Segel aus Stein - Åke Edwardson - E-Book

Segel aus Stein E-Book

Åke Edwardson

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Beschreibung

Anonyme Briefe aus Schottland, der Klang von Cool Jazz, ein verschwundener Mann und die dunklen Schatten der Vergangenheit: Als Erik Winter sich auf die Suche nach dem Vater seiner Jugendliebe Johanna Osvald macht, ahnt er noch nicht, worauf er sich einlässt. Denn ihm steht nicht nur eine Reise in die kargen Highlands, sondern vor allem in die Abgründe der menschlichen Seele bevor ...

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Das Buch

Als Erik Winter eines Tages einen Anruf von seiner Jugendliebe Johanna Osvald bekommt, die ihn um Hilfe bei der Suche nach ihrem Vater bittet, ahnt er nicht, auf was für ein Abenteuer er sich einlässt. Denn Axel Osvald ist nach Schottland gereist, um das mysteriöse Verschwinden seines eigenen Vaters John zu lüften, eines einfachen Fischers, der während des Zweiten Weltkrieges mit seinem Boot verschollen ist. Doch Axel Osvald kehrt von dieser Reise niemals zurück: Seine Leiche wird in den kargen Bergen über Loch Ness gefunden. War es Mord? Hat der Tod etwas mit dem Verschwinden seines Vaters zu tun? Warum wurde Axels Körper gänzlich unbekleidet aufgefunden? Und was haben die anonymen Briefe zu bedeuten, die er kurz vor seiner Abreise aus Schottland erhielt?

Erik Winter macht sich kurz entschlossen selbst auf den Weg nach Schottland – und taucht ein in eine Vergangenheit, in der die pittoresken Fischerdörfchen an der Küste noch ein Eldorado für Schmuggler waren. Und wo er seinen alten Freund Steve Macdonald aus Tanz mit dem Engel wiedertrifft, mit dem er sich über so manch erlesenem Whiskey an die Lösung des Falles macht.

Der Autor

Åke Edwardson, Jahrgang 1953, lebt mit seiner Frau und zwei Töchtern in Göteborg. Bevor er sich dem Schreiben von Romanen widmete, arbeitete er als erfolgreicher Journalist u. a. im Auftrag der UNO im Nahen Osten, schrieb Sachbücher und hat an der Universität von Göteborg Creative Writing unterrichtet.

In unserem Hause sind von Åke Edwardson bereits erschienen:

Tanz mit dem Engel • Die Schattenfrau • Das vertauschte Gesicht • In alle Ewigkeit • Der Himmel auf Erden • Segel aus Stein • Zimmer Nr. 10 • Rotes Meer • Toter Mann • Der letzte Winter

Außerdem:

Allem, was gestorben war • Drachenmonat • Der Jukebox-Mann • Geh aus, mein Herz • Samuraisommer • Winterland

Åke Edwardson

Segel aus Stein

Roman

Aus dem Schwedischenvon Angelika Kutsch

List Taschenbuch

Besuchen Sie uns im Internet:

www.list-taschenbuch.de

Alle Rechte vorbehalten. Unbefugte Nutzungen,

wie etwa Vervielfältigung, Verbreitung,

Speicherung oder Übertragung

können zivil- oder strafrechtlich verfolgt werden.

Ungekürzte Ausgabe im List Taschenbuch

List ist ein Verlag der Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin.

1. Auflage April 2005

4. Auflage 2011

© der deutschen Ausgabe Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin 2005

© der deutschen Ausgabe by Ullstein Heyne List GmbH & Co. KG,

München 2003/Claassen Verlag

© Åke Edwardson 2002

Titel der schwedischen Originalausgabe: Segel av sten

(Norstedts Förlag, Stockholm)

Umschlaggestaltung: Büro Jorge Schmidt, München unter Verwendung des Gemäldes

Achilles unter Kapitän Rening, 1850. © akg-images

E-Book-Konvertierung: CPI books GmbH, Leck

ISBN 978-3-8437-0574-5

1

Ebbe hatte die Schiffe im Hafenbecken trockengelegt. Sie lagen wie verdreht da, die Buge zeigten auf die Treppenstufen in der Kaimauer.

Zeigten auf ihn.

Er sah die Schiffsrümpfe in der Dämmerung leuchten. Die Sonne duckte sich hinter die Landzunge im Westen. Möwen schrien unter einem niedrigen Himmel, das Licht verdichtete sich zu Dunkelheit. Die Vögel wurden vom Himmel, der wie ein Segel über den Horizont gespannt war, aufs Wasser niedergedrückt.

Alles wurde aufs Meer niedergedrückt. Wurde aufs Meer gedrückt, unter die Oberfläche gedrückt, Druck …

Jesus, dachte er.

Jesus save my soul! Jesus save MY SOUL!

…So wüst und schön sah ich noch keinen Tag!

Er hörte Geräusche hinter sich, Schritte über Pflastersteine auf dem Weg zur Kirche, die auch wie aus Stein gehauen zu sein schien, mit einem Vorschlaghammer aus Stein gehauen, wie alles andere unter dem Segel dieses Himmels. Er schaute wieder auf. Der Himmel hatte die Farbe von Stein angenommen wie alles, was ihn umgab. Ein Segel aus Stein. Alles war aus Stein. Das Meer war aus Stein.

’nes Seemanns Daumen hab ich da,

Schiffbruch litt er der Heimat nah!

Hinter ihm hallten Schritte von Menschen, auf dem Weg zu einem Moment des Friedens in der Methodistenkirche. Er drehte sich nicht um. Er wusste, dass sie ihn ansahen, er spürte ihre Blicke im Nacken. Sie taten nicht weh, solche Blicke waren das nicht. Er wusste, dass er sich auf die Menschen hier verlassen konnte. Sie waren nicht seine Freunde, aber sie waren auch nicht seine Feinde. Er durfte sich in ihrer Welt bewegen, und das hatte er lange getan, tatsächlich so lange, dass er MEHR geworden war als sie … Er war ein Teil der Steine, der Felsen, Mauern, Treppenstufen, Häuser, Wellenbrecher, des Himmels, des Meeres, der Wege, der Schiffe, der Trawler geworden.

Die hier lagen.

Die hier unter den Wellen begraben lagen, die sich in den rollenden Steinbrüchen zwischen den Kontinenten bewegten.

Jesus, Jesus!

Er drehte sich um. Die Schritte waren verstummt, von der Kirche verschluckt, deren Tür jetzt geschlossen war. Hier unten gingen die wenigen Straßenlaternen an, wodurch die Dunkelheit vor der Zeit fühlbarer wurde. Das dachte er, während er sich in Bewegung setzte. Eine Dunkelheit vor der Zeit. Jeden späten Nachmittag. Vor der Zeit. und nach der Zeit. Ich lebe dieses Leben nach der Zeit. Eine lange Zeit danach. Ich lebe. Ich bin ein anderer, ein neuer. Das andere Leben war nur geliehen, eine Rolle, eine Maske. Man überschreitet eine Grenze, wird ein anderer und lässt sein altes Ich zurück.

Bei den Treppen zur Straße hingen Kinderkleider zum Trocknen auf dem Hof. Die kleinen Ärmel winkten ihm zu.

Er stand auf der Straße. Über ihm türmten sich die Viadukte wie Eisenbahnschienen, die in den Himmel gebaut worden waren. Da ist die Straßenbahn, die in den Himmel fährt, Jesus lenkt und Gott ist Schaffner. Aber hier hatte es noch nie Straßenbahnen gegeben. Er war Straßenbahn gefahren, jedoch nicht hier. Das war in einem anderen Leben gewesen, das weit zurücklag. Weit zurück. Vor der Vorzeit, bevor er die Grenze überschritt.

