Deep Secrets - Dunkle Liebe - Lisa Renee Jones - E-Book

Deep Secrets - Dunkle Liebe E-Book

Lisa Renee Jones

4,4
9,99 €

Beschreibung

Ich gehöre dir


Mark Compton ist es gewohnt, die Kontrolle zu besitzen - in allen Bereichen seines Lebens. Doch als seine Kunstgalerie kurz vor dem Bankrott steht und seine Mutter schwer erkrankt, spürt er, dass ihm sein Leben mehr und mehr zu entgleiten droht. Sein einziger Halt ist die junge Crystal Smith, die ihn bei seinen Geschäften und bei der Pflege seiner Mutter unterstützt. Die Anziehungskraft, die zwischen ihm und Crystal herrscht, ist überwältigend - und unwiderstehlich. Und Mark muss sich fragen, ob er bereit ist, für diese Frau seine Prinzipien aufzugeben ...


"Diese Reihe macht süchtig!" ROMANTIC TIMES


Die DEEP-SECRETS-Reihe:

1. Berührung (Sara und Chris)
2. Enthüllung (Sara und Chris)
3. Hingabe (Sara und Chris)
4. Sein Geheimnis (E-Book-Novella, Chris‘ Sicht)
5. Rebeccas Tagebücher (E-Book-Bonus-Storys)
6. Geheime Sehnsucht (E-Book-Novella, Marks Sicht)
7. Verbotene Träume (E-Book-Novella, Marks Sicht)
8. Geheimes Begehren (Sara und Chris)
9. Tiefe Leidenschaft (E-Book-Novella, Marks und Crystals Sicht)
10. Dunkle Liebe (Roman, Marks und Crystals Sicht)
11. Alles von mir für dich (E-Book-Novella)

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 441

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Inhalt

Titel

Zu diesem Buch

Widmung

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Epilog

Danksagung

Die Autorin

Die Romane von Lisa Renee Jones bei LYX

Impressum

LISA RENEE JONES

Deep Secrets

Dunkle Liebe

Roman

Ins Deutsche übertragen von

Michaela Link

Zu diesem Buch

Das trübe Wasser, in dem wir uns bewegen, ist gefährlich. Crystal weckt in mir den Wunsch zu glauben, dass wir weitermachen könnten. Und sie bringt etwas in mir zum Vorschein, von dem ich nicht will, dass es existiert …

Mark Compton steht die schwerste Zeit seines Lebens bevor: Schlimm genug, dass seiner Kunstgalerie der Bankrott droht und die Medien eine Hetzjagd auf ihn begonnen haben, die ihn als sexbesessenen Machtmenschen und Betrüger dastehen lässt. Mark kämpft außerdem noch immer mit der Tatsache, dass er seine Geliebte Rebecca verloren hat und dass Rebeccas Mörderin spurlos verschwunden ist. Er ahnt, dass sie von ihrem Versteck aus nur ein einziges Ziel verfolgt: seinen Untergang. Als dann auch noch seine Mutter schwer erkrankt, beschließt Mark, nach New York zurückzukehren und sich seinen Problemen zu stellen. Die Einzige, die ihm Halt gibt, ist seine Angestellte Crystal Smith. Crystal hat die Galerie am Laufen gehalten, als Mark es nicht konnte, und sich zudem aufopferungsvoll um seine Mutter gekümmert. Doch er und Crystal befinden sich seit einiger Zeit in einer gefährlichen Grauzone. Mark hat Grenzen mit ihr überschritten, die er eigentlich niemals wieder mit einer Frau überschreiten wollte. Und die Anziehungskraft, die zwischen ihnen herrscht, geht über bloße Lust weit hinaus. Mark spürt, dass auch Crystal sich mehr von ihm wünscht. Doch für ihn ist Liebe gleichbe deutend mit der vollständigen Unterwerfung der Frau – und Crystal weigert sich, Mark die Kontrolle über ihr Leben zu überlassen …

Für Julie Patra Harrison,

mein orientalisches Kurzhaarkätzchen.

Wenn ich mich in ein Buch vertiefe,

weicht es mir nicht von der Seite.

Liebe Leser,

endlich ist es Zeit für Marks Geschichte! Ich bin begierig, euch seine Geheimnisse zu enthüllen. Und obwohl dieses Buch als eigenständige Geschichte gelesen werden kann, könnt ihr Mark und Crystal in folgenden Novellen schon kennenlernen:

Deep Secrets – Geheime Sehnsucht

Deep Secrets – Verborgene Träume – beginnt einen Tag nach dem Ende von Geheime Sehnsucht

My Control (demnächst auf Deutsch erhältlich)

Ich hoffe, sie gefallen euch!

Lisa

1

Crystal …

Ich stehe mit Dana Compton in deren Badezimmer und betrachte unser Spiegelbild. Wir sind beide blond. Mir reicht das Haar bis über die Schultern; ihres geht bis zum Kinn.

»Wie dumm, dass ich es schneiden lassen musste«, flüstert sie. »Verdammter Krebs und verdammte Chemo. Und dann die Brust amputiert.«

Ja, denke ich. Verdammter Krebs. Aber ich bleibe optimistisch und hoffe, sie kann es ebenfalls – ein Kraftakt, der ihr von Tag zu Tag mehr abverlangt. »So schrecklich das alles auch ist – die Haarlänge steht Ihnen gut. So kommt Ihr Gesicht viel besser zur Geltung. Es ist zauberhaft.«

Sie schenkt mir ein trauriges Lächeln. »Jetzt hören Sie sich an wie Mark. Genau das hat er auch gesagt.«

Es ist schön, dass er so liebevoll mit seiner Mutter umgeht. Die meisten kennen diesen weichen Kern unter seiner harten Schale gar nicht. Mit Ausnahme vielleicht von Rebecca. Natürlich Rebecca. Sie hat er geliebt – nicht dass er sich solche Gefühle eingestanden hätte. Aber der tiefe, durchdringende Schmerz in seinen Augen, seine Verzweiflung, wenn er mich berührt, aber an sie denkt, sagt mir genug. Er hat sie wahrhaft geliebt.

»Ihr Sohn liebt Sie wirklich«, sage ich. »Und er wäre gern hier. Er hat es versucht. Er hat mich nach San Francisco geholt, um seine Galeriegeschäfte abzuwickeln.«

»Ich weiß«, versichert sie mir. »Und es war richtig von ihm, Sie hierher zurückzuschicken, als Ava letzte Woche aus der Haft entkam. Möglicherweise wären Sie in ihr Visier geraten, weil Sie in Marks Galerie arbeiteten? Wir wissen nicht, welche kranke Überlegung sie dazu bewegt hat, Rebecca zu töten.«

Sie weiß es nicht, aber ich weiß es. Es war der gleiche Grund, aus dem ein brillanter, wohlhabender Künstler wie Ricco Alvarez der Galerie Allures und dem Auktionshaus Riptide einen Kunstfälscherskandal angehängt hat. Und dabei hat es ihn nicht gekümmert, dass viele Leute und deren Arbeitsstellen davon betroffen sein würden. Eifersucht wegen Mark und Rebecca.

»Ava muss geschnappt und bestraft werden«, fährt sie fort. »Rebecca war ein liebes Mädchen.«

»Es ist wirklich schrecklich«, stimme ich ihr zu. »Wie in einem Horrorfilm.«

»Ja, das ist es.« Sie schaut wieder in den Spiegel. »Apropos Horror, ich bin in den letzten zwei Wochen sehr dünn geworden. Mark wird erschrecken, wenn er mich sieht. Ich muss mir das Haar nachfärben lassen, damit ich wenigstens wieder blond bin, wenn er kommt. Vielleicht bessert sich meine Stimmung auch, sobald ich wieder mehr wie ich selbst aussehe.«

Am vergangenen Freitag haben die täglichen Bestrahlungen begonnen, und inzwischen ist sie so erschöpft, dass sie sich zu nichts mehr aufraffen kann. Ich lege ihr einen Arm um die Schulter, lehne meinen Kopf an ihren und schaue im Spiegel in ihre blauen Augen. »Ich werde die Stylistin hierher bestellen. Und am nächsten Sonntag könnten wir uns einen Tag im Wellnessbad gönnen.«

»Wir könnten auch für das Haar ins Spa gehen«, schlägt sie vor. Ihre normalerweise starke Stimme ist schwach, und ihre sonst rosigen Wangen sind bleich.

