate bis zum Jahr 2000, er würde vierzig werden und nicht mehr der jüngste Kriminalkommissar des Landes sein.

Winter machte sich zum Weiterfahren bereit.

»Wir sehen uns um acht«, sagte Angela, und er drückte auf Aus.

In der Wohnung war Nacht, kein Licht brannte mehr. Vierundzwanzig Stunden hatte eine Stehlampe geleuchtet, aber jetzt war die Glühbirne kaputt. Am Tag sickerte der Herbst durch die Jalousien, und durch ein heruntergelassenes Rollo fielen Lichtflecken ins Schlafzimmer.

Der Kühlschrank brummte. Auf dem Küchentisch standen ein Weinglas und eine leere Weinflasche. Auf dem Schrank neben dem Herd stand eine ovale Servierplatte mit einem Rest hart gewordener Tagliatelle. Daneben ein Topf mit inzwischen schwarzer Pilzsoße. Auf einem Brett trockneten drei Tomatenscheiben langsam ins Holz. In der Spülmaschine drei Teller neben einigen Beitellern und Gläsern, Besteck und noch einem Topf.

Der Wasserhahn tropfte gleichmäßig, die Dichtung war kaputt, und das Geräusch war Tag und Nacht in der ganzen Wohnung zu hören, doch das Paar, das auf dem Wohnzimmersofa saß, hörte nichts.

Um die beiden herum lagen Kleider verstreut, zogen sich weiter in einer Linie von der Küche durch den Flur: die Strümpfe eines Mannes, lange Hosen, ein Rock, ein Frauenstrumpf, ein Pullover aus dünnem Material. Um das Sofa herum lagen eine Bluse, ein Hemd und Slips von einer Frau und einem Mann. Durch das Fenster drangen Geräusche der Nacht herein, Straßenbahnen, einige Autos. Ein plötzlicher Wind und Lachen von Leuten, die aus einem Restaurant kamen.

Der Mann und die Frau waren nackt. Sie hielten sich bei den Händen. Sie waren einander zugewandt. Aber mit ihren Köpfen stimmte etwas nicht.

War es so? Würde es so sein? Stimmte das Bild? Er versuchte es sich vorzustellen, es vor sich zu sehen.

Er stand in der Küche, ging in den Flur. Die Kleider lagen auf dem Fußboden. Als er sich dem Sofa näherte, hielt er sich die Hand vor Augen. Er sah auf. Das Sofa war leer. Er schaute wieder, und dort saßen sie, einander zugewandt. Ihr Gesicht war so vertraut.

Ihre Köpfe. Ihre KÖPFE.

Er strich sich heftig über die Augen. Jetzt hörte er Geräusche von der Straße und öffnete die Autotür. Er spürte den Regen im Gesicht, als er ausstieg. Dann stand er vor dem Haus auf der Straße.

Er wünschte sich zurück in der Zeit. Die Menschen, die auf der Straße unterwegs waren, wussten nichts, nicht das Geringste. Nichts. Sie wussten nicht, dass sie im Paradies lebten.

OKTOBER

2

Winter stand im Flur, ohne Licht anzumachen. In einer Stunde würde Angela kommen, vielleicht eher.

Wie lange wohnte er hier schon? Zehn Jahre? Waren es zehn Jahre? So ungefähr. Wie viele Menschen hatte er während dieser Jahre in seine Wohnung gelassen? Er könnte die Hände ausstrecken und sie an den Fingern abzählen, das würde vermutlich reichen.

Er ging in der Wohnung herum, die von der Straßenbeleuchtung erhellt wurde. Eine seiner letzten Wanderungen in angenehmer Einsamkeit. Er lächelte. Bald würde er im Vorraum durch Unterwäsche waten müssen. Ein Strumpf über der Sofalehne. Er kannte Angela. Du brauchst ein bisschen Unordnung in deinem Leben, hatte sie gesagt. Du bringst mir das Chaos, hatte er erwidert. Endlich, hatte sie geantwortet.

Im Badezimmer würde er sein Rasierzeug im Regal beiseite schieben müssen. Vielleicht blieb ihm nur eine winzige Ecke neben all den geheimnisvollen Döschen und Tuben, die sie aufstellen würde.

Wenn sie nun doch nein gesagt hätte, hatte er vor langer Zeit gedacht. Wenn sie genug gehabt hätte von mir.

