Dein Leben ohne Angst - Beck Martha - E-Book

Dein Leben ohne Angst E-Book

Beck Martha

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Beschreibung

· Fundierter Praxisratgeber der New-York-Times-Bestsellerautorin – wissenschaftlich erklärt, lebensnah und umsetzbar

· Der Ratgeber verbindet neueste Erkenntnisse aus Hirnforschung, Trauma-Arbeit und systemischer Beratung mit praxisnahen Übungen

· Die Angstspirale durchbrechen und durch Neugier, Selbstmitgefühl und innere Ruhe ersetzen

Der neue Weg, deine Angst zu überwinden

Angst ist längst zu einem ständigen Begleiter vieler Menschen geworden – doch sie muss dich nicht beherrschen. In „Dein Leben ohne Angst“ zeigt die New-York-Times-Bestsellerautorin und Coachin Martha Beck, warum Angst so hartnäckig ist – und wie du sie in innere Klarheit und Kraft verwandeln kannst.

Statt dich in Grübelschleifen zu verlieren oder alles kontrollieren zu wollen, lernst du, dein Nervensystem zu beruhigen und dein Denken neu auszurichten. Mit Erkenntnissen aus Neurowissenschaft und Coaching führt dich Martha Beck Schritt für Schritt aus der Angstspirale – hinein in eine „Kreativitätsspirale“, die dir neue Energie und Freude schenkt.

Das Buch führt dich in drei Stufen aus der Angst: Zunächst lernst du, deine biologische und psychologische Veranlagung zur Angst zu verstehen. Anschließend aktivierst du dein kreatives, schöpferisches Selbst, das Neugier, Verbundenheit und Mitgefühl fördert. Im dritten Schritt gelangst du in einen Zustand von innerem Flow, in dem Angst an Bedeutung verliert und neue Handlungsspielräume entstehen. Zahlreiche Reflexionsimpulse, Übungen und Beispiele unterstützen dabei, die Inhalte direkt auf das eigene Leben zu übertragen.

„Dein Leben ohne Angst“ ist ein inspirierendes Buch für alle, die ihre Ängste tiefgehend verstehen, alte Denkmuster hinter sich lassen und mehr Lebendigkeit, Klarheit und Selbstvertrauen entwickeln möchten.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2026

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INHALT

Einleitung

TEIL EINS – Die Kreatur

Deine biologische und psychologische Veranlagung zur Angst verstehen

1. Wenn du nur noch fliehen willst

2. Eine Kultur der Angst und wie sie uns prägt

3. Wenn du feststeckst und nichts mehr geht

4. Wer bin ich, wenn ich Angst habe?

TEIL ZWEI – Das Kreative

Dein kreatives, schöpferisches Selbst aktivieren

5. Werde kreativ und befreie dich von Angst

6. Neugier, die verborgene Kraft der Angstfreiheit

7. Wie du dein Leben sinnvoll zusammensetzt

8. Die Kraft deiner inneren Magie

TEIL DREI – Die Kreation

Dein Flow-Gefühl, in dem du deine Ängste vergisst

9. Rollen loslassen und deine Mission finden

10. Ein neues Ökosystem entsteht

11. „Erwachen“ und die Perspektive wechseln

12. Entscheiden ohne Angst zu leben

Danke

EINLEITUNG

Bis 2016 war Bo Burnham ein angesagter Comedian, Filmemacher und Musiker. Dann bekam er auf der Bühne Panikattacken und musste sich aus dem Showbusiness zurückziehen. Drei lange Jahre später war er bereit, wieder aufzutreten.

Und dann bekam in China jemand einen trockenen Husten.

Bo Burnhams Pläne änderten sich, genau wie deine, meine und die aller anderen. Aber statt seinen Traum vom Showbusiness aufzugeben, wurde er kreativ. Eingeschlossen in seinem Zuhause schrieb, spielte, filmte und schnitt er ganz allein eine Musikkomödie namens Inside. Als der Film im Juni 2021 auf Netflix erschien, wurde er von der Kritik gefeiert.

Inside fängt das Leben im 21. Jahrhundert mit beunruhigender Genauigkeit ein. „Da ist es wieder, dieses komische Gefühl“, singt Burnham an einer Stelle, während er allein in seiner Wohnung sitzt und die Kameras laufen.

Ein Souvenirladen am Schießstand, ein Amoklauf im Einkaufszentrum … Das stille Begreifen, dass alles zu Ende geht.

Burnham nennt unsere Reaktion auf die Gefahren unserer Zeit – steigende Temperaturen, Gewalt in den Nachrichten und in Videospielen, Datenlawinen, Entfremdung – „dieses komische Gefühl“. Aber natürlich ist dieses Gefühl alles andere als lustig. Burnhams Werk beschwört die seltsame, kriechende Angst herauf, die wir angesichts der Tatsache empfinden, dass wir eine der technologisch fortschrittlichsten, am besten informierten Gesellschaften der Geschichte sind und gleichzeitig dabei zusehen, wie menschliches Handeln die Bedingungen zerstört, die für unser eigenes Überleben nötig sind.

Während wir uns durch schlechte Nachrichten scrollen, Witze über den Zusammenbruch unserer Umwelt machen und ungläubig den Kopf über das politische Chaos schütteln, fühlen die meisten von uns zumindest einen dunklen Schatten dieses „komischen Gefühls“. Ein anderes Wort dafür ist, wie Bo Burnham nur zu gut wusste, Angst.

Wir leben im Zeitalter der Angst

1948 erhielt W. H. Auden den Pulitzer-Preis für sein Langgedicht The Age of Anxiety (Das Zeitalter der Angst). Bei allem Respekt, Herr Auden, wenn Sie Ihre Zeit für angstbesetzt hielten, sollten Sie mal unsere erleben. Im Jahr 2022 bezeichnete die New York Times Angst als „innere Pandemie unter Jugendlichen“. Dieser Ausdruck bezieht sich nicht nur darauf, wie häufig Angstzustände vorkommen, sondern auch darauf, wie rasant ihre Zahl zunimmt. Bereits 2017 berichtete Forbes Health, dass weltweit über 284 Millionen Menschen mit einer Form von Angststörung diagnostiziert worden waren – die Dunkelziffer nicht mitgerechnet. Als das Journal of Psychiatric Research sich daran machte, die Angstraten in den Vereinigten Staaten zu dokumentieren, kam es zu dem Schluss, dass die Erkrankung aufgrund der „direkten und indirekten … Konfrontation mit beängstigenden Weltgeschehnissen“ rapide zunimmt.

Wann wurde diese Studie veröffentlicht?, fragst du dich vielleicht.

Im Jahr 2018.

Erinnerst du dich noch an die guten alten Zeiten, damals im Jahr 2018? Erinnerst du dich daran, wie wir alle damals dachten, wir wären „beängstigenden Weltgeschehnissen“ ausgesetzt?

Im ersten Jahr der COVID-Pandemie ging die weltweite Prävalenz von Angststörungen mit einem Anstieg von 25 Prozent durch die Decke. Laut Forbes Health stieg die Zahl der von Angststörungen betroffenen Menschen von etwa 298 Millionen auf 374 Millionen. Bis 2020 gab fast die Hälfte (47 Prozent) der befragten Menschen an, regelmäßig unter diesem lebensenergieraubenden, gesundheitsschädlichen und quälenden Zustand zu leiden. Obwohl die Angst vor der Pandemie bei einigen Menschen nachließ, berichteten bis 2023 ganze 50 Prozent der jungen Erwachsenen im Alter von 18 bis 24 Jahren von Angstsymptomen. All das verleiht Angststörungen die zweifelhafte Auszeichnung, die häufigste psychische Erkrankung der Welt zu sein.

Ich habe mal gehört, dass Statistiken Menschen ohne Tränen sind – also unpersönliche Zahlen ohne Gefühle. Ich jedenfalls kann den Schmerz derjenigen nachvollziehen, die unter starken Angstzuständen leiden, denn ich bin eine von ihnen.

Mein eigenes seltsames Gefühl

Ich beschäftige mich schon mein ganzes Leben lang mit Angst, weil ich sie habe. Sie hatte. Sie in Form glühender Vulkanausbrüche und den Himmel verdunkelnder Wellen hatte. Sie jahrelang hatte, in guten wie in schlechten Zeiten, in Krankheit und Gesundheit. Ich erinnere mich, wie ich am Abend vor einem Geburtstag ganz verkrampft vor Angst war – weil die Zeit so schnell verging und ich das Gefühl hatte, noch nichts Bedeutendes erreicht zu haben. Ich war vier Jahre alt.