In diesem Teil der Stadt zerschnitten die Viadukte den Himmel. Züge waren sie hinaufgedonnert, aber das war lange her. 1969 war der letzte Zug gefahren. Vielleicht hatte er ihn gesehen.

1888 wurde der steinerne Weg in den Himmel gebaut. Hatte er das auch gesehen? Vielleicht. Vielleicht war er ein Teil des Steins vom Viadukt.

Und nichts ist, als was nicht ist.

Sie haben ihn hierher geholt, und hier ist er geblieben.

Nein.

Geblieben ist er wohl, aber nicht aus diesem Grund.

Er überquerte die Straße, bog in die North Castle Street ein und betrat den Pub an der Kreuzung. Drinnen war niemand. Er wartete, und eine Frau, die er vorher nur wenige Male gesehen hatte, kam aus dem Hinterzimmer an die Bar. Er nickte zu den Hähnen auf der Theke vor ihr.

»Fullers, oder?« Sie nahm ein Pintglas von dem Stapel abgewaschener Gläser neben der Kasse. Offenbar hatte sie es noch nicht geschafft, die Gläser ins Regal zurückzustellen.

Er nickte wieder. Sie füllte das Glas und stellte es vor ihn hin. Er sah, wie sich der trübe Glasinhalt langsam klärte, wie der Himmel nach einem Unwetter oder der Meeresgrund nach einem Sturm.

Er bestellte einen Whisky und zeigte auf eine der billigeren Marken hinter ihr. Sie stellte das Whiskyglas vor ihn hin. Er trank und schüttelte sich.

»Das wird bestimmt ein kalter Abend«, sagte sie.

»Mhm.«

»Da braucht man was zum Aufwärmen.«

»Hmh.«

Er trank von dem Bier, dann wieder von dem Whisky, spürte die kalte Wärme im Magen. Die Frau nickte wie zum Abschied und verschwand in dem Hinterzimmer.

Er überlegte, ob SIE heute Nachmittag kommen würde.

Durch die Wand hörte er Geräusche von einem Fernseher. Er sah sich um. Noch immer war er der einzige Gast. Er trank wieder. Er sah sich noch einmal um, wie nach Gestalten, die er nicht sehen konnte. Er war wie immer allein. Einsamer Besucher. Er war der Besucher, immer ein Besucher. Er fürchtete sich nicht vor dem, was kommen würde.

Erlebte Greuel

Sind schwächer als das Grauen der Einbildung.

Das Whiskyglas war leer, er trank das Bier aus, erhob sich und ging.

Der Himmel war schwarz geworden. Die Silhouetten der Viadukte sahen aus wie Tiere einer prähistorischen Zeit. Vorzeit. Von Norden blies ihm Wind ins Gesicht.

Er ging wieder die Straße entlang. Es kamen keine Autos. Die Stadt unter ihm glitzerte. Auf dem Meer waren keine Lichter zu sehen. Er blieb stehen, konnte aber kein Licht dort draußen entdecken. Er wartete, doch alles blieb dunkel. Jetzt kam hinter ihm ein Auto. Er drehte sich nicht um. Er nahm den Geruch des Meeres wahr. Der scharfe Wind war wie Nadelspitzen in seinem Gesicht. Er spürte die Waffe in seiner Tasche. Er hörte den Schrei des Meeres in seinem Kopf, andere Schreie.

Jesus!

Jetzt wusste er, dass es ein Ende haben würde.

2

Bis zum Meer waren es zweihundert Meter, vielleicht zweihundertfünfzig. Sie gingen über ein Feld, auf dem noch niemand Pfade getreten hatte. Das machen wir jetzt, dachte er, wir treten hier Pfade.

Der Himmel war hoch, ein endloser Raum. Die Sonne stach durch die Sonnenbrille. Das Meer bewegte sich, aber nur wenig. Die Oberfläche glänzte wie Silber und Gold.

Elsa rief etwas übers Wasser und kam am Ufer auf sie zugelaufen über die kleinen Steine, die sich zu Hunderttausenden mit Millionen von Millionen Sandkörnern mischten.

Erik Winter drehte sich zu Angela um, die in der Hocke saß und Sand durch ihre Finger rieseln ließ.

»Wenn du mir sagen kannst, wie viele Sandkörner du da gerade in der Hand hast, dann bekommst du einen schönen Preis«, sagte er.

Sie schaute auf, hob die andere Hand, um die Augen gegen die Sonne abzuschatten.

»Was für einen Preis?«, fragte sie.

»Sag erst, wie viele Sandkörner du in der Hand hast.«

»Wie soll ich das schätzen können?«

»Ich weiß es«, antwortete er.

»Was ist es für ein Preis?«, wiederholte sie.

»Die Zahl!«, verlangte er.

»Vierzigtausend«, sagte sie.

»Falsch.«

»Falsch?«

»Falsch.«

»Wie zum Teufel willst du das wissen?« Sie richtete sich auf und schaute nach Elsa, die in fünfzehn Meter Entfernung Steine sammelte. Angela konnte nicht sehen, wie viele es waren. Sie ging näher auf den Mann ihres Lebens zu, bevor er »Intuition« auf ihre Frage antworten konnte.

»Ich möchte meinen Preis haben. Ich möchte meinen PREIS haben!«, sagte sie.

»Du hast nicht richtig geantwortet.«

»DEN PREIS, DEN PREIS!«, rief sie und ging auf Winter los. Sie probierte einen Schultergriff, und Elsa schaute auf und ließ einige Steine fallen. Erik sah sie und lachte seine vierjährige Tochter an und dann die andere Frau in seinem Leben und versuchte sich jetzt an einem halben Nelson, gar nicht schlecht, und er spürte, wie die Füße in den Sandalen rutschten und wie die Sandalen im Sand rutschten und wie er tatsächlich das Gleichgewicht verlor und langsam zu Boden ging, wie von einem Magnet angezogen. Angela fiel auf ihn. Er lachte immer noch.

»DEN PREIS!«, rief Angela noch einmal.

»DEN PREIS!«, rief Elsa, die zu den Kämpfenden gelaufen war.

»Okay, okay«, sagte Winter.

»Wenn du es wirklich weißt, dann gib zu, dass ich richtig geraten habe«, sagte Angela und hielt seine Arme fest. »Gib es zu!«

»Du warst ziemlich nah dran«, antwortete er. »Das gebe ich zu.«

»Her mit dem Preis!«

Sie saß jetzt rittlings auf seinem Bauch. Elsa saß auf seinem Brustkorb. Er konnte immer noch leicht atmen. Er hob den rechten Arm und zeigte landeinwärts.

»Was?«, sagte sie. »Was ist da?«

Er wedelte mit der Hand.

»Der Preis«, sagte er. Er spürte die Sonne in den Augen. Die Sonnenbrille war ihm heruntergefallen. Er nahm den Duft von Salz, Sand und Meer wahr. Er könnte lange, lange so liegen. Und oft. Hier gehen. Pfade durch das Feld treten.

Vom Haus aus.

Von dem Haus, das dort hinten im Kiefernwäldchen stehen könnte.

Sie spähte über das Feld. Sie sah ihn an. Aufs Meer. Wieder aufs Feld. Sah ihn an.