Unten auf dem Vasaplatsen kamen und fuhren die Straßenbahnen. Die Wand gegenüber den großen Fenstern im Wohnzimmer war weiß im Licht des Abends. In einer Ecke leuchtete der rote Punkt der Musikanlage. Winter ging hin und nahm die Springsteen-Box, die ihm sein Freund aus London, Kriminalkommissar Steve Macdonald, im letzten Herbst mit hohen Portokosten geschickt hatte. Das hatte er extra so gemacht, damit Winter immer daran dachte, wie viel die Fracht gekostet hatte und deshalb besonders andächtig zuhörte. Winter mochte am liebsten Jazz, und Steve Macdonald akzeptierte das, hatte sich aber in den Kopf gesetzt, Winter all das näher zu bringen, was er während seines beschützten Aufwachsens mit John Coltrane verpasst hatte.

Das Merkwürdige war, dass er noch mehr Jazz hörte, seit er auch mit Rock angefangen hatte. Er hörte jetzt andere Nuancen bei Coltrane heraus, eine neue Schwärze. Zu seiner Verwunderung hatte er einige einfache Rocksongs gefunden, die ihm gefielen. Vielleicht war es das. Die Einfachheit.

Wenn man älter wird, strebt man nach Einfachheit. Ich werde älter, sehr bald werde ich vierzig. Das ist, relativ gesehen, ein hohes Alter. Vielleicht bin ich kein einfacher Mensch, aber ich bin immer noch lernfähig. Vielleicht bin ich aber auch immer eine einfache Seele gewesen. Angela hat es erkannt. Deswegen hat sie mich unter Zehntausenden ausgewählt.

Er legte die vierte Scheibe der Box in den CD-Player und drückte das zehnte Lied, sein Favorit des letzten Monats oder wenigstens seit die Entscheidung gefallen war. Die Entscheidung. I’m happy with you in my arms, I’m happy with you in my heart, happy when I taste your kiss, I’m happy in love like this. Das kleine Leben. Angela hatte es verstanden. Vielleicht würde er das Glück finden.

Die Ballade füllte die Räume, als er sich auszog, happy baby, come the dark. Plötzlich dachte er an gar nichts mehr, als er sich unter die Dusche stellte. Er hörte die Musik durchs Wasserrauschen, jedoch auch das Klingeln an der Tür und Geklapper, als Angela die Tür mit ihrem eigenen Schlüssel öffnete.

Lars Bergenhem fuhr über die Alvsborgsbrücke. Das Auto vibrierte im Wind. Er hatte frei, und im Tunnel hatte er sich gefragt, was er dort eigentlich zu suchen hatte. Im Tunnel. Im Auto. Er könnte zu Hause sitzen und seine zweijährige Tochter anschauen, während sie schlief. Das hatte er früher auch gemacht. Ada schlief, und er schaute sie an. Er könnte auch Martina zusehen, wie sie die Küche nach Adas Abendbrot schrubbte. Er könnte auch selber schrubben.

Es hatte wie immer angefangen. Ein Wort zu viel, ein Streit, den keiner von beiden verstand. Als Ada endlich schlief, war es so still geworden, dass er keine Kraft hatte, zu Worten zurückzufinden, die nicht alles noch schlimmer machten. Er war Fahnder, aber hier saß er fest. Er war Detektiv, aber er war kein detective of love. Kam das nicht in einem Song vor? Detective of love? Elvis Costello? Watching the detectives.

In Höhe vom Frölunda Torget drehte er um und fuhr zurück nach Norden. Ausflüge hatte er früher auch schon unternommen, aber das war lange her.

Alles war gut gewesen. Lange war die Unruhe in ihm verschwunden gewesen. War sie zurückgekommen? War etwas in ihm oder in Martina? Diese Worte, von denen niemand etwas wissen wollte. Woher kamen sie? Es war wie ein Kopfschmerz.

Das Reihenhaus sah gemütlich aus, als er aus dem Auto stieg. Gemütlich. Es brannten mehr Lichter als nötig.

Martina saß in der Küche bei einer Tasse Tee. Sie hatte geweint, und er fühlte sich schuldbewusst. Er musste etwas sagen.

