"Das zweite Element" und "Die Empathin" - Kerstin Panthel - E-Book

"Das zweite Element" und "Die Empathin" E-Book

Kerstin Panthel

0,0
9,99 €

oder
Beschreibung

Pearl Fraser hatte bereits als Teenager verstörende Eindrücke, doch als zwei Männer in ihr Leben und das ihrer Schwester Raven treten, mehren sich die beunruhigenden Ereignisse. Während sie sich zu dem scheinbar besorgten aber dennoch stets distanzierten Bradley Thorne hingezogen fühlt, scheint dessen Halbbruder Dan Finley ein düsteres Geheimnis zu umgeben. Je mehr sie sich bemüht, Bradleys Zuneigung zu gewinnen, desto beunruhigter beäugt sie Dans Annäherung an Raven. Ohne zu wissen, woher ihre diffusen Ängste rühren, ahnt sie schließlich, dass auch Brad "anders" ist. Als sie endlich erkennt, dass sowohl sie als auch Raven in höchster Gefahr schweben, spitzt sich die Lage schlagartig dramatisch zu. Denn nicht Raven ist Dans Ziel ... * Sam - Samantha - ist ausgelaugt. Schon der hautnah erlebte Ansturm der Vampirjäger in Kanada kostete sie viel, nicht zu reden von all den darauffolgenden Ereignissen. Zudem bemüht, Licht in das Dunkel ihrer Zuordnugn zu bringen, muss sie einsehen, dass es die durch ihre Empathie erfassten Emotionen voller Dunkelheit und Angst sind, die ihr so zusetzen. Ausgerechnet als sich ihr völliger Zusammenbruch ankündigt, erhält sie erste Hinweise auf die ihr zugeordneten Vampire und steht bald darauf einem von ihnen persönlich gegenüber: Keith Moray, der vorgibt, ein "verlorener" Vampir der "abstinenten" Sorte zu sein. Ihr stellt sich jedoch die Frage, weshalb er ihre Bestrebungen anfeindet und keinerlei Interesse daran hat,, gemeinsam mit ihr nach seiner eigenen Herkunft zu forschen. Was also hat es mit ihm und der gewaltsam geschaffenen Vampirlinie der Frasers auf sich?

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0



Handlung, Namen und Personen der folgenden Geschichte sind frei erfunden; Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen und realen Handlungen sind unbeabsichtigt und rein zufällig.

„Der größte Missbrauch ist, wenn von der Macht sie das Gewissen trennt.“

W. Shakespeare, aus: Julius Cäsar (Uraufführung)

Inhaltsverzeichnis

Prolog

„Das zweite Element“

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

„Die Empathin“

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Prolog

Manchmal sind es winzige Details, die den Anstoß zu etwas Größerem geben, angefangen bei den unbeachteten, unbemerkt ablaufenden Randerscheinungen – den Automatismen – im menschlichen Verhalten, den immer wieder vorkommenden unbeabsichtigten menschlichen Fehlern und den Kleinigkeiten, aus denen sich das Leben unter anderem zusammensetzt. Dinge, von denen hin und wieder doch der restliche Tag oder beispielsweise die Umsetzung eines Vorhabens abhängt.

Dann sind da die Dinge, die man dagegen durchaus registriert, die man abwägt und aufgrund derer man anschließend eine Entscheidung trifft. Oft genug wird man sich jedoch erst rückblickend der Tragweite und Folgen seiner Entscheidungen bewusst und manchmal hängt sogar das Schicksal eines Menschen davon ab. Entscheidungen, die so unmaßgeblich schienen und die zuletzt doch solche Kreise ziehen …

Die andere Variante ist die, bei der man selbst keinen Einfluss darauf hat, was über einen hereinbricht – weil andere etwas getan, angestoßen oder entschieden und Ereignisse in Gang gesetzt haben, in die man ungewollt hineingerät. Oft fühlt man sich in solchen Fällen, als wäre man irgendwem ins Auge gefallen und könne sich dessen Aufmerksamkeit fortan nicht mehr entziehen.

Und nicht zuletzt: Man tut eigentlich einfach nur das, was man so oder ähnlich eigentlich schon hunderte von Malen getan hat, weicht also kaum, geschweige denn bewusst von seinem gewohnten Verhalten ab. Nur dass man dieses eine Mal einen Effekt auslöst, mit dem man niemals gerechnet hätte … Man ist zu dem Schmetterling geworden, dessen Flügelschlag woanders einen Sturm auslöst. Eine kleine Abweichung nur, und ein ganzes System kann vollständig und unvorhersehbar verändert werden!

Doch egal, was den Anstoß gab: Immer geht es um Ursache und Wirkung …

Kapitel 1

„Was ist los mit dir? Seit zwei Tagen hängst du nur in deinem Zimmer und redest kaum ein Wort mit irgendwem! Und wo ist Andy? Er lässt sich auch schon seit Tagen nicht mehr sehen!“

Raven hatte zwar geklopft, aber wie üblich nicht darauf gewartet, dass ich sie hereinbat. Meine ältere Schwester war die Einzige, die solche Dinge – zumindest unter Geschwistern – für unnötig hielt.

Ich lag zusammengerollt auf meinem Bett, die Decke bis ans Kinn gezogen, und starrte durch das Fenster nach draußen. Aus den feinen Regentröpfchen, die zuerst wie versprühte Gischt gewirkt hatten, waren inzwischen dicke Tropfen geworden; sie klatschten seit einer Dreiviertelstunde schon in Schwaden gegen die Scheibe.

„Mach die Tür von außen zu.“, antwortete ich und schloss die Augen, als ich ihr Schnauben hörte.

Das Unvermeidliche würde sowieso kommen. Und richtig: Sie schloss die Tür zwar, aber dann vernahm ich auch ihre leisen Schritte, als sie an mein Bett trat.

„Pearly? Was ist los? Du hast nicht mal gemeckert, als ich gestern dein Lieblingsshirt ohne zu fragen ausgeliehen habe! Na ja, nicht, dass mir das nicht recht gewesen wäre, aber normalerweise rastest du dann immer aus. Und Mum hat dich eben mehrfach gerufen – das Abendessen ist fertig. Dad isst heute nicht mit uns …“

„Raven, was an den Worten ‚mach die Tür von außen zu’ hast du nicht verstanden? Sag’s mir, damit ich es dir erklären kann und endlich meine Ruhe habe!“

Die Matratze bewegte sich, als sie sich neben mir darauf fallen ließ.

„Keine Chance, ich werde nicht aufhören, dich zu nerven! Du hast damit die Wahl, ob du es mir sofort erzählst oder ob ich dich erst noch zur Weißglut bringen soll, bevor du es mir sagst! Also?“

Ich fluchte lautlos und zog meine Beine noch ein wenig mehr an.

„Andy hat vorgestern Schluss gemacht! So, jetzt weißt du es und kannst zu Mum rennen, es ihr erzählen, damit sie auch noch hier oben aufkreuzt und mich bedauert! Bist du jetzt zufrieden?“

Schweigen. Dann, leise:

„Oh Pearl, das tut mir leid! Ich wusste ja nicht … Ich werde Mum nichts sagen, wenn du nicht willst.“

Ihre Hand zog mich am Arm zu sich herum und ich rollte genervt mit den Augen, bevor ich sie schweigend und herausfordernd anstarrte. Ihre rabenschwarzen Haare, die diese Farbe schon bei ihrer Geburt und ihr ihren Namen eingebracht hatten, rutschten ihr über die Schultern, als sie sich vorbeugte.

„Tu das nicht! Fühl dich wegen ihm nicht mies, Andy ist ein Vollidiot!“

„Danke, das hat mir jetzt unheimlich geholfen!“, grollte ich und drehte ihr wieder die Kehrseite zu. Das hieß, ich versuchte es, denn sie hielt mich sofort wieder fest und zog mich zurück auf den Rücken.

„Pearly, hör mir zu: Es tut mir leid! Ich habe zwar nie verstanden, was du an Andy fandest, aber ich habe nie etwas gesagt.“

Ich schnaubte.

„Na gut, ich habe manchmal schon was gesagt, aber … Himmel, er ist ein Vollidiot! Und wenn er jemandem wie dir den Laufpass gibt … Er hat dich gar nicht verdient und du solltest ihm nicht eine Minute nachtrauern!“

„Nein, er hat nur jemanden wie Reese verdient! Sie sind zusammen im Kino gesehen worden. Letzten Monat, als er keine Zeit für mich hatte. Und Reese ist ja nur der Schwarm aller Jungs auf der Highschool! Weißt du was? Lass mich alleine, okay? Ich komme schon klar, ich trauere ihm nicht nach.“

Wieder versuchte ich vergebens, mich auf die Seite zu rollen.

Sie strich mir meine langen, braunen Haare aus dem Gesicht.

„Was meinst du damit? Soll das heißen, er hat schon was mit ihr angefangen, als ihr offiziell noch zusammen wart? Verdammt, Pearl! Wie kannst du ihm so was …“

„Verdammt, Raven, hast du nicht zugehört? Ist dir noch nicht aufgefallen, dass ich nicht verzweifelt heulend hier liege? Ich habe erst vorgestern davon erfahren, nachdem er schon Schluss mit mir gemacht hatte! Es war nicht nur ein Kinobesuch, das wäre mir ja noch egal gewesen, aber Quinn und Lisa, zwei aus meinem Jahrgang, waren im gleichen Film. Lisa hat mitbekommen, dass Andy mit mir Schluss gemacht hat; sie kam kurz darauf zu mir und erzählte, die beiden haben an diesem Abend fast die ganze Zeit über rumgeknutscht. Sie war wohl der Ansicht, ich sollte wütend auf ihn sein oder so, damit ich weniger traurig wäre … Klar, er hat mir auch wehgetan, aber ich trauere ihm nicht nach.“

Ich stockte und presste die Lippen zusammen.