»Der Arzt will, dass Sie sich ausruhen, um Kraft zu tanken. Und bisher ist erst eine Woche rum.«

Ihre Lider heben und senken sich. »Richtig. Ich muss noch fünf weitere hinter mich bringen.«

Zweifel, ob sie das schaffen wird, klingen in ihren Worten mit und verströmen auf eine Weise eine Mutlosigkeit, wie ich sie vorher nie bei ihr wahrgenommen habe. Ich bin überzeugt, dass es geholfen hätte, wenn Mark sie in ihrer ersten Behandlungswoche begleitet hätte. Aber nun ist er nicht da.

»Kommen Sie«, dränge ich und nehme Dana sanft am Arm, um sie zurück ins Schlafzimmer zu führen. »Wir sehen uns Dem Himmel so nah an. Die DVD ist heute mit der Post gekommen, und ich weiß, wie sehr Sie Keanu Reeves lieben.«

»Oh ja«, stimmt sie zu und wankt mit mir an der riesigen, klauenfüßigen Badewanne vorbei. »Er ist meine Jüngerer-Mann-Fantasie.«

»Und meine Älterer-Mann-Fantasie«, necke ich sie, erleichtert, dass ich sie zu einem heiteren Tonfall ermuntern konnte.

»Zwei Seiten einer Medaille«, sagt sie, wie sie es schon viele Male getan hat, seit wir uns vor einem Jahr bei einer Auktion von Riptide kennengelernt haben. Ich war damals als Besucherin dort.

»Ja, das sind wir«, stimme ich ihr mit ganzem Herzen zu und helfe ihr aufs Bett.

»Ich bin für den Film, aber funktionieren das Kabelfernsehen und das Internet eigentlich immer noch nicht?«, fragt sie, während ich ihr helfe, es sich auf einem Stapel Kissen gemütlich zu machen.

»Irgendwas mit dem Strom«, antworte ich und streife mir die Tennisschuhe von den Füßen in der Absicht, zu ihr aufs Bett zu steigen. »Es scheint hier irgendein Problem damit zu geben, aber es soll bald wieder in Ordnung sein.«

»Haben Sie Marianne von nebenan angerufen und gefragt, ob sie die gleichen Probleme hat?«

»Ja, hat sie.«

Glücklicherweise, denn seit Dana wieder bei klarem Verstand ist, hilft uns ihre Freundin Marianne, sie daran zu hindern, die Nachrichten zu sehen, bis Mark zurückkehrt. Ich weiß wirklich nicht, wie sie darauf reagieren würde, wenn sie die Reporter über einen Sexskandal reden hörte, in den Mark involviert ist. Hinzu kommt noch das Thema mit den Kunstfälschungen, die etwas mit Rebeccas Tod zu tun haben sollen.

»Die Kabelfirma kann von Glück sagen, dass ich nicht ganz bei mir bin«, murmelt sie. Sie klingt müde. »Denen hätte ich die Hölle heißgemacht.«

Ich verziehe den Mund. »Ich kann es gar nicht erwarten, bis Sie wieder jemandem die Hölle heißmachen – selbst wenn ich das Ziel bin.«

Dann gehe ich zu dem riesigen TV-Schrank aus Eiche, schiebe die DVD in den Player und greife nach der Fernbedienung. Als ich mich zum Bett umdrehe, hat Dana schon die Augen geschlossen und ist eingeschlafen. Mit einem Ziehen in der Brust betrachte ich die Frau, die meine Arbeitgeberin, Freundin und auch so etwas wie dritte Mutter ist – eine, die wirklich tief in mich hineinblickt und all die richtigen Stellen zu berühren versteht. Normalerweise sieht sie aus, als sei sie eher in den Vierzigern als in den Fünfzigern, aber heute wirkt sie älter denn je. Zerbrechlich.

Ich kralle mir die Nägel in die Handflächen. Verdammter Krebs. Und plötzlich, obwohl Mark mich völlig aus der Bahn wirft und ich immer wieder mit ihm im Bett lande, obwohl ich es nicht tun sollte, will ich ihn hier haben. Er hat sie begleitet, als sich Komplikationen einstellten, hat dafür gesorgt, dass sie kämpft, und er hat die Angst seines Vaters im Zaum gehalten, obwohl er selbst Angst hat. Ich versuche, in seine Fußstapfen zu treten, aber ich fürchte, dass ich scheitern werde. Ich will jedoch nicht scheitern.

Ich greife nach meiner Aktentasche, um die Berge von Papier darin zu sortieren. Ich setze mich vorsichtig aufs Bett, weil ich in Danas Nähe sein will, falls sie mich braucht. Während mein Laptop hochfährt, vibriert mein Handy – wenn man vom Teufel spricht –, es ist Mark. Ich lasse mich vorsichtig vom Bett gleiten, drücke auf Annehmen und flüstere »Hallo«, während ich in Richtung Flur gehe.

»Warum flüstern Sie, Ms Smith?«, fragt er, und verdammt soll er sein, trotz des Knackens in der Leitung und seiner distanzierten Art, die ich so an ihm hasse, kommen beim Klang seiner Stimme Erinnerungen an meinen Besuch in der vergangenen Woche hoch. Erinnerungen an ihn, wie er vor mir die Fassung verlor, ein gebrochener, verletzter Mann. Dann unsere nackten Leiber und sein Schwur, dass wir fertig miteinander seien – obwohl es mit uns nie wirklich begonnen hatte. Und der Moment, als er mich packte und küsste, bevor er mich in ein Flugzeug setzte, um mich in Sicherheit zu bringen. Ich schmeckte Bedauern, Schmerz, Qual. Er hatte Rebecca geliebt. Er hat sie verloren.

»Ms Smith …«

»Ich bin bei Ihrer Mutter, sie ist eingeschlafen, also bin ich in ein Nebenzimmer gegangen«, antworte ich schnell, trete in ein unbenutztes Schlafzimmer und ziehe die Tür hinter mir zu.

»Wo ist mein Vater?«

»Er ist auf dem Weg zum College, um sich dort mit seinen Trainerassistenten wegen der Baseballsaison zu treffen.«

»Nun, das erleichtert mich. Ich habe ihn unter Druck gesetzt, sein Team heute aufzusuchen, aber er sagte mir, er könne meine Mutter nicht mit der Krankenschwester allein lassen. Wenn sie die falsche Person ist, müssen wir einen Ersatz für sie finden.«

»Nein. Sie ist sehr nett. Ihre Mutter ist einfach im Moment emotional angeschlagen. Sie braucht besonders viel zärtliche und liebevolle Fürsorge, und ich bin froh, dass ich meine Arbeit mit hierher nehmen und Zeit mit ihr verbringen kann.«

»Da ich nicht da sein kann, wie ich gehofft hatte, müssen wir über das Personal und die Presse reden.«

»Sie werden mit dem Druck von den Reportern bemerkenswert gut fertig.«

»Im Moment«, erwidert er. »Aber denken Sie an meine Worte, Geld bringt den wahren Charakter einer Person ans Licht. Wenn Hunderten von Angestellten eine größere Zahlung angeboten wird, nimmt sicher irgendwer sie an. Das sind für gewöhnlich die Leute, die gerne Lügengeschichten erzählen.«

Ich weiß, wie leicht Menschen Gemeinheit hinter einer Fassade der Nettigkeit verbergen. »Ich bin darauf vorbereitet. Ihre Mutter ist jetzt wieder geistig hellwach, und ich bemühe mich, die Nachrichten von ihr fernzuhalten. Sie müssen bald mit ihr reden.«

»Ich komme am Mittwoch, und ich habe vor, auf unbegrenzte Zeit in New York zu bleiben. Ich werde mich mit meinem Vater in Verbindung setzen, und wir werden mit ihr reden, wenn sie stark genug wirkt. Aber sagen Sie ihr wegen Mittwoch noch nichts. Ich will nicht, dass sie sich Hoffnungen macht und dann irgendein Problem auftaucht, das mich hier festhält.«

Ich bin erleichtert. »Oh, Gott sei Dank. Es geht ihr besser, wenn Sie hier sind. Ich hoffe, Ihre Rückkehr bedeutet, dass es Neuigkeiten über Ava gibt?«

Es folgt ein kurzes Schweigen, ein spürbarer Stimmungswechsel, bevor Mark antwortet. »Soweit ich verstehe, haben Sie Jacob gestern angerufen und ihm dieselbe Frage gestellt.«

Überrumpelt, erschöpft und verletzt aus Gründen, die ich in diesem Moment nicht zu verstehen versuche, ringe ich darum, die Schärfe meines Tons zu bezähmen. »Ja«, bestätige ich. »Ich habe Ihren Bodyguard angerufen.«

Er versucht nicht einmal, die Schärfe in seiner Stimme zu unterdrücken. »Tun Sie nicht noch einmal etwas hinter meinem Rücken.«

Der Tadel trifft mich an einem wunden Punkt, und mir reißt der Geduldsfaden. »Wenn Sie von mir erwarten, dass ich jetzt sage ›Ja, Mr Compton‹ – das wird nicht passieren. Ich werde mich nicht bei Ihnen dafür entschuldigen, dass ich Antworten will. Nein. Hier geht es nicht einmal darum, sie zu wollen. Ich brauche sie, um sicherzustellen, dass ich die Dinge hier zusammenhalten kann. Ich verdiene es nicht, im Dunkeln gelassen zu werden.« Sein Schweigen dehnt sich aus. Ich könnte schreien, obwohl ich genau wie er nicht leicht die Kontrolle verliere. Ganz gewiss werde ich nicht losschreien – zumindest habe ich es seit vielen Jahren nicht getan.

