Dating & Dragons - Kristy Boyce - E-Book

Dating & Dragons E-Book

Kristy Boyce

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Beschreibung

Am ersten Tag an der neuen Schule hat Quinn nur einen Plan: neue Freund:innen finden, nachdem die alten sie auf spektakuläre Weise fallengelassen haben. Am liebsten würde Quinn wieder einer D&D-Gruppe beitreten – und am allerliebsten der von Logan, ihrem supersüßen neuen Mitschüler. Tatsächlich schafft sie es, in der Gruppe Anschluss zu finden, doch für die Mitspieler:innen gibt es feste Regeln. Die wichtigste: kein Dating untereinander. Sobald Quinn ins Spiel einsteigt, verhält sich Logan ihr gegenüber plötzlich unerträglich. Seine Sticheleien und abweisenden Sprüche verunsichern Quinn, aber immerhin läuft sie so definitiv keine Gefahr, gegen die Regeln etwas mit Logan anzufangen. Schließlich würde dann bestimmt eh wieder alles zerbrechen, so wie in ihrem alten Freundeskreis. Oder sind die Würfel doch noch nicht gefallen?

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 407

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Kristy Boyce

Dating & Dragons

Roman

Aus dem Englischen von Meritxell Piel

Die Originalausgabe erschien 2025 unter dem Titel Dating and Dragons bei Random House Publishing.

All rights reserved including the right of reproduction in whole or in part in any form. No part of this book may be used or reproduced in any manner for the purpose of training artificial intelligence technologies or systems. This work is reserved from text and data mining (Article 4(3) Directive (EU) 2019/790).

This edition published by arrangement with Random House Children’s Books, a division of Penguin Random House LLC

 

© Atrium Verlag AG, Imprint Arctis, Zürich 2025

 

Text copyright © 2024 by Kristy Boyce

Cover art copyright © 2024 by Liz Parkes

Übersetzung: Meritxell Piel

Lektorat: Emily Brodtmann

Covergmotiv © 2025 by Liz Parkes

Covergestaltung: Niklas Schütte nach der US-amerikanischen Originalausgabe

 

Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt, jede Verwertung bedarf der Genehmigung des Verlages.

 

Alle Rechte vorbehalten. Der Verlag untersagt ohne ausdrückliche schriftliche Zustimmung die Nutzung dieses Werkes im Sinne des §44b UrhG für das Text- und Data-Mining.

 

ISBN978-3-03880-241-9

 

www.arctis-verlag.com

Folgt uns auf Instagram unter www.instagram.com/arctis_verlag

 

 

 

Für Maggie, meine beste Freundin. Danke, dass du mich als Kind zum Schreiben ermutigt hast.

Kapitel eins

Ich dachte, ich hätte mir schon jeden erdenklichen Die-Neue-in-der-Schule-Albtraum ausgemalt, doch mein Gehirn war einfach nicht kreativ genug, um sich dieses Szenario vorzustellen. Nein, ich komme nicht nackt in der Schule an und bin auch nicht zu spät dran für irgendeine Abschlussprüfung, für die ich nicht gelernt habe. Stattdessen werde ich am ersten Tag der elften Klasse von meiner hyperaufgeregten Grandma zur Schule gefahren, die darauf besteht, gemeinsam Erster-Schultag-Fotos auf dem Parkplatz zu schießen. Und das auch noch zusammen mit meinem Bruder Andrew, der wieder einmal schlechte Laune hat.

»Heute ist doch gar nicht der erste Schultag«, wiederhole ich jetzt schon zum dritten Mal.

»Aber es ist dein erster Tag auf dieser Schule, Quinn. Und deshalb spielt es auch gar keine Rolle, dass Februar ist«, erwidert Grandma. Sie umklammert das Lenkrad mit beiden Händen und lehnt sich so weit nach vorne, dass ihr Gesicht nur wenige Zentimeter von der Windschutzscheibe entfernt ist. »Kann ich hier parken?«

Ich werfe einen Blick aus dem Fenster. »Nein, auf dem Schild steht Nur für Seniors.«

»Ich bin doch eine Seniorin!«

Frustriert drehe ich mich zur Rückbank um. »Andrew, kannst du mir mal aushelfen?«

Mein fünfzehnjähriger Bruder zuckt mit den Schultern, ohne von seinem Smartphone aufzuschauen.

Na toll, bemüht und nützlich wie immer. Ich wende mich Grandma so frontal wie möglich zu. »Komm schon, der Parkplatz wird immer voller. Wir können einfach hier aussteigen. Die Fotos können wir dann ein andermal machen oder wir schießen ein Selfie im Auto.« Oder aber ich kann alles in meiner Macht Stehende tun, damit Grandma uns nie wieder zur Schule bringt. Ich schnappe mir meine Büchertasche, um ihr zu zeigen, dass ich bereit bin.

»Papperlapapp. Endlich leben meine einzigen Enkelkinder nah genug bei mir, um sie jeden Tag zu sehen, also werde ich die verlorene Zeit aufholen. Und ich will ein Erster-Schultag-Foto.«

Grandma runzelt die Stirn und legt ihren orangenen Seidenschal zurecht. So wie sie sich für die zehnminütige Fahrt zurechtgemacht hat, könnte man meinen, es wäre ihr erster Schultag. Allerdings hat sie sich immer schon damit gebrüstet, die eleganteste Frau in jedem Raum zu sein. Grandma trägt nämlich keine typischen Oma-Klamotten, sondern farbenfrohe Blusentops, Leinenhosen und ihre omnipräsenten Blumenschals. Mit ihrem Stil würde sie eher auf eine Yacht passen als ins ländliche Ohio.

Allmählich bekommt mein Hirn Schnappatmung und ich sehe mich fieberhaft nach potenziellen Zuschauern um. Ein riesiger Schwarm Schülerinnen und Schüler strömt immer noch auf das Gebäude zu, was bedeutet, die Sache hier wird nicht ohne Zeugen ablaufen. Heute Morgen habe ich Mom und Dad angebettelt, selbst fahren zu dürfen, aber sie brauchten beide Autos, um zu ihren neuen Jobs zu kommen. Wir sind erst vor einer Woche ins westlich gelegene Laurelburg, Ohio, gezogen, um näher bei Grandma zu sein. »Sie wird sich so freuen, euch zu bringen«, hat Mom mit flehendem Blick argumentiert. »Du weißt doch, wie glücklich es sie macht, euch beide zu sehen!«

Oh ja, glücklich ist sie. Zu meinem blanken Entsetzen lässt Grandma den Wagen gerade auf eine Gruppe Jungs zurollen, die um ein schickes rotes Auto herumstehen und – wenn man ihren Trainingsjacken glauben darf – Sportler sind. Ich rutsche auf meinem Sitz hinunter wie eine Schlange, die sich in einem Loch verkriecht.

Grandma öffnet ihr Fenster und winkt den Typen zu. »Hey, Jungs, was treibt ihr denn so? Na, ihr seid ja vielleicht ein gut aussehendes Trüppchen!«

Mir entfährt ein leises Stöhnen und ich kneife die Augen zusammen. Es gibt keinen Menschen auf der Welt, mit dem Grandma nicht reden würde. Hinter mir geht eine Tür auf und knallt wieder zu. Ich werfe einen Blick über meine Schulter und sehe Andrew zwischen den Autos hindurch zum Schulgebäude flitzen, ohne dass Grandma es merkt. Unglaublich, dass mein jüngerer Bruder schlauer ist als ich. Dieser Verräter!

»Würdet ihr Jungs mir einen Gefallen tun und ein Foto von uns schießen?«, ruft Grandma und ich rutsche noch weiter nach unten.

Ich höre Murmeln und schallendes Gelächter, dann fährt Grandma weiter. »Na, die waren ja vielleicht unhöflich. Verschwende bloß nicht deine Zeit mit denen.«

»Ich bin sicher, das wird kein Problem werden«, sage ich kleinlaut.