»Schläft Ada?«

»Ja.«

»Gut.«

»Was?«

»Dass Ada schläft.«

»Wie redest du denn? Du haust einfach ab und kommst nach Hause und tust so, als ob nichts passiert wäre.«

»Ist denn was passiert? Was ist eigentlich passiert?«

»Das fragst ausgerechnet du!«

»Hab ich etwa angefangen?«

Sie gab keine Antwort. Sie saß mit gesenktem Kopf da, und er wusste, dass sie wieder weinte. Er hatte nur zwei Möglichkeiten. Entweder sagte er sofort etwas Vernünftiges, oder er musste wieder aufstehen und raus zum Auto gehen und wieder weg über die Brücke fahren.

»Martina …«

Sie hob den Kopf und sah ihn an.

»Wir sind beide müde«, sagte er.

»Müde? Ist es das? Wir sollten munter und fröhlich sein und anfangen an Weihnachten zu denken. Ada …« Sie ließ den Kopf auf die Tischplatte sinken.

Er suchte nach Worten. Die Uhr an der Wand tickte lauter als vorher.

»Soll es so weiterlaufen, bis es bei mir wieder losgeht?«, fragte er.

»Es kann sich doch nicht immer nur darum drehen, wie es sein soll, damit du nicht …«, sagte sie. »Muss es denn dauernd ruhig und still sein, damit du es aushältst, Kriminalbeamter zu bleiben?«

»Du weißt, was ich meine.«

»Bald weiß ich gar nichts mehr.«

Er stand auf und ging zu Ada und betrachtete seine Tochter, die mit dem Daumen im Mund schlief. Er beugte sich nah über ihr Gesicht, lauschte auf ihre Atemzüge und hörte ein schwaches Piepsen, als sie die Luft durch die Nase einatmete.

Sie hatten die bösen Worte sacken lassen, so gut es ging. Er trank Kaffee im Wohnzimmer, und sie kam aus der Küche.

»Winter zieht mit Angela zusammen«, sagte er.

»Warum nennst du ihn Winter? Er heißt doch Erik. Die Leute sagen doch auch nicht Bergenhem und Martina, wenn sie von uns reden.«

»Nee, klar … aber man nennt eben häufig den Nachnamen. Bei uns ist das jedenfalls so üblich.«

»Dann ist es wohl nicht so persönlich, wie? Wird es dann leichter? Kommt es euch darauf an?«

»Ich … ich weiß nicht.«

Martina hatte Angela vor bald zwei Jahren kennen gelernt, als Adas Geburt kurz bevorstand. Es war unter dramatischen Umständen gewesen. Lars Bergenhem war ausgerastet und einfach verschwunden, und Winter hatte Angela gebeten, Martina ins Krankenhaus zu begleiten, während er nach seinem Kollegen suchte.

»Hoffentlich geht alles gut«, sagte er gedankenversunken. »Ich glaube, es geht gut.«

»Was meinst du damit?«

»Der Umzug. Dass sie zusammenziehen, Erik und Angela. Dass es gut geht mit den beiden.«

»Das wird es schon. Wo werden sie denn wohnen?«

»Ich hab vergessen zu fragen. Aber ich … ja, das Natürlichste wäre wohl seine Wohnung. Die ist größer als ihre.«

»Woher weißt du das?«

Er sah sie an. Jetzt lächelte sie. Es war eine einfache Frage, nicht mehr.

»Ich weiß nicht«, sagte er. »Komisch. Wahrscheinlich halte ich das einfach für selbstverständlich.«

»Vielleicht kaufen sie sich ja ein Haus.«

»Ich kann mir Winter nicht in einem Haus vorstellen.«

»Warum nicht?«

»Tja … irgendwie gehört er in die Stadt. Hohe Häuser, Plätze, Taxis.«

»Das glaub ich nicht. Der kauft sich ein Haus am Stadtrand und füllt es mit seiner Familie.«

»Für mich klingt das wie eine Utopie.«

»Bald haben wir 2000«, sagte sie. »Da kann alles passieren.«

Nicht wirklich alles, dachte er. Alles darf nicht passieren. Alles sollte lieber so bleiben, wie es jetzt ist, ungefähr so wie jetzt.

