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Unser Menschsein komplett neu deuten Dein Blick wandert diese Zeilen entlang und dein Gehirn deutet die Buchstaben. Es bildet einen Sinn. Dieser Sinn erzeugt in dir den Eindruck, dass du mich „verstehst“. Wäre Deutsch eine fremde Sprache für dich, dann könntest du diese Wörter nicht stimmig deuten. Deute dieses Rätsel: „Du schließt das Schloss und findest bei der Bank lauter Blüten. Einen Bienenstich bekommst du hier aber nicht.“ Beobachte, wie dein Gehirn versucht, Klarheit zu bekommen. Bist du ein Schlosswärter und setzt dich nach Dienstschluss auf eine Bank unter einem blühenden Baum ohne Bienen? Oder kontrollierst du in einer Bank hinter verschlossenen Türen, ob Falschgeld vorhanden ist, musst aber zum Bäcker gehen, um einen Kuchen zu bekommen? Weil wir u. a. Klarheit und Sicherheit wollen, deuten wir permanent unser gesamtes Leben, unsere Mitmenschen und uns selbst. Wird uns diese Deutungsfähigkeit bewusst und setzen wir sie gezielt ein, dann öffnen sich komplett neue und überraschende Möglichkeiten des Denkens, Fühlens und Handelns. Wir werden flexibler und kreativer und können uns dadurch innerlich leichter ausbalancieren. In diesem Buch zeige ich dir, wie unsere Deutungskraft phänomenal befreiende Wirkungen entfaltet und dadurch das bisher übliche Denken in unserer Gesellschaft völlig umkrempelt. Das hat tiefgreifende Auswirkungen sowohl auf Familien als auch auf unsere Schulungssysteme, auf Unternehmen, unser Gesundheitssystem, Therapien, die Politik, unser Klima uvm. Ein Paradigmenwechsel zu voller Lebensfreude!
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Veröffentlichungsjahr: 2023
Inhaltsverzeichnis
Gebrauchsideen
KAPITEL 1: Das Persönliche
Das sinnvolle Schutz-Netzwerk im Gehirn
Das befreite Potenzial
Natürliche Unsicherheit
Selbstzufriedenheit als weiße Leinwand
Authentizität
Meine Ausbildungen
Vier Aspekte meines Menschenbildes
KAPITEL 2: Bist du Gast oder zu Hause?
Zu Gast bei Fremden
Bei sich zu Hause
Unser natürliches Streben
Natürliche Bewertungen
Die zielbezogene Wertung
Das Streben hinter den Wertungen
KAPITEL 3: Die Glückszelle
Basis der Glückszelle
Die Glückszelle in der Schule
Wo finden wir die Glückszelle im Alltag?
Das Potenzial hinter einem Abwehrgefühl
Unsere tiefe Verbundenheit zu allem
KAPITEL 4: Ich weiß, dass ich nichts weiß
Deuten, um zu wissen
Das Streben danach, Energie zu sparen
Unser Gehirn deutet
Unabhängigkeit in tiefer Verbundenheit
Von der Hilflosigkeit zur Verbundenheit
KAPITEL 5: Deine Menschenwürde
Eine klare Definition
Was ist eine Entwürdigung?
Unbewusste Angriffe auf die Würde
Ein lösender Umgang mit einer Entwürdigung
Was ist genau „menschenunwürdig“?
Mehr Potenzialentfaltung
KAPITEL 6: Wie retten wir die Erde?
Das rettende Chaos?
Der World Climate Contest
KAPITEL 7: Wahlmöglichkeiten für dein Gehirn
Begegnungsknoten
Wie Wahlmöglichkeiten dein Gehirn beglücken
Erhöhung von Wahlmöglichkeiten überall
Unendliche Auswahl durch Deutungsfreiheit
Mein Schutz-Netzwerk befreit mein Potenzial
Danke
Ausbildung für Freie Systemische Aufstellungen
Empathisches NeuroSonanz-Coaching
Über den Autor
Veröffentlichungen von Olaf Jacobsen
Die wundersame Wirkung von Tränen
Endlich authentisch sein
Man kann es nicht beschreiben, man muss es selbst erlebt haben ...
Wie aufrichtiges Mitgefühl Schmerz schmelzen lässt
Sich gegenseitig unterstützen, um sich weiterzuentwickeln
Konzentriertes
Olaf Jacobsen
Nehmen wir unsere Deutungskraft ernst,
ändert sich (fast) alles!
Olaf Jacobsen Verlag
Die in diesem Buch beschriebenen Methoden sollen ärztlichen Rat und medizinische Behandlung nicht ersetzen.
Die vorgestellten Informationen und Anleitungen sind sorgfältig recherchiert und wurden nach bestem Wissen und Gewissen weitergegeben. Dennoch übernehmen Autor und Verlag keinerlei Haftung für Schäden irgendeiner Art, die direkt oder indirekt aus der Anwendung oder Verwertung der Angaben in diesem Buch entstehen. Die Informationen in diesem Buch sind für Interessierte zur eigenen, persönlichen Weiterbildung gedacht.
Wie wird hier geschlechtergerecht formuliert?
Wird eine Bezeichnung in der Mehrzahl benötigt, dann wird der Gender-Doppelpunkt verwendet (Bsp.: „Teilnehmer:innen“). Bei Bezeichnungen in der Einzahl wird unregelmäßig zwischen weiblich und männlich abgewechselt.
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar
© 2023 Olaf Jacobsen Verlag
Theodor-Rehbock-Str. 7, 76131 Karlsruhe
www.olaf-jacobsen-verlag.de
Das Werk einschließlich all seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Die Inhalte dürfen ohne Einverständnis des Verlags nicht kopiert und nicht verteilt werden. Alle Rechte sind vorbehalten.
Cover-Foto: Ulrike Leone, walnut-3072652,
abgerufen von pixabay.com am 8.2.2023
Gestaltung des Covers: Olaf Jacobsen
ISBN 978-3-936116-80-9 (E-Book EPUB)
Liebe Leserin, lieber Leser,
wir kennen uns nicht. Sollten wir uns schon einmal in einem Workshop, einem Seminar, in einer Ausbildung oder Fortbildung begegnet sein, dann „kennen“ wir uns trotzdem nicht, denn wir haben unterschiedliche Gehirne. Keiner kann direkt in das Gehirn eines anderen Menschen hineinschauen.
Hast du schon ein paar Bücher von mir gelesen, dann konntest du bereits einige Erfahrungen, Gedanken, Ideen und Sichtweisen von mir kennenlernen. Wahrscheinlich wirst du in diesem Buch miterleben, wie ich mich weiterentwickelt und meine Sichtweisen verfeinert habe und wie neue Erkenntnisse hinzugekommen sind. Du wirst nach dem Lesen vielleicht das Gefühl haben, mich wieder ein bisschen mehr kennengelernt zu haben. Aber du wirst nie an den Punkt kommen, an dem du sagen kannst: „Jetzt kenne ich Olaf vollständig.“
So ist das überall. Wir Menschen sind permanent im Wachstums- und Kennenlernprozess. Auch in der Wissenschaft forscht und lernt die Menschheit immer weiter. Ich habe diese Tatsache konsequent auf alles im Leben übertragen und bin dadurch auf erstaunliche und hochspannende Deutungen gestoßen.
Wenn du jetzt das erste Mal ein Buch von mir lesen solltest und gleichzeitig wäre dir die Sichtweise fremd, dass wir Menschen uns in einem permanenten Lernprozess befinden, dann könnte es dir zu Beginn nicht so leicht fallen, meine Deutungen nachzuvollziehen. Meine Deutungen, wie ich die Welt und uns Menschen betrachte, sind nicht unbedingt „üblich“. Auch wenn ich mit einigen meiner Sichtweisen nicht alleine bin.
Ich biete dir an, dieses Buch nicht mit dem Hintergedanken zu lesen: „Das hier sind versammelte wissenschaftliche Wahrheiten“, sondern mit dem Hintergedanken: „Das hier sind die Deutungen von Olafs lernendem Gehirn.“ Gleichzeitig kann ich dir berichten: Meine aktuellen Deutungen haben eine enorm befreiende und begeisternde Wirkung auf mich selbst.
Ob das auch für dich gilt, weiß ich nicht, weil ich dich nicht kenne und auch niemals vollständig kennenlerne. Die Wirkungen meiner Deutungen auf dich kannst du beim Lesen dieses Buches nur selbst ausprobieren.
Ich habe dieses Buch so gestaltet, wie ich vermute, dass es dir einen optimalen Entwicklungsweg anbieten könnte (ich weiß es ja nicht). Jedes Kapitel baut auf dem vorangegangenen auf. Deswegen macht es aus meiner Perspektive Sinn, das Buch ganz normal von vorne bis zur letzten Seite zu lesen – auch wenn ich ein paar Querverweise mache. Diese Querverweise im ersten Kapitel habe ich zur Verfügung gestellt, damit du Bescheid weißt, dass ich ein angefangenes Thema später noch ausführlicher behandle.
Zusätzlich biete ich dir ein paar Wahlmöglichkeiten an, wie du mit dem Buch umgehen könntest: Beispielsweise könntest du dir beim Lesen viel Zeit lassen. Vielleicht regen bestimmte Beschreibungen bei dir Bedürfnisse nach einer allmählichen Neuorientierung an. Ich bin mir bewusst, dass das, was ich im Buch beschreibe, tiefgreifende und auch tief berührende Erkenntnisse auslösen könnte, die erst einmal in den Alltag integriert werden wollen. Du könntest ein paar Seiten lesen, bis du merkst, eine eben gelesene Sichtweise in deinen aktuellen Alltag mitnehmen zu wollen oder sie wirken zu lassen. Mit dieser Sichtweise im Bewusstsein deutest du dein Leben neu und beobachtest, wie es sich anders für dich anfühlt.