Grandma sorgt schließlich gerade dafür, dass ich an dieser Schule ganz bestimmt keine Chance mehr haben werde, neue Freunde zu finden. Dabei brauche ich wirklich keine Hilfe beim Seltsam-Sein. Ich war noch nie beliebt, aber wenigstens hatte ich an meiner alten Schule vorübergehend gute Freunde. Alles war so angenehm und leicht mit ihnen … bis das Grüppchen irgendwann implodiert ist. Ich atme tief durch und rufe mir ins Gedächtnis, dass dieser Umzug zu meinem Besten war. Ich vermisse weder meine alte Schule noch die Angst, die mich dort ständig begleitet hat. Die ewige Sorge, einem meiner früheren Freunde auf dem Flur zu begegnen.

Gemächlich steuert Grandma das Auto an der Reihe von Parkbuchten entlang, da bleibt mein Blick an einer Gruppe von fünf Mädchen und Jungen hängen, die sich unterhalten. Ich kann es nicht erklären, aber sie wirken auf mich wie meine Art von Leuten. Unter den richtigen Umständen könnte ich vielleicht sogar den Mut aufbringen, zu ihnen rüberzugehen und Hi zu sagen. Und trägt das südasiatische Mädchen nicht grün glitzernde d20-Würfelohrringe? Meine Hoffnung schießt noch weiter in die Höhe.

Leider bemerkt Grandma das Grüppchen ebenfalls.

»Die sehen doch nett aus. Ich wette, einer von denen macht das Foto.« Diesmal lässt sie das Fenster auf meiner Seite runter und beugt sich über mich. »Hey, ihr! Kann ich einen von euch dazu überreden, ein Foto zu machen?«

Anders als die Jungs, die nur gelacht und Grandma ignoriert haben, halten diese Jugendlichen inne und drehen sich um. Sie tauschen verwirrte Blicke aus, dann tritt einer der Jungs nach vorne. Mein Magen schlägt einen Purzelbaum. Muss der Typ so süß sein? Und damit meine ich: nervtötend süß. Seine hellbraunen Haare sind über die Stirn gekämmt, seine blauen Augen passen perfekt zu seinem Wintermantel und seine Wangen sind vor Kälte gerötet. Für eine Sekunde fängt er meinen Blick auf, bevor er Grandma ein Grinsen zuwirft. »Klar. Im Auto?«

»Natürlich nicht! Wir wollen die Schule im Hintergrund haben!« Grandma stellt den Automatikhebel auf Parken und schaltet die Warnblinkanlage ein, ohne sich daran zu stören, dass sie die ganze Durchfahrt blockiert. Dann winkt sie mich aus meinem Sitz. Ich zwinge mich, ihr zu folgen, wobei ich trotz der eisigen Februarluft unter meinem Mantel schwitze.

»Hey – wo ist denn Andrew hin?« Grandma schaut sich um.

»Er ist vor einer Minute in die Schule gerannt«, antworte ich leise.

»So eine Frechheit. Na ja, wenigstens werde ich jetzt ein Foto mit meinem Lieblingsenkelkind bekommen.«

Der Fotojunge kichert und meine Wangen werden heiß. Die anderen aus der Gruppe sind ebenfalls näher gekommen, um sich die Szene besser anschauen zu können. Zu meiner überschäumenden Freude hat das südasiatische Mädchen tatsächlich d20-Ohrringe an. Und ich kann mir nicht vorstellen, dass jemand, der nicht Dungeons & Dragons spielt, so etwas tragen würde. Ich werde in meinen Kursen nach dem Mädchen Ausschau halten – vorausgesetzt, die schräge Situation mit Grandma ruiniert nicht meine Chance, mich mit ihr anzufreunden. Neben dem Mädchen steht ein südasiatischer Junge, der genauso groß ist wie sie und die gleichen warmen Augen hat. Seine Hände stecken in den Jackentaschen und auf seinem Gesicht liegt ein amüsierter Ausdruck. An seiner Seite steht eine weitere Person, die ich jedoch unter dem dicken Steppmantel und der regenbogenfarbenen Häkelmütze kaum erkennen kann. Und dann ist da noch so ein anderer Typ – ihr wisst schon, so einer, der sich auch bei unter null Grad mit Sandalen und Cargo-Shorts pudelwohl zu fühlen scheint. Seine langen Haare sind zu einem tiefen Pferdeschwanz zusammengebunden und sein Gesicht ist zum Himmel geneigt.

Grandma drückt dem Fotojungen ihr Smartphone in die Hand. Es ist an einer langen Stoffschnur befestigt, damit sie es nicht verlieren kann. »Ich bin froh, endlich einen gut erzogenen jungen Mann hier gefunden zu haben. Manche von euch Kids sind echte Töffel.« Sie deutet mit dem Kopf in Richtung des Sportler-Grüppchens.

»Oh ja, da wird Ihnen niemand widersprechen.« Der Junge richtet seinen Blick auf mich. »Gehst du auch hier zur Schule?«

»Äh, ja«, murmle ich.

Er mustert mich eine Weile, als würde er mir entweder nicht glauben oder sich fragen, warum er mich dann noch nie gesehen hat. »Ah, schön. Okay, ich bin bereit, wenn ihr es seid.« Er hält das Handy hoch und deutet Grandma und mir mit einer Geste an, näher zusammenzurücken. Ich schaue an mir selbst hinunter und fühle mich plötzlich unsicher. Die meisten meiner Klamotten könnte man als Bohemian-Style bezeichnen: lange gemusterte Röcke, dazu bauchfreie Sweatshirts und Perlenketten. Im Grunde sehen die Sachen kombiniert cool aus, finde ich – nur halt nicht, wenn meine gesamte obere Hälfte in einen lila Steppmantel gehüllt ist. Grandma legt mir ihre Hand um die Hüfte und ich richte mich auf.

»Und jetzt sagt pelzige Sauergurken!«, ruft der Fotojunge uns zu.

Der seltsame Ausdruck entlockt mir ein Lächeln, obwohl ich mich innerlich hundeelend fühle. Der Junge schießt ein paar Bilder und macht sich sogar die Mühe, das Handy sowohl horizontal als auch vertikal zu halten.

Grandma nickt anerkennend, als sie kurz darauf durch ihre Fotogalerie swipt. »Och wie süß, vielen Dank.« Sie schiebt mich zu dem Jungen hinüber. »Meine Enkeltochter ist neu hier. Könntest du dich ein bisschen um sie kümmern? Sie ist ziemlich nervös.«

Ernsthaft? Kann ich jetzt bitte mal aus diesem Albtraum aufwachen? Bevor ich etwas erwidern oder wie Andrew in Richtung Freiheit sprinten kann, hat Grandma sich schon dem Rest der Gruppe zugewandt.

»Ist dir nicht eiskalt?«, fragt sie den Jungen mit den Sandalen. »Wo sind denn deine Schuhe?«

Der Fotojunge verzieht den Mund zu einem Lächeln und wendet sich von den anderen ab, sodass er mit dem Rücken zu ihnen steht. »Erster-Schultag-Fotos, hm?«, fragt er mich.

»Ich hab versucht, es ihr auszureden.«

»Na ja, immerhin sehen deine Fotos besser aus als manche von mir. Auf meinem Schülerporträt aus der Vierten gucke ich so wütend, dass Mom das Bild zu ihrer täglichen Belustigung an den Kühlschrank gepinnt hat.«

Ich kichere leise. »Wenn ich das gewagt hätte, würde Grandma mich morgen für einen Reshoot hierher schleifen.«

»Ach was, deine Fotos sind viel zu gut für einen Reshoot.«

Unsere Blicke treffen sich und sofort dreht mein Magen durch. Ist das etwa eine umständliche Art, mit mir zu flirten? Oder bin ich egozentrisch, wenn ich das Ganze auf mich beziehe, und er lobt einfach nur seine eigenen fotografischen Fähigkeiten?

»Ähm, wir sollten langsam reingehen«, meldet sich jemand aus der Gruppe zu Wort – ganz offensichtlich darum bemüht, Grandmas Griff zu entfliehen.

