Dear Professor Romance - Mark SaFranko - E-Book

Dear Professor Romance E-Book

Mark SaFranko

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Beschreibung

Dough Guthrie betreibt eine Website namens Professor Romance, die als Idee aus einer Laune heraus auf einem Barhocker in Hollywood entstand. Nun ist Dough trocken und hat seine Dämonen besiegt. Er leitet ein erfolgreiches Unternehmen, das denen, die verzweifelt Frauen kennenlernen wollen, kein langes Rumgetue verspricht. Als Ghostwriter dahinter verdient Lance Bertovich seine Brötchen und berät zahlende Kunden wie z.B. Norman Bright, der als unauffälliger Angestellter eines biomedizinischen Unternehmens sein Dasein fristet und versucht, mit Hilfe des Professors die Zuneigung einer attraktiven Kollegin, Cynthia Collingsworth, zu gewinnen. Mit tödlichen Folgen, als der Fake durchschaut wird … Dear Professor Romance erinnert an den Klassiker der Beziehungsberatung, an Miss Lonelyhearts von Nathanael West. SaFrankos Roman beschwört dessen Zynismus und ist so etwas wie dessen Widerhall im 21. Jahrhundert.

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Seitenzahl: 270

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Dear Professor Romance
Mark SaFranko
Übersetzt aus dem amerikanischen Englisch von Sepp Leeb
Lieber Professor Romance,
Ich bin auf Ihre Kolumne gestoßen, als ich mich im Internet umgesehen habe, wie man am besten Frauen kennenlernt. Ich muss zugeben, Ihre Ratschläge sind sehr überzeugend und zutreffend, und was Frauen angeht, scheinen Sie sich wirklich sehr gut auszukennen. Bei Ihrer Fachkenntnis kann ich mir gut vorstellen, wie Ihre Freundin oder Frau aussieht! Ich werde Ihr Buch baldmöglichst kaufen. Ich glaube, es wird der Schlüssel zur Lösung meines Problems.
Ich bin Mitte zwanzig und habe in einem großen biomedizinischen Unternehmen an der Ostküste einen Bürojob. Ich sehe ganz passabel aus (auch wenn ich eine Brille trage, eins dieser modischen Modelle mit massivem schwarzem Rahmen, die gerade in sind), wohne in einem kleinen Apartment, habe keine Familie, besitze einen Wagen, verdiene ganz anständig und kleide mich ordentlich und gepflegt. Mein Problem? Obwohl ich es jahrelang versucht habe, hatte ich nie eine Freundin oder so etwas wie eine feste Beziehung. Nie. Manchmal bin ich nahe daran zu verzweifeln. Nein, das stimmt nicht ganz, ich bin bereits am Verzweifeln. Schlimmer noch, ich komme einfach nicht darauf, was ich falsch mache. Wenn ich mich so umschaue, sehe ich alle möglichen Trottel, Fieslinge, Fettsäcke, potthässliche Typen, sogar Männer mit Aids, die Frauen haben, für die ich meinen rechten Arm opfern würde, und ich begreife einfach nicht, wie ihnen das gelingt.
Professor Romance, ich muss Ihnen etwas gestehen: Ich habe Angst. Ich habe Angst, einer dieser Sonderlinge zu werden, de­nen deutlich sichtbar das Wort LOSER auf die Stirn geschrieben steht und die durchs Leben stolpern, ohne den Grund dafür zu begreifen und, noch schlimmer, ohne dass sie jemals in der Lage wären, dieses Stigma abzuschütteln und auf der Seite der Gewinner zu stehen.
Vielleicht habe ich größere Probleme, als mir bewusst ist. Vielleicht stimmt von Grund auf etwas nicht mit mir, und ich mer­ke es gar nicht.
Vielleicht denke ich einfach nur, dass ich ganz okay aussehe, während es in Wirklichkeit gar nicht stimmt, wenn Sie wissen, was ich meine. Vielleicht stimmt das, was ich sehe, wenn ich in den Spiegel schaue, gar nicht mit der Wahrnehmung der anderen überein. Vielleicht glaube ich, halbwegs passabel auszusehen, während ich in Wirklichkeit potthässlich oder sonst was bin.
Doch wenn dann ein hübsches Mädchen in meine Richtung schaut und lächelt – zumindest bilde ich mir ein, dass sie lächelt —, bin ich sofort fest davon überzeugt, dass es noch Hoffnung für mich gibt.
Manchmal ertappe ich mich dabei, dass ich wütend werde, sogar sehr, sehr wütend, weil ich nicht in der Lage bin, diesen Teufelskreis zu durchbrechen.
Bitte helfen Sie mir, Professor Romance. Sollten Sie diesen Brief veröffentlichen, wäre ich Ihnen sehr dankbar, wenn Sie meinen Namen ändern würden – auch wenn er niemandem etwas sagt und niemand sich dafür interessiert. Vielen Dank im Voraus.
1
Irgendetwas war diesmal anders mit seiner Mutter.
Deutlich anders. Und das beunruhigte Douglas Guth­rie.
