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Ein Apnoetaucher, ein einziger Atemzug, 122 Meter Tiefe – und der Moment, in dem alles auf dem Spiel steht. In diesem Buch erzählt Tom Sietas nicht nur von einem seiner gefährlichsten Tauchgänge, sondern verbindet seine Erfahrungen mit fundiertem Wissen über Stress, mentale Stärke und Selbststeuerung. Erfahre, wie er seinen Sauerstoffverbrauch so weit senkte, dass er über zehn Minuten die Luft anhalten und seine Herzleistung (HRV – der wissenschaftliche Schlüsselindikator für Stressresistenz und Gesundheit) um 108 Prozent steigern konnte. Lerne, in herausfordernden Momenten bewusst statt impulsiv zu reagieren und deinen Sauerstoff so zu nutzen, dass dir langfristig mehr Energie zur Verfügung steht. Ob im Alltag, im Job oder bei persönlichen Herausforderungen: Dieses Buch zeigt dir, wie du mit der richtigen Bewertung, regulierten Emotionen und bewusster Atmung die Kontrolle zurückgewinnen kannst.
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Seitenzahl: 329
Veröffentlichungsjahr: 2025
Tom Sietas
DEINEATMUNGÄNDERTALLES!
Wie du mit gezielten AtemtechnikenStress regulieren und deineLeistungsfähigkeit steigern kannst
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
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Originalausgabe
1. Auflage 2025
© 2025 NXT LVL GmbH, An der Dornwiese 2, 82166 Gräfelfing
www.next-level-verlag.de
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Redaktion: Ruth Kalmund
Korrektorat: Anke Schenker
Satz: inpunkt[w]o
Grafiken im Innenteil: Tobias Prießner
eBook: ePUBoo.com
ISBN Print: 978-3-68936-087-0
ISBN E-Book (PDF): 978-3-68936-088-7
ISBN E-Book (EPUB, Mobi): 978-3-68936-089-4
Ich wurde mehrfacher Weltmeister und Weltrekordhalter in einem Sport, in dem es darum geht, unter Belastungsbedingungen entspannt zu bleiben. Je entspannter ich bin, desto langsamer verbrauche ich meine Energie – also meinen Sauerstoff – und desto länger kann ich die Luft anhalten. In meinem Fall sind das über 10 Minuten. Atme ich vorher reinen Sauerstoff, dann sind es sogar mehr als 24 Minuten. Die Werkzeuge und Strategien, die ich dafür genutzt habe, helfen allerdings nicht nur unter Wasser. Sie helfen mir und inzwischen auch vielen anderen dabei, mit den Belastungsbedingungen im Alltag umzugehen.
Ich will ehrlich sein: Ich bin zwar Sportler und würde unheimlich gerne auch ein Buch über den Ozean und die Inhalte des Apnoetauchens1 schreiben. Aber es gibt Wichtigeres im Leben – Gesundheit! Deine Gesundheit liegt mir am Herzen und ist auch der wichtigste Grund, warum ich dieses Buch schreibe. Ich denke, dass positive Erkenntnisse kommuniziert werden sollten. Wenn man es nicht tut, nimmt man anderen Menschen die Chance, davon zu profitieren.
Nach einem meiner ersten Apnoeseminare kam jemand auf mich zu und sagte mir: »Tom, deine Mentaltechniken für das Apnoetauchen haben mein Leben verändert.« Dieser Satz hat mir so viel Motivation gegeben, dass sich später daraus meine Mission entwickelt hat. Ich möchte die Gesundheit und das Wohlbefinden möglichst vieler Menschen positiv beeinflussen.
In diesem Buch teile ich mit dir die kraftvollsten Techniken, mit denen du deinen Umgang mit akutem und lang anhaltendem Stress verbessern kannst. Alles, was ich dir empfehle, habe ich selbst praktiziert, getestet und als wirksam erlebt.