„Und? Was ist es dann?“

„Ist das nicht offensichtlich? Reese, die Makellose! Und daneben ich, die Versponnene! Er hat gesagt – und ich zitiere wörtlich: ‚Ich mag dich, aber ich glaube nicht, dass ich damit klarkomme, dass du eine Psycho warst.‘ Zitatende.“

Sie riss die Augen auf und hielt den Atem an. Als sie ihn wieder ausstieß, klang es wie ein Zischen.

„Er hält dir vor, dass du vor Jahren mal eine Therapie gemacht hast? Jeder zweite Amerikaner rennt zu irgendeinem Therapeuten! Wie kann dieser Mistkerl …“

„Weil noch lange nicht jeder US-Bürger, der zu einem Therapeuten geht, unter Halluzinationen litt und Stimmen hörte!“, murmelte ich genervt und drehte den Kopf so weit, dass ich an die Decke starren konnte. „Er fügte noch an, dass er keine Zukunft darin sehe, ständig darauf gefasst sein zu müssen, dass es wieder passiert!“

„Ich fasse es nicht! Du hast seit über zwei Jahren keine Probleme mehr damit! Pearl, du hättest ihm nicht mal davon erzählen brauchen – nicht, dass ich das nicht befürworte und der Ansicht bin, dass es jemandem, der dich wirklich mag, nichts ausmachen sollte, aber … Er lohnt Offenheit in einer Beziehung mit deren Abbruch? Wer so was tut, hat dich nicht verdient, Schwesterchen! Und wenn er schon was mit einer anderen hatte, dann ist das nur eine faule Ausrede.“

Wir hörten beide die verärgerte Stimme unserer Mutter, die jetzt ankündigte, das Essen in längstens zwei Minuten in die Mülltonne zu verfrachten. Sofort erhob sie sich und winkte ab.

„Lass nur, ich sage ihr, du hast keinen Hunger. Ist doch so, oder?“

„Ja.“, grummelte ich und setzte ein leises „Danke.“ nach.

„Schon gut. Ich komme gleich noch mal rein, dann können wir überlegen, was wir morgen Abend machen. Freitag und der Abend gehört ganz uns!“

„Sei mir nicht böse, aber ich habe jetzt keine Lust, mich in irgendwelche Unternehmungen zu stürzen. Ich will einfach nur meine Ruhe haben. Und außerdem muss ich früh aufstehen; ich helfe morgen wieder bei Mrs. Simms im Laden, ich brauche die Kohle.“

Endlich von ihrem Griff befreit drehte ich mich wieder auf die Seite.

„Freitags früh? Ich denke, du bist nur montags und donnerstags nachmittags dort.“

„Ich hab Ferien, da kann ich öfter kommen …“, erwiderte ich müde.

Sie seufzte.

„Ich schaue trotzdem nachher noch mal rein … Schlag dir Andy aus dem Kopf, er ist es nicht wert!“

„Der ist schon raus aus meinem Kopf und ich sehe keinen Grund zur Selbstverstümmelung!“, erwiderte ich. „Hab ich von Spock gelernt, ich gehe also logisch an die Sache ran.“

„Ich hätte nie gedacht, sowas mal über deine Trekkie-Leidenschaft zu sagen und streite die folgenden Worte auch ab, sobald sie über meine Lippen gekommen sind, aber: Spock ist ein schlaues Bürschchen! Richtig so!“

Die Tür öffnete und schloss sich und ich konnte hören, wie sie die Treppen hinunterlief und kurz darauf die Küchentür laut zufiel.

Die Tropfen am Fenster wurden langsam wieder kleiner und als der Regen nach weiteren zehn Minuten endgültig aufhörte und die Wolkendecke aufriss, hingen sie im Sonnenlicht glitzernd und funkelnd am Glas. Wie hunderte von Tränen, die jemand vergossen hatte.

Ich ging tatsächlich kühl und logisch an diese Sache heran, denn ich weinte nicht. Nur: Wieso weinte ich nicht? Vor zwei Tagen hatte mein Freund, mit dem ich fast sechs Monate zusammen gewesen war, unsere Beziehung beendet. Normal wäre, haufenweise Taschentücher zu verbrauchen, tonnenweise Eis und Schokolade in mich reinzuschaufeln und alle möglichen Freundinnen anzurufen, damit sie mich trösten und kollektiv über Jungs im Allgemeinen und Andy im Speziellen herziehen würden. Aber nach keinem dieser Dinge stand mir der Sinn, es war eher so, als ob ich das alles aus einer weit von mir selbst entfernten Perspektive betrachten würde. Von irgendwo, wo es mich nicht wirklich verletzte.

Ich sah auf die Uhr, warf die dünne Decke von mir und öffnete das Fenster, um die jetzt feuchtwarme Luft hereinzulassen. Dann kramte ich mein altes ‚Eintritt verboten!’-Schild, das ich immer noch zwischen meinen Büchern aufbewahrte, hervor, hängte es von außen an die Tür und drehte nach kurzem Überlegen sogar den Schlüssel im Schloss um. Zur Krönung des Ganzen durchwühlte ich den Karton mit meinen CDs und erst als laute Musik durch mein Zimmer wummerte, war ich zufrieden. Auf diese Weise würde ich wenigstens heute Ravens Fragen und Ratschlägen entgehen können. Morgen war ein neuer Tag.

„Miss Fraser, würden Sie nach den Keksen sehen? Sie dürften jetzt so weit sein.“

Ich wischte meine Hände an der blauen Schürze ab und richtete mich auf.

„Klar. Soll ich sie gleich in die Auslage bringen?“

„Ja, es sind kaum mehr welche da … So, Mr. Krebbs, hier ist ihr Wechselgeld. Ich hoffe, ihr Thunder mag diese Leberplätzchen!“

Ich konnte durch die offene Tür hören, wie der Angesprochene sich bedankte und versprach, Bescheid zu geben.

Aus dem Backofen, in dem Plätzchen in Knochen-, Hundehütten-, Pfoten- und Herzform aufgereiht auf ihren Blechen lagen, strömte ein seltsamer Duft, als ich die Tür öffnete und die ‚Köstlichkeiten‘ vorsichtig in den mitgebrachten Behälter rutschen ließ. Ein paar waren am Rand ein wenig dunkel, aber Mrs. Simms hatte mal wieder ohne die Uhr zu beachten den richtigen Zeitpunkt abgepasst. Als der Timer jetzt rasselte, war ich längst wieder mit dem Nachschub unterwegs nach vorne.

„Sie sind gut geworden.“, befand ich und platzierte sie zwischen den diversen anderen Leckereien, die so appetitliche Dinge wie Pansen, Leber oder ähnliche Innereien enthielten.

„Mr. Krebbs hatte Thunder diesmal gar nicht dabei!“, fügte ich an.

Sie schüttelte den Kopf.

„Er ist bei meinem Sohn in der Praxis. Ein eingetretener Dorn oder so, der sich entzündet hat.“

Ihr Sohn war einer der ortsansässigen Tierärzte – und sie ergänzte die ‚tierische Versorgung’ mit ihrem jetzt schon seit Jahren erfolgreichen Laden, in dem sie fast ausschließlich selbst zubereitete Hunde- und Katzennahrung verkaufte. Ich half ihr normalerweise an zwei Nachmittagen im Laden aus, packte an, wo immer ich gebraucht wurde, und war jetzt froh, dass ihre Angestellte vor einer Woche ihre Arbeit wegen ihrer bald bevorstehenden Entbindung vorläufig unterbrochen hatte; es gab mir Gelegenheit, mein Taschengeld noch etwas mehr aufzubessern. Mein Auto, ein alter Polo, dem die Nostalgie aus so manchem rostigen Fleck leuchtete, hatte einen neuen Auspuff und neue Bremsbeläge nötig. Danach würden Auspuff und Bremsbeläge wahrscheinlich nur noch ein neues Auto benötigen …

„Danke. Wenn ich Sie nachher wieder etwas früher nach Hause schicken würde, würden Sie diese Schachtel mit Futter bei Mrs. Shoemaker vorbeibringen? Für Sie läge es auf dem Weg und ich müsste nicht extra fahren …“

„Die Katzenlady? Klar! “

Sie nickte und wischte etwas umständlich über die Theke, um ein paar unsichtbare Krümel zu beseitigen.

„Sie hat mittlerweile acht Katzen, weil sie sie nicht vermittelt bekommt … Haben Sie kein Interesse?“

Ich lächelte unverbindlich. Diese Frage kam wenigstens einmal pro Woche.

„Ähm … Ich bin eher der Hundetyp, wissen Sie, aber für einen Hund fehlt mir die Zeit.“

Schnell hockte ich mich wieder hinter meinen Teil der Theke und fuhr fort, fertig abgepackte Tütchen aus durchsichtigem, knisterndem Cellophan nach oben in die jetzt sauber ausgewischte Glasvitrine zu räumen.

„Ja, das sagten Sie …“

Die Türglocke ging und sie war abgelenkt, sodass ich schnell nach hinten verschwinden und die Bleche säubern konnte. Und als ich etwa eine Stunde später die Schürze auszog und Tasche und Schlüssel schnappte, schob sie mir schon mit einem dankbaren Lächeln eine vollgepackte Pappschachtel entgegen.

„Hier. Wir sehen uns dann am Montagnachmittag. Und danke!“

„Kein Problem.“, murmelte ich und verließ den Laden, den nicht gerade leichten Karton ausbalancierend.

Ich hatte schon öfter kleinere oder größere Lieferungen zu Mrs. Shoemaker gebracht. Sie war eine ältere, verwitwete Dame, die nur noch auf ihre Gehhilfe gestützt laufen konnte; Katzenfindlinge zu versorgen war ihr Lebensinhalt. Zwar wohnte ihr Sohn ebenfalls in Bennington und hätte ohne Weiteres mit seinem Wagen am Laden halten können, um die Futtervorräte mitzunehmen, aber offenbar hatte er ein Problem mit ihrer Tierliebe. Sie bedankte sich sicher zehnmal bei mir, drückte mir ein kleines Trinkgeld in die Hand und lächelte, als ich drei ihrer Katzen, die mir sofort um die Beine strichen, streichelte.