War vor noch nicht allzu langer Zeit das Schlimmste, was sie anstellen konnte, den Wasserkessel auf dem Gasherd pfeifen zu lassen, war das, was Elizabeth Guthrie diesmal brachte, auf einem völlig neuen Level. Sie hatte nicht nur die Kühlschranktür weit offen gelassen, sondern trieb sich in einer Nerzstola im Garten herum.
In nichts als einer Nerzstola.
Wo hatte sie das blöde Teil überhaupt her? Doug konnte sich nicht erinnern, es jemals gesehen zu haben. Was war bloß in sie gefahren, sich splitternackt auszuziehen und sich dieses verschimmelte Stück Pelz um den Hals zu schlingen.
»Mom«, rief er durch das Fliegengitter der Veranda. »Mom!«
Zum Glück hatte er schnell gemerkt, wo seine Mutter war. Als er das Fliegengitter zurückschob und auf die Veranda hinaustrat, drehte sie sich zu ihm und starrte ihn an. Ihre weit aufgerissenen Augen waren so wild wie die eines Tiers. Ihr Gesichtsausdruck war angstverzerrt, als sähe sie ihren ältesten Sohn zum ersten Mal in ihrem Leben.
»Ma ... was denkst du dir eigentlich?«
Sein Ton war der eines verärgerten, aber noch nicht richtig wütenden Vaters. Als sie ihn statt einer Antwort fragte: »Wer sind Sie?«, wusste er, dass sie gerade einen Punkt überschritten hatte, an dem es kein Zurück mehr gab.
Es war ein denkbar ungünstiger Tag für so einen Aussetzer. Eigentlich wollte sich Doug Guthrie, alias Professor Romance, am Abend in einem Hotel in Studio City mit »Sasha« treffen, und weil er zu diesem Rendezvous unbedingt erscheinen wollte, wusste er nicht, was er mit seiner Mutter machen sollte.
So was Blödes auch, dachte er ärgerlich. Er war schon seit Monaten nicht mehr bei einer Frau zum Zug gekommen. Musste sich da seine Mutter ausgerechnet diesen Tag aussuchen, um vollends durchzudrehen?
Er bekam sofort ein schlechtes Gewissen, so egoistisch zu sein und so etwas auch nur zu denken. Da bekam das erbärmliche Geschöpf, das ihn vor etwas über sechzig Jahren zur Welt gebracht hatte, einen schweren Demenzschub, und er konnte an nichts anderes denken als an sich selbst und wie er auf seine Kosten kam. Was war bloß los mit ihm? Anscheinend belastete ihn der Stress wegen Elizabeths unaufhaltsamem geistigen Abbau in den letzten Monaten immer stärker.
Er stieg die drei Stufen zum frisch gemähten Rasen hinunter und näherte sich vorsichtig der alten Frau in der muffigen Nerzstola. Inzwischen glaubte er, sich an dieses Teil aus seiner Kindheit vage erinnern zu können. Er wäre jede Wette eingegangen, dass es schon vor langer Zeit im Mülleimer gelandet war.
»So, Liz ... sollen wir vielleicht wieder reingehen, und dann mache ich dir was zu trinken. Wie fändest du das?«
Als er sie darauf am Arm zu nehmen versuchte, riss Elizabeth ihre entsetzten Augen noch weiter auf.
»Kenne ich Sie?«
Jetzt dreht sie vollends durch, dachte er. So weit ist es also gekommen.
»Ich kenne Sie doch nicht, oder?«
Doug lachte verlegen. Er wollte es eigentlich nicht, aber die Frage war so grotesk, dass er nicht anders konnte. Er hatte die letzten paar Jahre, seit sein Vater nach gnädig kurzem Leiden an Bauchspeicheldrüsenkrebs gestorben war, mit seiner Mutter zusammengelebt, aber natürlich kannte Elizabeth Guthrie ihren Sohn eigentlich überhaupt nicht. Hatte ihn auch nie gekannt.
»Aber natürlich kennst du mich. Ich bin’s, Dougie, Ma. Dein ältester Sohn – Douglas Edgar Guthrie. Aber jetzt komm mit rein, bevor du dich noch erkältest ...«
Elizabeth sträubte sich nicht, als ihr Sohn sie die Treppe hinauf ins Haus führte. Doug hatte den Eindruck, dass sie wie ein verirrter kleiner Hund mit so ziemlich jedem mitgegangen wäre.
Der Himmel Südkaliforniens war wie gewohnt klar und blank, und die Luft war erfüllt vom Salzgeruch des nahen Pazifiks. Die Temperatur betrug angenehme zweiundzwanzig Grad. So war das Wetter schon gestern ge­wesen, und so würde es auch morgen sein. Doug Guth­rie hatte großes Glück, hier zu wohnen, und war sich dessen auch bewusst; er hatte nie den Wunsch verspürt, woanders zu leben. Aber es war eigenartig, geradezu schockierend, vor dem Hintergrund solch idealer klimatischer Bedingungen Zeuge des Verfalls einer menschlichen Psyche zu werden.