Dabei geht es nicht um eine vollständige Enzyklopädie. Sondern um das konkrete Programm, das mir dabei geholfen hat, mehrere Weltrekorde im Luftanhalten aufzustellen und mein autonomes Nervensystem so umzuprogrammieren, dass es meine Gesundheit und Lebenserwartung gesteigert hat.
Dieses Programm zeigt dir, wie du über deinen Atem Zugang zu deinem Nervensystem bekommst und damit deine Leistungsfähigkeit und Resilienz auf ein neues Level heben kannst. Die Übungen sind dabei meistens einfach – aber nicht immer leicht. Manchmal ergibt es mehr Sinn, sie mithilfe von Audio- oder Videoanleitungen zu erlernen. Diese findest du im Begleitmaterial zum Buch: www.deepflow.info/begleitmaterial
Egal ob Kurs oder Buch – es ist mir immer wichtig, dass du meine Übungen und Inhalte nicht nur kognitiv erfasst, sondern sie auch emotional erlebst. Es geht also darum, mitzumachen, auszuprobieren und am eigenen Leib zu erfahren, wie du durch Atemund Mentaltechniken in einen tiefen Flowzustand gelangen kannst.
Du willst jetzt gleich anfangen? Gerne! Wenn du magst, hol dir dafür eine Stoppuhr oder dein Handy, setze dich aufrecht hin und starte mit einem kleinen Test – wie lange kannst du die Luft anhalten? Nimm dafür einen tiefen Atemzug, atme ruhig aus und dann noch einmal tief ein. Halte nun die Luft an, starte deine Stoppuhr und beobachte, wie lange du durchhältst. Dies ist dein Ausgangswert. Nach dem Lesen dieses Buches kannst du den Versuch wiederholen – und wirst vielleicht überrascht sein, was sich verändert hat.
Das Wichtigste ist: Du brauchst keine perfekte Technik. Du musst nicht alles verstehen und jede Technik detailgetreu durchführen, um Erfolge zu erzielen. Entscheidend ist, dass du beginnst. Wenn du regelmäßig Atemübungen machst und ein Gespür für deinen Atem entwickelst, erreichst du bereits 80 Prozent der positiven Wirkungen auf deinen Körper.
Also: Fang an. Atme. Und erlebe, was sich verändert.
Unter Druck –Leistungsfähigkeit inakuten Stresssituationen
»Wahre Gelassenheitzeigt sich unter Druck«
Es ist der 5. August 2005, ein für mich historischer Tag. In Sharm El Sheikh, Ägypten, stehe ich vor der gewaltigen Herausforderung, mit einem Tauchschlitten auf unglaubliche 122 Meter hinabzu tauchen. Ein deutscher Rekord soll es werden! Doch um das zu erreichen, muss ich mich mit einem einzigen Atemzug von einer massiven Stahlkonstruktion in die Tiefe ziehen und auf den Hebe sack vertrauen, der mich an die Oberfläche zurückbringt. Trotz des intensiven Trainings bin ich extrem aufgeregt – noch nie war ich in einem Gewässer in dieser Tiefe.
Die Bedingungen sind alles andere als optimal. Das Meer ist stür misch, und der Wind weht so stark, dass das Tauchseil nicht gerade nach unten hängt. Wir können die Bedingungen am Meeresgrund nur schwer einschätzen und denken darüber nach, den Versuch ab zubrechen. Trotz der widrigen Umstände entscheide ich mich dafür, runterzugehen.
Meine langen Karbonflossen gleiten in den mit Sponsoren be druckten Kiel des Schlittens. Als meine Hände Griff und Bremse um fassen, klopft mein Herz wie wild. Mein Bauch und meine Brust sind eng. Auch meinem Team merkt man die Anspannung an. Die Ge sichter sind ernst. Es wird kaum geredet. Monate der Vorbereitung nur für diesen einen Moment.
