Deckname Adler - Peter Hammerschmidt - E-Book

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Peter Hammerschmidt

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Beschreibung

»Intelligent, anpassungsfähig, verschwiegen und zuverlässig« BND-Notiz über Klaus Barbie Die unglaubliche Nachkriegskarriere von Klaus Barbie, einstiger Gestapo-Chef und »Schlächter von Lyon«, einer der meistgesuchten NS-Kriegsverbrecher, ab 1947 Agent des amerikanischen Geheimdienstes CIC und ab 1966 Informant des Bundesnachrichtendienstes. Der Historiker Peter Hammerschmidt hat umfassend und hartnäckig recherchiert, um die komplette Biographie Klaus Barbies nach 1945 aufzudecken. Er ging bis zum Bundeskanzleramt, damit ihm Einblick in Barbies BND-Akte gewährt wurde. Er interviewte Zeitzeugen, fand unveröffentlichte Briefe des ehemaligen SS-Hauptsturmführers und schließlich 2012 dessen zwischen 1987 und 1991 entstandenen Memoiren. Und er belegt endgültig: Barbie, der ab 1951 als Klaus Altmann in Bolivien lebte, stand in den 1960er Jahren auf der Gehaltsliste des BND, war noch bis 1968 über die Firma MEREX am bundesdeutschen Waffenhandel mit Lateinamerika beteiligt und hatte weltweite Kontakte zu seinen alten Kameraden. Engagiert und spannend erzählt Peter Hammerschmidt, in welch skandalösem, so umfassend noch nicht bekannten Ausmaß NS-Kriegsverbrecher nach 1945 geschützt wurden.

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Seitenzahl: 807

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Peter Hammerschmidt

Deckname Adler

Klaus Barbie und die westlichen Geheimdienste

 

 

Über dieses Buch

 

 

»Der Historiker Peter Hammerschmidt enthüllt, wie der Bundesnachrichtendienst Altnazis deckte und auch für sich nutzte. Als Doppelagenten und Waffenverkäufer.« die tageszeitung

 

Klaus Barbie war von 1942 bis 1945 Gestapo-Chef und als "Schlächter von Lyon" berüchtigt. Nach 1945 war er einer der meistgesuchten NS-Kriegsverbrecher. Doch bereits 1947 hatte der amerikanische Heeres-Geheimdienst CIC Barbie als Agenten angeworben und ihm schließlich 1951 die Flucht nach Bolivien ermöglicht. In den 1960er Jahren findet er sich auf der Gehaltsliste des Bundesnachrichtendienstes und ist in den 1970ern am bundesdeutschen Waffenhandel mit Lateinamerika beteiligt. Auf Grundlage zahlreicher bislang unzugänglicher Quellen erzählt Peter Hammerschmidt engagiert und spannend ein unrühmliches Kapitel des Kalten Krieges: die erstaunlich weit reichende Protektion Barbies und zahlreicher weiterer NS-Täter durch westliche Geheimdienste.

 

»Intelligent, anpassungsfähig, verschwiegen und zuverlässig«

BND-Notiz über Klaus Barbie

 

 

Weitere Informationen finden Sie auf www.fischerverlage.de

Impressum

 

 

Covergestaltung: hißmann, heilmann, hamburg

Coverabbildung: ddp images/Sipa

 

Erschienen bei FISCHER E-Books

 

© S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main 2014

 

Abhängig vom eingesetzten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

Dieses E-Book ist urheberrechtlich geschützt.

ISBN 978-3-10-401826-3

 

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Inhalt

[Motto]

Einleitung

Quellen

I »Der Schlächter von Lyon« (1913–1945)

1. Kindheit und Jugend

2. Barbies Weg in den Sicherheitsdienst

3. Barbie in den besetzten Niederlanden und Dijon

4. Gestapo-Chef von Lyon

4.1 Jean Moulin

4.2 Die Kinder von Izieu

II Barbie und das Counter Intelligence Corps (CIC) (1945–1951)

1. Das CIC im Nachkriegsdeutschland

1.1 Das 970. Counter Intelligence Corps Detachment

1.2 Aufklärungsprioritäten: Die Rolle des CIC im Kontext des War Crimes Program

2. Barbie in der »Stunde null«

2.1 Zwischen Krieg und Frieden

2.2 Leben in der Illegalität (1945–1947)

3. Vom Gejagten zum Jäger: Barbie im Fokus der Geheimdienste

3.1 Barbies Eintragung in CROWCASS

3.2 SS-Untergrundnetzwerke im Fadenkreuz von FSS und CIC

3.3 »Operation Selection Board«

4. Barbie im Sold der USA (April 1947 bis Mai 1948)

5. Barbie im Sold der USA (Mai 1948 bis April 1951)

6. Im Fokus des französischen Nachrichtendienstes (Mai 1949 bis April 1951)

6.1 Die öffentliche Anklage gegen Barbie und die Reaktionen des CIC

6.2 Frankreich fordert die Auslieferung Barbies durch den HICOG

6.3 CIC: »Barbie sollte nicht in die Hände der Franzosen übergeben werden«

7. »White-Wash«: Flucht über die Rattenlinie

7.1 Die »Rat Line« des 430. CIC

7.2 Die Rolle des Vatikans und des Internationalen Komitees des Roten Kreuzes

7.3 Augsburg–Genua–La Paz: Barbies Fluchtroute

8. NS-Täter in Diensten des CIC

8.1 Fraternisierung im Zuge der Ost-West-Konfrontation

8.2 Strukturelle Schwächen alliierter Strafverfolgung: Das Beispiel CROWCASS

8.3 Defizite in der operativen Praxis des CIC

III Klaus Barbie alias Klaus Altmann in Bolivien (1951–1983)

1. Das »Establishment« des »Don Klaus« (1951–1966): Die Phase der Konsolidierung

2. Ermittlungsbemühungen deutscher Staatsanwaltschaften und Diplomaten

3. Die Aufklärungsprioritäten des BND in Lateinamerika (1963–1969)

3.1 Personelle NS-Kontinuitäten im westdeutschen Auslandsnachrichtendienst

3.2 Die kommunistische Infiltration Lateinamerikas

3.3 Der BND und das Operationsgebiet »Lateinamerika« in den sechziger Jahren

3.4 Aufklärungsprioritäten: Politisch motivierte Waffentransfers

4. »Deckname ADLER« (Mai 1966 bis Dezember 1968)

4.1 Altmann und der BND (Mai bis Dezember 1966)

4.2 »Waffenschmuggel im Staatsauftrag«: Altmann als Repräsentant der MEREX

4.3 NS-Täter in Diensten des BND

4.4 Der »Fall Barbie« und die Spurensuche des BND

5. Im Fokus der US Army und die Reaktionen der CIA (1965–1967)

5.1 Die Idee der »Reaktivierung«

5.2 Barbies Reisen in die USA

6. Barbie und die »Klarsfeld-Bande«

7. Barbie und die Militärdiktaturen in Bolivien

7.1 Altmann und die Regierung Hugo Banzer

7.2 Barbie und die Regierung García Meza

8. Barbie und die CIA: »Absence of any relationship«?

IV Barbies Ausweisung nach Frankreich und der Prozess (1983–1991)

V Nachspiel: Der »Freundeskreis Barbie«

Schluss

»Dieses ganze Spionage-Geschäft ist [...]

Anhang

Quellen

Archive

Interviews und Korrespondenzen

Drucksachen der Bundesregierung

Gedruckte Quellen

Internetquellen

TV- und Rundfunkquellen

Zeitungsquellen

Literatur

Dank

Abkürzungen

»Wer Barbie zu verstehen versucht, versteht sich selbst und alle anderen, und er verzeiht allen oder niemandem mehr, auch nicht sich selber. Barbie in sich selbst zu bekämpfen – nur das bewahrt uns vor neuen Barbies.«

Horst J. Andel

Einleitung

»Der Presseraum des Justizministeriums in Washington wirkt wie eine moderne Löwengrube, in der der Sprecher des Ministeriums die Rolle des Daniel übernimmt. Der Brennpunkt des Raums ist das Pult in seiner Mitte, auf dem sich Mikrofone und Kabel drängen, wenn eine wichtige Story bekanntgegeben werden soll. Die Löwen der Presse verteilen sich auf breite ansteigende Stufen, die an die Sitze eines Amphitheaters erinnern.«[1]

So lyrisch beschrieb der amerikanische Historiker Christopher Simpson den Tag des 16. August 1983, an dem Allan A. Ryan den Presseraum des Justizministeriums in Washington D.C. betrat und der Öffentlichkeit einen 218 Seiten starken Bericht[2] über die Tätigkeiten eines gewissen Klaus Barbie (alias Altmann, alias Becker, alias Mertens usw.) präsentierte, der die Beziehungen dieser Person zu US-amerikanischen Sicherheitsbehörden nach 1945 offenlegte.

Als Ergebnis hielt der an den Generalstaatsanwalt, William French Smith, adressierte Untersuchungsbericht fest: Der Nachrichtendienst der US Army, das Counter Intelligence Corps (CIC), hatte den von den Franzosen wegen seiner in Lyon begangenen Kriegsverbrechen gesuchten Chef der Geheimen Staatspolizei (Gestapo), Klaus Barbie, im April 1947 als Informanten angeworben, ihn vor den französischen Ermittlern versteckt und ihn 1951 mit Hilfe einer geheimen »Ratline« unter dem Aliasnamen »Altmann« aus Europa nach Bolivien geschleust. In der Presse angestellte Vermutungen[3], Altmann habe in Bolivien auch mit der Central Intelligence Agency (CIA) in Kontakt gestanden, wies Ryan nach Auswertung der CIA-Dokumente hingegen entschieden zurück, ebenso wie den Vorwurf, die Funktionsträger des CIC hätten Barbie in voller Kenntnis der von ihm begangenen Kriegsverbrechen angeworben und protegiert.[4]

Ryan schloss seinen Bericht mit der Erkenntnis »verzögertes Recht ist verweigertes Recht« und entschuldigte sich offiziell im Namen seiner Regierung bei dem französischen Volk für die Protektion des NS-Kriegsverbrechers:

»Ich (…) halte es für angemessen und empfehle der Regierung der Vereinigten Staaten daher dringend, sie möge der französischen Regierung ihr Bedauern darüber aussprechen, dass im Fall Klaus Barbie ein ordnungsgemäßes Verfahren verzögert wurde.«[5]

Mit dieser bis dato beispiellosen Geste verließ Ryan an jenem 16. August den Presseraum des US-Justizministeriums, wohl wissend, dass sich die Barbie-Affäre – trotz des geleisteten Offenbarungseides – verheerend für die Regierung der Vereinigten Staaten auswirken würde. Die Reaktionen der Weltöffentlichkeit auf die Protektion Barbies, die nun erstmals auch in Form eines Untersuchungsberichtes von offizieller Seite der US-Regierung bestätigt wurde, schwankten zwischen Entsetzen[6] und »ungläubigem Staunen«[7]; eine akribisch dokumentierte Flut von Zeitungsartikeln aus aller Welt durchzieht noch heute Barbies CIA-Akte und dient als Beleg für einen bis dahin beispiellosen »Blowback«.[8]

Lange Zeit geheim blieben indes Barbies Beziehungen zu weiteren Nachrichtendiensten westlicher Staaten: Zwar konnte der investigative Journalismus auch hier Indizien zusammentragen[9], die eine Protektion Barbies durch weitere Nachrichtendienste nahelegen, doch stand die bisher – insbesondere vonseiten bundesdeutscher Sicherheitsbehörden – praktizierte »Politik der verschlossenen Akten«[10] einer kritischen wissenschaftlichen Auseinandersetzung im Wege.