»Nein«, sagt er schließlich.

»Nein?« Ist dies eins seiner vielen Spielchen? »Was soll das heißen?«

»Es gibt keine Spur von Ava. Sie ist einfach verschwunden.«

Irritiert davon, dass er nachgibt, versuche ich schnell, weitere Informationen zu erlangen, bevor er mich wieder ausschließt. »Hat sie genug Geld, um das Land zu verlassen?«

»Soweit ich feststellen konnte, nicht genug, um wirklich zu verschwinden, nicht ohne Hilfe. Aber was ich höre, sind nur Spekulationen.«

»Die Polizei glaubt immer noch, dass Ricco ihr geholfen hat, weil er dachte, Sie wollten ihr Rebeccas Ermordung in die Schuhe schieben?«

»Das ist die Theorie. Die Polizei ist davon überzeugt, dass er dachte, der Junge aus dem Café sei ihr Lover. Sie glauben, dass er ihnen geholfen hat zu fliehen, vielleicht in ein anderes Land.«

Ich höre heraus, was er nicht ausgesprochen hat. »Du kaufst es ihnen nicht ab, oder?«

»Der Junge wollte im Zeugenstand gegen sie aussagen. Warum sollte er jetzt mit ihr davonlaufen?«

»Um bei der Polizei Zeit zu schinden?«

»Vielleicht«, erwidert er gepresst. »Oder sie hat ihn ebenfalls getötet.«

»Könnten Sie sich vorstellen, dass Ricco Ava getötet hat? Könnte das der Grund sein, warum sie so vollkommen vom Radar verschwunden ist?«

»Wenn Ricco die Verantwortung für Avas Verschwinden trägt, hoffe ich bei Gott, dass er herausgefunden hat, dass sie schuldig ist, und sie getötet hat. Es erspart mir, Jagd auf sie zu machen und es selbst zu erledigen.«

Die kehlige Rauheit seiner Stimme erinnert mich an seinen Schwur, jeden zu töten, der Rebecca wehgetan hat. »Das ist nicht Ihr Ernst, Mark, Sie können nicht …«

»Ich weiß, was ich meiner Familie antun würde, wenn ich Ava umbrächte. Und ich habe Ihnen bereits gesagt, dass ich nicht davon ausgehe, dass Ricco Ava geholfen hat.«

»Aber Sie denken, dass sie umgebracht wurde.«

»Ja.«

»Von wem?«

Eine Pause. »Ich habe Sie zurückgeschickt, um Sie aus dieser Sache herauszuhalten.«

»Ich stecke bereits bis zum Hals drin.«

»Halten Sie einfach die Journalisten in Schach und leiten Sie Riptide. Halten Sie sich vom Rest fern. Wenn ich herausfinde, dass Sie etwas anderes getan haben, zählt für mich nicht mehr, wie hingebungsvoll Sie sind oder wie sehr meine Mutter Sie liebt. In dem Fall werde ich Sie feuern.«

»Mich feuern?«, stoße ich gekränkt, beleidigt und entsetzt hervor.

»Es ist besser, als dass Sie am Ende verletzt werden. Sie haben meine Familie beschützt. Ich werde Sie beschützen.«

»Ich brauche keinen Schutz.«

»Nun, Sie bekommen ihn trotzdem. Was mich zum Thema Walker Security führt. Deren Firmensitz ist in Manhattan, und ich habe sie ab nächste Woche engagiert, die Überwachung von Riptide zu übernehmen. Sie werden ebenfalls Männer vor dem Haus meiner Eltern postieren, rund um die Uhr. Da Blake Walker immer noch hier ist und mit der Polizei vor Ort zusammenarbeitet, um Ava zu finden, wird mich Jacob nach New York begleiten.«

Meine Rückenmuskulatur verkrampft sich. »Das sind weitreichende Schritte. Warum haben Sie mir nichts davon gesagt?«

»Ich kann nicht wegbleiben, wenn meine Mutter mich braucht. Aber wohin ich auch gehe, die Presse folgt mir – in weitaus größeren Horden, als Sie es bisher erlebt haben.«

»Nein. Das ist es nicht, worum es dabei geht.«

»Es geht darum, dass ich die Kontrolle übernehme.«

»Worüber, Mark?«

»Über alles. Ich übernehme die Kontrolle über alles.« Sein Telefon piept. »Ich muss diesen Anruf entgegennehmen. Melden Sie sich, falls sich irgendetwas ändert.« Dann ist die Leitung tot.

Ich lasse mich auf die Matratze sinken, lege mich auf den Rücken und starre an die Decke. Ich übernehme die Kontrolle über alles. Das schließt mich ein – zumindest denkt er sich das so. Aber es ist weitaus mehr als das. Ich habe es gespürt, habe es aus seinen Worten herausgehört. Ich spule das Gespräch im Geist noch einmal ab, und zwar vor dem Hintergrund all der Informationen, die ich bisher habe. Dabei komme ich zu dem einzigen Schluss, der möglich ist. Hier geht es um die Rache, die er gelobt hat – und es sind viel mehr Leute im Spiel, als ich ahne. Diese Drohung, mich zu feuern, soll mich dazu bringen, mich zurückzuziehen, bevor ich zu viel herausbekomme oder verletzt werde. Er war so hartnäckig, was meinen Schutz betrifft, dass offensichtlich eine ernsthafte Gefahr besteht.

»Was hast du nur Verrücktes und Wahnsinniges vor, Mark Compton?«, flüstere ich.

Mark …

Eine Stunde nach unserer Landung in New York bringt Jacob den gemieteten Escalade vor dem zehnstöckigen, grauen Gebäude mitten in Manhattans Rockefeller Center zum Stehen. »Ich bin mir nicht sicher, wie lange ich brauchen werde«, sage ich ihm und strecke die Hand nach der Tür aus.

»Ich werde in der Nähe bleiben«, versichert Jacob mir in dem typisch abgehackten militärischen Tonfall, der zu seiner stahlharten Unnahbarkeit gehört.

Mit einem knappen Nicken steige ich aus. Sofort legen sich mir große, weiße Schneeflocken auf Haar und Mantel. Der Beginn eines spätwinterlichen Schneesturms erinnert mich daran, wie weit ich von San Francisco und dem Leben entfernt bin, für das ich hart gearbeitet habe. Aber wegen der Krebserkrankung, gegen die meine Mutter zurzeit ankämpft, spielt das alles keine Rolle mehr. Ihr Überleben ist alles, was zählt.

Ich trete unter das Vordach des Gebäudes und schaue auf meine Rolex. Ich bin zehn Minuten zu früh für das private Treffen, das ich für diesen Abend um neun vereinbart habe, bevor ich meine Mutter mit meinem verlängerten Besuch überraschen werde. Riptide ist zwischen den großen Glastüren in den grauen Stein geritzt, und Stolz erfüllt mich. Es ist das größte Auktionshaus der Welt, und meine Mutter hat es vor fünfundzwanzig Jahren gegründet – als ich neun war.

Das ist ihr Drachen, den sie befehligt, ihr Königreich mit Tausenden von zufriedenen Angestellten. Aber jetzt bin ich hier der Regent. Ich muss aber auch wieder das Ruder für mein Leben in die Hand nehmen und für all die Dinge um mich herum. Ich muss wieder der Meister sein, der sich irgendwo entlang des Weges verloren hat. Der, der sonst niemals zugelassen hätte, dass einem ihm Nahestehenden etwas zustößt, so wie ich es bei Rebecca getan habe.