Es gibt Abschnitte, die du ganz leicht verstehen wirst, und Abschnitte, die möglicherweise schwer zu lesen sind. Für diesen Fall biete ich dir an: Probiere aus, die schweren Abschnitte mehrmals zu lesen. Beobachte, ob du sie dadurch allmählich besser deuten kannst. Oder frage dich: „Wie würde ich so einen Gedanken selbst formulieren, wenn ich Autor:in dieses Buches wäre?“ Oder gib dir in solchen Situationen Zeit, lege das Buch zur Seite und warte (Stunden, Tage), bis ein neuer Impuls da ist, im Buch wieder zu lesen. Du kannst auch versuchen, Stellen zu überspringen. Lies einfach bei der nächsten Überschrift weiter.
Eine weitere Idee, die ich dir zur Verfügung stelle: Du kannst die Deutungskraft deines Gehirns anregen, um während des Lesens eine passende Antwort auf eine bestimmte Frage zu erhalten, die du gerade im Alltag hast. Oder die passende Inspiration zu einer Aufgabe, zu einem Problem oder zu einem Vorhaben. Dies kannst du tun, indem du dir die folgende Frage stellst (und vielleicht aufschreibst):
„Wie lautet die Antwort / Wie ist die Lösung / Welche Anregung gibt es für … xyz … ?“
Mit dieser Frage an dich selbst beginnst du zu lesen. Stelle dir diese Frage immer wieder neu, wenn du wieder zum Buch greifst und weiterliest. Oder stelle beim nächsten Mal eine neue Frage. Vielleicht wird dir dadurch „zufällig“ etwas klar?
Weil ich dich nicht kenne, bin ich unsicher, ob du meine Tipps überhaupt brauchst oder nützlich findest. Das weißt allein du selbst. Ich habe dir diese Ideen als „Wahlmöglichkeiten“ zur Verfügung gestellt. Und du wählst wahrscheinlich sowieso mithilfe deines Bauchgefühls in den entsprechenden Situationen das für dich stimmige Verhalten.
Und nun wünsche ich dir viele Aha-Erlebnisse beim Lesen.
Olaf
Karlsruhe, im Juni 2023
Ich habe die klare Absicht, in diesem ersten Kapitel meine persönlichen Karten offen auf den Tisch zu legen. Damit du dir eine erste Vorstellung machen kannst, wer dieses Buch veröffentlicht hat.
Gleichzeitig bin ich mir bewusst, dass du meine Karten selbst deuten wirst – mithilfe deiner Sichtweisen und deinem Hintergrundwissen. Was ich in diesem ersten Kapitel über mich schreiben werde, kannst du auf viele verschiedene Weisen deuten. Unser Gehirn ist frei, das Umfeld so zu deuten, wie es zu den eigenen Sichtweisen passt. Diese Deutungsfreiheit kann nicht nur schiefgehen und zu Irrtümern und Konflikten führen, sondern in ihr steckt auch ein sehr positives und hilfreiches Potenzial.
In meinem Leben habe ich mich entschieden, die Deutungsfreiheit meines Gehirns in vollem Umfang zu nutzen. Dadurch konnte und kann ich genau die Sichtweisen für mich entwickeln, die ich selbst als absolut schlüssig und stimmig empfinde. Du wirst viele davon in diesem Buch kennenlernen.
Diese Sichtweisen ändern für mich alles (!) und lassen mich im Lebensalltag unglaublich viel erkennen, durchschauen, auf neue Weise verstehen und integrieren. Sie enthalten für mich kein Konfliktpotenzial mehr und tun mir deshalb richtig gut. Teilweise machen sie mich sogar absolut glücklich und klar. Und teilweise auch tief betroffen und mitfühlend. Ich bin immer wieder neu erstaunt, fasziniert, begeistert als auch berührt darüber, wie es wirkt. Dabei fühlt es sich so an, als wäre ich ein Pionier, der immer wieder Neues entdeckt ...
Wenn ich meine „Karten offen auf den Tisch lege“, dann weiß ich, dass andere Menschen immer die Freiheit haben, diese offenen Karten anders zu deuten, als ich sie deute. Dabei besteht natürlich (scheinbar) eine gewisse „Gefahr“: Jedes Gehirn ist frei, auch Negatives in meine Karten zu deuten oder sie sogar verletzend abzuwerten. Doch da ich selbst mit meinen Deutungen ebenso frei bleibe, habe ich dazu eine für mich hilfreiche Sichtweise entwickelt. Durch diese Sichtweise verwandle ich schmerzvolle oder sogar abwertende Kritik in einen Schatz für Potenzialbefreiung. Deutet jemand das, was ich über mich persönlich schreibe, besonders negativ und bewertet meine Karten entsprechend kritisch, dann sehe ich dahinter eine kraftvolle Ressource – für alle Beteiligten.
Ich deute also negative Deutungen nicht mehr als „Gefahr“, sondern ich sehe ein Potenzial dahinter: Wenn ein Mensch etwas Negatives oder Falsches in mich oder in mein Geschriebenes deutet, dann ist das aus irgendeinem guten Grund für diesen Menschen sinnvoll. Es gibt irgendeinen wichtigen Zusammenhang, der dazu führt, dass ein Mensch in das Geschriebene oder Gesagte von einem anderen Menschen genau das hineindeutet, was er hineindeutet. Auch wenn ich diesen sinnvollen Zusammenhang oder diesen guten Grund nicht kenne, gehört er aus meiner Sicht immer dazu. Ich nehme ihn komplett ernst. Warum?
Ich deute es wie folgt: Jeder von uns musste im Laufe der Kindheit viele Verbote, Regelungen und persönliche Grenzen anderer Menschen erleben. Das geschah teilweise schmerzlich und tat uns nicht gut. Deswegen haben wir uns damals zu schützen begonnen. Es bildete sich in unserem Gehirn allmählich ein Netzwerk, mit dem wir uns bis heute aus gutem Grund selbst schützen und unser Verhalten selbst einschränken. Wir blockieren uns selbst, verbieten uns vieles oder ziehen uns innerlich zurück. Wir sind „vor-sichtig“, versuchen vorauszuschauen, deuten die Zukunft. Denn wir wollen uns logischerweise sicher und wohl fühlen – und wollen am besten nie wieder mit schmerzvollen Grenzen und Wertungen anderer Menschen konfrontiert werden.
Weil wir uns mit diesem Schutz-Netzwerk in unserem Gehirn möglichst optimal schützen wollen, gestaltet sich dieses Netzwerk umfassender, als es eigentlich nötig wäre. Unglücklicherweise überträgt unser Gehirn unser schützendes Verhalten auf viele gegenwärtige Situationen, die das minimale Potenzial enthalten, uns möglicherweise nicht gut zu tun oder uns vielleicht gefährlich zu werden. Unser Gehirn deutet in unser Umfeld viel mehr Grenzen und Gefahren, als wirklich vorhanden sind. Wir verhalten uns in vielen Situationen so vorsichtig und zurückhaltend, dass wir dadurch zusätzlich unser eigenesPotenzial einschränken.
Nehmen wir ein einfaches Beispiel: Stell dir vor, du bist als Kind die Treppe runtergefallen. Das hat weh getan. Danach hast du begonnen, dich vor jeder Treppe zu schützen, damit sich dieser Schmerz nicht wiederholt. Das ist eine Selbsteinschränkung. Denn nun bist du bei jedem Treppenlaufen extrem vorsichtig, im schlimmsten Fall vielleicht sogar ängstlich. Besonders wenn du durch die Stufen hindurch in die Tiefe sehen kannst.
Viele Menschen können ihre Selbsteinschränkungen im Kontakt mit anderen Menschen spüren. Oft wird dieses Gefühl als „innere Hemmung“ empfunden, als Blockade oder Unfreiheit. Manchmal auch als Verlegenheit, Schüchternheit, Unlust, Selbstaufgabe, Nervosität oder sogar Angst. Diese Menschen vermeiden den direkten Augenkontakt, weil sie hoffen, dadurch nicht zu konfrontieren oder konfrontiert zu werden. Sie haben das Gefühl, durch das Vermeiden von Augenkontakt sich besser schützen zu können.
In der Kindheit war man noch spontan, direkt und frei kreativ. Doch Spontaneität und freie Kreativität fließen beim Erwachsensein wesentlich weniger oder kaum noch. Und nun suchen diese Menschen mithilfe unterschiedlichster Methoden danach, ihr Potenzial wieder zu befreien und dadurch ihr Freiheitsgefühl zurückzugewinnen. Entweder suchen sie in sich selbst und wollen ihre inneren Blockaden wieder auflösen. Oder sie kämpfen und rebellieren gegen die (scheinbaren) Grenzen im Umfeld (gegen gefährliche Treppen oder Situationen; gegen Menschen, die Verbote aussprechen oder Grenzen setzen; gegen sich „falsch“ verhaltende Menschen).
Ich habe sogar den Eindruck, dass die Auswirkungen unseres Schutz-Netzwerkes im Gehirn noch weitergehen. Wir schützen uns mit diesem Netzwerk nicht nur selbst und schränken dadurch gleichzeitig unser Potenzial ein, sondern wir wollen auch andere Menschen beschützen (damit sie nicht genauso die Treppe runterfallen oder unter Verboten leiden). Deswegen teilen wir unbewusst die Menschen um uns herum ein in diejenigen, die beschützt werden müssen (potenzielle Opfer), und diejenigen, vor denen beschützt werden muss (potenzielle Täter). Erscheint uns jemand hilfsbedürftig, dann leben wir beschützende Hilfsimpulse. Erscheint uns jemand grenzüberschreitend oder gar gefährlich, dann leben wir ihm gegenüber unseren Schutz, unsere eigenen Grenzen, Wertungen und Abwertungen.
Unser Bedürfnis, dass wir Opfer vor Tätern schützen wollen, ist absolut nichts Negatives. Ganz im Gegenteil. Es ist lebenswichtig, uns gegenseitig vor Gefahren zu beschützen. Gleichzeitig gibt es Nebenwirkungen: Uns ist meistens nicht bewusst, dass unser Schutz-Netzwerk nach wie vor unser eigenes Potenzial einschränkt. Uns ist nicht bewusst, dass wir uns und andere auch schützen könnten, ohne unser Potenzial einzuschränken.
