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Die Alpen versorgen mehr als 170 Millionen Menschen mit Wasser. 40 Prozent des Süßwassers Europas stammen aus diesem Gebirge. Es ist die Quelle des Lebens – seine Schönheit lockt Millionen von Touristen an, seine Kraft treibt tausende Turbinen an. Die Alpenstaaten Österreich und die Schweiz decken ihren Strombedarf jeweils zu etwa 70 Prozent aus Wasserkraft. Doch die Begehrlichkeiten wachsen weiter. Nur noch wenige Alpenflüsse sind unverbaut, und der Konflikt zwischen Klima- und Naturschutz wird immer deutlicher sichtbar. Der opulente Bildband Das Wasser der Alpen ist eine Hommage an das Wasser, seine formende Kraft und seine essenzielle Bedeutung für Natur und Mensch. Er dokumentiert die tiefgreifenden Veränderungen durch die Klimakrise und zeigt Wege zu einem verantwortungsvollen Umgang mit diesem kostbarsten Schatz der Berge.
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Seitenzahl: 193
Veröffentlichungsjahr: 2025
Felix Neureuther • Christian Neureuther
Bernd Ritschel • Michael Ruhland
Der kostbarste Schatz der Berge und wie wir ihn bewahren können
Wimbachklamm, Berchtesgadener Alpen
Fanesbach, Dolomiten
Heckenbach, Bayerische Alpen
Chiemsee, Oberbayern
Soča, Slowenien
Sylvensteinsee, Bayerische Alpen
Pragser Wildsee, Südtirol
Venter Ache, Ötztaler Alpen
Gaislachsee, Ötztaler Alpen
Vorwort
Grusswort
Ursprung Allen Lebens
Das Werk des Wassers – der besondere Schatz aus den Bergen
Im Element: Partnachklamm und Höllentalklamm
Die Vorbilder – Flusswildnis am Tagliamento und Lech
Der junge Fischer vom Walchensee
Kunst Der Verwandlung
Am Kipppunkt – Gletscher im Treibhaus
Die nassen Helden – Auen und Moore als CO
2
-Speicher
Hütten unter Hochdruck: Das Wasser wird knapp
Formenspiel
Die Alpen als Wetterverstärker
Blatten, Bondo und die Bergstürze
Walle, Walle, Wasser fließe!
Wald Und Wasser
Der Bergwald, eine stille Größe
Superman Baum – Urwald in den Kalkalpen
Quellen der Freude – die Kärntner Nockberge
Kraftquellen
Das Laufwunder vom Walchensee
Das Megaprojekt im Tiroler Längental
Das Tal der Unbeugsamen
Giganten aus Beton
üBerfluss Und Mangel
Hochwasserschutz im wasserreichen Lauterbrunnental
Die Kunst der alpinen Bewässerung
Wasser Im Wandel
Das Gefühl der Freiheit – Wassersport als Lebenselixier
Am Ende kommt der Wasserstoff – nachhaltige Hüttenprojekte
Das Dach der Dächer – die Alpenschutzkommission CIPRA
Systemwechsel: Neue Ideen braucht der Wintersport
Quellen
,
Impressum
Ich bin nah am Wasser gebaut! Das sagt man gerne, wenn einem schnell die Tränen kommen. Ich sehe das nicht als Schwäche, sondern eher als Stärke.
Ohne Wasser kein Leben – ohne Tränen keine Emotionen. Doch ohne Emotionen und die damit verbundene Sensibilität kann man die wirklichen Probleme unserer Zeit gar nicht richtig einordnen. Nur wer mit dem Herzen sieht, erkennt, wie sehr sich unsere Welt verändert – und wie sehr es an uns liegt, sie mit Respekt zu behandeln.