Sobald sie es in die Küche geschafft hatten, sagte Doug: »Und was darf es heute sein, meine Liebe? Das Übliche?«
Elizabeth ging nicht auf sein Locken ein. Er tänzelte um sie herum und machte auf Barkeeper, was seiner Mutter vor ein paar Tagen noch ein Lächeln entlockt hätte. Doch jetzt starrte sie ihn wieder nur entgeistert an, als wäre er gerade von einem anderen Planeten auf die Erde gefallen.
Als er den Küchenschrank öffnete, flüsterte die alte Frau: »Wer ist da drinnen?« Er drehte sich gerade noch rechtzeitig um, um mitzubekommen, wie Elizabeth argwöhnisch in Richtung Esszimmer schaute. »Dein Vater? Ist da drinnen dein Vater?«
Das brachte ihn fast wieder zum Lachen.
Seine Erleichterung war jedoch nur von kurzer Dauer. Plötzlich sah Doug seine Mutter mit anderen Augen. Die schlaffe, runzlige Haut, der vollkommen wirre Gesichtsausdruck, die zitternden Lippen, die ihre kaum zu kontrollierende Panik verrieten, all das machte sie – und ihn – unbeschreiblich traurig.
»Nein, Mom. Dad ist tot. Das weißt du doch – oder nicht? Dass Dad gestorben ist ...?« Nach allem, was er über ihre Störung gelernt hatte, sollte man solche Fragen behutsam, aber wahrheitsgemäß beantworten.
Elizabeth Guthrie schüttelte den Kopf. Ihre langen grauen Zöpfe zitterten vor Skepsis. Sie war unschlüssig, was sie tun sollte, und stand immer noch da.
»Setz dich, Mom. Setz dich doch.«
Doug zog einen Stuhl unter dem kleinen Tisch in der Frühstücksecke heraus und bugsierte seine Mutter darauf zu. Sie setzte sich widerstrebend und betrachtete das Möbel, als könnte sie nicht verstehen, wofür es gut sein sollte.
Und genauso schnell, wie er traurig geworden war, wurde er wütend. Er wollte es nicht, aber er konnte nicht anders. Es war ihre gemeinsame Vergangenheit, die ihn wurmte, seit er gezwungen war, sich um seine Mutter zu kümmern. Als sie noch bei klarem Verstand gewesen war, hatte Elizabeth ihrem Sohn gegenüber immer eine harte, unnachsichtige Haltung eingenommen, ein Zug, der sich mit zunehmendem Alter verschlimmerte. Egal, was Doug machte, es war ihr nie gut genug. Hätte er damals nicht so in der Klemme gesteckt, hätte er sich nie bereit erklärt, wieder zu Hause einzuziehen.
Er nahm die Teebüchse heraus, schloss den Küchenschrank, füllte den blauen Kessel mit Wasser und stellte ihn scheppernd auf die Gasflamme. Es ärgerte ihn gewaltig, dass seine Pläne über den Haufen geworfen worden waren, aber es war nun mal ein Notfall – und er musste eine Lösung finden.
Dougs größtes Problem war, dass er in der Nähe niemanden kannte, der in einer solchen Situation auf seine Mutter aufpassen konnte oder wollte, vor allem nicht in ihrem jetzigen Zustand. Das konnte er niemandem zum Vorwurf machen. Seine unmittelbaren Nachbarn hatten kleine Kinder und kamen für so etwas nicht in Frage, und nahe Verwandte, die in der Nähe wohnten, hatte er keine. Er wusste, dass er eine gelernte Pflegekraft hätte anstellen sollen, hatte sich aber dann doch immer wieder dafür entschieden, sich selbst um seine Mutter zu kümmern. Inzwischen war er zu der Überzeugung gelangt, dass das ein Fehler gewesen war.
Elizabeth, deren früher so attraktive Gesichtszüge sich in eine Totenmaske verwandelt hatten, saß einfach nur da und glotzte ins Nichts, während ihr Sohn Smalltalk machte und ihr Teile aus Liedern vorsang, zum Beispiel »You Should Be Dancing« von den Bee Gees.
Kater Manfred wanderte immer wieder herein, um jedoch gleich wieder zu verschwinden, als bekäme er nichts von der Tragödie mit, die sich vor ihm abspielte. Im Hintergrund läutete in unvorhersehbaren Abständen das Telefon.
»Hallo! Sie sind mit dem Büro von Professor Romance verbunden. Danke für Ihren Anruf. Wenn Sie eine Nachricht hinterlassen, denken Sie bitte daran, deutlich zu sprechen. Wenn Sie einen Termin für eine Beratungssitzung haben, bin ich gerade nicht an meinem Schreibtisch und entschuldige mich deshalb für die Unannehmlichkeit. Bitte hinterlassen Sie eine Nachricht mit Ihrer Telefonnummer sowie dem Zeitpunkt und dem Grund Ihres Anrufs. Ich rufe Sie dann baldmöglichst zurück. Und denken Sie immer daran – es gibt nur einen Professor Romance!«
Doug konnte Stimmengebrabbel hören, hinterlassene Nachrichten, darunter eine absurd lange, durchbrochen von nervösen Glucksern und Pausen, doch er versuchte, ihnen nicht zu viel Beachtung zu schenken. In einem derart schrecklichen Moment spielte nicht einmal das Geschäftliche mehr eine Rolle.
Als das schrille Pfeifen des Wasserkessels ertönte, nahm Doug einen Beutel entkoffeinierten Lipton-Tees aus der Verpackung und legte ihn in einen hohen weißen Becher mit dem königsblauen Schriftzug »Disneyland«. Dann füllte er den Becher zu zwei Dritteln mit kochendem Wasser und hob den Teebeutel mit Daumen und Zeigefinger ein paarmal an, bis sich die Flüssigkeit dunkelbraun verfärbte.
Elizabeth sah ihn so argwöhnisch an, als könnte er sie jeden Moment attackieren.
In diesem Moment kam ihm blitzartig eine Idee, was er heute mit seiner Mutter machen könnte. Für morgen musste er sich allerdings noch etwas einfallen lassen.
»Wie wär’s heute mit vier Fingerbreit statt mit zwei?«, fragte er mit einem verschwörerischen Grinsen, als wären sie zwei Kinder, die von ihren Eltern allein zu Hause ge­lassen worden waren.
Elizabeth sah ihn noch verschreckter an. Doug flitzte mit dem Teebecher ins Esszimmer und nahm eine Flasche von der Minibar. Er schaute auf das Etikett. Wild Turkey – eine starke Medizin. Elizabeth nahm fast jeden Nachmittag einen Schluck von etwas Alkoholischem, aber selten etwas so Starkes. Er zog mit einem Plopp den Korken heraus und füllte den Becher fast bis zum Rand.
»Mom ... geh doch schon mal ins Schlafzimmer und zieh dir wieder was an«, rief Doug über seine Schulter. Einen Versuch war es wert, fand er. Elizabeth, im anderen Zimmer, blickte an ihrem halbnackten Körper hinab. Ihr schien zum ersten Mal bewusst zu werden, dass mit ihrem Aussehen etwas nicht stimmte.
»Komm ... jetzt mach endlich, dann bringe ich dir was zu trinken. Ich muss nämlich noch arbeiten.«
Elizabeth stand unbeholfen auf und blickte verdrossen in den Flur, der von der Frühstücksnische zu den zwei gegenüberliegenden Schlafzimmern führte. Ihres war auf der rechten Seite.
Doug kam in die Küche zurück und deutete mit dem Kopf in diese Richtung. »Genau ... geh schon mal in dein Zimmer. Ich komme gleich nach ...«
Mit enervierender Langsamkeit schlurfte Elizabeth los, aber es schien, als würde sie sich jetzt in alles fügen. Doug seufzte erleichtert. Doch dann sah er, wie sie auf sein Zimmer zusteuerte.
»Nein – nicht da rein! Ins andere! Auf der anderen Sei­te!«
Er deutete mit dem Arm darauf und ging auf sie zu. Sie blieb stehen, drehte sich um, änderte die Richtung. Wenigstens ein bisschen was kapiert sie wieder, dachte er. Komplett gaga ist sie noch nicht. Als er sicher war, dass seine Mutter nicht mehr herauskommen würde, schlüpfte Doug in das Bad neben der Küche und nahm eine bernsteinfarbene Ampulle aus dem Arzneischränkchen. Er drehte die Verschlusskappe ab und ließ sie zu Boden fallen, wo sie ein paarmal aufsprang. Dann schüttelte er vier der winzigen runden rosa Tabletten in seine Handfläche. Er ging in die Küche zurück, gab sie in den Teebecher, zog den Teebeutel an seinem Faden hoch und schwenkte ihn in der dunklen Flüssigkeit. Er hatte schon bei früheren Gelegenheiten auf den Valium-Trick zurückgegriffen, aber nie mit so vielen Tabletten und so viel Alkohol. Doch heute Abend musste er sichergehen, dass seine Mutter nicht so schnell wieder aufwachte, wenn sie einschlief.
Dessen ungeachtet musste er so bald wie möglich mit seinem Bruder darüber reden, denn diese jüngste Entwicklung – dass sie fast nackt herumlief und nicht wuss­te, wo sie war oder wer er war – durfte er nicht auf die leichte Schulter nehmen. Inzwischen gingen ihre Aussetzer weit darüber hinaus, die Badewanne überlaufen oder die Haustür offenstehen zu lassen, obwohl auch das schon schlimm genug war. Wenn sich nicht jemand rund um die Uhr um das alte Mädchen kümmerte, würde sie irgendwann noch sich selbst – oder ihn – umbringen.
Gerade als Doug ihr den Schlaftrunk ins Zimmer bringen wollte, kam Elizabeth wieder auf den Flur heraus. Sie trug eine weiße Hose und eine limettenfarbene Ja­cke, Sachen, die sie anzog, wenn sie mit ihren Freundinnen shoppen ging. Aber sie trug die Jacke mit dem Futter nach außen, und die Hose saß völlig verdreht auf ihrer ausgemergelten Hüfte.
Mein Gott, dachte Doug, jetzt sieht sie aus wie eine Pennerin.
»Mom, was hast du vor? Wo willst du hin ...?«
Er schüttelte den Kopf. Ihm stieg schon wieder die Galle hoch.