Ich konzentriere mich auf meine Entspannungsroutine – Fokus auf die Atmung. 5 Sekunden einatmen, 5 Sekunden ausatmen. Aus der Ferne höre ich die Stimme meines Sicherungstauchers, die die letzten Sekunden bis zum Abtauchen runterzählt: »Noch 20 Sekun den.« Ich verlängere meine Ausatmung und entspanne mich lang sam. Reguliere meine Emotionen. Visualisiere den Tauchgang. »Noch 10 Sekunden.« Ich atme ein letztes Mal tief ein und löse die Bremsen. Der Schlitten rauscht los.
Die ersten Meter laufen gut. Ich komme schnell voran und schaffe es, den Druck auf meinen Ohren auszugleichen. Mein Sicherungs taucher gibt mir das 30MeterZeichen mit einem Signalhorn. Ich fokussiere mich auf das Entspannen meiner Muskeln. Zu Beginn ver spüre ich keinen Drang zu atmen und genieße es, wie das Wasser an meiner Haut vorbeigleitet.
Das Seil reibt laut am Führungsrohr des Schlittens, und ich be komme das Gefühl, dass ich dadurch ein bisschen langsamer bin als sonst. Wahrscheinlich, weil der Schlitten nicht geradeaus fährt, denke ich. Diesen Gedanken blende ich sofort aus und bleibe in der Entspannung. Bald bin ich auf 60 Meter und ungefähr 7 bar. Der Druck wird stärker und drückt meinen Brustkorb und meine Lunge zusammen. Schon bald bekomme ich keine Luft mehr aus meiner inzwischen faustgroßen Lunge, um den notwendigen Druckaus gleich auf meinen Ohren herzustellen.
90 Meter. 10 bar. Meine Trommelfelle beginnen zu schmerzen.Ich ziehe die Bremse des Schlittens. Der Druckausgleich klappt. Kurze Erlösung. Der Druck nimmt zu. Noch mal klappt es wahr scheinlich nicht.100 Meter. Der Schmerz in meinen Ohren wird jetzt immer stärker, und ich warte verzweifelt auf das Signal, dass ich die Rekordtiefe erreicht habe. Endlich kommt es. Dann ein rei ßender Schmerz auf beiden Ohren. Ich halte den Schlitten an und ziehe an der Leine. Jetzt sollte es nur eine Sekunde dauern, bis sich der Ballon mit Luft füllt und in Bewegung setzt, damit ich wieder nach oben komme. Und dann… nichts. Die Sekunden verstreichen, aber der Hebesack bewegt sich nicht. 10 Sekunden… 20 Sekunden… nichts.
Wie du dir vorstellen kannst, befinde ich mich in einer ziemlich kritischen Situation. Wenn ich nicht in den nächsten Sekunden eine Lösung finde, könnte ich mein Leben verlieren. Ich habe zwei Op tionen. Entweder steige ich aus dem Schlitten aus und versuche, an die Oberfläche zu kommen, oder ich bleibe im Schlitten und ver suche, das Problem in der Tiefe zu lösen. Das ist allerdings kritisch, da meine Schwimmbrille mit Wasser gefüllt ist und ich nichts sehen kann. Außerdem nimmt die Wahrscheinlichkeit, aus eigener Kraft nach oben zu kommen, mit jeder Sekunde ab. Ich muss also schnell die richtige Entscheidung treffen – der Druck ist extrem.
In den folgenden Kapiteln stelle ich die Werkzeuge vor, die mir dabei geholfen haben, diese Situation zu bewältigen. Falls du unbedingt jetzt schon wissen möchtest, wie es weiterging – die Fortsetzung gibt es am Ende dieses Buchteils.
Abb. 1:Die Lunge eines Apnoetauchers in der Tiefe,
Quelle: Nach http://freediving.de/medicine3.htm
»Mehr Sauerstoff, mehr Energie – der stärkste Hebelzur akuten Stressbewältigung ist unser Atem.«
Wenn ich an die vielen Jahre zurückdenke, in denen ich Atemtechniken gelernt, getestet und optimiert habe, wird mir eines ganz klar: Es gibt kaum eine Kraftquelle, die so einfach zu nutzen ist und gleichzeitig so häufig unterschätzt wird wie die Atmung. Für die Atmung musst du nichts vorbereiten oder organisieren, du hast sie stets dabei. Du musst nur wissen, wie du sie einsetzt, um sie für dich effektiv zu nutzen.