»Vielleicht machen sie eine Einweihungsparty«, sagte sie. »Wann ist es so weit?«

Vor Weihnachten, glaub ich.«

»Find ich gut, das freut mich.«

3

Angela kam vor acht. Es war wieder Abend. Ihre Haare trug sie offen, sie schimmerten im Licht des Treppenhauses, das durch die offene Tür hereinfiel. Vielleicht hatte sie einen neuen Ausdruck in den Augen, etwas, das er noch nicht gesehen hatte: einen Glauben daran, dass es eine Zukunft für sie gab. Aber da war auch noch etwas anderes. Es zeigte sich wie eine andere Art Licht in ihren Augen, als würde die helle Beleuchtung im Treppenhaus ihren Hinterkopf durchleuchten und ihren Augen einen besonderen Glanz verleihen.

Sie zog die Stiefel aus, und Schmutzwasser spritzte aufs Parkett. Winter sah es, sagte aber nichts. Angela folgte seinem Blick und hob die Hände über den Kopf.

»Soll nicht wieder vorkommen«, sagte sie.

»Was?«

»Ich hab deinen Blick gesehen.«

»Und?«

»In dem Augenblick hast du gedacht, wie um alles in der Welt soll das gut gehen, was passiert mit meinem Fußboden, wenn sie einzieht.«

»Ach was.«

»Daran musst du arbeiten«, sagte sie.

Er nahm ihre Hand, und sie gingen in die Küche. Es roch nach Kaffee und getoastetem Brot. Der Tisch war beladen mit Butter, Käse, Radieschen, grober Leberpastete, Cornichons.

»Hier soll’s wohl ein Fest geben«, sagte sie.

»Rustikal und einfach und dennoch elegant.«

»Meinst du die Leberpastete?«

»Die steht für das Rustikale. Jetzt kommt die Eleganz«, sagte Winter, ging zur Anrichte und holte eine Glasschüssel.

»Was ist das?« Sie trat an den Tisch. »Ah. Eingelegter Hering. Wann hast du das denn noch geschafft? Du hast es doch selbst gemacht?

»Vorgestern Nacht. Kurz vor zwei. Und jetzt ist er perfekt.«

»Jetzt ist er perfekt«, wiederholte sie. »Fehlt nur noch der Schnaps, aber wir trinken keinen, oder?«

»Du kriegst keinen«, sagte er. »Ich könnte mir einen Schluck genehmigen, aber ich will solidarisch sein, wenigstens heute Abend.

»Es ist ja wohl ziemlich üblich, dass man mit seinen Frauen in dieser … Situation solidarisch ist.«

»Ach?«

»Manche Männer nehmen sogar aus Solidarität zu.«

»Das kannst du von mir nicht erwarten.«

Morelius fühlte sich steif. Die Steifheit hatte er von zu Hause mitgebracht, sie hatte auch nach dem Sport nicht nachgelassen, der den Abenddienst einleitete.

Hinterher hatte er auf der Bank vor der Spindwand gesessen, seinen Nacken massiert und sich die Bilder der nackten Mädchen angeschaut, die an der Innentür von Bartrams Spind klebten. Es waren ziemlich harmlose Bilder, irgendeinem alten Journal aus den sechziger Jahren entnommen. Nichts für den heutigen Geschmack. Bartram hielt am Vergangenen fest. Manchmal behauptete er, die Bilder zeigten seine Frau, aber in Wirklichkeit hatte er gar keine.

Es war die letzte Woche vom Sechs-Wochen-Dienstplan. Das bedeutete diesen Freitagabend einen Extradienst und zwei Abendschichten am Wochenende, die wie eine Drohung im Dunkeln lauerten. An diesem Wochenende war Zahltag gewesen. Er wusste, dass die Leute da draußen schon angefangen hatten, ihren Reichtum zu feiern. Es war fast Viertel nach acht, und das Bezirksrevier hatte für die Öffentlichkeit geschlossen.

»Hast du Genickstarre?«, fragte Bartram, der an seiner Dienstwaffe herumfummelte. Er war ruhig und ernst, bereit für den Abend und das Wochenende.

»Nur ein bisschen steif«, sagte Morelius.