Dieses Buch ist für mich eine spezielle Herzensangelegenheit, weil es viel mit meiner Familie zu tun hat. Es stellt eine Verbindung zwischen den Generationen dar: Felix und ich – Vater und Sohn, mit unseren gemeinsamen Leidenschaften und Wurzeln in den Bergen. Und wenn ich in die Augen meiner Enkelkinder schaue, dann spüre ich, wie wichtig es ist, Emotionen und damit auch Verantwortung weiterzugeben. Für sie. Für das, was weiterfließt.
Wasser – das ist für mich der Inbegriff des Lebens. In den Bergen, meiner Heimat, entspringt es. Aus glitzernden Schneefeldern, aus langsam schmelzenden Gletschern, aus kleinen Quellen, die über Moos und Stein ins Tal rinnen. Und von dort fließt es weiter – durch Flüsse, durch Auen, durch Städte, bis hinaus ins Meer. Auf seinem Weg dorthin versorgt es Menschen, Tiere, Pflanzen. Es ist das Essenziellste, was wir haben. Und zugleich das »Schmelzendste«. Ich habe das Wasser in meiner Kindheit als etwas Selbstverständliches erlebt. Es war einfach da – wie der Schnee im Winter oder der klare Bach im Frühling. Doch heute ist das anders: Die Gletscher werden kleiner. Quellen versiegen. Wetterextreme nehmen zu. Und plötzlich merken wir: Was wir für ewig hielten, ist in Gefahr. Gerade in den Alpen, wo das Wasser seinen Anfang nimmt, zeigt sich diese Veränderung mit größter Deutlichkeit.
»Dieses Buch ist für mich eine spezielle Herzensangelegenheit, weil es viel mit meiner Familie zu tun hat. Es stellt eine Verbindung zwischen den Generationen dar: Felix und ich – Vater und Sohn, mit unseren gemeinsamen Leidenschaften und Wurzeln in den Bergen.«
Ich kann ganz ehrlich sagen, dass die Idee zu diesem Buch von unserem engen Freund und Wegbegleiter Bernd Ritschel kam. Keiner spürt die Berge, die Natur, das Licht und die Stimmung der Alpen so intensiv wie er und keiner versteht es besser, diese Empfindungen in Bilder zu verwandeln. Dieses Buch ist Ausdruck unserer Verbundenheit.
Christian Neureuther mit seinem Sohn Felix
Dazu Michael Ruhland, der uns jetzt schon im dritten Buch »sein Wort« gibt. Er ist für uns nicht nur Autor und Journalist, sondern unser entscheidender Strukturgeber und Berater. Sein ganzes journalistisches Leben beschäftigt er sich mit der alpinen Welt und deren ökologischen und gesellschaftlichen Zusammenhängen. Durch seine Recherchen wurde uns die Komplexität des Themas »Wasser« nochmals so richtig fundiert deutlich gemacht.
Felix und ich wünschen uns, dass dieses Buch nicht nur die Schönheit des Wassers zeigt, sondern auch ein Bewusstsein schafft. Für seine Bedeutung. Für seinen Weg. Und für unsere gemeinsame Verantwortung. Denn wer nah am Wasser gebaut ist, der weiß auch: Es ist höchste Zeit, genau hinzusehen.
Christian Neureuther
Wasser ist die Wohnstätte des Lebens. Wasser ist ein Stoff, so alltäglich und zugleich so kostbar, so mächtig wie verletzlich. Wasser kann Leben schenken und Leben nehmen. Es kann beruhigen und zerstören. Es kann uns tragen – und überfluten. Wasser ist Poesie, Wasser ist Politik. Wasser ist Schönheit. Wasser ist Streit. Schon heute werden Kriege um Wasser geführt. Morgen sicher noch mehr.
Und deshalb ist dieses Buch nicht nur ästhetisch klug gewählt – es ist hochaktuell. Wasser ist heute eine der zentralen ökologischen und sozialen Fragen unserer Zeit.
