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Für Schwarze Feministinnen des 20. Jahrhunderts war Selfcare ein Schlachtruf für körperliche Autonomie und politische Macht: »Meine Selbstfürsorge ist keine Selbstgefälligkeit, sondern Selbsterhaltung, und das ist ein Akt politischer Kriegsführung«, sagte Audre Lorde. Für heutige Lifestyle-Marken und Influencer*innen geht es hingegen darum, unter dem Selfcare-Label Yogakurse, Achtsamkeits-Apps, ausgefallene Ernährungs- und Körperprodukte und natürlich das dazugehörige Mindset zu einem hohen Preis zu verkaufen. Mittlerweile hat Selfcare als äußerst lukratives Geschäftsmodell nahezu jeden Bereich des Lebens infiltriert: Ernährung, Freizeit, Kultur. Sorge für dich selbst – weil du es dir wert bist (und gib dabei am besten möglichst viel Geld aus). »Dekolonisiert Selfcare« liefert eine soziologische Analyse und eine scharfe Kritik an den kapitalistischen, rassistischen Untertönen eines Konzepts, das sich von Schwarzer feministischer Überlebenstaktik in ein Businessmodell des weißen neoliberalen Feminismus gewandelt hat. Die Dekolonisierung der Selbstfürsorge, so die Autorinnen, erfordert eine umfassende Auseinandersetzung mit dem ausschließenden, aneignenden Charakter des Selfcare-Markts. Doch Aufklärung ist nur der erste Schritt in diesem Prozess. Wir müssen uns zu neuen Modellen von Selbst- und kollektiver Fürsorge bekennen, die Gesundheit, Vergnügen und Gemeinschaft ermöglichen – für alle.
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Seitenzahl: 244
Veröffentlichungsjahr: 2024
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ALYSON K. SPURGAS ist Professor*in für Soziologie und das Women’s, Gender and Sexuality Studies Program am Trinity College in Hartford, Connecticut. Spurgas forscht, schreibt und lehrt aus einer interdisziplinären und intersektionalen feministischen Perspektive zur Soziologie von Traumata, zur Politik des Begehrens und zu Care-Technologien. Zuletzt veröffentlicht: Diagnosing Desire: Biopolitics and Femininity into the Twenty-First Century (The Ohio State University Press 2020), 2021 mit dem Cultural Studies Association First Book Prize ausgezeichnet.
ZOË C. MELEO-ERWIN ist Soziologin mit Schwerpunkt Qualitative Sozialforschung und ehemalige Hochschuldozentin für Öffentliche Gesundheitsfürsorge. Seit 2022 arbeitet sie als User Experience Researcher in der Tech-Branche. Sie hat zur Bedeutung von Gesundheit und Krankheit, zu Gesundheitspolitik und zu den Effekten digitaler Technologien auf Community- und Identitätsbildung im Kontext von Gesundheit und Krankheit geforscht.
ANNE EMMERT studierte Anglistik, Amerikanistik und Linguistik. Sie übersetzt vor allem Sachbücher aus den Bereichen Politik, Gesellschaft, Feminismus aus dem Englischen, u. a. die Bücher von Laurie Penny.
Die Originalausgabe des vorliegenden Buches erschien unter dem Titel Decolonize Self-Care bei OR Books, New York & London, 2023
© 2023 Alyson K. Spurgas / Zoë C. Meleo-Erwin
Edition Nautilus GmbH
Schützenstraße 49 a
D - 22761 Hamburg
www.edition-nautilus.de
Alle Rechte vorbehalten
© Edition Nautilus GmbH 2023
Deutsche Erstausgabe März 2024
Umschlaggestaltung: Maja Bechert
www.majabechert.de
Satz: Corinna Theis-Hammad
www.cth-buchdesign.de
Porträts auf S. 2: © privat
1. Auflage
ePub ISBN 978-3-96054-345-9
Einleitung
KAPITEL 1
Wie du fantastischen Sex hast (und dabei dein bestes Selbst entfaltest): Nutze deine rezeptive Weiblichkeit und übe dich in Achtsamkeit!