»Dann bleibst du heute Abend wohl am besten drinnen.«

»Wieso?«

»Du musst dich vor Luftzug in Acht nehmen. Und heute Abend wird’s verdammt zugig in der Stadt.«

»Ach was. Es wird wie üblich.«

»Denk dran, es ist Zahltag gewesen, Simon.«

Morelius und Bartram gingen die Avenyn entlang. Manche zogen es vor, allein zu gehen, dazu hatte Morelius früher auch gezählt, aber im letzten halben Jahr hatte sich das geändert. Die Einsamkeit war keine Freiheit mehr für ihn. Ein oder zwei Male hatte er Angst gehabt. Er hatte Dinge gesehen, die hatten ihn erschreckt.

Einmal war er dem Tod im Gnistängstunnel begegnet, wo ein junges Paar im Auto direkt vor ihm gegen die Wand gerast war. Er hatte im Auto hinter ihnen gesessen und alles gesehen. Wie im Film. Wie in einem verdammten Film hatte er es gesehen. Es war wirklich gewesen und doch nicht wirklich. Der Mazda vor ihm war plötzlich nach links ausgeschert und mit einem unheimlichen Geräusch von zersplitterndem Glas und knautschendem Blech gegen die Wand gekracht. Er war nicht mal im Dienst gewesen, war nur so über die Schnellstraßen gefahren, wie er das manchmal machte, wenn er frei hatte. Er konnte gerade noch bremsen, war aus dem Auto gesprungen und zu dem Wrack gelaufen, wo das Mädchen … Ihr Kopf hing … Ihm war jäh schlecht geworden, genau vor ihr, wie ein gewöhnlicher … ein gewöhnlicher … und dann hatte er angerufen, aber während er die Nummer wählte, hörte er schon die Sirenen von den Kollegen und von einem Krankenwagen.

Daran dachte er jetzt, als sie zum zweiten Mal am Park-Hotel vorbeikamen. Hinter den Fenstern glitzerte es festlich, in der Bar, im Restaurant, Frauen bewegten sich im Licht. Bartram drehte den Kopf nach links.

»Pass auf, dass du keine Genickstarre kriegst.«

»Haha.«

»Vielleicht ist es das wert.«

»Man kann es ja ausgleichen, indem man zur anderen Seite guckt.«

Morelius schaute in die andere Richtung, über die Avenyn. Vom Götaplatsen näherte sich eine Gruppe Jugendlicher. Eine von circa fünfzig, die freitags abends durchs Zentrum zogen. Auf der Avenyn bewegte sich eine eigentümliche Mischung aus eleganten Menschen fortgeschrittenen Alters, unzufriedenen Dreißigjährigen, denen die Midlifecrisis ins Gesicht geschrieben stand und verzweifelt wirkenden Heranwachsenden.

Die, die am betrunkensten waren, suchten Kontakt, provozierten. Die Gruppe schickte immer den Kleinsten vor, wartete, ging dann zum Angriff über.

Bartram sah jetzt nach rechts.

»Guck mal, das blonde Mädchen in der Clique dahinten. Das ist doch die Tochter von der Pastorin.«

»Ja. Maria Östergaard.«

»Die hat sich aber schnell wieder erholt.«

»Es ist doch schon eine Woche her. Ich hab ja gleich gesagt, dass es nicht so schlimm war.«

»Aber dass sie sich schon wieder in der Stadt rumtreibt. Was sagt denn unsere Pastorin dazu?«

»Du kannst sie ja selber fragen. Da kommt sie.«

Und so war es. Hanne Östergaard kam schnell näher, sie lief fast, überquerte die Avenyn vom Theater her, und die beiden Polizeibeamten sahen sie bei der Gruppe Jugendlicher ankommen. Sie packte ihre Tochter am Arm. Morelius konnte ihre Stimmen hören, aber nicht verstehen, was sie sagten.

»Jetzt kommst du mit mir nach Hause!«

»Du hast nicht über mich zu bestimmen.«

»Ich hab dich gebeten, heute Abend zu Hause zu bleiben.«

»Du willst bloß, dass ich dauernd zu Hause sitze.« Das Mädchen zog seinen Arm zurück. »Lass mich los!« Sie sah die anderen an, die um sie herum standen.