„Sie mögen Sie, Miss Fraser! Daran erkennen Sie, ob ein Mensch etwas taugt. Es gibt keine ehrlicheren Geschöpfe als Tiere. Sie lügen nie: Entweder sie mögen dich oder sie machen einen Bogen um dich … Die Rote ist mein jüngster Zugang. Sie wurde schwer verletzt gefunden und zu Doktor Simms gebracht; alles ist gut verheilt, aber man kann noch sehen, wo das Fell erst langsam nachwächst. Für sie habe ich schon jemand Neues, ein junges Paar, das sie nach ihrem Urlaub zu sich holen wird. Oh, und die Schwarze da ist Snowwhite und die mit dem immer etwas zerrupft aussehenden Fell ist Fuzzy. Sie ist für gewöhnlich die Stürmischste von allen. Seltsam genug, dass sie sich von Ihnen so lange und ausgiebig kraulen lässt … Hätten Sie nicht doch Interesse?“

Ich richtete mich auf und schüttelte lächelnd den Kopf, um ihr dann das Gleiche zu sagen, das ich jedes Mal auch Mrs. Simms antwortete. Zuletzt nickte ich ihr noch einmal höflich zu, wünschte einen schönen Abend und ging zurück zu meinem Auto.

„Danke nochmals! Und grüßen Sie Mrs. Simms von mir!“

„Mach ich!“, rief ich, warf die knarrende Tür zu und war froh, als der Fahrtwind mein Gesicht ein wenig kühlte. Den Luxus einer Klimaanlage suchte man in meinem Wagen vergebens. Es war wieder ziemlich schwül gewesen heute und als ich endlich vor unserem Haus in Woodford hielt, seufzte ich erleichtert auf – um sofort noch einmal zu seufzen, diesmal genervt.

Raven saß wartend auf der Treppe zur Haustür in der Abendsonne, nach hinten gelehnt und beide Ellenbogen auf der obersten Stufe aufgestützt. Als sie mich kommen sah, richtete sie sich auf, verschränkte die Arme, schlug die Beine übereinander und wippte ungeduldig mit dem Fuß.

„Hi! Machst du jetzt auch noch Überstunden? Und glaub bloß nicht, dass du mir heute entkommst! Die Nummer gestern mit der Musik war echt bescheuert. Total kindisch!“

„Weil du kein Nein akzeptieren kannst, Raven. Ich habe dir gesagt, ich will meine Ruhe haben und wenn ich dich anders nicht aus meinem Zimmer heraushalten kann …“

Ich stieg über ihre jetzt ausgestreckten Beine und schloss die Haustür auf. Sie war sofort hinter mir und schob die Tür hinter uns zu.

„Hör mal, du bist meine kleine Schwester und ich will dir nur helfen! Ich weiß schließlich, wie das ist, wenn man den Laufpass bekommt. Sean hat mich nach zwei Jahren abgeschoben …“

„Und jetzt glaubst du, das ist das Gleiche?“

Ich zog meine Schuhe aus und sah sie an. Dann bemerkte ich ihren Gesichtsausdruck und schluckte.

„Tut mir leid … Andy und ich waren mal eben ein paar Monate zusammen. Raven, ich komme klar damit. Echt, ich weine ihm keine Träne nach, aber ich werde mir zukünftig zweimal überlegen, wem ich was anvertrauen werde. Oder mit wem ich noch mal was … anfange. Und jetzt will ich duschen und was essen. Sind Mum und Dad schon da?“

„Die sind schon wieder fort. Sie wollen bowlen und anschließend essen gehen. Oder umgekehrt, ich hab nicht so genau zugehört.“

Sie lief hinter mir her die Treppe hinauf und verfolgte mich sogar bis in mein Bad.

„Überleg es dir noch mal. Es ist Freitagabend! Ich will mit ein paar Leuten was unternehmen – komm mit! Es gibt nichts Besseres gegen Liebeskummer, als sich sofort wieder ins volle Leben zu stürzen.“

„Heute stürze ich mich nirgendwo mehr rein. Allenfalls nach dem Duschen noch ein bissen in die spätabendliche Sonne, ich bin viel zu blass. Und jetzt mach schon, dass du verschwindest, die anderen warten sicher schon.“

Sie verzog das Gesicht und sah mit einem Mal richtig besorgt aus.

„Pearl, ich bin nicht blöd. Ich weiß, ich nerve dich, aber ich will dir wirklich nur helfen!“

Ich beförderte meine Hose in die Wäsche und stieß den Atem aus.

„Ich weiß. Ich weiß! Aber die Sache ist die: Ich habe keinen Liebeskummer!“, dehnte ich betont. „Ich bin … wütend auf ihn! Und enttäuscht, weil ich mehr von ihm erwartet hätte und ihn falsch eingeschätzt habe, aber ich hab seltsamerweise keinen Liebeskummer! Und was sagt uns das? Vermutlich, dass ich irgendwie wohl doch schon gewusst hab, dass Andy der Falsche ist, denn sonst wäre ich jetzt am Boden zerstört. Aber da ist nichts weiter als eine riesengroße Enttäuschung – und mit der komme ich klar! Ich werde ihm keine Träne nachweinen, verstehst du? Kann natürlich auch sein, dass bei mir im Kopf tatsächlich irgendwas nicht richtig rundläuft und deshalb hab ich ein, zwei Tage nur für mich haben wollen, um das erst mal selbst auf die Reihe zu kriegen. Danke also für dein Angebot, aber es ist absolut unnötig!“

Ich hatte während meines geistigen Ergusses meinen langen Zopf geöffnet und die verschwitzen Klamotten ausgezogen, sodass ich jetzt in meiner Unterwäsche dastand und sie abwartend ansah. Sie hatte mit leicht geöffnetem Mund und erstaunt hochgezogenen Augenbrauen schweigend zugehört und stieß jetzt mit einem kleinen Geräusch die Luft aus.

„Das hätte ich nicht vermutet! Ich meine … Na ja, irgendwie ist es ja vielleicht besser … Aber wie fühlst du dich denn dann jetzt damit?“

„So wie man sich fühlt, wenn man nach sechs Monaten so was gesagt bekommt! Was willst du hören? Ich kann dir nicht sagen, wie ich mich fühle, weil ich immer noch wütend auf ihn bin. Vielleicht ändert sich das ja noch, so reich ist mein Erfahrungsschatz schließlich nicht.“

Sie nickte, dann lächelte sie entschuldigend.

„Okay.… Pearl?“

„Ja?“, seufzte ich.

„Versprichst du mir was?“

„Was?“, fragte ich misstrauisch.

„Wenn ich dir helfen kann, dann sagst du es mir! Ich möchte dich nur mal wieder lachen sehen … Und du willst wirklich nicht mitkommen?“

„Du hättest Zoologin werden sollen!“, stieß ich schnaubend hervor und schob sie vor mir her aus dem Bad.

„Was?“

„Na ja, offenbar plagst du dich gerne mit ausgefallenen zoologischen Problemen herum, denn du kriegst eher ein Kamel durch ein Nadelöhr, als mich heute noch zum Ausgehen bewegt! Also hau schon ab.“

Sie kicherte.

„Okay, das klingt schon eher nach meiner kleinen Schwester! Also gut, wenn du meinst … Dann mach dir noch einen schönen Abend. Krieg ich deine Sandalen?“

„Nein!“

„Danke!“

Kopfschüttelnd schloss ich die Tür hinter ihr und atmete erleichtert auf, als ich endlich unter die Dusche steigen konnte.

Die Gelegenheit, einen ganzen Abend alleine zu Hause sein zu können, war eine seltene Kostbarkeit. Immer war irgendjemand da – und wenn nicht, konnte man davon ausgehen, dass wenigstens ein Familienmitglied nicht weit war oder gleich zurückkehren würde. Die Stille im Haus war daher allumfassend als ich nach einer halben Stunde mit noch feuchten Haaren und nur in Top und kurzen Hosen wieder nach unten ging. Nachdem ich mir lustlos ein wenig Obst und ein Schälchen mit Quark genommen hatte, war es fast wie eine Andacht, als ich die Hintertür öffnete und mich damit auf einen der beiden Liegestühle warf. Tatsächlich war ich froh, noch ein paar Sonnenstrahlen abzubekommen, denn sie würde schon bald genug hinter den Bäumen verschwunden sein.

„Nicht zu fassen!“, murmelte ich glücklich, biss in einen Apfel und schloss die Augen.

Dann hob ich mit einem Arm meine Haare über die Kante der Liege, sodass sie ausgebreitet etwas schneller trocken konnten.

Auch bei mir war es eigentlich meine Haarfarbe gewesen, die mir zu meinem Namen verholfen hatte. Sie waren bei meiner Geburt von einem derart hellen Blond, dass sie nach Ansicht meiner Mum fast wie Perlweiß gewirkt hatten. Pearl. Nur, dass sie mir schon bald, wie bei vielen Babys der Fall, nach und nach ausgefallen waren und die neuen Haare die Farbe aufwiesen, die sie bis heute behalten hatten: Braun. Meine Augenfarbe war wie die von Raven braun, wir hatten sie beide von Dad geerbt.

Mum fiel daher in unserer Familie derart aus dem Rahmen, dass niemand sie für unsere Mutter hielt: Sie war blond, klein und auffallend energisch – wenn sie wollte! Ein kleines Energiebündel. Ihre Augen waren strahlend blau und wenn man Dad zuhörte, dann waren sie es, die ihm an ihr zuallererst aufgefallen waren. Er war derjenige in der Familie, der für unsere dunklen Haare und Augen gesorgt hatte, denn er besaß einen dichten, wuscheligen, glänzend schwarzen Haarschopf. Ein Rabenvater, wenn man zu Wortspielereien neigte. Was ich natürlich nicht tat!

Träge überlegte ich, ob ich die Zeit zum Lesen nutzen sollte, aber ich war sogar zu faul, aufzustehen und mir ein Buch oder eine Zeitschrift zu holen. Dann dachte ich darüber nach, ob ich nicht besser etwas Sonnencreme auftragen sollte, aber als ich blinzelnd feststellte, dass die Schatten langsam ohnehin länger wurden und mich bald erreichen würden, ließ ich auch das bleiben.

Und dann dachte ich an Andy. Er war wie ich in der Zwölften. Nein, er würde wie ich nach den Ferien in die Zwölfte kommen. Andy J. Billings. Einsdreiundachtzig, dunkelblond, leidenschaftlicher Volleyballspieler. Ich sollte noch hinzufügen, dass er durchaus gut aussah, wenn auch seine Oberlippe im Vergleich zu Unterlippe ein wenig schmal ausgefallen war, was ihm ständig etwas Schmollendes gab. Vor rund sechs Monaten hatte er angefangen, sich für mich zu interessieren, und ich war anfangs mehr aus Neugier mit ihm ausgegangen. Dann hatten sich unsere Dates gehäuft und ich fand Gefallen daran: Es war … eine Abwechslung, mit ihm etwas zu unternehmen. Irgendwann war es schön, von ihm geküsst zu werden, seine Hand zu halten, meine spärliche Freizeit mit ihm zu teilen …

Aber wenn ich jetzt wie auch in den letzten beiden Tagen auf die vergangenen Monate zurückblickte, erkannte ich, dass ich alles stets auch wie von mir selbst losgelöst erlebt hatte. Ich war zwar diejenige, die mit ihm eine Pizza teilte oder die es genoss, wenn er seine ausschließliche Aufmerksamkeit mir widmete, wenn wir zusammen waren, die irgendwann vor wenigen Wochen auch erste Zärtlichkeiten mit ihm ausgetauscht hatte, aber auch diejenige, die nicht zu mehr bereit gewesen war. Die ganze Zeit über hatte ich mir dabei immer auch selbst über die Schulter blicken können, so als ob ich erstaunt dabei zusehen würde. Und ich war nie ganz ich selbst gewesen, wenn ich mit ihm zusammen war! Immer war da etwas, was von mir fehlte, was ich ihm vorenthielt. Ich gab mich anders, wenn wir zusammen waren, und ich wollte mich nicht länger verbiegen und verstellen.

Letzten Monat dann – kurz nach dem Abend, den er mit Reese im Kino verbracht hatte – hatte ich beschlossen, dass unsere Beziehung an einem Wendepunkt angelangt war, an dem sich entscheiden würde, ob er auch mit der ganzen Pearl zurechtkam. Ich hatte versucht, ihm das alles zu erklären, hatte ihm gesagt, dass ich Volleyball eigentlich nicht mochte und am Wochenende gerne einfach mal nur zu Hause rumgammeln würde, anstatt etwas zu unternehmen. Ich versuchte, ihm beizubringen, dass ich mehr Zeit brauche, sowohl für mich selbst, als auch im Voranschreiten unserer Beziehung – und ich hatte ihm von meiner Therapie erzählt. Von meinen eingebildeten Stimmen. Aber auch davon, dass diese irgendwann wieder vollkommen verschwunden waren und ich nicht mal irgendwelche Medikamente benötigt hatte. Viele Sitzungen, ja, viele Gespräche und einen gewissen Kampf mit mir selbst, dem ich heute allerdings auch meine Selbständigkeit und Konsequenz verdankte. Es war eine Phase während meiner Pubertät gewesen, mehr nicht. Die Therapie war längst beendet.

Doch ich würde niemals seinen Gesichtsausdruck vergessen, als ich es ihm erzählte. Er hatte nicht wirklich verbergen können, was er davon hielt, hatte es vor drei Tagen auch nicht mehr länger verbergen wollen!

… und es kratzte an meinem ohnehin nicht sehr ausgeprägten Selbstbewusstsein, dass er von mir ausgerechnet zu Reese Kirby gewechselt war!

Stirnrunzelnd entschied ich, dass ich für heute auch keine Lust mehr hatte, über Andy nachzudenken. Ruhe und Frieden!

Die Gelegenheit, alle meine verschwundenen Klamotten wieder einmal aus Ravens Kleiderschrank zu holen! Morgen würde ich ein dickes Vorhängeschloss für meinen Schrank besorgen.

Als ich am nächsten Morgen zum Frühstücken nach unten kam und die Küche betrat, war ich nicht weiter verwundert, Dad alleine dort vorzufinden. Das war etwas, was ich mit ihm gemeinsam hatte: Er und ich waren die Frühaufsteher in unserer Familie und ich genoss es durchaus, wenn wir morgens eine Weile für uns waren. Oft genug saßen wir aber auch nur schweigend zusammen, keiner von uns musste jede Minute mit Fragen und Antworten füllen.

„Morgen! Schläft Mum noch?“

„Morgen … Allerdings! Ich glaube, sie hat gestern Abend mit ihrem einzigen Bier ein Bier zu viel erwischt. Aber das hast du nicht von mir!“, warnte er mit einem Blick von unten herauf.

„Ehrensache!“, grinste ich.

Es gehörte erfahrungsgemäß nicht viel dazu, bis Mum angeheitert war. Sie vertrug keinerlei Alkohol und schon ein einziges Glas richtete hin und wieder so einiges bei ihr an.

„Was hat sie gestern angestellt?“, war deshalb meine nächste Frage, während ich mir ein Schälchen mit Müsli füllte und Milch hinzufügte.

„Hmpf! Sie hat mich in eine Karaokebar abgeschleppt und darauf bestanden, mit mir ein Lied von Sonny Bono und Cher zu singen: ‚I got you, babe’!“

Ich kicherte, doch als ich seinen Blick auffing, wurde ich schnell wieder ernst.

„Nein!“, dehnte ich betont entsetzt. „Das übertrifft ja sogar noch die Sache, als sie die Polizei rief, weil sie dachte, jemand habe ihren Mann niedergeschlagen und wolle jetzt bei uns einbrechen!“

Ein Grunzen ertönte.

„Ich hatte mich ausgesperrt, okay? Ich hatte vergessen, das Garagentor zu schließen, und hatte mich ausgesperrt!“, knurrte er. „Ich bin fast erfroren! Und seitdem bekommt sie keinen Champagner mehr, der wirkt verheerend auf ihre Synapsen!“

Ich presste die Lippen zusammen und sah ihn an. Dann prustete ich laut und fing seine Serviette gerade noch rechtzeitig auf, bevor sie in meinem Schälchen landete.

Er murmelte noch etwas Unverständliches und widmete sich dann wieder seiner Zeitung.

Ich war gerade fertig mit dem Frühstück, als Raven gähnend in die Küche schlurfte und ein kaum verständliches „Morgen!“, nuschelte. Ihr erster Weg führte zur Kaffeemaschine, und dann setzte sie sich praktischerweise gleich daneben auf die Arbeitsfläche und blies geräuschvoll in ihre Tasse.

„Und? Wie war der Abend?“, fragte ich und musterte ihre ungekämmten Haare, die ihr Gesicht fast vollständig verdeckten.

„Hmhm!“, war die ganze Antwort.

Vor der ersten Tasse Kaffee würde keine ihrer Antworten mehr als zwei Silben enthalten, aber es machte mir heute viel zu viel Spaß, sie zu reizen. Sie war von uns beiden der Morgenmuffel.

„Aha! Und wo seid ihr gewesen?“

„Weg!“

„Dann hab ich ja wohl nichts verpasst, oder?“

Sie warf mir einen finsteren Blick zu und nippte an ihrer Tasse.

„Doch!“, grummelte sie, gähnte ausgiebig und schob sich dann die wirren Haare aus dem Gesicht … was einen deutlich sichtbaren Stempel auf ihrer Stirn enthüllte!

„Ähm … Raven?“

„Was?“, knurrte sie.

„Och, nichts weiter! Aber wie mir scheint, hat dich gestern jemand abgestempelt. Kann das sein?“

Sie musterte ihren Handrücken.

„Eintrittsstempel!“, murmelte sie und nippte erneut an ihrem Kaffee.

Vier Silben! Eine Steigerung um hundert Prozent!

„Den meine ich nicht. Ich rede von dem, der auf deiner Stirn prangt! Entweder hast du keinen Platz mehr auf deinen Händen gehabt, dass sie ihn dir vor den Kopf gehauen haben, oder …“

Erschrocken fuhr sie sich mit den Fingern über die Stirn und betrachtete dann ihre Fingerspitzen. „Echt? So ein Mist! Das Zeug ist doch kaum wegzukriegen! Ich muss auf meiner Hand gelegen haben … Und ich wollte heute … So ein blöder …“

Sie rutschte vom Schrank, stellte ihre halb geleerte Tasse fort und huschte eiligst Richtung Tür.

„Raven? Du hast heute deinen persönlichen Rekord aufgestellt! Drei ganze und zwei angefangene Sätze – und noch vor der ersten Koffeineinheit! Wow!“

„Hmpf!“, machte sie und verschwand.

„Werde ich es noch erleben, dass ihr euch erwachsen benehmt?“, fragte Dad hinter seiner Zeitung hervor und faltete sie dann zusammen. „Oder ist das etwas, das mit euren beiden X-Chromosomen zusammenhängt? Eure Mum hat das auch schon mal hin und wieder.“

„Ähm … Nein und ja, würde ich sagen! Und lass sie das nicht hören! Du bist rein chromosomentechnisch in diesem Haushalt hoffnungslos unterlegen, Dad!“

„Ja, das habe ich auch schon festgestellt. Und als weises Y-Chromosom werde ich mich jetzt nach draußen begeben und den Rasen mähen. Wenn ich eure Mum damit immer noch nicht wach kriege, dann steht fortan auch Bier auf der roten Liste!“

Ich grinste und sah ihm nach, als er durch die Hintertür nach draußen verschwand. Dann erhob ich mich ebenfalls, räumte mein Geschirr in den Spüler und lief nach oben, um Raven Dads Hobel für ihre Stirn zu empfehlen.

„Du hast echt was verpasst!“, versetzte sie und rubbelte mit einem nassen Lappen an ihrer schon hochroten Stirn herum. „Ich habe einen wahnsinnig tollen Typen kennengelernt! Er ist der Hammer, sag ich dir! Wir waren ziemlich spät noch Sushi essen und wollten gerade gehen, als ich in der Tür in ihn reingerannt bin. Er war unglaublich! Richtig muskulös wie ein Spitzensportler und mehr als einen halben Kopf größer als ich. Du hättest sein Lächeln sehen sollen, als ich mich bei ihm entschuldigt habe! Und erst seine Augen! Ein richtig tiefes und dunkles Blau, das manchmal – je nachdem, wie das Licht war – fast schwarz zu werden schien!“

Sie hörte auf zu schrubben und sah mich im Spiegel an. „Pearl, ich schwöre dir, ich habe noch nie solche Augen gesehen! Ich hab jedes Mal richtig weiche Knie bekommen, wenn er mich ansah!“

„Aha …“ entgegnete ich.

„Sein Name ist Dan. Dan Finley. Und wir sind für heute Abend verabredet. Das heißt, ich muss unbedingt dieses blöde Zeugs von meiner Haut kriegen!“

„Du bist mit ihm verabredet?“, fragte ich erstaunt und lehnte mich in die Türlaibung.

„Ja! Himmel, du hättest ihn erleben sollen! Er hat innerhalb kürzester Zeit alle um den Finger gewickelt und sich uns dann angeschlossen; eigentlich wollten wir gar nicht so lange wegbleiben …“

„Das muss ja ein echter Wunderknabe sein.“, murmelte ich.

Sie hielt inne, offenbar selbst verdutzt.

„Ja, Pearl, irgendwie ist er das. Ich bin jetzt seit mehr als einem halben Jahr solo und er ist seit Sean der erste Mann wieder, der mir dieses Kribbeln in der Magengegend beschert. Glaub mir, wenn du ihn siehst … Ich hatte echt Herzklopfen!“

„Wow! Das klingt ernst.“

„Weiß ich nicht. Aber … ich bin ganz und gar nicht abgeneigt, ihn näher kennenzulernen! Er ist neu hier in der Gegend und ist eigentlich nur in die Sushibar gegangen, weil er wie wir spät noch Hunger bekommen hat. Er war längere Zeit im Ausland und ist auf der Suche nach einer Wohnung oder einem kleinen Haus hier in der Gegend … Ich sollte ihn fragen, ob er noch einen Bruder, einen Freund oder einen Cousin hat, dann könnten wir zu viert …“

„Untersteh dich! Im Ernst, Raven, wenn ich dahinterkomme, dass du eine solche Bemerkung …“

„Keine Angst! Ich weiß, dass du so kurz nach Andy noch nicht bereit bist für etwas Neues, ich wollte dich nur ein wenig ärgern. Schau mal: Sieht man noch was?“

Ich betrachtete eingehend ihre hochrote Stirn.

„Ich weiß nicht … Frag mich noch mal, wenn deine Haut wieder eine normale Farbe angenommen hat. … Okay, du triffst dich also heute Abend mit ihm. Was habt ihr vor?“

„Weiß noch nicht. Zunächst einmal zeige ich ihm wohl ein wenig von Bennington und dann sehen wir weiter. Kann ich deine neue Bluse haben? Die Ärmellose. Da passt mein helles Top gut zu und mein Rock.“

Ich verdrehte stöhnend die Augen.

„Bitte! Ich wasche und bügele sie dir auch wieder!“

„Das ist ja wohl das Mindeste! Und wehe, du ruinierst sie mir! Ich hab sie noch nicht mal selbst getragen!“

„Ehrenwort! Ich werde sie hüten, als ob sie meine eigene wäre!“

„Was immer das bedeuten mag!“, grummelte ich und ließ sie dann alleine.

Auf dem Flur begegnete mir dann meine verschlafen gähnende Mum, die offenbar tatsächlich vom Geknatter des Rasenmähers geweckt worden war.

„Das zahle ich ihm heim! Es ist Wochenende und erst kurz nach Mitternacht! Wieso muss dein Vater ausgerechnet zu nachtschlafender Zeit die Wiese einem Radikalschnitt unterziehen? Alles, was lauter ist als eine Nagelschere, ist zu diesem Zweck nicht zulässig! Guten Morgen, Liebes …“

Sie strich mir im Vorübergehen kurz mit der Hand über die Wange und trottete dann an mir vorbei. Eine Antwort erwartete sie überhaupt nicht, sie fuhr sofort damit fort, weiter leise auf Dad zu schimpfen und ich vernahm lächelnd Worte wie ‚Nimm dich in Acht, eines Morgens …’ und ‚Ich verschrotte den Rasenmäher, dann kannst du meinetwegen ein Schaf über die Wiese schieben’. Dann war sie die Treppe nach unten gewankt, um sich ihre Ration an Kaffee zu holen.

Ich ging zurück in mein Zimmer, zog mich an und holte dann seufzend meine neue, weiße Bluse aus dem Schrank, um sie Raven an die Tür zu hängen. Mein Kleiderschrank hatte gestern Abend noch eine erstaunliche Füllstands- und Gewichtszunahme erfahren, denn im Laufe der Zeit hatte fast die Hälfte meiner Klamotten ihren Schrank bis zum Bersten gefüllt – sie hütete meine Sachen tatsächlich, als ob sie ihre eigenen wären. Ich sollte wirklich ein Schloss anbringen.

Als ich anschließend die Küche wieder betrat, war Mum mit ihrem Kaffee nach draußen gegangen und verwickelte soeben Dad gestenreich in eine laut geführte Unterhaltung. Dad weigerte sich offenbar standhaft, den Motor auszustellen, und so lief sie abwechselnd gestikulierend hinter ihm her und hielt er kurz inne, um eine Erwiderung zu geben. Aber seiner Miene nach zu urteilen war er eher erheitert als verärgert oder ungeduldig. Nach über zwanzig Jahren Ehe kannte er seine Frau … und wie er brach ich in Gelächter aus, als sie ihn und den Mäher zuletzt eiligst umrundete und sich in demonstrativem Protest der Länge nach vor ihm auf die Wiese legte, eine finstere Miene ziehend und mit Mühe ihre Tasse ausbalancierend.

Das Läuten an der Haustür entging ihnen dadurch jedoch und ich beeilte mich, die Tür zu öffnen. Und hielt erstaunt den Atem an. Vor mir stand offenbar dieser Dan – zumindest der Beschreibung nach konnte er es sein. Auffallend dunkelblaue Augen, durchtrainiert und einen halben Kopf größer als Raven oder ich.

„Dan Finley, nehme ich an?“, begrüßte ich ihn daher, als auch er mich überrascht von oben bis unten musterte.

„Und Sie sind Miss Fraser?“

„Eine davon. Ich nehme an, Sie suchen meine Schwester, Raven. Sie hat mir von Ihnen erzählt. Ähm ... Sie ist oben, aber sie braucht noch eine Weile … Kann ich Ihnen in der Zwischenzeit weiterhelfen?“

„Oh … Ja, möglicherweise! Ich glaube, Ihre Schwester war gestern mit meinem … Bruder aus …“

„Ihr Bruder!“, versetzte ich erstaunt. „Dann sind Sie gar nicht Dan Finley!“

Er lächelte und ich hielt kurz den Atem an, als er eine Reihe blendend weißer, gleichmäßiger Zähne entblößte. Schnell atmete ich wieder aus, denn es würde ihn wahrscheinlich verwundern, wenn ich langsam blau anlaufen würde.

„Nein, mein Name ist Bradley – meine Freunde nennen mich Brad. Und Dan ist eigentlich ein … Halbbruder, mein Nachname ist Thorne. Ich bin erstaunt, dass Sie seinen Namen kennen und mich mit ihm in Verbindung bringen.“

„Na ja, es war nur eine Vermutung.“, entgegnete ich und spürte, wie ich verlegen langsam rot anlief. „Raven hat ihn mir beschrieben und … offenbar besteht eine gewisse Familienähnlichkeit.“

Irrte ich mich oder verzog er bei meinen Worten kurz kaum merklich das Gesicht? Ich hätte es nicht sagen können, denn es war sofort wieder weg.

„Ja, das ist wohl so … Oh, Entschuldigung, ich habe noch gar nicht erwähnt, weshalb ich hier bin. Eigentlich bin ich auf der Suche nach ihm. Ich wollte ihn schon gestern treffen, aber ich muss ihn wohl irgendwie verpasst haben und hatte gehofft, Ihre Schwester könnte mir sagen, wo ich ihn finde.“

Ich hob erstaunt und misstrauisch die Augenbrauen.

„Sie suchen Ihren Bruder? Hier bei uns? Haben Sie oder Ihre Eltern denn nicht seine Telefonnummer oder so was? Und wenn Sie doch wissen, dass Raven gestern mit ihm aus war…“

Er suchte offenbar nach Worten und zuletzt dehnte er:

„Das ist eine lange Geschichte. Eine lange, alte, dumme Geschichte. Er geht mir … uns aus dem Weg und ich müsste ihn deshalb dringend unter vier Augen sprechen, um das aus der Welt zu schaffen. Wenn Ihre Schwester also vielleicht weiß, wo ich ihn finden kann …“

„Pearl? Hast du meinen Rock gesehen? Den Dunklen!“, hörte ich Raven von oben rufen. Dann kam sie schon die Treppe herunter gerannt – offenbar frisch geduscht und mit noch nassen Haaren.

„Das ist mein Rock, von dem du redest, schon vergessen? So viel zum Thema ‚hüten‘!“, verdrehte ich die Augen und trat beiseite, damit sie sehen konnte, wer vor der Tür stand. Sofort hielt sie inne und starrte ihn erstaunt an.

„Das ist Bradley Thorne, der Halbbruder von Dan. Das ist meine Schwester Raven.“

„Doch ein Bruder! Halbbruder!“, murmelte diese und grinste mich dann an.

Bevor sie etwas Dummes sagen konnte, setzte ich nach:

„Er sucht nach ihm, sie haben sich offenbar aus den Augen verloren … Woher wussten Sie dann, dass er und Raven gestern zusammen unterwegs waren?“, fragte ich erneut. „Und woher wussten Sie, wo Raven wohnt?“

Raven jedoch wischte meine Frage mit einer Handbewegung fort.