KAPITEL 2
Selfcare vermarkten: Von Femtech und Biohacking bis zu Painmoons und Extremreisen
KAPITEL 3
Ernähre deine Familie gesund und erklimme die Erfolgsleiter! Der weiße neoliberale Feminismus und die hippe Häuslichkeit der neusten Ernährungs- und Gesundheitstrends
KAPITEL 4
Mehr Fürsorge, weniger Selbst? Wie wir (hoffentlich) über Klage, Kritik und Kolonialität hinauskommen
Literaturverzeichnis
Es war Ende Februar 2020, und die globale Coronapandemie wuchs sich in den USA zu einem echt großen Ding aus. In New York City lebten wir noch unser gewohntes Leben, aber kleine Veränderungen konnten wir schon spüren – irgendwie lag mehr Nervosität in der Luft als sonst. Nachrichten und Gespräche im privaten und beruflichen Umfeld drehten sich immer häufiger um das neue Coronavirus. Obwohl man bestimmte Reinigungs- und Zellstoffprodukte kaum noch zu kaufen bekam, spielten die Verantwortlichen auf städtischer, bundesstaatlicher und föderaler Ebene die Sache herunter. Am 3.März, zwei Tage nach Bestätigung des ersten COVID-19-Falls im Bundesstaat New York, forderte Bürgermeister Bill de Blasio die Menschen seiner Stadt sogar noch auf, ganz normal ihrem Alltag nachzugehen. Uns konnte das nur recht sein. Wir hätten wohl jede Einschränkung als ärgerlich empfunden – der schnelle, umtriebige New Yorker Lebensstil ist ja sprichwörtlich …
Vier Tage später verhängte der Gouverneur des Staates New York, Andrew Cuomo, den Ausnahmezustand.
Etwa um diese Zeit – am 26. Februar, um genau zu sein – postete Schauspielerin und Influencerin Gwyneth Paltrow, Inhaberin des berühmt-berüchtigten Lifestyle- und Wellness-Unternehmens Goop, auf Instagram ein Selfie mit schicker Gesichtsmaske der Firma Airinium (Preis ab 75 Dollar) und kuschelig anmutender Schlafmaske. Dazu schrieb sie: »Unterwegs nach Paris. Paranoia? Prophetie? Panik? Pragmatismus? Pandemie? Propaganda? Paltrow lässt sich nicht beirren und wird mit diesem Ding im Flugzeug schlafen. In dem Film war ich schon [sie meint ihre Rolle im apokalyptischen Blockbuster Contagion über ein tödliches Virus aus dem Jahr 2011]. Passt auf euch auf. Begrüßt euch nicht mit Handschlag. Wascht euch regelmäßig die Hände.«
Unmittelbar nach dem Post erschienen auf Medien-Websites spöttische Kommentare: Die Los Angeles Times bekam noch am selben Tag Wind von dem Instagram-Beitrag, die New York Times brachte am 5. März in ihrer Lifestyle-Rubrik einen kurzen Artikel mit der Überschrift »Die Reichen rüsten sich anders für das Coronavirus«. Für unser Thema Selfcare als Lebensstil aber wohl noch wichtiger: Obwohl Gesundheitsfachleute vom Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes abrieten, weil die Masken für das medizinische Personal gebraucht wurden, war das Modell, das Paltrow trug, schnell ausverkauft – monatelang.