»Nur heute Abend!«, sagte Hanne Östergaard. Sie hatte den Jackenärmel ihrer Tochter losgelassen. »Ich habe solche Angst. Stell dir vor, es pass… wenn es wieder passiert.«

»Es passiert nichts«, sagte das Mädchen. »Ich hab noch nicht mal ein Bier getrunken.« Sie atmete der Mutter ins Gesicht. »Oder riechst du Bier’«

Hanne Östergaard fing an zu weinen. »Bitte, Maria, ich möchte nur, dass du jetzt mit mir nach Hause kommst. Ich mach mir so entsetzliche Sorgen.«

»Es gibt keinen Grund, Mama. Ich bin mit meinen Freunden zusammen. Um eins bin ich zu Hause, wie ich es versprochen habe.«

Hanne Östergaard sah das Mädchen, die Gruppe an und schaute dann über die Straße zu den beiden Polizisten. Sie machte eine Bewegung, als wollte sie zu ihnen hinüberstürmen und verlangen, dass sie eingriffen und das Mädchen nach Hause nach Örgryte brachten.

Bitte, lass sie nicht hierher kommen, dachte Morelius. Aber wenn es schlimmer wird, müssen wir wohl rübergehen. Er hörte den Ruf. »NEIN.« Er sah, wie das Mädchen sich jäh umdrehte und den Boulevard hinunterlief. Ihre Freunde zögerten. Ein Junge lief ihr plötzlich nach. Er sah wie der Junge aus, der in der Notaufnahme im Krankenhaus gewartet hatte, an den Wänden entlanggeschlichen war. Die Gruppe zerstreute sich, verteilte sich auf dem breiten Gehweg, entfernte sich von der Frau, die allein zurückblieb.

»Denkst du oft daran, wie es wird, Vater zu sein?«

Er fühlte sich überrumpelt, wie bei einem Verhör mit einem Verdächtigen. Überrumpelt. Keine Zeit zum Nachdenken.

»Natürlich«, sagte er.

»Du lügst.«

»Warum sollte ich das? Es wird das wichtigste Ereignis in meinem Leben, mal abgesehen von meiner eigenen Geburt.« Er sah sie an. Die zurückgestrichenen Haare, der leicht gerundete Bauch. »Und von dem Tag, als ich dich getroffen habe.«

»Das war die richtige Antwort. Aber ich glaube trotzdem, dass du schon angefangen hast, dir Sorgen zu machen, was alles schief gehen könnte.«

»Du täuschst dich, Angela. Ich bin Optimist, das weißt du doch.«

Sie brach in Lachen aus.

»In diesem Fall bin ich zumindest einer«, sagte er.

»Ich glaub, du denkst schon darüber nach, wie es wird, wenn … wenn unser Kind in die Pubertät kommt und sich mit der Clique auf der Avenyn rumtreibt.«

»Hör doch auf!«

»Ist es nicht so? Klar ist das so!«

»Bis dahin gibt es keine Avenyn mehr.«

»Keine Paradestraße mehr in der Stadt? Spricht da jetzt der Optimist?«

Winters Handy, das auf dem Nachttisch lag, klingelte. Es war drei Minuten nach Mitternacht. Die wenigen, die seine Handynummer kannten, riefen aus dem Dienst an, außer Angela, aber sie lag neben ihm, nackt, immer noch weich und rot, an ihrem Haaransatz schimmerten drei kleine Schweißtropfen.

Und außer seiner Mutter. Es ist ein Mord oder Mutter, dachte Winter, ohne zu lächeln. Er rollte sich auf die andere Betthälfte und meldete sich.

»Erik! Ein Glück, dass du da bist.« Seine Mutter war atemlos, als ob sie zwei oder drei Hügel in Nueva Andalucía hinaufgelaufen wäre. Winter hörte im Hintergrund das Rauschen der Costa del Sol.

»Was ist, Mutter?«

»Wieder Papa. Diesmal ist es ernst, Erik.«

Winter dachte an das vorige Mal, im letzten Jahr. Der Vater war in Marbella wegen Verdachts auf Herzinfarkt ins Krankenhaus gekommen, aber es war nur eine Herzmuskelentzündung gewesen. Winter hatte erwogen, nach Spanien zu fahren, aber es war nicht nötig gewesen.

Er hatte den Vater nicht mehr gesehen, seitdem seine Eltern mit ihrem Geld mehr oder weniger aus Schweden geflohen waren. Und im letzten Jahr hatte er sie nicht sehen wollen und wollte es auch jetzt nicht, wenn es irgendwie zu vermeiden war.