So verweigerte auch der Bundesnachrichtendienst (BND) am 19. Mai 2010 einen von mir eingereichten Antrag auf Einsicht in jene Akten, in denen die aus bundesdeutschen, aber auch aus US-amerikanischen Archiven zusammengetragenen Indizien aufgeführt waren, die darauf hinwiesen, dass Klaus Barbie Mitte der sechziger Jahre von Bolivien aus in engem Kontakt mit dem Bundesnachrichtendienst gestanden haben musste.

Anders als beispielsweise in den Vereinigten Staaten, wo der seit 1998 unter der Regierung Clinton verabschiedete »Nazi War Crimes Disclosure Act« (NWCDA) die Offenlegung von über acht Millionen Seiten Aktenmaterial ermöglichte[11], dessen Inhalte sich mit den Beziehungen US-amerikanischer Behörden zu ehemaligen NS-Funktionären auseinandersetzen, schienen für die Bundesregierung und den BND der Quellenschutz und die Rücksicht auf internationale Beziehungen der Forschungsfreiheit und damit einer Öffnung von Akten nach amerikanischem Vorbild entgegenzustehen. In seinem Antwortschreiben[12] wies der BND darauf hin, die gewünschte Auskunft zum »Fall Barbie« könne aufgrund von Paragraph 9 des Gesetzes über den Bundesnachrichtendienst (BNDG)[13] und Paragraph 19, Absatz 2 bis 5 des Bundesverfassungsschutzgesetzes[14] nicht übermittelt werden. Noch am gleichen Tag protestierte ich schriftlich und leitete meine Beschwerde an das Bundeskanzleramt, die Aufsichtsbehörde des BND, weiter.

Dass das Bundeskanzleramt auf diese Anfrage umgehend reagierte und den vorgelegten Antrag »mit der Bitte um Prüfung«[15] an den BND weiterleitete, scheint nicht zuletzt dem Umstand geschuldet zu sein, dass ich in meinem Schreiben auf den Prozess der Journalistin Gabriele Weber vor dem Bundesverwaltungsgericht in Leipzig verwies. Im Verlauf dieses Prozesses hatte Weber – wenige Monate vor meiner ersten Anfrage beim BND – die Herausgabe von Teilen der Akte des SS-Obersturmbannführers Adolf Eichmann erreicht. Auch ihr hatte der BND die Akteneinsicht zunächst mit der Begründung verweigert, eine solch brisante Veröffentlichung schade der deutschen Nahostpolitik und der Zusammenarbeit des BND mit befreundeten Diensten. Das Bundesverwaltungsgericht in Leipzig erklärte am 19. April 2010 diese Weigerung für rechtswidrig. Nach Ansicht der Richter seien die vom BND geltend gemachten Geheimhaltungsgründe nur teilweise berechtigt und würden keine vollständige Zurückhaltung der Akten erlauben.[16] Entsprechend war der BND nun – offenbar auch zum Zweck eigener Imagepflege – darum bemüht, jede weitere juristische Intervention zu vermeiden, und unterbreitete mir schließlich am 15. September 2010 erstmals das Angebot, den vorhandenen Aktenkomplex zu Klaus Barbie – auf Basis einer Verpflichtungserklärung, die den Schutz personenbezogener Daten einbezog – in der Pullacher Zentrale für eine wissenschaftliche Auswertung bereitzustellen.[17]

Bereits der erste Blick in die unzensierte Akte verriet: Klaus Altmann stand unter dem Decknamen (DN) ADLER von Mai bis Dezember 1966 als nachrichtendienstliche Verbindung des Bundesnachrichtendienstes in Bolivien auf der Gehaltsliste des westdeutschen Auslandsnachrichtendienstes. Insgesamt kassierte der Kriegsverbrecher, dessen wahre Identität dem BND zu diesem Zeitpunkt nicht bekannt gewesen sein soll[18], ein Salär von 5300 DM.

Nach einem Spiegel-Artikel, der diese diskreditierenden Fakten offenlegte, stellte die Linksfraktion im Bundestag eine Kleine Anfrage.[19] In seiner Antwort betonte der Chef des Bundeskanzleramtes, Ronald Pofalla, eine seriöse Beurteilung des Vorgangs »Barbie/Altmann« sei nur in Kenntnis der Gesamtumstände möglich. Dazu gehöre die Frage, »wann es erstmals im BND Anhaltspunkte für oder die Vermutung über die (…) Personenidentität gegeben« habe »und wie damit umgegangen« worden sei.[20] In diesem Zusammenhang verwies Pofalla auf ein neu konzipiertes Projekt zur Aufarbeitung der Geschichte des Bundesnachrichtendienstes, seiner Vorgängerorganisation (Organisation Gehlen) und seines Wirkungsprofils im Zeitraum von 1946 bis 1968. Dieses Projekt, durchgeführt von einer Unabhängigen Historikerkommission (UHK), sei die Konsequenz des »hohen Interesses der Bundesregierung an der Erforschung der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland und ihrer Behörden«.[21] Erst auf Grundlage der Forschungen der UHK, so die Bundesregierung im Januar 2011, seien seriöse Urteile über die Geschichte des BND und dessen personelle NS-Kontinuitäten möglich.[22] In diese noch junge Tradition unabhängiger, wissenschaftlicher Forschungsleistungen, deren Gegenstand die historische Aufarbeitung und das Agieren westlicher und damit auch bundesrepublikanischer Nachrichtendienste ist, reiht sich dieses Buch ein.

 

In meiner Untersuchung konzentriere ich mich auf eine multikausale Analyse der einzelnen Faktoren, die letztendlich in einer kontinuierlichen Protektion des NS-Kriegsverbrechers Barbie durch drei verschiedene Nachrichtendienste in zwei unterschiedlichen politischen Systemen gipfelten. Der Einfluss globalpolitischer Entwicklungstendenzen und die daraus resultierende Interpretation nationaler Sicherheitsinteressen rücken in den Mittelpunkt einer Makroanalyse, ebenso wie der von den jeweiligen Sicherheitsinteressen abhängige Aufklärungsauftrag der hier im Mittelpunkt stehenden Nachrichtendienste. Die Mikroanalyse betrachtet hingegen die konkreten Aufklärungsprioritäten und die damit verbundenen Anforderungen einer operativen Informationsbeschaffung mit Hilfe von Personenquellen (Human Intelligence). Auf dieser Ebene gilt es zu klären, welche individuellen Voraussetzungen NS-Täter als nachrichtendienstliche Verbindungen westlicher Dienste prädestinierten. Darüber hinaus wird zu klären sein, welche ermittelbaren, dienstspezifischen Strukturmerkmale (wie etwa die Sicherheitsarchitektur oder die Personalpolitik von CIC und BND) eine Protektion von NS-Tätern seitens westlicher Nachrichtendienste begünstigten.

 

Während ich bezüglich der Aufklärungsprioritäten des Counter Intelligence Corps den Fokus insbesondere auf dessen Rolle im Rahmen der US-amerikanischen Entnazifizierungspolitik richte, konzentriere ich mich hinsichtlich der Aufklärungsprioritäten des Bundesnachrichtendienstes auf dessen Bemühungen im Bereich der Aufklärung des politisch motivierten Waffenhandels in lateinamerikanischen Staaten während der sechziger Jahre. Diese Schwerpunktsetzung ergibt sich aus den Ergebnissen der empirischen Analyse der am konkreten biographischen Einzelfall Barbie deutlich werdenden operativen Praxis.

 

Mit dieser Methodik und vor allem mit der Auswertung bisher verschlossener Akten aus den Archiven deutscher und amerikanischer Nachrichtendienste betrete ich in meiner Untersuchung durchaus Neuland. Sie ist der Versuch, eine Modellvorlage zur Erforschung operativer Praktiken westlicher Nachrichtendienste im Kontext des »Kalten Krieges« zu liefern, die die kooperativen Beziehungen westlicher Nachrichtendienste zu NS-Tätern nach 1945 in den Mittelpunkt rückt. Es geht also nicht nur um den Einzelfall Barbie, sondern auch um die übergeordnete Frage, wie westliche Nachrichtendienste während des Kalten Krieges agierten und auf welcher Grundlage sich die Rekrutierung ehemaliger NS-Funktionsträger durch diese Dienste vollzog.

 

Da die Analyse von Kontinuitäten zur NS-Zeit zuallererst die Frage nach den Personen ist, nähere ich mich einer Beantwortung des aufgeworfenen Fragenkomplexes über die Biographie von Klaus Barbie, eines Mannes, der trotz Eintragung auf internationalen Fahndungslisten nach 1945 für nachweislich drei verschiedene Nachrichtendienste in zwei unterschiedlichen politischen Kulturen tätig war. Dabei setzt die biographische Rekonstruktion bereits bei Barbies Kindheit und Jugend an, um auf Basis bisher unveröffentlichter autobiographischer Quellen zu sondieren, welchem sozialen, gesellschaftlichen und politischen Sozialisationsumfeld Klaus Barbie entsprang. Im Anschluss daran soll Barbies Tätigkeit während des Krieges fokussiert werden. Im Mittelpunkt steht dabei seine Rolle als Gestapo-Chef von Lyon, wobei sich die Analyse von Barbies zahlreichen Verbrechen auf französischem Boden auf Einzelfälle beschränkt, die in den achtziger Jahren das enorme mediale Interesse an der Person Klaus Barbies begründeten und die noch heute tief im kollektiven Gedächtnis der Franzosen verankert sind. Sowohl die Ermordung der Führungsfigur des französischen Widerstands, Jean Moulin, als auch die Deportation der 44 Kinder aus dem jüdischen Waisenhaus in Izieu dienen exemplarisch dazu, Barbies Verbrechen gegen Anhänger der Résistance und der jüdischen Bevölkerung im Raum Lyon zu veranschaulichen. Erst auf dieser Grundlage können individuelle Vergangenheitsbewältigung und der psychologische und politische Anpassungsprozess eines NS-Verbrechers an die deutsche Nachkriegsgesellschaft herausgearbeitet werden.