Der Fotojunge wippt auf den Hacken zurück. »Gibt es irgendeine Chance, dass ich dich in der ersten Stunde in Französisch sehe?«

Ich schüttle den Kopf. »Nein, ich hab Algebra.«

»Uff, viel Glück damit am frühen Morgen. Aber ich werde zwischendurch mal nach dir Ausschau halten. Du weißt schon – um deine Grandma nicht zu enttäuschen.«

Er wirft mir ein Grinsen zu, das meinen Puls binnen Sekunden in die Höhe schießen lässt. Vielleicht war es doch gar nicht so schlecht, dass Grandma ihr Auto mitten im Weg abgestellt hat.

Ich schnappe mir meine Tasche und gebe Grandma einen schnellen Kuss auf die papierdünne Haut ihrer Wange. Womöglich wird heute ja doch noch ein ganz guter erster Schultag.

Leider sehe ich den Fotojungen in keinem meiner Kurse wieder (und das, obwohl ich meine Augen weit nach ihm offenhalte). Ich glaube, der Pferdeschwanz-Typ ist bei mir in Chemie und die Person mit dem Steppmantel in Englisch, aber da ich auf dem Parkplatz nicht mit den beiden geredet habe, würde es mir komisch vorkommen, auf sie zuzugehen, als würden wir uns kennen. Also verbringe ich meinen ersten Schultag damit, schweigend von Kurs zu Kurs zu stapfen und so zu tun, als hätte ich voll den Überblick, obwohl der ganze Unterrichtsstoff sich zu null Prozent mit dem aus meiner alten Schule deckt.

Die darauffolgenden Tage sind zwar nicht traumatisch, aber einsam. Die Highschool in Laurelburg ist nicht riesig – es gibt insgesamt etwa tausend Schülerinnen und Schüler –, aber gerade groß genug, um sich in dem Getümmel zu verlaufen. Ich vermisse es, mit Paige und meinen früheren Freunden zum Unterricht zu gehen, ihnen nach der Schule Textnachrichten zu schicken und sie an den Wochenenden zu treffen. Außerdem vermisse ich es, mit Leuten zusammen zu sein, die mich gut genug kennen, um ihnen nicht alles an meinem Leben erklären zu müssen. Leute, die mich einfach verstehen.

Doch solche Freunde habe ich nicht mehr und das liegt nicht nur daran, dass wir umgezogen sind. Genau genommen war der Umzug sogar eine willkommene Erleichterung nach den grässlichen letzten Monaten an meiner alten Schule. Die Neue zu sein ist schwer, aber es ist nichts im Vergleich dazu, die Ausgestoßene zu sein. Wenigstens kann ich mich hier über die Flure bewegen, ohne Angst zu haben, meinen Ex-Besties über den Weg zu laufen und ihr Flüstern und hämisches Grinsen ertragen zu müssen.

Trotzdem bin ich am Ende meines dritten Schultags verzweifelt auf der Suche nach einer Möglichkeit, neue Freunde zu finden. Ich bleibe vor einem Schwarzen Brett mit Flyern für verschiedene Klubs stehen. Vielleicht ist das die Lösung – ein Klub, in dem ich mit meiner Art von Leuten zusammen sein kann. Nur sticht mir leider nichts ins Auge. Ich überfliege den Zettel vom Schach- und vom Robotik-Klub, den von der Theater-AG sowie einem Klub, der sich Future Farmers of America nennt. Enttäuschung breitet sich in mir aus. Nichts davon interessiert mich auch nur im Entferntesten.

»Stehst du wirklich auf Agrikultur?«

Überrascht drehe ich mich um und stelle fest, dass das Mädchen vor mir steht, das auf dem Parkplatz die d20-Ohrringe anhatte. Ihren Mund umspielt ein vorsichtiges Lächeln. Das wellige schwarze Haar fällt ihr über die Schultern und sie trägt einen winzigen silbernen Nasenring, ein Batik-T-Shirt und eine weite Cargo-Jeans. Sie ist einfach mühelos cool.

Ich kann nicht verhindern, dass ich erleichtert zurücklächle. Es ist so schön, ein vertrautes Gesicht zu sehen, auch wenn wir uns noch nie unterhalten haben. »Eher nicht«, antworte ich. »Meine Eltern haben mir mal zu Weihnachten eine Tillandsia geschenkt und ich habe sie gekillt.«

Das Mädchen lacht. »Kann ich gut nachvollziehen. Ich bin Kashvi.«

»Quinn. Ich bin neu hier – falls das neulich nicht ziemlich offensichtlich war.«

»Ja, ich erkenne dich von der Foto-Aktion mit deiner Grandma wieder.« Sie deutet auf das Schwarze Brett. »Was machst du so in deiner Freizeit?«

Tatsächlich habe ich viele Interessen – ich lese Mangas, zeichne ein bisschen und stelle gern Perlenarmbänder und anderen Schmuck her –, aber D&D ist seit ein paar Jahren eine ganz große Leidenschaft von mir. Nicht mal meine hinterhältigen früheren Gruppenmitglieder konnten mir die Liebe zu diesem Spiel ruinieren. Ich weiß, dass Rollenspiele nicht gerade als die coolste Freizeitbeschäftigung gelten, deshalb behalte ich das normalerweise für mich. Aber Kashvi hat Würfelohrringe. Das muss doch etwas bedeuten, oder nicht? Okay, no risk, no fun.

»Also, an meiner alten Schule habe ich viel D&D gespielt.«

Kashvis Augen leuchten auf. »Ist nicht dein Ernst! Mein Zwillingsbruder und ich spielen schon seit der Mittelschule.«

»An meinem ersten Tag habe ich deine Würfelohrringe gesehen. Deshalb habe ich mich das schon die ganze Zeit gefragt«, gebe ich zu.

»Echt, sie sind dir aufgefallen? Ich dachte, du wärst zu sehr damit beschäftigt gewesen, dich in Luft aufzulösen.«

»Oh, glaub mir, wenn sich eine Tür in eine andere Dimension aufgetan hätte, hätte ich sie genutzt.«

Kashvi stößt ein herzliches Lachen aus. »Ich spiele für mein Leben gern Zauberinnen und vermisse immer noch meine Elfenzauberin aus unserer letzten Kampagne.«

Ich nicke begeistert. »Geht mir genauso. Mein erster Charakter war eine Elfen-Paladinin. Niemand aus unserer Gruppe wusste, was wir eigentlich taten, und die Qualität unseres Rollenspiels war unterirdisch, aber ich liebe meinen Charakter bis heute.«

Kashvi mustert mich mit einem taxierenden Blick.

»Na ja, also …« Sie zögert einen Moment. »Hast du schon eine feste Gruppe?«

Mein Magen krampft sich schmerzhaft zusammen. »Nein, leider nicht mehr.«

Wahrscheinlich merkt Kashvi, dass es da noch mehr zu erzählen gibt, aber sie hakt nicht nach. »Es ist so …, unsere Gruppe ist gerade auf der Suche nach einem neuen Mitglied. Hättest du nicht Lust, probeweise bei uns mitzumachen? Es wäre cool, noch ein anderes Mädchen in der Kampagne zu haben.«

Ich wippe schon auf und ab, bevor ich mich ermahnen kann, den Ball flach zu halten. »Echt? Das wäre super!«

»Klar, kein Problem.«

Ich verstehe, dass Kashvi vorsichtig ist. Die Dynamik innerhalb einer Gruppe ist genauso wichtig wie die Eigenschaften der Charaktere oder die Kampagne selbst – vielleicht sogar noch wichtiger. Und es ist schwer, eine Gruppe zu finden, die sich gut versteht und wo die Chemie stimmt. Ein neues Mitglied aufzunehmen, könnte die komplette Energie ruinieren. Natürlich besteht die Möglichkeit, dass ich Kashvis restliche Gruppe nicht mag, aber ich will auf keinen Fall eine Chance abschlagen, neue Freunde zu finden. Vor allem nicht, falls der Fotojunge zufälligerweise auch spielen sollte.