Ich tippe einen Code ein, betrete das Gebäude und begrüße einen der diensthabenden Wachmänner. Mr Kimmel, weit in den Sechzigern, ist hier, seit es Riptide gibt, und er erwidert meine Begrüßung. »Mr Compton, Sir. Ich bin mir sicher, Sie werden Ihrer Mutter den Tag retten.«

»Ich werde sie morgen früh überraschen.«

Er lächelt, und seine Augen leuchten auf. »Eine gute Idee, den Tag zu beginnen, in der Tat. Werden Sie lange bleiben?«

»Auf unbegrenzte Zeit.«

»Oh Sir, das ist eine gute Nachricht. Das wird alle freuen, Ms Smith eingeschlossen.« Er scheint trotz der negativen Presse über mich zu glauben, dass ich den Tag oder die Firma – oder, zum Teufel, die verdammte Welt – retten werde. Als könnte ich nicht versagen, wie es mir in letzter Zeit allzu oft passiert ist.

Er hebt eine Hand. »Soll ich Ihnen Mantel und Tasche abnehmen?«

»Nur den Mantel«, erwidere ich, streife ihn ab und reiche ihn ihm. »Vielen Dank, Mr Kimmel.«

»Nein, ich danke Ihnen, Mr Compton.« Er tippt auf sein Abzeichen. »Walker Security hat mir freigestellt, hierzubleiben, als sie diese Woche übernommen haben. Es ist mir eine Ehre, die Gelegenheit zu haben, weiter für Ihre Familie zu arbeiten.«

Da ich ihn seit meiner Kindheit kenne und mir der Zuneigung meiner Mutter für ihn bewusst bin, antworte ich unbefangen: »Wir sind diejenigen, denen es eine Ehre ist, dass Sie uns seit so vielen Jahren treu dienen.«

Bei meinen Worten leuchtet Stolz in seinen Augen auf. Er verdient das Kompliment. Ich mag hart sein, ich mag anspruchsvoll sein. Aber meine Mutter lehrte mich, jenen Menschen Lob zu spenden, die ihre Größe durch Loyalität und Fairness beweisen.

Seine Reaktion auf meine Ankunft bestärkt meine Entschlossenheit, mein Ziel zu erreichen, und ich beschleunige meine Schritte, als ich den langen Flur hinuntergehe, der zu Ms Smiths Büro führt. Sie muss wissen, dass der Meister aus den Tiefen der Hölle zurückgekehrt ist. Sex und Kontrolle machen mich stärker, was ich in diesen letzten paar Wochen vergessen hatte – mit qualvollen, herzzerreißenden Folgen. Ich habe meine Regeln gelockert und für und mit Rebecca Grenzen überschritten, die alles in allem schließlich zu ihrem Tod geführt haben.

Vor zehn Jahren habe ich mir geschworen, dass niemals wieder jemand an meiner Seite verletzt werden würde. Doch in der gefährlichen Grauzone zwischen Schwarz und Weiß habe ich mit Ms Smith bereits Grenzen überschritten.

Schluss damit. Es gibt kein Dazwischen.

2

Mark …

Als ich voller Selbstbewusstsein durch die Tür in Crystals Büro trete, sitzt sie hinter ihrem gläsernen Schreibtisch, den Blick auf eine Akte geheftet, die langen, wohlgeformten Beine übereinandergeschlagen. Sekunden verrinnen, bevor sie beim Umblättern einer Seite erstarrt. Sie schaut auf, sieht mich und springt regelrecht auf. Meine Blicke gleiten über ihr perfekt sitzendes hellrosa Kostüm, das sich um ihre Kurven schmiegt, und ihr elegant frisiertes, langes blondes Haar. Mein Schwanz wird hart, und Hitze, die ich weder leugne noch unterdrücke, flammt in meinen Adern auf und gestattet mir, ein Mann und ein Meister zu sein.

Als mein Blick zu ihren Augen zurückkehrt, verberge ich nicht den raubtierhaften Glanz in meinen. Es ist Teil der Botschaft, die ich ihr überbringen möchte. Sex ist meine Entspannung, meine Art, mit dem Leben fertig zu werden.

»Hi«, sagt sie, ihr Blick erstaunlich fest, während die sexuelle Spannung zwischen uns knistert wie eine Hochspannungsleitung. »Und bevor Sie fragen, was für eine Art von Begrüßung das ist«, fügt sie hinzu und erinnert mich an etwas, das ich ihr vor einer Woche gesagt habe, als wir in einem kalifornischen Hotelzimmer die Laken durchgeschwitzt haben, »die Antwort ist dieselbe wie zuvor. Es ist meine Art von Begrüßung.«

Ihre Art. Es ist nicht die Art, die ich mir als Meister wünsche. Aber die Art, die anscheinend den Mann in mir bestärkt, der sich unter dem schützenden Panzer befindet. Unter dem Panzer, den ich voll wiederherstellen möchte, eigentlich schon wiederhergestellt habe.

Ich schließe die Tür und deute dann auf den kleinen, runden Konferenztisch in der Ecke. »Setzen wir uns.« Es ärgert mich, dass mir auffällt, dass sie dasselbe Outfit trägt, das sie in der ersten Nacht getragen hat, als ich sie kennenlernte. Vor mehreren Wochen.

Sie nickt und bewegt sich mit dem mir wohlbekannten Tempo, den selbstbewussten Schritten, die mir erneut bestätigen, dass sie nicht mein Typ ist. Wie sie einmal sagte, wir sind uns zu ähnlich, zwei Bullen, die um dieselbe rote Flagge kämpfen. Nah beieinander stehen wir uns gegenüber, keiner von uns stellt Forderungen, unsere Gesichter sind verschlossen.

Ein Band scheint unsere Körper näher zueinanderzuziehen. In meiner Brust spüre ich unsere Verbindung und erkenne sie in den erweiterten Pupillen ihrer sanften, blauen Augen. Die Erinnerungen sind wie das Brausen eines starken Windes, das sich nicht ignorieren lässt. Ich hatte meinen Schmerz angesichts der Suche nach Rebeccas Leichnam in Crystals Körper ertränkt. Ich war schwach und betrunken gewesen und hatte ziemlich gelitten. Danach hatte ich versucht, mich mit neutralem, geschäftsmäßigem Verhalten wieder aus der Affäre zu ziehen.

Aber als ich am folgenden Tag Crystal, nicht Ms Smith, zu einem Privatjet begleitete, hatte ich sie erneut berühren müssen, hatte sie ein letztes Mal kosten müssen. Wie ein Ersatz für das »eine letzte Mal«, das ich mit Rebecca nie gehabt hatte. Meine angeschlagene Rüstung war zerbrochen, ich hatte sie an mich gezogen und bis zur Besinnungslosigkeit geküsst.

Und verdammt, ich will es wieder tun. Aber ich werde es nicht tun.

Ms Smith hebt die Hand, um mich zu berühren, auf die Art, wie es sonst niemand anderer tun darf, obwohl ich immer noch nicht verstehe, warum. Dann scheint sie die Veränderung in mir zu spüren und zieht sich zurück, bevor sie mir zu nahe kommen kann.

»Wie geht es Ihnen?«, fragt sie.

Die Heiserkeit in ihrer Stimme dringt mir bis ins Mark und weckt Gefühle in mir, die ich auf gewisse Weise auch gern in ihr wecken würde. Andererseits sollte alles, was ich von einer Frau empfange, auf Leidenschaft und Lust beschränkt sein. Diese Bedürfnisse habe ich schon immer beherrscht, sind also akzeptabel.

Aber ich spüre, dass sie mehr will. Und was ich von ihr will, ist ebenfalls mehr – was mich erzürnt.

»Wie es mir geht?« Meine Worte sind so angespannt wie mein Rückgrat. Ich bin bereit, zur Normalität zurückzukehren. »Nehmen Sie Platz.«

Bei meiner Aufforderung zieht sie stumm die Brauen zusammen, ein Vorspiel vieler Kämpfe, die zwischen uns beiden wohl noch folgen werden, doch sie setzt sich hin, so wie ich auch. Ich lege meine Aktentasche auf einen Stuhl, ziehe ein Dokument heraus und blättere es vor ihr auf, womit ich sie absichtlich in ihrer Annahme bestärken will, was es sein könnte.