Dieses Buch schenkt uns Bilder und Geschichten, die bleiben. Nicht nur auf Papier – sie bleiben in uns. Es sind Bilder, die uns im Leben halten, die uns am Leben halten. Denn Fotografien können emotionalisieren, bewegen, beleuchten. Fotografien können beruhigen und aufwiegeln, können ermuntern und traurig machen. Können verwirren und erklären. Können eine Millisekunde verewigen oder jahrelange Entwicklungen zum Halten bringen. Sie können uns zum Handeln animieren, ebenso wie zum Wegsehen. Die Fotografie spricht eine universelle Sprache und kennt doch tausend Dialekte. Besser als jede noch so eindrückliche Rede, als jedes Wort, gelingt es Fotografinnen und Fotografen, das Leben in all seiner Wucht darzustellen und mit ungeheurer Macht den direkten Weg in unsere Herzen zu finden. Die fantastischen Bilder von Bernd Ritschel zeigen das eindrucksvoll. Sie sind nicht nur fotografische Meisterleistung, nicht nur große Kunst der Naturfotografie, sie sind auch ein Appell. Ein Appell, hinzusehen, hinzuhören, hinzufühlen.
»Das Wasser der Alpen – der Ursprung des Lebens«
Bernd Ritschel, seit Jahrzehnten unterwegs mit Kamera und Herz für die Berge, hat die Gletscher wachsen und schrumpfen sehen. Seine Bilder tragen Spuren – nicht nur vom Wind, vom Regen, vom Licht, von der Vergänglichkeit – sondern auch vom Menschen, der zu oft vergisst oder ignoriert, wie eng unser Schicksal mit dem des Wassers verbunden ist.
Die Reportagen und Interviews Michael Ruhlands vermitteln auf eindrückliche Weise, wie reich und zugleich verletzlich der Natur- und Kulturraum der Alpen ist. Sie zeigen auf, dass gerade die Energiewende Konflikte zwischen Klima- und Naturschutz birgt.
Lassen Sie uns gemeinsam mit Bedacht und großer Sorgfalt das kostbare Gut Wasser schützen.
Mein herzlicher Dank gilt Felix und Christian Neureuther für dieses großartige Buch und für ihren Einsatz zum Schutz der Alpen und somit zum Erhalt unserer Lebensgrundlagen.
Claudia Roth MdB
Staatsministerin für Kultur und Medien a.D.
Das Werk des Wassers – der besondere Schatz aus den Bergen Im Element: Partnachklamm und Höllentalklamm Die Vorbilder – Flusswildnis am Tagliamento und Lech Der junge Fischer vom Walchensee
Das Flussbett des Tagliamento im Friaul, des letzten echten Wildflusses der Alpen, ist so breit wie der Lago Maggiore.
Der Pass Lunghin an der Grenze zwischen Engadin, Bergell und Surses ist eine dreifache Wasserscheide. Hier entspringen Inn, Mera und Gelgia, die dem Schwarzen Meer, dem Mittelmeer und der Nordsee zufließen. Östlich unterhalb des Passes liegt der nächtliche Lägh dal Lunghin.
Die Berge, wie wir sie heute bestaunen, hat das Wasser in all seinen Aggregatsformen erschaffen. Gletscher und Flüsse haben die Täler und das Alpenvorland geformt. Die Erosion geht unablässig weiter. Und das Wasser der Alpen wird in Zeiten des Klimawandels für die Zukunft Mitteleuropas noch wichtiger.
Beim Aufstieg zum Pass Lunghin verdunkeln sich die Wolken. Wir legen einen Schritt zu, ein Gewitter auf 2645 Metern wäre eine böse Überraschung. Die Passhöhe gehört uns allein, kein Wanderer ist zu sehen. Es gibt hier nichts außer Schotter, Geröll – und einem Wegweiser. Der bietet keinen Schutz, lässt uns aber kurz innehalten. Weiße Schilder zeigen in drei Himmelsrichtungen und weisen auf eine Wasserscheide hin, die in den Alpen einzigartig ist. Nach Süden fließt das Regen- oder Schmelzwasser über die Mera und Adda durchs Bergell und landet im Po und schließlich in der Adria. Der Gebirgsbach Eva dal Lunghin bringt den Niederschlag nach Nordwesten zur Julia und weiter zum Rhein, der wiederum nach seiner langen Reise in die Nordsee mündet. Und der Inn, der im 150 Höhenmeter unterhalb gelegenen Lägh dal Lunghin seine Quelle hat, wie der Lunghinsee im Bergeller Dialekt heißt, fließt in östlicher Richtung zum Silser See und liefert seine großen Wassermengen später an die Donau und damit bis ins Schwarze Meer. Ein Regentropfen am Pass Lunghin kann also je nach Wetterlage und Windrichtung in drei verschiedenen Meeren landen. Schöner Gedanke, aber dafür ist jetzt keine Zeit.