»Ist das wahr?«, sagte sie. »Meinst du das wirklich?«

»Ja«, antwortete er, »du hast Recht. Wir kaufen das Grundstück.«

Aneta Djanali hatte ihren Polizeiausweis noch in der Hand, als die Frau die Tür schloss, die sie zuvor geöffnet hatte. Aneta Djanali hatte nicht einmal ihr Gesicht sehen können, nur einen Schatten und ein Augenpaar, das aufblitzte im schwindenden Tageslicht, dem einzigen Licht hier drinnen.

Sie klingelte noch einmal. Neben ihr stand eine junge Polizistin. Sie war noch nicht sehr viele Monate im Beruf. Ein Rookie, direkt vom Gymnasium. Angst scheint sie nicht zu haben, dachte Aneta Djanali, aber sie findet das hier auch nicht besonders witzig.

»Verschwinden Sie«, ertönte eine Stimme durch die Tür. Die Stimme klang schon gedämpft, bevor sie durch das doppelte Furnier oder was immer es war, drang, das sie vom verlängerten Arm des Gesetzes trennte.

»Wir müssen uns einen Augenblick unterhalten«, sagte Aneta Djanali zur Tür. »Über das … was passiert ist.«

Ein Murmeln war zu hören.

»Ich habe nicht verstanden«, sagte Aneta Djanali.

»Es ist nichts passiert.«

»Bei uns ist eine Anzeige eingegangen«, sagte Aneta Djanali.

Wieder ein Gemurmel.

»Wie bitte?«

»Von hier ist die nicht gekommen.«

Aneta Djanali hörte, wie hinter ihr eine Tür geöffnet und sofort wieder geschlossen wurde.

»Es ist nicht das erste Mal«, sagte sie. »Es war nicht das erste Mal.«

Die junge Polizistin neben ihr nickte.

»Frau Lindsten …«, sagte Aneta Djanali.

»Gehen Sie weg.«

Es war an der Zeit einen Entschluss zu fassen. Sie konnte hier nicht stehen bleiben und die Situation dadurch vielleicht verschlimmern.

Sie könnte sich den Anblick von Anette Lindstens Gesicht einfach erzwingen. Es könnte übel zugerichtet sein. Die Frau könnte noch neue Verletzungen davontragen, wenn sie sich jetzt nicht Zugang zu ihrer Wohnung verschaffte.

Es könnte das einzig Richtige sein. Die Entscheidung darüber musste jetzt auf der Stelle fallen. Eine Entscheidung von vielleicht großer Tragweite für die Zukunft.

Aneta Djanali entschied sich, steckte den Ausweis, den sie immer noch in der Hand hielt, weg, gab dem uniformierten Mädchen ein Zeichen, drehte sich um und ging.

Keine der beiden Polizistinnen nahm den Fahrstuhl nach unten. Die Wände des Treppenhauses waren voll geschmiert, tausend hingekritzelte Nachrichten in Schwarz und Rot.

Der Wind hatte zugenommen. Sie hörte die Straßenbahnen am Citytorget. Die massiven Häuser schienen sich auch zu bewegen, sie waren überall, manchmal verdeckten sie auch den Himmel. Das Gebäude auf der Fastlagsgatan schien sich vom einen Ende des Horizonts bis zum anderen zu erstrecken.

Jetzt wurde ein Teil abgerissen, quer über dem Hügel war ein Krater. Häuser, die vor vierzig Jahren gebaut worden waren, wurden abgerissen, und der Himmel wurde wieder sichtbar, wenigstens für eine Weile. Heute war er blau, entsetzlich blau. Ein Septemberhimmel, in dem die ganze Farbe des Sommers gesammelt war. Fertig. Hier bin ich, der nordische Himmel.

Es war warm, eine reifere Wärme, wie akkumuliert.

Brittsommer, dachte sie. In Schweden nennt man ihn Brittsommer, aber ich weiß immer noch nicht, warum. Wie oft hab ich mir schon vorgenommen, das herauszufinden. Das musste etwas mit dem Kalender zu tun haben.

Rein zufällig warf sie einen Blick auf das Straßenschild, wo sie geparkt hatten: Allerheiligenstraße, du lieber Himmel, kreisförmig um den Kortedala Torg fanden sich alle Jahreszeiten versammelt: der Adventspark, die Pfingststraße, die Weihnachtsstraße, Aprilstraße, Junistraße.

Eine Septemberstraße konnte sie nicht entdecken. Sie sah die Dämmerungsstraße, die Morgenstraße.

Hier wird man ja zermahlen von allen Stunden des Tages und Jahres und aller Zeiten, dachte sie, als sie wegfuhr, in eine andere Zivilisation im Süden. Es war ein Gefühl, als überschreite sie Grenzen.

Auf dem Citytorget spielten Kinder, die sprachen Arabisch. Frauen mit bedeckten Haaren kamen aus dem Lebensmittelladen. An der Ecke war eine Spielhalle, in der auch Gemüse verkauft wurde. Gegenüber lag ein Blumengeschäft. Die Sonne warf Schatten, die den Platz in einen schwarzen und einen weißen Teil trennten.

»Ist dir Anette Lindsten schon mal begegnet?«, fragte sie die junge Polizistin auf dem Sitz neben sich.

Das Mädchen schüttelte den Kopf.

»Wer hat sie schon mal gesehen?«

»Du meinst, wer von den Kollegen?«, fragte die junge Polizistin.

Aneta Djanali nickte.

»Niemand, soviel ich weiß.«

»Niemand?«

»Sie hat nie jemanden reingelassen.«

»Aber fünf Mal hat jemand angerufen und angezeigt, dass sie misshandelt wurde?«

»Ja.«

»Jemand, der seinen Namen genannt hat?«

»Äh … ja. Es war eine Nachbarin.« Das Mädchen wandte sich ihr zu. »Die, mit der wir eben gesprochen haben.«

Aneta Djanali näherte sich der City. Sie fuhr an den Fabriken in Gamlestaden vorbei. Die ersten Häuser von Bagaregärden tauchten auf. Sie waren für eine andere Zivilisation gebaut worden. Schöne Häuser, nur für eine Familie oder zwei. Man konnte um sein Haus herumgehen und genießen, dass man dort lebte und das Geld hatte, das nötig war, damit es die ganze Woche lang Samstag sein konnte. Sie überlegte plötzlich, ob es in der Gegend, die sie verlassen hatten, eine Samstagstraße gab. Vielleicht nicht, vielleicht machten die Stadtplaner bei Dienstag Halt, oder bei Montag. Montagstraße. Da war die Grenze. Die ganze Woche Montag.

»So kann das doch nicht weitergehen«, sagte Aneta Djanali.

»Woran denkst du grade?«

»Woran ich denke? Ich denke daran, dass es an der Zeit ist, den Tatort zu untersuchen.«

»Ist das denn statthaft?«

»Kennst du die Polizeigesetze nicht?« Aneta Djanali warf der jungen Kollegin einen raschen Blick zu, die wie ertappt aussah, wie durchgefallen bei einer Prüfung.

»Das läuft unter öffentlicher Klage«, sagte Aneta Djanali mit nachsichtiger Stimme. »Wenn ich den Verdacht habe, dass jemand misshandelt wird, kann ich mir Zugang verschaffen und überprüfen, wie sich die Sache verhält.«

»Und willst du es tun?«

»Bei Lindstens eindringen? Vielleicht ist es an der Zeit.«

»Sie sagt, dass sie jetzt allein wohnt.«

»Aber der Mann besucht sie noch?«

Die junge Polizistin zuckte mit den Schultern.