„Ist doch egal! Sie suchen nach Dan und ich sehe ihn heute Abend. Da bietet sich doch ein Abend zu viert an, finden Sie nicht?“

„Raven!“

Ich warf ihr einen wütenden Blick zu, aber er kam mir zuvor.

„Das ist etwas ungünstig. Ich suche ihn, um ihn zu einer Aussprache zu bewegen, und ein Abend zu viert ist wenig … passend.“

Sie zuckte lässig die Schultern.

„Das wird wohl die einzige Möglichkeit sein, ihn zu sehen. Ich habe ihn gestern erst kennengelernt und weiß nicht, wo er wohnt; ich weiß nur, dass er derzeit eine Wohnung sucht. Er hat erzählt, er sei längere Zeit im Ausland gewesen …“

Ihre Worte hingen in der Luft, als ob sie auf weitere Auskünfte warten würden.

„Das ist richtig.“, erwiderte er nur und sah einen Moment lang ratlos aus. „Hm … Ich weiß, es ist viel verlangt, aber … Darf ich fragen, wo Sie ihn treffen?“

Jetzt verschwand das Lächeln von ihrem Gesicht und auch sie wirkte misstrauisch. Endlich!

„Ähm … Nein, wohl eher nicht. Und wenn Sie von Aussprache reden … Am Ende ist es ihm gar nicht so recht, wenn er Ihnen über den Weg läuft! Vielleicht sollte ich ihm erst mal erzählen, dass Sie hier waren.“

Sofort lächelte er wieder.

Wenn Raven ein solches Lächeln gemeint hatte, dann verstand ich jetzt, wovon sie geredet hatte: Es war nicht nur entwaffnend, es war … beunruhigend schön! Ich atmete sehr konzentriert weiter!

„Ich wollte nicht aufdringlich oder neugierig sein, tut mir leid. Ich hatte nur den Eindruck, dass Ihrer Schwester diese Idee nicht sehr angenehm gewesen ist – kein Wunder, ich bin ein völlig Fremder. Es wäre tatsächlich nett von Ihnen und vollkommen ausreichend, wenn Sie ihm etwas ausrichten würden: Ich würde ihn gerne morgen treffen. Vielleicht am Obelisken in Bennington, um zwölf? Mir ist jedoch jeder Treffpunkt recht, den er vorschlägt. Es wäre wirklich wichtig! Wenn Sie einen Stift und ein Blatt Papier haben, würde ich ihm meine Handynummer aufschreiben, unter der er mich erreichen kann. Wenn ich nichts Gegenteiliges von ihm höre, dann werde ich morgen Mittag dort warten.“

Raven zog bereitwillig los, um aus der Küche Stift und Papier zu besorgen, und ich nahm mir einen Augenblick, um ihn möglichst unauffällig zu mustern. Er trug eine leichte Hose und ein blütenweißes Hemd, seine Haare waren braunschwarz und die Farbe seiner Augen unter den ebenfalls braunschwarzen Brauen bildete einen höchst eigenartigen Kontrast. Ich schätzte ihn auf höchstens fünfundzwanzig … und ihm schien jetzt doch nicht zu entgehen, dass ich ihn ansah, denn er lächelte leicht und meinte höflich:

„Die Störung tut mir leid. Und meine Bemerkung vorhin tut mir ebenfalls leid.“

„Welche?“

Diese Frage war heraus, bevor ich nachgedacht hatte, aber er schien sie mir nicht übel zu nehmen.

„Meine Ablehnung. Ich wollte nicht so klingen, als ob ich nicht mit Ihnen ausgehen würde! Es ist nur enorm wichtig …“

„Hier, Stift und Papier. Seit wann haben Sie Dan nicht gesehen?“

„Eine Ewigkeit!“, murmelte er nur und notierte rasch ein paar Zahlen auf dem Zettel, den er dann ihr wieder reichte. „Vielen Dank. Bitte richten Sie ihm aus, es sei dringend nötig, Kontakt zu mir aufzunehmen.“

Er nickte uns noch einmal höflich lächelnd zu, wünschte uns einen schönen Tag und drehte sich dann um, um auf einen grauschwarzen Transporter zuzugehen. Innerhalb weniger Sekunden war er eingestiegen und davongefahren.

„Wow! Das muss ja eine Familie sein!“, meinte Raven und wedelte sich mit dem Zettel Luft zu. „Er sieht fast so gut aus wie Dan und du solltest dir ernsthaft überlegen, ob du ihn nicht anrufst und doch noch zu einem Date zu viert einlädst.“

Er sah zu gut aus, um wahr zu sein, schoss mir durch den Kopf.

„Ich denke nicht mal im Traum daran!“, erwiderte ich und schloss die Tür. „Ich gehe nicht mit Haustürbekanntschaften aus und er wirkt ein wenig merkwürdig. Klingelt an fremden Haustüren und quetscht fremde Leute aus über andere Leute, die uns ebenfalls fremd sind. Er hat nicht mal gesagt, woher er weiß, dass du diesen Dan kennst und woher er weiß, wo du wohnst! Und was meinen Rock angeht: Der ist in der Wäsche, du wirst ausnahmsweise etwas von dir anziehen müssen.“

„Schon gut, schon gut. Aber du musst zugeben, dass dieser Brad was hat! Hast du seine Augen gesehen?“

Ich murmelte ein paar unverständliche Worte vor mich hin und lief hinter ihr her nach oben.

„Mein Kleiderschrank ist fortan tabu für dich, klar? Und diesmal meine ich es ernst, ich habe keine Lust, dauernd meine Sachen bei dir suchen zu müssen. Von uns beiden bist du diejenige, die eigenes Geld verdient und sich haufenweise Klamotten kaufen könnte. Ich bin eine arme Schülerin …“

„… mit dem besseren Händchen beim Einkauf! Ich finde diese Teile nicht! Ich gehe in die Geschäfte, aber was da hängt, ist nicht halb so schön wie das, was du nach Hause bringst!“

„Das ist nur der Reiz des Verbotenen und eine billige Ausrede. Meine Bluse hängt an deiner Tür und damit ist Schluss, verstanden?“

„Was ist denn jetzt mit heute Abend?“

Sie wedelte erneut mit dem Zettel, sah dann mein Handy auf dem Nachttisch liegen, schnappte es sich und fing sofort an, die Nummer einzuprogrammieren. Ich ignorierte sie; schließlich konnte ich sie gleich sofort wieder löschen und ich hatte jetzt keine Lust, mich über sie zu ärgern.

Mit einem triumphierenden Lächeln legte sie es dann auch wieder zurück, hauchte mir noch eine Kusshand zu und verschwand.

„Ich muss mir noch die Fußnägel neu lackieren. Diese Farbe passt nicht zu deinem Rock!“

Weg war sie und ich warf etwas zu fest meine Tür hinter ihr zu. Sie würde es fertigbringen, nur den Rock alleine in die Waschmaschine zu stopfen, zu trocknen und zu bügeln, bloß um ihn heute Abend tragen zu können. Mit einem Seufzen ließ ich mich auf die Bettkante fallen und fing an, meine Telefonliste nach Brad Thornes Nummer zu durchforsten, als die Tür schon wieder aufging.

„Oh, ehe ich es vergesse: Wenn du heute Abend wieder nicht mitgehen willst, brauchst du doch bestimmt auch deine Handtasche nicht. Die Grüne, die so gut zu dem Rock passen würde …“

„Hau bloß ab!“, grunzte ich und warf ihr ein Kissen nach, das nutzlos an die rasch zugezogene Tür klatschte und auf den Boden fiel.

Von draußen klang prompt ihre vorwurfsvolle Stimme:

„Du wirst heute Abend wieder alleine sein! Mum und Dad sind zu einem Geburtstag eingeladen. Was ist dabei, wenn du mitkommst?“

Ich warf mein Handy aufs Bett, riss die Tür auf und rief hinter ihr her: „Ich kenne ihn nicht! Ein wildfremder Typ klingelt an unserer Haustür und du willst, dass wir zusammen ausgehen!“

Mum kam die Treppe herauf, sah mich im Vorbeigehen kurz an und meinte:

„Ich weiß zwar nicht, worum es hier geht, aber: Anders lernt man keine Typen kennen, Pearl! Es gibt noch andere Hechte im Teich als nur Andy Billings!“

Ich schnappte nach Luft.

„Was hat Raven dir erzählt?“

Sie hielt inne, aber bevor sie etwas sagen konnte, öffnete sich deren Zimmertür wieder und sie rief:

„Kein Wort! Kein Sterbenswort!“

„Richtig! Was hätte sie mir denn sagen sollen?“

„Nichts! Und wenn du meinen Rock haben willst, dann will ich ihn wie die Bluse gewaschen und gebügelt zurück!“, schoss ich hervor.

Und bevor noch jemand etwas von mir wissen wollte, schob ich rasch die Tür wieder zu.

Am frühen Abend klopfte Raven an meine Tür und öffnete sie einen Spalt. „Darf ich?“

„Du fragst?“, konterte ich. „Bist du krank? Oder willst du schon wieder etwas?“

„He, mach mich nicht schlimmer als ich bin! Kann ich so gehen?“, kam sie herein und drehte sich einmal um sich selbst.

„Du siehst großartig aus!“, meinte ich neidlos.

Der dunkelgrüne Rock mit dem etwas helleren Top und meiner weißen Bluse standen ihr fast noch besser als mir. Sie hatte sich die langen, schwarzen Haare im Nacken lose hochgesteckt und trug ein dezentes Make-up. Der Nagellack an Händen und Füßen war jedoch milchig weiß und als ich sie darauf ansprach, meinte sie nur, es wäre sonst zu viel des Guten gewesen. Dann biss sie sich auf die Lippe und ließ sich auf die Bettkante fallen.