»Ich schicke dir nachher eine Nachricht mit den Details, okay?«, sagt Kashvi, nachdem wir unsere Handynummern ausgetauscht haben.

»Total gerne, danke!«

Ein paar Schritte entfernt dreht Kashvi sich noch einmal zu mir um. »Freu dich aber nicht zu früh. Wir nehmen unsere Sache sehr ernst, deshalb halten es die meisten nicht lange bei uns aus.«

Ich bemühe mich um einen neutralen Gesichtsausdruck. Die meisten halten es nicht lange bei uns aus? Was soll das denn bitte heißen?

Kapitel zwei

Am nächsten Morgen setzt Dad Andrew und mich vor der Schule ab, um anschließend an einem frühen Meeting in seinem neuen Job teilzunehmen.

»Habt einen schönen Tag!«, ruft er durchs Beifahrerfenster, bevor er losfährt – seine heitere Stimme ein Kontrast zu diesem kalten, dunklen Morgen. Weil die Schule so lächerlich früh beginnt, sind Andrew und ich schon vor Sonnenaufgang da. Kaum berühren die Füße meines Bruders den Asphalt, ist er verschwunden. Keine Ahnung, wo er hinwill, denn die Highschool sieht kläglich verlassen aus. Aber wie ich ihn kenne, hat er schon einen ganzen Trupp Freunde gefunden, der im Gebäude auf ihn wartet, oder es gibt einen Lieblingslehrer, mit dem er abhängen kann.

Ich schiebe meine Hände in die Manteltaschen und schlurfe auf die Eingangstür zu, während ich mir den bevorstehenden Schultag ausmale. Wahrscheinlich erwartet mich noch mehr schweigendes Herumlaufen und Rumsitzen – wobei ich natürlich weiterhin so tun werde, als würde es mir nichts ausmachen, in meinen Kursen mit niemandem zu reden. Dabei bin ich in Wahrheit einfach zu nervös, um etwas zu sagen.

Eine andere einsame Gestalt tritt in mein peripheres Blickfeld – und mein Magen schlägt einen Salto, als ich erkenne, wer es ist: der Fotojunge. Ich spiele mit dem Gedanken, ihn zu grüßen, aber mein Mund fühlt sich plötzlich so trocken an, als hätte ich einen riesigen Löffel Erdnussbutter geschluckt. Außerdem habe ich keine Lust, mich zum Affen zu machen, indem ich sinnlos drauflos plappere. Andererseits ist er einer der wenigen Leute auf dieser Schule, mit denen ich tatsächlich schon eine Unterhaltung geführt habe. Ich nehme all meinen Mut zusammen und hebe eine Hand in seine Richtung.

»Hey?«

Er schaut zu mir rüber und kommt sofort mit einem Schlenker auf mich zu. »Hi. Ist deine Grandma gar nicht hier, um noch mehr Fotos zu machen?«

Ich lächle zerknirscht. »Zum Glück dokumentiert sie nicht jeden Schultag, sondern nur den ersten.«

»Na ja, vielleicht ist es dir noch nicht aufgefallen, aber … es ist Februar. Nicht gerade der Beginn eines neuen Schuljahrs.«

»Glaub mir, das hab ich gemerkt. Zum Halbjahr zu wechseln, ist echt nichts für schwache Nerven. Aber am Montag war das erste Mal, dass Grandma mich zur Schule bringen konnte, weil wir früher zu weit weg gewohnt haben. Zum Glück hat sie mir wenigstens keine von diesen kleinen Tafeln mit meinem aktuellen Lieblingsfach und Berufswunsch in die Hand gedrückt.«

Der Klang seines Lachens lässt ein elektrisches Kribbeln durch meine Gliedmaßen schießen. Es ist so ein mitreißendes Ganzkörperlachen, bei dem seine Augen leuchten und die Schultern wackeln.

»Jetzt bin ich aber wirklich neugierig. Was ist denn dein Lieblingsfach?«

»Im Moment würde ich mich für so was wie Grundregeln des Tiefschlafs entscheiden. Ich bin mir sogar sicher, dass ich den Leistungskurs darin belegen könnte, wenn es so was hier gäbe.«

»Verstehe, du bist also kein Morgenmensch.«

»Gib mir eine Minute und ich schlafe im Stehen ein.«

»Ich bin versucht, dich kurz alleinzulassen, nur damit ich sehen kann, ob das stimmt. Das wäre nämlich echt cool.« Er zupft am Riemen seiner Büchertasche. »Okay, was steht denn sonst noch auf diesen kleinen Tafeln? Deine Lieblingsfarbe?«

»Grün«, sage ich prompt und zeige auf meine untere Körperhälfte – den einzigen Teil von mir, der unter meinem Mantel zu sehen ist. Heute trage ich einen weiteren meiner fließenden Bohème-Röcke (über einer Leggings, um mich warmzuhalten), und zwar einen mit grünem Paisley-Muster, das zu meinen ebenfalls grünen Edelsteinohrringen passt.

Der Fotojunge nickt anerkennend. »Meine auch. Lieblingsessen?«

»Alles mit Zucker und Kohlenhydraten.«

»Dito. Zucker ist mein bester Freund. Ich kenne übrigens einen tollen Laden für Pancakes. Ist zwar ein Geheimnis, aber ich könnte gewillt sein, es auszuplaudern.«

»Na, da bin ich ja froh, dass wir uns kennengelernt haben.«

Mein ganzer Körper vibriert von dieser kurzen Unterhaltung. Mir ist klar, dass ich das Ganze wahrscheinlich viel zu schnell angehe, aber ich habe den Eindruck, als könnte ich mit diesem Jungen noch stundenlang weiterreden.

Zusammen schlendern wir auf die Eingangstüren zu und bleiben unter dem Dachvorsprung stehen. Ein paar andere Schülerinnen und Schüler gehen an uns vorbei, aber wir sind mindestens zwanzig Minuten zu früh dran und der Parkplatz ist weitgehend verlassen.

Der Fotojunge lehnt sich gegen die raue Backsteinmauer des Gebäudes. »Ich kenne allerdings immer noch nicht das Wichtigste auf deiner Tafel: Wie ist dein Name?«

»Quinn Norton.«

»Freut mich, Quinn. Ich bin Logan Weber.«

Ich schaue ihm in die Augen und mir stockt der Atem. Schnell rufe ich mir ins Gedächtnis, dass ich nichts über Logan weiß – abgesehen von seinem Namen und vier der grundlegendsten Fakten. Gut möglich, dass er zu allen Leuten so nett ist. Vielleicht wartet er auch gerade auf seine langjährige feste Freundin, um Händchen haltend mit ihr gemeinsam in die Schule zu hüpfen, weil die beiden sich einfach so sehr lieben. Allerdings werde ich das Gefühl nicht los, dass da irgendetwas zwischen uns ist. Ein kleiner Funke, der mich auf eine Weise energetisiert, wie es Pancakes oder ein gesunder Schlaf-Wachrhythmus niemals könnten.

»Du hast jetzt Algebra, oder?«, fragt Logan mich.

Ich blinzle überrascht, weil er sich an dieses unwichtige Detail von neulich erinnert und füge gedanklich ein weiteres grünes Häkchen hinzu.

»Ja, leider. Nicht gerade der beste Start in meinen Morgen.«

Logan nickt mitfühlend. »Ich hab extra Geometrie gewählt, nur um Mr Winchester aus dem Weg zu gehen. Er hat einen echt üblen Ruf.«

»Noch so ein Nachteil, wenn man die Neue ist. Man weiß nicht, um wen man besser einen Bogen machen sollte.«

Er wirft einen Blick in Richtung Eingangstür und tritt von einem Fuß an den anderen. »Du kannst mich jederzeit fragen, ich geb dir gerne Tipps. Nur muss ich jetzt leider los, um mit Mrs Andrews über meinen Geschichtsaufsatz zu sprechen. Wir sehen uns später, ja?«

»Klar, auf jeden Fall.«

Mit lockeren Schritten geht Logan davon und meine Augen bleiben an seinem Rücken kleben. Vielleicht hat Dad heute Abend sogar eine Umarmung für sein frühes Jobmeeting verdient.