Vermutlich ist dir bekannt, dass du dich über die Atmung beruhigen kannst und dass Atemübungen helfen können, Stress zu reduzieren. Aber hast du dich schon mal intensiv mit dem Thema Atemtechniken und deren positiven Aspekten beschäftigt? Mache dir bitte bewusst, dass unsere Atmung eine wahre Superkraft sein kann, wenn wir sie richtig einsetzen. Tausende Studien belegen den positiven Einfluss bewusst ausgeführter Atemtechniken auf unsere kognitive und körperliche Leistungsfähigkeit.
In Momenten, in denen Druck auf uns lastet und unsere Adern mit Adrenalin vollgepumpt sind, kann die bewusste Atmung zum rettenden Anker werden. In ruhigeren Phasen schenkt sie uns Kraft, selbst dann, wenn wir innerlich erschöpft sind. Setzen wir sie gezielt ein, öffnet sie uns die Türen zu völliger Gelassenheit oder zu Spitzenleistungen – wie ich sie bei meinem Rekordversuch in Sharm El Sheikh so dringend benötigte. Lass uns einen Blick drauf werfen, wie das funktioniert.
Schnittstelle zwischen Körper und Nervensystem
Unsere Atmung ist eine der grundlegendsten Körperfunktionen. Sie läuft automatisch ab, braucht keine bewusste Steuerung und wirkt auf den ersten Blick einfach. Doch hinter jedem Atemzug steckt ein komplexes Zusammenspiel aus Nervensignalen, Muskelarbeit, Druckverhältnissen und Gasaustausch. Es ist ein Prozess, an dem fast alle lebenswichtigen Systeme beteiligt sind.
Der Atemzug beginnt im Gehirn. Genauer gesagt, im Atemzentrum des Hirnstamms, wo rhythmische Signale entstehen, die deine Atemmuskulatur aktivieren. Die Lunge selbst ist dabei erstaunlich passiv. Sie wird nicht aktiv bewegt, sondern durch Unterdruck passiv entfaltet. Wie ein Blasebalg, den dein Körper rhythmisch steuert: Wenn sich das Zwerchfell nach unten senkt und sich der Brustkorb durch die Zwischenrippenmuskulatur weitet, entsteht im Brustraum ein Unterdruck, der dafür sorgt, dass Luft in die Lunge gesogen wird. Beim Ausatmen entspannt sich die Muskulatur, der Brustkorb zieht sich wieder zusammen, der Druck steigt, und die Luft strömt wieder hinaus.
Die Atmung endet nicht in der Lunge. Nach dem Einatmen beginnt der zweite Teil des Prozesses – die innere Atmung. In den feinsten Verästelungen der Lunge – den Alveolen – diffundiert Sauerstoff durch die dünne Membran in die angrenzenden Kapillargefäße. Über den Blutkreislauf wird der Sauerstoff dann zu jeder einzelnen Zelle transportiert, wo er eine zentrale Rolle bei der Energiegewinnung spielt. Durch die Verbrennung von Nährstoffen in den Kraftwerken deiner Zellen – den Mitochondrien – entsteht Kohlendioxid (CO₂). Es wird über das Blut zurück zur Lunge transportiert und dort abgeatmet. Gleichzeitig bildet sich das, was du zum Leben brauchst: ATP (Adenosintriphosphat) – die universelle Energiewährung deines Körpers. Ohne dieses Molekül gäbe es weder Muskelkraft noch Konzentration.