Nach einer umfassenden Analyse von Barbies Spionagetätigkeit für das Counter Intelligence Corps wird die Entscheidung der US-Behörden, Barbie unter dem Aliasnamen »Klaus Altmann« die Flucht nach Bolivien zu ermöglichen, in den Blick genommen. Auf Basis neuester Forschungsergebnisse werden in diesem Zusammenhang die einzelnen Akteure dargestellt, die eine Flucht von NS-Eliten nach Lateinamerika entscheidend begünstigten. Sowohl die Fluchthilfe vonseiten der katholischen Kirche in Italien als auch die des Internationalen Roten Kreuzes stehen im Mittelpunkt einer kritischen Analyse, die ihren Ausgangspunkt in den Thesen des Ryan-Reports findet. Während sich Ryan jedoch auf eine bloße »fact-finding-mission« beschränkte, will ich in meiner Studie das Beziehungsgeflecht zwischen Barbie und dem CIC konkretisieren, um Ryans Thesen anhand der teilweise erst kürzlich freigegebenen Aktenbestände zu überprüfen. Nach einer detaillierten Darlegung von Barbies Fluchtroute beschäftige ich mich mit seiner politischen, wirtschaftlichen und ideologischen Konsolidierung in Bolivien. In diesem Zusammenhang analysiere ich auch die Beziehungen des ehemaligen SS-Hauptsturmführers zum bolivianischen Geheimdienst, insbesondere die von Barbie unterstützten repressiven Maßnahmen gegen die politische Opposition und seine Rolle als Militärberater bolivianischer Militärdiktaturen. Anschließend gehe ich auf Barbies Agententätigkeit für den Bundesnachrichtendienst ein und konzentriere mich dabei insbesondere auf Barbies Rolle im Rahmen von illegalen Waffenhandelsgeschäften.

Es geht mir freilich nicht nur darum, die Wirkung des »Jahrhundert-Prozesses« von Lyon zu analysieren, sondern auch das in den Akten des Bundesamtes für Verfassungsschutz (BfV) hervortretende »Erbe« des NS-Kriegsverbrechers. Der als »Freundeskreis Barbie« bezeichnete neofaschistische Unterstützerkreis wird hier erstmals im Einzelnen benannt, und die bis dato noch immer im Dunklen liegenden Strukturen des »internationalen Netzwerks der braunen Szene«[23] werden um wesentliche Facetten erweitert. Die These von Oliver Schröm und Andrea Röpke, der zufolge NS-Täter wie Barbie für die zweite und dritte Generation von Neofaschisten nicht nur ideelle Vorbilder darstellten, sondern auch tatkräftige Ratgeber und Helfer einer neuen faschistischen Initiative gewesen seien, soll am Beispiel Barbies abschließend diskutiert werden.[24]

Quellen

Die Basis der in diesem Buch verwendeten US-amerikanischen Quellen bilden die im Zuge der Ermittlungen des US-Justizministeriums im Jahr 1983 freigegebenen Akten des Counter Intelligence Corps (CIC), des State Department, des Immigration and Naturalization Service (INS), des Federal Bureau of Investigation (FBI) und der Central Intelligence Agency (CIA), die in Form eines 680 Seiten starken Konvoluts dem Ryan-Report angefügt sind.[1]

Aufgrund der seit Ende der achtziger Jahre anhaltenden öffentlichen Diskussion über die Verbindungen amerikanischer Regierungsstellen zu Tätern des NS-Regimes (vgl. die »Waldheim-Affäre« von 1986) wuchs der politische Druck auf den US-Kongress, ein Gesetz zur Offenlegung relevanter Quellenbestände zu verabschieden. Der unter der Regierung Bill Clintons im Jahr 1998 erlassene Nazi War Crimes Disclosure Act schuf erstmals eine gesetzliche Grundlage zur Freigabe tausender Aktenseiten, welche die Kenntnisse von US-Geheimdienststellen um deutsche NS-Täter oder die Rekrutierung ehemaliger NS-Funktionäre betreffen. Ich habe für dieses Buch sämtliche relevanten Aktenbestände US-amerikanischer (Sicherheits-)Behörden in den National Archives and Records Administration in Washington D.C. eingesehen und ausgewertet, ebenso wie zahlreiche Dokumente, die erst auf der Basis von Anträgen im Rahmen des Freedom of Information Act oder des Mandatory Declassification Review deklassifiziert und freigegeben werden konnten. Allerdings wird auch von amerikanischer Seite noch immer eine Vielzahl historisch relevanter Akten zurückgehalten.

Ein weiterer elementarer Aktenbestand, auf den ich zurückgreifen konnte, ist der Nachlass von James Hardesty Critchfield, der erst Anfang 2012 in der Bibliothek des College of William and Mary in Williamsburg/Virginia der Forschung zugänglich gemacht wurde. Der 1917 in Hunter/North Dakota geborene Critchfield kam 1948 zur CIA und war ab Juli 1949 mit der Aufsicht der Organisation Gehlen (ORG), der Vorgängerorganisation des Bundesnachrichtendienstes, betraut. Critchfield pflegte nicht nur eine ausgiebige Korrespondenz mit Funktionsträgern des BND und der CIA, sondern stand bis zu seinem Tod im Jahr 2003 auch in Kontakt mit zahlreichen ehemaligen ORG-Mitarbeitern, deren Briefe und Typoskripte eine unzensierte Einsicht in das Innenleben der ORG offenbaren. Critchfields Notizen, die er im Rahmen seiner Memoiren angefertigt hat und die im Nachlass enthalten sind, bieten einen einmaligen Einblick in die nachrichtendienstliche Praxis von CIC und CIA im Nachkriegsdeutschland. Seine zeithistorischen Einordnungen und persönlichen Einschätzungen zu konkreten nachrichtendienstlichen Operationen beleuchten das Spannungsfeld zwischen globalpolitischen Herausforderungen, nachrichtendienstlicher Aufbauarbeit und den Entwicklungslinien deutsch-amerikanischer Beziehungen.

Ein letzter aus den USA stammender Quellenbestand sind die »Pre-Trial Records« des Barbie-Prozesses. Während die mehr als 10000 Seiten umfassenden Zeugenvernehmungen in Frankreich aus datenschutzrechtlichen Gründen noch immer verschlossen sind, findet sich eine – in der historischen Forschung bisher unbeachtet gebliebene – Kopie dieses Dokuments an der Stanford University (Hoover Institution) in Kalifornien. Der Inhalt der Protokolle konzentriert sich insbesondere auf Barbies Verbrechen während seiner Zeit in Lyon und bietet damit einen umfangreichen Einblick in die Verbrechen der Geheimen Staatspolizei im besetzten Frankreich. Für die NS-Täterforschung bietet der Aktenbestand zudem überaus wertvolle Erkenntnisse zur retrospektiven Einschätzung über Gewaltverbrechen im Referenzrahmen des Krieges.[2] Allerdings müssen sämtliche Aussagen von Barbie, ebenso wie die Aussagen seiner Opfer, einer quellenkritischen Analyse unterzogen werden. Vor allem der zeitliche Abstand zum Tatgeschehen, der bei den meisten der Zeitzeugenaussagen etwa 40 Jahre beträgt, ist Ursache für erkennbare Fehler in der Schilderung zeitlicher Abläufe.

Neben dem Aktenmaterial US-amerikanischer Behörden greife ich auf erstmals freigegebene Dossiers von Schweizer Sicherheitsbehörden zurück. Nachdem mir die Schweizerische Bundesanwaltschaft in erster Instanz die Einsicht verweigert hatte, entschied sie nach einem weiteren Einsichtsgesuch, die Akten an das Schweizerische Bundesarchiv zu übergeben, wo ich die Dokumente – unter Auflagen – einsehen und auswerten konnte. Neben Akten des Schweizer Staatsschutzes wurden mir im Zuge dieser Freigabe auch Dokumente des Polizeidienstes der Bundesanwaltschaft, des Polizeikommandos des Kantons Basel (Spezialabteilung), der Schweizerischen Armee, des eidgenössischen Justiz- und Polizeidepartements und des französischen Nachrichtendienstes Sûreté Nationale zur Verfügung gestellt. Neben den Ermittlungsbemühungen von Schweizer Behörden lassen sich anhand dieses Aktenmaterials auch die ab 1942 einsetzenden Ermittlungen des französischen Militärnachrichtendienstes gegen Angehörige der Geheimen Staatspolizei in Lyon rekonstruieren.

Trotz meiner zahlreichen Anfragen an das französische Innen- und Verteidigungsministerium blieben mir die Aktenbestände französischer Nachrichtendienste verschlossen, so dass ich lediglich die in den Pariser Archives Nationales öffentlich zugänglichen Aktenbestände einsehen konnte. Neben den Akten der Direction générale de la police nationale waren dies vor allem die Videomitschnitte des Barbie-Prozesses von 1987.

Der umfangreichste öffentlich zugängliche Fundus deutscher Quellen zu Klaus Barbie befindet sich in der an das Bundesarchiv angegliederten Zentralen Stelle der Landesjustizverwaltungen (ZSt) zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen in Ludwigsburg. Neben Barbies SS-Personalakte lagern dort die deutschen Ermittlungsakten der Staatsanwaltschaften in Augsburg, Kassel, Düsseldorf und München[3], vereinzelte Ermittlungsakten des Auswärtigen Amtes, die übersetzten Verhörprotokolle der Generalstaatsanwaltschaft von Lyon, die übersetzte Anklageschrift des Ständigen Militärgerichts (Lyon) sowie Unterlagen aus den Ermittlungen des französischen Innenministeriums.

Neben der bereits erwähnten BND-Akte von Klaus Barbie, die im Januar 2011 an das Bundesarchiv in Koblenz abgegeben wurde, konnte ich auch die ebenfalls vom BND an das Bundesarchiv übermittelte Akte des SS-Standartenführers Walther Rauff auswerten. Im Januar 2012 durfte ich überdies die Akte des SS-Obersturmführers Otto Skorzeny in den Räumen des BND in Berlin einsehen und auswerten, sowie später in Pullach die Akten des Waffenhändlers Gerhard Mertins, des Generalmajors Walter Drück und des »Tippers« von Klaus Barbie, Rolf Hollweg (DN HOLM).