Kapitel drei

Mit das Nervigste am Umziehen ist, dass alle Sachen irgendwo hin geräumt werden müssen, wir uns aber nicht einigen können, wohin. Und wenn schließlich doch mal eine Entscheidung getroffen wurde, ist die entsprechende Stelle schon belegt.

»Mom, hier ist kein Platz mehr für die alten DVDs!«, rufe ich den Flur hinunter. Es ist der erste Samstag seit Schulbeginn und ich hatte mich eigentlich darauf gefreut, am Wochenende auszuschlafen. Nur haben meine Eltern mich schon um halb neun zum Anpacken verdonnert.

»Versuch’s mal mit den Schränkchen unter dem Fernseher.«

»Geht nicht, da hat Andrew die Videospiele reingestellt.« Frustriert funkle ich die Kartons zu meinen Füßen an. Mom hat mich damit beauftragt, die Kisten im Wohnzimmer auszupacken, doch die sind mit so viel unterschiedlichem Zeug vollgestopft, dass die Aufgabe unmöglich ist. Und natürlich habe ich sie genau deswegen bekommen.

»Tja, dann weiß ich auch nicht«, ruft Mom zurück. »Such dir einfach einen anderen Platz, Schätzchen.«

Seufzend streiche ich mir eine verschwitzte Ponysträhne aus der Stirn. Der Pony war eine impulsive Entscheidung, nachdem vor ein paar Monaten alles mit Paige, Caden und meiner alten D&D-Gruppe in die Luft geflogen ist und ich einen Neuanfang brauchte. Da habe ich mir die Schere geschnappt und angefangen zu schnippeln – mit dem Hintergedanken, dass ich wie eine dunkelhaarige Taylor Swift aussehen könnte –, doch wie sich herausgestellt hat, ist Haareschneiden nicht gerade meine Stärke. Genau wie das Treffen von Lebensentscheidungen. Jetzt braucht der Pony ewig zum Nachwachsen, so als wollte er bei mir bleiben, um mich an die Fehler der Vergangenheit zu erinnern.

»Hey, Patrick ist da!«, ruft mein Bruder von der Haustür aus. »Ich bin weg.«

Andrew ist ein Jahr jünger als ich und hat exakt fünf Tage benötigt, um sich komplett in unsere neue Highschool zu integrieren. Er ist ein Fußballphänomen, seit er sieben war, weshalb er sich nur der Winter-Indoor-Hallenliga im örtlichen Freizeitzentrum anzuschließen brauchte – dem einzigen Indoor-Team in dieser Gegend –, um innerhalb von Stunden einen bombenfesten Freundeskreis zu bekommen. Gestern Abend hatte er sogar ein Date mit einer hübschen Zehntklässlerin.

Ich versuche, eine gute große Schwester zu sein, aber es ist schwer, ihn nicht dafür zu hassen.

»Du gehst schon wieder raus?« Dad streckt den Kopf aus seinem Büro, wo er gerade Bücherregale einräumt. Seine kurzen Haare sind zerzaust und die Brille sitzt schief, doch sein blau-weißes Hemd mit Knopfleiste ist wie immer gebügelt und ordentlich in den Hosenbund gesteckt. Hemden mit Knopfleiste sind sein Markenzeichen. »Ich dachte, du kommst am Nachmittag mit zu Grandma? Ich wollte ihre Garage in Ordnung bringen.«

»Sorry, die Jungs wollen Konditionstraining machen und ich hab schon zugesagt.«

Dad seufzt. »Na schön. Aber dann musst du dir nächste Woche Zeit für einen Besuch bei Grandma freihalten. Wir sind nicht in dieselbe Stadt gezogen, nur damit du zu beschäftigt bist, um sie zu sehen.«

Ich verdrehe die Augen und wende mich wieder meinen Kartons zu. Andrew kommt echt mit allem durch. Aber da er ein sozial angeseheneres Hobby hat als ich, haben seine Interessen grundsätzlich Vorrang.

Als Andrew weg ist, lasse ich meine Kiste stehen und mache mich auf den Weg zum Büro. Mom ist auch gerade da, bekleidet mit einer Yogahose und einem übergroßen T-Shirt aus ihren Collegejahren. Sie flüstert Dad etwas zu und beide fangen an zu kichern. Meine Eltern sind nie aus ihrer Flitterwochenphase rausgekommen. Andere Leute finden das süß, aber ich als Tochter, die jeden Tag mit ansehen muss, wie sie sich gegenseitig anhimmeln, habe eindeutig genug davon.

»Hey, ihr beiden?«

Meine Eltern drehen sich um und lächeln einvernehmlich. »Hi, Schätzchen. Wie geht’s mit den DVDs voran?«

»Nicht so toll. Außerdem guckt heutzutage niemand mehr DVDs. Ihr solltet sie spenden.«

Mit bestürzter Miene rückt Dad seine Brille zurecht. »Nur über meine Leiche. Ich traue diesen ganzen Streamingdiensten nicht. Die sagen, du würdest die Sachen erwerben, aber was, wenn sie aufhören, sie zu streamen? Dann könnte ich mir nie wieder meine Lieblingsserien anschauen! Nein, es ist gut, eine physische Kopie von allem zu haben, was du liebst.« Er zeigt mit dem Finger auf mich, so als würde er mir eine wichtige Lebenslektion erteilen. »Denk daran: physische Kopien.«

»Klar, danke für den Rat.« Ich streiche mir noch mal den Pony aus den Augen. »Vergesst bitte nicht, dass ich auch gleich losmuss.«

Mom wirft Dad einen verwirrten Blick zu. Ich liebe meine Eltern, aber sie sind nicht gerade die organisiertesten Menschen. Und genau das ist einer der Gründe, warum dieser Umzug so chaotisch war und immer noch ist.

»Wo willst du denn hin?«, fragt Mom und streicht sich ihre kurzen dunklen Haare hinter die Ohren. »Du kennst hier doch noch niemanden.«

Ich stemme eine Hand in meine Hüfte. »Doch, das tue ich sehr wohl. Kashvi hat mich zu der D&D-Session eingeladen, von der ich euch erzählt habe.«

Natürlich weiß ich weder Kashvis Nachnamen noch irgendwelche anderen Details über sie, aber technisch gesehen kenne ich sie.

»Kannst du das nicht verschieben?«, fragt Dad. »Grandma wird so enttäuscht sein, wenn keins ihrer Enkelkinder mitkommt.«

»Andrew hast du doch auch einfach gehen lassen.«

»Ja, ich weiß.« Dad nimmt Moms Hand. »Sag es nicht Andrew, aber du weißt doch, wie sehr Grandma dich liebt. Du heiterst sie immer so auf.«

Ich zögere. Trotz ihrer Eigenarten verbringe ich nämlich gerne Zeit mit Grandma. Mit ihr ist es nie langweilig, weil sie andauernd ein neues Hobby hat oder eine lustige Geschichte aus ihrer Jugend erzählt; außerdem fällt ihr immer etwas ein, was wir zusammen unternehmen können. Doch ich glaube, sogar Grandma würde zustimmen, dass ich in dieser Stadt neue Freunde finden muss.

»Es war echt nett von Kashvi, mich für heute einzuladen, und es wäre unhöflich, sie vor den Kopf zu stoßen. Ihr wisst doch, wie schwer es ist, neue Leute kennenzulernen. Wollt ihr etwa, dass ich für den Rest meines Lebens traurig und allein bleibe?«

Dad stößt hörbar Luft aus und Mom hält die Hände hoch, so als wollte sie sich ergeben. »Schon gut, du brauchst nicht so dick aufzutragen. Wir werden Grandma ausrichten, dass du Pläne hattest, die du nicht absagen konntest.«

»Danke!« Ich klatsche vor Freude in die Hände. »Darf ich das Auto nehmen?«

»Meinetwegen«, antwortet Dad und scheucht mich weg.