Und ich glaube, sie weiß, was es ist, da sie sich weigert, das Papier anzusehen. Ich mustere sie mit schmalen Augen und frage mich, ob hinter ihrem eisernen Willen mehr steckt als nur die Tatsache, dass sie in einer wohlhabenden Familie mit dominanten Männern aufgewachsen ist. Und während ich sie betrachte, stelle ich einen Anflug von Unbehagen in den Tiefen ihrer Augen fest, eine Schwäche, die mir ermöglicht, sie aus ihrer Wohlfühlzone herauszudrängen.

»Ich habe die Antwort auf meine erste Frage«, erkläre ich. »Offensichtlich wollen wir immer noch Sex miteinander.«

Ihr Mund öffnet sich vor Überraschung, dann gleitet ein Ausdruck der Ungläubigkeit über ihre zarten Züge, während ihr ein angewiderter Laut entschlüpft. »Witzig. Ich dachte, Ihre erste Frage wäre ›Wie geht es meiner Mutter?‹ oder ›Wie geht es meinem Vater?‹ oder ›Was machen die Mitarbeiter, nachdem die Presse und die Kunden sie mit Fragen nur so bombardiert haben?‹.«

»Wir haben dieses Gespräch schon dreimal in vier Tagen geführt, gestern Abend eingeschlossen. Ich vertraue Ihnen. Das ist der Punkt.«

»Nein. Der Punkt scheint zu sein, dass wir Sex miteinander wollen.«

Meine Mundwinkel zucken angesichts ihrer kühnen Feststellung. »Ich werde Ihre direkte Art als Bestätigung werten, dass Sie mir zustimmen. Und dass wir Sex wollen, hat allein damit zu tun, dass wir tagtäglich zusammenarbeiten, Ms Smith.«

»Crystal«, erwidert sie. »Sie wissen, dass ›Ms Smith‹ mich stört, und das hat es schon getan, lange bevor wir im Bett gelandet sind. Nicht einmal die Angestellten nennen mich so.«

»Förmlichkeit ist die Art, wie ich die Sache angehe. Es ist keine Ohrfeige. Es spiegelt nicht unser sexuelles Verhältnis wider. Weder kann ich die notwendige Struktur beim Personal aufrechterhalten, wenn ich Sie anders behandeln würde, noch wären wir dann in der Lage, Fragen zu vermeiden.«

Sie atmet ein und stößt die Luft wieder aus. »Akzeptiert, Mr Compton.«

»Vielen Dank, Ms Smith.« Ich halte um des Effektes willen inne. »Mein Plan besteht darin, so viel Zeit wie möglich an der Seite meiner Mutter zu verbringen und Sie Ihren gegenwärtigen Pflichten zu überlassen, falls Sie dem zustimmen. Ich werde Ihnen helfen, das Schiff durch trügerische Gewässer zu navigieren.«

Sie nickt. »Ich habe eine Liste mächtiger Klienten und potenzieller Kunden angefertigt, die große Vermögen repräsentieren. Ihr Vertrauen muss ich mir erst noch verdienen, wobei ein Anruf von Ihnen dabei helfen würde. Ich benötige daher sowohl Zeit als auch Ihre Unterstützung.«

»Sie haben beides.« Ich lehne mich zurück und mustere sie einen Moment. »Sie verhalten sich so, als wäre es Ihre Firma und Ihre Familie.«

»Ist das eine Frage?«

»Nein. Ich versuche nur herauszufinden, warum Sie das für uns tun, obwohl Ihre eigene Familie weltweit eine der größten Technikfirmen besitzt. In solchen Fällen kehrt man der Familie nicht einfach den Rücken.«

»Sie haben das Gleiche getan: Riptide ist eins der größten Auktionshäuser der Welt. Und wie ich Ihnen bereits gesagt habe, mein Vater und meine Brüder sind sehr kontrollsüchtig, ähnlich wie Sie. Man könnte sagen, Sie sind genauso herrisch.«

Ich ziehe eine Augenbraue hoch, erheitert über ihre Kühnheit. »Sie halten mich für herrisch.«

»Sie sind sogar stolz darauf, herrisch zu sein.«

Ich neige den Kopf. »Es ist für mich von Vorteil. Ich habe es quasi mit der Muttermilch aufgesogen – und doch sind Sie hier.«

»Das ist etwas anderes. Sie sind anders.«

»Was bin ich denn?«

»Sie sind arrogant, unerträglich anmaßend, oft rüde und provokant – aber Sie sind mein Boss, nicht meine Familie. Und ich weise darauf hin, dass Sie sich dafür entschieden haben, Ihre Galerie am anderen Ende des Landes zu gründen, obwohl Sie Ihren Eltern emotional nahestehen.«

»Sie sind aus dem gleichen Holz geschnitzt«, sage ich. »Aber hinter Ihrer Geschichte steckt mehr.«

»Hinter Ihrer auch.«

Ich beuge mich zu ihr und senke die Stimme zu einem rauen Flüstern. »Ich nehme niemals, was mir freiwillig gegeben wird, Ms Smith.«

Sie lächelt. »Ich auch nicht, Mr Compton.«

Bei der unerwarteten Erwiderung verziehe ich den Mund. »Sie überraschen mich immer wieder.«

»Weil Sie niemals erwarten, dass jemand so ist wie Sie. Sie sind aus dem gleichen Holz geschnitzt. Sie erinnern sich?«

»Ich bin mir ziemlich sicher, dass Sie es mich nicht werden vergessen lassen.« Wir sind einander nahe, eine bloße Kopfbewegung von einem Kuss entfernt, einem, den ich mit jedem Moment mehr ersehne.

Ich lehne mich zurück, bevor ich meine ursprünglichen Absichten vergesse. »Was immer es noch über Sie zu wissen gibt – wenn ich in Ihre Augen schaue, sehe ich vor allem Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit. Eigenschaften, die ich mehr denn je schätze. Eigenschaften, die ich Ihnen meinerseits schuldig bin. Ich würde Ihnen gerne klarmachen, wer und was ich wirklich bin – denn die vergangenen Wochen haben keine gute Vorstellung davon vermittelt.«

Sie senkt den Kopf und sagt leise: »Ich weiß, dass ich ein Ventil für Sie bin, um mit Dingen fertig zu werden.« Dann sieht sie mich an. »Sie haben gerade jemanden verloren, der Ihnen wichtig war. Sie befürchten, Ihre Mutter an den Krebs zu verlieren. Also dreht sich alles, was Sie bei mir empfinden, um Sie, nicht um mich. Sex ist eine Flucht für Sie. Und für mich ist das genauso. Nur so konnte ich mit den Gefühlen fertig werden, die all die Ereignisse in mir erzeugt haben. Daher brauche oder will ich Ihre Schuldgefühle nicht. Wir sind uns in allen Dingen einig.«

Doch das sind wir nicht. Das trübe Wasser, in dem wir uns bewegen, ist gefährlich. Schlimmer noch, sie weckt in mir den Wunsch zu glauben, dass wir weitermachen könnten. Und sie bringt etwas in mir zum Vorschein, von dem ich nicht will, dass es existiert. Wenn ich das zulasse, werde ich die Schuldgefühle verdienen.

»Wenn wir uns bis zu diesem Punkt einig sind«, erwidere ich und schiebe den Vertrag über den Tisch, »dann verstehen Sie, warum es so wichtig ist, dass wir uns gleichermaßen über unsere Beziehung einig sind – oder sie nicht fortsetzen.«

Sie hält meinem Blick stand und schluckt hörbar, bevor sie auf den Vertrag hinabschaut. Zwei Sekunden lang starrt sie auf die erste Zeile: Sklavenvertrag, dann gibt sie ihn mir gelassen zurück. »Ich habe es Ihnen gesagt. Ich werde niemals Ihre Sub sein.«

»Das ist die Art, wie ich vorgehe.« Ein Vertrag legt meine Verantwortung für ihr Wohlergehen fest, für alles zuständig zu sein, was sie ist und tut. Doch das ist nicht wirklich das, was ich in diesem Moment will. Ich will Lust und Verlangen. Kurze, intensive Bondage- und SM-Sitzungen, die mir erlauben, die Kontrolle auszuüben, die ich für mein Leben brauche und die mir innere Sicherheit gibt. Allerdings bin ich in einer Verfassung, die selbst das unwahrscheinlich erscheinen lässt.

»Ah ja, das ist Ihre Art«, wiederholt sie langsam.

»Ja. Nur so.«

»Es ist nicht die Art, wie ich vorgehe.« Sie steht auf, ihre Haltung strahlt Ablehnung aus.