»Ist es wieder der Herzmuskel?«

»Ach, Erik. Er hatte einen Herzinfarkt. Erst vor wenigen Stunden. Ich rufe vom Krankenhaus an. Er liegt auf der Intensivstation, Erik. ERIK? Hörst du mich?«

»Ich bin da, Mutter.«

»Er wird sterben, Erik.«

Winter schloss die Augen, holte Luft. Ruhig, ganz ruhig.

»Ist er bei Bewusstsein?«

»Was … nein, er ist bewusstlos. Sie haben ihn gerade operiert.«

»Sie haben ihn operiert?«

»Das sag ich doch. Es war eine lange Operation. Ich glaub, sie haben die Adern gereinigt.«

Angela hatte die Decke über die Brust gezogen und sich im Bett aufgerichtet. Ernst sah sie ihn an. Sie hatte schon verstanden.

»Hast du mit Lotta gesprochen?«, fragte er. Seine Schwester war Ärztin. Sie konnte ein wenig Spanisch. Angela war auch Ärztin, aber sie sprach kein Spanisch. Seine Mutter konnte sich zwar auf Spanisch verständigen, aber er war nicht sicher, ob sie den Arzt verstanden hatte. Ihr Wortschatz war vor allem geeignet, um Wein und Schnaps einzukaufen. Auch wenn der Arzt Englisch gesprochen hatte, war sie vielleicht zu aufgeregt gewesen, um zuzuhören. Selbst wenn der Arzt Schwedisch gesprochen hätte.

»Ich hab dich zuerst angerufen, Erik.«

»Haben die Ärzte irgendwas gesagt?«

»Nur, dass er noch in Narkose ist.« Sie weinte in sein Ohr. »Wenn er nun nicht wieder aufwacht, Erik.«

Winter saß mit geschlossenen Augen da, sah sich schon im Auto auf dem Weg nach Landvetter, im Flugzeug. Blauer Himmel über den Wolken. Er sah auf seine Hand. Sie zitterte. Vielleicht sind es die letzten Stunden, dachte er.

»Ich nehme das erste Flugzeug.«

»Bekommst du denn noch einen Platz? Um diese … diese Jahreszeit sind sie doch immer ausgebucht.«

»Ich krieg das schon hin.«

Angela sah ihn an. Sie hatte alles gehört. Er würde es schaffen. Er würde um sieben, oder wann der erste Flug ging, in diesem Flugzeug sitzen.

4

Er hatte die Tür hinter sich geschlossen. Oder er war hingegangen und hatte sie später geschlossen, bevor es angefangen hatte. Wer versuchte hineinzugelangen, würde einige wichtige Sekunden opfern müssen, die nicht reichten.

Sie hatten gegessen, er erinnerte sich nicht, was es gewesen war. Er hatte nicht gemerkt, was er in den Mund steckte. Sie hatte gelacht, ein- oder zweimal. Er, der andere, hatte nicht gelacht. Als ob er wüsste …

Als ob er wüsste, wer er war, warum er hier war.

Dass ich einfach so dasitzen kann, dachte er. Jetzt rede ich. Ich sage etwas ohne Bedeutung. Ich weiß nicht, ob sie überhaupt zuhören.

Im Kopf hörte er die Musik, sie begann leise, wurde lauter und hob und senkte sich. Es war, als ob er zu Hause wäre und zuhörte, oder im Auto. Aber er hörte selten Musik im Auto, denn er wollte nicht gegen eine Felswand im Tunnel fahren.

Er lauschte, das war, bevor es angefangen hatte. Oder hatte es damit angefangen, dass er lauschte? Er versuchte, nicht hinzuhören, und eine Weile war es gut gegangen, aber jetzt war es unmöglich. Und jetzt war es egal, jetzt, wo er hier saß. Er sah sich in der Küche um. Sie hatten gefragt, ob er in der Küche sitzen wollte, und er hatte mit den Schultern gezuckt. Dann gehen wir ins Wohnzimmer, hatte sie in einem Ton gesagt, der ihn ganz kalt werden ließ im Kopf, wo die Musik sich hob und senkte. Er fragte sich, ob sie es sahen, ob sie es schließlich auch hören konnten, vielleicht genau in dem Augenblick, als es passierte.