»Selbst hat sie nichts gesagt.«

»Aber die Nachbarn?«

»Eine von ihnen sagt, sie habe ihn gesehen.«

»Und keine Kinder?«, fragte Aneta Djanali. »Sie haben keine Kinder?«

»Nein.«

»Wir müssen rauskriegen, wo er ist«, sagte Aneta Djanali.

Der Scheißkerl, dachte sie. Genau das dachte sie.

»Der Scheißkerl …«, murmelte sie.

»Was hast du gesagt?«

»Der Mann«, erklärte Aneta Djanali und merkte, dass sie lächelte, als sie sich wieder dem Mädchen zuwandte.

Es war Abend, als Aneta Djanali die Haustür öffnete. Im Treppenhaus schlug ihr der vertraute Geruch entgegen. Ihr Haus, oder genauer: das Haus, in dem sie wohnte. Aber sie hatte das Gefühl, als gehörte das Haus ihr. Ihr gefiel es in diesem alten Patrizierhaus in der Sveagatan. Es lag mitten in der Stadt. Von hier aus konnte sie fast alles zu Fuß erreichen.

Der Fahrstuhl schlich aufwärts. Auch das gefiel ihr. Sie hatte es gern, wenn sie die Wohnungstür aufschloss und die Post von den Holzdielen aufhob. Es gefiel ihr, Mantel oder Jacke einfach auf den Boden fallen zu lassen, wo sie stand, die Schuhe von den Füßen zu schleudern, das große alte Schneckenhaus zu sehen, das immer auf der Kommode lag, die afrikanischen Masken zu sehen, die darüber hingen, auf Strümpfen in die Küche zu gehen, Wasser in den Schnellkocher laufen zu lassen, sich einen Tee zuzubereiten oder sich ein anderes Mal ein Bier zu nehmen oder auch mal ein Glas Wein. All das gefiel ihr.

Sie hatte das Alleinsein gern.

Manchmal machte es ihr Angst, dass es ihr gefiel.

Der Mensch soll nicht allein sein. Fanden andere. Etwas stimmt nicht, wenn man allein ist. Man wählt die Einsamkeit nicht selber. Einsamkeit ist eine Strafe. Ein Urteil.

Nein. Sie saß keine Strafe ab. Ihr gefiel es, hier zu sitzen und jeden Augenblick frei zu sein, sich für irgendetwas zu entscheiden.

Jetzt saß sie auf einem Küchenstuhl, aus ihrem eigenen freien Willen, das Wasser kochte. Sie wollte gerade aufstehen und den Tee aufgießen, als das Telefon klingelte.

»Ja?«

»Was machst du gerade?«

Die Frage kam von Fredrik Halders, ihrem Kollegen, der kein Blatt vor den Mund nahm. Nicht mehr gar so grob wie zu Anfang, aber immer noch sehr drastisch, im Vergleich zu fast allen anderen.

Vor zwei Jahren hatte er seine Exfrau bei einem Unfall verloren. Sie war von einem betrunkenen Autofahrer überfahren worden.

Sie ist nicht mal mehr als meine Ex da, hatte Halders eine Zeitlang danach wie betäubt wiederholt.

Sie hatten zusammengearbeitet, als es passierte, sie und Fredrik, und hatten begonnen, sich auch privat zu sehen. Sie hatte seine Kinder kennen gelernt, Hannes und Magda. Die beiden hatten angefangen, ihre Gegenwart im Haus zu akzeptieren, wirklich zu akzeptieren.

Sie mochte Fredrik, seine Person. Seine anfangs spöttische Art mit ihr zu reden hatte sich in etwas anderes verwandelt.

Vor all dem hatte sie auch Angst. Wohin sollte es führen? Wollte sie es wissen? Würde sie es wagen, das herausfinden zu wollen?

Sie hörte Fredriks Stimme im Telefonhörer.

»Was machst du gerade?«

»Nichts, bin eben zur Tür reingekommen.«

»Hast du heute Abend Lust auf Kino?« Bevor sie antworten konnte, fuhr er fort: »Larrinders Tochter möchte sich etwas Geld als Babysitter verdienen. Sie hat von sich aus angerufen. Er hat mich heute gefragt, und ich hab gesagt, sie soll anrufen.« Bo Larrinder war ein relativ neuer Kollege im Fahndungsdezernat. »Und sie hat sofort angerufen.«

»Da öffnet sich dir eine neue Welt, Fredrik.«

»Ja, nicht? Und der erste Weg führt ins Svea.«

Das Kino Svea. Hundert Meter entfernt. Sie schaute auf ihre Füße. Sie sahen platt gedrückt aus, wie in Eisen gepresst. Sie sah die Teetasse auf der Anrichte warten. Sie sah das Bett und ein Buch vor ihrem inneren Auge. Sie sah sich selbst in Schlaf sinken, vermutlich innerhalb kürzester Zeit.

»Fredrik, heute Abend kann ich nicht. Ich bin total alle.«

»Es ist die letzte Chance«, sagte er.

»Heute Abend? Läuft der Film heute das letzte Mal?«

»Ja.«

»Du lügst.«

»Stimmt.«

»Morgen Abend. Bien. Ich bereite mich jetzt schon mal innerlich darauf vor, dann können wir morgen gehen.«

»Okay.«

»Ist das in Ordnung für dich?«

»Selbstverständlich ist das in Ordnung. Was zum Teu … Was glaubst du denn? Was hast du übrigens heute Nachmittag gemacht?«

»Verdacht auf Frauenmisshandlung in Kortedala.«

»Die sind die schlimmsten. Hast du ihn gefasst?«

»Nein.«

»Keine Anzeige?«

»Nicht von der Frau, auch nicht von der Nachbarin, wie sich herausgestellt hat. Aber es war das fünfte Mal.«

»Wie sieht sie aus?«, fragte Halders. »Ist es sehr schlimm?«

»Du meinst die Verletzungen? Ich hab sie selbst nicht getroffen. Ich hab’s versucht.«

»Dann musst du wohl in die Wohnung eindringen.«

»Als ich heute dort war, hab ich das auch schon gedacht. Ich überlege hin und her.«

»Soll ich dich begleiten?«

»Ja.«

»Morgen?«, fragte Halders.

»Morgen hab ich keine Zeit. Wir haben noch die Cafediebstähle in Högsbo.«

»Sag Bescheid, ich bin bereit.«

»Danke, Fredrik.«

»Jetzt ruh dich ordentlich aus und bereite dich innerlich auf morgen vor, meine Liebe.«

»Bon soir, Fredrik.«

Sie legte mit einem Lächeln auf und holte ihren Tee. Dann ging sie ins Wohnzimmer, schob eine CD ein und setzte sich aufs Sofa. Sie spürte, wie ihre Füße langsam ihre alte Form zurückbekamen. Sie lauschte Ali Fark Toures kaputtem Wüstenblues und dachte an ein Land südlich von Toures Maliwüsten.

Sie erhob sich und legte Burkina Fasos eigenen großen Musiker Gabin Dabire auf, seine CD Kontöme von 1998. Ihre Musik. Ihr Land. Nicht wie das Land, in dem sie geboren war und in dem sie lebte. Ihr Land.

Ein Kontome war das Gottesbild, das es in jedem burkinischen Haus gab. Bei ihr hing es im Vorraum, über der Kommode. Die Ikone stellte die Geister der Ahnen dar, das wegweisende Licht der Familie und für die ganze Gesellschaft.