Als ich in die Schule kam, wurde es nur noch schlimmer. Als ich zum ersten Mal ein Gedicht schreiben sollte, hielt mich meine Angst, nicht gut genug zu sein, fünf Tage und Nächte lang wach, bis mein Kinderarzt – mein Kinderarzt! – mir eine kurze Valium-Kur verschrieb. Als ich in der Oberstufe dem Debattierclub beitrat und vor einer Jury sprechen sollte, wurde ich ohnmächtig.

Der einzige Grund, warum ich es später überhaupt mit öffentlichem Reden versuchte, war, dass ich in der Pubertät erkannte, dass ich die Wahl hatte: Ich konnte Dinge tun, die mich schrecklich ängstigen, oder ich konnte in einer Kiste unter meinem Bett leben. Zum Glück machte mich Untätigkeit genauso ängstlich wie alles andere. Also stürzte ich mich ins Leben – nicht etwa mutig, sondern vielmehr hektisch, wie jemand, der vor einem Bienenschwarm flieht.

Voller Angst bewarb ich mich für ein Studium, dann für ein Aufbaustudium und schließlich für verschiedene Jobs. In blanker Panik heiratete ich, reiste, bekam Kinder und zog sie groß. Aber egal, wohin ich ging und was ich tat, ich war immer, immer, immer ängstlich.

Diese Angst war einer der Gründe dafür, warum es mich zu den Sozialwissenschaften zog. Wenn ich den Verstand verstehen könnte, meinen eigenen Verstand, dann – hoffentlich – könnte ich mich von meiner ständigen Unruhe befreien. Zu Anfang lernte ich durchaus Ermutigendes. Zum Beispiel, dass jedes menschliche Gehirn im Alter von fünf Jahren vollständig ausgebildet ist. Fix und fertig. Ich erinnere mich, wie ich niedergeschlagen Seite um Seite anstarrte, am Boden zerstört, dass mein ängstliches Gehirn immer ängstlich bleiben würde.

Zum Glück las ich weiter.

Inzwischen ist es Neurologen dank neuer Technologien möglich, das Gehirn genauer zu untersuchen. Dabei stellte sich heraus, dass die Vorstellung von einem unveränderlichen Gehirn reine Fiktion ist. Unsere grauen Zellen sind ein Wunderwerk der Selbstüberarbeitung. Sie können sich ständig neu formen, je nachdem, wie wir sie nutzen, und tun dies auch, unser ganzes Leben lang.

Das war eine gute Nachricht! Ich verschlang alles, was ich über Neuroplastizität finden konnte – das ist der Begriff, der die Formbarkeit unseres Gehirns beschreibt. Jede neue Studie, die ich las, gab mir Hoffnung – insbesondere eine Studie, in der Neurologen die Gehirne tibetischer Mönche untersuchten, die jahrelang meditiert hatten. Man fand bei ihnen ungewöhnlich dichtes Gewebe in den Gehirnregionen, die mit Glück, Mitgefühl und Ruhe in Verbindung stehen.

Bei einem bestimmten Mönch war dieser Effekt so stark, dass die Wissenschaftler dachten, ihre Geräte würden nicht richtig funktionieren. Dieser Typ war ein echter Superheld der Ruhe. Aber er war nicht immer so entspannt gewesen. Tatsächlich hatte er seine gesamte Kindheit über mit lähmenden Angstzuständen und Panikattacken gekämpft.

JA! EIN JUNGE HATTE PANIKATTACKEN! Aber JA! ER HAT SIE ÜBERWUNDEN!

Zu der Zeit, als ich von der erstaunlichen Plastizität unseres Gehirns erfuhr, hatte ich mein Aufbaustudium abgeschlossen, eine Weile an der Universität unterrichtet und dann die akademische Laufbahn verlassen, um Bücher zu schreiben und als Coach zu arbeiten. Letztendlich basierte meine Karriere weniger auf meiner intellektuellen Ausbildung als auf meiner fast schon krankhaften Überzeugung, dass jeder von uns seine Sehnsüchte erfüllen und die Welt zu einem besseren Ort machen kann. Nachdem ich die Studie über tibetische Mönche gelesen hatte, war diese Überzeugung so tief in mir verwurzelt, dass nichts sie erschüttern konnte. Ich war davon überzeugt, dass ich mein Gehirn heilen konnte, vielleicht sogar, ohne in den Himalaya zu ziehen oder eine Ausbildung zur Mönchin zu machen. Ich glaubte, dass der Weg zum inneren Frieden bereits in mir lag. Ich musste ihn nur finden.

Angst und Kreativität

Im Jahr 2021, als Bo Burnham seinem düster-brillanten Werk Inside den letzten Schliff gab, kamen mehrere Dinge zusammen, die den Drang, meine Ängste zu überwinden, verstärkten: Viele meiner Klientinnen und Klienten gingen vor Angst schier die Wände hoch und wer könnte es ihnen verübeln? Sie machten sich Sorgen um die Pandemie, ihre finanzielle Zukunft, politische Umwälzungen, das immer seltsamere Wetter und unzählige andere Probleme. Damit ich ihnen helfen konnte, begann ich, mich intensiver als je zuvor mit Angstzuständen zu beschäftigen.

• Während des Lockdowns verbrachte ich mehrere Monate damit, einen Online-Kurs über Kreativität zu entwickeln und zu unterrichten. Er sollte Menschen dabei helfen, innovative Wege zu finden, um sich in einer Welt zurechtzufinden, die von Unsicherheit geprägt war. Im Rahmen meiner Vorbereitungen lernte ich so viel wie möglich darüber, wie Kreativität im Gehirn funktioniert.

• Ich begann, mich regelmäßig mit verschiedenen Wissenschaftlerinnen und Psychologen auszutauschen, darunter Jill Bolte Taylor, eine Neuroanatomikerin, die ich noch aus meiner Zeit in Harvard kannte. Jill hatte einen schweren Schlaganfall erlitten, der den Großteil ihrer linken Gehirnhälfte lahmlegte. Ihre Erfahrungen sowohl als Wissenschaftlerin als auch als Überlebende ermöglichten uns wichtige Erkenntnisse darüber, wie unser Gehirn Angst erzeugt und wie wir sie loslassen können.

Die neurologische Dynamik der Angst begann mich zu faszinieren – wie sie in unserem Gehirn, in unserem Verhalten und unseren sozialen Interaktionen funktioniert. Besonders faszinierte mich die Tatsache, dass es eine Art Umschalt-Effekt zwischen Angst und Kreativität gibt: Wenn eins von beiden aktiv ist, scheint das andere stillgelegt zu sein. Ich begann, mit etwas zu experimentieren, das ich „die Kunst der Ruhe“ nannte, denn dabei ging es darum, meine Angst mit Kreativität zu beruhigen.

Die Ergebnisse dieses Experiments überraschten mich! In einer Zeit der weltweiten Krise, in der eigentlich zu erwarten wäre, dass ich mich extrem unwohl fühle, sank meine Angst fast auf null. Ereignisse, die früher Angstattacken ausgelöst hätten – körperliche Schmerzen und Einschränkungen, finanzielle Unsicherheit, Angst vor Krankheit oder dem Verlust eines geliebten Menschen –, versetzten mich nicht mehr in Panik. Während ich diese „Kunst der Ruhe“ entwickelte und praktizierte, merkte ich, dass ich mich mehr denn je um andere Menschen kümmerte, aber gleichzeitig viel weniger Angst hatte.

Da durch den Lockdown so ziemlich alle sozialen Kontakte außer Babys die Windel zu wechseln – ins Internet verlagert worden waren, gab ich viele Gruppencoachings, darunter kostenlose OnlineMeetings mit mehreren Hundert Teilnehmenden. Sie boten mir eine großartige Chance, meine neuen Methoden zur Angstbewältigung zu testen: Ich führte Tausende von Menschen durch diese Strategien, und dank der Wunder der Technik konnten mir diese Menschen in Echtzeit Feedback geben, wie meine Methoden bei ihnen funktionierten. In jeder Gruppe berichtete die überwältigende Mehrheit der Teilnehmenden, dass die von mir entwickelten Techniken ihnen dabei halfen, ihre Ängste sofort und nachhaltig zu verringern. Da beschloss ich, dieses Buch zu schreiben.

Drei Erkenntnisse über Angst

Auf dem Schreibtisch, an dem ich diese Zeilen schreibe, stapeln sich viele tolle Bücher darüber, wie man die chronischen Sorgen seiner Leser reduzieren kann. Sie alle enthalten großartige Ratschläge. Ich habe sie sorgfältig und mehrfach gelesen und ihre Ratschläge selbst angewendet und auch an meine Klientinnen und Klienten weitergegeben. Vieles daraus hat mir wirklich geholfen.

Nach Jahren fleißiger Psychohygiene und Tausenden Meditationsstunden, was übrigens viele dieser Bücher empfehlen, hatte ich gelernt, meine Angst zu durchbrechen und mich mit einem Gefühl der inneren Ruhe zu verbinden. Für eine Weile. An den meisten Tagen. Aber dann passierte etwas Beunruhigendes – eine Deadline, eine schlechte Nachricht, ein seltsames Ziehen im Bauch – und mein Gehirn fing an, plötzlich lauter Ängste zu produzieren. Ich bekam mich so weit in den Griff, dass ich tagsüber lächeln und nachts schlafen konnte, aber es kostete mich ständig Kraft.

Erst als ich begann, umfassend zu recherchieren, erkannte ich drei wichtige Dinge, die mein Leben verändern sollten. Sie halfen mir, zu verstehen, wie sich die Angst immer wieder in meinen Kopf einschlich und wie ich sie von etwas Bösartigem in etwas geradezu Sanftes verwandeln konnte. Als ich mit neuen Beruhigungsstrategien experimentierte, sank meine Angst fast auf null und blieb beinahe die ganze Zeit dort. Hier sind die drei wichtigen Dinge, von denen ich hoffe, dass sie die Grundlage für deinen eigenen Weg aus der Angst bilden werden.

Wichtige Erkenntnis Nr. 1: Wir alle haben gelernt, unbewusst eine „Angstspirale“ in unserem Gehirn zu aktivieren. Wir halten sie oft selbst am Laufen, ohne es zu merken.

Von frühester Kindheit an wurdest du dafür belohnt, auf eine bestimmte Art und Weise zu denken: verbal, analytisch, in geordneten logischen Gedankengängen. Du machst das gerade jetzt, während du Symbole in Form von Buchstaben entschlüsselst, sie in Sprache umwandelst und meiner Argumentation folgst. Diese Art der Konzentration baut einen bestimmten Teil deines Gehirns auf – ganz so, wie Gewichtheben deine Muskeln aufbauen kann. Der Teil deines Gehirns, den du stärkst, befindet sich größtenteils in deiner linken Gehirnhälfte, obwohl fast immer dein gesamtes Gehirn aktiv ist. Diese Art des Denkens hat zwar enorme Vorteile, aber mindestens einen großen Nachteil: In der gestärkten linken Gehirnhälfte jedes Menschen befindet sich ein neurologischer Mechanismus, den ich als „Angstspirale“ bezeichne.

Die Angstspirale funktioniert wie einer dieser Reifenkiller, über die du vielleicht schon mal beim Verlassen eines Parkplatzes gefahren bist und die dir die Reifen aufgerissen haben: Sie löst im Gehirn immer größere Angstzustände aus, ohne dass es wieder in einen Zustand der Entspannung zurückfinden kann. Weil wir Menschen über Sprache und Vorstellungskraft verfügen, können wir unsere Angstreaktion endlos aufrechterhalten – ganz gleich, ob wirklich Gefahr besteht oder nicht. Je stärker in unserer Gesellschaft das Denken der linken Gehirnhälfte überwiegt, desto mehr bekommen wir das Signal, unsere Angst immer weiter zu steigern – bis sie zum Dauerzustand wird.

Wichtige Erkenntnis Nr. 2: Je ängstlicher die Gesellschaft uns macht, desto ängstlicher machen wir sie.

Angst ist ansteckend. Selbst wenn wir Techniken lernen, die unsere persönliche Angst verringern, kann uns eine Kultur, die voller Angst ist, sofort wieder in die Angstzone zurückversetzen. Unser Gehirn und unsere Emotionen werden von kulturellen Einflüssen geprägt, denen wir jeden Tag ausgesetzt sind: dem Leistungsdruck und ständigen Vergleichen in Schulen; der Notwendigkeit, einer bezahlten Arbeit nachzukommen; der ständigen Flut alarmierender Nachrichten aus aller Welt; Begegnungen mit Familienmitgliedern, Freunden und Fremden, die mit ihren eigenen schwierigen Lebensumständen zu kämpfen haben. In einer Gesellschaft voller unruhiger Menschen ruhig zu bleiben, ist wie eine abwärtsführende Rolltreppe hinaufzugehen.

So wie die Gesellschaft uns nervös macht, machen wir sie nervös, denn unsere unruhigen Gefühle, Gedanken und Handlungen übertragen sich auf unsere Umgebung. Diese verstärkt dann den sozialen Druck, der wiederum uns noch ängstlicher macht, und wir geben diese erhöhte Angst wieder an andere Menschen weiter … Du siehst, wohin das führt. Die Angstspirale in unseren Köpfen wiederholt sich in einem größeren Kreis und wirbelt dann zwischen den einzelnen Köpfen und der Gesellschaft umher.

Die gesellschaftlichen Einflüsse, die unsere Angst verstärken, sind zahlreich, subtil und stark. Unsere Spiegelneuronen übernehmen automatisch die Gefühle der Menschen um uns herum. Bilder von Gefahr und Leid verbreiten sich heute rasend schnell und überall – so werden wir unaufhörlich mit schlimmen Nachrichten aus aller Welt konfrontiert. Auch die Strukturen unserer Arbeitswelt machen uns nervös und lassen uns ständig fürchten, unseren Vorsprung oder sogar unseren Job zu verlieren.

Um all dem entgegenzuwirken, brauchen wir mehr als nur ein paar Entspannungstechniken. Wir müssen gesellschaftsweit die Herangehensweise an unser Leben verändern.

Wichtige Erkenntnis Nr. 3: Angst kann nicht einfach beendet werden. Sie muss ersetzt werden.

Die Natur hasst Leere. Selbst, wenn wir unsere hochentwickelten Angstkreisläufe unterbrechen können, treffen sie auf viele Kräfte (innerhalb und außerhalb unseres Gehirns), die sie wieder in Gang setzen – es sei denn, wir füllen den Raum, in dem zuvor die Angst war.

Um Freude und Optimismus in unser Leben zu lassen, reicht es nicht, dass wir einfach nur unsere Probleme überwinden; vielmehr müssen wir anfangen, unser Gehirn anders zu nutzen. Wir brauchen Übungen, die unser Denken dauerhaft in neue Bahnen lenken, und eine neue Weise, die Welt wahrzunehmen und uns in ihr zu bewegen. Einige Psychologinnen und Neurologen denken bereits in diese Richtung. Doch unsere moderne westliche Kultur vermittelt uns kaum Fähigkeiten, mit denen wir ängstliche Energie in ruhigere, friedlichere Denkweisen verwandeln können. Andere Kulturen – etwa tibetische Mönchsorden – lehren solche Techniken dagegen seit Jahrhunderten.

Schon länger bekannt ist: Der menschliche Geist ist nonstop dabei, etwas zu erschaffen. Das dafür zuständige Gehirnareal produziert ständig Konzepte, Geschichten, Theorien, Wettbewerbsstrategien, ein Gefühl des Mangels – und natürlich Angst.

Das können wir verändern, wenn wir unsere Gehirnaktivität gezielt auf andere Bereiche lenken – auf jene, die Neugier, Staunen, Verbundenheit, Mitgefühl und auch Ehrfurcht fördern. Diese Fähigkeit lässt sich wissenschaftlich erklären, ist aber, wie ich schon sagte, letztlich eine Kunst. Die Strategien, die ich dir in diesem Buch aufzeige, helfen dir nicht nur, weniger ängstlich zu sein, sondern auch, ein Künstler oder eine Künstlerin der Ruhe zu werden – ein kreatives Genie deines eigenen Lebens.

Das bedeutet nicht, dass du plötzlich Porträts malen oder Symphonien komponieren wirst – obwohl auch das passieren könnte. Es heißt vielmehr, dass du lernst, die ganze Kraft deines einfallsreichen menschlichen Geistes auf dein tägliches Handeln zu richten. Jede und jeder von uns hat eigene Formen des kreativen Ausdrucks – ob beim Kochen, Schreiben, Konstruieren oder Gärtnern. Doch unabhängig von unseren Interessen teilen wir alle eine grundlegende Kreativität: die Art, wie wir unser Leben gestalten. Alles, was du tust, kann zu einem schöpferischen Ausdruck werden. Wenn du deine Ängste hinter dir lässt und deine natürliche Kreativität entfaltest, wird dein größtes Werk ein Leben sein, das lebendiger und erfüllender ist, als du es dir heute vorstellen kannst.

Ohne Angst zu leben, ist auf vielen Ebenen befreiend. Du bist frei, in dir einen dauerhaften Zustand von Frieden und Selbstmitgefühl zu bewahren. Frei, anderen mit Vertrauen und Klarheit statt mit Unsicherheit und Anspannung zu begegnen. Frei, auf gesellschaftlichen Druck nicht mit Angst zu reagieren, sondern ihn als Wegweiser zu nutzen. Frei, deine Zukunft selbst zu gestalten – nicht als zufällige Abfolge beängstigender Ereignisse, sondern als sich entfaltendes, heilsames Wunder. Diese Freiheit ist ein Grundrecht, das dir das Leben mitgegeben hat. Wenn du die Angst hinter dir lässt, wirst du das spüren.

Mein dreischrittiges Konzept

Wie jede andere Kunst auch, erfordert ein Leben ohne Angst Übung. Dazu habe ich ein dreischrittiges Konzept entwickelt, das ich auf dieses Buch übertragen habe.

• In Teil 1 lernst du, wie du mit deiner biologischen und psychologischen Veranlagung zur Angst umgehen kannst. Ich nenne diesen Prozess „DIE KREATUR – Deine biologische und psychologische Veranlagung zur Angst verstehen.“

• In Teil 2 beginnst du, Teile deines Gehirns zu nutzen, die dich weg von der Angst und hin zu Neugier, Faszination und Erfindungsreichtum führen. Da dieser Prozess dein kreativstes Selbst hervorbringt, nenne ich ihn „DAS KREATIVE – Dein kreatives oder schöpferisches Selbst aktivieren.“ Diese Seite von dir könnte sich für das interessieren, was die Gesellschaft als „Kunst“ bezeichnet (Musik, Malerei, Poesie usw.), ihre größte Aufgabe wird es aber sein, kreative Problemlösungsansätze für alle Bereiche deines Lebens zu entdecken oder zu entwickeln. Dein kreatives Selbst sieht Probleme nicht als angstauslösende Schrecken, sondern als Chance, kreative Antworten auf jede beliebige Lebenslage zu finden.

• In Teil 3 wirst du dich so weit von deiner Angst weg und in die Kreativität hineinbewegen, dass du etwas erleben wirst, was ich „DIE KREATION – Dein Flow-Gefühl, in dem du deine Ängste vergisst“ nenne. Vermutlich hört sich das für dich albern oder esoterisch an, weil man diesen Zustand nur schlecht in Worte fassen kann. Diese Verbindung mit der Schöpfung ist ein Zustand mühelosen Fließens, ein Flow-Gefühl, in dem du deine Ängste komplett vergisst – sogar den Teil von dir, der sich ängstlich gefühlt hat. Dein Gefühl deiner selbst kann sich hier total auflösen. Diese Art der Auflösung – das Auflösen aller Ängste – setzt dein Potenzial für Freude frei, so wie die Auflösung der Kokons von Schmetterlingen den erdgebundenen Kreaturen letztendlich die Fähigkeit zum Fliegen verleiht.

Diese Entwicklung – weg von der Angst und hin zu deinem kreativen Selbst – ist ein fortlaufender Prozess. Solange du ein menschliches Gehirn hast, wirst du immer wieder Momente der Angst erleben. Wenn du jedoch die Ideen und Techniken aus diesem Buch anwendest, wird es dir zunehmend leichterfallen, die ängstliche Stimme in dir zu beruhigen und deine kreative Energie zu entfalten. Jedes Mal, wenn du das tust, wirst du mehr Einfallsreichtum, Freude und Lebendigkeit in deinem Leben spüren.

All das kann ein ganz neues „seltsames Gefühl“ auslösen, das du überallhin mitnehmen wirst. Selbst in einer Welt voller Chaos, Zerstörung, Wut und Bedrohung wirst du eine Blume der Ruhe spüren, die in Kreativität, Verbundenheit und Freude aufblüht. Du wirst lernen, deinen eigenen Verstand und dein Herz zu formen, so wie es ein Bildhauer mit Ton macht, so wie ein Musiker Lieder komponiert.

Bevor wir beginnen

Wenn du lernst, die in diesem Buch vorgeschlagenen Ideen und Prozesse anzuwenden und deine Angst gegen freudige Kreativität einzutauschen, wirst du den (ängstlichen) Menschen in deiner Umgebung vielleicht seltsam vorkommen. Diese Menschen werden dich eventuell mit gerunzelter Stirn beobachten und gelegentlich einen kritischen Kommentar abgeben. Zu lernen, ohne Angst zu leben, ist mit das Beste, das du jemals für dich selbst, deine Lieben und die Welt tun kannst, aber es ist vielleicht nicht das Einfachste.

Ich möchte dich einladen, über die folgenden Fragen nachzudenken. Wenn du eine davon mit einem klaren Nein beantwortest, ist das völlig in Ordnung. Lies einfach weiter und beobachte, ob sich deine Antworten verändern, wenn deine Angst wieder stärker wird. Wenn du es wirklich leid bist, dich ständig ängstlich zu fühlen, wirst du merken, dass es sich lohnt, dich auf diesen Weg einzulassen.

• Bist du bereit, die Vorstellungen von unserer Kultur so tiefgreifend infrage zu stellen, dass du die grauen Zellen in deinem Kopf physisch veränderst – mit anderen Worten, ein Gehirn entwickelst, das nicht ganz in die Gesellschaft passt?

• Kannst du akzeptieren, dass du ohne Angst möglicherweise mitfühlend und kreativ denken und handeln wirst, was für manche ungewöhnlich und schwer nachvollziehbar ist?

• Bist du bereit, aus deiner ursprünglichen Einzigartigkeit heraus zu handeln, statt dich nach dem zu richten, was dir von klein auf beigebracht wurde?

Denk sorgfältig über diese Fragen nach. Ein Leben jenseits der Angst ist eine sanfte Kunst – und es wird dich die paradoxe Wahrheit lehren, dass Sanftheit außergewöhnlich kraftvoll ist. Doch in dieser Welt kann Sanftheit viel Mut erfordern. Ich will dir keine Angst machen – du hast schon genug Zeit mit Angst verbracht. Ich möchte dir nur sagen: Ein Leben jenseits der Angst wird dich aus den gewohnten Denkmustern unserer Gesellschaft herausführen. Ich kann dir nicht versprechen, dass es „normal“ aussehen wird – aber ich kann dir versprechen, dass es dich zu deinem wahren Weg führen wird.

Bist du dabei? Dann los geht’s.

TEIL EINS Die Kreatur

Deine biologische und psychologische Veranlagung zur Angst verstehen

1. WENN DU NUR NOCH FLIEHEN WILLST

Ich schreibe diese Zeilen unter dem Strohdach einer Hütte an einem meiner Lieblingsorte: dem südafrikanischen Wildreservat namens Londolozi. Vor ein paar Minuten, als ich hier saß und drauflos tippte, durchbrach ein scharfes, kehliges Geräusch die Abendstille. Ich erkannte das Geräusch als den Ruf eines Leoparden. Für einen Moment dachte ich wirklich, der Leopard wäre hier im Zimmer – genauer gesagt unter mir, denn ich schwebte augenblicklich wie eine Rakete, angetrieben von purem Adrenalin, senkrecht in das Moskitonetz über meinem Bett.

Aber nur in meiner Vorstellung.

Was tatsächlich geschah, war weit weniger dramatisch. Gerade noch rechtzeitig sah ich die halb im Licht schimmernde Gestalt des Tieres an meiner Fliegengittertür vorbeigleiten. Noch bevor ich das Wort „Leopard“ denken konnte, wusste ich, dass ich völlig sicher war. Mein Besucher verschwand im hohen Gras und hinterließ ein Geräusch, das wie eine aufheulende Kettensäge klang. Ich aber saß da und lächelte – mit dem Gefühl, als wäre mein Blut durch prickelnden Champagner ersetzt worden.

Dies ist ein Beispiel für etwas, das der Gewaltpräventionsexperte Gavin de Becker als „die Gabe der Angst“ bezeichnet. Was ich empfand, als ich den Leoparden hörte, war keine Ruhe. Aber es war auch keine Angst. Bevor wir näher darauf eingehen, was Angst ist, müssen wir uns erst darüber klar werden, was sie nicht ist.

Vier Worte: Angst ist keine Furcht.

Der Schrei des Leoparden löste meine Kampf-oder-Flucht-Reaktion aus – eine Fähigkeit, die fast alle Lebewesen besitzen. Er brachte eine Welle echter Furcht hervor, die uns plötzlich triff, in Bewegung setzt und dann wieder abklingt. Meistens jedoch steht diese „echte Furcht“ untätig herum – wie Feuerwehrleute in Bereitschaft, die auf ihr Stichwort warten. Erst wenn unsere Sinne eine eindeutige und unmittelbare Gefahr wahrnehmen, wird sie aktiv und schenkt uns die Klarheit und Energie, die wir brauchen, um zu handeln. Sobald die Gefahr vorüber ist – das Feuer gelöscht, der Leopard verschwunden –, beruhigt sich auch die Furcht wieder.

Es ist erstaunlich, wie schnell so etwas geschieht. Innerhalb von weniger als einer Sekunde wechselte ich von friedlicher Zufriedenheit zu panischer Angst – und dann wieder zurück zu innerer Ruhe. Ich fühlte keine lähmende Emotion, sondern eine plötzliche, klare Wachheit und einen Energieschub im ganzen Körper. Echte Furcht zeigt uns genau, was zu tun ist, und schenkt uns gleichzeitig die Kraft und Geschwindigkeit dafür. Es fühlt sich an, als würde man aus einer Kanone geschossen werden.

Angst dagegen ist wie eine ständige Heimsuchung. Sie zieht unsere Aufmerksamkeit nach innen – zu beunruhigenden Gedanken und Fantasien – und weg von dem, was tatsächlich um uns herum geschieht. Dieses diffuse, bedrückende Gefühl lähmt uns, statt uns zum Handeln zu bewegen. Und anders als echte Furcht vergeht Angst nicht von selbst. Selbst in Momenten, in denen wir völlig sicher sind, kann sie bleiben – oder sich sogar verstärken. Diese dauerhafte Angst schadet unserer Gesundheit, unseren Beziehungen und hindert uns daran, unsere Wünsche und Träume zu leben.

Wie kann es sein, dass Furcht – ein unbezahlbares Geschenk, ohne das wir alle schon bis Dienstag tot wären – zu dieser quälenden Folter der Angst wird? Ausgezeichnete Frage! Gut, dass wir drüber geredet haben.

In diesem Kapitel erkläre ich dir, wie es passieren kann, dass der Schalter deiner gesunden Furcht auf „An“ stecken bleiben kann und wie sich die Furcht so von einem schnellen, reflexartigen Impuls in eine endlose Spirale der Angst verwandelt. Ich zeige dir, wie dich sowohl deine Biologie als auch die Gesellschaft, in der du lebst, in Richtung Angst ziehen, bevor du es überhaupt merkst, und wie du dich davon befreien kannst.

Wie aus Sorge Panik wird

Wenn du auf etwas Unbekanntes stößt, sei es ein seltsam aussehendes Insekt oder eine ausgefallene Frisur, wird die Aufmerksamkeit einer Struktur deines Gehirns geweckt, die seit Hunderten von Millionen von Jahren von Lebewesen zu Lebewesen weitergegeben wird. Sie heißt „Amygdala“, griechisch für „Mandel“, weil sie etwa die Größe und Form einer Mandel hat. Jedes Lebewesen mit einer Wirbelsäule hat eine Amygdala oder eine ähnliche Struktur.

Eigentlich ist es nicht ganz richtig zu sagen, dass du „eine Amygdala“ hast. Du hast nämlich zwei – eine in der linken und eine in der rechten Gehirnhälfte -, und was das bedeutet, erkläre ich später. Stell dir vor, deine beiden inneren Mandeln nehmen bedrohliche oder unbekannte Sinneseindrücke wahr: den Anblick eines unbekannten Objekts, das auf dich zufliegt, das Schnauben eines Leoparden, den Geruch des Haarsprays deiner Schwiegermutter. Sofort sendet die innere Mandel deines Gehirns einen Alarmimpuls aus: Ahh!

In Sekundenschnelle erreicht dieser Alarmruf andere Strukturen: die emotionserzeugenden Hirnschichten, die wir mit anderen Säugetieren teilen, und die logischen, verbalen Teile, die nur Menschen haben. In Momenten großer Gefahr kann diese Angstreaktion uns fast übermenschliche Kräfte verleihen. Ohne auch nur nachzudenken, hechten wir von der Klapperschlange weg, lassen Rettungsboote zu Wasser, heben das Auto über unserem eingeklemmten Geliebten an.

Bei den meisten Lebewesen endet das Gefühl der Furcht, sobald die unmittelbare Gefahr vorüber ist. So war es auch in meinem Gehirn, als der Leopard davonschlich. Ich habe oft beobachtet, wie Tiere sich sofort wieder entspannen, nachdem sie einer Bedrohung entkommen sind. Einmal sah ich einen Löwen, der gerade fast ein ganzes Gnu gefressen hatte und dann plötzlich beschloss, ein anderes anzugreifen. Die Antilope rannte davon wie der Blitz. Nach hundert Metern gab der überfressene Löwe auf und blieb keuchend stehen. Und sofort – noch während der Räuber in Sichtweite war – senkte das Gnu den Kopf und begann wieder zu grasen.

Wir Menschen würden genauso reagieren, wenn wir nicht so verdammt schlau wären. Unser Gehirn kann Informationen als verbale Geschichten speichern und sie mit unserer Vorstellungskraft weiterspinnen. Wir denken gern, dass wir die „vernünftige“ Spezies sind, so cool und logisch wie Sherlock Holmes. In Wirklichkeit aber werden unsere Gedanken und Entscheidungen größtenteils davon gesteuert, was auf der emotionalen Ebene unseres Gehirns passiert.

Das bedeutet, dass dein brillanter menschlicher Verstand oft stärker auf den Alarmruf der Amygdala – also den emotionalen Schrei der Furcht – reagiert als auf die tatsächliche Situation. Wir können uns vor fast allem erschrecken: vor Schritten hinter uns, dem Stirnrunzeln des Chefs oder einer Nachrichtensendung. In solchen Momenten schaltet das ganze Gehirn in Alarmbereitschaft, bereit, mit der vermeintlichen Gefahr umzugehen. Doch selbst wenn sich herausstellt, dass keine reale Bedrohung besteht – dass die Schritte von einem Freund stammen, der Chef nur vor Schmerz das Gesicht verzieht und die Nachrichten eher Nachdenklichkeit als Panik verlangen -, reagiert unsere linke Gehirnhälfte trotzdem auf zwei Arten: (1) Sie findet Erklärungen, die unsere Angst bestätigen, und (2) sie sucht sofort nach Wegen, die Situation zu kontrollieren.

Warum Kontrolle Angst nährt

Die beängstigenden Geschichten, die unser Gehirn erfindet, um ein Gefühl der Angst zu rechtfertigen, klingen für die Person, die diese Angst hat, meist völlig rational. Das Gleiche gilt für die Kontrollmechanismen, mit denen wir uns das Gefühl geben, alles im Griff zu haben. Als Coach habe ich erlebt, wie Menschen erstaunlich viel Zeit und Energie darauf verwenden, alle möglichen Lebenssituationen kontrollieren zu wollen. Manche Leute tracken ihren Partner rund um die Uhr über Handy-Apps, weil sie glauben, dass ständige Überwachung der Schlüssel zu einer glücklichen Beziehung sei. Ich habe Eltern gesehen, die praktisch in der Schule ihrer Kinder wohnten, weil sie glaubten, dass ihre Lieblinge eine glückliche Zukunft haben würden, wenn sie jeden Aspekt des Lehrplans kontrollieren könnten. Ich habe Vorgesetzte erlebt, die ihre Unternehmen zugrunde richteten, weil sie jeden Aspekt der Arbeit ihrer Mitarbeitenden kontrollieren wollten – bis diese schließlich das Handtuch warfen und gingen.

Der Drang, Dinge zu kontrollieren, sitzt so tief, dass wir oft glauben, ganz vernünftig zu handeln – selbst wenn unser Verhalten längst absurd geworden ist. Meine Freundin Jennifer erlebte das auf ihre eigene Weise. Sie übernachtete in genau demselben Cottage in Londolozi, in dem ich gerade diesen Text schreibe. In ihrer ersten Nacht dort wachte sie plötzlich auf und sah, du kannst es dir denken, einen Leoparden direkt vor der Fliegengittertür. Vielleicht war es sogar derselbe, der auch mich später besuchte. Doch diesmal brachte er einen Snack mit. Jennifer wurde durch das unheimliche Geräusch von Fangzähnen geweckt, die Knochen und Knorpel zerdrückten. Nur wenige Meter von ihr entfernt hockte die riesige Katze – vertieft in den blutigen Kadaver eines Impalas.

Natürlich ließ Jennifers Amygdala einen mächtigen Schrei los. Aber ihr jetlaggeplagter Neokortex ging noch weiter als meiner. Er entwickelte sofort eine Theorie („Deshalb solltest du Angst haben!“) und eine Kontrollstrategie („Das musst du tun, damit dir nichts passiert!“). Jennifers Theorie war, dass das Tier sie in ihrem flauschigen Pyjama mit Leopardenmuster als Revierrivalin wahrnehmen würde. Ihre Kontrollstrategie, die sie schnell und entschlossen umsetzte, bestand darin, sich kerzengerade hinzusetzen, sich in eine beige Decke zu wickeln und so zu tun, als sei sie ein Termitenhügel.

Als sie die Geschichte am nächsten Morgen beim Frühstück erzählte, lachte Jennifer so sehr, dass sie kaum atmen konnte. Ihr Nervensystem hatte sich – genau wie meines nach dem Leopardenbesuch – wieder in den Zustand von Sicherheit zurückreguliert. Doch oft gelingt das einem menschlichen Gehirn nicht. Statt sich zu beruhigen, beginnt es, neue Schreckensszenarien zu entwerfen und sich auszumalen, was alles passieren könnte. Und hier liegt ein entscheidender Punkt: Die Gedanken, die sich der Neokortex vorstellt oder an die er sich erinnert, sendet er an die linke Amygdala zurück als würden diese Situationen tatsächlich geschehen.

Die Angstspirale und wie du sie stoppst

Wenn ich der Symphonie der Tierstimmen in der afrikanischen Nacht um mich herum lausche, könnte mich das in einen Strudel der Angst versetzen. Mein Gehirn könnte Gedanken und Geschichten erzeugen, die mich die ganze Nacht wachhalten würden. Es könnte anfangen, lautlos Dinge zu schreien wie:

•Dieser Ort ist voller Leoparden. Sie sind überall!

•Dieses Tier wartet nur darauf, dass ich einschlafe. Dann wird es die Fliegengittertür durchbrechen und mich angreifen.

•Ich habe gehört, dass sie dich töten, indem sie dir in den Hals beißen, bis du erstickst. Wie würde sich das anfühlen?

•Oder … warte … reißen sie dir zuerst die Eingeweide heraus?

•Vielleicht würde der Leopard mich einfach festhalten und anfangen, mich lebendig zu fressen. Oh nein! Wo würde er anfangen?

Während diese Horrorszenarien in meinem Kopf abliefen, reagierte meine linke Amygdala auf jeden neuen Einfall, als würde all das wirklich geschehen. Jeder Gedanke machte die Angst lauter. Und jedes Mal dachte meine linke Gehirnhälfte entsetzt: Oh Gott, das ist ja noch schlimmer, als ich dachte! Dann erfand sie noch schrecklichere Szenarien, um das wachsende Angstgefühl zu rechtfertigen – was meine Amygdala noch stärker in Alarm versetzte. So trieben sich Angst und Fantasie gegenseitig an, immer weiter, immer schneller – eine endlose Spirale.

Ingenieure nennen so etwas einen „unregulierten Feedback-Zyklus“ – ein System, das sich selbst antreibt und dabei immer stärker wird, ohne sich je von allein zu beruhigen. Wenn dieser Prozess in dem Teil unseres Gehirns abläuft, der Angst erzeugt, nenne ich das die „Angstspirale“.

Wenn du dazu neigst, dir Sorgen zu machen, kennst du das Gefühl: Du liegst im Bett, eigentlich sicher und geborgen – und trotzdem wächst die Angst. Nicht wegen realer Ereignisse, sondern wegen all der Dinge, die passieren könnten. (Wie jemand einmal sagte: „Ich bin ein alter Mann und habe viele Probleme erlebt – aber die meisten davon sind nie eingetreten.“) Und du weißt wahrscheinlich auch, wie es ist, dich mit großer Willenskraft zu beruhigen, nach einer schlaflosen Nacht aufzustehen und dir vorzunehmen, diesen Tag besser zu machen – nur um kurz darauf wieder von Angst überrollt zu werden: im Stau, von einer plötzlichen Rechnung oder nach einem Streit mit einer gestressten Kollegin.

Die Angstspirale kann regelrecht Übelkeit auslösen, wie ein Karussell, das sich immer schneller dreht und immer mehr Zentrifugalkraft erzeugt. Ich kenne viele Momente, in denen dieser Prozess ineinander übergeht: ein plötzlicher Alarmzustand, gefolgt von bedrückenden Gedanken über mögliche Katastrophen – und gleich darauf ein noch stärkerer Anstieg der Angst. Vielleicht kannst du diesen Kreislauf anfangs nicht stoppen. Aber wenn du beginnst, deine Angst einfach nur zu beobachten, ohne sie verändern zu wollen, wirst du mit der Zeit den kurzen, scharfen Impuls der Angst erkennen und merken, wie er deine beunruhigenden Gedanken immer wieder anheizt.

Eine Klientin, die ich Kayla nenne, kam einmal ins Zimmer, als ihr Mann gerade auf seinem Handy tippte. Er sperrte sofort den Bildschirm und drehte sich mit etwas zu viel Begeisterung zu ihr um. „Ich spürte diesen schrecklichen Ruck“, erzählte mir Kayla. „Ich dachte: Er lügt. Was treibt er da? Glücksspiel? Pornos? Hat er eine Affäre?“ Mit jedem Gedanken wiederholte sich dieser Schreck, der immer schlimmer wurde, je mehr Geschichten sich in ihrem Kopf verdichteten. „Ich fühlte mich so betrogen, dass ich einen Streit anzettelte“, sagte Kayla. „Als er schließlich zugab, dass er meine Geburtstagsparty geplant hatte, war ich schon halb davon überzeugt, dass meine Ehe vorbei ist.“

Simon erlebte ein ähnliches Muster bei der Arbeit, wo er ein Team von drei älteren Männern leitete. Als Technikgenie verfügte Simon tatsächlich über mehr Fähigkeiten als seine Mitarbeiter. Aber er hatte große Angst davor, für unreif gehalten zu werden, also versuchte er, „autoritärer“ zu wirken, indem er mit seinem überlegenen Wissen prahlte. Dadurch wirkte er kritisch und arrogant. Simons Kollegen fühlten sich in seiner Nähe bald genauso unwohl wie er sich in ihrer.

Jared und Sophie gerieten in eine Angstspirale, als ihre Tochter Ruby geboren wurde. Jeder Husten, jedes Niesen des Babys löste in ihnen Panik aus. Um sich zu beruhigen, suchten sie im Internet nach Informationen – in der Hoffnung, alles kontrollieren zu können, was Rubys Gesundheit gefährden könnte. Doch je mehr sie lasen und Begriffe wie Respiratorisches Synzytial-Virus oder Refluxkrankheit auftauchten, desto angespannter wurden sie. Ruby spürte die Unruhe ihrer Eltern und begann zu weinen – was die Angst der beiden noch weiter verstärkte. Am Ende führte diese Spirale zu mehreren unnötigen Arztbesuchen – und zu noch mehr Erschöpfung für die ganze Familie.

Kayla und ihr Mann, Simon, seine Kollegen und Rubys kleine Familie sind kein Einzelfall. Angstspiralen beginnen bei Einzelpersonen, breiten sich aber in fast jeder sozialen Situation auf Gruppen aus. Erinnere dich: Angst ist ansteckend. Jedes Mal, wenn wir mit anderen Menschen zu tun haben, laufen wir Gefahr, in ihre Angstspiralen zu geraten, was unsere eigene Angst weiter verstärkt. Und wir Menschen haben eine Makroversion unseres Angstmechanismus in die von uns geschaffene Gesellschaft eingebaut. Die moderne Kultur ist wie eine riesige Angstspirale, in der unzählige kluge Köpfe rund um die Uhr damit beschäftigt sind, erschreckende Geschichten und Kontrollstrategien zu entwickeln. Unsere Fähigkeit, sofort mit einer großen Anzahl von Menschen zu kommunizieren, ermöglicht es uns, das Elend schneller und weiter zu verbreiten als je zuvor.

Hier ein Beispiel für eine sehr große kollektive Angstspirale. Als ich vor ein paar Tagen in mein Flugzeug nach Südafrika stieg, hatte ich – ich gestehe – eine Wimpernzange in meinem Gepäck. Die Sicherheitsbeamten am Flughafen schauten misstrauisch auf dieses kleine Gerät, erklärten es für gefährlich und beschlagnahmten es. Ich war klug genug, um nicht zu fragen, wie ich das Ding ihrer Meinung nach als Waffe einsetzen sollte.

Wenn es dich verletzt, dass ich über dieses Thema Witze mache, bitte ich um Entschuldigung – und ich verstehe dich. Die Anschläge vom 11. September 2001 waren real und zutiefst schrecklich. Viele Menschen haben beim Fliegen ohnehin Angst, und seit diesem Tag hat sich das Gefühl der Unsicherheit in unserer kollektiven Angstspirale weiter verstärkt. Schon der bloße Anblick eines Passagierflugzeugs kann ein Alarmsignal im Gehirn auslösen, weil die Bilder dieses Tages wieder auftauchen. Als Reaktion auf solche Erinnerungen – und auf spätere Terrorversuche – hat unsere Gesellschaft zahlreiche Kontrollmechanismen entwickelt: manche sinnvoll, andere eher fragwürdig. Beispiele: Wenn alle Reisenden ihre Flüssigkeiten in kleinen Flaschen verpacken, sind wir sicher. Wenn alle vor dem Einsteigen ihre Schuhe ausziehen, sind wir sicher. Wenn wir alle Wimpernzangen konfiszieren, sind wir sicher. Wenn wir alles und jeden angreifen, was uns fremd ist, sind wir sicher. Und vor allem: Wenn wir uns ständig Sorgen machen, sind wir sicher.

Das ist die selbstzerstörerische Logik der Angst: Sie lässt uns wirklich glauben, dass wir uns nur dann sicher fühlen können, wenn wir uns nie sicher fühlen. Wegen der unregulierten Rückkopplungssysteme in uns ist es leicht, in diese Art von Zirkelschluss zu geraten, der unsere Gesellschaft durchdringt.

Kollektive Angstfantasien prägen die Art und Weise, wie wir mit unseren Familien, unseren Institutionen, unseren Religionen – kurz gesagt, mit all unseren sozialen Strukturen und Aktivitäten – umgehen. Aus Angst heraus versuchen Familienmitglieder, das Leben ihrer Angehörigen bis ins Detail zu kontrollieren; Verschwörungstheoretiker posten düstere Vorahnungen und stacheln sich gegenseitig zu immer größerer Paranoia an; Menschen aus unterschiedlichen politischen Lagern versuchen verzweifelt, sich gegenseitig zu kontrollieren, werden immer lauter, beleidigender und extremer, je größer ihre Angst wird.

Manchmal können beunruhigende Gerüchte oder eingebildete Gefahren eine kollektive Angstspirale auslösen – so mächtig wie ein Tornado. Es ist, als würde jemand in einem vollen Theater „Feuer!“ rufen. Ganze Gesellschaften können in gemeinsame Bedrohungsfantasien geraten, in denen die Menschen so misstrauisch werden, dass sie sich vor lauter Angstbildern kaum noch wahrnehmen. Solche kollektiven Angstspiralen haben immer wieder zu Gewalt, Ungerechtigkeit, Diskriminierung, Leid und Krieg geführt. Das ist wirklich beängstigend! Wir müssen das unbedingt in den Griff bekommen! Oder?

Merkst du, wie das funktioniert?

Die schlechte Nachricht ist, dass angstbasierte Handlungen tendenziell noch mehr Angst erzeugen und zu einer Spirale aus Terror und Gewalt führen, egal wie viel Angst wir haben und wie sehr wir versuchen, andere Menschen und Situationen zu kontrollieren. Die gute Nachricht ist, dass es eine andere Option gibt.

Unser Gehirn im Ungleichgewicht

Bisher haben wir darüber gesprochen, was in der linken Gehirnhälfte passiert, wenn du etwas Bedrohliches wahrnimmst. Betrachten wir nun die rechte Gehirnhälfte. Das ist alles, was du tun musst, um dich von Ängsten zu befreien. Es ist auch der beste Ausgangspunkt, um die echten Schwierigkeiten zu lösen, mit denen wir als Individuen und als Spezies konfrontiert sind.

In diesem Buch werde ich viel über die Unterschiede zwischen der linken und der rechten Gehirnhälfte sprechen. Mir ist klar, dass dies eine Vereinfachung ist; in jedem Moment sind beide Gehirnhälften aktiv, tauschen Informationen aus und formen dein Verhalten in komplexer, vielschichtiger Harmonie. Wissenschaftler mögen es nicht, wenn Nichtwissenschaftler pauschal von „linkshirnigen“ oder „rechtshirnigen“ Menschen sprechen. Aber wie der Oxford-Psychiater Iain McGilchrist sagt: „Es wäre genauso dumm zu glauben, dass es deshalb keine wichtigen Unterschiede zwischen den Gehirnhälften gibt. Es gibt massiv wichtige Unterschiede, die den Kern dessen ausmachen, was es bedeutet, ein Mensch zu sein.“

Neurologen wissen schon lange, dass die linke Gehirnhälfte vor allem für analytisches, logisches und sprachliches Denken zuständig ist, während die rechte stärker auf Wahrnehmung, Gefühle und Intuition reagiert. Das zeigt sich besonders deutlich, wenn durch Krankheit oder Unfall bestimmte Bereiche des Gehirns geschädigt werden. Die dadurch entstehenden Einschränkungen geben der Neurowissenschaft Aufschluss darüber, welche Funktionen in den jeweiligen Regionen zuvor aktiv waren.

Meine Freundin Jill Bolte Taylor versteht das wie kaum jemand sonst. Sie ist nicht nur erfahrene Neuroanatomikerin, sondern erlitt während ihrer Arbeit als Hirnforscherin selbst einen schweren Schlaganfall, der große Teile ihrer linken Gehirnhälfte vorübergehend lahmlegte. Durch sie – sowohl in ihren Büchern als auch in unseren Gesprächen – habe ich gelernt, dass es zu einfach ist, von „der Amygdala“ oder „dem Neokortex“ zu sprechen, als wären das einzelne, klar abgegrenzte Strukturen. Jill hat den Unterschied zwischen den beiden Gehirnhälften nicht nur wissenschaftlich untersucht, sondern auch persönlich erlebt. Deshalb weiß sie aus eigener Erfahrung, dass die linke und die rechte Gehirnhälfte sehr unterschiedliche Aufgaben haben – und diese auf völlig verschiedene Weise erfüllen.

Eines Morgens, als Jill sich auf einen weiteren anstrengenden Tag in Harvard vorbereitete, platzte eine Ader in ihrem Kopf. Mit jedem Herzschlag strömte Blut in Jills linke Gehirnhälfte. Nach und nach wurden Teile ihres Gehirns überflutet, dann stotterten sie, flackerten und schalteten sich schließlich ab. Innerhalb weniger Stunden hatte Jill ihre Fähigkeit verloren, zu sprechen, logischen Gedankengängen zu folgen und lineare Zeit zu erfassen.

Sie verlor auch jede Spur von Angst.

Da ihre linke Gehirnhälfte nicht mehr funktionierte, nahm Jill sich selbst als ein Energiefeld von der Größe des Universums wahr. In diesem Bewusstsein der rechten Gehirnhälfte gab es keine Zeit, nur einen unendlichen gegenwärtigen Moment. Jill konnte sich nicht an die Namen alltäglicher Gegenstände erinnern, geschweige denn an die Namen von Menschen, aber sie war außerordentlich empfänglich für die körperliche und emotionale Energie ihrer Mitmenschen. Später schrieb sie, dass sich ihr Bewusstsein „wie ein großer Wal anfühlte, der durch ein Meer stiller Euphorie gleitet“. Sie war superaufmerksam, erfüllt von unbeschreiblichem Mitgefühl und von Dankbarkeit.

Zum Glück war Jill auch von anderen Hirnforschern umgeben. Sie glaubten daran, dass sie sich erholen würde, weil sie wussten, dass unser Gehirn formbar ist – wir können seine Strukturen von innen heraus verändern, indem wir einfach anders denken. Jill brauchte über acht Jahre, um die linke Gehirnhälfte wieder aufzubauen. Sie erlangte ihre Fähigkeit zurück, Sprache, Logik und Zeit zu nutzen. Aber sie entschied sich bewusst dafür, weniger linksdominant zu bleiben, als sie es früher gewesen war. Sie wusste nun, wie sie – in ihren Worten – „in das Bewusstsein meiner rechten Gehirnhälfte eintreten“ konnte.