Elizabeth sagte nichts, sondern lächelte nur, als be­stünde plötzlich kein Grund mehr, sich zu fürchten. Als wäre in ihrem verwirrten Gehirn ein unsichtbarer Schalter umgelegt worden.
»Okay, Liz ... Gehen wir einfach wieder in die Küche und setzen uns an den Tisch, einverstanden?« Wenn das alte Mädchen die Medizin lieber dort einnahm als im Schlaf­zimmer, sollte ihm das nur recht sein. Sobald sie sich diesen Trank einverleibt hatte, wäre sie wesentlich gefügiger.
Elizabeth setzte sich an den Tisch. Doug schob ihr den Teebecher hin.
»Trink schön, Ma. Heute habe ich ihn dir extra stark gemacht.«
Sie senkte den Kopf und probierte den Tee, rümpfte zwar die Nase, trank aber mehr.
»Mmm ...«
»Lecker, nicht? Trink also erst mal alles aus, dann ge­hen wir in dein Zimmer zurück, und du machst es dir vor dem Fernseher gemütlich. Wie fändest du das?«
2
Professor Romance.
Pro-fessor Romance.
In Norman Brights Augen war dieser Typ einfach der Beste, mit Abstand der Beste, von dem er jemals etwas gelesen hatte. Und er hatte im Internet die Ratschläge jedes Kolumnisten für typische Männerprobleme getes­tet. Die wöchentlichen Kolumnen des Professors in Man’s­World.com waren eine Offenbarung, wie ein Feuerwerk, das mit jeder weiteren Rakete besser wurde. Er las jede von ihnen mehrere Male, dann vertiefte er sich in die Professor-Romance-Archive und befasste sich stundenlang mit früheren Artikeln.
Klar, die Unterweisung in Liebesdingen kostete ihn einiges – schon allein die zweihundert Dollar, Versandkosten inklusive, für den Einführungsband —, aber er hatte, manchmal auf die harte Tour, gelernt, dass man im Le­ben bekommt, wofür man bezahlt hat. Und überhaupt, wie Professor Romance in seiner letzten Kolumne selbst gesagt hatte, war es auf lange Sicht wesentlich weniger schmerzhaft, zweihundert Dollar abzudrücken, als von irgendeiner geldgeilen Zicke an der Nase herumgeführt zu werden, bis man irgendwann merkte, dass ihr ein Dreck an einem lag und sie einen nur als Melkkuh und für ein Bratkartoffelverhältnis benutzte, während sie über die Trennung von ihrem Freund hinwegzukommen versuchte.
Ja, was Professor Romance sagte, war erstaunlich zu­treffend – sogar beängstigend zutreffend ... Um eine Frau herumzukriegen, musste man auf schwer zu erobern, di­s­tan­ziert und cool machen. Man musste zwar dranbleiben, durfte sich aber von einer Frau nicht dumm kommen lassen. Und wenn man sie wirklich haben wollte, musste man ganz direkt auf sie zugehen: »Kann ich deine Telefonnummer haben? Hast du Lust, am Donnerstag mit mir auszugehen?« Kein langes Rumgetue. So vermied man, seine Zeit mit einer Frau zu vergeuden, die nicht auf einen stand, und wusste von Anfang an, woran man war. Wenn einen nämlich ein Mädchen mochte, konnte sie einem das auf die unterschiedlichsten Arten zu verstehen geben, angefangen damit, dass sie einen am Arm oder am Bein berührte. Sie versuchte auch nicht mehr, auf zurückhaltend zu machen, nicht im Zeitalter der emanzipierten Frau! Wenn sich eine Frau ausweichend oder konfus verhielt und einem erzählte, dass sie erst einmal über alles nachdenken müsste oder nur ein freundschaftliches Verhältnis wollte, hieß das, dass sie einen nicht mochte, und daran würde noch so viel Betteln nichts ändern. War Norman Bright nicht schon zur Genüge mit diesen ganzen Ausflüchten abgespeist worden? Und das war der narrensichere Verarschungstest: Tanzten Frauen etwa Bradley Cooper oder Jake Gyllenhaal auf der Nase herum?
Die Antwort darauf war ein klares Nein. Das sagte ei­nem doch schon der gesunde Menschenverstand. Man musste ihn bloß anwenden, wenn man mit Frauen zu tun hatte, und das Denken nicht seinem Ego – oder seinem Schwanz – überlassen.
Ja, Professor Romance wusste, worauf es ankam, wenn man mit dem anderen Geschlecht zu tun hatte. Er war das einzig Wahre. Und echt jetzt! Bisher hatte Norman Bright alles falsch gemacht! Es war jemand wie Professor Romance nötig gewesen, um ihm endlich den Kopf zu­rechtzurücken.
»Bright! Wie kommen Sie mit Ihrem Projekt voran?«
Croyer – sein blöder Chef. Jedes Mal, wenn Norman bei seinen redaktionellen Aufgaben eine kleine Verschnaufpause einlegte, wenn er mal ein bisschen im Internet surfte, um Zeit totzuschlagen, tauchte fast wie auf Kommando Croyer auf und steckte die Nase in seine Angelegenheiten. Fast war es, als beobachtete ihn der Kerl über eine versteckte Kamera. Wie hätte er sonst immer wissen können, was Norman vorhatte?