Ich erhebe mich ebenfalls. »Sind Sie je eine Sub gewesen?«, frage ich und versuche, sie aus der Reserve zu locken. »Haben Sie eine schlechte Erfahrung gemacht, und ist das der Grund, warum Sie sich so sehr widersetzen?«

Sie stößt einen Laut der Frustration aus. »Es reicht für Sie zu wissen, dass ich niemals Ihre Sub sein werde.«

Sie tritt von der Sitzgruppe weg, und ich muss einen plötzlichen Drang unterdrücken, sie zu packen, an mich zu ziehen und zu fragen, was zum Teufel sie damit meint. Sie ist nichts für dich, rufe ich mir ins Gedächtnis. Sie ist nichts für dich.

Sie stellt sich hinter ihren Schreibtisch. »Ich würde mich jetzt gern wieder meiner Arbeit widmen.«

Ihre Stimme zittert, so verletzt ist sie. Das war nicht meine Absicht und beweist, wie schlimm diese Sache werden könnte, wenn sie weiterginge. Und was schlimm für uns ist, wäre auch schlimm für meine Mutter. Ich schiebe den Vertragsentwurf zurück in meine Aktentasche und stelle mich direkt vor sie hin. Ich mustere sie, ohne mit der Wimper zu zucken. »Wenn Sie meine Sub wären, würden Sie Dinge über sich erfahren, die ich bereits über Sie weiß, Sie aber selbst nicht über sich wissen.«

Jetzt ist sie nicht mehr verletzt, sondern lodert vor Zorn. »Sie wissen etwas über mich? Im Ernst? Sie wissen im Moment nicht einmal etwas über sich selbst.«

Ziel erreicht. Zu glauben, ich sei ein Arschloch, ermöglicht es ihr, den Kopf hochzuhalten. Ermöglicht es ihr, dies zu ihren Bedingungen zu beenden.

Ich stütze mich auf dem Schreibtisch ab und beuge mich zu ihr vor. »Oh, Ms Smith«, schnurre ich, »Sie wären schockiert zu erfahren, wie gut ich mich selbst kenne. Noch schockierter wären Sie zu erfahren, wie gut ich Sie kenne. Wenn ich Sie nur ein einziges Mal nach meinen Regeln vögeln würde, würden Sie mir gehören.«

Nun stützt sie ebenfalls die Hände auf den Schreibtisch und beugt sich vor, doch ich sehe ihre Unterlippe zittern. »Mich zu vögeln«, spuckt sie mir förmlich entgegen, »mir Vergnügen zu bereiten, macht mich nicht zu Ihrem Eigentum.«

Mein Blut siedet vor Verlangen. »Klingt für mich nach einer Herausforderung.«

»Eine, an der Sie scheitern werden«, versichert sie mir.

»Soll ich Sie noch einmal daran erinnern, wie leicht ich Sie dazu gebracht habe, mich anzuflehen, sie zu lecken …«

»Lassen Sie das«, warnt sie gelassen. »Bedrängen Sie mich nicht weiter.« Sie drückt den Rücken durch und verschränkt die Arme vor der Brust. »Ich bin fertig. Wir sind fertig.« Sie setzt sich und nimmt einen Ordner. »Ich werde jetzt weiterarbeiten.«

Kontrolle. Sie will sie verzweifelt, aber wir wissen beide, dass ich die Kontrolle habe. Ich habe gewonnen, obwohl mein Körper schreit, dass ein Sieg nur wäre, sie über den Schreibtisch zu beugen, um mich in ihr zu vergraben. Ich verziehe die Mundwinkel, als erheiterten mich ihre Anstrengungen, obwohl das nicht der Fall ist. »Machen Sie weiter, Ms Smith«, sage ich, arrogant genug, um sie aus der Fassung zu bringen, um die sie sich bemüht, während ich mich umdrehe und zur Tür gehe.

Als meine Hand den Türgriff berührt, sagt sie: »Ziel erreicht.«

Diese simplen Worte, in einem Machtspielchen ausgesprochen, hätten ebenso gut von mir sein können. Ungewollt fasziniert drehe ich mich um und ziehe eine Augenbraue hoch. »Ziel erreicht?«

»Sie wollten mir heute Abend eine Botschaft überbringen, und ich habe sie bekommen. Sie lieben Ihre Familie zu sehr, um zu riskieren, dass es mit uns ein Problem gibt. Das wird nicht geschehen. Wie ich schon sagte, das eben ist nie passiert.«

Das eben ist nie passiert. Sie hatte mich mit genau diesen Worten herausgefordert, unmittelbar bevor ich ihr zu einer Restauranttoilette gefolgt war und bewiesen hatte, dass ich sie dazu bringen konnte zu sagen: »Leck mich, bitte, Mr Compton.« Mir haben ihre Worte damals nicht gefallen, und sie gefallen mir jetzt nicht.

»Verleugnung bedeutet Schwäche«, sage ich zu ihr. »Es bedeutet, dass ich Sie so schnell gefesselt und gepeinigt habe, dass Sie überhaupt nicht realisiert haben, was ich mit Ihnen mache. Sie werden mir gehören, schneller, als Sie blinzeln können. Sie müssen sich einen besseren Plan zurechtlegen, sonst werden Sie im Handumdrehen mein sein. Es sei denn, das ist es, was Sie wirklich wollen.«

Ich gehe und gebe ihr keine Chance zu einer Antwort.

Crystal …

Er verschwindet im Flur und hinterlässt seinen moschusartigen, würzigen, köstlich provozierenden Duft im Raum. Nachdem seine Schritte verklungen sind, sacken meine Schultern endlich herunter, und ich stoße den Atem aus. Ich wusste, dass es so kommen würde, und hatte damit gerechnet, darauf vorbereitet zu sein. Die letzten Tage hatte ich damit verbracht, mir einzureden, dass ich den Tag begrüßen würde, an dem er mich wegstößt, weil er mir so unter die Haut gegangen ist. Aber ich war nicht auf seinen Versuch vorbereitet, mit mir einen lächerlichen Vertrag abzuschließen, der irgendwann erlischt – und es ängstigt mich, dass er immer noch solch eine Wirkung auf mich hat. Er ist immer noch alles, was ich nicht will, und doch gleichzeitig alles, was ich ersehne.

Nein. Nein. Ich stoße mich vom Schreibtisch ab. Der Mann, mit dem ich gerade zu tun hatte, ist nicht der Mann, nach dem ich mich sehne. Er ist nicht der Mann, den ich in diesen letzten Wochen kennengelernt habe, der Mann, in den ich mich richtig verliebt habe. Der, der eine zarte Seite hat, der verletzbar ist, aber auch stark.

Dieser Mann von eben ist kalt und hart, ein arrogantes Arschloch, und ich sollte froh über diese Erkenntnis sein. Sich in einen Mann zu verlieben, der um eine Frau trauert, die er geliebt und verloren hat, bedeutet nichts als Herzschmerz. Mark Compton ist kein Mann, an den man sich bindet, ansonsten wird man hörig. Ich habe zu hart für meine Freiheit gearbeitet und dafür, zu mir selbst zu finden, um das zuzulassen.

Er kennt mich nicht – nicht einmal ansatzweise. Und er hat mir gerade einen Gefallen getan. Jetzt sind wir beide dort, wo wir sein sollten: Wir haben die Kontrolle über uns selbst, nicht einer über den anderen. Wir sind fertig miteinander.

3

Mark …

Als ich Riptide verlasse, ist mir sowohl innerlich als auch äußerlich kalt. Es hat nichts mit dem Schnee zu tun, der jetzt in heftigen Böen durch die Straße weht. Als ich mich in den Escalade gleiten lasse, betrachtet Jacob mich im Rückspiegel. »Alles okay?«

»Oh ja, verdammt okay!«

»Bedeutet das, dass wir zum Hotel fahren oder in eine Bar?«

»Sex ist meine Droge, nicht Schnaps.« Vor allem nicht Scotch, ich muss nur an das letzte Mal denken, als ich betrunken Ms Smiths Nummer gewählt und sie nach San Francisco habe fliegen lassen. »Fahren Sie zum Omni auf der Madison Avenue.«

»Verstanden«, erwidert er und tippt das Ziel in das Navi.

Er fährt los, und während der dreiminütigen Fahrt gehe ich im Geiste meine Begegnung mit Ms Smith noch einmal durch. Als der Hotelpage die Autotür öffnet, sage ich mir, dass es keine andere Möglichkeit gab, als sie dazu zu bringen, mich zu hassen. Diese Frau geht mir unter die Haut, und die Freiheit, mein wahres Ich vor ihr zu verbergen, ist gefährdet. Statt meine Gefühle in jenen Momenten zu beherrschen, wenn sie in der Nähe ist, verliere ich mich darin und in ihr. Sie schwächt mich so sehr, dass ich meine Kontrolle verliere. Und es dürfte ziemlich klar sein, dass es nicht zu ihren besten Entscheidungen gehört hat, sich auf mich einzulassen.