Die Gitarren dröhnten in seinem Kopf. Die Stimme schrie, rasselte, fauchte mitten in der Musik, die ihn nicht verließ: Lying in the black field, memories start to move into my mind, visions of the red room, my bloodied face, bloodied head.

Visionen vom roten Zimmer. Er schloss die Augen. Die Erregung wurde stärker. Sie sah es und lächelte. Sie wusste nichts. Der andere schien sich unruhig zu bewegen, begann sich aber langsam aufzulösen, wurde ein Schatten. Als er sie anschaute, wurde auch sie ein Schatten. Es war Zeit.

Sie sagte etwas.

»Wie bitte?«

»Hallo! Jemand zu Hause?«

»Was … ja…«

»Du scheinst sehr weit weg zu sein.«

»Nein … ich bin hier.«

»Du hast den Kopf geneigt, als hörtest du irgendwo zu. Drinnen im Kopf.«

»Ja.«

»Vielleicht dürfen wir es auch hören«, sagte sie und grinste. Der andere lachte nicht. Er sah ihn direkt an, als sähe er die, die in seinem Kopf spielten. »Wie klingt es?«, fragte sie, stand auf und lehnte sich an sein Ohr. Er spürte ihr Gewicht und roch Schnaps in ihrem Atem. Sie hatten getrunken, bevor er kam. Er hatte nicht getrunken. Nicht damals und nicht jetzt. »Ich hör nichts«, sagte sie und lehnte sich noch schwerer gegen ihn, dann küsste sie ihn. Er spürte sie drinnen in seinem Mund. Er rührte sich nicht. »Was ist mit dir?«, fragte sie. »Bist du nicht scharf?« Sie drehte sich zu dem anderen um. »Er scheint nicht scharf zu sein. Ich dachte, er wäre ein Swinger.«

Der andere sagte nichts. Er sah ihn immer noch forschend an. Vielleicht bedeutete das nichts.

Sie verließ die Küche, blieb ein Weilchen weg und kam wieder. Aus einem anderen Zimmer ertönte Musik. Er wollte sie nicht ansehen. Er sah ein Stück ihrer Haut.

»Wie gefällt sie dir?«, fragte sie.

»Was? Was?«

»Die Musik«, sagte sie. »Die Musik! Ich dachte, wir sollten sie alle hören.«

Er versuchte zuzuhören, hörte aber nichts, das das Metal durchdringen konnte, das in seinem Schädel schrillte.

Sie rief etwas, bewegte sich wie im Tanz.

Sie riss den anderen hoch, zerrte an ihm, küsste ihn. Schielte in seine Richtung. Sie begann, das Hemd des anderen aufzuknöpfen und legte seine Hand auf ihre linke Brust. Bewegte sich zur Musik. Lachte wieder.

»Elton John!«, schrie sie. »Das swingt!«

Plötzlich wurde ihm schlecht, und gleichzeitig war er entsetzlich erregt. Jetzt sahen sie ihn an, beide. Der andere nickte ihm zu, während er die Hand in ihrer Bluse hatte.

Sie machten zwei oder drei Tanzschritte vor ihm.

Er erhob sich.

5

Winter nahm seinen Koffer vom Laufband und ging durch den Zoll hinaus zum Mietwagen. Er zog seine Jacke aus und setzte sich hinters Steuer. Das Auto hatte im Schatten vorm Flugplatz gestanden. Im Flugzeug hatte der Kapitän die Temperatur in Málaga mitgeteilt, das dreitausend Meter unter ihnen an der Meeresküste wie graue Klippen aus einer verbrannten Erde aufragte. 32Grad im Schatten, die Hitze über Andalusien gab sich noch nicht geschlagen. Er war noch nie hier gewesen.

Winter war müde, und in seinem Kopf pochte es leicht. Er startete das Auto. Er spürte große Trauer, die von der Hitze noch verstärkt wurde. Als ob die Hitze ein Vorbote wäre.

Winter breitete die Landkarte der Sonnenküste aus, die er von der Autovermietung bekommen hatte, und überprüfte die Wegbeschreibung nach Marbella. Es sollte nicht schwer sein, hinzufinden, immer die E 15 entlang. Die Autobahn hatte den Ruf, die gefährlichste der Welt zu sein, aber das hat man über andere Autobahnen auch schon gehört, dachte er und fuhr rückwärts aus der Parklücke.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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