Eine Einsicht in die Akte Klaus Barbies beim BfV war mir zunächst verweigert worden. Im September 2011 teilte mir das Bundesamt mit, dass aufgrund der »hohen Anzahl von Verschlusssachen« verschiedener Nachrichtengeber in den Akten sowie aufgrund des »hohen personellen Aufwandes« keine Einzelprüfung erfolgen könne.[4] Ein gesetzlicher Anspruch auf Akteneinsicht gegenüber dem BfV nach dem Informationsfreiheitsgesetz (IFG) bestehe nicht. Nach einer weiteren Intervention ließ sich der Inlandsnachrichtendienst Mitte Oktober 2011 dazu bewegen, doch eine entsprechende Einzelprüfung durchzuführen. »Im Ergebnis dieser Prüfung«, so die Antwort des BfV, »ist eine Offenlegung der – tatsächlich im BfV vorhandenen und grundsätzlich für eine Abgabe an das Bundesarchiv vorgesehenen – Gesamtakte zu Barbie in absehbarer Zeit aus Sicherheitsgründen leider nicht möglich.«[5] Diese »Sicherheitsgründe« bezogen sich, wie zuvor beim BND, auf den Schutz von Persönlichkeitsrechten Dritter und die Preisgabe von Informationen nachrichtendienstlicher oder außenpolitischer Belange.

Nachdem vonseiten des Bundesinnenministeriums eine Beschwerde meinerseits unbeantwortet blieb, veröffentlichte ich im Januar 2012 einen Artikel in der tageszeitung.[6] Doch erst nach einer von dem Bundestagsabgeordneten Jan Korte initiierten Kleinen Anfrage der Fraktion »Die Linke« an die Bundesregierung[7] wurde mir im Juni 2012 – exklusiv – die Einsicht in die Akte von Klaus Barbie in den Räumen des BfV in Köln gestattet.

Im Rahmen der Recherchen bei dem Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR (BStU) stieß ich schließlich im April 2012 auf ein 320 Seiten umfassendes Vernehmungsprotokoll des im Auftrag des Bundesnachrichtendienstes agierenden Waffenhändlers G. F., der zwischen 1964 und 1966 in Kontakt mit dem Bundesnachrichtendienst stand und den westdeutschen Auslandsnachrichtendienst auf Grundlage seiner umfangreichen Geschäftsbeziehungen in Lateinamerika mit Informationen über politisch motivierte Waffentransfers unterstützte. Die Vernehmungsprotokolle, die bis dato weder eingesehen, geschweige denn wissenschaftlich ausgewertet wurden, gewähren – neben der bereits erwähnten Akte des BND-Mitarbeiters und Waffenhändlers Gerhard Mertins – einen detaillierten Einblick in die Systematik der vom BND gesteuerten Waffengeschäfte, ebenso wie in die Aufklärungsprioritäten des westdeutschen Auslandsnachrichtendienstes im lateinamerikanischen Raum während der sechziger Jahre.

Unter den autobiographischen Quellen, die ich für diese Untersuchung berücksichtigen konnte, befindet sich der Abituraufsatz von Klaus Barbie, der im Schularchiv des Friedrich-Wilhelm-Gymnasiums in Trier liegt, und die entsprechende Anmeldung des Oberprimaners Klaus Barbie zur schriftlichen Abiturprüfung aus dem Jahr 1933. Diese frühe autobiographische Quelle erlaubt es, das unmittelbare Sozialisationsumfeld und die Wirkung der politischen Indoktrinierung im Kontext der neueren NS-Täterforschung zu verorten und zu diskutieren.

Eine weitere autobiographische Quelle bietet das Bundesarchiv in Koblenz, in dem seit 2007 der »Nachlass Hans Gwinner« lagert. Gwinner, ein bedeutendes Mitglied der deutschen Kolonie in La Paz, stand zwischen 1971 und 1991 in Briefkontakt mit Barbie. Die teilweise sehr intimen Briefe, die Barbie seinem Freund aus Peru, Bolivien und aus seiner Haft in Lyon gesandt hatte, reflektieren Barbies Eingliederungsprozess in die bolivianische Gesellschaft und seine Reaktion auf die gegen ihn angestrengten Ermittlungsbemühungen.

Die bedeutendste autobiographische Quelle für dieses Buch sind indes Barbies in Haft geschriebene Memoiren: Einige Journalisten und Sachbuchautoren vermuteten die Memoiren im Umfeld des 1996 verstorbenen Schweizer Bankiers François Genoud, dem Unterstützer zahlreicher NS-Verbrecher und arabischer Terroristen. Umso größer war daher die Überraschung, als im Juni 2012 Barbies 167 Seiten umfassende Memoiren an einen Sammler in den Vereinigten Staaten verkauft wurden. Die Authentizität des Materials, das mir in Kopie vorliegt und das ich im Rahmen meiner Studie erstmals auswerten konnte, wurde auf Basis eines Schriftvergleichs nachgewiesen.[8] Diese Memoiren bieten einen umfangreichen, wenn auch inhaltlich stets kritisch zu hinterfragenden Einblick in die Nachkriegsbiographie des NS-Kriegsverbrechers aus der Ego-Perspektive, in seinen politischen Werdegang und in seine nachrichtendienstliche Tätigkeit. Die Selbstdarstellungen Barbies sind durch häufige Übertreibungen gekennzeichnet. Über einige Themen hat sich Barbie allerdings aufrichtiger geäußert als in früheren Interviews. Zwar stimmen die zeitlichen Abläufe nicht immer, doch eröffnen Barbies autobiographische Hinterlassenschaften in wesentlichen Punkten aufschlussreiche Einblicke in sein Leben. Ich habe nur auf solche Passagen zurückgegriffen, die entweder durch unabhängige Quellen belegt werden konnten oder aber dermaßen unverblümt offen formuliert wurden, dass sie – ungeachtet ihres Wahrheitsgehaltes – die Gedankenwelt Barbies präzise wiedergeben dürften.

Zu danken habe ich schließlich Gerd Heidemann, der Barbie im Rahmen seiner Tätigkeit als Stern-Journalist vom 14. bis 20. August 1979 zusammen mit SS-Obergruppenführer Karl Wolff[9] in La Paz besuchen konnte und die Gespräche mit Barbie auf Tonbändern aufzeichnete. Er überließ mir Kopien davon.

Auch der ehemalige Stern-Journalist Kai Hermann, der Anfang der achtziger Jahre in Bolivien Barbies Spuren recherchierte, stellte mir sein Material zur Rekonstruktion von Barbies Biographie zwischen 1951 und 1983 freundlicherweise zur Verfügung. Das Besondere an diesem Privatarchiv sind die Dokumente des bolivianischen Innenministeriums, die Hermann seinerzeit von dem 1982 demokratisch gewählten Präsidenten Hernán Siles Suazo erhalten hatte. Die Unterlagen nehmen Bezug auf die repressiven Maßnahmen der García Meza-Diktatur gegen die politische Opposition wie auch auf den »Kokainputsch« vom 17. Juli 1980 und Barbies Agieren als Militärberater in diesem Zeitraum. Darüber hinaus gelang es Hermann, zahlreiche Interviews mit Barbies Zeitgenossen zu führen, darunter der mehrfach wegen Kriegsverbrechen verurteilte, nach 1945 in Argentinien »abgetauchte« SS-Unterscharführer Willem Sassen, Ute Messner (Barbies Tochter), Alvaro de Castro Gutierrez (Barbies Sekretär), Rico Toro (General der bolivianischen Streitkräfte) oder Gustavo Sánchez (1983 bis 1985 Vize-Innenminister Boliviens). Auf Basis dieses Materials konnte ich Barbies Beziehungen zu bolivianischen Regierungs- und Geheimdienstkreisen ebenso wie zu zahlreichen Alt- und Neofaschisten rekonstruieren.

Zur Erforschung von Barbies Aktivitäten in Bolivien habe ich schließlich noch die im Fritz-Bauer-Institut in Frankfurt am Main befindliche Kopie des so genannten »Schwend-Archivs« eingesehen. Der 1906 in Böckingen geborene SS-Sturmbannführer Friedrich Schwend war während des Krieges Drahtzieher des »Unternehmens Bernhard«, einer großangelegten Operation des SD zur Fälschung britischer Pfundnoten.[10] Nach Kriegsende wurde er vom CIC als Mitarbeiter unter dem Decknamen MAJOR KLEMP angeheuert und arbeitete ab 1946 für die 44. Abteilung des CIC in Österreich, ehe er zu Jahresende mit Hilfe des US-amerikanischen Heeresgeheimdienstes aus Europa floh und als wohlhabender Mann die peruanische Hauptstadt Lima erreichte. In Lateinamerika unterhielt er im weiteren Verlauf enge Kontakte zu den Geheimdiensten Perus und Boliviens und pflegte enge Geschäftsbeziehungen zu Barbie, der in den sechziger Jahren zu seinem Geschäftspartner avancierte.

Das Archiv von Friedrich Schwend wird komplettiert durch die Unterlagen des ehemaligen Vize-Geschäftsführers der Deutsch-Peruanischen Handelskammer, Johannes Volkmar Schneider-Merck. Auch Schneider-Merck stand mit Schwend und Barbie in privatem und geschäftlichem Kontakt, half den peruanischen Behörden bei der Übersetzung und der Einordnung von Schwends Unterlagen und verfügt selbst über eine umfangreiche private und geschäftliche Korrespondenz, die hier erstmals ausgewertet werden konnte.