Jacob und ich betreten die weiß geflieste Lobby, einen funkelnden Kronleuchter über unseren Köpfen. Wegen der späten Stunde und des Wetters halten sich nur einige wenige Gäste dort auf. »Zur Rezeption«, sage ich, als ich keinen Manager sehe, den ich kenne. An der Rezeption schaut die Angestellte sofort meinen Decknamen nach, unter dem ich mich registriert habe, als ich während der Krise meiner Mutter hier wohnte, und sieht die Aktennotiz. Als ich der Frau in ein Hinterzimmer folge, denke ich an Ms Smith. Sie hätte mich am Ende sowieso gehasst, zweifellos mit Recht.

Die Hotelangestellte, die uns hilft, kenne ich nicht, eine hübsche Blondine, die ich kaum wahrnehme, abgesehen von ihrer entfernten Ähnlichkeit mit Ms Smith, die in meinem Kopf herumspukt. Die Angestellte macht, was immer an Computerarbeit für das Einchecken notwendig ist, während Jacob sie in ein Gespräch verwickelt, um unsere Privatsphäre sicherzustellen.

Die Frau ist effizient und schnell, ebenso wie Jacobs Blick auf unsere Zimmernummern und sein Ausdruck von Missbilligung, als er feststellt, dass wir auf unterschiedlichen Stockwerken untergebracht sind. Mit einem Blick weise ich ihn in seine Schranken, und er versteht die Botschaft. Wir durchqueren die stille Lobby zu den Aufzügen, und zwischen uns herrscht ein unbehagliches Schweigen.

Ich habe sein Team aus einer Reihe von Gründen engagiert. Dazu gehört aber nicht, dass ich mich daran hindern lassen wollte, mein Rachegelübde zu erfüllen, das ich in einem Moment der Verzweiflung seinem Boss gegenüber ausgesprochen habe. Aber die Nachricht, dass Rebecca wahrscheinlich in der Bucht ertrunken ist – nach jahrelangen Albträumen, in denen sie genau in dieser Bucht ertrank –, hatte mir damals sehr zugesetzt.

Wir treten in den Aufzug und fahren schweigend zu seinem Stockwerk hinauf. »Mein Zimmer, um acht Uhr morgen früh«, sage ich, als der Aufzug hält. »Früh genug, um rechtzeitig bei meinen Eltern und um zehn zur Behandlung meiner Mutter im Krankenhaus zu sein.«

Jacob drückt auf den Knopf, um die Tür offenzuhalten. »Ich habe über morgen nachgedacht. Sie haben erwähnt, dass Reporter Sie während Ihres letzten Aufenthaltes bis zur Wohnung Ihrer Eltern verfolgt haben, obwohl Sie eine private Garagenzufahrt benutzt haben, die genau das hätte verhindern sollen. Das lässt vermuten, dass jemand vom Personal für Tipps bezahlt wird.«

»Was wollen Sie damit sagen?«

»Als Sie das letzte Mal hier waren, war Ihre Mutter sich ihrer Umgebung nicht bewusst, aber jetzt ist sie es. Da Sie sie noch nicht in Kenntnis gesetzt haben, was zurzeit in den Nachrichten läuft, und Sie mit den Abschirmungsmaßnahmen des Krankenhauses für die Besucher prominenter Patienten zufrieden waren, denke ich, dass Sie Ihre Mutter dort überraschen sollten.«

Meine Lippen werden schmal. »Es gefällt mir nicht, aber ich werde es tun. Dann treffen wir uns um neun.«

»In Ordnung. Mein Bauchgefühl – das sich nie irrt – sagt mir, dass Sie lieber früher als später mit Ihrer Mutter reden sollten.«

»Es gefällt mir nicht, wie das klingt.«

»Mein Bauchgefühl hat mir in meinem Job schon viele Male das Leben gerettet.«

Ich atme tief ein und aus und wünschte verdammt noch mal, ich hätte so lange Zeit, bis sich meine Mutter von ihren Behandlungen erholt hat, bevor sie sich mit irgendetwas von alldem beschäftigen muss. »Ich werde so bald wie möglich dieses Gespräch führen, aber ich muss den richtigen Moment abpassen. In der Zwischenzeit müssen Sie mich unbemerkt von irgendwelchen Spitzeln zum Haus meiner Eltern bringen.«

»Ich bin bereits dran. Ich erwarte morgen im Krankenhaus Verstärkung, um Sie abzuschirmen, während ich mich mit dem Leiter des Sicherheitsdienstes für die Wohnung treffe.« Der Aufzug summt protestierend, weil Jacob immer noch auf den Knopf drückt. »Ich muss dann wohl …«

Als sich die Lifttüren schließen, stürmen sofort alle möglichen Gedanken auf mich ein, aber ich schiebe sie beiseite, sodass mein Geist leer ist. Es geht alles um Kontrolle.

Das Pling, das den Halt im einundzwanzigsten Stock signalisiert, erklingt, und ich gehe in meine gewohnte Suite. Dort schalte ich im Wohnbereich den Kamin ein, bevor es dreimal kurz hintereinander an der Tür klopft – mein mir üblicherweise zugewiesener Hotelpage. Nachdem er den Inhalt meiner Taschen in den Schränken verstaut hat, überreicht er mir einen großen, gelben Umschlag, auf dem mein Name steht.

Adrenalin schießt in meine Adern. Es ist die Information, auf die ich eine volle Woche gewartet habe. Mit dem Gefühl, endlich Munition für meine geplante Rache zu haben, verdoppele ich sein Trinkgeld und schicke ihn seiner Wege.

Sobald ich wieder allein bin, schlüpfe ich aus meiner Jacke, lockere meine Krawatte und lasse mich aufs Wohnzimmersofa fallen. Ich öffne den Umschlag und finde darin einen Stapel von Papieren und, als Bestätigung meiner Bitte um absolute Diskretion, ein Prepaid-Handy, auf dessen Rückseite eine Nummer klebt. Von diesem Punkt an gibt es keine Namen mehr. Er ist »Doc«, ein Spitzname, den er sich mit seiner Gewissenhaftigkeit verdient hat. Er liefert seinen Klienten, was immer sie brauchen. Soweit es ihn betrifft, bin ich ein Niemand, was mir gut passt.

Ich lege das Handy beiseite und beginne, die umfangreichen Dokumente durchzusehen. Sie verraten mir alles, was ich jemals über Ryan Kilmer wissen wollte, von der Geburt bis zur Gegenwart, einschließlich einer kompletten Liste aller Geschäftstransaktionen seines prosperierenden Maklerbüros. Während ich die Augen zukneife, kommen Erinnerungen an die vielen Male hoch, als ich ihn und Ava an Rebeccas und meinen intimsten Momenten habe teilhaben lassen. Sie hasste die beiden, und gerade deshalb habe ich sie ausgewählt. Um Rebecca dazu zu bringen, mich zu hassen. Um sicherzugehen, dass sie die beiden nicht wollte. Und das alles habe ich als Meister getan. Ich war ein solch verdammtes Arschloch.

Fluchend stehe ich auf, gehe zur Balkontür und trete in den Wirbel aus Schnee und Wind, peinige mich absichtlich selbst. Ich schließe die Hand um das eiskalte Geländer als Strafe für meine Taten, obwohl ich mich niemals genug bestrafen kann. Vor mir ist nur Weiß und Grau, ein Flackern von Lichtern, gedämpft inmitten der Dunkelheit.

Ms Smith hat gefragt, wer meiner Meinung nach Ava geholfen habe, und die Antwort ist Ryan. Verdammter Ryan. Sein Alibi für die Nacht von Rebeccas Tod ist mir scheißegal.

Und wenn man unsere zahlreichen profitablen Geschäftstransaktionen bedenkt, fällt mir nur eine Motivation für Ryans Taten ein. Dieselbe wie Avas Motivation, Rebecca zu töten und zu versuchen, Sara zu ermorden. Purer Neid. Vielleicht auf mich und Rebecca oder vielleicht auf den Club, der eine Quelle der Kraft für mich war. Ich weiß nur zu gut, wie leicht Eifersucht entsteht und welches Gift sie unausweichlich verströmt. Ich fluche abermals und wende das Gesicht dem verdüsterten Himmel zu.