Je effizienter deine innere Atmung abläuft, desto mehr Energie steht dir zur Verfügung. Doch dieser Prozess ist sensibel: Er hängt nicht nur vom Sauerstoffangebot ab, sondern auch vom CO₂-Gleichgewicht, vom pH-Wert, der Temperatur und vom Zustand deiner Mitochondrien. Und genau hier hat dein Atemverhalten großen Einfluss.
Und es geht weiter. Deine Atmung ist nicht nur Mechanik und Gasaustausch – sie ist ein biologischer Taktgeber. Sie reguliert deine inneren Rhythmen: Puls, Blutdruck, Spannung, Gedanken. Und weil dein Atem über Nervenbahnen mit fast allen Organen verbunden ist, kannst du mit bewusster Atmung auch dein autonomes Nervensystem beeinflussen – ohne Medikamente, ohne Technik. Das ist es, was Atmung so besonders macht: Sie ist willkürlich steuerbar – und wirkt doch tief ins Unwillkürliche hinein.
Die innere Bremse –Wie dein Parasympathikus dein System beruhigt
Du hast bereits gesehen, was im Körper passiert, wenn Stress dominiert: Dein sympathisches Nervensystem übernimmt das Steuer, dein Puls rast, deine Atmung wird flach, dein Denken verengt sich. Doch dein Nervensystem kennt auch einen Gegenspieler. Einen, der Ruhe bringt, dein System stabilisiert – und dir die Fähigkeit zurückgibt, klar und bewusst zu handeln: den Parasympathikus.
Der Parasympathikus ist der Teil deines autonomen Nervensystems, der dich nicht für den nächsten Sprint vorbereitet, sondern für tiefe Erholung, gesunde Verdauung, kreative Gedanken und emotionale Ausgeglichenheit. Er ist wie eine innere Bremse, die dich davor bewahrt, im Stressmodus stecken zu bleiben. Und das Faszinierende ist: Diese Bremse lässt sich trainieren.
Denn der wichtigste Nerv, über den der Parasympathikus wirkt, ist beeinflussbar: der Vagusnerv. Er ist der zentrale Kommunikationskanal zwischen deinem Gehirn und nahezu allen lebenswichtigen Organen – darunter Herz, Lunge und Verdauungstrakt. Und was ihn besonders macht: Der Großteil seiner Fasern sendet Signale nicht vom Gehirn nach unten, sondern vom Körper zurück nach oben. Das bedeutet: Wenn du zum Beispiel langsamer atmest, bekommt dein Gehirn genau diese Rückmeldung und schließt daraus: Es ist sicher. Du darfst loslassen.
Ein aktiver Parasympathikus sorgt dafür, dass:
dein Herzschlag langsamer und gleichzeitig anpassungsfähiger wird;
sich deine Atmung vertieft;
deine Verdauung aktiviert wird;
und du emotional regulierter, gelassener und präsenter wirst.
»Die Verbindung zu uns selbst, die uns heutzutage oft fehlt, ist nur ein paar Atemzuge entfernt.«
Über die bewusste Regulierung der Atmung haben wir also einen direkten Zugang zu unserem Nervensystem. Wenn wir langsamer atmen, senden wir unserem Nervensystem das Signal, dass es sicher ist. Der Herzschlag verlangsamt sich, die Muskelspannung sinkt, und auch unser Gehirn reagiert. Die Aktivität der Amygdala nimmt ab, während der präfrontale Kortex wieder mehr Kontrolle gewinnt. So wird nicht nur die Ausschüttung von Stresshormonen wie Cortisol gebremst, sondern auch die Tür geöffnet für Klarheit, Ruhe und gezielte Handlung.
Zurück zur Hauptfunktion der Atmung: Die Art und Weise, wie du atmest, bestimmt in erster Linie, wie effizient dein Körper mit Sauerstoff versorgt wird. Wenn du richtig atmest, belüftest du deine komplette Lunge und setzt auch deine Atemmuskulatur effizient ein. Doch wenn du unter Druck gerätst, verändert sich dein Atemmuster oft unbewusst. Es wird flacher, schneller und weniger effizient. Große Bereiche deiner Lunge bleiben in diesem Zustand ungenutzt, der Gasaustausch verschlechtert sich, und dein Energielevel sinkt.