„Es tut mir leid, Pearl, ich bin mal wieder übers Ziel hinausgeschossen. In meinem Enthusiasmus fand ich nur die Vorstellung so toll, dass wir gleichzeitig mit zwei Brüdern weggehen könnten. Die noch dazu echt gut aussehen, das musst du zugeben!“

Ich drehte meinen Schreibtischstuhl und seufzte kopfschüttelnd.

„Du wärest nicht du, wenn du so was nicht andauernd tätest. Ich wünschte mir nur, du würdest wenigstens hin und wieder selbst mal ein wenig auf die Bremse treten. Holt er dich ab oder trefft ihr euch irgendwo?“

Sie grinste.

„Nein, er ist ganz Kavalier und holt mich ab. Du kriegst ihn also zu sehen. Willst du die Tür öffnen, wenn er kommt?“

„Willst du einen filmreifen Auftritt auf der Treppe hinlegen?“, fragte ich zurück. „Nein, ich möchte nicht öffnen, aber ich werde hinter der Jalousie hängen und ihn von hier oben unter die Lupe nehmen. Wann taucht er hier auf?“

Sie sah auf ihre Uhr.

„Wenn er pünktlich ist …“

Sie brach ab, denn ein Wagen fuhr vor, der Motor erstarb und als es nur Sekunden später läutete, sprang sie wie von der Tarantel gestochen auf.

„Er ist pünktlich!“

„Dann viel Spaß! Tu nichts, was ich nicht auch tun würde!“

Sie hob eine Augenbraue, lachte dann und wirbelte durch die Tür. Schnell erhob ich mich und platzierte mich so hinter dem Fenster, dass ich durch den schmalen Spalt neben der Jalousie sehen konnte, wie sie kurz darauf neben einem großen, schwarzhaarigen Mann in dunkler Hose und schwarzem, kurzärmeligem Hemd auf einen protzigen Cabrio zuging. Er hielt ihr höflich die Tür auf und während sie einstieg, flog sein Blick kurz über die Front unseres Hauses.

Seine Augen schienen tatsächlich genauso blau zu sein wie die seines Halbbruders Brad, aber mich überlief ein eigenartiger Schauer, als ich den Eindruck hatte, dass sein Blick kurz an meinem Fenster hängen blieb. Als ob er mich sehen konnte!

Dann war der Augenblick vorbei und ich schnaubte. Sicher nur Einbildung, meine Fantasie ging wieder mit mir durch – etwas, was ich schon vor langer Zeit erfolgreich abgelegt hatte. Ich ignorierte also diesen Eindruck, hob die Jalousie etwas an und sah dem Wagen nach, wie er rasch um die nächste Kurve verschwand.

„Pearl? Wir müssen los!“, hörte ich Dad von unten rufen und ließ erschrocken den Rollladen fallen, als ob er mich auf frischer Tat bei meinem neugierigen Blick ertappt hätte.

„Alles klar! Viel Spaß euch beiden!“

„Bye!“, hörte ich auch Mum kurz rufen, dann ging die Haustür und alles war wieder ruhig.

Wahnsinn! Zwei Abende in Folge alleine!

ER WARTETE. ERNEUT SAß ER IN SEINEM WAGEN UND WARTETE.

ES WÜRDE NICHT LEICHT SEIN, AN FEARGHAS HERANZUKOMMEN. SEIT ER IHN ENDLICH AUSGEMACHT HATTE, WAR ER STÄNDIG VON ANDEREN – VON MENSCHEN! – UMGEBEN. ER HATTE SCHON GESTERN ENTSPRECHEND NUR VON WEITEM ZUSEHEN KÖNNEN, WIE SIE GEMEINSAM NOCH EINMAL ZURÜCK IN DIE KLEINE SUSHIBAR GINGEN UND ERST SPÄTER – EBENFALLS GEMEINSAM – IN EINE TANZBAR. UND ANSCHLIEßEND HATTE ER IHN AUFGRUND DER GROßEN DISTANZ VERLOREN.

ER BISS DIE ZÄHNE ZUSAMMEN BEI DEM GEDANKEN DARAN, WAS ER UNTER UMSTÄNDEN MIT IHNEN VORHABEN KÖNNTE, ABER ER WIDERSTAND NACH WIE VOR DER VERSUCHUNG, SICH IHM SO WEIT ZU NÄHERN, DASS ER SEINE ANWESENHEIT SPÜREN WÜRDE. ES WAR EIN RISKANTES SPIEL, DAS ER DA SPIELTE, ABER ER GING ZU RECHT DAVON AUS, DASS FEARGHAS WOHL KAUM IN ALLER ÖFFENTLICHKEIT DAMIT BEGINNEN WÜRDE, SIE ZU BEIßEN UND IHR BLUT ZU TRINKEN.

WAS WOLLTE ER ABER SONST VON IHNEN? ER SELBST WAR ERST IM LAUFE DES TAGES EINGETROFFEN UND KANNTE KEINEN DER MENSCHEN IN SEINER BEGLEITUNG. FÜR IHN HATTE ES GESTERN SO AUSGESEHEN, ALS WÄRE ES EINE ZUFÄLLIGE BEGEGNUNG GEWESEN UND ALS OB DIE SCHWARZHAARIGE BEIM VERLASSEN DES GEBÄUDES IN IHN HINEINGELAUFEN WÄRE. DOCH VOR ALLEM HÄTTE ER NICHT ANGENOMMEN, DASS FEARGHAS SICH UNMITTELBAR NACH SEINEM AUFTAUCHEN DIE ZEIT AUF DIESE WEISE VERTREIBEN WÜRDE!

ES WAREN INSGESAMT FÜNF PERSONEN GEWESEN, DREI FRAUEN UND ZWEI MÄNNER, FEARGHAS SELBST NICHT MITGERECHNET. DIE AUGEN ZU SCHMALEN SCHLITZEN ZUSAMMENGEKNIFFEN HATTE ER VERSUCHT, SICH JEDES DER GESICHTER MÖGLICHST GENAU EINZUPRÄGEN, ABER AUF DIESE ENTFERNUNG WAR DIES SELBST FÜR IHN NICHT LEICHT GEWESEN. ER HATTE DIE ZEIT GENUTZT UND SICH DAS LETZTE GESPRÄCH MIT SEINEM VATER INS GEDÄCHTNIS ZURÜCKZURUFEN, DENN WENN SEINE VERMUTUNG ZUTRAF, DANN WÜRDE FEARGHAS BALDMÖGLICHST VERSUCHEN, MIT EINER GANZ BESTIMMTEN MENSCHLICHEN FAMILIE IN KONTAKT ZU TRETEN.

NEIN, ER KORRIGIERTE SICH IN GEDANKEN: FALLS DIE VERMUTUNG SEINES VATERS ZUTRAF! DER HATTE SCHON VOR LANGER ZEIT DAMIT BEGONNEN, SIMON ZU BEOBACHTEN UND OFFENBAR SEINE EIGENEN SCHLÜSSE AUS DESSEN VERHALTEN GEZOGEN. ER HATTE EINEN GANZ BESTIMMTEN VERDACHT GEHEGT, ABER ER WOLLTE BIS ZULETZT NICHT WIRKLICH DAMIT HERAUSRÜCKEN, WAS IHM DURCH DEN KOPF GING. DOCH NOCH KURZ VOR SEINEM AUFBRUCH HATTE ER IHM KLARGEMACHT, WIE UNGEHEUER WICHTIG ES SEI, DASS SIMONS SOHN FEARGHAS NIEMALS ZU DICHT AN DIESE FAMILIE HERANKÄME! KOSTE ES, WAS ES WOLLE, ER DÜRFE AUF GAR KEINEN FALL SEIN WIE AUCH IMMER GEARTETES VORHABEN IN DIE TAT UMSETZEN …

„WAS MEINST DU DAMIT? WAS HAT ER VOR?“

„ICH KANN ES DIR NICHT MIT ABSOLUTER GEWISSHEIT SAGEN, ABER WENN MEINE DURCHAUS BEGRÜNDETE ANNAHME STIMMT, DANN HAT ER – WIE VOR IHM SEIN VATER – EIN GANZ ENORMES INTERESSE AN DIESER FAMILIE. ES DÜRFTE IHM NICHT WEITER SCHWERFALLEN, NACH UND NACH ALLE DAVON AUFZUSPÜREN; ER HAT ZEIT, GEDULD UND AUF JEDEN FALL EIN KLAR DEFINIERTES ZIEL. WIR MÜSSEN IHN FINDEN; ER IST GESEHEN WORDEN, ALS ER IN BOSTON AUS DEM FLUGZEUG STIEG. WAS ICH SONST NOCH WEIß, IST, DASS ER AUF DEM WEG NACH ALBANY IST … ER HAT ES OFFENBAR NICHT FÜR NÖTIG BEFUNDEN, SEINE SPUREN ZU VERWISCHEN. UNWEIT VON ALBANY, GANZ IN DER NÄHE VON BENNINGTON, LEBT EIN TEIL DIESER FAMILIE; IHR NAME IST FRASER …“

„ER SUCHT EINE FAMILIE, DIE SO HEIßT WIE ER? VATER, WAS HAT ES DAMIT AUF SICH?“, BEUGTE ER SICH AUF SEINEM STUHL VOR. IHM KAM EIN ERSTER VERDACHT, ABER ER WARTETE LIEBER AUF DIE BESTÄTIGUNG.

„BRADLEY, ICH KANN DIR NUR SO VIEL MIT GEWISSHEIT SAGEN, DASS SIMON MIT EINER VON DEREN VORFAHRINNEN DIESE NEUE LINIE GEGRÜNDET HAT. ALS ER DAMALS FORTGING … GLAUB MIR, WEDER ICH NOCH SONST JEMAND HÄTTE VERMUTET, ER WÜRDE … ALS UNSER VATER DAVON HÖRTE, HAT ER VERSUCHT, IHN ZUR REDE ZU STELLEN …“

ER RISS IN PLÖTZLICHEM ERKENNEN DIE AUGEN AUF.