In Bezug auf Rebecca hätte ich eine Menge Dinge nicht tun sollen. Und ich hätte vieles tun sollen, was ich versäumt habe. Unterm Strich ist alles, was passiert ist, meine Schuld – aber ich bin nicht der Einzige, der zahlen wird.

Ich schwöre mir im Stillen, dass ich bis zum Morgen einen Plan haben werde, um Ryans Leben umzukrempeln und seinen Geldfluss versiegen zu lassen. Und dann werde ich dieses Handy benutzen und die wahren Spielchen beginnen lassen.

Es ist drei Uhr morgens, als ich mich endlich hinlege, nachdem ich Doc eine Nachricht hinterlassen habe, mich anzurufen. In meiner Hand ist Rebeccas Tagebuch. Und obwohl ich mir viele Male vorgenommen habe, dass ich es nicht mehr lesen werde, kann ich einfach nicht anders. Es gibt mir das Gefühl, als würde sie noch leben. Es gibt mir das Gefühl, schuldig zu sein und mich selbst zu hassen. Es lässt mich daran glauben, ihr wenigstens im Tod gerecht zu werden, wenn schon nicht im Leben.

Ich blättere zu einer bestimmten Seite, zu einem Eintrag, den ich schon einmal gelesen habe und von dem ich weiß, dass er mich zutiefst verletzen wird, und beginne zu lesen:

Ein weiterer Albtraum. Sie waren monatelang weg, doch jetzt sind sie wieder da und quälen mich wie eh und je. Ich habe in einem Buch gelesen, dass ich die Träume aufschreiben solle, um sie verstehen zu lernen, aber sie sagen mir immer noch nichts, das ich irgendwie deuten kann. Doch ich schreibe sie weiter auf. Also, hier kommt es …

Es hat wieder damit begonnen, dass ich mich an der Stange auf dem Perron einer Straßenbahn festhalte, die irgendwie ohne Fahrer fährt, und meine tote Mutter ist bei mir. Wir sind beide auf dem Perron, aber mehrere Schritte voneinander entfernt. Während der Waggon langsam hügelaufwärts fährt, ist es windstill, aber meine Gefühle spielen verrückt. Ich erinnere mich daran, wie ich mich gefühlt habe, während ich jetzt schreibe. Ich weiß irgendwie nicht mehr, was ich anhatte, aber aus irgendeinem Grund sollte ich es wissen. Es ist ein törichtes Detail, das unerheblich scheint, aber vielleicht ist es symbolisch für irgendein Ereignis in meinem Leben … keine Ahnung.

In dieser Version des Albtraums lächelt meine Mutter nicht, anders als damals, als sie mich zu besuchen begann. Sie wirkt zornig, aber zehn Jahre jünger als bei ihrem Tod. Das lange, glatte braune Haar, das sie während ihres Kampfes gegen den Lungenkrebs verloren hatte, ist zurück, ihr blasser Teint frisch. Dann hatte ich die plötzliche Erkenntnis, dass wir nicht allein waren. Ein Mann in einem Anzug sitzt weiter hinten. In diesen Albträumen war bisher niemals irgendjemand außer meiner Mutter und mir, und ein Gefühl böser Ahnung überwältigt mich. Ich mühe mich, diesen neuen Besucher zu mustern, aber sein Gesicht ist seltsam umschattet.

Die Straßenbahn fährt über die Kuppe des Hügels, und meine Mutter zischt: »Schau ihn nicht an.«

Ich richte meine Aufmerksamkeit wieder auf sie, und jetzt ist ihr Haar kurz und dünn. Sie ist ausgemergelt, ihre Haut ist jetzt wächsern. Erinnerungen daran, wie sie in dem Krankenhausbett lag und um ihr Leben kämpfte, fluten zu mir zurück. »Wer ist er?«, frage ich neugierig.

»Schau ihn einfach nicht an. Er ist gefährlich. Er ist Gift.«

»Wer ist er?«, verlange ich zu erfahren.

»Niemand, von dem ich will, dass du ihn jemals kennenlernst.«

Und dann verstehe ich mit einem Schlag. »Mein Vater. Ist dies mein Vater, von dem du mir nichts erzählen wolltest, nicht einmal auf dem Totenbett?«

»Es gibt Dinge, die du besser niemals erfährst.« Sie wiederholt, was sie mir damals gesagt hatte. Wir rollen jetzt auf der anderen Seite den Hügel hinunter, und sie lässt das Geländer los und ballt die Fäuste an ihrer Brust. »Weißt du, wie sehr mir dein Zorn wehgetan hat, als ich starb?«

»Halt dich an der Stange fest«, befehle ich, und Panik steigt in mir auf. Unsere Geschwindigkeit nimmt zu, und ich wiederhole drängender: »Halt dich an der Stange fest!« Wir fahren über eine Bodenwelle, und ich schreie, als sie auf die Straße fällt und dann verschwindet.

Tiefes, boshaftes männliches Gelächter vermischt sich mit dem grausamen Wind, der mein braunes Haar wegweht. Mein Blick wandert zu dem gesichtslosen Mann, und ich steige die Stufe hinauf, gehe im Mittelgang an den Sitzen vorbei. Die Straßenbahn rast den Hügel hinunter, zu schnell für die Gleise, und ich muss mich an den Sitzlehnen zu beiden Seiten festhalten. »Hör auf zu lachen!«, fordere ich, aber das Gelächter wird nur lauter und lauter. »Hör auf zu lachen!«

Zorn und Verwirrung kämpfen in mir, und ich denke nicht einmal an die Gefahr für mich selbst. Ich renne auf ihn zu, stürme vorwärts, aber als ich ihn erreiche, verschwindet er so wie meine Mutter. Er ist fort, als sei er niemals da gewesen.

Plötzlich springt der Waggon aus den Gleisen und erhebt sich in die Luft. Ich keuche und versuche, das Gleichgewicht wiederzufinden, aber ich falle, gleite den Mittelgang hinunter. Ich versuche, mich irgendwo festzuhalten und schaffe es, den stählernen Ansatz einer Stange zu fassen zu bekommen. Festhalten rettet mich in diesen Albträumen nie, und ich erinnere mich daran, mir dieser Tatsache bewusst gewesen zu sein, aber außerstande, sie zur Gänze zu begreifen. Ich will leben. Ich will überleben. (Ich glaube, dass ich vielleicht überleben werde, wenn ich die Bedeutung dieser Albträume zur Gänze erfasse.)

Ich kneife die Augen zusammen und bereite mich auf das vor, wovon ich weiß, dass es als Nächstes kommt. Der kalte Schwall Wasser trifft mich schmerzhaft. Er ist so real, und es wird niemals einfacher, ganz gleich, wie viele Male ich dies schon durchgemacht habe. Ich akzeptiere den Tod nie. Als das eisige Wasser der Bucht mir bis auf die Haut dringt, schwimme ich, versuche, einen Fluchtweg zu finden, bevor wir versinken und der Straßenbahnwagen mich mit sich herunterzieht. Aber ich schaffe es nicht schnell genug, und ich zittere und meine Zähne klappern, während ich eine Hand an das Dach des Wagens presse. Dann atme ich ein und hole noch einmal tief Luft, bevor mein Kopf mit Wucht unter Wasser gedrückt wird. Ich bin in der Nähe einer Tür. Diesmal werde ich rauskommen. Mit einer Hand ziehe ich an einer Stange und zerre mich zum Ausgang vor. Und ganz plötzlich ist meine Mutter dort, ihre Augen sind geschlossen, während ihr Haar nach oben treibt. Sie ist tot. Wie ich es gleich sein werde. Und dann ist alles schwarz …

Das ist das Letzte, woran ich mich erinnerte, bevor ich mich im Bett aufrichtete und nach Luft schnappte, während ich mir der Wirklichkeit wieder bewusst wurde. Ich war in »seinem« Schlafzimmer, in seinem Bett; sein würziger, männlicher Duft war überall, ein süßer Luftzug von Realität.

Die Hand meines Meisters senkte sich auf meinen Rücken. »Ganz ruhig«, sagte er. »Es geht dir gut.« Er nahm mich in die Arme und hielt mich fest, streichelte meinen nackten Rücken, der immer noch kribbelte von der Peitsche, die er vor dem Zubettgehen benutzt hatte. Und ich wollte wieder gefesselt werden, wollte, dass er mich an einen Ort bringen würde, der keinen Raum für die Angst ließe, die ich in diesen Momenten unter Wasser verspürt hatte.