I»Der Schlächter von Lyon« (1913–1945)

1.Kindheit und Jugend

Nikolaus »Klaus« Barbie wurde am 25. Oktober 1913 in Bad Godesberg als Sohn des katholischen Lehrerpaares Anna Hees und Nikolaus Barbie geboren.[1] Da die Eltern aus finanziellen Gründen zum Zeitpunkt der Geburt noch nicht verheiratet waren, ging die Mutter, um der Scham einer außerehelichen Geburt zu entgehen[2], zur Entbindung nach Bad Godesberg.[3] Vier Monate später wurde die Hochzeit in der Heimatstadt des Vaters, in Merzig an der Saar, gefeiert.[4] Als Barbies Vater 1914 als Freiwilliger in den Ersten Weltkrieg zog, gingen Mutter und Sohn nach Mehren in der Eifel, der Heimatstadt von Anna Hees, die auch Klaus Barbie 19 Jahre später rückblickend als »seine Heimat« bezeichnete und sich aufgrund des »sanften und festen Charakters« der Region selbst als ein »Kind der Eifel« definierte.[5]

Barbie lebte in Mehren auf dem Bauernhof seines Großvaters, Nikolaus Hees, »ein herzensguter Mann«, der 13 Kinder aus drei Ehen hatte.[6] Mit seinen in Merzig lebenden Großeltern väterlicherseits verband Barbie indes nur »schmerzliche Erinnerungen«:

»Eine meiner Tanten erwartete ihren Bräutigam. Der Kaffee-Tisch war sehr schön gedeckt. Ich weiß nicht, wie es geschah, jedenfalls zog ich an der Tischdecke und das Unglück war geschehen. Tassen, Teller, Kuchen und Kaffee lagen in der guten Stube. Mit einer Hundepeitsche bekam ich von meiner Großmutter die mir zustehende Tracht Hiebe. Bei einer anderen Gelegenheit, als wieder einmal der Bräutigam zu Besuch war, hatte ich meine Tante Käthe in den Kuhstall eingesperrt. Erst nach langem Suchen wurde sie gefunden – und für mich trat wieder die Hundepeitsche in Tätigkeit. Meine Sympathie zu diesem Teil meiner Verwandtschaft war nie sehr groß, nur meinen Großvater mochte ich, außerdem ein Harmonium, auf dem ich mit Erlaubnis der Tanten ab und zu spielen durfte.«[7]

Im Gegensatz zu dem sehr guten Verhältnis zu seiner Mutter[8] entwickelte Barbie zu seinem Vater, den er erstmals 1918 als versehrten[9] und »seelisch gebrochenen«[10] Kriegsheimkehrer wahrnahm, eine von Anfang an zwiespältige, geradezu »angstvergiftete«[11] Beziehung, die durch dessen fortschreitende Alkoholsucht zunehmend beeinträchtigt wurde. Barbie beschrieb seinen Vater 1933 rückblickend als einen vom Krieg »zerrütteten und zerschundenen«[12] Menschen, der ihn in seiner Funktion als Dorfschullehrer »zum Vorbild seiner Mitschüler« aufbauen wollte.[13] Barbie erinnerte sich in seinen Memoiren:

»Ich war dann der Leidtragende als Sohn des Lehrers. Wenn mein Vater ab und zu einmal die Klasse verließ, bestimmte er mich die Namen der Schüler auf die Tafel zu schreiben, die Krach machten. Selbstverständlich sind Kinder nicht zu halten, wenn der Lehrer nicht anwesend ist. Da ich aber nie einen Namen aufschrieb, erhielt ich von meinem Vater die entsprechenden Stockhiebe für die ganze Klasse, was mir zwar Schmerzen, aber auch die ›Ehre‹ eines ›Anführers‹ einbrachte.«[14]

Nach Meinung Schnitzlers machten die »heftigen pädagogischen Tiraden«[15] und der Vertrauensverlust in die väterliche Autorität den empfindsamen Jungen früh empfänglich »für die Sehnsucht nach einem politischen Führer«, ein Verlangen, das in ihm zugleich einen Nährboden für die ideologische Indoktrinierung bereitete.[16] Die politischen Folgen der französischen Rheinlandbesetzung, in deren Verlauf, wie Barbie es selbst beschrieb, »deutschfeindliche Elemente ihrer Wut freien Lauf«[17] ließen, unterstützten seine revanchistische Einstellung.[18] Sein Vater hatte sich aus Verbitterung über die Okkupation seiner Heimatstadt Merzig dem deutschen Widerstand gegen die französischen Besatzer angeschlossen.[19] Die Forschung lässt keinen Zweifel daran, dass die an den Sohn vermittelten Kriegserfahrungen und dessen eigene Trierer Erlebnisse unter französischer Besatzung schon frühzeitig »im jungen Barbie einen erbitterten Hass gegen die Franzosen ausgelöst« hatten.[20] Inwiefern Barbies frühkindliche Erfahrungen als Wurzeln späterer Entwicklungen Geltung beanspruchen dürfen, bleibt jedoch fraglich. Zwar gilt es diese Erfahrungen zu berücksichtigen, doch dürfen die Analysen damit nicht zugleich der Gefahr einer biographischen Teleologie erliegen.

Mit knapp zwölf Jahren verließ Barbie 1925 erstmals sein Elternhaus, um sich auf dem Friedrich-Wilhelm-Gymnasium in Trier (FWG) die höhere Schulbildung anzueignen.[21] Die strengen Internatsregeln des bischöflichen Konvikts, auf dem Barbie zunächst untergebracht war, fielen dem Heranwachsenden keinesfalls zur Last, sondern gaben ihm ein Identifikationsangebot, »einen zuvor nicht erlebten sozialen Rückhalt«[22]. Rückblickend unterstrich Barbie vor allem die »positiven« Sekundärtugenden, die er dem Internatsleben verdanke: »Pünktlichkeit, Ordnung und Kameradschaftsgeist« schienen ihm die prägendsten Erfahrungen gewesen zu sein, mit denen er in Trier konfrontiert wurde.[23]

Enttäuscht musste Barbie jedoch 1929 in die Familie zurückkehren, als diese nach der krankheitsbedingten Frühpensionierung[24] des Vaters eine Wohnung in der Trierer Viehmarktstraße 15 bezog. Vier Jahre später bewertete Barbie das darauffolgende Familienleben als eine Phase voll »wirklich bitterem Leid«, über dessen Ursachen er selbst keine näheren Angaben macht. Was er erleiden musste, das soll, wie er betont, »für immer [s]ein Geheimnis bleiben«. Es war jedenfalls eine »Mahnung für [s] ein künftiges Leben«, die ihn »zu einem reifen Menschen [machte]«.[25]

Die Anerkennung, die Barbie in der Familie verwehrt blieb, suchte er schon früh woanders. Bereits während seiner Schulzeit, und noch vor seinem Eintritt in die Hitlerjugend (HJ) im Jahr 1933, engagierte er sich als Fähnleinführer beim »Deutschen Jungvolk«[26], als aktives Mitglied in den Sportgruppen der Deutschen Jugendkraft sowie in einem Männerfürsorgeverein in Trier, für den er regelmäßig Hospitationsbesuche in der Bahnhofsmission und im Gefängnis durchführte.[27] Während Barbies Familie im Frühjahr 1933 durch die plötzlichen Tode seines Bruders und seines Vaters auseinanderbrach[28], fand der junge Abiturient Halt und Anerkennung in der »gewaltige[n] nationale[n] Erhebung«, die auch ihn »als dienendes Glied« in die »Gefolgschaft des Führers« aufgenommen hatte.[29] Aufgrund dieses Bekenntnisses kamen Linklater (u.a.) zu dem Schluss, dass sich in jenen Jahren die Wendung Barbies von einem »zurückhaltende[n], scheue[n] Katholik[en]« zum politischen Fanatiker, zu einem »militanten Verfechter der nationalsozialistischen Idee« vollzogen habe.[30] In seinem Abituraufsatz[31] im Fach »Deutsch« vom 5. Februar 1934 schrieb Barbie über die außenpolitische Wirkung der Trierer Heilig-Rock-Ausstellung[32], dass »Ruhe und Ordnung« in Deutschland durch »liebenswürdige (…) und in jeder Weise zuvorkommende Menschen« garantiert worden seien. Er ironisiert das »große Staunen« ausländischer Besucher über die »braune[n] Mordgesellen« (SA-Trupps), denen es, so Barbie, zu verdanken war, »dass die Wallfahrt ohne Störung verlief«.[33] Inwiefern sich Barbie in seiner Schulzeit auch aktiv im »nationalsozialistischen Sinne« betätigte, ist den Quellen nicht zu entnehmen. Ein interessanter Hinweis findet sich jedoch bei Schnitzler, der jüngst im Rahmen einer Zeitzeugenbefragung ehemaliger Klassenkameraden Barbies die These untermauerte, dass dieser »als Spitzel der Nazis jahrelang in seiner Schule gearbeitet und Informationen über seine Lehrer und Schüler geliefert habe«.[34] Nach Linklater sei er in dieser Funktion »einer der wichtigsten Nazi-Informanten in der Stadt« gewesen, da die Nationalsozialisten das FWG als »die schwärzeste Bastion des Zentrums« ins Visier genommen und zu seiner Kontrolle ein geheimes Netzwerk unterhalten hätten.[35] Möglicherweise geht auf ihn die Verhaftung eines Schülers zurück, der ein Flugblatt mit einem »Hitler-feindlichen Lied-Text«[36] bei sich hatte, sowie die Denunziation eines Lehrers, der seine Schüler die Bänke um 45 Grad hatte drehen lassen, um ihren Blick auf das Kruzifix und nicht auf das Porträt des Führers zu richten.[37] Schnitzlers Zeitzeugenbefragungen bestätigen diese Annahmen. Zwar blieb für viele seiner Mitschüler Barbies Entwicklung von einem »freundlichen, netten und liebenswerten Menschen« zu einem später »kaltblütig mordenden Gestapo-Hauptmann« unerklärlich, doch bemerkten zwei seiner ehemaligen Schulkameraden bereits in dieser Zeit einen gewissen »politischen Fanatismus«.[38] Nach den Erinnerungen von Peter Minn, einem damaligen Schulkameraden, begann Barbie zu jener Zeit überzeugt »über die Nazis zu schwärmen«.[39]

Nach mehreren Anläufen gelang Barbie 1934 schließlich eine durchschnittliche Reifeprüfung.[40] Aufgrund des Todes seines Vaters und der damit verbundenen finanziellen Einbußen musste Barbie jedoch von seinen ursprünglichen Studienplänen abrücken.[41] Anstatt, wie im November 1933 bei seiner Anmeldung zur Reifeprüfung erwähnt, das Studium der Philologie oder der Archäologie zu beginnen, meldete sich Barbie zunächst freiwillig zu einem halbjährigen Einsatz beim Reichsarbeitsdienst im schleswig-holsteinischen Niebüll, wo er vom 26. April bis zum 31. Oktober 1934 »allein das neue Hochgefühl des nationalsozialistischen Kameradschaftsgeistes auskostete«.[42] In seinen Memoiren erinnerte er sich:

»Der Abiturient, der Student stand neben dem Arbeiter in Reih und Glied. Es gab keinerlei Vorzug. Während der Arbeit und im Lager lernten sie sich gegenseitig kennen, achten und helfen. ›Sozialismus heißt Kameradschaft‹ war einer der Tischsprüche, die vor jeder Mittagsmahlzeit aufgesagt wurden.«[43]

Nach seiner Rückkehr fand Barbie zunächst keine Arbeit und engagierte sich erneut, wie bereits kurze Zeit vor seinem Abitur, unbezahlt in der Trierer NSDAP-Zentrale und der Hitlerjugend, ehe er am 1. Februar 1935 zum persönlichen Adjutanten von Karl Horrmann, dem NSDAP-Ortsgruppenleiter für Trier-Mitte[44], avancierte, der für ihn im weiteren Verlauf den Kontakt zum Sicherheitsdienst herstellte.[45] Barbie nahm den Vorschlag Horrmanns, für den SD zu arbeiten, dankend an und wurde im September 1935 zu einem Vorstellungsgespräch zu SD-Chef Reinhard Heydrich nach Berlin geladen:

»Vor allem bestand die Aussicht (…) ein kostenloses Jurastudium zu erhalten, um in die höhere Laufbahn der SS und Polizei eintreten zu können. Was der Sicherheitsdienst war, über seine Aufgaben und seine Organisation wusste ich nichts. Er erläuterte mir nur, es sei ein Geheimdienst mit staatlichem Charakter, der von Himmler und Heydrich geführt werde, sich im Aufbau befände und junge Menschen dafür suche. Ich konnte mir damals nichts darunter vorstellen. Das Wort ›Geheimdienst‹ lockte mich und der Gedanke, dass es in einem solchen Apparat sicherlich interessanter sei zu arbeiten als bei einer Behörde in Trier. Außerdem hatte ich die Chance sofort Geld zu verdienen und studieren zu können.«[46]

Die Aufzeichnungen Heidemanns ergeben zusammen mit Barbies Erinnerungen, die er in seinen Memoiren 1983 zu Papier brachte, einen intimen Einblick in das Innenleben des Berliner SD-Hauptamtes in seiner Konsolidierungsphase:

»Das Amt war damals ein ganz kleiner Haufen. Himmler (…) kam einem zunächst etwas steif vor. Er konnte mit den Untergebenen nicht so gut umgehen. Er war sehr zurückhaltend. Aber so im Umgang war er eigentlich sehr zuvorkommend. Man konnte mit ihm völlig normal reden. (…) Mit Heydrich (…) haben wir oft Zechtouren gemacht. Mit Six auch. Six war ein großer Säufer vor dem Herrn. Der hatte einen Saufkeller. Heydrich hat Geige gespielt, Canaris Klavier.«[47]

»Es war Mode«, erinnerte sich Barbie in seinen Memoiren, »dass einmal in der Woche die gesamte Belegschaft des SD im Hofe hinter dem Gebäude der Prinz Albrecht-Straße, dem Sitz der Gestapo, Handball spielte. Daran nahmen auch Himmler und Heydrich teil. Ich erinnere mich noch, dass wir versuchten, Himmler die Brille herunter zu werfen, um ihn so außer Gefecht zu setzen«.[48]

Am 25. September 1935 wurde Barbie, der seinen Vorgesetzten als »diszipliniert, lebensfreudig, wahrheitsliebend und kameradschaftlich«[49] erschien, offiziell als hauptamtlicher, bezahlter Mitarbeiter des SD eingestellt und dadurch automatisch Mitglied der SS. Seine Stammrolle trug die Nummer 272284.[50]

 

Nach Erkenntnissen der NS-Täterforschung waren die familiären und sozialen Leidenserfahrungen der späten »Schützengrabengeneration« zwei prägende Sozialisationsmerkmale, die die späteren NS-Täter miteinander teilten. Obwohl ihnen, wie auch Barbie, »das existentiell körperliche Kriegserlebnis von Gewalt und Tod fehlte«[51], waren sie an der »Heimatfront« ebenfalls von den anhaltenden Traumatisierungseffekten im kollektiven Umfeld ihrer Familien betroffen gewesen. Je mehr die Erfahrungen der älteren Kriegsheimkehrer in den Jahren der Republik zum nationalen Mythos verklärt wurden[52], desto mehr wurde die Nichtteilnahme an den Materialschlachten als ein »unüberbrückbarer Mangel«[53] an Erfahrungen interpretiert. Infolgedessen entstand bei Barbie, stellvertretend für die Mehrheit der heranwachsenden Vorkriegs- und Kriegskinder, eine wachsende Sehnsucht nach neuen, zukunftsorientierten Bewährungsmöglichkeiten, die einen möglichen Bruch mit den bürgerlichen Konventionen einschlossen und deren Einlösung sich diese Generation von der Durchsetzung der radikalen Gesellschaftsutopie des NS-Regimes erhofften. Eine Sehnsucht, die gerade in Trier durch die »nationale Hochstimmung«[54] belebt wurde, die im Zuge der sogenannten »Rheinlandbefreiung«[55] vom 30. Juni 1930 die Moselregion erfasste, und die insbesondere nach der Verschlechterung der wirtschaftlichen Lage[56] ab 1930 nach konkretem Aktionismus verlangte. In Trier schlug sich dieser in einem »sensationellen« Erfolg der NSDAP bei den Reichstagswahlen vom 14. September 1930[57] und in einer zunehmenden, auch medialen, antijüdischen und antisemitischen Agitation nieder.[58]

Barbies Kindheit und Jugend, dies bleibt abschließend festzuhalten, war die Jugend eines gedemütigten, von individuellen und kollektiven Leiderfahrungen geprägten und nach Bestätigung suchenden Ehrgeizlings, der als »dienendes Glied« im Zuge der »gewaltigen nationalen Erhebung« die Gelegenheit der individuellen Bewährung ergriff und damit zugleich kompromisslos das von Ulrich Herbert analysierte Profil einer tatbereiten »Weltanschauungselite« verkörperte.[59]

2.Barbies Weg in den Sicherheitsdienst

Während seiner zweijährigen Ausbildung beim SD, die er im Amt II (Oppositionsbekämpfung)[1] absolvierte, erlernte Barbie das »Einmaleins der geheimbehördlichen Ermittlungsbürokratie«[2] und der polizeidienstlichen Verfolgung von »Staatsfeinden«: Kommunisten, Juden, Homosexuelle, Zeugen Jehovas und Prostituierte.

Im Rahmen seiner Ausbildung wurde Barbie zunächst die »normale Polizeiarbeit«[3] vermittelt. Dazu musste er bei verschiedenen Berliner Hauptpolizeiämtern Praktika absolvieren. Bei nächtlichen Polizeistreifendiensten durch das Berliner Rotlichtmilieu erlebte er auch Situationen mit brutaler körperlicher Gewaltanwendung, eine Erfahrung, die ihn begeisterte, weil er dabei das »berauschende Gefühl der Macht« verspürte.[4] Noch 1979 erinnerte sich Barbie in La Paz sehr genau an seinen »Einsatz« in einer Berliner Prostituiertenbar während der Olympischen Spiele 1936:

»Nie in meinem Leben habe ich so etwas wieder erlebt! Dorthin kamen morgens um drei Uhr die ganzen Nutten von der Friedrichstraße und der Puttkamerstraße mit ihren Zuhältern und mussten abrechnen. Und dann gab es Krach. So etwas von Gemeinheiten, so etwas von Ausdrücken auf berlinerisch! Und die anschließende Schlägerei, die Schläge, die die Zuhälter den Nutten da verpasst haben, das war eine Phantasie!«[5]

Barbie absolvierte im weiteren Verlauf die SD-Schule in Bernau und wurde zu einem »Sonderlehrgang für SD-Führungskräfte« in Berlin-Charlottenburg delegiert.[6] Nach Abschluss seiner Ausbildung im Oktober 1937 wechselte er zum SD-Oberabschnitt West mit Sitz in Düsseldorf, wo er im Amt II die Bereiche 122 und 123 übernahm, die sich mit den Aktivitäten der Zentrumspartei, der »völkische[n] Opposition« und rechten Volksparteien auseinandersetzten. Am 20. April 1940 beendete er die Ausbildung und wurde zum SS-Untersturmführer befördert.[7] Sein Dienstgutachten bescheinigte ihm eine hohe Intelligenz, schnelle Auffassungsgabe, Willensstärke und die »tiefste Überzeugung« von der »nationalsozialistischen Ideologie«.[8]

Nur fünf Tage nach seiner Beförderung heiratete Klaus Barbie seine aus Osburg/Kreis Trier stammende Jugendliebe, Regine Willms, eine 23-jährige katholische Postarbeitertochter, die nach einer Ausbildung zur Köchin als Haushaltsgehilfin arbeitete.[9] Die Braut war, genau wie ihr Gatte, am 1. Mai 1937 in die Partei eingetreten[10] und als überzeugte Nationalsozialistin[11] in einem Kinderhort der NS-Frauenschaft beschäftigt. Da das Paar mit der Geburt der einzigen Tochter Uta Maria[12] bis dahin die »volksbiologischen« Normvorstellungen von vier bis sechs Kindern nicht erfüllte, rechtfertigte sich Barbie im Mai 1944 mit einer persönlichen Eingabe, in der er das Ausbleiben weiterer Kinder mit seiner kriegsbedingten Abwesenheit und der »beengten Wohnsituation im Hause« begründete, an das Reichssicherheitshauptamt (RSHA).[13]

Der am 27. September 1939 erfolgte Zusammenschluss von Sicherheitspolizei (SiPo) und Sicherheitsdienst unter dem Dach des Reichssicherheitshauptamtes[14] brachte auch eine Umstrukturierung des SD-Oberabschnitts West mit sich. Die großen regionalen Ämter wurden aufgelöst und die zuständigen Regionen verkleinert. Aus dem Amt II (SD-Inland), dem Barbie bis zum Zeitpunkt seiner Auflösung angehört hatte, wurde das Amt III (Deutsche Lebensgebiete – SD Inland) des RSHA unter der Leitung von SS-Gruppenführer Otto Ohlendorf. Barbie arbeitete ab diesem Zeitpunkt als Hilfsreferent beim Unterabschnitt des SD in Dortmund im Bereich »sozialdemokratischer und kommunistischer Widerstand«.[15]

3.Barbie in den besetzten Niederlanden und Dijon

Am 10. Mai 1940 marschierten deutsche Wehrmachtsverbände in Belgien, Luxemburg und den Niederlanden ein. Die »militärische Erledigung des Westens«[1] hatte begonnen. Knapp drei Wochen später, am 29. Mai 1940[2], stieß Barbie zu seiner alten SD-Abteilung. Auch wenn er zu diesem Zeitpunkt noch nicht offiziell dem Amt IV des RSHA (Gestapo) angehörte, sondern dem Amt VI (SD Ausland)[3], das mit nachrichtendienstlichen Aufgaben betraut war, wird doch deutlich, dass er sich in der Folge auf »jüdische Angelegenheiten« und Ermittlungen gegen das Freimaurertum konzentrierte.[4]

Nach Barbies Aussagen rückte seine Einheit bis nach Dünkirchen vor. Da die Hafenstadt von deutschen Truppen jedoch geradezu überschwemmt war, wurde seine Einheit nach Den Haag zurückverlegt, um sich dort für die »Operation Seelöwe«, die geplante Invasion Englands, zu wappnen.[5] Barbies Kommando wurde dem SD-Chef von Den Haag (Außenstelle Amsterdam), SS-Standartenführer Wilhelm Harster[6], unterstellt und der »Zentralstelle für jüdische Auswanderung«, die ihren Sitz in Amsterdam hatte, zugeordnet.[7]