Das Licht, dachte sie. Das Kontome beleuchtet den Pfad. Wir danken dem Kontome für das, was wir sind und was wir haben, jetzt und alle Zeit. Und das Kontome hilft uns, wenn sich das Schicksal auf diesem Pfad entwickelt.

Ja. Sie glaubte daran. Es war in ihrem Blut. Es war, wie es sein sollte.

Gabin Dabire sang seine Siza, seine Wahrheit:

Die Wahrheit, sag mir die Wahrheit

Da unsere Kinder, unsere Alten, unsere Weisen und

Die Natur selber

Das Böse nicht fühlen

Wahrheit, befrei die Unschuld.

Anetas Eltern stammten aus Obervolta, aber sie selbst war im Östra-Krankenhaus in Göteborg geboren. Seit 1984 hieß das Land Burkina Faso, aber es war noch immer dasselbe verarmte Land, voller Wind, wie die Musik, der sie lauschte, Steppen, die zu Wüsten wurden, Wasser, das es nicht gab. Die drei großen Flüsse, die südwärts durch das Land strömten, hießen Mouhoun, Nazinon und Nakanbe, früher wurden sie der Schwarze, der Rote und der Weiße Volta genannt, aber damals hatte es nicht mehr Wasser gegeben als heute. Während der Trockenheit hatten sich die Grassavannen unter dem heißen Nordwind, dem Harmatta, in Wüsten verwandelt, und die Flussbetten waren ausgetrocknet. Sie hatten dem Land seinen früheren Namen gegeben.

Es war ein gefährdetes Land.

Trockenes Volta. Armes Volta. Krankes Volta. Gewalttätiges Volta. Gefährliches Volta.

Ihre Eltern waren in den sechziger Jahren nach Schweden gekommen, einige Jahre, nachdem ihr Land ein eigenständiger Staat geworden war, auf der Flucht vor Verfolgung.

Ihr Vater hatte eine kurze Zeit im Gefängnis gesessen.

Er hätte ebenso gut hingerichtet werden können. Ebenso gut. Manchmal war es nur eine Frage von GLÜCK. Sie gehörten dem größten Volksstamm, den Mossi, an, aber das hatte keine Rolle für sie gespielt. Der erste Präsident des Landes, Maurice Yameogo, Führer der Union démocratique voltaique, war immer selbstherrlicher geworden und immer weniger démocratique, er hatte die Oppositionsparteien verboten und war dann 1966 selbst in einem Militärputsch abgesetzt worden.

Und so weiter, und so weiter in einer dunklen Spirale. Verheerende Trockenheit, verheerende Politik. Hungersnot, Viehsterben. Demonstrationen, Streiks, Militärputsche. Hinrichtungen, immer mehr Hinrichtungen.

Die frühere französische Kolonie erbte Terror und Mörder von den Franzosen, die hier schon seit Ende des neunzehnten Jahrhunderts gemordet hatten. Jetzt waren die Franzosen weg, aber ihre Sprache war geblieben. Die Bevölkerung war afrikanisch, aber aus ihrem Mund kamen französische Wörter, die offizielle Sprache des Landes.

Sie hatte als Kind Französisch gelernt, in Göteborg. Sie war das einzige Kind der Familie Djanali. Als sie erwachsen und längst ausgebildete Polizistin war, beschlossen die Eltern in die Hauptstadt Ouagadougou zurückzukehren.

Für Aneta Djanali war es selbstverständlich gewesen, in dem Land zu bleiben, in dem sie geboren war, aber sie verstand, warum Mutter und Vater in das Land zurückkehren wollten, in dem sie geboren waren, ehe es zu spät war.

Es war fast zu spät gewesen. Ihrer Mutter waren zwei Monate geblieben. Sie war in der harten, ausgebrannten roten Erde am Nordrand der Stadt begraben worden. Auf der Beerdigung hatte Aneta Djanali gesehen, wie die Wüste von allen Seiten herandrängte, Millionen Quadratmeter groß. Sie hatte daran gedacht, dass zwölf Millionen Menschen in diesem öden Land lebten und dass es gar nicht so viele mehr waren als im öden Schweden. Hier waren sie schwarz, unglaublich schwarz. Ihre Kleidung war weiß, unglaublich weiß.

Ihr Vater hatte lange darüber nachgegrübelt, ob die Rückkehr den Tod der Mutter verursacht hatte, jedenfalls indirekt.

Aneta blieb bei ihm in der Hauptstadt, so lange es sein Wunsch war. Mit großen Augen ging sie durch die Straßen, in denen sie ihr ganzes Leben hätte leben können, statt als Fremde zurückzukehren.

Hier sah sie aus wie alle anderen. Sie war unglaublich schwarz und sie kleidete sich unglaublich weiß. Sie konnte sich auf Französisch mit den Menschen unterhalten – jedenfalls mit denen, die zur Schule gegangen waren – und auf ein bisschen Moré mit den anderen, und das tat sie manchmal.

Sie konnte immer weitergehen, ohne Aufmerksamkeit zu erregen, bis hinaus an die Stadtgrenze und in die Wüste, die die Stadt mit ihrem Wind angriff, dem Harmatta. Sie konnte ihn spüren, wenn sie im Haus ihres Vaters saß. Das Haus war wie eine runde Hütte und weiß unter der Sonne, unglaublich weiß. Die Sonne war weiß, der Himmel war weiß.

Sie hörte den Wind, den schwedischen. Er klang runder und weicher und war kälter. Aber draußen war es nicht kalt. Es war Brittsommer.

Genau. Sie erhob sich, ging zu den Bücherregalen an der hinteren Wand, nahm das Lexikon mit den Buchstaben SAOL hervor und schlug Brittsommer auf:

Eine Periode von schönem und warmem Wetter im Herbst, genannt nach dem Tag der heiligen Birgitta am 7. Oktober.

Sie wusste nicht viel von Heiligen, hatte aber den Verdacht, dass es den meisten Schweden ebenso ging, weißen wie schwarzen. Siebter Oktober. Bis dahin war es noch eine Weile hin. Bedeutete das, dass es noch wärmer werden würde?

Sie lächelte und stellte den schweren Band zurück ins Regal, ging ins Bad, zog sich aus und ließ heißes Wasser in die Wanne laufen. Sie legte sich ins Wasser, langsam. In der Wohnung war es sehr still. Sie hörte draußen das Telefon klingeln und den Anrufbeantworter anspringen. Sie konnte keine Stimme hören, nur ein behagliches Gemurmel. Sie schloss die Augen und spürte, wie ihr Körper in dem heißen Wasser schwebte. Sie dachte an einen heißen Wind, an den Luxus, sich ein Bad einlaufen lassen zu können. Sie wollte nicht daran denken, tat es aber dennoch. Sie dachte sich das Wasser weg, den Luxus.

Für ein paar Sekunden sah sie ein Gesicht, das einer Frau. Eine Tür, die geöffnet und geschlossen wurde. Ein Dämmerlicht. Augen, die leuchteten und verschwanden. Es waren ängstliche Augen.

Vor ihren geschlossenen Augen sah sie Wasser, als würde sie unter Wasser schwimmen und von der Strömung weitergetragen werden, die der Wind des Meeres war.

3

Winter fuhr die Vasagatan mit seinem Fahrrad in westlicher Richtung entlang, zum tausendsten Mal, öfter als das. Die Kette müsste geölt werden. Und das Vorderrad könnte etwas Luft gebrauchen.

Die Cafés am Boulevard waren geöffnet. Irgendwo hatte er gelesen, dass dies die Straße mit den meisten Cafés in ganz Schweden ist. Vermutlich von ganz Nordeuropa. Genau dieser Ausdruck wurde häufig bei Vergleichen benutzt. Manchmal hatte er darüber nachgedacht, wie jetzt. Wo verlief die Grenze von Nordeuropa? In Höhe von Münster? Antwerpen? Warschau? Er lächelte über seine Gedanken. Vielleicht in Höhe von Göteborg.

Aber es waren wirklich viele Cafés. Tausende von Gästen saßen in den Straßenlokalen. Im letzten Jahr hatte hier ein Krieg getobt, genau auf diesem Boulevard des Friedens, über den er gerade radelte.

Ein junger Mann war in den Rücken geschossen worden und fast gestorben. Vielleicht hatte er einen verletzten Polizisten mit einem Stein am Kopf treffen wollen, vielleicht auch nicht.

Am Abend zuvor hatten sich militante Demonstranten mit militanten Polizisten geprügelt. Winter hatte auf dem Balkon gestanden und es gesehen. Ihm war schwindlig gewesen und er hatte Übelkeit empfunden. Der Vasaplatsen war belagertes Gebiet gewesen.

Die härteste Schlacht in Nordeuropa.

Ganz Europa war an diesem schwarzen Wochenende in Göteborg durch seine EU-Repräsentanten vertreten gewesen. Auch der amerikanische Präsident war gekommen.

Es waren auch Menschen da gewesen, die nicht vertreten werden wollten.

Alle waren Opfer, auf verschiedene Weise. Die jungen Demonstranten, die mit Steinen warfen und sich prügelten. Die daneben standen. Die, die nur reden, vielleicht für ihr Recht marschieren wollten.

Die Polizisten, die weichen, die harten, die ängstlichen, die verrückten, die Muskelpsychopathen, die Faschisten, die Sozialisten, die Liberalen. Die Pazifisten. Die Kommandosoldaten. Opfer. Manche weinten wie das Kind in ihnen.

Die Polizei wurde nicht fertig mit ihrer Einsatzbesprechung.

Hanne machte Überstunden, dauernd Überstunden. Hanne Östergaard, die Pfarrerin, die halbtags im Kriminalamt arbeitete. Es war eine altmodische Konstruktion. In der modernen Welt war mehr als ein halber Tag erforderlich zur Wiederaufrichtung der gemarterten Seelen der Kollegen.

Das Schlimmste war die Planung, besser: die fehlende Planung. Nein, Scheiße, daran wollte er nicht denken. Niemand wollte daran denken, geschweige denn noch darüber reden.

In der Woche danach war Halders nahe daran gewesen, einem der Militanten in der Truppe eins aufs Maul zu geben. Die eigene Bruderschaft. Viele waren über Halders erstaunt, Winter nicht. Halders’ Herz hatte immer für den Sozialismus geschlagen. Wär ich da draußen gewesen, ich wäre mit den Kids marschiert, darauf könnt ihr Gift nehmen, hatte er gesagt. Und hättest eine Kugel in den Kopf gekriegt, hatte Bergenhem ergänzt. Sieh mal einer an, hatte Halders gesagt. Sogar wir wissen, dass wir nicht sicher vor uns selbst sind. Es war eine schwierige Situation, hatte Ringmar gesagt. Warum ist sie so schwierig geworden?, hatte Halders gefragt. Wann wurde sie kompliziert? Als die Kollegen das Hvitfeldstka-Gymnasium stürmten und die Kids zwangen, sich nackt auf den Steinboden zu legen? Wo waren wir da? Waren wir in Buenos Aires? Waren wir in Santiago? Waren wir in Montevideo? Nein. Wir waren in GöteFUCKINGborg! Waren gezwungen zu stürmen, hatte Aneta gesagt. Viele wollten nicht. Warum zum Teufel haben sie es dann getan?, hatte Halders gesagt. Nur weil sie dem Befehl gehorchten? Lieber Richter, ich war gezwungen, dem Befehl zu gehorchen. Hat man das nicht schon mal gehört? Halders hatte sich im Zimmer umgesehen. Nicht alle haben dem Befehl gehorcht, hatte Aneta gesagt. Manche Kollegen haben die Ausrüstung abgelegt, auf dem Järntorget.

Danach war es lange still gewesen. Der Sommer draußen vor dem Fenster war perfekt gewesen. Winter hatte sich nach dem Meer gesehnt. Verfluchte verdammte Scheiße, hatte Halders die gewaltsamen Ereignisse jener Woche zusammengefasst, und dann waren fast alle hinausgestürmt in den Urlaub, zum Meer, dem Himmel.

Winter strampelte über Heden. Er dachte ans Meer und den Himmel, wie ein Segel gespannt über die Bucht, wo er vielleicht sein Leben verbringen würde. Ein neues Leben, ein anderes. Ja. Vielleicht war es Zeit. Ein neuer Zeitabschnitt im Leben.

Sie hatten im Auto darüber gesprochen, während Elsa auf dem Rücksitz schlief. Die Sonne war auf dem Weg woandershin gewesen. Angela war gefahren, für einen kurzen Moment hatte sie die Hand in seinen Nacken gelegt.

»Ist das nicht gefährlich, so zu fahren?«, hatte er gefragt.

»Frag mich nicht. Du bist doch der Polizist.«

»Machen wir das Richtige?«, hatte er gefragt.

Sie verstand nicht, was er meinte.

»Noch haben wir nichts getan«, hatte sie geantwortet.

»Es ist ja wirklich ein schönes Grundstück«, hatte er gesagt.

»Ja, Erik, du brauchst dir deswegen keine Sorgen zu machen.«

»Wir haben aber auch eine sehr schöne Wohnung«, hatte er hinzugefügt.

»Es ist eine hübsche Bucht«, hatte sie gesagt.

»Ja«, hatte er geantwortet, »die ist auch schön.«

»Sie ist wunderbar«, hatte sie gesagt.

Das Polizeipräsidium nahm sie mit offenen Armen auf. Die Fassade wirkte genauso einladend wie immer. Im Eingang roch es wie immer. Es hilft nichts, wie oft sie auch umbauen, dachte er und nickte der Frau im Empfang zu, die ihm auch zunickte, allerdings an ihm vorbei. Sie öffnete das Sicherheitsfenster.

»Da wartet jemand auf dich.« Sie machte eine Handbewegung.

Er drehte sich um und sah die Frau, die auf einem der Kunststoffsofas saß. Sie erhob sich. Er sah ihr Profil, das sich in dem Glasschrank spiegelte, in dem die Polizeileitung Schirmmützen und Helme von Polizeikorps der ganzen Welt ausstellte. Wie ein Beweis für die gute globale Freundschaft. Unter Polizisten. Es gab auch einige Schlagstöcke, wie um die Freundschaft gleichsam zu besiegeln. Genau die Worte hatte er einmal benutzt, als der Schrank noch neu war und er mit Ringmar daran vorbeiging. Ringmar hatte gesagt, er fände den italienischen Tropenhelm am hübschesten. Der ist aus Abessinien, hatte Winter gesagt, darauf gehe ich jede Wette ein. Perfekter Sonnenschutz, während sie die Schwarzen erschlagen haben.

Die Frau war in seinem Alter. Sie hatte dunkle Haare mit einem leichten hellen Glanz, der von der Sommersonne rühren mochte. Ihr Gesicht war breit, ihr Blick offen, und er bekam das unbestimmte Gefühl, sie schon einmal gesehen zu haben, aber in einer anderen Zeit. Sie trug Jeans und eine Art Fischerhemd, das teuer aussah, und eine kurze Jacke. Jetzt erkannte er sie und reichte ihr die Hand.