Drehen wir die Zeit acht Monate weiter auf Ende Oktober 2020. In den USA hatten sich mittlerweile mehr als 8,7 Millionen Menschen mit COVID-19 infiziert, mehr als 225.000 waren gestorben. Erneut machte eine bekannte Influencerin mit einem ungeschickten Instagram-Beitrag zum Thema »Selfcare« Schlagzeilen. Diesmal handelte es sich bei der Übeltäterin um Kim Kardashian, die reizende Glamour-Fotos von einer Privatinsel postete: Kardashian war mit ihrem inneren Zirkel auf die Insel geflogen (nach einem »Gesundheitscheck« und Quarantäne, versteht sich), um ihren vierzigsten Geburtstag zu feiern und »nur mal kurz so zu tun, als wäre alles normal«. Die Reaktionen auf Kardashians Tweets und Posts in den sozialen Netzwerken folgten auf dem Fuß und reichten von sarkastischen Kommentaren (»Konntet ihr mit dem 1200-Dollar-Konjunkturscheck, den ihr vor sechs Monaten bekommen habt, etwa nicht auf eine Privatinsel fliegen?!«) bis hin zu eher defensiven Aussagen (»Nehmt lieber euer eigenes Schicksal in die Hand, statt andere für Privilegien zu verurteilen, die sie sich erarbeitet haben. Wer würde nicht auf einer Privatinsel feiern, wenn er es könnte?«). Damit wir uns richtig verstehen: Wir fanden die Instagram-Posts ziemlich grotesk, hätten aber natürlich trotzdem gern mit Kim fancy Urlaub gemacht oder mit Gwyneth im Privatflieger gesessen.
Dabei achtete die berühmte Influencerin Kim Kardashian sehr auf bescheidene Zurückhaltung. Sie rufe sich demütig (#humble) in Erinnerung, »wie privilegiert mein Leben ist«, schrieb sie. Sie wiederholte mehrmals, wie überaus glücklich sie sich schätzen könne, und erklärte wortreich, ihre Aktivitäten in der Corona-Hölle von 2020 seien »für die meisten Menschen völlig unerreichbar«. »Vor COVID haben wir, glaube ich, nicht richtig wertgeschätzt, was für ein Luxus es war, zu reisen und sich mit Familie und Freunden in Sicherheit zu wissen.« Ob Kardashian wohl klar ist, dass die meisten Menschen unabhängig von der globalen Pandemie von einer so verschwenderischen Geburtstagsparty nur träumen, dass sie auch in nicht-pandemischen Zeiten weder regelmäßig reisen noch Freunde und Familie besuchen können? Obwohl Kardashian ihre moralische Integrität energisch herauskehrte (mehr dazu in Kürze), erntete sie in den sozialen Netzwerken reichlich Hohn und Spott. In einem Tweet hieß es, es sei einfach nur lachhaft, die Wörter »normal« und »Privatinsel« in einem Satz zu verwenden. Viele äußerten ihr Entsetzen über Kardashians eklatante Realitätsferne. Memes fluteten das Netz.
Angesichts ihrer enormen Privilegien klingen Kardashians #humble und Paltrows »Passt auf euch auf« als demonstrative Zurschaustellung von Wokeness und Fürsorge ziemlich hohl. Was für Nervensägen, verkünden großartig, dass sie der Misere mit einem Trip nach Paris oder auf die Privatinsel entfliehen, während wir anderen die Pandemie ganz anders erleben und erleiden. Und ja, wir finden den Shitstorm und die abfälligen Medienkommentare auch ganz unterhaltsam. Trotzdem: Influencer*innen und Stars wie Kim Kardashian und Gwyneth Paltrow sind in Wahrheit nur Symptome einer größeren Problematik, zu der nicht wenige von uns beitragen: die Kommerzialisierung der Selbstfürsorge, woke Wellness und das Aufspringen auf lukrative Hashtags. Die weißen Promi-Frauen halten daher gewissermaßen auch als Sündenböcke her.
Kardashians und Paltrows knallige Lifestyle-Versionen von Selfcare und Wellness dienen vielen als erstrebenswertes Vorbild, das allerdings kaum jemand erreicht. Gleichzeitig ist Selfcare überall zu haben, und zwar zu einem Preis, den auch du dir leisten kannst! Es ist paradox: Ideal wäre natürlich die superelitäre Selfcare, aber wenn frau sich das nicht leisten kann, hat sie zumindest die Möglichkeit, sich auf dem gigantischen Markt, der genau für diese Zwecke entwickelt wurde, dem Ideal anzunähern (ehrlich – das musst du ausprobieren!). Du hast nicht das Geld für eine Geburtstagssause auf der Privatinsel mit anderen hippen Leuten, die bei Mondschein mit dir schwimmen gehen? Bestimmt kannst du dir aber ein paar Mutmachkarten, ein Armband mit eingeprägtem Mantra (ernsthaft!) oder die ätherischen Öle auf Amazon leisten. Oder noch besser: Hol dir die kostenlose Calm-App. Luxus-Selfcare für die Reichen und Schnäppchen-Selfcare fürs gemeine Volk – was leben wir in einer tollen Zeit!