Die erste Beurteilung seiner Dienste, die sich insbesondere auf die Verfolgung von deutschen Emigranten, Freimaurern und Juden konzentrierten[8], erreichte seine vorgesetzte Dienststelle in Deutschland im Oktober 1940 aus den Niederlanden. Barbie habe sich, so die Beurteilung, »restlos und intensiv in der SD-Arbeit eingesetzt«.[9] Nur einen Monat später, am 9. November 1940, wurde er mit der Beförderung zum SS-Obersturmführer belohnt.[10]

Mit der systematischen Registrierung der in den Niederlanden lebenden Juden setzte ab Januar 1941 eine Verschärfung der antijüdischen Maßnahmen ein. In Form von »Provokationen, Vernichtung jüdischen Eigentums und angezettelte[n] Schlägereien«[11] waren die Mitglieder der jüdischen Gemeinde auch einer physischen Bedrohung ausgesetzt. Die Weerafdeling[12] der Nationaal Socialistischen Bewegung (NSB)[13] und die deutschen Militärs wurden dazu angehalten, »auf der Straße und in Cafés und Restaurants die Konfrontation mit Juden zu suchen«.[14] Bei allen Aktivitäten war Barbie, wie Bower betont, an »vorderster Front«[15] vertreten. Dieser Einschätzung entsprechen die Ergebnisse des Untersuchungsberichts des »Rijksinstituut voor oorlogsdokumentatie« vom Januar 1984. Demnach wütete der Obersturmführer am 19. Februar mit einem SD-Trupp in einem südlichen Stadtteil von Amsterdam. Dort hatten zwei jüdische Flüchtlinge aus Deutschland den Eissalon »Coka« (Cohn & Kahn) in der Van Woustraat eröffnet und mit Hilfe improvisierter Waffen Angriffe auf ihr Geschäft erfolgreich zurückschlagen können. Als Barbie mit seiner Truppe vor dem Eissalon eintraf, hatten sie –wie Barbie selbst zugab – strikten Befehl, die jüdischen Verteidiger lediglich festzunehmen.[16] Barbie ging mit einer für seine weitere Karriere typischen »draufgängerischen Entschlossenheit«[17] an der Spitze des Trupps zum Angriff über. Er stürmte nach vorn und erkannte unter den zwölf Verteidigern Kahn, einen der Besitzer des Eissalons. »Der hatte so eine schöne Glatze, und so viel Kraft hatte ich noch, einen Aschenbecher, der da stand, zu nehmen und ihm auf den Kopf zu schlagen! Das riss ihm von oben hier runter alles weg«, erinnerte sich Barbie später.[18] Alle Menschen in dem Lokal wurden verhaftet.

In den folgenden Tagen nahmen SS-Truppen am Wieringermeer 425 Juden im Alter von 25 bis 30 Jahren fest, die zunächst über das Internierungslager Schoorl (Gemeinde Bergen) in das KZ Buchenwald und dann in das KZ Mauthausen deportiert wurden. Die niederländische Bevölkerung reagierte auf die zunehmenden Razzien mit einem Streik, der von den Kommunisten begonnen und von der Mehrheit der Gesamtbevölkerung mitgetragen worden war.[19] »Es war ein spontanter Volksaufstand«, der von den Besatzern am 26. Februar 1941 schließlich gewaltsam niedergeschlagen wurde.[20] Die SS, so Bower, hatte »den Kampf siegreich bestanden«[21] und feierte ihren Triumph, an den sich auch Barbie in Bolivien noch mit Wehmut zurückerinnerte: »Wir waren vielleicht besoffen! Aber es war ein guter Haufen. Eine Kameradschaft – das gibt es ja nie wieder. Und davon lebt man eigentlich hier in der Emigration«.[22]

Als sich Barbie drei Tage nach diesem Gelage aus seinem Sonderurlaub zurückmeldete, wurde ihm – wie er selbst angab – befohlen, »die Sache zu Ende zu bringen«.[23] Kahn und seine Anhänger waren zum Tode verurteilt worden, und Barbie befehligte nach eigenen Angaben das Hinrichtungskommando: »Ich hatte das Kommando. Und da ist es mir schlecht geworden, als ich die ganzen Gehirne verspritzen sah.«[24] Für diese Dienste erhielt Barbie am 20. April 1941 das Eiserne Kreuz zweiter Klasse.[25]

Eine weitere Spur von Barbies Verbrechen in den Niederlanden findet sich nur einen Monat später: Am 14. Mai 1941 detonierte im jüdischen Viertel von Amsterdam eine Bombe im deutschen Offizierskasino.[26] Fast einen Monat später, am Morgen des 11. Juni, sprach Barbie deswegen im Büro des niederländischen Judenrates vor.[27] Barbie eröffnete ihnen, die Deutschen hätten ein Problem, das allerdings mit Hilfe des Judenrates relativ leicht zu lösen sei. Der Obersturmführer erklärte sein Anliegen: Die Deutschen hätten ursprünglich 278[28] jüdische Kadetten gezwungen, den Ausbildungslehrgang bei der niederländischen Kriegsmarine abzubrechen. Nun hätte man sich aber entschlossen, die Jugendlichen doch wieder aufzunehmen. Barbie fragte demnach bei dem »verblüfft[en]«[29] Rat nach einer Liste mit den entsprechenden Adressen. Der Ratsvorsitzende David Cohen händigte dem Besucher, der sich offenbar mit einer »ausgesuchten Höflichkeit«[30] einführte, die Liste aus. Noch am selben Tag begann die »Jagd auf jüdische Jugendliche«, die schließlich ausnahmslos in das oberösterreichische Konzentrationslager Mauthausen deportiert wurden.[31]

Vom Juli 1941 bis zum März 1942 verlieren sich die Spuren, die Aufschluss über Barbies weitere Tätigkeit geben könnten.[32] In den Gesprächen mit Karl Wolff im August 1979 behauptete Barbie, in dieser Zeit in Russland Widerstandsgruppen und Partisanen bekämpft zu haben.[33] Die Möglichkeit, dass Barbie in Russland seine »sadistischen Neigungen«[34] entdeckt habe, kann jedoch ausgeschlossen werden. Zunächst ist festzuhalten, dass Barbie in Gesprächen und Interviews, motiviert durch seinen eigenen Eifer zur Selbstinszenierung, des Öfteren log.[35] Zudem findet sich in dem Schreiben des Netherlands State Institute for War Documentation an die Zentralstelle der Landesjustizverwaltungen in Ludwigsburg vom 10. April 1972 der Hinweis, aus den noch vorhandenen Unterlagen gehe hervor, dass Barbie bis zu seinem Einsatz in Frankreich ununterbrochen bei der »Außenstelle Amsterdam« tätig gewesen sei.[36] In seinen Memoiren erklärte Barbie nachvollziehbar:

»Nach Ausbruch des Krieges gegen die Sowjetunion meldete ich mich zur Ostfront. Mein Gesuch wurde entschieden abgelehnt. Anfang 1942 setzte ich mich mit einem Kameraden in Verbindung, der im Ministerium für die besetzten Ostgebiete unter Rosenberg tätig war. Nach einiger Zeit erhielt ich eine positive Antwort; ich könnte mit einer Anforderung für das in Baku vorgesehene Kommando rechnen. Da die Front jedoch Mitte des Jahres im Kaukasus stecken blieb, kam dieser Einsatz nicht zustande. Stattdessen wurde ich nach Gex an der Schweizer Grenze beordert.«[37]

Ob sich Barbie wirklich derart engagiert für einen Einsatz an der Ostfront zu empfehlen versuchte, bleibt allerdings zweifelhaft.

 

Im Mai 1942 übernahm Barbie seinen ersten Kommandoposten in dem an der französisch-schweizerischen Grenze gelegenen Gex (Dienststelle Dijon) unter dem SS-Standartenführer und Befehlshaber der Sicherheitspolizei und des SD (BdS) im besetzten Frankreich, Helmut Knochen. Die Gründe für seine Versetzung sind unklar. Vielleicht waren es Differenzen zwischen Barbie und seinem Vorgesetzten Willy Lages[38], vielleicht auch einfach die hervorragenden Französischkenntnisse, die den Trierer Abiturienten für diese Aufgabe prädestinierten.[39]

In Gex, das den Ruf eines »Spionen-Treffs« hatte[40] und wo die Demarkationslinie zwischen dem besetzten und unbesetzten Teil Frankreichs mit der Schweizer Grenze zusammentraf, sollte Barbie, der zu diesem Zeitpunkt unter dem Decknamen BERGER operierte[41], den konspirativen Personenverkehr beobachten[42] und ein Agentennetz »für besondere nachrichtendienstliche Aufgaben« aufbauen.[43] Die kooperativen Beziehungen zwischen Vichy-Armee, Résistance und Alliierten in der Schweiz und vor allem im unbesetzten, dem direkten deutschen Zugriff entzogenen Frankreich mussten Knochen beunruhigen. Zumal die alliierten Nachrichtendienste, allen voran das unter Leitung von Allen Dulles stehende Office of Strategic Services (OSS), in der Schweiz den französischen Widerstand gegen die deutschen Besatzer organisierten. Barbies Hauptauftrag bestand zunächst also darin, »an die Verbindungen der französischen Widerstandsführung zum OSS heranzukommen«.[44] Barbie scheiterte. Zu kurz sei sein Aufenthalt in Gex gewesen, als dass die Zeit gereicht hätte, ein umfangreiches Netz an V-Leuten zu rekrutieren, erinnerte er sich später.

Dass der »brutale Paukenschläger« Barbie seinen Aufgaben, die das »feine Gehör eines Geigers« voraussetzten, nicht gewachsen war[45], ist auf Basis der verfügbaren Quellen nicht nachvollziehbar. Fest steht indes, dass Barbie nur wenige Monate nach seinem Eintreffen in Gex wieder an seine Dienststelle in Dijon zurückbeordert wurde, um ab November 1942 seinen Dienst in Lyon anzutreten.