»Alles bestens«, antwortete Norman. Natürlich wusste er, was Croyer heute beschäftigte. Er sollte bis Ende der Woche ein hundertseitiges Papier über die neuesten Entwicklungen auf dem Gebiet der Medizinrobotik fertigstellen, und wie immer, wenn eine Abgabefrist näher rückte, wurde sein Chef ungeduldig.  In der Biotech-Branche herrschte immer enormer Druck, nicht weniger als an der Wall Street. Wenn Sie das für übertrieben halten, dann sollten Sie sich mal ansehen, was Norman Bright Tag für Tag über sich ergehen lassen musste ...
Croyer hatte die Arme über die Trennwand von Norman Brights Arbeitsplatz gelegt und schaute auf den Bildschirm mit dem Firmenlogo, eine große goldene Sonne, umgeben von roter Zierstickerei mit dem Schriftzug »Dunbert Biotechnology« in der Mitte. Norman war gerade noch rechtzeitig aus der Man’sWorld-Website rausgegangen, als sein Vorgesetzter aufgetaucht war. Glück gehabt.
Nach einem kurzen Gespräch über den aktuellen Stand des Robotikprojekts entfernte sich Croyer, und Norman kehrte zu seinen privaten Gedanken zurück.
Nie wieder würde er sich bieten lassen, was er früher alles toleriert hatte. Nie wieder würden ihn Frauen ignorieren oder als Fußabstreifer benutzen. Seit er die Theorien und Methoden von Professor Romance für sich entdeckt hatte, war er ein neuer Mensch.
Ja, jetzt würde alles anders werden für Norman Bright, er konnte es richtig spüren. Professor Romance, dieses Genie, hatte den Schlüssel dazu. Sobald Norman dessen Buch in die Finger bekam – Die einzige Strategie, die Sie jemals brauchen werden, um bei Frauen Erfolg zu haben (und diejenige zu finden, für sich zu gewinnen und zu behalten, die Sie wirklich haben wollen) —, wäre er nicht mehr zu bremsen.
Und den Anfang würde er bei Cynthia machen.
3
Wie befürchtet, geriet Doug Guthrie in einen schreck­lichen Stau. Aber das war zu erwarten gewesen. Er war auf dem Freeway 101, und egal ob sonntags, mittwochs, samstags, um Mitternacht oder drei Uhr morgens, stets war es der gleiche Albtraum – Stoßstange an Stoßstange, als stünde man auf einem Parkplatz. Woher kamen die ganzen Autos bloß? Wohin fuhren sie? So sehr er den Süden Kaliforniens mit seinen vielen Parks, dem fantastischen Klima und den schönen Frauen mochte, hätte ihm der Ort schon allein wegen des Verkehrs gestohlen bleiben können ...
Er trommelte mit den Fingern auf das gepolsterte Lenk­rad seines apfelroten Mercedes. Ein paarmal hieb er mit der Handkante darauf. »Jetzt macht doch endlich!« Er hatte schon monatelang keine Frau mehr gehabt, wesentlich länger, als ihm lieb war. Und dann die Sache mit seiner Mutter. Er hatte die arme Frau mit Betäubungsmitteln vollgepumpt, also wirklich! Er war ein e­rwachsener Mann – ein erwachsener Mann in den Sechzigern —, der wie ein pickliges Jüngelchen durch die Ge­gend schlich. Lahmarschig. Peinlich. Erniedrigend.
Während sich Doug mehr mit der Bremse als mit dem Gaspedal über die sonnenversengten Hügel im Nordwes­ten der Stadt schleppte, gerieten seine Gedanken ins Schweifen. Die vergangenen Wochen waren ein ständiges Auf und Ab gewesen. Eben noch bester Stimmung, fand er sich im nächsten Moment in einem dunklen Loch wieder. Wenn er sich auch fürchterlich darüber ärgerte, im Stau zu stecken, war er zugleich geradezu euphorisch, dass er nach all den Jahren endlich finanziell abgesichert war. Seit er sich als Professor Romance neu erfunden hat­te, hatte er ausgesorgt. Beachtliche zwei Millionen auf dem Konto – wer konnte das schon von sich behaupten? Klar, es gab jede Menge anderer Leute mit einem Vermögen im siebenstelligen Bereich, und allzu weit kam man mit zwei Millionen auch nicht, aber immerhin. Das Haus gehörte ihm praktisch schon, und es würde offiziell seins werden, wenn seine Mutter endlich den Löffel ab­gab. Sobald die gute, alte Lizzie von der Bildfläche verschwunden war, hatte er keinerlei Belastungen mehr im Leben ... keine Frau, keine Kinder, keinen öden Job, den er hasste und zu dem er jeden Tag antanzen musste. Ja, von außen betrachtet, würden die meisten Leute sagen, dass Doug Guthrie – sah man von seiner Mutter einmal ab – ein gemachter Mann war ...