Wie kann uns diese Selbsteinschränkung bewusst werden? Sodass wir unser Potenzial eigenverantwortlich und selbstständig befreien können? Ohne dabei unseren Schutz aufzugeben?
Um diese Frage zu beantworten, fange ich beim gelösten Zustand an: Wie wären wir denn überhaupt, wenn unser Potenzial vollkommen befreit wäre? Wenn unsere Spontaneität und spielerische Kreativität wieder fließen würden? Wie wäre das gelöste Verhaltensmuster?
Meine Sichtweise und meine Erfahrungen mit mir selbst sind folgende: Wenn wir uns nicht mehr selbst einschränken, dann können wir uns im Kontakt zu anderen Menschen auf neue, klare und gute Weise schützen. Wir können klare, mitfühlend freundliche und würdevolle Grenzen setzen. Und wir können klar sagen, was uns von anderen unterscheidet, wo wir eine andere Sichtweise oder andere Meinung oder ein anderes Ziel haben. Oder wir leben eine offene integrierende Haltung. Wir heißen etwas willkommen oder sagen, dass „auch das dazugehört“. Statt Stress, Drang, Kampf, Abwehr oder Angst leben wir eine liebevolle, mitfühlende und offene Klarheit, mit der wir gleichzeitig spontan und spielerisch kreativ sein können. Im gelösten Zustand befinden sich Klarheit, Mitgefühl, Kreativität und Leichtigkeit unter einem gemeinsamen Dach.
Außerdem hat sich unsere Einteilung in „Opfer“ und „Täter“ aufgelöst. Wir haben Mitgefühl mit allen Menschen, deren Leben auf irgendeine Weise mit Schmerzlichem verknüpft ist. Wir haben Mitgefühl mit Menschen, die Schmerz erleiden, sowie mit Menschen, die aus ihrem Schutz-Netzwerk heraus anderen Menschen Schmerz zufügen müssen.
Aber Moment mal ... Wieso fügt ein Mensch aus seinem Schutz-Netzwerk heraus aktiv anderen Menschen Schmerzen zu? Das Schutz-Netzwerk soll doch helfen, sich zu schützen? Wieso also greift jemand einen anderen Menschen aktiv an?
Ich deute so einen Angriff wie folgt:
Wenn eine Person jemand anderen angreift, dann kommt ihr Angriff dadurch zustande, dass bei ihr zwei Dinge zusammenfallen. Auf der einen Seite hat diese Person einen Wunsch, ein Bedürfnis, ein Anliegen, ein Ziel. Sie will etwas umsetzen oder erreichen oder erfüllen. Auf der anderen Seite hat sie gleichzeitig die Deutung, dass ihr dabei eine Grenze gesetzt werden wird, dass ihr eine Gefahr droht, wenn sie aktiv wird. Die Person muss sich also während ihrer Aktivität gleichzeitig vor der eventuell schmerzvollen Grenze eines anderen Menschen schützen.
Man könnte jetzt zu dieser Person sagen: „Na, wenn dir eine Gefahr droht, dann werde eben nicht aktiv!“ Eine Lösung wäre also, sich selbst einzuschränken und nicht aktiv zu werden. Wenn aber ihr Bedürfnis trotzdem so groß ist, dass sie unbedingt aktiv werden will oder sogar muss, dann bleibt ihr nichts anderes übrig, als sich während ihrer Aktivität zu schützen. Dabei muss ihre Schutzkraft vor der zukünftigen schmerzvollen Grenze eines anderen Menschen genauso stark sein wie diese vermutete Grenze. Wie meine ich das?
Hat die Person beispielsweise Angst, dass ihr ein anderer Mensch abwertend laut eine Grenze setzen könnte („Hör endlich auf mit dem Scheiß!!!“), dann müsste sie genauso abwertend laut werden können, um sich dadurch optimal vor dem anderen zu schützen („Nein, das ist kein Scheiß und ich höre nicht auf damit!!!“ oder „Hör du auf damit, mir so eine Scheiß-Grenze zu setzen!!!“). So kann sie innerlich „aufrüsten“ und damit der vermuteten Abwertung im Außen würdig entgegentreten. Mit mindestens der gleichen Energie. Deshalb befindet sich die Person in einer Abwehrbereitschaft während sie aktiv ist. Dies äußert sich durch Gefühle wie „Nervosität“, „Aufregung“, „Anspannung“ oder auch „Lampenfieber“.
Wenn also die Person aktiv werden will und sie deutet gleichzeitig die Möglichkeit einer besonders schmerzvollen Grenze (abwertende Kritik) in ihr Umfeld, dann richtet sie sich ebenso schmerzvoll gegen ihr aktuelles Umfeld („Lass mich in Ruhe!!“ oder „Ich will mit dir nichts zu tun haben!!“) - auch wenn das Umfeld weniger hart ist und flexibler reagiert als vermutet. Auf das ahnungslose Umfeld könnte es wie ein abwertender Angriff wirken.
Wer diese innere Abwehrbereitschaft permanent lebt und sich an sie gewöhnt hat, wirkt wie ein „cooler“ und scheinbar „starker“ oder „dominanter“ Mensch. Denn er will nach außen kraftvoll und unangreifbar wirken („Was willst du?!!“), damit das Umfeld gar nicht erst auf die Idee kommt, schmerzvolle Grenzen zu setzen. Aus dieser scheinbaren Stärke heraus lebt dieser Mensch immer wieder kleine Angriffe gegenüber scheinbar schwächeren Menschen („Hey, du Opfer!“), um sicher zu bleiben, dass er selbst stark genug ist, um sich weiterhin schützen zu können.
Eine weitere Deutungsmöglichkeit, wie ein Angriff entstehen könnte: Die Person ist ihren Zielen entsprechend bereits aktiv und will diese Ziele unbedingt weiterverfolgen. Sie hält an diesen Zielen stark fest (halten wir an einem Ziel besonders stark fest, dann ist das ein Schutz vor einem möglichen Verlustschmerz). Und nun passiert etwas in ihrem Umfeld, in das die Person mit ihrem Schutz-Netzwerk eine schmerzvolle Grenze deutet. Beispielsweise beobachtet jemand anderes die Aktivität der Person. Die Person befürchtet, dass derjenige gleich werten könnte („Findest du das in Ordnung, was du da gerade tust?!?“). In dem Moment richtet sich die Person sofort gegen dieses Umfeld („Was glotzt du so?? Kümmere dich gefälligst um deine Angelegenheiten!!“). Auf das ahnungslose Umfeld könnte auch das wie ein abwertender Angriff wirken.
Eine dritte Deutungsmöglichkeit: Die Person steckt in einem Krisengefühl. Sie hat aus ihrem Schutz-Netzwerk heraus konstant die Deutung, vom Umfeld irgendwie negativ bewertet zu werden. Deshalb lebt sie einen permanenten Rückzug (Schutz). In diesem Zustand beobachtet sie andere fröhliche Menschen, die glücklich ihr Leben genießen. Aber das Beobachten dieser Freiheit und Fröhlichkeit anderer macht ihr eigenes Krisengefühl nur deutlicher und verstärkt es. Die Krise wird für sie unaushaltbar. Um sich vor der Verstärkung dieses eigenen Krisengefühls zu schützen, muss die Person das Glück der anderen zerstören. Die anderen sollen genauso leiden, damit die Person ihr eigenes Krisengefühl besser aushalten kann. Und so greift sie die anderen Menschen an und zerstört ihnen etwas. Dabei hofft die Person, den anderen Menschen einen Schmerz zuzufügen, um sich selbst letztendlich besser fühlen zu können. Oder sie hofft auf unbewusster Ebene, die Aufmerksamkeit der Menschen auf sich und die eigene Krise lenken zu können, um selbst im energievollen Mittelpunkt zu stehen und Mitgefühl und Hilfe von den anderen zu erhalten („Oh je, was ist denn mit dir los?“). Das Letztere habe ich „Heilungshierarchie“ genannt (siehe dazu mein kostenloses E-Book als PDF-Datei im Internet).
Mit diesen drei Deutungsmöglichkeiten erkläre ich mir, wie ein Angriff ursprünglich entstehen könnte. Grundsätzlich entsteht er immer aus einem Schutzbedürfnis heraus.
Auch in das Verhalten von Menschen, die sich scheinbar „nur bereichern“ wollen, wie z. B. Kriminelle, kann man so ein Schutzbedürfnis deuten: Ein Mensch hat das Bedürfnis, sich selbst finanziell über Wasser zu halten. Er fühlt sich beschützt, wenn er genügend Geld hat, um gut leben zu können. Nun projiziert dieser Mensch aus einem besonders schmerzvollen Schutz-Netzwerk heraus lauter Grenzen in sein Umfeld, durch die er niemals zu genügend Geld gelangen würde („Keiner würde mir einen Job geben, mit dem ich genug Geld verdiene“). Deshalb beginnt er, gegen diese scheinbaren Grenzen zu kämpfen, sie zu überschreiten und andere Menschen zu bestehlen.
Oder ein Mensch kann keinen Job annehmen, weil er sich vor der Arbeitssituation an sich schützt. Die dort herrschenden Hierarchien lösen im Menschen sein Schutz-Netzwerk aus, so dass er keine freie Energie zum Arbeiten verspürt. Er beschafft sich das Geld zum Überleben auf eine Weise, bei der er sich im optimalen Fall keiner Hierarchie beugen muss: als Dieb.