»Wir haben uns doch schon mal gesehen?«

Ihre Hand war trocken und warm. Sie sah ihm gerade in die Augen, und jetzt erinnerte er sich auch an ihren Blick.

»Johanna Osvald. Von Donsö.«

»Natürlich«, sagte er.

Sie saßen in seinem Zimmer. Dort drinnen roch es immer noch nach Sommer, eingesperrtem Sommer, trocken. Auf dem Schreibtisch lagen immer noch die Unterlagen von einem früheren Fall. Auch diese Dokumente umgab ein Geruch, und das war der Geruch nach Tod.

Er hatte diese verdammten Papiere nicht anfassen wollen, seit … seit es passiert war.

Er wollte es vergessen, aber das war unmöglich. Er musste aus Fehlern lernen, den eigenen Fehlern, aber das war schmerzhaft, schmerzhafter als alles andere.

Er würde Möllerström bitten, die Unterlagen in den Keller bringen zu lassen.

Er sah die Frau an. Sie hatte auf dem Weg hierher nichts gesagt, als ob sie damit warten wolle, bis sie allein waren.

Es musste zwanzig Jahre her sein.

Er wusste, dass er nichts von ihr wusste. Nicht mehr als dass sie ein Muttermal in der linken Leiste hatte. Oder in der rechten. Dass sie ihn einmal in die Lippe gebissen hatte. Dass er die Steine gespürt hatte, die sich in seinen Rücken bohrten, als sie auf ihm gesessen und sich immer schneller bewegt hatte und schließlich explodiert war, als er explodierte, als er sie in diesem glühenden Moment abgeworfen hatte.

Die Steine waren in seinem Rücken geblieben. Sie hatte gelacht. Sie waren ins Meer getaucht, immer das Meer. Er hatte sie nach Hause zu ihrer Schäre gerudert. Es war nur ein Sommer gewesen, nicht einmal. Ein Monat. Er hatte nicht viel über sie erfahren, kaum etwas. Alles war wie ein Mysterium, manchmal glaubte er, er habe es nur geträumt.

Auf gewisse Weise ist es wie die Zusammenfassung von Jugend, dachte er. Geträumte Mysterien. Und wieder auch nicht. Jetzt setzte sie sich auf den Stuhl. Seit jenem Sommer habe ich sie nie wiedergesehen. Das ist auch ein Mysterium. Jetzt sagte sie etwas.

»Du hast dich an meinen Namen erinnert, Erik?«

»Ja. Als du ihn genannt hast, habe ich mich erinnert.«

Er sah, dass sie etwas sagen wollte, jedoch verstummte und neu ansetzte: »Erinnerst du dich, dass wir damals über meinen Großvater gesprochen haben?«

»Ja …«

Das stimmt. Jetzt erinnere ich mich an ihren Großvater. Sogar an seinen Namen.

»John«, sagte Winter, »John Osvald.«

»Du weißt es also noch.«

»Der Name unterscheidet sich nicht sehr von deinem.«

Sie lächelte nicht, in diesem Gesicht gab es kein Lächeln, und auch daran erinnerte er sich, an den Ausdruck.

»Wie ich dir damals erzählte, ist er während des Krieges verschwunden.«

»Ja. Es war … Dein Großvater hat während des Krieges Schutz in einem englischen Hafen gefunden. Ich erinnere mich, dass du es mir erzählt hast. Und dass er. später auf dem Meer verschwunden ist, vom Fischen nicht zurückgekehrt ist in England.«

»Schottland. Er war in Schottland. Sie mussten einige Zeit in Aberdeen verbringen.«

»Schottland.«

»Mein Vater war noch kein Jahr alt, als er … abfuhr«, sagte sie. »Das letzte Mal. Das war im Herbst 1939.«

Winter schwieg. Auch daran erinnerte er sich. Ihre Tränen, die auf seiner Schulter gebrannt hatten. War es so gewesen? Ja. Er hatte es gespürt. Damals hatte sie davon erzählt und hatte immer noch Tränen. Vielleicht waren es vor allem die Tränen ihres Vaters. Er verstand sie, aber er begriff es nicht richtig, damals nicht. Jetzt wäre es anders, wenn sie es ihm jetzt erzählte. Er war jetzt ein anderer.

»Sein Bruder war noch nicht geboren, als sie die … letzte Reise unternahmen. Er wurde drei Monate später geboren.«

Ein Bruder. An einen Bruder konnte er sich nicht erinnern. Sie hatten über keinen Bruder gesprochen.

»Er ist mit vier an der englischen Krankheit gestorben«, sagte Johanna Osvald. »Mein kleiner Onkel.«

Plötzlich öffnete sie den kleinen Rucksack, den sie auf dem Rücken getragen hatte, und nahm einen Brief hervor.

Sie hielt ihn hoch, irgendwie abwartend. Auf Abstand. Sie hielt Abstand zu diesem Brief. So etwas hatte Winter schon viele Male gesehen. Briefe, die Menschen wie fremde Vögel zugeflogen waren, schwarze Vögel. Briefe mit Botschaften, die niemand haben wollte. Manchmal kamen die Adressaten zu ihm mit den Botschaften. Wer hatte gesagt, dass sie sie haben wollten?

»Was ist das?«, fragte er.

»Ein Brief«, antwortete sie.

»Das sehe ich«, sagte er und lächelte. Vielleicht lächelte sie auch, aber vielleicht war es auch nur das Sonnenlicht, das unberechenbar im Zimmer aufflackerte und wieder verschwand. Der Altweibersommer da draußen begann sich Sorgen wegen seiner Zukunft zu machen.

»Es ist ein Brief gekommen«, sagte sie, »von dort. Dieser Brief.«

»Aus Schottland?«

Sie nickte, beugte sich vor und legte den Umschlag vor ihn auf den Schreibtisch.

»Er ist in Inverness abgestempelt.«

»Mhm.«

»Auf der Rückseite steht kein Absender.«

»Ist er unterschrieben?«

»Nein. Mach mal auf, dann wirst du es sehen.«

»Kein weißes Pulver?«, fragte Winter.

Vielleicht lächelte sie.

»Kein Pulver.«

Er zog den Brief aus dem Umschlag. Das Papier war liniert, dünn und billig, es schien aus einem normalen Notizblock gerissen zu sein. Die Wörter waren in Großbuchstaben geschrieben, zwei Zeilen auf Englisch:

THINGS ARE NOT WHAT THEY LOOK LIKE.

JOHN OSWALD IS NOT WHAT HE SEEMS TO BE.

Winter musterte die Vorderseite des Umschlages. Eine Briefmarke mit der britischen Monarchin. Ein Stempel. Eine Adresse:

OSWALD FAMILYGOTHENBURG ARCHIPELAGOSWEDEN

»Er ist bei euch angekommen«, sagte er und sah Johanna Osvald an, »bei euch draußen in den Schären.«

»In der Postsortierstelle gibt es tüchtige Leute.«

»Der Name ist falsch geschrieben«, sagte Winter.

»Das ist wohl die englische Variante«, antwortete sie.

Winter las die Nachricht noch einmal. Die Dinge sind nicht so, wie sie zu sein scheinen. Nein, dessen war er sich bewusst, das war fast eine Zusammenfassung seiner Meinung über die Fahndungsarbeit. John Oswald ist nicht der, der er zu sein scheint. Zu sein scheint. Er wird für tot gehalten. Ist er nicht tot?