Selfcare geht heutzutage gern mit demonstrativer Wokeness einher – man »protzt damit, wie extrem wichtig einem ein soziales Thema ist«, so heißt es im Urban Dictionary. Häufig erschöpft sich die Wokeness im virtue signaling (einer »sichtbaren, aber im Wesentlichen nutzlosen Geste, mit der man vordergründig eine gute Sache unterstützt, in Wahrheit jedoch vor allem beweisen will, dass man viel moralischer ist als alle anderen«; Urban Dictionary). Das zweite Paradox der Selfcare, das wir in diesem Buch darstellen wollen, ist daher folgendes: Selfcare-Tipps stellen heute häufiger denn je auf »soziale Gerechtigkeit«, »kollektive Fürsorge« und sogar »das Politische« ab. Gleichzeitig folgen viele dieser Tipps einem ungebremsten Individualismus und perpetuieren am Ende noch die soziale und wirtschaftliche Ungleichheit.
Viele Menschen sind heute überarbeitet, erschöpft, zermürbt und (hallo!) wütend – und wütend sollten wir wahrhaftig sein! Sehr viele von uns brauchen dringend Fürsorge. Dennoch haben weite Teile der Selfcare-Branche jeglichen Bezug zu der Art von Fürsorge, die wir brauchen und fordern, verloren. Die Botschaften, die auf uns einprasseln, reichen von: »Sorge für dich selbst, dann hast du unternehmerischen Erfolg« über »Sorge für dich selbst, denn das nützt deinem Umfeld und der Welt« bis hin zu dem eher schlichten Mantra (das die beiden ersten verbindet): »Sorge für dich selbst, dann geht es dir besser – und du kannst dein authentisches/empowertes/Ultra-Zen-Selbst (!) sein.«
Doch immer soll vor allem die Einzelne profitieren, die Selfcare betreibt: Im ersten Fall entwickelt man seine persönliche Marke, ist finanziell erfolgreich und dabei auch noch entspannt und emotional gefestigt, im letzten profitiert man psychisch davon, etwas Positives für die Welt getan zu haben – durch mehr Zugewandtheit und Verbundenheit, ein besseres Selbstwertgefühl oder weniger Angst. Obwohl in den heutigen Ausprägungen der Selbstfürsorge von »Gemeinschaft« und »sozialer Gerechtigkeit« die Rede ist (und wie wir noch sehen werden, oft auch von »Diversität« und »Inklusion«), reichen die Wohltaten bei weitem nicht aus, die sozialen Bedingungen, durch die dieses Scheißgefühl überhaupt erst in uns aufkommt, zu ändern. Insofern wirken sie bestenfalls als Trostpflaster, schlimmstenfalls zementieren sie vorhandene ungleiche Machtstrukturen, indem sie individualistische Lösungen für Probleme anbieten, die eigentlich systemischer Art sind.
Um es klar zu sagen: Wenn wir von »vorhandenen Machtstrukturen« und »systemischen Problemen« sprechen, meinen wir intersektionale Formen der Ungleichheit, unter anderem durch weiße Vorherrschaft, Nationalismus, Sexismus, Homophobie, Transphobie und Ableismus, die heute wie früher allesamt ineinandergreifen und vom Kapitalismus herbeigeführt und/oder verstärkt wurden. Diese Unterdrückungsmechanismen sind zudem mit dem Kolonialismus und Strukturen verknüpft, durch die Weiße aus Europa alle anderen bis heute unterwerfen.