Das könnte sogar noch weiterführen: Hat jemand schon genügend Geld für ein bequemes Leben, er deutet aber weiterhin Grenzen ins Umfeld, dann entwickelt er möglicherweise die Sorge, dieses Geld durch diese Grenzen bald wieder zu verlieren. Er sammelt noch mehr Geld, um sich noch sicherer fühlen zu können. Doch dieses Sicherheitsgefühl wird er nie erreichen, weil sein Schutz-Netzwerk im Gehirn die Grenzen auch weiterhin ins Umfeld projiziert. Und so fühlt er sich mit dem, was er hat, nie wirklich beschützt und damit nie zufrieden. Sein Gefühl der Unzufriedenheit können andere Menschen bei ihm nicht wahrnehmen. Nach außen hin wirkt derjenige geizig …
Zusammenfassend könnten wir also deuten: Das angreifende Verhalten eines Menschen hängt davon ab, auf welche Weise sein Schutz-Netzwerk im Gehirn gestaltet ist. Die Gestaltung dieses Netzwerkes begann durch die erfahrenen Grenzen in der Kindheit und wurden im Laufe der Jahre verändert oder weiter gefestigt.
Das angreifende Verhalten hängt immer davon ab, was für Grenzen dieser Mensch aus seinem Schutz-Netzwerk heraus in sein aktuelles Umfeld deutet und was er in der Gegenwart als „optimalen Schutz“ für sich empfindet. Jeder Angriff eines Menschen ist möglicherweise das Ergebnis einer aktuellen Deutung seines Gehirns aus einer ungelösten (unbewussten?) Angst heraus.
So erkläre ich mir (deute ich), wie ein angreifendes Verhalten entstehen könnte.
Durch meine Erfahrungen mit mir selbst deute ich unseren befreiten Zustand wie folgt: Wenn unser Potenzial vollkommen befreit ist, dann können wir ein gelöstes Verhaltensmuster leben. Wir können das angreifende Verhalten eines anderen Menschen auf die eben beschriebene Weise deuten. Diese Deutung kann in uns Mitgefühl für denjenigen auslösen. Wir haben Mitgefühl mit dem angreifenden Menschen, der möglicherweise aus seinem Schutzbedürfnis heraus (aus Angst vor Grenzen und damit auch vor Verlust) andere Menschen verletzen muss. Gleichzeitig können wir – wenn es für uns nötig und möglich ist – seinem grenzüberschreitenden Verhalten liebevolle, klare und würdevolle Grenzen setzen.
Wie setzen wir eine würdevolle Grenze? Eine würdevolle Grenze setzen wir, wenn wir den anderen dabei nicht herabsetzen, sondern ihn als Mensch weiter würdigen (mehr im Kapitel DeineMenschenwürde). Wir erläutern ihm zunächst unser eigenes Ziel und erklären dann, dass sein Verhalten nicht zu unserem Ziel passt und wir es deswegen begrenzen (mehr über würdevolle zielbezogene Grenzen im zweiten Kapitel).
Dieses Potenzial für Klarheit, Mitgefühl und würdevolle Grenzsetzungen konnte ich im Laufe vieler Jahre ganz allmählich selbst entfalten. Und ich fühle mich sehr ausgeglichen und zufrieden damit. So ein gelöster Zustand war wohl schon seit meiner Kindheit mein Ziel. Denn ich hatte immer ein Gefühl von Unstimmigkeit, wenn ich mich gegen andere Menschen gewendet habe. Ich wollte viel lieber alles genau verstehen und dadurch integrierend und mitfühlend leben können. Deshalb suchte ich nach Sichtweisen (Deutungen), durch die so ein gelöster Zustand in mir umsetzbar wurde. Heute schreibe ich dieses Buch. Ich hoffe, andere Menschen mithilfe meiner Deutungen darin unterstützen zu können, immer mitfühlender und glücklicher in ihrem Leben zu werden – unabhängig davon, wie sich das Umfeld verhält.
Schaue ich mir die breite Gesellschaft an (mithilfe meiner direkten Kontakte zu vielen verschiedenen Menschen, mithilfe des Internets und mithilfe des Fernsehers), so scheint mir, dass Mitgefühl und würdevolle Grenzsetzungen gegenüber angreifenden, grenzüberschreitenden Menschen für viele unheimlich schwer umzusetzen sind. Zumindest kann ich nicht erkennen, dass so ein gelöstes Verhaltensmuster weit verbreitet ist. Das hat auch die Corona-Pandemie zum Vorschein gebracht. Überall erleb(t)e ich Empörungen, Verurteilungen, Ängste, Abwertungen, Vorwürfe oder einfach nur ein Kopfschütteln gegenüber „Täter:innen“. Das deute ich alles als Verhaltensweisen, die ebenfalls vom Schutz-Netzwerk im Gehirn beeinflusst sind und das eigene Potenzial einschränken. Die Sichtweise, dass man Angreifer angreifen muss, sie „scharf verurteilen“ muss, dass man im Extremfall das „allmächtige Böse“ vernichten muss, ist weit verbreitet. Nicht zuletzt durch Filmwelten und Computerspiele unterstützt. Dass man dabei selbst zum Täter wird, ist entweder ausgeblendet oder wird als „gerechtfertigt“ empfunden. Dadurch schützt man sich vielleicht vor dem schmerzvollen Gedanken, aus dieser Gewaltspirale selbst nicht so richtig aussteigen zu können.
So gut wie nie finde ich in unserer Gesellschaft: Mitgefühl verknüpft mit würdevoller Grenzsetzung. Die Schutz-Netzwerke scheinen in der Menschheit stark ausgeprägt zu sein – aufgebaut durch schmerzvolle Grenzerfahrungen in der Kindheit und aufrechterhalten durch weiterhin entwürdigenden und schmerzvollen Umgang miteinander in der Erwachsenenwelt.
Doch wenn wir alle die Deutungskraft unseres Gehirns vollkommen ernst nehmen, dann ändert sich (fast) alles …
Dieses Buch will dieses gelöste Verhaltensmuster (Klarheit, Mitgefühl, würdevolle Grenzsetzungen) überall anregen. Es will unterstützen, ein riesiges Potenzial in unserer Gesellschaft zu befreien. Ein Potenzial, das wir durch unseren „Kampf gegen das Böse“ bis heute selbst in uns einschränken.
Deshalb biete ich dir jetzt dieses gelöste Verhaltensmuster als Orientierung an, als Maßstab. Mit diesem Maßstab (Klarheit, Mitgefühl, würdevolle Grenzsetzungen) kannst du gut erkennen, wann und wo in deinem Gehirn noch eine Einschränkung deines eigenen Potenzials durch ein Schutz-Netzwerk wirkt.
Beispiel: Du erkennst eine innere Einschränkung deines Potenzials daran, dass du bei Hilfsbedürftigen ein Dranggefühl beim Helfen spürst, einen Helferdrang. Du hast keine integrierende Klarheit, mit der du hilfst, sondern du „musst“ beschützen. Und wenn der andere deine Hilfe nicht richtig annehmen oder umsetzen kann oder es nicht will, fühlst du dich dabei nicht wohl. Vielleicht bist du sogar verzweifelt und ratlos. Im schlimmsten Fall leidest du so stark darunter, dass du dem anderen Vorwürfe machst, warum er deine Hilfe denn nicht annähme oder dass er eine Lösung ja gar nicht wolle. Durch diese Vorwürfe fügst du dem anderen Schmerz zu.
Zum Vergleich der gelöste Zustand: Wenn ein anderer Mensch tatsächlich Hilfe benötigt und „kurz vor dem Ertrinken“ ist, dann hast du den klaren Impuls, dem anderen sofort zu helfen. Du hilfst ihm und anschließend ist der andere tatsächlich gerettet. Deine Hilfe hat geholfen. Oder du gibst jemandem einen Tipp und derjenige reagiert sofort interessiert oder befreit und dankbar, dann hat deine Hilfe auch geholfen. Sobald aber deine Hilfsaktion an irgendeinem Punkt stecken bleibt, weil z. B. der andere einen Widerstand gegen deine Hilfe aufbaut oder deine Hilfe gar nicht benötigt oder deine Hilfe auf andere Weise nicht hilft und du in dem Moment nicht richtig loslassen kannst, dann steckt ein ungelöster Drang in dir dahinter. Eine Angst. Ein Schutz-Netzwerk und damit eine Einschränkung deines Potenzials.
Die Einschränkung deines Potenzials merkst du auch daran, dass du bei grenzüberschreitenden Menschen kein Mitgefühl spürst, sondern stattdessen einen Verteidigungsdrang, Abwehrdrang oder Abwertungsdrang. Du bist empört, regst dich auf oder du machst dich ganz klein. Du „musst“ dich vor dem anderen schützen. Und wenn dein Schutz nicht so richtig funktioniert, wirst du streng und hart oder du verschließt dich oder ziehst dich zurück. Im schlimmsten Fall leidest du so stark, sodass du dem anderen Vorwürfe machst oder ihn sogar angreifst – oder dich total verkriechst und erstarrst.
Zum Vergleich der gelöste Zustand: Du hast Mitgefühl mit deinem Gegenüber und hast zugleich eine große Klarheit. Du weißt genau, was du willst. Dadurch weißt du auch klar, dass das Verhalten des anderen Menschen gerade nicht zu deinen Vorstellungen, Zielen, Wünschen, Visionen etc. passt. Dementsprechend sagst du auch mitfühlend und klar, was genau deine Ziele sind und dass das Verhalten des anderen leider nicht dazu passt. Du erklärst weiter, dass du dich deswegen zurückziehst oder eine Grenze setzt oder eine andere begrenzende Handlung durchführst. Dabei geht es nur um dein Ziel. Der andere kann nichts für dein Ziel und deine dazugehörige Begrenzung.
Sobald du dich aber in irgendeinem Moment emotional gegen den anderen wendest und streng oder hart wirst, ist dein Mitgefühl abgestellt und du beginnst zu kämpfen. Im schlimmsten Fall steckst du im Modus „Kampf gegen das Falsche oder gegen das Böse“. Dieses abgestellte Mitgefühl ist das Zeichen für dein aktiviertes Schutz-Netzwerk, durch das dein eigenes Potenzial eingeschränkt wird.