Wolkenfetzen branden von Süden her über den Piz Lunghin (2780 m) und verheißen nichts Gutes. Ein dumpfes Grollen wirkt als zusätzliche Warnung, wir steigen schleunigst ab zum Lunghinsee. Kaum haben wir die Regensachen übergezogen, peitscht der Wind Regen und Graupel in alle Richtungen. Wir kauern uns in eine Bodenmulde und haben Glück, dass uns das Gewitter nur streift. 20 Minuten später ist der Spuk vorbei, der Himmel ist wieder klar, und im Abstieg nach Maloja leuchtet die Sonne auf das Oberengadiner Hochtal mit den vier von der letzten Eiszeit vermachten Seen Silser-, Silvaplaner-, Champfèrer- und St. Moritzersee.
Aus den 12 000 Millionen Tonnen Gestein des nacheiszeitlichen Bergsturzes von Flims schuf der Vorderrhein eine bizarre Flusslandschaft. Vierbeinige Kletterer fühlen sich in dem abschüssigen Gelände sichtlich wohl.
Die Wanderung vom Septimerpass über den Lunghin ins Engadin zeigt im Kleinen den Formenschatz der Alpen, den Eis und Flüsse über die Jahrtausende geschaffen haben. Täler wie das Oberengadin wurden von großen Gletschern in U-Form ausgeschliffen. Weiter westlich hat der Hinterrhein die Schlucht »Via Mala« in das Gestein gefräst. Der Name »Schlechter Weg« bezeugt zugleich die Mühsal, mit der der Mensch solch natürliche Hindernisse zu überwinden suchte, in diesem Fall schon die Römer.
Wer heute vom Anblick der Drei Zinnen in Ehrfurcht erstarrt oder am Südtiroler Ritten ungläubig vor einem Ensemble von Erdpyramiden steht, die wie von Außerirdischen erschaffene Skulpturen wirken, der blickt überall auf das Werk des Wassers. Es ist eine stetige und kraftvolle Arbeit, die auch heute noch weitergeht. Manchmal ist sie filigran, wie das Schaffen eines Schnitzers oder Stuckateurs, manchmal brachial wie eine Tunnelbohrmaschine. Apropos Tunnel: Das Wasser wirkt auch im Verborgenen, im Innern der Berge. Kalkstein löst es beharrlich auf und schafft so nicht nur Einsturztrichter, sondern auch Höhlensysteme von gigantischem Ausmaß. Das Hölloch im Schweizer Kanton Schwyz ist mit aktuell 212 Kilometern erforschter Länge eines der größten Höhlensysteme der Welt. Der Höhenunterschied zwischen dem tiefsten und höchsten Punkt der Höhle beträgt mehr als tausend Meter. Gletscher haben Milliarden Tonnen Alpengestein zermahlen und in die Täler und das Vorland geschoben. Flüsse haben das Geschiebe weitertransportiert und im Flachland als Kies, Sand und Schluff in Schwemmebenen abgelagert oder bis in die Meere transportiert. Forscher haben ausgerechnet, dass die uralpine Masse auf diese Weise bereits um die Hälfte geschrumpft ist. Dennoch wachsen die Alpen Jahr für Jahr, weil sich die afrikanische Kontinentalplatte weiterhin unter die eurasische Platte schiebt und die Bergregion anhebt – um ein bis zwei Millimeter pro Jahr.