»Er ist nie offiziell für tot erklärt worden«, sagte sie, ohne dass er gefragt hatte. »Jedenfalls nicht von uns.«

»Aber von den Behörden?«

»Ja.«

»Ihr habt also gegl …«

»Was hätten wir glauben sollen?«, unterbrach sie ihn. »Wir haben ja gehofft, man hofft doch immer, aber. das Schiff ist in der Nordsee untergegangen. Niemand ist gefunden worden, soweit ich weiß.«

»Was weißt du?«

»Damals war ja Krieg. Wahrscheinlich konnten sie nicht ohne Risiko nach ihm suchen. Aber wir … meine Großmutter. mein Vater. keiner hat jemals Nachricht bekommen, dass Großvater lebt. Oder dass jemand von der Besatzung gefunden wurde.«

»Wann ist das passiert?«, fragte Winter.

»Das Unglück?«

»Ja.«

»Nicht lange danach. nachdem sie sich in Sicherheit bringen konnten … also durch die Minen an die schottische Küste. Der Krieg war ja ausgebrochen. Und das Schiff ist im Frühling 1940 verschwunden.«

»Wie alt war dein Großvater damals?«

»Einundzwanzig.«

»Einundzwanzig. Mit einem zweijährigen Sohn?«

»In dieser Familie heiratet man jung, kriegt jung Kinder. Mein Vater war zweiundzwanzig, als ich geboren wurde.«

Winter rechnete im Kopf nach.

»1960?«

»Ja.«

»Da bin ich auch geboren.«

»Ich weiß«, sagte sie. »Wir haben damals darüber gesprochen, erinnerst du dich nicht?«

»Nein.«

Sie schwieg.

»Ich habe diese Kette unterbrochen«, sagte sie dann.

»Wie bitte?«

»Jung heiraten, jung Kinder kriegen. Die Tradition hab ich gebrochen.«

»Das wusste ich nicht.«

»Ich hab nicht geheiratet und keine Kinder bekommen.«

Winter fiel auf, dass sie jünger aussah als zweiundvierzig. Heute bekommen Frauen Kinder, wenn sie noch älter sind, dachte er. Ich weiß nichts von ihrem jetzigen Leben.

»Wie geht es deiner … Mutter?«

»Sie ist vor drei Jahren gestorben.«

»Das tut mir Leid.«

»Mir auch.«

Ihr Blick glitt zum Fenster. Den Blick erkannte er wieder. Im Profil sah sie aus wie das junge Mädchen auf der Klippe im Sonnenschein.

»Wann habt ihr diesen Brief bekommen?«, fragte er und hielt das Kuvert hoch. Er dachte daran, dass seine Fingerabdrücke darauf waren, zusammen mit Dutzenden von anderen Fingerabdrücken von beiden Seiten der Nordsee.

»Vor zwei Wochen.«

»Warum kommst du erst jetzt damit?«

Und was stellst du dir vor, was ich tun soll?, fügte er in Gedanken hinzu.

»Mein Vater ist vor zehn Tagen rübergefahren, oder neun. Nach Inverness.«

»Warum?«

»Warum? Ist das so verwunderlich? Es hat ihm natürlich keine Ruhe gelassen. Er wollte es wissen.« Jetzt sah sie Winter an. »Er hat eine Kopie von dem Brief und dem Umschlag mitgenommen.«

Was erwartet er denn dort zu finden?, dachte Winter. Einen Absender?

»Es ist nicht das erste Mal«, sagte sie. »Er … wir … haben ja Nachforschungen angestellt, aber die haben nichts gebracht.«

»Wie sollte er denn nur mit Hilfe des Briefes etwas finden?«, fragte Winter.

Sie antwortete nicht, zunächst nicht. Er sah ihr an, dass sie über ihre Antwort nachdachte. Er war es gewohnt, so etwas zu sehen. Manchmal sah er sogar die Worte, die schon unterwegs waren, jetzt jedoch nicht. Ihr Blick wanderte von ihm zum Fenster und zurück zu ihm und dann wieder zum Fenster.

»Ich glaube, er hat eine neue. Nachricht bekommen«, sagte sie jetzt, ohne ihn anzusehen. »Vielleicht einen Anruf.«

»Hat er das gesagt?«

»Nein, aber ich glaube es.« Sie sah auf den Brief, den Winter wieder auf den Schreibtisch gelegt hatte. »Mehr als das da.«

»Warum glaubst du das?«

»Es war seine. Entscheidung. Er hat nicht viel gesagt, als der Brief kam. Nur dass es ihm jetzt erst recht keine Ruhe ließ. Das ließ es uns allen nicht. Aber dann. plötzlich. wollte er hinfahren. Sofort. Und er ist gefahren.«

»Und das war vor zehn Tagen?«

»Ja.«

»Hat er denn etwas gefunden?«

Johanna wandte sich Winter zu.

»Er hat sich dreimal gemeldet, das letzte Mal vor vier Tagen.«

»Ja?«

»Beim letzten Mal hat er gesagt, er sei mit jemandem verabredet.«

»Mit wem?«

»Das hat er nicht gesagt. Aber er wollte sich hinterher melden, sobald er mehr wusste.« Sie beugte sich auf dem Besucherstuhl vor. »Er klang … ja … fast erregt.«

»Und dann?«

»Ich hab doch gesagt, das war das letzte Mal, dass ich mit ihm gesprochen habe.« Er sah die Angst in ihrem Gesicht. »Seitdem hat er sich nicht mehr gemeldet. Deswegen bin ich hier.«

4

Aneta Djanali war wieder in Kortedala. Es war ein regnerischer Tag, plötzlich kälter als im Frühling. Vielleicht war der Herbst jetzt da.

Das Häusermeer an der Befälsgatan und Beväringsgatan schien im Nebel davonzumarschieren, oder es floss davon. Es ist wie ein Schlachtschiff, dachte sie. Wie eine bewegte Zeichnung, ein Film.

Plötzlich dachte sie an Pink Floyd, Another Brick In The Wall. Hier umschlossen die Mauern Menschen, führten sie hinein in den Nebel.

We don’t need no education.

Aber genau das brauchen alle. Ausbildung. Eine Sprache. Kommunikation, dachte sie.

Sie parkte in einer der Monatsstraßen, vielleicht im Frühling, vielleicht im Herbst. Sie sah kein Straßenschild. Sie ging auf eine der Mauern zu. Dahinter wohnte Anette Lindsten. Der Name passte irgendwie hierher, in dieses Milieu. Lindsten. Das war ein sehr schwedischer Name, zusammengesetzt aus Naturdingen. So ist es mit den meisten schwedischen Namen, dachte sie. Alle haben mit der Natur zu tun. Etwas Weiches, Leichtes, verbunden mit etwas Hartem, Schwerem. Linde und Stein. Etwas. Zusammengesetztes. Wie die schwebenden Häuser. Steine im Wind.

Sie dachte an die Augen in der Türöffnung, sie waren auch wie Stein gewesen. Hatte sie mit ihrem Mann gesprochen?

Wirklich ein Gespräch mit ihm gehabt? War das möglich? Hatte er eine Sprache? Eine Sprache, in der er sprechen konnte? Aneta Djanali wusste eins: Wem die Fähigkeit fehlte sich auszudrücken, der griff oft zu Gewalt. Die Wörter wurden durch Fäuste ersetzt. Auf diese Weise war die Gewalt die äußerste Form von Kommunikation, die extreme, die entsetzlichste.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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