Dein Körper. Deine Entscheidung. - Luise Morgeneyer - E-Book

Dein Körper. Deine Entscheidung. E-Book

Luise Morgeneyer

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Beschreibung

Du bist nicht allein.

Einfühlsam und aufklärend begleitet Luise Morgeneyer alle Gefühle rund um das Thema Abtreibung. Neben sehr persönlichen Erzählungen und Erfahrungen bietet sie umfassende Informationen zu

• rechtlichen Rahmenbedingungen,

• medizinischen Aspekten,

• Hintergründen heutiger Mythen,

• ganzheitlicher Begleitung,

• eine Anleitung zur persönlichen Auseinandersetzung.

Dieses Buch versteht sich als warme Umarmung für alle, die mit der Entscheidung zur Abtreibung konfrontiert sind. Es ermutigt dazu, sich mit der eigenen Geschichte und tief verwurzelten Vorurteilen auseinanderzusetzen und bietet Anregungen und Impulse dazu, wie wir Schwangerschaftsabbrüche neu denken dürfen, die eigene Geschichte zu teilen und sich in einem oft tabuisierten Diskurs Gehör zu verschaffen. Durch praktische Tipps, ganzheitliche Ansätze und die Einladung zur Selbstreflexion wird das Buch zu einem wertvollen Begleiter auf dem Weg zur Akzeptanz und Transformation.

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EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Buch

Einfühlsam und aufklärend begleitet Luise Morgeneyer alle Gefühle rund um das Thema Abtreibung. Neben sehr persönlichen Erzählungen und Erfahrungen bietet sie umfassende Informationen zu

• rechtlichen Rahmenbedingungen,

• medizinischen Aspekten,

• Hintergründen heutiger Mythen,

• ganzheitlicher Begleitung,

• eine Anleitung zur persönlichen Auseinandersetzung.

Dieses Buch versteht sich als warme Umarmung für alle, die mit der Entscheidung zur Abtreibung konfrontiert sind. Es ermutigt dazu, sich mit der eigenen Geschichte und tief verwurzelten Vorurteilen auseinanderzusetzen, und bietet Anregungen und Impulse dazu, wie wir Schwangerschaftsabbrüche neu denken dürfen, die eigene Geschichte zu teilen und sich in einem oft tabuisierten Diskurs Gehör zu verschaffen. Durch praktische Tipps, ganzheitliche Ansätze und die Einladung zur Selbstreflexion wird das Buch zu einem wertvollen Begleiter auf dem Weg zu Akzeptanz und Transformation.

Autorin

Luise Morgeneyer ist Autorin und Content Creatorin. Ihre größte Leidenschaft besteht darin, Menschen zu inspirieren – sei es durch das Fühlen, ehrenamtliches Engagement oder die Freude am Lesen. Schon im Alter von fünfzehn Jahren begann sie, unter dem Pseudonym »KleinstadtCarrie« auf ihrem Blog über ihren persönlichen Werdegang zu berichten, und erreichte damit Tausende Leser*innen.Nach ihrem Studium der Medien- und Politikwissenschaften an der TU Dresden zog es Luise im Jahr 2016 nach New York, anschließend als digitale Nomadin um die Welt und schließlich für sieben Jahre nach Berlin. Aktuell lebt und arbeitet sie in Südfrankreich, wo sie auf ihrem Instagram-Kanal @luisemorgen zu ihren rund 140 000 Followern über Themen wie ehrenamtliches Engagement, Trauer, Sterben, mentale Gesundheit und körperliche Selbstbestimmung spricht. Ihr Konzept des »Slow Content« steht für eine achtsame Kommunikation mit ihrer Community. Neben ihrer Tätigkeit als Content Creatorin ist Luise auch als Bodyworkerin, ehrenamtliche Sterbebegleiterin und Doula für Abtreibungen aktiv.

LUISE MORGENEYER

Dein Körper Deine Entscheidung

Bewusste und ganzheitliche Begleitung bei Abtreibung

Alle Ratschläge in diesem Buch wurden von der Autorin und vom Verlag sorgfältig erwogen und geprüft. Eine Garantie kann dennoch nicht übernommen werden. Eine Haftung der Autorin beziehungsweise des Verlags und seiner Beauftragten für Personen-, Sach- und Vermögensschäden ist daher ausgeschlossen.

Der Verlag behält sich die Verwertung der urheberrechtlich geschützten Inhalte dieses Werkes für Zwecke des Text- und Data-Minings nach § 44b UrhG ausdrücklich vor. Jegliche unbefugte Nutzung ist hiermit ausgeschlossen.

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.

Copyright © 2026: Kailash Verlag, München, in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, Neumarkter Straße 28, 81673 München

[email protected]

(Vorstehende Angaben sind zugleich Pflichtinformationen nach GPSR.)

Redaktion: Jeri Soleil Perschke

Umschlaggestaltung: Ki 36, Sabine Krohberger

Umschlagmotiv: © shutterstock/Vasya Kobelev creativemarket

Satz und E-Book Produktion: Satzwerk Huber, Germering

ISBN 978-3-641-34063-6V001

www.kailash-verlag.de

Inhalt

Vorwort

Erster TeilMeine Erfahrung

Kapitel 1: Ich bin schwanger

Schwangerschaftsabbruch: Wie sprechen wir darüber?

Ich will das nicht

Fakten zur Verhütung

Kapitel 2: Ich möchte nicht schwanger sein

Tipps für die Entscheidungsfindung

Fragen stellen

Aussprechen

Aufschreiben

Du darfst deine Meinung jederzeit ändern

Kapitel 3: Hindernisse überwinden

Schwangerschaftskonfliktberatung

Gynäkolog*innensuche: Wo muss ich hin?

Sei sanft zu dir

Kapitel 4: Die Abtreibung

Methoden

Der erste Termin bei dem*der Gynäkolog*in

Tipps für die Wahrung der eigenen Grenzen

Warten

Tipps für die Vorbereitung auf den Schwangerschaftsabbruch

Risiken und Nebenwirkungen

Ausruhen

Tipps für den Umgang mit Schmerzen

Kapitel 5: Kurz danach

Das Post-Abortion-Syndrom gibt es nicht

Zweiter TeilAufarbeitung

Kapitel 6: Ich bin nicht allein

Tipps für eine liebevolle Begleitung

Kapitel 7: Staatliche Einmischung

Fakten und Zahlen

Die Sache mit den Papayas

Abtreibungsgegner*innen

Reproduktive Gerechtigkeit geht uns alle an!

Mach dich unabhängig!

Kapitel 8: Wissen aneignen

Repräsentation in Film, Serien und Literatur

Zur Geschichte der Abtreibung

Mythen

Tabus und Stigmata

Dritter TeilUnsere gemeinsame Wahrheit

Kapitel 9: Alles fühlen

Heilung

Trauer

Emotionen

Meine Transformation

Ich kann mütterlich sein, ohne Mutter zu sein

Kapitel 10: Gemeinsam transformieren

Sanfte Gesellschaft

Wie werden wir empathisch?

Mit Kindern über Abtreibung sprechen

Und was ist mit den Männern?

Hinweise für involvierte Männer

Kapitel 11: Visionen

Danksagung

Weiterführende Informationen

Begriffe

Literatur- und Quellenverzeichnis

»Schwangerschaftsabbrüche sind üblich, sicher, wirksam und retten Leben.«

(World Health Organization)

Vorwort

Entgegen allem, was die Gesellschaft uns sagt, können wir Schwangerschaften in Liebe abtreiben.

Bevor ich selbst ungewollt schwanger wurde, kannte ich Abtreibung als Schande oder Abtreibung als Geheimnis. Entweder ging es dabei um eine Lebenskrise oder einen eisernen emanzipatorischen Akt. Abtreibungen treten in der Öffentlichkeit oft nur dann in Erscheinung, wenn es um Gesetze, also Verbote oder Erlaubnis, geht. Wir sind gesellschaftlich so fokussiert auf die und eingenommen von der Frage, ob es erlaubt sein sollte, Abtreibungen durchzuführen, dass wir gar nicht merken, wie vieles wir darüber hinaus versäumen. Um ein moralisches Urteil zu fällen, präsentieren wir das Thema als abstrakt und nicht als eines, das Menschen betrifft. Dabei sind Abtreibungen in der Realität ganz und gar nicht verhandelbar – egal was wir über sie denken oder Regierungen festlegen: Abtreibungen finden statt, legal oder nicht legal. Sie werden als Thema von politischen Debatten und moralischen Diskussionen missverstanden. Dabei sind sie doch in erster Linie weibliche, menschliche Erfahrungen. Und als solche werde ich sie in diesem Buch auch behandeln.

Ich werde mich nicht mit den Fragen, ob Schwangerschaftsabbrüche gut oder schlecht, ob sie moralisch richtig oder verwerflich sind, beschäftigen. Es geht auch nicht um religiöse oder ethische Positionen oder Beseelungstheorien. Ich habe in diesem Buch nicht die Absicht, eine moralische oder politische Diskussion zu führen. Mir geht es um das lang Verborgene.

Wir Frauen tragen eine Geschichte in uns, in der Teile von uns immer wieder im Verborgenen verschwinden mussten. Über gewisse Dimensionen unseres Seins zu schweigen, sitzt uns tief in den Knochen. Wir haben gelernt, wie wir unsere Geschichten sicher verwahren. Und wir sind so gut darin geworden, unsere Geheimnisse zu hüten, dass wir selbst manchmal für lange Zeit nicht mehr wissen, wie unsere Wahrheit lautete. Um im Patriarchat sicher zu sein, müssen wir sie so gut versteckt halten, dass wir sie selbst nicht immer wiederfinden können. Es ist an der Zeit, dass Abtreibungsgeschichten, Abtreibungswissen und Abtreibungsweisheiten ans Licht kommen.

Dieses Buch ist entstanden aus der tiefen Überzeugung, dass es uns zusteht und wir fähig sind, unsere Abtreibungen zu fühlen, zu ehren. Es steht nicht für sich allein. Ich habe das nicht allein geschafft. Ich musste das nicht allein schaffen. Und du auch nicht. Ich sah einen Funken und folgte ihm. So viele wunderbare, kluge, essentielle Werke, Kämpfe und Texte von unzähligen Frauen, Lehrer*innen, Hexen und Held*innen und all den wichtigen Bewegungen, die sie anführten, leuchteten mir den Weg. Im Licht ihrer Arbeit, Sanftheit und Ausdauer entdeckte ich Wahrheiten – meine eigene und die so vieler anderer Menschen. Ich traf sie am Feuer. Im Kreis saßen sie drumherum und erzählten und erzählen einander Geschichten. Ich setzte mich dazu, lauschte, und wir weinten und tanzten und lachten und schrien. Wir flüstern, wenn wir es brauchen, nicht weil wir uns verstecken. Es gibt hier Zweifel und Entschlossenheit gleichzeitig, richtige Entscheidungen werden betrauert und gefeiert. Wir sind egoistisch, liebend und fürsorglich. Wir sind roh, eisern und sanft.

Es gibt so viele Gründe, weswegen wir ungewollt schwanger geworden sind: Weil die Verhütung versagt hat. Weil wir vergewaltigt worden sind. Weil die Lust größer war als der Verstand und wir im Eifer des Gefechts das Kondom weggelassen haben.

Es werden auch Schwangerschaften abgetrieben, die gewollt waren: Weil nicht genug Geld da ist, um ein (weiteres) Kind zu ernähren, weil die Beziehung nicht funktioniert, weil der involvierte Mann gewalttätig ist, weil sie eine Chemotherapie machen muss, weil sie psychisch krank ist, weil ihre Familie sie dazu gedrängt hat. Wir entscheiden uns dazu, Schwangerschaften abzubrechen, weil wir nicht schwanger sein wollen oder können.

Dieses Buch ist für all jene, die sich selbst für einen Schwangerschaftsabbruch entschieden haben oder dafür entscheiden mussten. Es ist für diejenigen, die einen in Anspruch nehmen könnten in der Zukunft (und wenn du eine Gebärmutter hast und fruchtbar bist, dann zählst du dazu), und all jene, die jemanden kennen, der eine Abtreibung erlebt hat oder erleben könnte. Kurz: Jede und jeder ist hier willkommen.

Wenn da niemand ist, der dir von einer eigenen Abtreibungserfahrung erzählt hat – dann könnte das nicht nur heißen, dass niemand eine Geschichte hat, sondern auch, dass sich niemand sicher genug gefühlt hat, dir davon zu erzählen.

Im ersten Teil dieses Buchs erzähle ich dir meine Geschichte. Nimmst du sie an? Kannst du einfach zuhören? Gelingt es dir, dich auf meine Erfahrung einzulassen? Ich werde sie aus meiner Perspektive erzählen. Es wird um mich und andere Frauen gehen. Ich habe mich entschieden, meinen Schwangerschaftsabbruch mitten ins Scheinwerferlicht zu stellen. Diese Erfahrung gehört mir. Und die Geschichte darüber auch.

»Es gibt keine minderwertige Wahrheit. Wenn ich diese Erfahrung nicht im Detail erzähle, trage ich dazu bei, die Lebenswirklichkeit von Frauen zu verschleiern, und mache mich zur Komplizin der männlichen Herrschaft über die Welt«, 1 schreibt Annie Ernaux.

Und hier ist meine Wahrheit. Setz dich doch gerne dazu. Ich bitte dich zu versuchen, alle bisherigen Bewertungen durch die Kirche oder dramatische Teenieschwangerschafts-Bild-Headlines oder Kommentare von Familie und Freund*innen beiseitezuschieben. Es ist an der Zeit, dass wir uns gesellschaftlich öffnen. Ich bitte dich, den Versuch zu wagen, dich in das Nichtwissen zu entspannen: Denn wir wissen absolut gar nichts über die Abtreibungserfahrung eines anderen Menschen, abgesehen von dem, was er uns darüber erzählt. Ich hoffe, dass du dem Vertrauensvorschuss, den ich dir gebe, gerecht wirst. Dass du mit einem offenen Herzen liest. Ich zeige mich ganz genau so, wie ich bin. Mit allem. Ich möchte dich dazu einladen, das auch zu tun.

Wann auch immer du Fürsorge oder Unterstützung brauchst oder dir wünschst, dann wünsche ich dir, dass da jemand ist, der dich während deiner Erfahrung ganz genau so begleiten kann, wie du es verdienst. Ein Partner, eine Schwester, ein Verwandter, eine Freundin, eine Nachbarin oder jemand, dem du vertraust. Wenn nicht, dann hast du jetzt dieses Buch, was bedeutet: du hast mich. Und auch wenn ein Buch niemals die Präsenz einer Person, die direkt an deiner Seite steht und deine Hand hält, dich versorgt und leitet, während du durch deine Abtreibung gehst, ersetzen kann – so sind meine Gedanken, mein Wissen, meine Liebe, meine Zuwendung und meine Gebete in jede einzelne Seite dieses Buchs gewoben. Dieses Buch ist deine Weggefährtin. Es ist für dich. Ich wünschte, ich hätte es gehabt.

Ich hoffe, dass du mithilfe der Ideen und Inspirationen der nächsten Seiten eine Abtreibungserfahrung kreieren kannst – egal ob jetzt, rückwirkend oder in der Zukunft –, die bedeutungsvoll für dich ist. Ich hoffe, dass du dich durch diesen Prozess lieben kannst. Ich selbst habe lange Zeit gedacht, dass Selbstakzeptanz vielleicht erstmal genug und dass sich selbst zu lieben ein zu hoher Anspruch sei. Ich dachte, reicht es nicht auch, wenn ich mich erstmal selbst annehme, wie ich bin. Vielleicht muss man sich selbst nicht lieben? Du musst gar nichts. Aber du verdienst es. Du hast deine Liebe verdient. Und ich meine nicht auf eine »Frisch verliebt«-Art-und-Weise oder verklärt romantisch, sondern ich meine: tiefgreifende, authentische, rohe Liebe. So eine Liebe, die heftige Streitereien aushält, die all deine Macken kennt, die dich auch in deinem Selbsthass sehen kann und bleibt.

Ich werde auf den kommenden Seiten von meiner eigenen ungewollten Schwangerschaft und anschließenden Abtreibung erzählen: vom positiven Schwangerschaftstest über die Einordnung von Abtreibungserfahrungen im gesellschaftlichen, politischen und systematischen Machtgefüge bis zu meiner persönlichen Transformation, und was meine Abtreibungserfahrung bis heute in mir bewegt und inspiriert. All das schreibe ich aus meiner persönlichen Perspektive, und das bedeutet in meinem Fall: aus einer privilegierten.

Ich bin weiß. Ich bin eine Cis-Frau. Ich bin normschön. Ich bin bisexuell. Ich habe keine körperlichen Beeinträchtigungen. Ich bin wohlhabend. Ich habe ein sicheres Einkommen durch meine Selbstständigkeit. Ich lebe in Berlin und in Aix-en-Provence, im Süden Frankreichs. Aufgewachsen bin ich die ersten 18 Jahre meines Lebens in Freital, einem kleinen Ort nahe Dresden. Meine Mutter hat meine Schwester und mich allein großgezogen. Meine Familie stammt aus der ehemaligen DDR. Ich habe von Geburt an die deutsche Staatsbürgerschaft. Ich habe einen akademischen Abschluss an einer Universität erworben. Und ich habe Therapieerfahrung und ich habe sexuelle Gewalt erlebt. Das ist meine Lebensrealität, die sich von deiner vermutlich unterscheidet. Meine Geschichte hat wie jede andere persönliche Erfahrung eine Daseinsberechtigung und trotzdem keinen Anspruch auf Allgemeingültigkeit. Sie ist weder besonders sanft, stark oder glücklich noch außerordentlich dramatisch oder schockierend – sie ist irgendwo dazwischen und voller Ambivalenzen. Da ist Erleichterung und Schmerz gleichzeitig. Ich bedauere meine Abtreibung, trauere darum und feiere sie.

Die Erzählung wird dich stellenweise vielleicht schockieren, traurig oder wütend machen. Das ist okay. Ich bitte dich, das zu beobachten und es auszuhalten. Für oder gegen etwas zu sein, das ist einfach. Abtreibungen sind so viel mehr als eine theoretische politische Meinung, eine akademische, rechtliche, philosophische Diskussion – es sind menschliche Erfahrungen. Also lasst uns menschlich und empathisch und liebend damit umgehen.

Dieses Buch bezieht sich auf Schwangerschaftsabbrüche nach der sogenannten Beratungsregelung und kann damit nicht allen Aspekten und Nuancen von Abtreibungen nach medizinischer oder kriminologischer Indikation gerecht werden. Es gibt viele Gründe, sich für eine Abtreibung zu entscheiden – nicht alle davon treffen wir selbst. Späte Abtreibungen finden statt und sind okay. Ich sehe dich in deiner Erfahrung.

In diesem Buch verwende ich vorrangig den Begriff »Frau« statt der inklusiveren Formulierung »Menschen, die Abtreibungen brauchen« – in voller Anerkennung, dass nicht alle Frauen gebärfähig sind und dass auch Menschen, die sich nicht als Frauen identifizieren, (ungewollt) schwanger werden und Abtreibungen vornehmen lassen. Ich halte diese Wortwahl für notwendig, um die historische, symbolische und gesellschaftliche Bedeutung von Abtreibung im Kontext misogyn (frauenfeindlich) geprägter Strukturen und der kulturellen Bedeutung von Weiblichkeit verstehen zu können. Gleichzeitig ist es möglich und wünschenswert, Schwangerschaftserfahrungen genderneutral zu denken. Außerdem spreche ich von einem »Erzeuger«, wohl wissend, dass heterosexuelle Beziehungen nur eine von vielen möglichen Beziehungskonstellationen sind. LSBTIQ+ 2 -Rechte sind untrennbar mit den Debatten um reproduktive Gerechtigkeit verwoben.

Heilung und Wellness in der westlichen Welt bedienen sich gerne jahrtausendealter Traditionen, und das oft mit dem Ziel, sie zu kapitalisieren. Bei allen Übungen, Techniken und Ritualen lohnt es sich, immer wieder innezuhalten und zu reflektieren: Woher stammen diese Praktiken? Nutzen wir sie und beuten dabei Kulturen aus oder ehren wir die Vorfahren und ihre Weisheit? Dieses Bewusstsein kann uns helfen, respektvoll und verantwortungsvoll mit Wissen und Praktiken anderer Kulturen umzugehen.

Die in diesem Buch enthaltenen medizinischen Informationen, Aufklärungen und Beschreibungen von Risiken basieren auf sorgfältiger Recherche und entsprechen meinem aktuellen Wissensstand zum Zeitpunkt der Veröffentlichung. Das sind ausschließlich allgemeine Informationen und ersetzen damit keinen ärztlichen Rat, keine Diagnose oder Behandlung.

Für persönliche gesundheitliche Fragen, Entscheidungen oder Notfälle wende dich bitte immer an qualifiziertes medizinisches Fachpersonal.

1 Ernaux, Annie: Das Ereignis. Suhrkamp: 2021, Berlin, S. 48.

2 LSBTIQ+: Das Akronym ist eine Sammelbezeichnung für Lesben, Schwule, Bisexuelle, Trans-, Inter- und queere Personen sowie für alle Menschen, die in ihrer sexuellen Orientierung oder geschlechtlichen Identität nicht der heteronormativen Norm entsprechen.

Erster TeilMeine Erfahrung

Kapitel 1

Ich bin schwanger

»Ich mache den Test jetzt doch noch schnell, bevor wir losgehen«, sagte ich und blickte Karina selbstsicher in die Augen. Wir hatten die letzte halbe Stunde einfach nur nebeneinander existiert. Ich war nach Köln gefahren, um an diesem letzten Septemberabend, wie in jedem Jahr, den Geburtstag einer meiner besten Freundinnen zu feiern. In der Innenstadt hatte ich am Vormittag die letzten Vorbereitungen für die Party getroffen. Mir war heiß, obwohl der Herbst bereits zwischen den Häuserfassaden hing. In der Drogerie kaufte ich neben Gesichtsmasken und einem goldglitzernden Geschenkband den teuersten Schwangerschaftstest, den ich finden konnte. Ich wartete bereits seit einer Woche auf meine Periode. Ursprünglich hatte ich mir vorgenommen, den Test nach dem gemeinsamen Wochenende zu machen – als ob wir die Herausforderungen, die uns das Leben entgegenschmettert, timen könnten.

»Wird schon negativ sein«, antwortete Karina, ohne nochmal aufzusehen, und lackierte sich die Fußnägel dunkelrot.

»Ja, bestimmt«, murmelte ich. Pregnancy Scares kannten wir gut und Schwangerschaftstests hatten wir mit Ende 20 schon einige gemacht. Beim allerersten Kauf sammelten wir noch panisch, dabei bemüht, entspannt zu wirken, verschiedene unnütze Dinge ein, damit auf dem Kassenband nicht nur der Test lag und unsere vermeintliche Verantwortungslosigkeit demonstrierte. Kaum auszuhalten war die Scham vor der Kassiererin. Mit den Jahren hatte ich schon einen kleinen Vorrat an Tests im Badezimmerschrank angesammelt, mit dem ich auch meine Freundinnen versorgt hatte. Irgendwann habe ich mal einen Schwangerschaftstest auf einer Flughafentoilette gemacht, zehn Minuten vor Abflug.

»Hab's zu Hause nicht mehr geschafft«, sagte ich zu meiner Freundin, als ich mit dem Test, einem breiten Grinsen und meinem Reisepass in der Hand in einer Kabine verschwand. Mit einer anderen Freundin lagen wir uns erleichtert in den Armen, nachdem wir zeitgleich einen Test gemacht hatten. Wir hatten Sex, wir hatten die Pille danach genommen und Schwangerschaftstests gemacht, ohne die Anleitung ein weiteres Mal lesen zu müssen. Auch dieser Test hätte sich also leicht anfühlen sollen. Alles an der Situation hätte der Routine entsprechen können. Alles in mir hoffte, dass der Plastikstreifen – wie immer – ein negatives Testergebnis anzeigen würde und wir, wie geplant, unbesorgt durch die Nacht tanzen konnten. Ich schloss die Badezimmertür hinter mir, setzte mich auf die Toilette und pinkelte auf den Streifen. Das hatte ich vorher noch nie so gemacht. Normalerweise sammelte ich etwas Urin in einem Becher und hielt das Stäbchen dann ganz genau drei Sekunden hinein. Das war das Erste, womit ich meine Schwangerschaftstestroutine unterbrach, dann stoppte ich akribisch die Zeit und legte den Test auf einen Streifen Toilettenpapier auf die neue Waschmaschine, die meine Freundin sich gerade gekauft hatte. Der Teststreifen saugte meinen Urin auf und sofort – viel schneller als sonst die eine – zeigten sich zwei Linien.

Zwei. Da waren zwei Striche. Rosa, und hämisch lächelten sie mir entgegen. Ich wusste, was das zu bedeuten hatte, und kramte trotzdem den unhandlichen Beipackzettel heraus, als könnte er mir in diesem Moment Beistand leisten und Trost spenden. Aber er bestätigte nur. Der Test zeigte zweifelsfrei ein positives Ergebnis an. Ich setzte mich auf den geschlossenen Klodeckel, zog die Knie an meinen Körper und wartete darauf, dass irgendetwas passierte. Doch es tat sich nichts. Es kam keine einzige Träne. Ich blieb einfach still. In den Rohren des Altbaus verstummte sogar das sonst so verlässliche Gluckern. Wir hielten gemeinsam die Luft an. Ich hätte gern laut geschluchzt, panisch um mich geschlagen, gelacht oder geheult – ich wartete auf irgendetwas, das meiner Enttäuschung und Wut und Angst Ausdruck verleihen würde. Und das nicht zuletzt, um Karina, die jetzt wahrscheinlich auf ihrem Bett saß und sich die Wimpern tuschte, zu vermitteln, was gerade (oder vielmehr vor ein paar Wochen) geschehen war. Stattdessen erstarrte ich. Hinter mir die kalten, schweigenden Fliesen. Ich hätte den gestauchten, fensterlosen Raum am liebsten nie wieder verlassen. Hier drin schien die Zeit stillzustehen. Ich fühlte mich wie in einem Vakuum. Ich konnte nicht atmen, mich nicht bewegen, und damit konnte sich doch auch nichts entwickeln in mir – als könnte ich die Schwangerschaft mit meiner eigenen Reglosigkeit aufhalten.

Nach einem Augenblick der Ewigkeit trat ich wie ferngesteuert und in Zeitlupe aus dem Badezimmer. Der Test in meiner Hand roch nach Urin. Ich setzte mich auf den türkisfarbenen Polsterstuhl in Karinas Einzimmerwohnung in der Kölner Innenstadt, legte mir das Plastikteil in den Schoß und öffnete meinen Laptop. Ich hatte das Bedürfnis, mich normal zu verhalten, weil sich Normalität plötzlich so weit weg anfühlte. Meine Freundin sah mich an. Jetzt hatte sie aufgehört, sich zu bewegen. Sie sagte nichts, und die Stille quälte uns.

»Ich bin schwanger«, sagte ich irgendwann – nicht besonders laut, aber klar und deutlich.

»Echt jetzt?«

Das war das erste und letzte Mal, dass ich diese drei Worte aussprach. Weder gedanklich noch im Gespräch mit anderen kamen mir Sätze wie »Ich habe ein Baby im Bauch« oder das Wort »Schwangerschaft« nochmal über die Lippen. Für mich hätte das Benennen die Akzeptanz einer Zukunft bedeutet, die ich mir nicht vorstellen konnte und wollte. Ich wusste nicht, wann man von einem Embryo oder Fötus sprach oder was eigentlich der Unterschied war. Alles, was ich wusste, war: Ich wollte kein Baby – also gab es in meiner Sprache auch keins. Ich bekam auch später das Wort »Abtreibung« gegenüber meiner Frauenärztin kaum über die Lippen. Es fühlte sich verboten an und schmutzig. Als sollte man es lieber geheim halten. Meine Gegenwart wohlwollend zu beschreiben, war mir schlicht nicht möglich. Mir fehlten die Worte dafür.

Schwangerschaftsabbruch: Wie sprechen wir darüber?

»Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt!« – das Zitat von Ludwig Wittgenstein las ich erstmals im Vorwort von Kübra Gümüşays Buch Sprache und Sein.3Es ist kein Zufall, dass uns gerade bei Themen, die den weiblichen Körper betreffen, die Worte fehlen oder es irreführende oder gar abwertende Bezeichnungen gibt: die Erdbeerwoche (für Menstruation), Schamlippen (wofür sollen wir uns schämen?) und die ewige Ungewissheit darüber, wie man das weibliche Geschlechtsorgan denn jetzt nennen sollte: Scheide, Muschi oder Yoni?

Sprache hat sich entwickelt und wurde historisch geprägt von denjenigen Menschen – meistens Männern –, die über andere – oft Frauen – sprachen. Sprache ist ein Machtinstrument.I

Während heute viele den Begriff Schwangerschaftsabbruch bevorzugen, weil er sich sachlicher anfühlt, wird von der Beschreibung Abtreibung gerne Abstand genommen. Auf Instagram schrieb mir sogar eine Person, sie würde sich von dem Begriff verletzt fühlen. Dabei ist die negative Konnotation – ihr ahnt es schon – kein Zufall. Die Formulierungen Abtreibung und das Verb abtreiben sind deutlich älter und waren lange Zeit die gängigen Bezeichnungen für den willentlich induzierten Abbruch einer (ungewollten) Schwangerschaft.IIDer Begriff Schwangerschaftsabbruch tauchte erstmals Ende der 1960er-Jahre auf.IIIVon da an verschwand die »Abtreibung« hinter vorgehaltener Hand, in der Boulevardpresse oder als Schlagwort auf Demonstrationen von Abtreibungsgegner*innen.IV

In der DDR wurde in Gesetzestexten und Zeitungsartikeln zwischen legitimen »Unterbrechungen« und der illegalen Abtreibung einer Schwangerschaft unterschieden, und so wurde der Begriff strategisch kriminalisiert. Die westdeutsche Frauenbewegung wollten jedoch nicht zulassen, dass der Begriff ausschließlich negativ konnotiert wird, und verwendete diesen in kämpferisch politischen Aktionen affirmativ.V Damit der Begriff Abtreibung nicht gänzlich seinen Gegner*innen überlassen wird, müssen wir ihn auch heute noch bewusst im öffentlichen Raum, im medizinischen Kontext und besonders im Internet nutzen. Viele ungewollt Schwangere nutzen in Suchmaschinen das Wort Abtreibung.VIFakten und Aufklärung sollten so verbreitet werden, dass jede*r beim Suchen nach Informationen zuverlässig fündig werden kann. Also werde ich in diesem Buch Schwangerschaftsabbruch, Abbruch und Abtreibung synonym verwenden. Ich erhoffe mir davon auch, dass wir eine neue und gleichzeitig uralte Dimension des Wortes Abtreibung, das schon unsere Ahn*innen begleitete, wiederentdecken können. Immer wieder schreiben, immer wieder aussprechen – bis das Verständnis und der Klang des Wortes wieder erweichen durch unsere Geduld und Hingabe.

In anderen Sprachen gibt es eine solche begriffliche Differenzierung nicht. Das Englische abortion oder to abort meint generell alles, neben Schwangerschaften also beispielsweise auch Projekte oder Pläne, frühzeitig abzubrechen. Im Französischen setzt man wortwörtlich die Komponente der Selbstbestimmtheit in den Fokus: Interruption volontaire de grossesse (kurz: IVG) bedeutet zu Deutsch selbstbestimmter Schwangerschaftsabbruch. Eine andere französische Bezeichnung lautet avortement.

Der US-amerikanischen Bezeichnung Pro Life, die auch im deutschsprachigen Raum in politischen oder gesellschaftlichen Debatten übernommen wird, entsprechen hierzulande die Selbstbezeichnungen »Lebensschützer« oder »Lebensschutzbewegung«. Gemeint sind Menschen oder Organisationen, die sich gegen Abtreibungen und gegen ein Recht auf reproduktive Selbstbestimmung stellen. Sie setzen sich für strenge Abtreibungsgesetze oder ein generelles Verbot von Abtreibungen ein. Oft gehen damit auch weitere Forderungen einher: etwa gegen ein mögliches Konzept der Sterbehilfe. Die Fokussierung auf das »Leben« im Namen halte ich daher für irreführend und verwende bewusst die Bezeichnung: Abtreibungsgegner*innen.

Menschen, Vereine oder Organisationen, die sich für ein Recht auf Abtreibung aussprechen, werden oft unter Pro-Choice (für die Entscheidung) zusammengefasst. Ich bevorzuge die Bezeichnung Abtreibungsbefürworter*innen, denn, wie Monica Simpson, Geschäftsführerin des SisterSong Kollektivs und Aktivistin, treffend schrieb: »To be pro-choice you must have the privilege of having choices.«4

Pro-Choice übersieht, dass es Menschen gibt, die gar keine wirklichen Wahlmöglichkeiten besitzen. Auch hier in Deutschland stellen sich (ungewollt) Schwangere Fragen wie: Habe ich / Haben wir genug Geld für ein (weiteres) Kind? Habe ich ein sicheres Zuhause, einen hygienischen Rückzugsort, um ein Baby zu gebären beziehungsweise großzuziehen? Wie weit ist die nächste Klinik oder Praxis entfernt, und wie komme ich dorthin? Für viele privilegierte Menschen sind diese Fragen nur sehr selten von Bedeutung. Gerade Schwarze5, einkommensarme oder mehrfach diskriminierte6Personen können in besonderem Maß von solchen existenziellen Belastungen betroffen sein.

Abtreibungsbefürworter*innen kämpfen dafür, dass jede Person die für sie richtigen Entscheidungen über ihren Körper, ihre Sexualität und ihre Familienplanung treffen kann.

Medizinisch spricht man bis zur achten Woche nach der Befruchtung von einem Embryo. Ab der 9. Woche bis zur Geburt lautet die Bezeichnung »Fötus« oder auch »Fetus«. Als Gegenentwurf zu religiös oder ideologisch aufgeladenen Bildern vom »ungeborenen Kind« wird im feministischen Kontext vermehrt bewusst der Begriff »Zellhaufen« genutzt. Für manche kann sich diese Bezeichnung befreiend anfühlen. Für andere hingegen negiert sie die realen Herausforderungen, mit denen sie sich aufgrund ihrer ungewollten Schwangerschaft konfrontiert sehen.

Jede Bezeichnung für deinen Körper oder Prozesse, die ihn betreffen, die sich für dich gut und passend anfühlt, ist okay. Selbstbestimmung über den eigenen Körper fängt auch mit selbstbestimmter Sprache an. Du findest deine passenden Worte für deinen Körper. Wenn du »Böhnchen« sagen willst, dann ist das vollkommen okay, oder »Baby«, »Zellhaufen« oder auch einen Namen. Du entscheidest auch, wie du deine Erfahrung erzählst: »Ich wollte kein Kind mit ihm« oder »Ich will ihn nie wieder sehen«, ob »du keine Wahl hattest« oder »aus einem bestimmten Grund so entschieden hast«. Auch wenn sich deine Welt zwischenzeitlich unaussprechlich anfühlen mag, du hast ein Recht auf deine eigenen Worte. Sprache prägt Gedanken. Klare und eindeutige Begriffe können dazu beitragen, selbstbestimmt und klar zu fühlen.

Wenn die Worte, die ich auf den folgenden Seiten verwende, sich für dich als betroffene Person nicht stimmig anfühlen, dann nimm dir einfach einen Stift, streiche die Worte – ganz gleich welche – durch und schreibe deine eigene Bezeichnung darüber. Bitte, tu das! Mir macht das nichts aus. Dieses Buch ist für dich.

Ich will das nicht

Triggerwarnung: Sexuelle Gewalt

Die letzten warmen Sommertage im September standen uns bevor. Voller Vorfreude hatten wir die Wetter-App immer wieder geöffnet, um uns zu versichern, dass die Zukunft richtig vorausgesagt würde. Gemeinsam wollten wir unsere Lieblingsjahreszeit ausklingen lassen und diesen gemeinsamen Sommer verabschieden. Adrian und ich waren seit einigen Wochen zusammen, oder wie man das sonst nennt, irgendwo zwischen Verknalltheit und der zähen, unsicheren, nie da gewesenen Einsamkeit, die der erste Corona-Sommer mit sich gebracht hatte. Wie so oft in dieser Zeit packten wir unsere Sachen und seinen Hund und ließen auf Adrians Boot die Umrisse Berlins hinter uns verschwinden, während wir Richtung Osten schipperten. Die Spree strömte schmutzig und ähnlich sommermüde wie wir am Bug des alten Schiffs entlang. Das Licht über uns löste sich in seine Bestandteile auf. Die Musik hatte er für meinen Geschmack ein bisschen zu laut aufgedreht und die Asche seiner Zigarette landete auf meinen schwarzen Leggings. Er fuhr immer ein Stück zu nah an den fröhlichen Schlauchbooten entlang und lachte hämisch, wenn ihre Insassen unter uns hektisch ins Schaukeln gerieten. Die Situation war furchtbar, dabei hätte sie so wunderbar sein können – also ließ ich sie in meinem Kopf wunderbar sein. Adrian lebte in seinem Auto, wusch seine Wäsche bei mir (wie er das vor mir gemacht hat, habe ich mich oft, ihn aber nie gefragt) und hatte über den Sommer an seiner Bachelorarbeit geschrieben. Angehender Kriminalpolizist. Wir waren uns über Politisches nie einig gewesen – es waren die Abenteuerlust und die Einsamkeit, die uns aneinandergeklebt hatten. Es war diese Spannung zwischen uns, die dadurch entstand, dass er mich ausgewählt und dann doch immer wieder nicht gewählt hatte. Es waren unsere komplizierten Bindungsmuster und Prägungen, die sich wie im Lehrbuch ergänzten. Wenn Adrian einen guten Tag hatte, dann war er großzügig, abenteuerlustig, albern und voller Ideen und Träume für unsere gemeinsame Zukunft. Ich war fasziniert davon, dass er sein Leben einfach so lebte, wie er es wollte. Ich missverstand seine Rücksichtslosigkeit als Lebensfreude. Ich glaube, Adrian ist ein Narzisst, und anders, als er es sich typischerweise jetzt wünschen würde ist das alles, was ich über ihn erzählen möchte. Narzissten stehen oft genug im Rampenlicht. Aber dieses Kapitel handelt von mir. Das hier ist meine Geschichte. Dabei ist es gar nicht so einfach, die Perspektive zu wechseln, denn in diesen gemeinsamen Monaten hatte sich alles in meiner Welt um ihn gedreht. Da war immer diese leise Ahnung, dass das mit uns nicht so wirklich gut war. Ich schämte mich manchmal für ihn – vor allem aber für mich selbst.

Für die letzte Sommerwoche stand nicht nur unser geplanter Ausflug mit seinem Boot an, sondern auch mein Eisprung. Was bei mir heute tagelange Vorfreude auslöst (ich werde mich schön fühlen und strahlen), führte damals zu Panik: Ich werde fruchtbar sein, und das war gefährlich.

In all den Jahren war ich von unzähligen jungen Männern genötigt worden, Aussagen wie »Ohne Kondom fühlst du dich einfach besser an« als pure Unfähigkeit, das richtige Kondom zu kaufen, zu entlarven. Sie alle hatten mich mit demselben wehleidigen Blick angesehen, wie auch Adrian an diesem ersten Abend auf dem Boot. Ich schüttelte immer wieder den Kopf, während er mächtig und gleichzeitig so schwach über mir lehnte und fragte, ob wir das Kondom einfach weglassen könnten.

»Dann lass es uns anal machen«, sagte er und drehte mich um. Alles, was dann passierte, ließ ich über mich ergehen – ein Teil von mir verließ meinen Körper – und genau dieser Teil ist es bis heute, der sich schwer damit tut, das Erlebte als Wahrheit anzuerkennen. Ich hatte Schmerzen. Ich entschuldigte mich. Ich drehte meinen Kopf zur Seite.

»Ich komm auch nicht in dir«, hörte ich ihn noch sagen und schon drang er vaginal in mich ein, hielt mich fest umklammert und kam nach einigen Stößen irgendwo zwischen Bettlaken, meinem Bauch und meiner Vagina. Genervt verließ er die Kajüte, in der sich das schmale Bett befand, und verschwand auf der Toilette. Ich weinte leise und hörte seine Schritte dann auf dem Deck über mir. Er drehte sich eine Zigarette. Der Rauch zog durch das kleine runde Fenster, durch das mal mehr, mal weniger der Umgebung zu sehen war. Das Boot schaukelte sanft, als wolle es mich beruhigen, als spielten die beiden im selben Team.

Fakten zur Verhütung

Anmaßende Ratschläge, die ich in den letzten Jahren ungefragt erhalten hatte, lauteten unter anderem: »Verhütung hätte geholfen«, oder »Wenn man nicht schwanger werden will, dann darf man halt keinen Sex haben« – »Oder keine Gebärmutter«, füge ich gedanklich hinzu.

36 % aller ungeplanten Schwangerschaften im Jahr 2013 sind trotz Verhütung entstanden.VIITrotz aller hinlänglich bekannter Verhütungsmethoden für den weiblichen Körper kann man schwanger werden – und Krebs bekommen. Ja, jede Art von hormoneller Verhütung für den weiblichen Körper kann das Brustkrebsrisiko erhöhen.VIIIDie Nebenwirkungen der Verhütungsmethoden für den weiblichen Körper sind immens. Trotzdem gilt Verhütung bis heute als ein klassisches »Frauenthema«, obwohl die Optionen für den Mann deutlich wirksamer und weniger schädlich sind: Zwar besteht auch für die Verwendung von Kondomen ein Restrisiko, die Verwendung ist allerdings unkompliziert und ohne Nebenwirkungen. Die Vasektomie ist mit Abstand die wirksamste Empfängnisverhütung mit beinahe hundertprozentiger Zuverlässigkeit (Pearl-Index von 0,1) und kann im Unterschied zum Pendant für den weiblichen Körper in der Regel rückgängig gemacht werden.

Um ungewollte Schwangerschaften wirksam zu verhindern, müssen Verhütungsmittel sowohl bezahlbar als auch verfügbar sein. Sie sollten sich an den Bedürfnissen der Frauen orientieren, leicht anwendbar sein und das sexuelle Erleben nicht einschränken. Eine größere Auswahl an unkomplizierten, sicheren und flexiblen Verhütungsmethoden ist längst überfällig.

Bei der Pille danach handelt es sich um die bekannteste Notfallverhütungsmethode, die bis zu fünf Tagen nach dem Geschlechtsverkehr eingenommen werden kann. Das Medikament verschiebt oder verhindert den Eisprung, sodass eine Befruchtung nicht möglich ist. Wenn die Eizelle schon befruchtet und eingenistet ist, wirkt die Pille danach nicht mehr.

Achtung: Sie hilft nicht allen! Die Wirkung von Präparaten mit dem Wirkstoff Levonorgestrel ist bei Frauen, die mehr als 75 kg wiegen, nicht gewährleistet.IX

Eine alternative Notfallverhütung könnte die »Spirale danach« darstellen. Sie wirkt gewichtsunabhängig und kann auch dann noch eine Schwangerschaft verhindern, wenn Eisprung und Befruchtung bereits stattgefunden haben. Durch die aus dem Kupferdraht freigesetzten Kupferionen verhindert sie die Einnistung einer befruchteten Eizelle in die Gebärmutter.

Trans Männer können, unabhängig davon, ob sie eine geschlechtsangleichende Hormontherapie machen oder nicht, beide Methoden der Notfallverhütung anwenden. Notfallverhütung beeinträchtigt den Testosteronspiegel nicht.X

Notfallverhütung ist keine Abtreibung....Ende der Leseprobe