Das Helfen und das Grenzensetzen ist grundsätzlich nicht „falsch“. Doch wenn unser Schutz-Netzwerk dabei aktiviert ist und unser Potenzial einschränkt, hat das bestimmte Folgen: In beiden Fällen fühlen wir uns nicht frei – beim Helfen wie beim Grenzensetzen. Sondern wir fühlen uns irgendwie an die Situation gebunden. Wir „müssen“ so handeln. Es fühlt sich so an, als seien wir dazu innerlich gezwungen, als seien wir irgendwie damit „verstrickt“. Wir haben nicht die freie Wahl. Manchmal tauchen wir aus so einer Situation wieder auf und denken: „Ich wollte so doch gar nicht sein. Aber ich konnte nicht anders …“
Dieses „Sich gezwungen fühlen, auf eine bestimmte Weise handeln zu müssen“ deute ich als Zeichen für die innere Einschränkung und Begrenzung unseres eigenen Potenzials.
Wie können wir nun damit umgehen?
Erleben wir uns beispielsweise in der Gegenwart als besonders abwertend oder uns emotional verteidigend, dann können wir nun deuten, dass jetzt gerade unser Schutz-Netzwerk im Gehirn aktiv ist. Wir leben eine „Einschränkung in unserem Gehirn“ – anstatt Mitgefühl mit unserem Umfeld haben zu können. Hinter solchen Einschränkungen liegt unser verstecktes Potenzial verborgen, das bisher durch diese Einschränkungen zurückgehalten wird.
Schauen wir uns eine Einschränkung genauer an (wie das geht, zeige ich im 7. Kapitel), dann können wir entdecken, dass wir uns gerade tief in unserem Gefühl vor etwas schützen. Einschränkungen haben immer eine wichtige Schutzfunktion, denn unser Gehirn deutet gerade in irgendeinen Bereich unseres Umfeldes eine Gefahr. Unser Mitgefühl ist durch diese Deutung verbaut.
An dieser Stelle können wir jetzt die Deutungskraft unseres Gehirns einsetzen, eine neue stimmigere Deutung finden (siehe das Kapitel 7 über Wahlmöglichkeiten) und mit dieser stimmigen Deutung einen neuen und noch sinnvolleren Schutz entwickeln. Einen Schutz, der uns nicht Freiheit nimmt, sondern Freiheit schenkt. Dieser neue Schutz schließt unser eigenes Potenzial nicht mehr aus, sondern integriert das Potenzial vollständig. Dadurch öffnen wir wieder die Tür zu unserem Potenzial und bleiben gleichzeitig beschützt.
Das ist wie beim Treppenlaufen. Sind wir einmal die Treppe runtergefallen, dann entwickeln wir einen Schutz vor allen Treppen. Wie werden übervorsichtig. Diese Vorsicht nehmen wir ernst und bauen sie so umfassend aus, dass wir das Treppenlaufen besonders gut beherrschen lernen. Wir bleiben nicht in einer ängstlichen Vorsicht stecken und bremsen unser Wachstum oder das Wachstum anderer, sondern wir entwickeln unsere Vorsicht weiter – bis hin zu einer perfekten Fähigkeit, durch die wir uns während des Treppenlaufens optimal konzentriert vor einem Sturz schützen. Im besten Fall werden wir zu einer Treppenlauf-Akrobatin, die jeden Wettbewerb im Treppenlaufen gewinnt und die andere Menschen in dieser Fähigkeit unterrichten kann.
Gleichzeitig entwickeln wir auch unser Angstgefühl vor einer erneuten Verletzung weiter – für den Fall, dass wir trotz aller Perfektion beim Treppenlaufen doch wieder einmal stolpern sollten. Wir entfalten das Potenzial, mit unvermeidbaren Verletzungen perfekt umgehen zu können. Wir lernen, Verletzungen vollständig zu verarbeiten und sie selbst wieder heilen zu können (mehr dazu ebenfalls in Kapitel 7).
Haben wir auf diese Weise unseren Schutz optimiert und unser Potenzial befreit, dann sind wir erleichtert, entspannt, wesentlich stressfreier und leben damit auch gesünder. Wir erleben uns einfühlsam als auch freudig energievoll. Unsere abwertenden Deutungen verwandeln sich entweder in klare, mitfühlend freundliche und würdevolle Grenzen und Unterscheidungen – oder in offene integrierende Haltungen – oder in beides. Spontan und kreativ lebendig.
Es geht also nicht darum, gegen unser Schutz-Netzwerk im Gehirn zu kämpfen oder unsere antrainierten Einschränkungen wieder aufzulösen. Sondern es geht darum, die Einschränkungen ernst zu nehmen, sie mithilfe der Deutungskraft unseres Gehirns immer weiter zu verfeinern und auszubauen und sie letztendlich mit unserem gesamten Potenzial optimal zu vereinen. Dadurch entstehen eine umfassende Klarheit und ein Gefühl von einer neuen Freiheit und Lebendigkeit.
Diesen Prozess unterstütze ich mit all meinen persönlichen Deutungen im gesamten Buch. Ich biete dir (neue?) Sichtweisen an, mit deren Hilfe du möglicherweise eine ganze Menge bisheriger Einschränkungen so weiterentwickeln kannst, dass eine neue Klarheit, Freiheit und Lebendigkeit in deinem Leben entstehen kann.
Bei mir sieht das beispielsweise so aus: Erlebe ich einen mich abwertenden Menschen, dann reagiere ich darauf auf zweierlei Weise:
1. Ich beobachte bei mir, ob ich mich durch diese Abwertung gestresst und unsicher selbst einschränke (oder sogar am liebsten den anderen begrenzen will). Oder fühle ich mich weiterhin verbunden und gehe mit dieser Abwertung gelöst, frei, klar und mitfühlend um? Wie deutet mein Gehirn die Situation automatisch? Falls ich mich (oder den anderen) tatsächlich noch gestresst einschränke, dann entwickle ich anschließend meine automatische Deutung an dieser Stelle im Gehirn weiter (durch neue Wahlmöglichkeiten). Ich optimiere meinen Schutz und befreie dadurch ein weiteres Potenzial in mir. Diese Erfahrung lässt mich wieder verbunden und zusätzlich begeistert fühlen: Wieder etwas Neues erkannt, weiterentwickelt und befreit!
2. Ich nehme die abwertende Person mit ihrem Schutzimpuls vollständig ernst. Dabei deute ich, dass sie selbst nun die Chance hat, in sich eine Deutung weiterzuentwickeln. Sie kann ihren aktuellen Schutz optimieren und ihr Potenzial wieder befreien. Würde sie das tun, dann könnte sie letztendlich stressfrei und mitfühlend liebevolle und würdevolle Grenzen setzen, klare Unterscheidungen aussprechen oder sich integrierend äußern. Sie könnte einfühlsam und freudig energievoll werden. Solange sie das nicht tut, habe ich Mitgefühl mit ihrer einschränkenden Deutung und den schmerzlichen Konsequenzen. Dabei schaue ich aufmerksam, ob und wie ich sie vielleicht unterstützen kann, und bin gerne bereit dazu (ohne Helferdrang – und wenn ich doch einen Drang spüre, ist gerade mein Schutz-Netzwerk überaktiv).
Ich lade dich dazu ein: Solltest du an irgendeiner Stelle beim Lesen dieses Buches in dir selbst eine starke Wertung (oder vielleicht auch Selbstbewertung?) spüren, dann beobachte, ob du dich dabei irgendwie verschlossen fühlst. Oder gehst du mit meinen Beschreibungen gelöst, frei, klar und mitfühlend um? Kannst du klar und innerlich ausgeglichen einen Unterschied zwischen deinen und meinen Sichtweisen und Deutungen feststellen? Wie deutet dein Gehirn meine Formulierung automatisch?
Wenn du dich tatsächlich auf irgendeine Weise unwohl oder sogar gestresst fühlst, dann biete ich dir an, dies ernst zu nehmen. Schaue es dir genau an und frage dich selbst, welcher Schutz möglicherweise dahintersteckt. Wie kannst du diesen Schutz so optimieren, dass sich auch deine automatische Deutung weiterentwickelt? Vielleicht kannst du durch deinen besseren klaren Schutz und die neue Deutung ein Potenzial in dir befreien? (Kapitel 7).
Die Befreiung deines Potenzials könnte dazu führen, dass du dich bei einem Unterschied unserer Sichtweisen nicht mehr unwohl oder gestresst fühlst, sondern für dich klar bist – und gleichzeitig Mitgefühl mit mir und meiner Sichtweise hast. Du kannst mich mit meinem unbewussten Schutzimpuls vollständig ernst nehmen. Gleichzeitig kannst du in mich deuten, dass ich an dieser Stelle die Chance habe, in mir selbst eine Deutung weiterzuentwickeln. Du deutest: „Würde Olaf sich noch mehr mit sich selbst auseinandersetzen und noch besser reflektieren, dann könnte er seinen Schutz optimieren und ein verstecktes Potenzial an dieser Stelle wieder befreien. Würde Olaf das tun, dann könnte er seine Sichtweise noch stressfreier und integrierender und noch mehr ‚anbietend‘ formulieren, weniger belehrend, behauptend oder grenzüberschreitend. Oder er würde sogar seine Sichtweise ändern.“
Vielleicht hast du den Impuls, mir ein entsprechendes Feedback als Unterstützung für die Befreiung meines Potenzials zu geben.
So kannst du im befreiten Zustand über mich denken und mit mir umgehen. Behaupte ich. :-)
Lege ich gleich meine Karten offen auf den Tisch, dann deute ich es wie folgt: Jeder wird mein in Worte gefasstes Selbstbild auf seine Weise mit seinem individuellen Gehirn (mit seiner Offenheit und seinen Grenzen) deuten. Und ob wir dann ein Stück des Weges gemeinsam gehen, ob wir zusammen bisher abgespaltene Potenziale befreien und neue Potenziale entfalten oder ob wir unterschiedliche Wege gehen oder beides abwechselnd, das wird sich zeigen. Das hängt von dem Willen, von den jeweiligen Zielen, Wünschen, Bedürfnissen und Sichtweisen als auch von den Stimmungen der jeweiligen Person ab, die beim Lesen auf mich schaut, mich zu verstehen versucht und mich auf ihre individuelle Weise deutet und bewertet.