„SIMON HAT GROßVATER UMGEBRACHT? SEINEN EIGENEN VATER?“

SEIN VATER HATTE SICH UNGEWOHNT SCHWERFÄLLIG ERHOBEN UND SEINE HÄNDE REGELRECHT MÜDE AUF DEN TISCH GESTÜTZT, DEN KOPF GESENKT. DANN, NACH EINEM TIEFEN ATEMZUG, HATTE ER IHN WIEDER ANGESEHEN, EINEN DUNKLEN AUSDRUCK IN DEN AUGEN.

„JA. SIMON HAT UNSEREN VATER GETÖTET. ICH WEIß BIS HEUTE NICHT, WIE ER ES GESCHAFFT HAT, SICH GEGEN DAS TABU DES EIGENEN BLUTES AUFZULEHNEN, ABER ICH VERMUTE, DASS ES UNTER ANDEREM MIT SEINER VOLLKOMMENEN ABKEHR VON DEN THORNES ZU TUN HAT. MIT SEINER LOSSAGUNG UND SEINER VÖLLIGEN ABKEHR VON ALLEM, WAS UNSERE GESETZE UND REGELN BESAGEN. UND WENN ICH RICHTIG LIEGE, DANN HAT ER – AUS SEINER SICHT BETRACHTET – EINEN LOHNENDEN GRUND FÜR DIESEN FREVEL GESEHEN, WAR GETRIEBEN VON EINER ÜBERAUS STARKEN MOTIVATION …

BRADLEY, NICHTS IST MIR JEMALS SO SCHWER GEFALLEN WIE DAS, WAS ICH DIR JETZT SAGEN WERDE, DU BIST SCHLIEßLICH MEIN EIGENER SOHN. ABER … ETWAS MUSS IN DIESER FAMILIE LIEGEN, WAS IHN IN JEDER IHRER GENERATIONEN WIEDER ZU IHNEN HINZIEHT! UND ES MUSS UM ETWAS ANDERES GEHEN ALS UM ZUORDNUNGEN VON JÄGERN! DIE ALTEN MÄCHTE HABEN SICH OFFENBAR DAFÜR ENTSCHIEDEN, NICHT DIE FAMILIE, DENEN SIMON EIN MITGLIED GERAUBT HAT, ZU IHREN JÄGERN ZU MACHEN …“

ER HATTE ERNEUT TIEF LUFT GEHOLT UND ALS ER WEITERREDETE, KLANG SEINE STIMME UNERBITTLICH FORDERND:

„FEARGHAS IST TROTZ ALLEM EIN ABKÖMMLING AUCH UNSERES BLUTES UND WENN DU WÜSSTEST, WAS ICH WEIß, WÜRDEST DU MIR ZUSTIMMEN, DASS WIR FÜR SEIN HANDELN DIE VERANTWORTUNG TRAGEN. EBEN WEIL NUR WIR WISSEN, WAS ER BEABSICHTIGT! DU MUSST MIR SCHWÖREN, ALLES DARANZUSETZEN, IHN AUFZUHALTEN – AUCH WENN ICH NICHT MEHR BIN! WENN FEARGHAS AUCH NUR ANNÄHERND SIMONS MACHTBESESSENHEIT GEERBT HAT, HAT ER MEHR ALS GUTE GRÜNDE FÜR SEIN HANDELN, DAVON ZUMINDEST BIN ICH FELSENFEST ÜBERZEUGT!“

„MIR GEFÄLLT NICHT, WAS DU DA SAGST, VATER. WAS SOLL DIE ANDEUTUNG ‚WENN ICH NICHT MEHR BIN’?“

ER RICHTETE SICH WIEDER AUF.

„DAS HEIßT, ICH MEINE ES TODERNST, WENN ICH SAGE, DASS FEARGHAS UNTER ALLEN UMSTÄNDEN EINHALT GEBOTEN WERDEN MUSS. GLAUB MIR, ES ZERREIßT MIR DAS HERZ, MEINEN EIGENEN SOHN DARIN ZU VERWICKELN, ABER SOLLTE MIR ETWAS ZUSTOßEN, BIST DU DER VORLÄUFIG LETZTE, DER NOCH ETWAS VON DIESEN VERWIRRUNGEN WEIß. ICH WERDE NOCH HEUTE ABEND ABREISEN UND FEARGHAS FOLGEN UND ICH MÖCHTE, DASS DU ENJA IN EINEN FLIEGER NACH BELFAST SETZT. DORT IN DER NÄHE LEBT EIN ALTER FREUND VON VATER, DER MIR VERSPROCHEN HAT, SICH UM SIE ZU KÜMMERN; SEIN NAME IST NEILL O’BRIAN. ENJA IST IN DIESEM MOMENT BEREITS DAMIT BESCHÄFTIGT, IHRE KOFFER ZU PACKEN. DA ICH IHR ABER LEDIGLICH KLARGEMACHT HABE, DASS ES UM DEN SCHUTZ UNSERER FAMILIE GEHT, WEIß SIE WEITER NICHTS UND KENNT AUSSCHLIEßLICH IHR REISEZIEL, KANN SICH ABER AUCH NICHT GEGEN MEINEN WUNSCH WEHREN.“

EIN STEIN SCHIEN IN SEINEM MAGEN ZU LIEGEN; WENN IHR VATER DIE STELLUNG ALS FAMILIENOBERHAUPT INS SPIEL BRACHTE UND GEHORSAM IM INTERESSE DER FAMILIE FORDERTE, WAR DIE SITUATION MEHR ALS ERNST. DAS GESICHT IHM GEGENÜBER WAR DARÜBER HINAUS FAST SCHON MASKENHAFT, ALS ER IHM DIESE ERÖFFNUNGEN MACHTE UND DANN ZOG ER EINE SCHUBLADE SEINES SCHREIBTISCHES AUF, NAHM EINEN UMSCHLAG HERAUS UND SCHOB IHN NACH KURZEM ZÖGERN ENERGISCH ÜBER DIE PLATTE.

„HIER. FÜR EUER AUSKOMMEN IST GESORGT, WIE DU WEIßT. IN DIESEM UMSCHLAG FINDEST DU DIE ADRESSEN ALLER MIR BEKANNTEN MENSCHLICHEN FRASERS DIESER BLUTLINIE, ZUOBERST DIE VON JOHN ETHAN FRASER UND SEINER FRAU TRINITY, DIE ER OFFENBAR ZURZEIT ALS ERSTE AUFSUCHT. ICH MÖCHTE, DASS DU UNSER HAUS SCHLIEßT UND MIR SO BALD WIE MÖGLICH FOLGST. ICH WERDE MICH TÄGLICH BEI DIR MELDEN. SOLLTE MEIN ANRUF JEDOCH AUSBLEIBEN … DU FINDEST DA DRIN NOCH EINEN KLEINEREN UMSCHLAG, IN DEM ICH ALLES WEITERE DARGELEGT HABE. ICH BETONE, ICH HABE KEINE BEWEISE DAFÜR, ABER VERSPRICH MIR DENNOCH, DIESEN ZWEITEN UMSCHLAG NUR ZU ÖFFNEN, WENN DU LÄNGER ALS ACHTUNDVIERZIG STUNDEN NICHTS VON MIR GEHÖRT HAST!“

ER HATTE DEN UMSCHLAG NICHT ANGERÜHRT.

„ICH WERDE SOFORT MIT DIR KOMMEN! WENN DU DERART BESORGT BIST, DASS DIR ETWAS ZUSTOßEN KÖNNTE, SOLLTEST DU NICHT ALLEINE …“

„NEIN! ENJA HAT VORRANG! SIE IST ANDERS ALS DU NUR HALBVAMPIR UND GERADE ERST ERWACHSEN; ICH MÖCHTE SIE NACH MÖGLICHKEIT AUS DIESER GESCHICHTE HERAUSHALTEN.

NEILL O’BRIAN IST NUR SOWEIT WIE UNBEDINGT NÖTIG INFORMIERT. ICH HABE JEDOCH VORKEHRUNGEN GETROFFEN, DASS ER VON ALLEM ERFÄHRT, FALLS AUCH DIR ETWAS ZUSTOßEN SOLLTE. DU HÄTTEST BIS ENDE DIESES JAHRES ZEIT … WENIG GENUG WOMÖGLICH, ABER LÄNGER KANN UND WERDE ICH NICHT MEHR VERANTWORTEN KÖNNEN, DASS NUR WIR DAVON WISSEN. ICH HALTE NEILL FÜR ABSOLUT VERTRAUENSWÜRDIG UND WERDE DIR NOCH SAGEN, WIE UND WO DU IHN ERREICHEN KANNST. WENN ER HINGEGEN BIS SPÄTESTENS ENDE DES JAHRES NICHTS VON DIR HÖRT, WIRD ER ENJA AUF EIN WEITERES KUVERT ANSPRECHEN, DAS SIE IHM DANN AUSHÄNDIGT. IN DIESEM FALL JEDOCH WERDEN SICH WOHL AUCH DIE ÄLTESTEN EINSCHALTEN!“

FASSUNGSLOS HATTE ER SICH VORGEBEUGT.

„DIE ÄLTESTEN? WAS KANN VON SOLCH EMINENTER BEDEUTUNG SEIN, DASS SICH DIE ÄLTESTEN IN EINE FAMILIENANGELEGENHEIT EINMISCHEN WÜRDEN?“

„ICH VERSUCHE DIES MIT ALLEN MITTELN ZU VERMEIDEN, ABER ES GEHT UM WEIT MEHR ALS UM EINE FAMILIENANGELEGENHEIT!“, ERWIDERTE ER STRENG. „SIMONS ABTRÜNNIGKEIT UND LOSSAGUNG VON SEINER BLUTLINIE UND VOR ALLEM DER MORD AN SEINEM EIGENEN VATER IST OHNEHIN EIN AUFSEHENERREGENDES VORGEHEN UND VERGEHEN GEWESEN UND DIE TATSACHE, DASS ER ES WAR, DER AUF DIESE WEISE EINE NEUE VAMPIRLINIE GRÜNDETE, IST … BESTENFALLS… UNERHÖRT. UND WENN BEKANNT WIRD, WELCHE ZIELE ER UND SEIN SOHN ZUDEM NOCH VERFOLGEN …