Und er hatte wirklich ausgesorgt. Es gab jede Menge Liebesgurus und Erfolgscoaches für die Massen von Losern, die nicht bei Frauen landen konnten, aber die meisten von ihnen waren ebenso schnell wieder von der Bildfläche verschwunden, wie sie aufgetaucht waren. Das galt übrigens auch für die Dating-Expertinnen. Man denke nur an die »Rules«. Wo waren diese zwei Chicks jetzt? Und er? Inzwischen schon sieben Jahre als Professor Romance etabliert und weiterhin gut im Geschäft. Selbst die Wirtschaftskrise hatte ihm nichts anhaben können.
Hinter ihm hupte jemand, was das Zeug hielt, als bräch­te das was.
»Halt die Klappe«, sagte Doug laut. Blöder Idiot ...
Natürlich schadete es nicht, dass er ein super Team für sich arbeiten ließ: Dina Westerly, die zweimal die Wo­che alle Verwaltungsaufgaben in seinem Büro übernahm, eine Vertriebsstelle in Dayton, Ohio, die sich landesweit um die Radiosender und das Internet kümmerte, und seinen Ghostwriter Lance Bertovich, der die Kolumne schrieb, die das A und O der Marke Professor Romance war.
Hinter ihm hupte schon wieder jemand. Doug drehte sich um und spähte durch die getönte Heckscheibe, konnte aber nicht erkennen, wer der Schuldige war.
»Lass endlich dein blödes Gehupe!«
Eigentlich war es ein Witz – Professor Romance, der wegen seiner Einsichten in die unergründliche weibliche Psyche von Männern in aller Welt geschätzt und um Rat gefragt wurde, war in Wirklichkeit ein in einer Vorstadt von New York City lebender Typ, den er nie persönlich kennengelernt hatte, der aber den größten Teil der Ar­beit für ihn erledigte. Doug Guthries größtes Manko war nämlich, dass er nicht schreiben konnte – es noch nie gekonnt hatte. Selbstverständlich bezahlte er Bertovich gut, und dem machte es nicht das Geringste aus, die Lorbeeren für seine Kolumnen nicht ernten zu können — was sie allerdings von Anfang an so abgemacht hatten; anderenfalls wäre ihr Arbeitsverhältnis auf der Stelle null und nichtig gewesen. Dem Ghostwriter ging es um ganz andere Dinge, um seine Romane und Kurzgeschichten. Und um ihn bei Laune zu halten, zahlte Doug ihm von Zeit zu Zeit einen ordentlichen Bonus. Er gab auch ganz unumwunden zu, dass der Kerl seine Sache verdammt gut machte, und bewunderte ihn sogar dafür. Wenn Lance die Kolumne schrieb – inzwischen erschien sie in einem halben Dutzend Zeitungen und war das Hauptstandbein von Man’sWorld.com, der bekanntesten Männer-Website der englischsprachigen Welt —, tauchte er vollkommen in die Persona von Professor Romance ein. An sich hatte die ganze Professor-Romance-Philosophie und die dazu gehörige Marke Dougs ursprünglicher Ghost­writer entwickelt, ein Saufkumpan namens Billy Phillips, der die erste Version von Die einzige Strategie, die Sie jemals brauchen werden verfasst hatte. Vor ein paar Jahren war er jedoch mit fünfzig an einem besonders bösartigen und rasch streuenden Melanom gestorben, worauf Doug in aller Eile ein Stellenangebot aufgab, auf das hin Bertovich seinen Platz einnahm. Wie sich schnell herausstellte, konnte Bertovich deutlich besser schreiben, weshalb sich das Ganze als eine Veränderung zum Positiven erwies. Doug wusste nicht, was aus ihm geworden wäre, wenn er Lance nicht gefunden hätte, denn sobald der neue Ghostwriter bei ihm einstieg, ging »Professor Ro­mance« durch die Decke. Lance Bertovich war ein echter Profi.
»Jetzt hör aber mal ... lass endlich diesen Schwachsinn!«
Die Fahrzeugschlange bewegte sich immer noch im Schneckentempo vorwärts, und während Doug beobachtete, wie sich der Strom träge aufleuchtender Bremslichter durch den Canyon wälzte, überkamen ihn fins­tere Gedanken an Elizabeth, die in ihrem Schlafzimmer zu Hause in Ventura vor sich hin dämmerte.
Was bin ich doch für ein Arschloch. Was für ein mieses Stück Scheiße ...
»Gut so, Mom? Schön austrinken ... und jetzt schließ einfach die Augen. So ist es brav ...«
Er ging ein gewaltiges Risiko ein, seine Mutter in so stark sediertem Zustand unbeaufsichtigt allein zu lassen. Wenn sie einmal eingeschlafen war, war sie in der Regel mindestens neun, zehn Stunden völlig weg, und diesen Nachmittag hatte er ihr genügend gegeben, um sie beinahe doppelt so lang ruhigzustellen. Und wenn es diesmal nicht funktionierte? Schließlich hatte er sie noch nie in dem Zustand erlebt, in dem sie jetzt war. Wer konnte schon sagen, wie sie reagieren würde, ob mit Valium oder ohne, ob mit Wild Turkey oder mit Old Crow?