Der Rhein hat zwei Quellflüsse. Der hintere entspringt am Rheinwaldhorn, der vordere am Tomasee (im Rücken des Fotografen) im Gotthardmassiv. In der Bildmitte Straße und Bahn über den Oberalppass, rechts der Tödi (3612 m), höchster Gipfel der Glarner Alpen.
Man kann davon ausgehen, dass sich der Prozess der Erosion in den kommenden Jahrzehnten beschleunigt. Denn mit dem Abschmelzen der Gletscher verlieren die Berghänge an Stabilität, ihnen fehlt das Widerlager. Auch der auftauende Permafrost, der das Gestein in großen Höhen wie ein Kitt zusammenhält, führt zu mehr Fels- und Bergstürzen. Was das bedeuten kann, zeigt ein Blick in die jüngere Geschichte der Alpen. Nach dem Ende der Würmeiszeit, der letzten größeren Kaltzeit, stürzten am Flimserstein im heutigen Graubünden vor etwa 9500 Jahren bis zu zwölf Milliarden Kubikmeter Fels in die Tiefe und riegelten das Tal ab. Der Vorderrhein staute sich zu einem großen See, doch das Wasser presste und grub sich im Laufe der Jahrhunderte durch das Trümmerfeld aus Kalkgestein und schuf so die Ruinaulta, die Rheinschlucht. Bis zu 350 Meter tief und 13 Kilometer lang, zeugt die Schlucht von der unbändigen Kraft des Elements.
Der Rhein kann gut als Pate stehen für die circa 13 000 Kilometer an Flüssen, welche die Internationale Alpenschutzkommission CIPRA im Alpenraum ausweist. Bis zur Mündung in den Bodensee hat er 167 Kilometer zurückgelegt (und nur die zählen zur Statistik der Alpenflüsse). Doch selbst 1065 Kilometer weiter, an der Mündung in die Nordsee, stammt fast die Hälfte seines Wassers aus den Alpen. Noch eine Zahl lässt aufhorchen: Von Mai bis August bestehen 50 Prozent des Rheinwassers aus Schmelzwasser. Und ein Fünftel des Wassers der Rhone und des Po sind im Sommer allein Gletscherschmelzwasser.
Der Fetthennen-Steinbruch (Saxifraga aizoídes) mag’s feucht und ist oft im Geröllvorfeld von Gletschern anzutreffen.
Mit dem Rückzug der Gletscher bilden sich in ihrem Vorfeld neue Seen, wie hier am Chessjengletscher (Walliser Alpen).
Wenn die Gletscher verschwunden sind, wird sich das Problem der Wasserknappheit in trockenen Sommern wie 2022 also noch verstärken. Damals kam die Rheinschifffahrt über Wochen zum Erliegen, was beispielsweise Kraftstoffpreise im Süden Deutschlands in die Höhe trieb. Bilder von einem teilweise ausgetrockneten Flussbett des Po haben sich in jenem Dürresommer nicht nur ins Gedächtnis der Norditaliener eingebrannt. Im Juli 2022 wurde in mehreren Regionen Norditaliens der Notstand ausgerufen. Die Schweiz erreichte ein Hilferuf der italienischen Wasserversorger, sie möge doch den Abfluss des Lago Maggiore erhöhen, um dem Po mehr Wasser zuzuführen. Allein die Stauseen im Tessin und Piemont waren wegen des schneearmen Winters nur zu einem Drittel gefüllt – das Bittgesuch wurde abgelehnt.
Die großen Flüsse Mitteleuropas, sie alle werden vom Alpenwasser gespeist. Selbst die Donau, die im Schwarzwald entspringt, führt auf Höhe von Wien zum größten Teil Wasser, das ihr Alpenflüsse wie der Inn zugeführt haben. Hydrologen gehen davon aus, dass 40 Prozent des Süßwassers Europas aus den Alpen kommen. 14 Millionen Menschen wohnen in dem Gebirge, weitere 20 Millionen in einem Umkreis von 40 Kilometern am Rand der Alpen. Rechnet man die Bevölkerung zusammen, die mit Alpenwasser versorgt wird, kommt man auf gut 170 Millionen Menschen. Das entspricht mehr als einem Drittel der EU-Bevölkerung.