Ein extrem wirkungsvolles Mittel gegen die Stressatmung ist die Vollatmung. Sie erweitert deinen Atemraum, verbessert die Sauerstoffversorgung und lenkt dein Nervensystem gezielt in Richtung Ruhe, Klarheit und Präsenz. Gerade in Drucksituationen kann sie der erste Schritt zurück in die Selbstregulation sein.
Vollatmung
Hast du Druck schon mal so richtig körperlich gespürt? Wenn deine Brust sich anfühlt, als würde sie zusammengedrückt? Wenn dein Atem flach wird, wenn dein Nacken so verspannt ist, als würdest du einen Rucksack voller Steine tragen? Dieses beklemmende Gefühl ist kein Zufall. Es ist das Ergebnis einer ganzen Kaskade von Prozessen, die durch dein Nervensystem, deine Atmung und dein Gehirn initiiert werden.
Wie kommt es dazu? Stress bringt deinen Atem aus dem Gleichgewicht. Vielleicht merkst du es gar nicht bewusst, aber in stressigen Momenten atmest du oft flach und unregelmäßig. Statt tief in deinen Bauch zu atmen, bleibt die Bewegung in deiner Brust stecken, was Reaktionen auslöst, die das beklemmende Gefühl verstärken.4
Denn atmest du zu flach, belüftest du die tieferen Lungenbereiche kaum. Doch genau dort befinden sich die meisten deiner Alveolen – winzige ballonartige Luftsäcke, die Sauerstoff an das Blut abgeben und Kohlendioxid wieder aufnehmen. Und wenn sie nicht genutzt werden, können diese Alveolen kollabieren. Ihre klebrigen Wände haften aneinander, und sie fallen für den Gasaustausch aus. Das bedeutet: Teile deiner Lunge sind wie abgeschaltet. Du spürst das als Druck in der Brust oder das Gefühl, nicht tief genug einatmen zu können.
Und das führt nicht nur zu weniger Energie, es verstärkt auch die innere Unruhe. Dein Körper merkt, dass etwas nicht stimmt, und reagiert: Du atmest schneller, aber nicht tiefer. Dadurch verbessert sich der Zustand nicht – im Gegenteil. Die Atmung bleibt flach, der Brustkorb hebt und senkt sich hektisch, der Sauerstoffaustausch bleibt schlecht. Deine Muskeln verspannen sich, besonders im Nacken und den Schultern, und dein Nervensystem bleibt in Alarmbereitschaft.
Auch dein Gehirn verändert sich in diesem Zustand. Statt ruhiger, klarer Gedanken dominiert ein Gefühl von Getrieben-Sein. Dein Körper ist auf Kampf oder Flucht eingestellt – obwohl du eigentlich nur vor dem Laptop sitzt.
Während du in Alarmbereitschaft bist, verändert sich auch dein Geist. Mithilfe von EEGs lässt sich messen, wie sich die elektrische Aktivität deines Gehirns unter Stress verändert. In entspannten Momenten dominieren meist langsame Alpha-Wellen. Sie spiegeln einen Zustand der Klarheit, Gelassenheit und Konzentration wider. Unter Stress hingegen sind oft schnelle Beta-Wellen vorherrschend. Dies kann ein Ausdruck erhöhter Wachsamkeit und Aktivität, aber auch von Übererregung oder Beklemmung sein. Dieser Zustand kann das Gefühl der Unruhe verstärken, rationales Denken blockieren und es erschweren, einen klaren Kopf zu bewahren.
Abb. 6:Gehirnwellen in entspanntem und wachem Zustand,
Quelle: Adaptiert von: https://bico.ch/
Was hilft? Die Vollatmung ist die ideale Technik, um hier auf Knopfdruck für Entlastung zu sorgen. Mit ihr durchbrichst du den Teufelskreis aus flacher Atmung, schlechter Sauerstoffversorgung und innerer Alarmbereitschaft – in wenigen bewussten Atemzügen. Denn sie setzt an der Ursache dieser Prozesse an. Wie sie funktioniert?