Eve Tucks und K. Wayne Yangs Ausführungen zur Dekolonisierung folgend, unterscheiden wir zwischen externem und internem Kolonialismus: Externer Kolonialismus gründet auf der Ausbeutung indigener Ressourcen und Menschen und verschafft der Kolonialmacht Wohlstand und Macht. Unter internem Kolonialismus versteht man dagegen die Mechanismen zur Kontrolle und Unterwerfung von Menschen, Land und Tieren innerhalb einer imperialen Nation. Für unser Thema der Kommerzialisierung der Selbstfürsorge sollten wir festhalten, dass die USA als koloniale Siedlernation ein Beispiel für beide Formen des Kolonialismus sind. Ausprägung und Ausübung der Kolonialität heute mögen sich von historischen Formen unterscheiden, doch umfassende Dominanz- und Ausbeutungssysteme bestehen fort und wirken sich materiell, kulturell, psychologisch und gesundheitlich negativ aus, besonders auf Schwarze und Indigene Menschen und People of Color (BIPoC).
Kolonialität wird mit physischer Gewalt, aber auch durch Ideen und Praktiken aufrechterhalten, insbesondere solche, die mit wirtschaftspolitischen und anderen staatlichen Maßnahmen zusammenhängen. Unser Verständnis der Realität wird von diesen einander überlappenden Kräften geprägt, das heißt, sie formen unsere Vorstellung dessen, was ein (zum Beispiel soziales, wirtschaftliches oder gesundheitliches) Problem ist und was nicht, wie dieses Problem verursacht wird, wer für seine Lösung verantwortlich ist und was dagegen unternommen werden sollte. In sehr ungleichen sozialen und wirtschaftlichen Systemen kann ungeachtet der Absicht die Wirkung von Ideen und Praktiken – auch solchen, die als Selbstfürsorge daherkommen – den Status quo insgesamt und besonders die Kolonialität reproduzieren, also Macht-, Dominanz- und Ausbeutungsbeziehungen, die in Eurozentrismus und weißer Vorherrschaft wurzeln.
In den USA wird an der Dekolonisierung oder der kontinuierlichen Auflösung dieser Macht-, Dominanz- und Ausbeutungsmechanismen gearbeitet, seit die europäischen Eroberer erstmals ihren Fuß auf Turtle Island setzten (die Schildkröteninsel, wie viele Indigene vor allem im Nordosten den nordamerikanischen Kontinent nennen) – es ist ein Kampf, der aus der Notwendigkeit geboren ist. Prinzipiell erfordert die Dekolonisierung: die intellektuelle und emotionale Auseinandersetzung mit der ökologischen Zerstörung und dem menschlichen Leid, die in der Kolonialität durch das Streben nach Profit und Macht herbeigeführt werden; die Erkenntnis, dass in den USA Indigene und Menschen afrikanischer Abstammung Opfer genozidaler und ausbeuterischer Prozesse waren (und sind) und am meisten darunter leiden, auch wenn letztlich alle in unterschiedlichem Ausmaß betroffen sind; eine Neudefinition und Umverteilung von Vermögen und Land als Ausgangspunkt für eine konkrete Entschädigung für diese Gräuel; das radikale Umdenken und Umgestalten sozialer Beziehungen und gesellschaftlicher Institutionen zur Förderung des Gemeinwohls. Und schließlich gilt es, das Weißsein zu demontieren, das nie wirklich eine Abstammung definiert – vielmehr dient es seit jeher dazu, Macht und Besitz zu sichern und weiterzugeben.
So, wie Kolonialität kontinuierlich abläuft, ist auch Dekolonisierung kein Endpunkt, sondern ein Prozess, der bestehende Machtsysteme bloßlegen und die verschiedenen Möglichkeiten des In-der-Welt-Seins erschließen soll. Dekolonisierung ist zudem geradezu lebenswichtig, denn obwohl wir in bestehenden Machtsystemen unterschiedliche Positionen einnehmen, haben diese Systeme eine toxische Wirkung auf uns und den gesamten Planeten.