Dass Wasser lebt, zeigt sich besonders schön dort, wo es fällt oder fließt. Nur schade, dass das Wasser der Cascata del Toce von den Kraftwerksbetreibern im Pomatt zeitweise reduziert wird.
Das Einzugsgebiet der Flüsse zu schützen und sie wieder in einen natürlicheren Zustand zu versetzen, gehört zu den Zielen, die sich die CIPRA und die EU gesetzt haben. An Rhein und Rhone sind Erneuerungen des Hochwasserschutzes am Laufen, die diese Abschnitte auch renaturieren. Das Projekt Rhesi am Unterlauf des Alpenrheins, das Österreich und die Schweiz gemeinsam umsetzen, sieht zum Beispiel vor, das Flussbett auf eine Breite von 200 bis 500 Metern aufzuweiten. Damit kann der Fluss deutlich mehr Wasser bewältigen – laut Projekt bis zu 4300 Kubikmeter pro Sekunde, was einem 300-jährlichen Hochwasserereignis entspricht. Zwei Milliarden Franken geben die beiden Alpenländer dafür aus.
Die »3. Rhonekorrektion«, wie das Bundesamt für Umwelt (BAFU) die Maßnahme nennt, ist noch umfangreicher und teurer. 3,6 Milliarden Franken gibt die Schweiz laut BAFU aus, um den Flusslauf auf einer Länge von 162 Kilometern hochwassertauglicher und zugleich naturnäher zu gestalten. Es ist das größte Hochwasserschutzprojekt der Schweiz.
Dass Hochwasserschutz und Renaturierung harmonieren können, hat das Projekt »Isar-Plan« mitten in München bewiesen. Vom Jahr 2000 bis 2011 wurde die innerstädtische Isar auf einem acht Kilometer langen Stück naturnah gestaltet. Seither ist die bayerische Landeshauptstadt nicht nur besser vor Hochwasser geschützt, sondern hat für vergleichsweise günstige 35 Millionen Euro ein ausgezeichnetes Naherholungsgebiet erschaffen. Ein Vorzeigeprojekt – nicht nur für den Alpenraum.
Wolkentanz über dem Rheintal, gesehen vom Alpstein
Feuchtes Spektakel zwischen den Felsen: die Partnachklamm, seit über einem Jahrhundert für den Tourismus erschlossen. Ohne Skier, aber mit Mütze: Christian und Felix Neureuther.
Nirgends wird die formende Kraft des Wassers erlebbarer als in einer Klamm. Die Einblicke in die Erdgeschichte machen demütig. Mehr als 300 000 Besucher zieht die Partnachklamm bei Garmisch-Partenkirchen jährlich an. Felix Neureuther hat eine besondere Beziehung zu ihr.
Licht bricht durch die Felsspalten, die Sonnenstrahlen bilden einen Kranz ähnlich einem Heiligenschein. Man sieht den Himmel nicht, denn die Wand ist überhängend. An der engsten Stelle, vielleicht einen Meter breit, hängt 15 Meter über den Köpfen der Besucher ein mannsgroßer Gesteinsbrocken, eingeklemmt zwischen den feuchtglänzenden Felswänden. Wie lange der da wohl schon festsitzt? Sollte er dereinst herunterfallen, er träfe mitten in die Partnach, die sich hier schäumend durch die Schlucht zwängt. Dünne Rinnsale rieseln von den Felsen senkrecht nach unten, je nach Blickwinkel bricht sich das Licht in den Wasserfäden, kleine Regenbogen entstehen.