Was ich hier tun kann: Ich gebe mein Bestes – natürlich aus meiner persönlichen Perspektive gesehen. Und ich biete dir mein Bestes an und stelle es dir zur Verfügung. Wie du dann mein Angebot deutest und darauf reagierst und damit umgehen willst, entscheidest du logischerweise selbst. Darauf kann ich gar keinen Einfluss haben. Ich habe nur darauf Einfluss, ob ich selbst mein Bestes gebe.
Meine Absicht ist also tatsächlich, mich darum zu kümmern, dass ich hier mein Allerbestes als Buch-Angebot für dich auf den Markt bringe. Und sobald ich zufrieden bin und das Gefühl habe, mein Allerbestes gegeben zu haben, veröffentliche ich dieses Buch. Hältst du es jetzt in deinen Händen oder liest es am Computer, dann weißt du, dass du vor Augen hast, was ich selbst aktuell als mein Allerbestes bewerte.
Obwohl … ich frage mich: Kannst du überhaupt lesen, was ich als mein Allerbestes bewerte? Wenn dein Gehirn mein Gelesenes auf seine individuelle Weise deutet? Liest du dich dann in Wirklichkeit nicht selbst?
Jetzt wird´s etwas komplex – und vielleicht auch verwirrend. Dazu biete ich dir eine logische Klärung im Kapitel vier an. Natürlich meine allerbeste Klärung. Und ich zeige dir auch, wie ich phänomenal mit dem Deuten meines eigenen Gehirns umgehe, sodass es befreiend auf mich selbst zurückwirkt. Dabei geht es nicht direkt um „Positive Psychologie“, sondern es geht um „neugieriges Erforschen“, um „ganz genaues Hinschauen und Hinfühlen“ und „neue stimmige und wohltuende Schlüsse ziehen“. Vielleicht kannst du meine neuen Schlüsse nachvollziehen und machst mit ihnen ähnliche Erfahrungen? Das wirst nur du erleben und bewerten können.
Nun zu meiner Person und meinen offenen Karten. Dabei kann ich dir gleich meine nächste wichtige Schlussfolgerung vorstellen.
Wenn ich mich jetzt frage: „Was soll ich am besten über mich persönlich schreiben?“, dann fühle ich mich unsicher und unklar. Ich habe das Gefühl, diese Frage nicht wirklich beantworten zu können.
Inzwischen habe ich für dieses Unsicherheitsgefühl eine für mich sehr stimmige Deutung gefunden: Ich betrachte diese Unsicherheit als vollkommen natürlich und normal. Ich habe durch meine Frage: „Was soll ich am besten über mich schreiben?“, mein Gefühl selbst beeinflusst und die Unsicherheit selbst erzeugt. Die Unsicherheit ist die direkte Reaktion meines Gehirns auf meine Frage.
Wieso soll unser Unsicherheitsgefühl normal sein? Und wieso erzeugen wir es selbst?
Schauen wir uns das einmal genauer an: Was mache ich in Wirklichkeit, wenn ich danach frage, was ich tun „soll“? Ich richte meine Aufmerksamkeit auf andere Menschen. Ich frage mich, was wohl die anderen Menschen wünschen und für richtig halten. Was „soll“ ich ihrer Meinung nach schreiben? Es ist eine Art Selbsthypnose. Wenn ich mich selbst frage: „Was soll ich nur tun?“, dann wartet alles in mir auf einen anderen Menschen, der mir sagt, was ich tun soll, der mir also klare Anweisungen gibt, die ich umsetzen kann.
Wenn aber gerade gar kein Mensch da ist, der mir sagt, was ich tun soll, dann fühle ich mich unsicher und unklar. Denn ich erhalte von niemandem eine klare Antwort.
Wenn ich mich frage, was ich hier am besten über mich schreiben soll, dann frage ich danach, was Leser:innen über mich lesen wollen. Da aber jeder Mensch dies anders beantwortet, ist meine Frage unbeantwortbar. Stelle ich mir diese Frage aber trotzdem, was andere Menschen über mich am liebsten lesen wollen, dann führt das logischerweise in mir zu einem Gefühl, mit dem ich unsicher in der Luft hängen bleibe.
Die Lösung ist: Ich frage mich, was ich tun „will“! Was will ich über mich schreiben? Und als Reaktion auf diese Frage fühle ich Klarheit und es sprudelt aus mir heraus. Denn wenn ich mich allein auf mich selbst konzentriere, dann weiß ich auch, was ich wirklich will. Dann spüre ich genau, was für mich selbst stimmig ist und was nicht.
Wenn ich mich anschließend aber wieder frage: „Wie denken wohl andere Menschen darüber, wenn sie das, was ich hier geschrieben habe, lesen?“, dann fühle ich mich wieder unsicher und unklar. Denn diese Frage kann ich mir ja niemals selbst beantworten. Das können mir nur alle anderen Menschen beantworten. Warum? Weil wir uns alle mit unseren Gehirnen unterscheiden. Jeder hat aufgrund seines persönlichen Lebensweges ein ganz individuell gewachsenes Gehirn. Und ich kann nicht in die Gehirne anderer Menschen hineinschauen. Niemand kann das. Über die Inhalte fremder Gehirne sind wir uns immer wieder unsicher. Auf natürliche Weise.
Deswegen ist ein Unsicherheitsgefühl völlig normal, wenn wir uns fragen, was wohl andere denken und wie sie was bewerten. Ein Unsicherheitsgefühl entsteht immer, sobald wir unsere Aufmerksamkeit auf andere Menschen richten und über sie nachzudenken beginnen. Hast du das bei dir selbst schon einmal beobachtet? Kennst du das?
Ich lade dich dazu ein, ganz genau zu erforschen: Was ist bei dir zuerst da? Deine Frage, was wohl andere Menschen über dich denken, oder dein Unsicherheitsgefühl? Ich vermute, dass zuerst dein innerer Fokus auf die Frage gerichtet ist, wie andere Menschen dich bewerten. Die logische Reaktion auf deine Frage ist dein Unsicherheitsgefühl. Nicht umgekehrt. Du fühlst dich nicht zuerst grundlos unsicher und fragst dich dann, was andere denken. Sondern es ist zuallererst deine Aufmerksamkeit auf andere da.
Vielleicht steckt als Ursache hinter deiner Aufmerksamkeit auf andere sogar ein Schutz-Netzwerk in dir. Vielleicht hast du grundsätzlich Angst, in deinem Umfeld schmerzvolle Grenzen und Abwertungen erleben zu müssen. Diese Angst lenkt deinen Fokus automatisch auf andere Menschen und lässt deine Frage entstehen, wie du wohl bewertet wirst und ob du dich vielleicht vor Abwertungen schützen musst. Weil auf diese Weise dein Fokus auf andere gerichtet ist, entsteht dann zusätzlich zu deiner Angst auch noch dein natürliches Unsicherheitsgefühl.
Probiere aus, was sich in deinem Gefühl ändert, wenn du deinen inneren Fokus änderst, indem du dich fragst: „Was will ich selbst?“ Achte darauf, dass du nicht anschließend wieder denkst: „Und wie bewerten es andere, wenn ich sage oder tue, was ich selbst will?“ Und schon ist dein Fokus wieder auf andere gerichtet und löst Unsicherheit in dir aus.
Vielleicht könnte es helfen, dich in deiner Fantasie auf eine Insel zu projizieren, auf der du für dich allein bist. Und du hast hier auf dieser Insel einen Hubschrauber und kannst jederzeit fliegen, wohin du möchtest. Hier fragst du dich noch einmal: „Was will ich wirklich?“ Denn nun sind keine anderen Menschen anwesend, die möglicherweise über dich urteilen könnten. Vielleicht bekommst du auf diese Weise entspannten und guten Kontakt zu deiner inneren Klarheit.
Du kannst dir auch vorstellen, dass alle Menschen um dich herum dich in dem, was du selbst tun willst, liebevoll unterstützen. Wenn wirklich alle Menschen ausnahmslos auf deiner Seite sind und dir für deine Ziele und Wünsche vollständig zur Verfügung stehen, ohne deine Ziele und Wünsche zu bewerten, was willst du dann am allerliebsten tun? Und wie können dich die anderen Menschen dabei optimal unterstützen?
Vielleicht gehst du auch gleich auf das nächste Level. Du stellst dir mit dem vorhin angesprochenen gelösten Verhaltensmuster vor, dass du die schmerzvoll abwertenden Menschen ernst nimmst und Mitgefühl mit ihnen hast. Du deutest: „Ihre Abwertungen entstehen durch ihre aktuellen Ziele, Wünsche oder Bedürfnisse in Kombination mit ihrem Schutz-Netzwerk. Sie haben mit mir nichts zu tun.“ Du setzt eine würdevolle Grenze, indem du diese Menschen mit ihren Wünschen und ihren Abwertungen mitfühlend achtest und indem du die Abwertungen liebevoll dort lässt, wo sie hingehören: bei den anderen. Du lässt es ihre Angelegenheit bleiben, sich selbst darum zu kümmern, ihre Wünsche zu erfüllen, ihre Abwertungen zu klären und ihr Schutz-Netzwerk weiterzuentwickeln.
Und nun konzentrierst du dich auf dich selbst, auf deine eigenen Ziele, Wünsche und Bedürfnisse. Wie fühlst du dich dann?
Konntest du diese Fragen eben beantworten? Hast du einen Unterschied gemerkt und mehr Zugang zu deinem Klarheitsgefühl bekommen, als du dir die Insel oder die unterstützenden Menschen oder dein Mitgefühl und deine würdevolle Grenze vorgestellt hast? Mit solchen Vorstellungen und Deutungen kannst du dein Gehirn gezielt beeinflussen und beginnen, einen ersten Bereich deines Potenzials anzuzapfen. Ich werde später im Buch noch mehr darüber schreiben.
Zurück zu mir.
Was will ich hier über mich schreiben? Was ist mir wichtig?
Zunächst einmal gibt es im Internet für diejenigen, die an meinem Lebenslauf interessiert sind, eine sehr ausführliche Aufzählung vieler Stationen meines Lebens – von Geburt an. In diesem Lebenslauf „oute“ ich mich. So wie ich bin bzw. wie ich mich selbst sehe. Außerdem habe ich auf meinen verschiedenen Webseiten im Laufe der Jahre sehr viele Sichtweisen und Erkenntnisse veröffentlicht. Auch die Leseproben meiner Bücher sind sehr ausführlich gestaltet. Du findest alles hier im „Resonanz-Netz“ von meiner Frau und mir:
www.in-resonanz.net
Warum stelle ich so viele Informationen über mich öffentlich zur Verfügung? Und warum schreibe ich so viel über mich selbst? Bin ich selbstverliebt oder selbstsüchtig oder egozentrisch oder narzisstisch? Das wären verletzende oder entwürdigende Deutungen meines Tuns. Als Autor bin ich im Internet tatsächlich manchmal so abgewertet worden. Das hat mich nachdenken lassen. Denn obwohl ich Mitgefühl mit den Bewertenden hatte, fühlte ich mich tief in mir unzufrieden.
Das Ergebnis meines Nachdenkens war, dass mir noch ein paar Informationen über mich eingefallen sind, die ich sogar noch hinzufügen will. Zu dem, was ich schon veröffentlicht habe. Das werde ich gleich in diesem Kapitel tun. Ich öffne mich also noch mehr (anstatt mich zurückzuziehen). Und wenn ich dann immer noch von jemandem entwürdigt werde, dann fühle ich beim Lesen seiner Entwürdigung zwar einen Schmerz, doch es macht mich nicht mehr unzufrieden. Ich bin mit mir selbst zufrieden, weil ich alles (für mich) Wichtige gesagt und zur Verfügung gestellt habe. Ich habe mein Bestes gegeben. Diese Zufriedenheit lässt mich den Schmerz der Entwürdigung entspannter erleben und dann auch leichter wieder loslassen.
Auch diesen Zusammenhang biete ich dir für dein eigenes Leben an. Beobachte, ob du in den Situationen, in denen du von anderen Menschen verletzt wirst, mit dir selbst rundum zufrieden bist und Mitgefühl mit deinem Gegenüber haben kannst. Falls du aktuell keine verletzenden Situationen erlebst (das wünsche ich dir, dass dich niemand verletzt!), dann denke zurück an eine Situation, in der du tatsächlich einmal zutiefst verletzt warst.
Weißt du noch, ob du in dem Moment an dir selbst gezweifelt hattest? Dachtest du, dass du nicht richtig bist, wie du bist? Oder war es tatsächlich umgekehrt: Warst du mit dir selbst vollkommen in Frieden? Und konntest du deswegen klar sehen, dass das verletzende Verhalten oder die schmerzvolle Bewertung des anderen Menschen nichts mit dir zu tun hatte? Konntest du Mitgefühl mit dem anderen haben? Konntest du betroffen darüber sein, dass der andere so schmerzvoll werten oder entwürdigen muss?
Dieses Gefühl, mit mir selbst vollkommen in Frieden zu sein, ist für mich eine Art „weiße Leinwand“. Ich kann auf dieser Leinwand das entwürdigende und verletzende Verhalten anderer Personen viel klarer als „unabhängig von mir“ erkennen. Auch wenn ich den Schmerz der Entwürdigung mitfühle. Die andere Person handelt aus ihrem individuellen Gehirn heraus. Sie ist selbst auf irgendeine Weise verletzt. Ihre verletzende Aktion ist eine Art „Schutzimpuls“ aus ihrem Schutz-Netzwerk heraus, das ich vollständig ernst nehme.
Ein rundum zufriedener und glücklicher Mensch würde andere Menschen nicht entwürdigen oder verletzen – höchstens unabsichtlich. Anschließend würde er sagen, dass es ihm leidtut, weil es nicht seine Absicht war, jemand anderem Leid zuzufügen. Aber eine Person, die mich entwürdigt und verletzt und dann ihr Verhalten vielleicht sogar noch rechtfertigt, sich also mit diesem Verhalten im Recht fühlt, wird höchstwahrscheinlich irgendwo selbst verletzt sein oder sich selbst entwürdigt fühlen – und ist aus diesem Gefühl heraus schützend aktiv (aktiviertes Schutz-Netzwerk). Sie betrachtet mich (unbewusst?) als einen „Täter“, vor dem man sich schützen muss, auf welche Weise auch immer.
Vielleicht habe ich ihr gegenüber auch tatsächlich einen Fehler gemacht. Trotzdem hat ihr verletzendes Verhalten nichts mit mir zu tun. Denn theoretisch ist die andere Person frei, ihre Wertung oder ihr Feedback an mich auch freundlich, liebevoll und würdevoll auszudrücken. Sie hat die Wahl. Doch sie wählt nicht den liebevollen Weg. Sie agiert stattdessen verletzend und entwürdigend. Durch ein aktiviertes Schutz-Netzwerk beeinflusst wählt sie bewusst oder unbewusst diesen schmerzvoll angreifenden Weg. Aus irgendeinem für sie sinnvollen guten Grund. (Und würde sie diesen guten Grund genauer erforschen, könnte sie höchstwahrscheinlich einen wichtigen Schutz entdecken, ihn weiterentwickeln und optimieren – und dadurch ein dahinter verstecktes Potenzial freilegen.)
Dies alles kann mein Gehirn voller Mitgefühl deuten, wenn ich mit mir selbst vollkommen in Frieden bin. Wenn ich klar sehen kann, was ich will oder wie ich es mir wünsche. Ich deute, dass die andere Person eigenverantwortlich den schmerzvollen Ausdruck für ihre Wertung gewählt hat, anstatt den würdevollen Ausdruck. Ich bin für ihre Wahl nicht verantwortlich. Ich fühle zwar den Schmerz der verletzenden Wertung der anderen Person in mir selbst – als Resonanz. Ich fühle mit. Ich habe Mitgefühl. Gleichzeitig identifiziere ich mich nicht mit diesem Gefühl. Ich fühle Leid, bin aber nicht be-Leid-igt. Ich fühle mich nicht persönlich angegriffen. Und deswegen kann ich auch leichter davon wieder loslassen. Mit mir selbst bin ich ja zufrieden. Da muss ich nicht mehr grübeln.
Um diese Zufriedenheit mit mir selbst zu erreichen, spielt es eine große Rolle, ob ich meine Aufmerksamkeit auf einen anderen Menschen richte oder auf mich selbst. Das ist genauso wie bei den Fragen: „Was soll ich tun?“ (Blick auf einen anderen Menschen) oder „Was will ich tun?“ (Blick auf mich selbst).
Frage ich mich nämlich, ob ich für einen anderen Menschen alles richtig mache, dann ist es schwer, ein Zufriedenheitsgefühl in mir zu bekommen. Es ist fest daran geknüpft, ob der andere Mensch mit mir zufrieden ist. Im schlimmsten Fall kann ich hier tun, was ich will, und die andere Person wird einfach nicht zufrieden mit mir. Egal was ich tue – es ist in ihren Augen falsch. Logischerweise kann ich mich dann auch nicht mit mir selbst zufrieden fühlen, wenn ich mein Zufriedenheitsgefühl vom Zufriedenheitsgefühl der anderen Person abhängig gemacht habe.
Wenn es aber nur um meine ganz eigenen Ziele geht, um meine Wünsche, wie ich sein will, was ich tun will, dann bin ich immer in den Momenten zufrieden mit mir, wenn ich meine Ziele erreicht habe – oder wenn ich auf einem guten Weg bin. Deswegen gebe ich auch beim Schreiben dieses Buches mein Bestes. Im optimalen Fall bin ich am Ende mit mir selbst zufrieden und freue mich, dieses Buch auf diese Weise zur Verfügung stellen zu können. Diese Zufriedenheit ist eine weiße Leinwand und sie ist komplett unabhängig von den Reaktionen anderer Menschen.
Aber auch dann, wenn ich ein eigenes Ziel einmal nicht erreichen sollte, bin ich nicht sofort unzufrieden. Denn ich bin auch in diesem Fall frei, von diesem Ziel loszulassen und zu bestimmen, dass es nicht so schlimm ist, wenn ich es nicht erreiche. Dann kann ich genauso Frieden mit mir fühlen. Schaue ich allein auf mich, dann bin ich frei, so über mich zu denken und so mit mir umzugehen, dass ich letztendlich ein Gefühl von Frieden habe. Ich kann mir vergeben, ich kann mir zustimmen, ich kann sagen, dass „auch das jetzt dazugehört“, ich kann eine integrierende und liebevolle Haltung mir gegenüber einnehmen. Dies alles kann ich tun, wenn ich allein (auf einer „Insel“ innerhalb meines individuellen Gehirns) auf mich selbst und meine Ziele schaue – und nicht auf die Ziele und Bewertungen anderer, über die ich ja sowieso immer unsicher bin.
Früher gab es eine Seite in mir, mit der ich mich selbst kritisiert habe. Tauchte diese Seite auf und wurde mir das bewusst, dass ich mich schon wieder selbst kritisiere, dann fragte ich mich hinterher, welcher andere Mensch in meiner Vergangenheit ursprünglich diese kritische Stimme hatte. Von wem habe ich diese kritische Stimme wohl automatisch „übernommen“ (sie in mir „imitiert“, sie innerlich „nachgemacht“)?
Denn ich deutete mein kritisierendes Verhalten als ein übernommenes, angelerntes Kritik-Verhaltensmuster in meiner Kindheit oder Jugend. Oder vielleicht auch als ein übernommenes Kritik-Verhaltensmuster von der Person, mit der ich jetzt gerade eng zusammenlebte. Mit dieser Deutung konnte ich mir selbst sagen: „Dieser inneren Kritik stehe ich nicht zur Verfügung. Sie ist nicht wirklich meine eigene Kritik. Ich habe sie nur von jemandem übernommen. Ich lasse sie dort, wo sie eigentlich hingehört.“ So konnte ich dieses Kritik-Verhaltensmuster in mir allmählich ablegen und das dahinter verborgene Potenzial (= Zufriedenheit mit mir und meinem Wachstumsprozess) wieder entfalten.
Damals machte ich mir Schritt für Schritt bewusst, dass meine Aufmerksamkeit im Grunde immer wieder auf andere kritisierende Menschen konzentriert war und ich mich deshalb selbst kritisierte. Ich deutete unbewusst mit meinem Schutz-Netzwerk schmerzliche Grenzen in mein Umfeld und begrenzte mich dadurch selbst. Auf meiner Insel (wenn ich mit mir vollkommen allein bin) würde ich mich nämlich nicht selbst kritisieren. Ich wäre viel sanfter mit mir, viel verständnisvoller und einsichtiger und zustimmender. Ich würde mir viel mehr erlauben. Im Grunde würde ich mir auf meiner Insel sogar endlich alles erlauben. Auch Fehler. Dadurch wäre ich viel mehr in Frieden mit mir selbst.
Ich hatte früher also festgestellt, dass jede kritische Stimme in mir immer im Zusammenhang mit anderen Menschen entstand, immer im Zusammenhang mit der unsicheren Frage, wie wohl andere Menschen mein Verhalten bewerten würden.
Inzwischen habe ich keine kritische innere Stimme mehr. Wenn ich entdecke, dass ich einen „Fehler“ gemacht habe, dann lerne ich einfach daraus und korrigiere meine Aufmerksamkeit, damit ich es in Zukunft besser mache. Das ist eine normale Feedback-Schleife. Dagegen betrachte ich jegliche eigene Kritik mir selbst gegenüber als eine kleine Selbstverletzung und damit als Zeit- und Energieverschwendung. Und als niemals wirklich nötig. Wir Menschen können optimal durch einfache liebevolle Feedbacks und viel Mitgefühl miteinander dazulernen. Das genügt. So deutet mein Gehirn es heute. Mit dieser Deutung fühle ich sehr viel Frieden in mir und habe Freude an meinen Wachstumsprozessen mithilfe von Fehlern.
Wenn ein anderer Mensch der Ansicht ist, dass ich einen Fehler gemacht habe, und er kritisiert mich, dann habe ich inzwischen folgende Verhaltensmöglichkeit: Ich kann mich ihm und seiner Unzufriedenheit vollkommen liebevoll und mitfühlend zur Verfügung stellen. Ich sehe mich in dem Moment als „Gast in seinem Zuhause“. Deshalb kann ich auch aus ganzem Herzen sagen, dass es mir leidtut. Auch wenn ich diesen „Fehler“ selbst nicht als Fehler betrachten sollte. Ich kann dem anderen sagen, dass es nicht meine Absicht war, dieses ungute Gefühl im anderen auszulösen. Ich bin bereit, meinen „Fehler“, den der andere sieht, wieder vollständig auszugleichen. Deshalb biete ich dem anderen an: „Wie soll ich es wieder gut machen?“ Damit gebe ich mein Bestes. Durch mein Mitgefühl, durch meine Offenheit und dadurch, dass ich den anderen mit seiner Unzufriedenheit ernst nehme, bin ich mit mir selbst zufrieden und habe kein schlechtes Gewissen. Denn ich weiß ja, dass ich den anderen nicht absichtlich verletzt habe. Ich kenne mich selbst am besten.
Ist mir aber der andere immer noch böse, dann nehme ich auch das ernst. Ich sehe mitfühlend, dass bei ihm möglicherweise ein Schutz-Netzwerk aktiviert ist und er sich durch sein Böse-Sein irgendwie umfassend schützt. Ich kann sein Gefühl liebevoll bei ihm lassen und seinen Ärger als „unabhängig von mir“ erkennen. Denn ich habe mein Bestes für den Ausgleich meines „Fehlers“ zur Verfügung gestellt. Und wenn mein Gegenüber trotzdem noch nicht zufrieden ist und mir auch nicht ganz genau sagt, was er wirklich von mir braucht oder will, dann sehe ich auf meiner weißen Selbstzufriedenheitsleinwand, dass die Ursache der Unzufriedenheit des anderen irgendwo in ihm selbst liegt.
Ich schaue, ob ich dem anderen auch weiterhin für sein Unwohlgefühl zur Verfügung stehen kann oder zur Verfügung stehen will. Ich schaue, was ich noch für den anderen tun kann. Und wenn ich den anderen nicht weiter zufrieden stellen kann, dann lasse ich die Verantwortung für das Erreichen von Zufriedenheit vollständig bei ihm. Auch wenn es mir gleichzeitig sehr leidtut und ich viel Mitgefühl mit dem Schmerz des anderen habe. Dieses Mitgefühl löst aber keine Selbstkritik und kein Schuldgefühl mehr in mir aus. Ich habe mein Bestes gegeben. Mehr geht offenbar nicht. Ich bleibe in Frieden mit mir selbst, während ich volles Verständnis und Mitgefühl mit der schmerzvollen Reaktion des anderen habe.
Manchmal passt es sogar, den anderen liebevoll über meine Erfahrung zu informieren, dass Kritik generell mein Gehirn unter Stress setzt und es damit blockiert. Wenn der andere mir liebevolle verständnisvolle Feedbacks geben würde, dann fühle ich mich damit wohl und kann viel besser daraus lernen. Vielleicht versteht es mein Gegenüber und ändert sein schmerzlich kritisierendes Verhalten? Vielleicht schafft er es, mir in Zukunft würdevolle Feedbacks zu geben?
Ich komme wieder zu meiner Frage, warum ich dir so viele Informationen über mich zur Verfügung stelle. Und warum ich so viel über mich selbst schreibe. Dafür gibt es mehrere Gründe.
Wenn ich über mich selbst schreibe, dann fühle ich mich authentisch. Denn in Wirklichkeit kann ich nur über mich und mein eigenes deutendes Gehirn schreiben. Ich nehme ja nur wahr, was meineigenes Gehirn in die äußere Realität deutet. Daher weiß ich über mich selbst am besten Bescheid. Am allerbesten. Das entspricht den Tatsachen, ist also „authentisch“.
Über andere Menschen und ihre Gehirne und ihre eventuellen Schutz-Netzwerke kann ich nur spekulieren (ihr Verhalten zu deuten versuchen). Denn unsere Gehirne unterscheiden sich alle voneinander.
Und umgekehrt: Niemand anderes weiß mehr über mich, als ich über mich. Selbst in mein Unbewusstes können andere Menschen nicht besser hineinschauen als ich selbst. Andere Menschen können spekulieren, können Vermutungen über mich anstellen, können mich deuten. Sie können vermuten, wie es mir wohl geht, was ich brauche oder was mir guttun würde. Sie können darüber spekulieren, was ich für ein Mensch bin. Sie können meine Körpersprache deuten. Sie können deuten, was ich noch für ungelöste Probleme in meinem Unbewussten habe. Wenn sie gut sind, treffen sie mit ihrer Deutung vielleicht sogar einen Kern.
Das alles kann aber nur ich bestätigen. Nur ich kann sagen, ob ich mich gesehen fühle oder nicht. Nur ich kann das bewerten. Daher bin ich die erste und letzte Instanz, die mich selbst wahrnehmen und unbewusste Inhalte meines Gehirns an die Oberfläche holen kann.
So ist meine mich sehr befreiende Deutung. Denn mit dieser Sichtweise, dass ich mich selbst am besten kenne, hat keine andere Person mehr eine „Beeinflussungschance“. Keine kann mir gegenüber behaupten, ich hätte da noch unbewusste Probleme, um die ich mich mal kümmern sollte. Keine kann behaupten, ich würde aus einem Schutz-Netzwerk heraus aktiv sein. Ich kann frei deuten: Das ist ihre ganz persönliche Deutung der Situation – aus ihrem individuellen Gehirn heraus. Nur ich kann ihr Deutungsangebot bestätigen oder es als „unstimmig“ ablehnen.
Wenn ich also in diesem Buch über mich persönlich schreibe, dann kann ich dabei vollkommen authentisch sein. Denn ich schreibe über das, was ich am besten kenne: über mich und meine Deutungen. Dieses Gefühl der Authentizität lässt mich gleichzeitig frei fühlen. Und wenn ich mich frei fühle, dann habe ich Zugang zu meinem tiefsten Potenzial und das Buch kann einfach so aus mir herausfließen.
Authentizität ist demnach der erste Grund, warum ich viel über mich schreibe. Ein weiterer Grund ist, dass ich die Transparenz liebe. Denn je transparenter ich über mich schreibe, umso klarer haben andere Menschen die Möglichkeit zu sehen, woran sie mit mir sind. Mit wem sie es zu tun haben. Vielleicht können sie dann auch besser entscheiden, ob sie eine Wellenlänge zu mir fühlen. Das bedeutet: Je offener, transparenter, ehrlicher ich über mich rede, umso kleiner ist die Projektionsfläche für andere Menschen. Wobei natürlich andere mit der Deutungskraft ihres Gehirns immer noch frei bleiben, meine ehrlichste Äußerung als „Lüge“ zu deuten …
Wenn ich aber gar nichts über mich persönlich sage, dann erhöhe ich die Wahrscheinlichkeit, dass viele Menschen ganz viel Unstimmiges in mich projizieren. Sowohl Positives als auch Negatives. Sie können verstärkt frei darüber spekulieren, was ich wohl denke, wie ich wohl bin usw.