»Sagt Grandma, ich verspreche ihr, sie bald zu besuchen«, rufe ich, während ich bereits nach oben renne, um zu duschen.

»Das solltest du auch, sonst wird sie darauf bestehen, dich jeden Tag zur Schule zu fahren!«, ertönt Moms lachende Stimme.

Ich sollte definitiv nicht meine ganze Hoffnung auf eine glückliche Zukunft von diesem einen Nachmittag abhängig machen, aber seien wir ehrlich, ich tue es trotzdem. Ich brauche beschämend lange für die Wahl des richtigen Outfits – vor allem, wenn man bedenkt, dass das eigentlich egal sein sollte. Genau das ist nämlich einer der (vielen) großartigen Aspekte von D&D: Niemand interessiert sich dafür, wie du aussiehst. Du kannst ein Ballkleid, einen abgewetzten Schlafanzug oder Elfenohren tragen und trotzdem cool wirken – wenn du eine Gruppe hast, die nicht urteilt. Letztlich entscheide ich mich für einen gemusterten rotbraunen Rock, ein bauchfreies blaues Top und eine olivgrüne Strickjacke, die bis zu meinen Kniekehlen reicht. Das Ganze ist eins meiner Lieblingsoutfits und darüber hinaus auch superbequem. Zum Schluss schnappe ich mir noch Creolen und drei XXL-Halsketten, weil ich mich einfach nicht wie ich selbst fühle, wenn ich nicht mindestens ein Schmuckstück zu viel anhabe. Klar kenne ich den Rat, vor dem Rausgehen in den Spiegel zu gucken und ein unnötiges Accessoire abzulegen, aber ich tue genau das Gegenteil. Ich streife mir zwei Lapislazuli-Armbänder über und mache mich auf den Weg zum Auto.

Zwanzig Minuten später stehe ich vor der Tür der Adresse, die Kashvi mir gegeben hat, atme tief durch und klopfe. Ich habe nichts zu verlieren.

Schon nach einer Sekunde fliegt die Tür auf, aber anstatt Kashvi steht der Junge vor mir, den ich am ersten Schultag mit ihr zusammen auf dem Parkplatz gesehen habe. Da die beiden sich so ähnlich sehen, vermute ich, dass er ihr Zwillingsbruder ist. Er hat kurze dunkle Haare und trägt eine Jogginghose sowie ein T-Shirt vom Laurelburg-High-Robotik-Klub.

»Was auch immer du verkaufst, wir wollen’s nicht«, sagt er.

Ich blinzle, komplett irritiert. »Äh …, ich will nichts verkaufen. Ist Kashvi da?«

»Alle verkaufen irgendetwas.« Der Junge neigt seinen Kopf und mustert mich eindringlich. »Und sei es nur sich selbst.«

Meine Kinnlade klappt runter und ich trete einen Schritt zur Seite, um auf die großen hölzernen Ziffern zu schauen, die am Pfosten der Veranda befestigt sind. Jep, das hier ist definitiv die Adresse, die Kashvi mir gegeben hat. Da ich nicht weiß, was ich tun soll, bewege ich mich unsicher ein Stück von dem Jungen weg.

Plötzlich lacht er auf. »Alles gut, ich mach bloß Spaß.«

»Sanjiv, hör auf, unsere Gäste zu vergraulen und geh zur Seite!« Sanjiv wird aus meinem Blickfeld gezogen und Kashvi nimmt seinen Platz im Türrahmen ein. Ihre Haare sind zerzaust und sie lächelt gequält. »Tut mir echt leid, komm rein.«

Ich trete zaghaft ein.

»Ignorier meinen Zwilling einfach. So mache ich das immer, wenn er sich so aufführt.«

Sanjiv weicht im Flur einer Reihe ordentlich nebeneinandergestellter Schuhe aus. »Niemand schafft es, mich zu ignorieren. Außerdem musste ich testen, ob sie uns gewachsen ist.« Er reibt sich übers Kinn. »Und ich muss sagen, ich bin noch nicht überzeugt.«

Kashvi verdreht die Augen. »Schieb dir ein paar Doritos rein und lass uns in Ruhe, Brüderchen.«

Sanjiv zuckt die Achseln und schlendert ins Haus. »Sorry, ich wollte vor ihm an der Tür sein, aber ich war oben.« Kashvi wirft einen Blick über ihre Schulter. »Normalerweise ist er nicht so schlimm, aber in unserer Kampagne spielt er einen übermäßig philosophischen Kleriker, deshalb wird er jedes Mal unerträglich, wenn er in die Rolle schlüpft. Ich bin froh, dass die Kampagne fast vorbei ist.«

Sie winkt mich in ein sehr vornehmes Wohnzimmer und mir fällt auf, dass das Haus verblüffend sauber ist. Ich meine, klar, bei mir sieht es gerade aus wie in einer Kartonfabrik, weil wir immer noch beim Auspacken sind. Aber selbst im Bestzustand ist unser Haus bis in den letzten Winkel vollgestopft. Dieses Zimmer erinnert mich jedoch eher an einen Ausstellungsraum.

»Und, wie ist es dir ergangen?«, fragt Kashvi mich.

Es ist mir peinlich zuzugeben, dass mein Highlight der Abendbeschäftigung in Laurelburg bisher die TV-Show Glücksrad war, die ich zusammen mit Mom und Dad angeschaut habe. Selbst meine Eltern haben die ganze Sendung über ihren Freunden getextet, während ich nichts Besseres zu tun hatte, als das knifflige gereimte Sprichwort mit nur einem einzigen Vokal zu entschlüsseln.

»Ganz okay«, antworte ich ihr. »Ich freu mich, hier zu sein.« Irgendwo im Haus höre ich jemanden lachen und ein aufgeregter Schauer kriecht meine Wirbelsäule hinauf. In Anbetracht von Kashvis Warnung in der Schule und Sanjivs Kommentar von vorhin frage ich mich allmählich wirklich, wie gut ich in die Gruppe passe. »Aber hast du eben nicht gesagt, die Kampagne wäre vorbei?«

»Ja, wir bringen die Sache heute Nachmittag zu Ende. Deshalb dachte ich, es wäre ein guter Zeitpunkt für dich, um vorbeizukommen und uns in Aktion zu erleben.«

»Oh.« Ich versuche, meine Enttäuschung darüber zu verbergen, dass ich noch nicht mitmachen darf. »Danke auf jeden Fall für die Einladung. Du hast mich vor ein paar lästigen häuslichen Verpflichtungen gerettet.«

»Kein Problem. Und mach dir keine Sorgen – wir fangen bald mit einer neuen Kampagne an. Perfektes Timing also, um eine neue Spielerin dazu zu holen. Zumindest, wenn du dafür bereit bist.«

Kashvis Worte lassen meine Nerven noch stärker kribbeln. Was sollen diese ganzen Anspielungen, ob ich bereit bin? Immerhin geht es hier um D&D, da ist doch nichts bei. Es sei denn, die anderen Spieler sind Idioten. Mit so was habe ich leider schon viel zu viel Erfahrung gemacht, daher habe ich auch kein Interesse, einer neuen toxischen Gruppe beizutreten.

»Na looooos, kommt schon«, jammert Sanjiv, der gerade ins Wohnzimmer kommt. »Wir haben einen bösen Zauberer zu killen.«

Der Junge, der auf dem Parkplatz kurze Hosen anhatte, folgt ihm herein. Seine schulterlangen Haare sind offen, er trägt ein T-Shirt mit Blasorchester-Aufdruck und hat eine Zweiliterflasche Dr. Pepper in der Hand. »Hey.« Er nickt mir kurz zu. »Du bist in meinem Chemiekurs, stimmt’s? Wie geht’s?«

»Das ist übrigens Mark«, stellt Kashvi den Jungen vor. »Meinen Bruder Sanjiv hast du ja schon an der Tür kennengelernt und an Logan erinnerst du dich bestimmt noch von deinem sehr speziellen ersten Schultag.«

Cool, Logan spielt also auch D&D! Als er reinkommt, winke ich ihm möglichst gelassen zu. Schließlich soll er nicht merken, wie sehr ich mich freue, dass er dabei ist. Dieser Samstag ist gerade noch ein ganzes Stück besser geworden.