4.Gestapo-Chef von Lyon

Mit der Besetzung von Vichy-Frankreich am 11. November 1942 war Lyon, die zweitgrößte Stadt Frankreichs und zugleich »die heimliche Hauptstadt der Résistance«[1], in den deutschen Fokus getreten. Kurz zuvor war Barbie vom Amt VI des SD in das Amt IV (Gestapo) versetzt worden. Als er zwischen dem 11. und 12. November 1942 in Lyon eintraf, avancierte er zum Chef der dortigen Gestapo.[2]

Noch im selben Monat schuf der SD in Lyon ein Einsatzkommando in den 60 Räumen des Hotels »Terminus«, in der Nähe des Bahnhofs Perrache. Die Wohn- und Schlafräume lagen im zweiten Stock, 20 Zimmer im dritten Stock blieben ausschließlich für Verhörzwecke reserviert, in denen die aus dem Gefängnis »Montluc« vorgeführten Häftlinge verhört wurden.[3] Die offiziellen Ermittlungen der französischen Polizei ergaben, dass die Räume im Hotel »Terminus« zu dieser Zeit nicht mit speziellen Folterinstrumenten ausgestattet waren.[4] Dies holte die Gestapo erst im Juni 1943 nach, als sie »unter dem Druck zunehmender Arbeit und räumlicher Enge« in den größeren Gebäudekomplex der »École de Santé Militaire« an der Avenue Berthelot Nr. 14 umzog und bei dieser Gelegenheit das Hotel zum Verhörzentrum ausstattete.[5]

SD-Chef für Lyon und Umgebung war zunächst SS-Obersturmführer Rolf Müller, der Anfang 1943 nach Marseille versetzt wurde. Seinen Posten übernahm Hauptsturmführer Heinz Hollert, der jedoch schon im Sommer von Obersturmbannführer Dr. Werner Knab abgelöst wurde.[6] Knab kam direkt aus Kiew, wo er Befehlshaber der regionalen SS- und SD-Einheiten gewesen war.

Der SD in Lyon bestand aus insgesamt sechs Abteilungen und hatte bereits unter Müller die Zuständigkeiten in Sicherheitsfragen für Lyon und Umgebung an sich gerissen. Abteilung IV wurde von Barbie, zugleich Knabs Stellvertreter, geleitet und war wiederum in sechs Unterabteilungen gegliedert[7], die von Barbies untergebenen Offizieren kontrolliert wurden.[8] Zu Beginn waren dem Obersturmführer etwa 25 deutsche Offiziere direkt unterstellt. Es wurden noch mehr, als die Gestapo nach zwölf Monaten auch in anderen Städten der Region ihre Dienststellen einrichtete.[9] Barbie erinnerte sich:

»Es kamen nun fast jeden Tag neue Männer aus Paris und dem Reich zum Kommando. Hollert übernahm die Organisatorischen Aufgaben, während ich mir einen Plan für mein spezielles Aufgabengebiet, die Bekämpfung der Résistance, ausarbeitete. Von den politischen Verhältnissen in Lyon und den Bezirken, die uns zugeteilt waren, hatten wir wenig Ahnung.«[10]

Es sollte nicht lange dauern, bis Barbie merkte, mit welch »schwierigem Pflaster«[11] er es in Lyon zu tun hatte. Im Zuge der französischen Niederlage stieg die Zahl der Bevölkerung in der Stadt aufgrund der enormen Flüchtlingsströme auf 800000 an; viele der eingetroffenen Flüchtlinge waren enttäuschte Patrioten. Es verwundert daher nicht, dass sich gerade in Lyon der Widerstand der »ersten Stunde« mobilisierte.

Vor dem Hintergrund zunehmender Sabotageaktionen französischer Widerstandsgruppen beauftragten die Reichsregierung und das Oberkommando der Wehrmacht den Reichsführer-SS, für die Sicherheit der Truppe in den besetzten Gebieten die Verantwortung zu übernehmen und den »Terrorismus« mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln »rücksichtslos (…) zu bekämpfen«.[12] »Die Einsatzkommandos«, so Barbie, »standen damit vor einer Aufgabe, für die es bisher keine Richtlinien, weder in militärischer noch sonstiger Form, gab. Es konnte daher am Anfang nur improvisiert werden, um dann nach und nach die notwendigen Erfahrungen zu sammeln und eine Linie in diesen unterirdischen Kampf zu bringen, der uns völlig fremd und widerlich war.«[13]

Erst ab Januar 1943 arbeitete die Gestapo systematischer. In seinen Memoiren erinnerte sich Barbie an die Methodik, mit der die Geheime Staatspolizei die französische Widerstandsbewegung zu bekämpfen versuchte:

Aushebung der Zentralen und ihrer Verbindungen, Büros, Funk, Waffenlager, technische Einrichtungen für Dokumentenfälschung, tote Briefkästen und Verhaftungen der führenden Personen, Kuriere, Auswertung der gefundenen Dokumente, Vernehmungen und Deportierungen, Spionage und Gegenspionage.

Militärische Einsätze gegen die Lager der Maquis gemeinsam mit Heer und Luftwaffe, Aufdeckung englisch-amerikanischer Spezialkommandos und ihre Vernichtung.

Verhaftung politischer Gegner im Allgemeinen, die mit dem Widerstand in Verbindung standen und als Anlaufstellen benutzt wurden.«[14]

Die »englisch-amerikanischen Spezialkommandos«, die Barbie in der Auflistung hervorhob, waren die in Lyon und Umgebung operierenden Agentenringe der britischen Special Operations Executive (SOE). Die nachrichtendienstliche Spezialeinheit war von Winston Churchill und Hugh Dalton, dem Minister of Special Operations und späteren Leiter der SOE, im Juli 1940 aufgestellt worden. Ziel der Abteilung war es, den Kampf gegen deutsche Truppen in den besetzten Westgebieten mit Hilfe von »Covert Actions« zu unterstützen.[15] Bis zur Befreiung von Paris im August 1944 wurden mehr als 400 Agenten des SOE in das von Deutschland besetzte Frankreich entsandt. Sie fungierten als Berater für Sabotageaktionen, unterstützten die Résistance bei der Organisation eines geheimen Kurierwesens oder halfen durch die Bereitstellung von Funkausrüstungen. Die französische Widerstandsbewegung erhielt durch die Hilfe der Experten von SOE ein wesentlich professionelleres Profil. In seinen Memoiren erinnerte sich Barbie vor allem an die sogenannten »Pick-Up-Unternehmen«[16], im Zuge derer die Résistance mit Waffenlieferungen unterstützt werden sollte.

»An diesen Einsätzen, die wir ohne die Wehrmacht durchführten, nahmen hauptsächlich unsere französischen Einheiten teil; aus Gründen der Taktik, des Überraschungsmomentes und der Täuschungsmanöver. Diese Art Einsätze im kleineren Rahmen führten meistens zu Erfolgen. Auch durch die Funkspiele mit London gelang es, die Engländer zu täuschen. Wir stellten die Absprung- und Waffenabwurfplätze fest mit der notwendigen Beleuchtung durch brennende Holzstöße. Alle Einzelheiten waren von unseren Spezialisten vorher durch Funk festgelegt worden. Wenn mich meine Erinnerung nicht täuscht, erhielten wir auf diese Weise von den Engländern ca. 70 Tonnen Waffen, Munition, Ausrüstungsgegenstände, K-Rationen und Geld, die für die Maquis bestimmt waren.«[17]

Einer der in Lyon agierenden Agentenringe, das etwa 200 Mann starke Netzwerk »Greenheart«, wurde von den später berühmt gewordenen Brüdern Henry (DN AUGUSTE) und Alfred (DN ARTUS) Newton geleitet. Schon seit Anfang Februar 1943 hatten die Brüder befürchtet, dass ihre Tarnung trotz umfangreicher Vorsichtsmaßnahmen durch die Fahrlässigkeit ihrer französischen Helfer aufgeflogen war.[18] Am 4. April wurden beide von der Gestapo verhaftet.[19] Das »Greenheart«-Netzwerk sollte sich von diesem Schlag nicht wieder erholen.

Die Erfolge der Gestapo gegen Mitglieder der Résistance und des SOE führte Barbie in seinen Memoiren insbesondere auf die Kollaborationsbereitschaft französischer Behörden zurück:

»Um mich zunächst zu informieren, wandte ich mich an die Stellen, die evtl. zu einer Mitarbeit bereit waren. Es waren dies in erster Linie die französische Miliz, die ihr eigenes Agentennetz hatte, und die offiziellen Behörden der Vichy-Regierung, wie Präfektur, Sûreté und Gendarmerie. Der gemeinsame Verbindungspunkt war der Kampf gegen den Kommunismus im Allgemeinen und speziell in der Résistance, die in Lyon von kommunistischen Elementen geführt wurde. Ich kann versichern, dass kein Franzose, der auf der deutschen Seite kämpfte, dies für Hitler tat, sondern aus seiner Überzeugung ein neues Frankreich aufzubauen.«[20]

Noch in Dijon hatte Barbie mit Kurt Merk, einem 1915 in Fleinhausen geborenen Oberstleutnant der Abwehr (Abteilung III, Referat IIIf, Gegenspionage)[21], Freundschaft geschlossen. Dank zahlreicher V-Leute, die Merk (alias Jacques Kaiser)[22] in der Führungsspitze des Deuxième Bureau installieren konnte, versorgte dieser seinen Freund Barbie kontinuierlich mit den neuesten Informationen aus dem Herzen des militärischen Auslandsnachrichtendienstes. Barbie pflegte indes enge Beziehungen zur Sûreté-Leitung in Lyon und bestätigte 1983 das »gute Verhältnis« und die »enge Zusammenarbeit« zwischen Gestapo und Sûreté zwischen 1942 und 1944.[23]

Noch ertragreicher waren die Informationen, die Barbie von einflussreichen Denunzianten erhielt. Einer seiner berüchtigtsten Zuträger aus dem kollaborierenden Lager war Francis André, aufgrund seines entstellten Gesichts »Gueule Tordue« (Schiefmaul) genannt, der als ehemaliger Kommunist dem rechtsradikalen Parti Populaire Français (PPF) beigetreten war.[24] Noch im Spätsommer gründete André mit Zustimmung Barbies den Mouvement National Anti-Terroriste (MNAT).[25] Die Anhänger des MNAT folgten weniger einer politischen Überzeugung als vielmehr ihrem »hemmungslosen Drang nach krimineller Selbstbereicherung«[26], der mit einem pseudo-idealistischen Kampf gegen eigens definierte Terroristen verbunden war.[27] Schon nach wenigen Monaten war das MNAT mit der Gestapo so eng zusammengewachsen, dass Letztere den MNAT-Mitarbeitern offizielle Räume in der École de Santé Militaire zur Verfügung stellen mussten.[28]

Nach Aussagen von August Moritz[29], dem Leiter der für Kollaborateure zuständigen Abteilung VI, bildeten sich an den speziell für französische Informanten eingerichteten Schaltern große Warteschlangen: »Wir hatten so viele Anzeigen, dass wir den meisten gar nicht nachgehen konnten«[30], erinnerte sich Moritz später. Aus diesem Grund wurden alle Informationen zu weiteren Nachforschungen an das MNAT weitergeleitet.[31] Auch Barbie erinnerte sich: