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Beke Worthmann weiß, was es heißt, magersüchtig zu sein: Sie litt als 13-Jährige unter einer Essstörung, die sie heute - nach einem erbitterten Kampf - glücklicherweise überwunden hat. In Dein Leben hat Gewicht erzählen zehn magersüchtige Jugendliche und Beke selbst ihre Krankheitsgeschichte: Sie sprechen über ihre Gefühle, ihre persönlichen Erfahrungen mit der Krankheit, aber auch über ihren Alltag - das 'ganz normale' Leben als essgestörter Teenager. Durch das besondere Einfühlungsvermögen der jungen Autorin sind komplexe Porträts entstanden, die zeigen, wie vielschichtig diese Krankheit ist und dass sie für jeden Einzelnen etwas anderes bedeutet. Im zweiten Teil des Buches kommt eine Psychologin und leitende Oberärztin zu Wort, die Bekes Fragen offen und mit viel Herz beantwortet. Ein Register der besten deutschen Kliniken, Möglichkeiten für betreutes Wohnen und Hilfseinrichtungen gibt zudem Übersicht über die wichtigsten Anlaufstellen für Betroffene. Ein berührendes und informatives Buch, das mit der Stimme der Altersgruppe spricht, die wie keine andere von Anorexie betroffen ist.
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Seitenzahl: 349
Veröffentlichungsjahr: 2013
Beke Worthmann
Vorwort
Essstörungen sind in Deutschland weit verbreitet. Nach Angaben der Ärztekammer Niedersachsen sind hierzulande über 220.000 junge Menschen im Alter von 15 bis 24 Jahren an Anorexie (Magersucht) oder Bulimie (Ess-Brech-Sucht) erkrankt – eine alarmierende Zahl! Nur etwa die Hälfte aller Erkrankten wird gesund, viele Menschen begleitet diese Krankheit ihr ganzes Leben lang und in 15 bis 20 Prozent der Fälle verläuft sie tödlich. Die Bekämpfung von Essstörungen ist nicht nur eine persönliche, sondern auch eine gesellschaftliche Herausforderung – wie bereits zahlreiche Studien zur Wechselwirkung von medialen Botschaften und ungesundem Essverhalten zeigen konnten. Und trotz Zunahme der öffentlichen Diskussion des Themas besteht weiterhin ein Aufklärungsdefizit. Sowohl für Erkrankte, ihre Angehörigen und Freunde als auch für Bezugspersonen wie zum Beispiel Lehrer ist es aber essenziell, die ersten Hinweise auf die Krankheit zu erkennen, um rechtzeitig reagieren zu können.
Doch was verbirgt sich hinter einer Essstörung? Geht es wirklich nur ums Dünn-Sein, um Model-Maße und um purzelnde Kilos oder steckt hinter dieser heimtückischen Krankheit viel mehr?
Um diese Frage zu beantworten, habe ich mich im letzten halben Jahr auf die Suche nach jungen Menschen begeben, die der Gesellschaft zeigen sollten, was es bedeutet, an Magersucht oder Bulimie zu erkranken. Auch ich selbst habe Erfahrungen mit einer Essstörung gemacht, weshalb ich schließlich auf die Idee kam, dieses Projekt anzugehen.
Während ich mich in einer Klinik befand, haute ich – im Ohr Mehr Gewicht von Luxuslärm – die ersten Buchstaben dieser Seiten in die Tasten. Mir war klar, dass es keine leichte Aufgabe sein würde, junge Erwachsene, wie ich es bin, zu finden, die ihre intimsten Gedanken mit mir teilen. Und doch kann ich euch heute die wunderbarste Auswahl präsentieren, die ich je hätte finden können: zehn junge Menschen im Alter von 14 bis 18 Jahren, die voll Herz und Sensibilität ihr persönlichstes Thema offenlegen. Jeder von ihnen stand mir gnadenlos Rede und Antwort und berichtete von eigenen Erfahrungen. Doch in meinen Interviews ging es nicht nur um die Krankheit selbst – vor allem das Leben mit ihr im Alltag und das ganze Drumherum kamen zur Sprache.
Ob im Starbucks, am Telefon oder im guten alten Kinderzimmer – die Gespräche waren allesamt mitreißend, oft auch traurig und erschütternd. Jedes von ihnen hatte etwas Besonderes, denn ich habe selten so intensiv mit Menschen über ein Thema gesprochen wie mit den zehn Befragten aus diesem Buch. Und vor allem freut es mich, in Steffen und Tobias zwei echt tolle Kerle gefunden zu haben, die sich trotz ihrer Männlichkeit nicht scheuen zuzugeben, an einer Essstörung erkrankt zu sein. Den Mut dazu haben ja sonst nur Mädchen.
Mein Ziel war es, noch immer oder ehemaligen Betroffenen eine Stimme zu geben, sodass noch einmal alles Geschehene an die Oberfläche kommt und sich der ein oder andere Schalter vielleicht etwas bewegt. Meine zehn Befragten machen das Buch mit ihren ehrlichen Aussagen, die in einer solchen Vielfalt selten zu finden sind, zu einem großen Erfahrungsschatz, von dem hoffentlich viele Betroffene, Angehörige und Interessierte profitieren können.
So unterschiedlich die Persönlichkeiten meiner Gesprächspartner auch sind, so einig sind sie sich doch in der Sache, dass viel Falsches im Umlauf ist und man die Dinge ins richtige Licht rücken muss, um Fehler auszuradieren. Vielleicht haben wir ja zusammen eine gute Grundlage dafür geschaffen.
Um das Buch zu vervollständigen, habe ich mich auch auf die Suche nach einer Psychologin begeben. Mit Frau Dr. med. Wünsch-Leiteritz habe ich mit Sicherheit eine der Besten in dem Bereich gefunden. Mein Interview mit ihr ist auf den hinteren Seiten zu finden. Dein Leben hat Gewicht ist der Versuch, ein Thema offenzulegen, über das hinterm Rücken viel gesprochen wird, Eindrücke zu verschaffen und Vorurteile in der Gesellschaft infrage zu stellen. Voll jugendlicher Spannkraft geht es hier um keine Nebensache, es geht um die Vielfalt eines Problems, das sich schon in jungen Jahren in die Köpfe jedes Menschen schleichen kann. Ob Scheidungskind, Mauerblümchen, Nesthäkchen, Partyhengst oder Berühmtheit – es kann jeden treffen! Und deshalb ist es wichtig, sich zu informieren, Hilfe zu suchen und zu handeln. Ich hoffe, ich kann mit den Anlaufstellen, die ich am Ende des Buches aufgelistet habe, eine Basis dafür schaffen. Es sind auch solche dabei, die meine Gesprächspartner empfohlen und die sie vielleicht sogar selbst in Anspruch genommen haben.
Für mich war die Entstehung von Dein Leben hat Gewicht wie eine Reise in verschiedene Welten. Ich habe die Möglichkeit bekommen, hinter Fassaden zu schauen, hinter die sonst keiner schauen mag. Es war spannend, die unterschiedlichsten Geschichten zu hören, Geheimnisse erzählt und Weltanschauungen offenbart zu bekommen, mit denen ich mich identifizieren konnte oder auch nicht. Jetzt ist es schön zu wissen, auf irgendeine Art geholfen zu haben oder helfen zu können.
Mich selbst hat die Arbeit an diesem Buch sehr bewegt. Das Ziel der Reise war letztendlich ich selber, denn ich habe – und darüber bin ich ausgesprochen froh – endlich abschließen können. Für mich wird es nicht mehr darum gehen, um jeden Preis dünn sein zu müssen. Das Leben ist zu kostbar, auch nur einen Tag darauf zu verschwenden, die Gedanken darum kreisen zu lassen. Meine Welt dreht sich jetzt um Wichtigeres. Ich hoffe, deine tut es auch.
Beke Worthmann
Falscher Stolz, Eitelkeit.
Dein Leben, doch für das Leben keine Zeit.
Mit dieser Leere Bücher vollgeschrieben.
Dein Albtraum auf Wolke 7.
Max Herre feat. Philipp Poisel,
»Wolke 7«
1
Manchmal frage ich mich, warum es mich gibt. Bisher jedoch ohne Erfolg, denn ich bin kein großer Philosoph, der solchen Fragen Tag für Tag auf der Spur ist. Das würde mich wahnsinnig machen und ich muss nicht noch verrückter werden, als ich es sowieso schon bin. Zugegebenermaßen bin ich nicht einmal auf irgendeine amüsante Art und Weise verrückt. Ich bezeichne mich selbst als dumme, kranke, fette und asoziale Kuh mit Pferdefresse, die wohl nichts anderes tut, als dämlich auf ihrer Wiese zu stehen und tonnenweise giftgrünes Gras zu verdrücken.
Normalerweise gebe ich niemandem diese Gedanken preis, denn es lädiert mich jedes Mal aufs Neue, wenn ich das von mir behaupten muss. Nicht nur, dass dann Wunden anfangen zu brennen, nein, mein Gegenüber stempelt meine Empfindungen wahrscheinlich als Lappalie ab, nicht würdig, dass man über sie redet. Wegen dieses Unwohlseins flüchte ich mich in die kranke Welt der Verrückten: um Schutz zu suchen, um das Fühlen zu verlernen, um mich zu verstecken.
*
Seit Sommer 2008 geht das nun schon so. Angefangen mit einem Gefühl der Unreinheit, aufgehört heute hier, im Schlepptau der Magersucht. Wenn die meisten Menschen dieses Wort gebrauchen, klingt es brutal, eklig und kaum erstrebenswert. Andere wissen aber, warum es das Wort in ihrem Wortschatz gibt. Es trifft nämlich genau den Kern: Die Magersucht ist eines der abschreckendsten Dinge, die ich kenne. Weil das Wort so brutal klingt, benutze ich es auch immer, wenn es darum geht, mich wieder einmal damit auseinandersetzen zu müssen. Magersucht bringt es, einfach gesagt, auf den Punkt. Nicht mehr und nicht weniger. Die einfache Essstörung ist zu allgemein und Probleme mit dem Essen – ja, wer hat die nicht manchmal?! Essen muss eben gelernt sein, egal, ob es um die Manieren geht oder um den Sinn dahinter.
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Angefangen hat es bei mir mit zwölf. Krass, wenn man überlegt, dass der Wahn heutzutage schon auf Kinder übergreift. Damals war ich ja noch ein Kind, vielleicht gerade am Anfang der Pubertät, ich hatte keine Ahnung, in was ich mich da stürzte. Ich wusste zwar, dass ich mir ein großes Loch schaufelte, aber das hat mich nicht davon abgehalten, mit dem Spaten in der bereits wunden Hand immer weiterzumachen.
Psychische Probleme waren mir damals nicht unbekannt, denn mein Bruder litt und leidet bis heute an einer schweren Depression. Sowieso zeigt mein Familienstammbaum einige psychische Krankheiten auf – vom Uropa bis zur Omi … Kein Wunder also, dass auch ich damals schon unter Ängsten litt. Vor allem die Angst vor Erbrechen setzte mir so stark zu, dass es mir schwerfiel, unter Leute zu gehen, ohne dass sich ein Brechreiz bemerkbar machte. Auch Gewitter ließen mich schaudern und Nächte, in denen ich mich in der Dunkelheit einsam fühlte. Ich war schon länger in Therapie und wusste also bereits, was die Psychotante, die vor mir saß, von mir wollte. Ganz im Gegensatz zu Gleichaltrigen.
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Als ich in die Magersucht rutschte, war das nicht wie ein Wurf ins kalte Wasser, sondern eher wie das langsame Untergehen der Sonne. Schritt für Schritt wurde es dunkler in meinem Leben, ohne dass eine einzige aufmerksame Seele in meinem Umfeld die Dämmerung heraufziehen sah. Ich kann mich kaum noch an den Tag erinnern, an dem ich es cool fand, mal eine Diät auszuprobieren, auf Biokost umzusteigen und einen auf ernährungsbewusst zu machen. Heute zähle ich Diäten zu den schwachsinnigsten Dingen, die es auf diesem Planeten gibt. Wer auch immer sich diesen Kram ausgedacht hat, sollte eine Anmerkung im Patent hinterlassen: Benutzung auf eigene Gefahr! Ich finde, die Menschen sollten sich so akzeptieren, wie sie sind. Denn die Seele und vor allem der Körper haben Grenzen. Schlankheitskuren gehören zu Überschreitungen dieser Grenzen und sind somit unzulässig.
Doch ich wollte damals von diesen Grenzen, von dem ich heute selber spreche, nichts hören und machte mich voller Elan und Enthusiasmus an die Arbeit. Runter mit den Kilos!, so lautete die Parole. Nicht, dass ich ein kleines moppeliges Mädchen gewesen wäre, aber ich wollte mich einfach in mir selbst wohler fühlen. Ich träumte sogar nachts von der Bereicherung, am Umfang meines Bauches weniger Zentimeter zu messen. Wer sich schon einmal intensiver mit Träumen auseinandergesetzt hat, der weiß, dass alle Bilder, die wir sehen, und die intensiven Gefühle, die wir spüren, nachts als mentale Aktivitäten auftauchen und uns als Träume in Erinnerung bleiben. Wir sehen Gesehenes und fühlen Gefühltes noch einmal. Wieso also nicht auch von einer Rebekka träumen, die den Umfang einer Bohne hat, wenn die Gedanken nur noch darum kreisen. Meine Eltern hätten mich eingesperrt und nicht mehr aus den Augen gelassen, wenn ich ihnen meine tiefsten Gedanken preisgegeben hätte. Vielleicht hätte mich das vor meiner heutigen Gegenwart bewahrt, aber gelernt hätte ich nichts.
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Meine Familie und ich passen sowieso nicht in das Bild der perfekten Familie, das wir nach außen hin abgeben. Die Krankheit hat das Ganze noch verschlimmert. Wir fingen an, uns um eine einzelne Erbse zu streiten, die verlassen am Tellerrand auf meine Geschmackszellen wartete. Doch ich wollte diese Erbse nicht. Nie hätte ich mich für sie entschieden, wenn es auch die Wahl der Verweigerung gab.
Essen abzulehnen fiel mir nach den ersten paar Tagen im Ring mit mir und meinem Hungergefühl nicht mehr sehr schwer. Wenn man den ersten Schritt gewagt hatte, ließ der zweite nicht lange auf sich warten. Ich wollte keine Bonbons mehr essen, keine leckere Schokolade, die doch angeblich glücklich machen soll, keine süße Zuckerwatte und keine Kekse zu Weihnachten. Nein, das alles kam auf meine virtuelle schwarze Liste, die nach Einsetzen der kranken Gedanken immer länger wurde.
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Auch fing ich an, mich mehr zu bewegen. Ich lief Treppen rauf und runter, wenn niemand zu Hause war, ging Wege entlang, die ich noch nicht kannte, oder drehte »fröhliche« Runden in meinem kleinen Zimmer. Abends sorgte nicht mehr der Fernseher für meine Beschäftigung, sondern die sportlichen Übungen, die ich im Bett tätigte. Auch heute erwische ich mich noch ab und zu dabei, dass ich in Versuchung gerate, mich vom Sportzwang verführen zu lassen.
Tag für Tag wurde die Bewegung immer mehr und das Essen immer weniger. Natürlich stieg da die Motivation weiterzumachen, auch als ich eines Morgens den Gang auf die Waage wagte und sah, dass ich mein Ziel von 40 Kilo schon längst erreicht hatte. Dieses Glücksgefühl, das ich dort zum ersten Mal so intensiv empfand, war das schönste, an das ich mich seither erinnern kann. Ich weiß, es klingt naiv und ist banal, aber es entspricht der Wahrheit. Es ist wie ein Rausch. Man ist von der Zahl benebelt, wie wenn man zu viel Alkohol trinkt und einen langsam alle Hemmungen verlassen.
Ich merkte, dass es mir guttat, tatsächlich sehen zu können, dass ich mit meinen Bemühungen Erfolg hatte. Die Einsamkeit wurde derweil jedoch immer größer. Niemand von meinen Freunden kam in der Zeit so sehr an seine Grenzen, wie ich es tat, da bin ich mir sicher. Ich spielte mir vor, das Unmögliche möglich machen zu können.
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Die Waage wurde von da an meine Freundin. Jeden Morgen begrüßte sie mich und nach ein paar anfänglichen Sekunden im Ungewissen startete ich in meinen Tag oft heiterer als vorher. Das sinkende Gewicht ließ mich strahlen und der Stolz auf mich wuchs.
Die Magersucht schuf mir meine eigene kleine Welt, in der nur ich zu Hause war. Meine Eltern hatten keinen Zutritt und Freunde waren auch nicht willkommen. Das mit den Freunden war eh etwas kompliziert. Bevor ich in den Geschmack der angeblichen Lebensenergie von Luft und Hunger gekommen war, glaubte ich, gute Freunde zu haben. Klar, daran glaubt jedes kleine Mädchen, wenn es sympathische Menschen gibt, die einem sagen, sie wären in allen Lebenslagen immer für einen da. Doch wie ich später feststellte, war fast keiner dieser Menschen für mich da, als es darauf ankam. Der Schein trog. Und daran habe ich bis heute zu knabbern, denn diese laute Antipathie, die mir jetzt entgegendröhnt, lässt sich nicht einfach leiser stellen wie Musik, die einem auf die Nerven geht. Dabei gehören doch Freundschaft und Vertrauen zu den wichtigsten Dingen überhaupt. Damals zumindest glaubte ich, mich auf meine Freunde verlassen zu können.
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Zur Euphorie meiner Hungerkur kam dann die Depressivität. Ich wanderte auf einem schmalen Grat zwischen Magersucht und den depressiven Momenten. Ich kannte solche depressionsbesessenen Phasen bereits von meinem Bruder, doch das, was ich jetzt erlebte, war schlimmer, als es sich jeder glückliche Mensch vorstellen kann.
Warum auf einmal depressive Gedanken kamen und ob sie schon vorher in mir schlummerten, ich aber keine Ahnung davon hatte, weiß ich bis heute nicht. Die Ursachen sind nicht geklärt. Fakt ist, die Depressivität ist da und der Kampf mit der Melancholie, der Niedergeschlagenheit, Antriebslosigkeit und Traurigkeit gehört mit zu meinen täglichen Hürden. Es fällt mir schwer, morgens das Bett zu verlassen, wenn die pessimistischen Gedanken einen viel größeren Raum einnehmen als mein Optimismus. Irgendwann lerne ich hoffentlich das Fliegen, dann kann ich einfach über diese Hürden hinwegschweben und die Schwermut buchstäblich in den Wind schießen.
Ich merkte schnell, in der Magersucht und in der Depression zwei Begleiter gefunden zu haben, die sich nicht ausstehen können. Sie vertragen sich einfach nicht. Der eine will dies, der andere das. Das ist wie mit dem Teufelchen und dem Engelchen auf jedermanns Schulter. Die Magersucht verlangte die volle Aufmerksamkeit und die Depression auch. Ich hätte mich also teilen müssen und fühlte mich so, als rissen unzählige Hände an mir, um sich die meiste Anerkennung zu holen. Es fühlte sich an wie ein Tauziehen um meine Seele und um meinen Körper. Ich stand in der Mitte und die Magersucht und die Depression rangen um mich, damit aus mir eine parteiische Anhängerin werden würde.
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Nach dem beschriebenen Ausflug in die berauschende Welt der Sucht folgte eine Reise in das Dunkle, in den düsteren Wald mit großen Bäumen und unsichtbaren Geistern, die einem Kopf und Gedanken vernebelten. Ich wollte mir nicht eingestehen, dass der Übergang vom Märchenhaften in die grausame Dunkelheit bereits hinter mir lag, doch musste ich irgendwann feststellen, dass die Waage, meine Zahlenfreundin, auch zur Feindin werden konnte.
In den ersten zwei Monaten hatte ich eine Menge Gewicht verloren, doch wie das irgendwann so ist – man bleibt stehen: 38,3 Kilo, 38,6 Kilo, 37,9 Kilo … Die Grammzahlen spielten miteinander und es konnte schon mal sein, dass ich 100 Gramm mehr als am vorherigen Tag wog. Wenn dies der Fall war, stiegen eine solche Wut und Verzweiflung in mir auf, dass ich das Gefühl hatte, die sonst so gut funktionierende Kontrolle geriet wieder aus den Fugen. Dazu muss ich sagen, dass die Kilos, die ich schon verloren hatte, nichts zählten. Es war für mich zur Routine geworden, dass ich an Gewicht verlor, und somit kein besonderes »Highlight« mehr. Ich empfand es als normal, jeden Tag weniger zu wiegen. Etwas anderes konnte ich mir nicht mehr vorstellen.
Auf der Waage nahm ich jetzt stündlich meinen Platz ein, um zu kontrollieren, ob ich zu Mittag nicht vielleicht 200 Milliliter Wasser zu viel getrunken hatte. Die Sicherheit, die ich am Anfang so sehr zu spüren vermochte, entwich mir. Doch ich kämpfte weiter gegen den inneren Schweinehund an, wollte weiter runter und bekam trotz dieser Bemühungen nur selten die Bestätigung, nach der ich mich so sehnte. Menschen in meiner Umgebung warfen mir keine verwunderten Blicke zu und es traute sich auch niemand Sätze auszusprechen wie »Oh Rebekka, du bist ja so dünn geworden«. Diese Worte wären Balsam für meine Seele gewesen, aber nicht, weil ich Aufmerksamkeit wünschte, sondern weil ich wollte, dass man mir ansah, dass ich mich nicht wohlfühlte.
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Ich gab der Sucht noch ein Stückchen mehr nach und ließ ihr den Freiraum, den sie brauchte, um sich zu entfalten. Den Platz bekam sie bei mir ein für alle Mal. Der Platz für meine Eltern und meine angeblichen Freunde verringerte sich hingegen drastisch.
Meine Eltern suchten oft das Gespräch, aber ich blockte ab. Sie hatten natürlich längst begriffen, dass es sich bei meinem Vorhaben nicht um eine bloße Diät handelte. Sie wurden wütend, wenn ich das Essen verweigerte und mich nach der Schule in mein Zimmer zurückzog, um meinen sportlichen Aktivitäten nachzugehen oder den Schulaufgaben volle Aufmerksamkeit zu widmen. Trotz der Tatsache, dass wir unter einem Dach lebten, führte ich ein isoliertes Leben – mit meiner Freundin, der Magersucht, und meinem Feind, der Depression. Meine Eltern und Geschwister wollte ich aus bewusster Isolation heraus nicht in dieses Leben hineinbitten. Meine Mutter reagierte da wohl am empfindlichsten, denn sie ist die Sensibilität in Person. Es geht ihr sehr schlecht, wenn es mir oder meinen Geschwistern nicht gut geht. Sie macht sich bis heute so viele Sorgen um uns, dass sie selbst krank geworden ist. Angesichts ihrer dünnen Haut merkte man es ihr sehr an, dass sie verzweifelt und traurig war. Oft weinte sie unter der Dusche. Wenn ich das hörte, spürte selbst ich, die die Gefühle schon lange außer Sicht geparkt hatte, mein Herz bluten. Als Elternteil muss es das Schlimmste sein, Tag für Tag mit anzusehen, dass das eigene Kind immer weniger wird. Ich war mir dessen zwar bewusst, aber die Wirkung der Sucht ist hundertmal größer als die Einsicht, die eigenen Eltern mit seinen Machenschaften zu verletzen. Man ist so high, dass man alles außer dem eigenen Nutzen, dem man mit seinen Taten zu dienen glaubt, ausblendet, auch die Liebe der Mutter und des Vaters.
Nach dieser Liebe hatte ich mich so sehr gesehnt, denn ich hatte das Gefühl, mich von ihr auf meinem Weg zum pubertierenden Teenager distanziert zu haben. Vielleicht wollte ich sie deshalb provozieren und handelte oft aus Trotz, wenn meine Eltern mir mal wieder drohten, mich in eine Klinik einweisen zu lassen, würde ich nicht bald wieder zur Gabel greifen. Gerade in diesen Situationen fiel es mir nämlich besonders leicht, den Mund geschlossen zu halten und die Speisen nicht einmal anzuschauen.
Es war ein Hilfeschrei, gerichtet an mein Umfeld. Obwohl er in mir so laut hallte, hörten die Menschen, mit denen ich zusammen war, vielleicht nur ein leises Fiepen. Niemand nahm es wahr, weshalb ich immer lauter schreien wollte und dabei die elendige Gestalt eines Skeletts annahm.
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So ging es also weiter und aus der zunächst so tollen Diät wurde ein Kampf mit mir selbst, mit meinen Eltern und mit den äußeren Kräften. Ich hatte schon lange keinen Spaß mehr an der Schule, denn sie stresste mich. Mein wachsender Ehrgeiz strebte die besten Noten an und ich konnte nicht anders, als mich ihm zu unterwerfen. Überhaupt verlor ich den Spaß an allem. Ich mochte nicht mehr unter Menschen sein, wollte mich nicht mehr mit »Freunden« treffen, ins Kino gehen, schöne Gespräche führen, gute Musik hören … Alle Dinge, die mich einmal fasziniert hatten, begannen ihren Reiz zu verlieren. Das Gedankenkarussell drehte sich schneller und schneller. Ich war in der Sucht gefangen, wie ein Vogel im Käfig. Man sieht zwar die Welt um einen herum, aber man nimmt sie kaum wahr.
So fühle ich mich heute noch. Aber meine jetzigen Freunde, von denen ich behaupten kann, dass sie bei mir sind, wenn ich ihr offenes Ohr brauche, erhaschen ab und zu Blicke in diesen Käfig und versuchen, das Schloss zu knacken, sodass der Vogel vielleicht eines Tages frischere Luft bekommt. Besonders Nayla und Frederico arbeiten daran. Dank Naylas Fähigkeit, mich zum Lachen zu bringen, haben wir manchmal sogar Spaß dabei. Ich brauche in meinem Leben Menschen wie sie, mit denen ich lachen kann. Sie ist eine der wenigen, die mich ohne Worte verstehen und mir Vertrauen schenken. Sie akzeptiert mich mit all meinen Macken. Das schätze ich sehr. Und Frederico – von ihm könnte ich stundenlang schwärmen. Er ist keiner von diesen oberflächlichen Machos oder von den apathischen Schwanzeinziehern. Er ist ein echt klasse Typ, musikalisch hochbegabt und einer meiner liebsten Gesprächspartner. Manchmal ist mir seine philosophische Art, zu reden und zu sein, etwas zu kompliziert, aber in ihm steckt eine Menge Bildung, und das gefällt mir.
Ich lernte Nayla und Frederico erst nach meinem ersten Klinikaufenthalt kennen. Das ärgert mich total, weil ich so herzensgute Menschen in dieser Zeit gebraucht hätte, als das Hungern der Mittelpunkt meines Lebens geworden war.
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Die Fähigkeit, mich wieder zu besinnen, war wie weggeblasen. Vielleicht war das der Punkt, an dem die Suizidgedanken in mein Leben traten. Sie lieferten mir die Antworten auf meine Fragen, wenn ich nicht mehr wusste, was ich mit mir anstellen sollte. Ich machte es mir damit allerdings nicht leicht, doch hatte ich im Hinterhalt immer noch die Chance zu gehen, wenn ich keinen anderen Ausweg fand. Denn sich mal eben die Kugel zu geben oder doch den Sprung von ganz oben zu wagen dauerte nur Sekunden. Was waren Sekunden gegen den mich plagenden Weltschmerz? Die Möglichkeit, vor vollen Tellern zu verhungern, fand ich auch gar nicht so abwegig. Damit würde ich ein Zeichen setzen, verdeutlichen, dass die mediale Inszenierung eines gesunden Lebens nicht der Realität entspricht. Wie können dürre Models die Haute Couture der zukünftigen Kollektionen präsentieren, wenn nicht einmal ihr Körper Aussichten auf eine Zukunft hat? Und warum gibt es The Biggest Loser, wenn Menschen in Afrika verhungern? Ich konnte mit dem medialen Druck nicht umgehen und stellte mir viele Fragen, die mir bis heute keiner beantworten kann.
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Der Blick in den Spiegel lieferte mir dann den Rest. Ich bestand nur noch aus Haut und Knochen, gezeichnet von blauen Venen, die unter der durchscheinenden Haut hervortraten, und einem dünnen, den Körper bedeckenden Haarflaum, der mich schützen sollte. Es waren die Erscheinungen des Hungers. Mein Gehirn bekam Nährstoffe nur noch als Sparportion und täuschte mir so vor, dass mein ganzer Körper stark in die Breite ging. Das ist das Fatale: Je mehr Gewicht man verliert, desto dicker erscheint der Körper, den das Spiegelbild zeigt.
Immer wenn ich es wagte, den Blick auf dieses Bild zu richten, sah ich ein fettes, aufgeblasenes, triefendes Monster, dessen Bauch wie in der Schwangerschaft hervortrat und dessen Oberschenkel die stämmigsten Stampfer waren, die ich je gesehen hatte. Auch mein Gesicht sah merkwürdig aus. Wenn ich lachte, bildeten sich Falten, und Augenringe, die unter den Höhlen zum Vorschein kamen, waren unverkennbar. Meine Haare fielen aus, kräuselten sich und wuchsen an anderen Stellen vermehrt. Wie bei den Affen, die zugegebenermaßen seit Jahren mein Herz erobern, sobald ich eines dieser Tiere erblicke. Sie bilden ein Gleichgewicht aus Mensch und Tier. Obendrein wurden meine Finger- und Fußnägel dünner und verloren ihren Halt in den Kuppen nun fast ganz, was daran lag, dass sich an ihnen auch meine häufige Nervosität zu schaffen machte. Ich pulte nämlich immer an ihnen herum und beschädigte sie deshalb noch stärker.
*
Ich liebte das Gefühl, am lebensbedrohlichen Abgrund zu stehen und jeden Moment fallen zu können. So machte es mir auch nichts aus, die Weiblichkeit in Form der Regelblutung hinter mir zu lassen und einfach mal auszusetzen.
Die Krankheit machte mich zum gefühllosen Roboter, der ständig unter Strom stand, aber über keine Stopptaste verfügte. Ich funktionierte, obwohl mein Leben schon lange vorbei war. Dennoch hatte es nach außen hin den Anschein, als wäre ich voll und ganz in Schuss. Wenn ich heute auf diese Zeit zurückblicke, sitzt mir oft ein Kloß im Hals. Manchmal zerfließe ich in Tränen, wenn mir bewusst wird, dass ich ein hammerhartes Spiel mit dem Tod gespielt habe.
*
Als ich das erste Mal ins Krankenhaus kam, zerbrach meine Welt in noch kleinere Scherben als die, in die sie eh schon zersplittert war. Ich hatte schon fünf Monate ambulante Therapie hinter mir, immer mit der Auflage, nie unter 34 Kilo zu geraten. Aber so etwas lässt sich kein magersüchtiges Mädchen sagen. Wir brauchen klare Verbote. Aus der 34 kann schnell eine 33 werden. So kam es dann auch. Der Sog in die Tiefe war einfach zu verlockend.
Ich erinnere mich noch genau an den Tag. Es war Sommer und die schwüle Luft raubte mir den Atem. Als ich an dem Tag die Augen öffnete, wusste ich bereits von dem auf mich zukommenden Sturm, der mein Leben zum Einsturz bringen sollte. Meine Eltern fragten mich, ob wir uns heute noch mal einen schönen Tag gönnen wollten – wer weiß, was danach kommen würde. Dieser Satz bleibt mir wohl für immer in Erinnerung, denn der Galgenhumor, der sich dahinter verbarg, war kaum zu überhören. Ich fand es angemessen, im wahrsten Sinne des Wortes noch einmal tiefer zu tauchen, und wollte schwimmen gehen. Ziemlich rücksichtslos von mir, jedenfalls aus der Sicht eines gesunden Menschen betrachtet, denn wer will schon ein Gerippe im Bikini sehen? Da ich mir des Anblicks meines Körpers nicht mehr bewusst war, empfand ich keine Achtlosigkeit, sondern einfach nur den Willen, mich vom Wasser tragen zu lassen. Wenn ich schwimme, bin ich in meinem Element. Ich hasse meinen Körper mehr als alles andere, doch die Lust am Schwimmen lässt mich den Hass für ein paar Momente vergessen. Es ist so befreiend, mitsamt all seiner Lasten getragen zu werden und die monotonen Gedanken dem Wasser zu übergeben.
Letztendlich landete ich an diesem Tag auf einer Station eines in meiner Nähe liegenden Krankenhauses. Meine ambulante Psychologin überwies mich dorthin, in der Hoffnung, nach dem Klinikaufenthalt eine gesündere Rebekka betreuen zu können. Was mich dort erwartete? Bettruhe, Mästung, Untersuchungen und viele leere Stunden. Ich befand mich in einem Viererzimmer, alleine. Auf Toilette gehen durfte ich nicht, dafür gab es ja schließlich die Nachtschüsseln, in denen Urin und Stuhl landeten. Ein Beutel mit Salzlösung und langer Nadel klemmte in meiner Armbeuge, nachdem ich im Fahrstuhl zu Boden gesackt war. Später wurde die Infusion durch reines Fett ausgetauscht, das schwabbelnd in meinen Arm sickerte. Nach ein paar Tagen bekam ich sogar die unglaubliche Freiheit, mich auf den Toilettenstuhl setzen zu dürfen. Die Grenze des Erträglichen war jedoch erreicht, als ich Mitpatienten ins Zimmer bekam. Wenn man viel trinken und sechs Mahlzeiten am Tag hinunterwürgen muss, gestaltet es sich schwierig, nur fünfmal am Tag Wasser zu lassen. Ich musste öfter. Sich jedoch in Anwesenheit von Patienten und Besuchern auf den Toilettenstuhl zu setzen, war das Barbarischste, was ich je tun musste. Diese Respektlosigkeit raubte mir das letzte bisschen Würde. Die Empörung darüber lässt sich auch nicht durch meinen Humor verbergen, wenn ich heute jemandem von dieser Erfahrung berichte.
*
Ich habe einen Humor, von dem alle behaupten, er sei sarkastisch und ein großer Teil meines Wesens. Vielleicht stimmt das, doch bestätigen mag ich es nicht. Sowieso werde ich nie zugeben, wenn mir etwas an mir gefällt. Ich bin die von sich selbst unüberzeugteste Person, die es gibt. Ich mag mich einfach nicht und das habe ich mit Sicherheit auch der Anorexie zu verdanken. Seit sie nicht von meiner Seite weicht, fühle ich mich nicht nur kugelrund, sondern auch sehr hässlich. Mein Gesicht ist teigig und speckig, ich habe ein Doppelkinn und eine undefinierbare, vielleicht straßenköterähnliche Haarfarbe. Im Kontrast zu meinen fast schwarzen Augenbrauen sieht das nicht gerade anziehend aus. Ich trage schon seit Langem eine Brille auf der Nase, die ich jedoch häufig durch Kontaktlinsen ersetze. Ich finde nichts an mir schön und beneide ziemlich viele andere Mädchen wegen ihres Aussehens. Mich dagegen empfinde ich als plump und durchschnittlich. Nichts, das einen irgendwie positiv faszinieren könnte. Jedenfalls bin ich dieser Meinung. Andere mögen mein Äußeres, doch dem kann ich überhaupt nicht trauen.
Damals träumte ich übrigens von einem Märchenprinzen, der auf seinem hohen Ross angeritten kommen würde. Er sollte interessant, zuverlässig und romantisch sein, eine magische Ader haben, gute Gespräche führen können und mir die Nähe vermitteln, nach der ich mich so sehnte. Ich wollte keinen Typen mit Starallüren, der auf jedes Mädchen abfahren würde. Heute habe ich jemanden an meiner Seite, der dem ziemlich ähnlich ist.
Ehrlich gesagt, hätte ich nie daran geglaubt, dass irgendein Kerl jemals Lust hat, meine Hand zu halten. Vor drei Jahren existierte diese Vorstellung nicht einmal. Jetzt muss ich nur aufpassen, dass meine Eifersucht mich nicht reinreißt. Ich bin, was das betrifft, die argwöhnischste Person in meinem Umfeld. Ich kann auf alles eifersüchtig sein: auf gute Noten, auf Freunde und deren Freunde, auf das Aussehen eines Menschen und so weiter. Oft geht mir der Neid gegen den Strich, aber abstellen kann ich ihn nicht.
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Als ich nach diesem Aufenthalt das Krankenhaus wechselte, hatte ich die Chance, meine schwammige Vorstellung von einer Klapse ins rechte Licht zu rücken. Ich wurde in eine 100 Kilometer entfernte Kinder- und Jugendpsychiatrie überwiesen. Und damit das klar ist: Klapse bedeutet nicht gleich Klapse. Es ist keine Auszeit mit therapeutischem Hintergrund, sondern eher ein Leben unter einer Glaskuppel. Ich habe dort verlernt, was es heißt, ein realitätsnahes Leben zu führen. Daher ist es auf keinen Fall die beste Behandlungsplattform für Magersucht, aber tolle Menschen habe ich dort trotzdem kennengelernt. Mit einem Mädchen bin ich noch in besonders engem Kontakt. Sie hatte ebenfalls das Essen verlernt und kam kurz nach mir in das Viererzimmer, in dem ich dort lebte. Wir haben eine unglaubliche Verbindung zueinander, teilen die absonderlichsten Erinnerungen und wären unzertrennlich, bestände nicht die kilometerweite Entfernung. Wenn es hochkommt, sehen wir uns zwei- bis dreimal pro Jahr, dafür sprechen wir dann umso mehr und umso intensiver miteinander. Diese Freundschaft ist das perfekte Beispiel für eine Beziehung, die nur in solchen Einrichtungen entstehen kann. Man lernt sich unter den schlimmsten Lebensbedingungen kennen, schläft wochenlang Bett an Bett und trennt sich in absoluter Seelenverwandtschaft. Das ist aber auch das Einzige, womit ich andere Leute eventuell neidisch machen könnte, ansonsten gibt es wirklich keinen Grund, Missgunst zu empfinden.
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Die Psychiatrie, in die ich eingewiesen wurde, hat mir, was meine Genesung angeht, nicht weitergeholfen. Meine Therapeutin war scheiße und jagte mir mit ihrem schrillen »Hallooooooooo«, mit dem sie täglich mindestens einmal über die Station wackelte, solche Panik ein, dass ich mich immer auf der Toilette einschloss, die für sechs bis sieben Mädchen ausreichen sollte. Mein Lieblingsort war jedoch unser Waschraum. Dort präsentierten wir uns gegenseitig unsere Bäuche und verglichen sie miteinander. Natürlich empfand jeder seinen eigenen als bedenklich adipös und an der Situation änderte es nichts. Es tat einfach nur gut, sich mit jemandem auszutauschen, der das Gleiche durchmachte.
Acht Monate verbrachte ich dort, immer abgekapselt von meinem Leben. Es gab zwar Handyzeiten, in denen wir unser Handy aus einer blauen Blechdose fischen durften, um für 25 Minuten Kontakt zur Außenwelt aufzunehmen. Aber reichen einem 25 Minuten am Tag, um mit den Menschen zu sprechen, die sein Leben ausmachen, damit diese einen nicht vergessen?
Ab einem bestimmten Gewichtsbereich, den man erreichen musste, erhielt man auch die Erlaubnis, am Wochenende heimzufahren, natürlich nur unter der Voraussetzung, dass man dem Essensplan treu blieb. Ich wollte nie nach Hause. Ich hatte Angst davor, eine Art Flashback zu erleben und in meinen Erinnerungen zu versinken. Ich wollte nicht die Zimmer betreten, an deren Wände meine Sucht geschrieben stand. Eines Wochenendes musste ich mich dann doch auf den Weg machen, um zu lernen, dem Angstgefühl die Stirn zu bieten. So führte ich für einige Zeit ein Leben an zwei Orten mit zwei verschiedenen Arten von Menschen: gesunden und kranken. Der Sprung zwischen beiden ist riesig und kaum definierbar.
Mir wuchsen die damaligen Betreuerinnen sehr ans Herz, die als Seelentröster und Bespaßer dienen sollten. Ich glaube, sie wuchsen mir zu sehr ans Herz. Anfangs konnte ich kaum einen Tag ohne meine Bezugsperson verbringen. Jetzt muss ich darüber lachen, wenn ich mich an eine Situation erinnere, in der ich zur Zwischenmahlzeit mit ein paar anderen Mädchen am Tisch saß und eine mir offenbarte, meine allerliebste Frau Kunze sei krank. Schockiert sprang ich auf und rannte heulend wie ein Schlosshund durch die Station. Es ist ein extremes Beispiel dafür, wie ich klammerte, wie sehr ich starke Menschen in meinem Leben brauchte. Ich wollte mich nicht mehr von den Betreuern und Mitpatienten lösen, denn der Alltag auf der Station war mein Leben geworden.
Nach langen acht Monaten blieb mir nichts anderes übrig, als doch wieder in meine alte Heimat zurückzukehren. Die Ärzte und Therapeuten konnten mir dort keinen Schritt mehr weiterhelfen. Ich musste jetzt alleine gehen und es trat das ein, womit ich in meiner an Personen hängenden Lage nicht gerechnet hatte. Eine der mir nächststehenden Betreuerinnen, in der ich einen vertrauenswürdigen Menschen gefunden zu haben glaubte, der meine Situation versteht und mir nicht wie meine Eltern Vorschriften machte, ließ mich im Stich. Bis heute habe ich nichts mehr von ihr gehört. Klar, sie führte ihr eigenes Leben und ich war nur Teil ihrer Arbeit, aber dass ein Mensch so schnell ins Leben eintreten und auch wieder austreten kann, hätte ich nicht gedacht.
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Es verging ein Jahr, bevor es wieder hieß: Auf ein Neues, du gutes, altes Krankenhaus. Ich hielt durch und gab doch irgendwann wieder auf. Die Leute vom vorherigen Aufenthalt hatten mich nicht gelehrt, wie man den Willen entwickelt, sich von der Krankheit abzukapseln und das Leben zu genießen. Ich fuhr immer auf der Schwarz-Weiß-Schiene. Entweder alles oder nichts. Entweder kerngesund oder eben todkrank. Meine Gedanken führten wieder zu alten Verhaltensmustern und das wöchentliche Wiegen brachte mich auch nicht voran. Ganz im Gegenteil. Meine Psychotherapeutin, die für das Wiegen und das Verschreiben von Medikamenten zuständig war, hatte wohl auch nicht besonders viel Ahnung, wie man sich gesund ernährt. Sie fiel vom Fleisch, genau wie ich. Und von einer, die sich nicht eingestehen will, dass Veränderungen notwendig sind, brauche ich nicht blankzuziehen.
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Allgemein sollte es mehr Mädchen und Jungen geben, die sich outen. Es ist nicht schlimm, krank zu sein, schlimm wird es nur dann, wenn man es verheimlicht und nichts dagegen unternimmt. Unsere heutige Gesellschaft muss sich auf die Zunahme von Essstörungen gefasst machen, wenn sich der Trend zum Perfektionismus nicht ändert und weiterhin falsche Ideale propagiert werden. Es kann nun mal nicht jeder aussehen wie Megan Fox oder Jake Gyllenhaal. Eingeständnis und Offenbarung sind das A und O, um korrekte Unterstützung zu bekommen. Dass sie jemand war, der mir helfen sollte, obwohl sie selbst Hilfe brauchte, war aber nicht der springende Punkt, warum ich diese Ärztin nicht leiden konnte. Zwischen uns stimmte einfach die Chemie nicht. Sie mochte mich nicht, das spürte ich, aber ich mochte sie genauso wenig. Dass ausgerechnet sie mir dann auch noch zur richtigen Dosierung von meinen Antidepressiva verhelfen sollte, passte mir gar nicht in den Kram.
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Meine Antwort auf die fehlende Hilfe war Widerstand. Insgeheim hatte ich nie vor, ein gesundes Leben zu führen, also widersetzte ich mich auch der Vorstellung. Acht Monate waren für die Katz. Ich wechselte die Schule und lernte in der Zeit einige von meinen heutigen treuen Freunden kennen. Meine jetzige Klasse kommt meiner Vorstellung von einer angenehmen Schulgemeinschaft schon sehr viel näher als die vorherige, deshalb geht es mir heute auch besser. Doch die Magersucht, die Depression und die Suizidgedanken ließen mich nicht los. Mein Selbstwert blieb im Keller und der Perfektionismus wich nicht von meiner Seite. Ich glitt schnell wieder in mein altes, krankes Leben zurück. Die Beziehung zu meinen Eltern verschlechterte sich sogar. Obligatorisch rückten sie mir auf die Pelle und schüttelten den Kopf, wenn meine kranke Seite zum Vorschein kam. Mit Karolin, meiner Schwester, konnte ich kaum noch ein vernünftiges Wort wechseln, ohne dass sie in wütendes Geschrei ausbrach. Wir hatten uns völlig voneinander abgewandt. Eigentlich wäre sie ein super Vorbild, so wie es große Schwestern oft für ihre kleinen Nachzügler sind. Sie ist lebendig, zuverlässig und strahlt Zufriedenheit aus. Doch damals war sie nur meine mich nicht verstehende Schwester, die mich mit ihrer starken Art oft außer Gefecht setzte, wenn wir über die unmöglichsten Dinge stritten. Ich gab immer nach, wollte die wütenden Lawinen in mir nicht spüren oder gar nach außen lassen, sodass sie immer die Oberhand gewann. Ich kann mich nicht streiten, da mich dann sofort Gewissensbisse plagen, was zu Entschuldigungen meinerseits führt, auch wenn ich im Recht bin.
Generell verliefen Auseinandersetzungen mit den anderen Familienmitgliedern genauso – außer mit meinem Bruder. Aufgrund seiner eigenen Situation akzeptierte er die Tatsache, dass auch ich ein Problem mit mir hatte. Er konnte mich hinsichtlich meiner Depressionen verstehen. Ihm konnte ich vertrauen, wusste aber nicht, ob er fähig war, das alles zu verarbeiten, ohne wegen seiner depressiven Ader Schaden zu nehmen. Er hat wohl sehr viele Gene unserer Mutter geerbt. Natürlich stritten auch wir uns, ganz besonders in Phasen, in denen ich wieder abrutschte. Dies war so eine Phase.
Meine Unzufriedenheit wuchs und ich setzte voll und ganz auf die Magersucht. Sie verfrachtete mich ein Jahr später schließlich wieder in das würdelose Krankenhaus, wo eine ähnliche Prozedur stattfand, wie bereits beschrieben, nur in keinem so lebensbedrohlichen Stadium. Der Monitor, der die Herzfrequenz las, piepte diesmal nachts nicht durchgehend, weil das Herz Anschwung brauchte, um weiterzuschlagen. Ich durfte sogar duschen gehen. Zwar wurde ich zur Sicherheit immer durch den Türspalt beobachtet – ich hätte auf den drei Quadratmetern ja böse Dinge anstellen können –, aber immerhin.
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Nach sechs Wochen hatte ich das Déjà-vu hinter mir und auf mich wartete eine neue, professionellere Einrichtung, die mich willkommen hieß. Mein Aufenthalt dort ist nun ungefähr ein Jahr her und ich kann davon noch immer profitieren. Zum einen habe ich durch eine dort gefundene Freundin meine erste Jugendliebe kennengelernt und zum anderen befinde ich mich in einem körperlichen Zustand, mit dem es sich – zumindest für eine kurze Zeit – leben lässt. In dieser Klinik gab es viel mehr Angebote für Menschen wie mich, viele andere Therapien, und die Abschirmung vom eigenen Umfeld nahm nicht zu große Ausmaße an. Selbstverständlich befand ich mich nicht freiwillig dort, aber irgendwie muss man ja sehen, dass das eigene Leben nicht zu unausstehlich wird. Auf den ersten Blick ließ es sich hier leicht leben, die Mädchen und auch die Jungen verstanden einen blind und man bekam professionelle Unterstützung. Doch auf den zweiten Blick fehlten die Verbote, die ich im Alltag auch brauche, damit ich weiß, was ich darf und was nicht. Deswegen hatte ich kaum etwas, woran ich mich halten konnte, und gab der Sucht ihren Freiraum. Genau das zeigt, dass Verbote wichtig sind, damit man neuen Versuchungen widerstehen kann, wie in dem Fall beispielswiese dem 1-Kilometer-Walk um den See.
Anfangs fiel mir der Aufenthalt in der Einrichtung sehr schwer, und als ich nach wenigen Wochen angesichts einer Umstrukturierung auf eine andere Etage verlegt werden und so auch die Therapeuten und Mitpatienten wechseln musste, erstarrte meine Welt mal wieder. Das Ergebnis dieses Wechsels bestand darin, dass ich mich an alles neu gewöhnen musste. Das war keine leichte Aufgabe, denn ich kann mich nicht von heute auf morgen neuen Menschen öffnen oder mich einer Gruppe anvertrauen. Allgemein fällt es mir schwer, spontan zu sein und etwas ohne einen genauen Plan zu erledigen. So also auch in dieser Klinik.
Die Hoffnungslose in mir schrie in diesen Tagen lauter als je zuvor. Mein Essverhalten verschlechterte sich wieder und ich war eine der Personen, die am längsten in der Zusammenkunft des betreuten Essens verharrten. Ich konnte einfach nicht wie ein 16-jähriges Mädchen essen, wenn eine 30-Jährige neben mir mit dem Essen rumschmierte, als wäre sie drei. Die göttliche Ordnung der Dinge war hier maßgeblich durcheinandergeraten. In jeder weiteren essgestörten Person sah ich eine Konkurrentin, die mich vom Thron stoßen könnte. Für sich alleine zu essen wäre der erste Schritt in die richtige Richtung gewesen, doch wozu vernünftig sein, wenn es für mich absolut keine Argumente für die Pro-Seite gab? Irgendwann tat ich es trotzdem, denn ich wollte mich nicht jahrelang an diesem Ort aufhalten. Ich kehrte wieder in mein Elternhaus zurück, als ich 46 Kilo erreicht und ein wenig mehr Hüfte und Oberweite bekommen hatte. Meine Eintrittskarte in die freie, uneingeschränkte Welt.
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Seitdem halte ich mich trotz zwischenzeitlichen Psychologenwechsels mit einmal wöchentlich stattfindender Therapie über Wasser. Ich musste die Behandlung bei meiner alten Therapeutin beenden, weil mir die Fahrerei zu anstrengend wurde und ich endlich selbstständiger sein wollte. Dieser Wechsel basierte also ausnahmsweise mal nicht auf Ratlosigkeit, wovon meine Eltern und der Rest der Familie ansonsten geprägt sind.
Das Schweigen, das in unserem Hause herrscht, ist unglaublich laut. Obwohl wir eine Familie sind, haben wir uns voneinander distanziert. Klar, ich liebe meine Eltern, aber die Krankheitshistorie und -gegenwart haben eine hohe Mauer zwischen uns errichtet. Ich bin zu klein und zu schwach, um über sie hinwegzusehen und meine Eltern in den Arm zu nehmen und aus tiefstem Herzen zu sagen: »Eure Liebe ist aus Gold.«
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Meine Anorexie kontrolliert mich immer noch, verknüpft mit den Zwängen. Diese nehmen einen großen Teil in meinem Leben ein. Vor allem die Gedanken, ständig alles sauber halten zu müssen. Das hält mich auf Trab. Ich kann abends nicht Desperate Housewives einschalten oder nachmittags ein paar Leute im Internet stalken. Die Angst, mich dabei wie ein Scheusal zu fühlen, und der Zwang, immer etwas Sinnvolles tun zu müssen, verbieten es mir.