Oder wenn sie in ewige Bewusstlosigkeit abrutschte? Wenn er nach Hause kam und sie dort an ihrem eigenen Erbrochenen erstickt vorfand? Wenn die Sache richtig schiefging und jemand darauf kam, was er gemacht hatte, konnte er wegen Mordes angeklagt werden.
Trotzdem, dieses Risiko musste er eingehen. Die Verabredung heute Abend wollte er unter keinen Umständen versäumen. Und war er nicht ohnehin ein guter Sohn, dass er sich so aufopfernd um seine Mutter kümmerte, wo sie sonst niemanden hatte? Zählte das etwa nicht?
Der Anblick der ganzen heißen L.A.-Miezen in ihren Autos fachte seine Begierde weiter an. So sehr er auch versuchte, ihnen von Autofenster zu Autofenster eine Reaktion zu entlocken, wie er das als wesentlich jüngerer Mann getan hatte, schaute nicht eine zu ihm herüber. Dann sollten sie ihm eben gestohlen bleiben, diese eiskalten Luder! Nicht umsonst machten er und Bertovich bei ihren wöchentlichen Telefonaten, bei denen sie die Kolumnen vor ihrer Veröffentlichung noch einmal durch­gingen, ihre Witze darüber, dass einen die Frauen nicht einmal mehr sahen, wenn man ein bestimmtes Alter erreicht hatte.
»Telefonmasten«, bemerkte der Ghostwriter dann la­chend. »Sie schauen einfach durch einen durch, als ob man ein blöder Telefonmast wäre.«
Es stimmte, sie waren zwei Telefonmasten. Der einzige Unterschied war, dass Bertovich deutlich jünger war als er ...
In Encino löste sich der Stau auf dem 101er auf, und plötzlich kam Doug zügig voran. Er beschleunigte auf 110, 120 km/h. Vielleicht kam er doch nicht zu spät und schaffte es noch rechtzeitig zu seiner Verabredung. Die hellen, weißgoldenen Strahlen der kalifornischen Sonne fluteten über ihn hinweg, und plötzlich fühlte er sich besser. Und obwohl er, Tendenz steigend, schon zweiund­sechzig war, war alles bestens, ungeachtet seiner dementen Mutter ...
Und warum sollte sich Doug Guthrie nicht gut fühlen? Er zählte zu den wenigen Glücklichen, die es zu etwas gebracht hatten. Er hatte einige schlechte, sogar richtig schreckliche Zeiten durchgemacht, das auf jeden Fall, vor allem, als er noch getrunken hatte.
Aber er hatte damit aufgehört und sich am Riemen gerissen, und statt sich in seine Niederlage zu fügen, hatte er dagegen angekämpft und etwas getan, und das war mehr, als die meisten Leute von sich behaupten konnten.
Es war ein langer, schmerzhafter Weg gewesen, der ihn dahin geführt hatte, wo er jetzt war. Er hatte sein Studium an der Cal-State Chico geschmissen ... in Hollywood als Botenjunge gejobbt ... so ziemlich alles von Teppichen bis hin zu Staubsaugern und Computerbedarf verkauft ... zwei Ehen an die Wand gefahren ... und schließlich bei Alkohol und Koks Zuflucht gesucht. Richtig, richtig übel. Wie immer, wenn er an seine Vergangenheit dachte, zuckte er zusammen. Wenn er diese ganze Scheiße bloß vergessen könnte.
Dann war ihm die Idee gekommen, mit der alles an­ders wurde. Eine Idee, entsprungen aus der Hilflosigkeit und dem Schmerz und dem Leid, das ihm Frauen all die Jahre zugefügt hatten. Eine Idee, ausgebrütet in der Zeit des endlosen, ziellosen Sinnierens, als er in den Straßen Hollywoods, Pasadenas und El Segundos in seinem Auto gelebt hatte, nachdem sich seine zweite Frau aus dem Staub gemacht hatte, die Gehaltsschecks ausblieben und er jeden Tag mehr trank und immer tiefer in seine Verzweiflung abrutschte.
Eine Idee, die all die unterschiedlichen Aspekte seiner Persönlichkeit vereinte: den Philosophen, den Coach, den Cheerleader – an der Chico State war er tatsächlich einer gewesen – und den Verkäufer. Hausierer oder Scharlatan, wie manche sagten, aber er kannte den Unterschied. Eine Idee, die er endlich einmal konsequent weiter­verfolgte.
Eine Idee, die ihm das Leben rettete.
Wie viele amerikanische Unternehmer vor ihm hatte es Dough Guthrie ganz allein nach oben geschafft. Na ja, bis zu einem gewissen Grad jedenfalls. Billy Phillips hat­te dabei eine wichtige Rolle gespielt, aber auch Doug war daran beteiligt gewesen und hatte das Seine dazu getan, die philosophischen Ideen seines Kumpels auszuschmücken. Doug dachte gern daran zurück, wie es sich damals einfach so ergab, dass sie gleichzeitig auf dieselbe Idee kamen und beschlossen, sie mit vereinten Kräften in die Tat umzusetzen. Ein Geistesblitz, gezündet auf zwei Barhockern in Hollywood. Und das Erstaunlichste daran war, dass ihm Flügel gewachsen waren.