Zuerst verwirrte mich Jills Beschreibung einer glückseligen rechten Gehirnhälfte, weil das im Widerspruch zu etwas stand, das sie selbst bezeichnete als „eine Fülle von neurowissenschaftlichen Forschungen, die die Idee stützen, dass unser linkes Gehirn die Quelle unseres Glücks ist“. Aber sie schrieb in ihrem Buch Whole Brain Living: „Glück ist nicht dasselbe wie Freude. Obwohl sowohl Glück als auch Freude positive Emotionen sind, unterscheiden sie sich psychologisch und neuroanatomisch stark voneinander.“ Das Glück der linken Gehirnhälfte kommt von positiven äußeren Bedingungen, während die rechte Gehirnhälfte eine Freude empfindet, die von innen kommt. Dieser Unterschied taucht in vielen Büchern darüber auf, wie man glücklich wird. Hier ist zum Beispiel ein Ratschlag des Psychologen John B. Arden:

„Nehmen wir an, du bist in letzter Zeit traurig und hast dich von deinen Freunden zurückgezogen. Vielleicht hast du dir gesagt: Du solltest dich zwingen, einen Freund anzurufen und zum Mittagessen auszugehen, auch wenn du keine Lust dazu hast.“

Dieser Rat basiert auf Ardens Überzeugung, dass die linke Gehirnhälfte, wenn sie die totale Kontrolle hat, das blockieren kann, was er als Trübsal oder Launenhaftigkeit der rechten Gehirnhälfte ansieht. Arden sagt, dass Menschen nach einem Schlaganfall in der linken Gehirnhälfte depressiv sind, aber nicht nach einem Schlaganfall, der die rechte Gehirnhälfte betrifft – genau das Gegenteil von dem, was Jill Bolte Taylor erlebt hat.

Als ich Jill danach fragte, erklärte sie, dass Ärzte, die Berichte über Glücksgefühle sammeln, solche Aussagen kaum von Menschen mit einer geschädigten linken Gehirnhälfte erhalten – einfach, weil diese oft nicht sprechen können. Auf die Frage, ob sie nach ihrem Schlaganfall depressiv gewesen sei, antwortete sie: „Die Leute dachten, ich müsse depressiv sein, weil ich so viel geweint habe. Aber ich war nicht traurig – ich war voller Ehrfurcht.“ Als Sozialwissenschaftlerin habe ich gelernt, die Beobachtungen anderer ernst zu nehmen, aber vor allem den Erfahrungen derjenigen zuzuhören, die etwas wirklich erlebt haben. Auch deshalb vertraue ich Jills Sichtweise besonders.

Die Balance zwischen Denken und Fühlen

Da wir alle Zugang zu jenem Zustand der Ehrfurcht und Glückseligkeit haben, den Jill in ihrer rechten Gehirnhälfte entdeckt hat, könnte man meinen, wir würden uns so oft wie möglich in diesen Zustand versetzen – und so lange wie möglich darin verweilen. Doch die Evolution hat uns die gegenteilige Tendenz mitgegeben: Wir neigen dazu, unsere Aufmerksamkeit auf das zu richten, was uns schlechter oder zumindest unwohler fühlen lässt. Zwei Mechanismen sind dafür verantwortlich – der „Negativitätsbias“ des Gehirns und etwas, das ich das „Spiegelkabinett“ nenne. Wenn wir diese neurologischen Eigenheiten verstehen, können wir lernen, uns ihrem Einfluss zu entziehen.

Der Negativitätsbias

Einmal bekam meine Familie eine lebensgroße Pappfigur von LinManuel Miranda geschenkt, dem genialen Schöpfer des Musicals Hamilton. Die Figur sieht genauso aus wie der echte Lin-Manuel: gleiche Größe, gleiche Silhouette, gleiches bezauberndes Lächeln mit Grübchen. Nachdem wir die Figur ausgepackt hatten, stießen wir auf Lin-Manuels Gesundheit an, legten unsere Arme um seine Schultern und machten ein paar Selfies.

Das Problem war, dass unser Hund Bilbo das nicht lustig fand. Er wusste nur, dass unser Zuhause von einem seltsam bewegungslosen, zweidimensionalen Menschen heimgesucht worden war, der völlig falsche Gerüche verströmte. Nun ist Bilbo nicht leicht aus der Fassung zu bringen, aber wenn es doch mal passiert, kann das Drama durchaus Shakespearesche Ausmaße annehmen. „WAS ZUM TEUFEL!“, schrie er, als er die Pappfigur erblickte. Dann griff er sie mutig an und schrie: „Verschwinde, du Albtraumgestalt!

Fast eine Stunde lang versuchten wir, Bilbo davon abzuhalten, uns vor Lin-Manuel Miranda zu retten. Nichts half. Er kämpfte tapfer weiter, bis wir aufgaben und die Pappfigur in einem Schrank versteckten. Da wurde es erst richtig spannend.

Eigentlich wusste also jeder in meiner Familie, was in diesem Schrank steckte. Und doch passiert immer wieder dasselbe: Erst quietschen die Scharniere, wenn jemand genau diese Tür öffnet. Dann ertönt ein markerschütternder Schrei, gefolgt von hastigen Schritten – und schließlich das nervöse Lachen der unglücklichen Person, die sich schon wieder von Lin-Manuel Miranda erschrecken ließ, der im Dunkeln lauert und nur darauf wartet, dass Bilbo seine Deckung fallen lässt.

Der Grund, warum dieses Stück Pappe meine Familie immer wieder in Angst und Schrecken versetzt, ist, dass wir – wie alle Menschen – Bilbos Neigung teilen, in jeder Situation eine mögliche Gefahr zu erkennen. Sobald wir etwas Seltsames bemerken, springt unser Kampf-oder-Flucht-Reflex an. Wenn du sehen willst, wie stark und schnell das passiert, gib mal im Internet den Suchbegriff „invisible danger prank“ ein und schau dir ein paar Videos an. (Triggerwarnung: Bei diesem Streich täuscht jemand Angst vor, was bei einer anderen Person eine sofortige Kampf-oder-Flucht-Reaktion auslöst. Ich würde diesen Streich niemals jemandem spielen. Und ich möchte auch nicht, dass jemand ihn mir spielt. Aber er ist ein verdammt anschauliches Beispiel dafür, wie schnell wir in Panik geraten, selbst wenn keine Gefahr besteht.)

Der Negativitätsbias ist unsere Neigung, überall sofort Gefahr zu sehen. Das ist ein großer evolutionärer Vorteil, denn die Angst vor allem führt dazu, dass wir die wenigen Dinge vermeiden, die wirklich gefährlich sind. Wenn du zum Beispiel einer Schlange begegnest, weißt du vielleicht nicht, ob es sich um eine harmlose oder eine giftige Art handelt. Wenn du davon ausgehst, dass die Schlange gefährlich ist, obwohl sie es nicht ist, könntest du eine gute Beziehung zu einer freundlichen Schlange verpassen. Wenn du aber davon ausgehst, dass sie harmlos ist, obwohl sie es nicht ist, könntest du auf verhängnisvolle Weise angeknabbert werden. Vorsicht ist besser als Nachsicht, und genau das beherzigt unser Gehirn.

Durch den Negativitätsbias machen wir uns sowohl um soziale und emotionale Risiken als auch um physische Risiken Sorgen. Wenn dir jemand drei Komplimente macht und dich einmal harsch kritisiert, konzentriert sich dein Gehirn auf die Beleidigung. Wenn dein Instagram-Post tausend Likes und einen Kommentar mit „SCHLECHT!“ bekommt, wird dein Gehirn den Troll in den Mittelpunkt stellen. Wenn fast das ganze Universum auf deiner Seite ist, bist du trotzdem am Boden zerstört, wenn sich nur eine einzige Fremde darüber beschwert, dass deine Erwähnung „herzhafter Suppen“ ihre Angst vor Ersticken geweckt hat und es eine Triggerwarnung hätte geben müssen.

Wenn der Negativitätsbias unsere Angstspirale in Gang setzt, kann unser Denken schnell in Wahnvorstellungen ausarten. In einem Zustand der Angst nehmen wir tatsächlich keine Informationen mehr wahr, die uns sagen, dass es keinen Grund zur Angst gibt. Wir denken, dass unsere ängstliche Weltanschauung vollständig und perfekt ist, weil die linke Gehirnhälfte nicht glauben kann, dass etwas außerhalb ihrer eigenen Wahrnehmung real ist. Infolgedessen bleiben wir oft in einem neurologischen Spiegelkabinett stecken.

Das Spiegelkabinett