An anderer Stelle sieht es aus, als hätte ein Künstler Lametta aus Wasser geformt, eine Installation mit überirdischer Anmutung. Man möchte sich mitteilen, den Begleitern die Schönheit preisen, doch das Brausen, Tosen und Dröhnen erstickt jedes Gespräch. Plötzlich weht ein eiskalter Wind feinste Wassertröpfchen durch die Luft, Gesicht und Hände werden vom Nebel bestäubt. Man spürt hier mit allen Sinnen, welch unbändige Kraft im Element Wasser steckt. Der Gedanke, man fiele über das Geländer in den aufgewühlten Gebirgsfluss und würde in Sekundenschnelle mitgerissen und unter Wasser gedrückt, lässt einen erschaudern. Bis zu 86 Meter tief hat sich hier das Wasser durch das Gestein gegraben, ein Prozess, der Tausende Jahre dauerte. Nach dem Rückzug des Eises vor circa 12 000 Jahren hatte die Partnach begonnen, sich in die harten Bänke des Alpinen Muschelkalks einzuschneiden. Diese zeitlichen Dimensionen führen vor Augen, wie klein und unbedeutend die menschliche Existenz ist. Wer sich auf den knappen Kilometer Weg durch die Felsschlucht am südlichen Ende von Garmisch-Partenkirchen macht, taucht in eine archaische Welt ein. Vor allem das mit Sand und Kies vermischte Schmelzwasser der Gletscher hat sich regelrecht in das Gestein gefräst. Schaut man sich die Felsstrukturen genauer an, erkennt man Ausbuchtungen, in denen das Wasser in früheren Zeiten Wirbel bildete. Wissenschaftler haben herausgefunden, dass in solchen Wirbeln Fließgeschwindigkeiten von bis zu 200 Stundenkilometern herrschten und hoher Druck. Das Gestein wurde rundgeschliffen.
In der Partnachklamm arbeitet das Wasser, nagt am Stein und gräbt sich immer tiefer in den Untergrund.
Jährlich lassen sich bis zu 300 000 Besucher vom Schlucht-Spektakel und der schäumenden Partnach verzaubern. Doch längst bevor Touristen in die faszinierende Welt der Klamm vordrangen, wurde sie zum Triften von Holz genutzt. Im 19. Jahrhundert erlaubten die Freisinger Bischöfe das Roden von Waldstücken im oberhalb gelegenen Ferchen- und Reintal. Das Wasserholz, wie man es im Gegensatz zu dem mit Pferdeschlitten transportierten Bergholz nannte, wurde im Frühjahr talwärts geschwemmt, wenn die Partnach durch die Schneeschmelze viel Wasser führte. Damit das Triften durch die enge Schlucht gelang, schnitten die Holzarbeiter die Stämme nach dem Fällen in Ein-Meter-Stücke. Dennoch kam es immer wieder vor, dass sich die Holzstämme ineinander verkeilten und an den Felsen aufschoben. Ein Holzer – meist traf es wegen der Gefährlichkeit der Mission Junggesellen – wurde dann auf einer Art Stuhl von oben in die Klamm abgeseilt und musste mit sogenannten Grieshaken den »Fuchs« lösen, also die Stämme wieder in Fahrt bringen, auf dass das begehrte Brenn- und Bauholz bis ins Tal geschwemmt wurde.
Ein verheerender Windwurf im Jahr 1885 im Einzugsgebiet der Partnach bereitete den Weg für die Erschließung der Klamm. Ein notdürftiger Durchgang wurde angelegt, um das Triften zu erleichtern. Arbeiter bohrten Eisenträger wenige Meter oberhalb des Wildflusses in die Felswände, darauf befestigten sie Bohlen. Auf diesem Triftsteig standen die Holzer und lenkten mit ihren Grieshaken die durch die Klamm treibenden Stämme. Mithilfe von in die Felsen gesprengten Tunneln und einem mit Seilgeländer gesicherten Steig wurde die Klamm für Besucher erschlossen und bereits im Jahr 1912 zum Naturdenkmal erklärt.