Auf verblüffend einfache Weise: Nachdem du tief eingeatmet hast, nimmst du einen zweiten, kleinen Atemzug, der einen leichten Überdruck in deiner Lunge erzeugt. Dieser Überdruck sorgt dafür, dass kollabierte Alveolen – die kleinsten Luftsäcke in deiner Lunge – sich öffnen und wieder in den aktiven Gasaustausch eingebunden werden. Dadurch verbessert sich nicht nur die Sauerstoffaufnahme, sondern auch die Effizienz deiner Atmung.
Darüber hinaus wird das parasympathische Nervensystem aktiviert. Über den Vagusnerv bekommt dein Gehirn das Signal: Alles ist in Ordnung. Die Folge: Dein Herzschlag wird ruhiger, deine Muskeln entspannen sich – und deine Gedanken werden klarer. Mit anderen Worten: Diese Technik hilft dir, den Druck in deinem Körper und Geist zu lösen – schnell und effektiv.
Abb. 7:Kollabierte und geöffnete Alveole, Quelle: Eigene Darstellung
Ich habe im Laufe meiner Karriere viele Techniken ausprobiert, um meine Zeit im Luftanhalten zu verbessern. Aber keine hat mich so nachhaltig beeindruckt wie die Vollatmung. Sie hat nicht nur den stärksten, sondern auch einen messbaren Effekt – sowohl auf deinen Sauerstoffverbrauch als auch auf die Fähigkeit, dich zu entspannen. Für uns Taucher ist diese Technik ein absoluter Gamechanger.
Ich erinnere mich noch genau an den Moment, als ich die Vollatmung zum ersten Mal ausprobierte. Seit vielen Monaten hatte ich bereits das Gefühl, dass meine Entwicklung beim Luftanhalten stagnierte – immer wieder erreichte ich Zeiten um die 6 Minuten und kam irgendwie nicht weiter. Mein Ziel, irgendwann mal Weltmeister zu werden, war in weiter Ferne. Ich hatte das Gefühl, nichts hilft. Es war frustrierend.
Also probierte ich etwas Neues aus. Etwas, das ich bei meinem Tauchpartner Dominique Ventzke gesehen hatte. Bevor ich mit meiner Atemroutine startete, atmete ich so tief ein, wie ich konnte. So tief, dass ich spürte, wie sich meine Zwischenrippenmuskulatur dehnte. Damals dachte ich, dass ich durch diese Dehnung beim späteren Tauchversuch tiefer einatmen könnte und dadurch vielleicht ein wenig mehr Luft zur Verfügung haben würde – eine schlüssige Theorie, die später auch wissenschaftlich belegt wurde.5
Doch als ich mich unter Wasser befand, spürte ich, dass hier noch mehr passierte. Ich fühlte mich unglaublich ruhig, und mein Atemreflex setzte viel später ein als üblich. Der Tauchgang fühlte sich extrem entspannt an – als wenn ich einen Liter Sauerstoff mehr in meiner Lunge hätte. Dieses Gefühl wurde durch das Ergebnis bestätigt. Endlich konnte ich meine unsichtbare Grenze erweitern und stellte mit 6 Minuten und 45 Sekunden eine neue persönliche Bestzeit auf. Es war ein unbeschreibliches Gefühl. Ich hatte einen großen Hebel gefunden, der mich sportlich auf ein neues Level hob.
Damals wusste ich noch nicht, wie relevant diese Technik auch in anderen Leistungs- und Lebensbereichen sein kann. Aufgrund der Tatsache, dass die Vollatmung die Lungenkapazität kurzfristig erweitert, den Gasaustausch verbessern und das Stresslevel deutlich reduzieren kann, ist sie nicht nur für Apnoetaucher nützlich.