»Quinn, hey«, grüßt er zurück. »Was für eine Überraschung.« Sein Lächeln lässt ein warmes Gefühl durch meinen Körper fließen. »Ich wusste gar nicht, dass du mit Kashvi befreundet bist«, fährt er fort.

»Ähm ja, Kashvi war so nett, mich für heute einzuladen«, sage ich. »Schön, euch alle wiederzusehen.«

»Ich dachte, es könnte Spaß machen, wenn sie bei der Session zuguckt«, schaltet Kashvi sich ein. »An ihrer alten Schule hat Quinn nämlich auch gespielt. Apropos, wir sollten besser runtergehen, bevor Sloane uns suchen kommt.«

Ich schließe mich an, als die anderen durch die Küche zur Kellertreppe marschieren, und plötzlich ist Logan an meiner Seite. »Na, wie läuft Algebra?«

Ich stöhne auf. »Nicht gut. Der Stoff deckt sich kein bisschen mit dem aus meiner alten Schule und Mr Winchester zieht alles viel zu schnell durch.«

»Ich könnte dir Nachhilfe geben, aber nur wenn dein Ziel darin bestünde, noch schlechtere Noten zu kriegen.«

»Klingt nach einem verlockenden Angebot«, erwidere ich – wobei ich durchaus bereit wäre, die schlechten Noten in Kauf zu nehmen, wenn ich dafür mehr Zeit allein mit Logan verbringen könnte.

Mark wirft uns über seine Schulter einen Blick zu. »Wen interessiert die Schule, wenn uns ein ganzer Nachmittag D&D bevorsteht. Bist du bereit für die epische Sagenhaftigkeit, die du gleich erleben wirst, Quinn?«

»Äh, ich schätze schon?«

»Du schätzt?« Sanjiv schnaubt verächtlich. »Du solltest dankbar sein, dass du uns in erster Reihe zugucken darfst.«

Marks Mund verzieht sich zu einem Grinsen. »Genau, die meisten Sterblichen bekommen die Chance erst gar nicht.«

Dieser Spruch genügt, um meine Nerven wieder von Neuem in Brand zu setzen. Bevor ich diese Gruppe kennengelernt habe, war ich ziemlich selbstbewusst, was meine D&D-Kenntnisse angeht. Aber jetzt wird mir klar, dass ich in Wahrheit der grünste aller Grünschnäbel bin. Nur ist es jetzt zu spät. Ich bin schon die Treppe runtergestiegen, also gibt es kein Zurück mehr.

Kapitel vier

Was auch immer ich zu sehen erwartet habe, ist nicht das, was ich am Fuß der Treppe vorfinde. Natürlich gibt es hier die typischen Dinge, die zu vielen Kellern in Ohio gehören: einen zerschlissenen Teppich, eine niedrige Decke und eine abgewetzte Couch, die auf einen großen Fernseher ausgerichtet ist. An der Wand hängt sogar ein Willkommen-in-Ohio-Schild, das alt genug aussieht, um seit den 80ern dort zu hängen.

Außerdem steht da noch ein langer Tisch, der mit D&D-Spielanleitungen, Papier und Rollenspielfiguren bedeckt ist. Doch dann erspähe ich Webcams auf Dreifußständern und Tischmikrofone an jedem Platz.

Kashvi winkt einer anderen Person zu, die offensichtlich schon auf die Gruppe gewartet hat. »Quinn, das ist Sloane. Dey macht bei uns die Spielleitung.«

Ich hebe die Hand zum Grüßen und erkenne Sloane durch die gestreifte Regenbogenmütze als die Person vom Parkplatz wieder. Kurze Büschel schwarzer Haare mit violetten und blauen Strähnen ragen unter der Mütze hervor und dey trägt ein schwarzes Fullmetal-Alchemist-T-Shirt.

Sloane winkt mir von dem Platz hinter einem dreiseitigen Spielleiterschirm zu. »Herzlich willkommen, Quinn.«

»Danke«, sage ich, während die anderen an mir vorbeistreifen und sich auf ihre jeweiligen Stühle setzen. »Was hat denn die ganze Technik zu bedeuten?«

In meiner alten D&D-Gruppe gab es die Regel, dass wir während der Sessions unsere Tablets und Smartphones nicht benutzen durften, es sei denn, wir wollten etwas nachgucken. Es macht nämlich die Stimmung eines Rollenspiels kaputt, wenn die Hälfte der Leute zu sehr mit Reddit beschäftigt ist, um mitzukriegen, was um sie herum passiert. Aber so viel Aufwand wie in diesem Keller habe ich noch nie gesehen.

Logan wirft Kashvi einen überraschten Blick zu. »Du hast es ihr nicht gesagt?«

»Was hat sie mir nicht gesagt?«, frage ich.

»Ich wollte ihr keine Angst einjagen«, wendet sich Kashvi an Logan, bevor sie sich zu mir dreht. »Wir sind keine normale D&D-Gruppe. Wir livestreamen alle unsere Sessions.«

»Im Ernst? So wie Critical Role?«

Die anderen nicken lächelnd. »Wir sind zwar noch nicht ganz so berühmt, aber im Grunde ja«, erwidert Mark. »Auf jeden Fall ist Critical Role eins unserer Vorbilder. Und eines Tages werden wir genauso viele Zuschauer haben wie sie.«

Ich bemühe mich, mir meine Zweifel nicht anmerken zu lassen, denn das wäre schon ein sehr ehrgeiziges Ziel. Critical Role hat schon seit Jahren massenhaft Online-Follower, Millionen von Menschen schauen sich sowohl die Sessions als auch die dazugehörige Fernsehshow an. »Und … habt ihr auch Follower?«, frage ich.

Sanjiv schnaubt. »Glaubst du, wir würden diesen ganzen Aufwand betreiben, wenn wir keine hätten?«

Er deutet mit einer Geste auf das Streulicht und die Deko um uns herum. Erst jetzt sehe ich die Bücherregale an den Wänden, die mit verschiedenen Ausgaben von D&D-Handbüchern, selbst gebastelten Zaubertrankfläschchen, Fake-Waffen und Würfeln gefüllt sind. Wahrscheinlich will die Gruppe ihren Zuschauern eine thematisch passende Kulisse bieten. »Heute machen wir eine Ausnahme, aber normalerweise darf niemand außer uns diesen Raum betreten«, erklärt Sanjiv.

»Richtig. Wer uns zugucken will, muss unsere Sessions streamen«, fügt Sloane hinzu und zeigt auf einen Laptop zu deren Rechten.

»Ist ja gut, sie hat’s kapiert«, bringt Kashvi die beiden zum Schweigen. Dann wendet sie sich mit leiserer Stimme an mich. »Sorry, manche von uns werden schon mal ein bisschen defensiv. Wir hatten mal knapp fünfundsiebzig Zuschauer, aber meistens sind es etwa dreißig.«

»Aber es werden mehr«, wirft Mark ein.

»Heute werden es wahrscheinlich recht viele sein«, fügt Sloane hinzu. »Die Leute lieben es, sich das Ende von Kampagnen anzuschauen.«

Ich nicke mit aufgerissenen Augen. »Das ist so cool!«

»Extrem cool«, verbessert mich Sanjiv.

»Also gut, dann lehn dich zurück und genieß die Show«, sagt Logan mit einem kleinen Lächeln. Er ist der Einzige, der die Livestream-Sache nicht so wichtig zu nehmen scheint, und das ist mir sehr angenehm.

Logan wirft Sloane einen Blick zu. »Sind wir bereit?«

»Bereit«, erwidert Sloane.