Ohne Wasser kein Leben auf der Höllentalangerhütte
Nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden Pläne, am oberen Ende der Klamm eine 110 Meter hohe Staumauer zu bauen und das Reintal in einen großen Stausee zu verwandeln. Der Strommangel war groß, deshalb wollte der Staat das Naturdenkmal in Wert umsetzen – und zerstören. Doch als das Vorhaben publik wurde, erhob sich ein Proteststurm. Einheimische, Naturschützer und Bergsteiger kämpften Seite an Seite, Unterschriften wurden gesammelt. 1949 wurden die Pläne schließlich fallen gelassen.
Kaum zu glauben, dass die schmale Partnachklamm einst zur Holztrift genutzt wurde.
1991 brachen 5000 Kubikmeter Stein aus einer Felswand am südlichen Ende der Klamm und versperrten den Durchgang. Durch den Felssturz entstand ein kleiner Stausee, den man ein Jahr später durch einen neu angelegten Stollen umging. Es war die Zeit, in der Felix Neureuther viele Wochen in der Wildenau unmittelbar unterhalb der Partnachklamm zubrachte. »Das war meine Kindheit, ich bin hier aufgewachsen«, sagt er. Wenn die Eltern bei Skirennen waren, lebte er bei der Familie der Haushälterin der Neureuthers in einem Fiaker-Haus. »Es war unbeschwert und wunderbar traditionell«, erzählt der frühere Skirennläufer. Mit Luis, dem sechs Jahre älteren Sohn Mariannes, habe er »wilde Sachen« gemacht. »Wir sind mit einem Schlauch eines Bulldogreifens die Partnach runter, haben gefischt und aus Schwemmholz Lager gebaut.« Bei der eisernen Brücke spannte Felix eine Slackline über die Partnach und balancierte ungesichert über den Fluss. Heute wäre das nicht mehr möglich, weiß er. Sicherheit geht vor.
2020 baute die Gemeinde die Partnachklamm nach den neuesten Sicherheitsstandards aus. Seit dem Jahr 2023 registrieren Bewegungssensoren an sensiblen Felsbereichen Gesteinsbewegungen im Bereich von einem Zehntelmillimeter. So kann die Kommune die Klamm rechtzeitig sperren und minimiert das Risiko, dass Besucher durch Steinschlag oder einen Felssturz verletzt werden.
Der Andrang ist in den Sommermonaten groß, die Besucherströme schlängeln sich durch die Klamm, ein An- und Innehalten ist kaum möglich. Im Winter aber, wenn mächtige Eiszapfen von den Felswänden hängen, die Steine im Flussbett Schneehauben tragen und das Wasser gemächlich gen Tal fließt, dann herrscht eine erhabene Stille in der Klamm. Es scheint, als wäre die Erdgeschichte für einen Moment eingefroren.
Sonnenaufgang am Weg zur Zugspitze. Nicht weit von hier speist der kleine Höllentalferner die Höllentalklamm mit Wasser.
Der Lech ist der letzte Wildfluss Österreichs; mittlerweile steht er mit seinen Uferstreifen unter Schutz. Rechts im Licht die Klimmspitze, flankiert von der Schwellenspitze.
Die meisten Flüsse der Alpen sind verbaut, begradigt und mit Wasserkraftwerken bestückt. Nur noch 14 Prozent befinden sich in einem guten ökologischen Zustand. Welch großen Schatz Wildflüsse für Mensch und Umwelt bedeuten, zeigt das Beispiel Tagliamento, der in den Karnischen Alpen entspringt und in die Adria mündet.
Ein bisschen verhält es sich mit dem Tagliamento wie mit einem raren Fund aus vorgeschichtlicher Zeit. Er wird wieder und wieder untersucht und begutachtet, auf dass sich Schlüsse ziehen lassen – stellvertretend für eine ganze Epoche. Der entscheidende Unterschied ist jedoch, dass der Tagliamento lebt. Sein Beispiel zeigt den Forschern, wie ein Alpenfluss sein kann, wenn man ihn nur lässt.