Schnell rücken alle auf ihren Stühlen zurecht und streichen sich die Haare glatt, dann fummeln sie an ihren Würfeln herum. Ich schleiche auf Zehenspitzen zu Sloane, um mir die Livestream-Ansicht auf dem Laptop anzuschauen. Sloane ist in einem quadratischen Fenster auf der linken Bildschirmseite zu sehen, während die anderen in zwei übereinander liegenden rechteckigen Fenstern auf der rechten Seite erscheinen. Logan und Mark füllen das obere Fenster aus, weil die beiden nebeneinandersitzen, Kashvi und Sanjiv das untere.

Ich habe nicht viel Erfahrung mit Livestream-D&D-Sessions, obwohl Caden und ich früher oft den Podcast von The Smiling DM gehört haben. Wie Critical Role ist auch diese Gruppe superberühmt, hat Zehntausende von Followern und eine echt professionelle Aufmachung. Hier in Kashvis Keller wirkt das Ganze zwar nicht so perfekt, aber die Gruppe hat es trotzdem geschafft, die Idee umzusetzen. Weil Sloane die Spielleitung macht, ergibt es Sinn, dass dey eine eigene Kamera hat, während die übrigen Kameras auf die anderen ausgerichtet sind, sodass die Zuschauer Interaktionen und Gesichtsausdrücke erkennen können. Außerdem sorgen die Bücherregale im Hintergrund für ein nettes Ambiente. Kashvi und Sanjiv haben mächtig Glück, dass ihre Eltern cool genug sind, ihnen den Keller für ihr Hobby zur Verfügung zu stellen. Bei meinen Eltern wäre das definitiv anders.

»Du hast noch nicht angefangen zu streamen, oder?«, frage ich über Sloanes Schulter hinweg.

Dey lacht. »Nein, sonst würde ich dich aus dem Bild schubsen. Unser Stream läuft jeden Samstag von zwei bis vier und wir fangen immer pünktlich an. Da wir den Spielplan online posten, wären die Leute sauer, wenn wir von der Zeit abweichen würden. Einer der sichersten Wege, Zuschauer zu verlieren, ist Unzuverlässigkeit.«

Ich nicke. Allmählich verstehe ich, warum Kashvi und Sanjiv daran gezweifelt haben, dass ich für die Gruppe geeignet bin. Die Sache ist um einiges intensiver als alles, was ich bisher gemacht habe.

Sloane zeigt auf ein Chatfenster am unteren Rand des Bildschirms. »Wenn die Leute unseren Channel abonnieren, bekommen sie Extras wie zum Beispiel Zugang zum Chatroom und personalisierte Emojis. Während der Session schaffe ich es zwar nicht, den Chat im Auge zu behalten, aber es macht Spaß, sich hinterher anzugucken, was geschrieben wurde.«

Ganz oben im Chatfenster entdecke ich einen hervorgehobenen Hinweis: Keine Klugscheißerei, keine Einmischung von außen!

»Wie ist das gemeint?«, frage ich.

»Na ja, manchen Leuten macht es Spaß, hier reinzukommen und uns zu belehren. Das ist echt nervig, deshalb haben wir den Hinweis eingefügt.«

Sloane wirft einen Blick auf die Uhr. »Okay, es wird Zeit.« Dann gibt dey mir ein Zeichen, mich auf einen Stuhl an der Wand zu setzen, aber zum Glück kann ich den Bildschirm immer noch sehen. »Okay, wir gehen live in drei … zwei … eins …« Sloane klickt auf einen Button und alle am Tisch richten sich auf.

Sobald der Livestream eröffnet ist, trudeln immer mehr Zuschauer ein und meine Augen weiten sich vor Staunen. Dreißig, fünfzig, achtzig. Ich kann kaum glauben, dass sich all diese Leute eine D&D-Session von Teenagern anschauen wollen. Damit hätte ich definitiv nicht gerechnet.

»Wow«, platzt es aus mir heraus, bevor ich mir schnell die Hand vor den Mund schlage. Die anderen versteifen sich, drehen sich aber nicht zu mir um. Ups. Ich sollte mich wohl besser zurückhalten.

»Herzlich willkommen an diesem vielversprechenden Tag, liebe Zuschauerinnen und Zuschauer!«, beginnt Sloane mit heiterer Stimme. »Wir sind Don’t Split the Party und haben monatelang gegen Goblins, Giganten und andere Monster gekämpft – in der Hoffnung, den Turm des Zauberers zu erreichen und den gestohlenen Schutzstein zurückzuholen. Heute wird es spannend, denn für die Gruppe steht alles auf dem Spiel. Werden die Würfel günstig fallen, sodass alle überleben? Oder wird dies das letzte Abenteuer unserer Heldinnen und Helden sein?«

Die anderen lächeln einander an, dann meldet sich Mark zu Wort. »Ich bin bereit, den Tod meiner Mutter zu rächen.«

»Und ich bin bereit, den Zauberer zu vernichten«, ergänzt Kashvi.

»Ihr habt euch auf jeden Fall lang genug geduldet«, fügt Logan hinzu. »Auf geht’s!«

Sloane beugt sich vor und beginnt mit ernstem Gesichtsausdruck und leiser Stimme zu sprechen.

»Ihr steht vor der massiven Holztür, die zum Turm des Zauberers führt. Die hohen Bäume um euch herum schwanken unheilvoll und der Himmel wirft ein schattiges Zwielicht auf die Szenerie. Alles ist vollkommen still, so als würde jedes Wesen der Welt auf den Kampf warten, der gleich stattfinden wird. Was wollt ihr als Nächstes tun?«

Mir fällt auf, dass alle Blicke automatisch zu Logan schwenken. Ist er der Anführer?

»Was nun, Hathor?«, fragt Mark.

»Ich werde jegliche magische Überreste des Zauberers aufspüren und auslöschen«, antwortet Logan, der inzwischen nicht mehr wie Logan spricht. Er hat einen schottischen Akzent angenommen und sitzt so aufrecht, dass er noch größer wirkt als sonst. Vermutlich spielt er ebenfalls einen Zauberer oder etwas Ähnliches, wenn er selbst Zaubersprüche verwendet.

»Ich betrete den Turm als Erster«, verkündet Sanjiv, nachdem alle zusammen die Tür eingetreten haben. »Ich wette, da drinnen lauern noch andere Gefahren auf uns.«

»Ich lasse dich da auf keinen Fall allein reingehen«, meldet sich Kashvi zu Wort.

»Das ist gut, ich hab nämlich nicht vor, heute zu sterben«, erwidert Sanjiv und die beiden grinsen einander an. Bis gerade war mir nicht klar, ob Kashvi und ihr Zwillingsbruder miteinander klarkommen, aber jetzt scheinen die beiden definitiv ein Team zu sein.

»Ihr schafft es ungefähr ein Dutzend Stufen hinauf, als plötzlich ein ohrenbetäubender Lärm ertönt, der sich anhört, als würde Metall über Stein schrammen.« Zu meiner großen Überraschung zieht Sloane einen Stein und ein (sehr echt aussehendes) Spielzeugschwert unter dem Tisch hervor und reibt die Gegenstände aneinander, um den passenden Soundeffekt zu kreieren. Das kreischende Quietschen jagt mir einen Schauer über den Rücken.

»Könnte das eine Käfigtür sein, die geöffnet wird?«, fragt Mark. »Vielleicht lässt der Zauberer irgendetwas frei?«

»Schon möglich.« Logans Blick flackert zu Sloane hinüber, deren Gesichtsausdruck Bände spricht: Eine hämisch grinsende Spielleitung ist nie ein gutes Zeichen.

»Falsch geraten«, wendet sich Sloane nun an die Gruppe. »Was ihr gerade gehört habt, war keine Käfigtür, sondern etwas ganz anderes. Schon wird das Rasseln und Klappern lauter, bis ihr kaum noch einen klaren Gedanken fassen könnt – und plötzlich tauchen fünf wandelnde Ritterrüstungen vor euch auf! Jede einzelne schwenkt zwei kurze Schwerter und alle kommen auf euch zu.«