Im Dienste einer solchen Dekolonisierung wollen wir zeigen, dass uns Selfcare-Märkte nicht weiterbringen, denn sie setzen die toxischen Beziehungen aus weißer Vorherrschaft, Elitarismus und Kapitalismus fort – nur mit »weicherer« und »sanfterer« Fassade und immer häufiger mit dem Hinweis auf (reiche weiße) »Frauenpower«. Ungeachtet unserer Kritik wollen wir auch nicht verschweigen, dass sich das Selfcare-Narrativ in den letzten Jahren und besonders im Zuge der Coronapandemie und der antirassistischen Bewegungen des Jahres 2020 spürbar verschoben hat. Es ist ja schon etwas ziemlich Neues, wenn Kim Kardashian auf Instagram ihre Privilegiertheit eingesteht, zumal führende Selfcare- und Wellness-Unternehmen gerade Diversität, Gleichheit, Inklusion und gesundheitliche Ungleichheiten zum Thema machen.
Die Tragweite solcher Debatten wollen wir ebenso wenig kleinreden wie die Ernsthaftigkeit der Versuche einiger Influencer*innen, Promis, Firmen und so weiter, soziale Veränderungen herbeizuführen. Aber wir wollen uns realistisch ansehen, was sich tatsächlich verändert hat und was nicht und inwieweit soziale Bewegungen die Frage der Fürsorge von Grund auf in eine radikalere Richtung lenken. So berücksichtigen wir Widersprüche rund um das Thema Selfcare und würdigen die starke Community-Arbeit, mit deren Hilfe besonders bedürftige gesellschaftliche Gruppen Fürsorge erhalten. Außerdem beschreiben wir in diesem Buch verschiedene Phasen der Selbstfürsorge, die einander allerdings überschneiden und nicht vollständig voneinander zu trennen sind. Vielmehr bauen verschiedene Spielarten und historische Momente der Selbstfürsorge aufeinander auf, was bei näherem Nachdenken auch nicht weiter erstaunlich ist.
Unser Verständnis des radikalen Potenzials, das der Fürsorge innewohnt, aber auch der größeren Kontexte, in denen die eher massentauglichen Selfcare-Strömungen stehen, gründet auf der akribischen Arbeit von vor allem BIPoC, queeren und trans Personen, Menschen mit Behinderungen, die sich in ihrer Community, in sozialen Bewegungen, an der Universität oder in der Kunst mit diesen Themen befassen und auf deren Texte wir in diesem Buch immer wieder verweisen. Ihrer Arbeit, die der Notwendigkeit entsprang und dem Überleben diente, fühlen wir uns verpflichtet, und wir sind dankbar, dass die Welt daraus schöpfen kann.
Unsere Kooperation begann, wie viele feministische und aktivistische Projekte, beim gemeinsamen Essen und einer Tasse Kaffee. Wir sind seit dem Graduiertenstudium befreundet und leben beide nach wie vor in New York City. In den letzten Jahren trafen wir uns regelmäßig und hielten uns gegenseitig auf dem Laufenden. Unsere Gespräche kehrten oft zu bestimmten Themen zurück: Stress und Druck an der Uni (der uns als Akademiker*innen ohne Festanstellung ebenso zusetzte wie den Studierenden), unsere privaten Beziehungen, Doktorandentratsch (klar, der auch), nationale und internationale Politik, soziale Ungerechtigkeit und – immer häufiger – gesundheitliche Probleme. Wir stellten fest, dass wir unter ähnlichen Krankheiten litten, die zum Teil recht schwammig definiert waren. Wir merkten, dass es uns immer schwerer fiel, mit dem geforderten Tempo Schritt zu halten, und fürchteten, die Anstrengung könne sich körperlich und psychisch negativ auswirken.
Wir sprachen über unsere Erfahrungen mit biomedizinischen (westlich-allopathisch geprägten) Praxen verschiedenster Ausrichtung, die uns keine dauerhaften Lösungen bieten konnten (oder nur Lösungen, die, sagen wir, andere »Herausforderungen« mit sich brachten …). Populärpsychologische und pop-feministische Beiträge im Internet rieten dazu, Achtsamkeit zu praktizieren, sich Wellness-Tage und andere kleine Freuden zu gönnen, zu anderen und ihren Bedürfnissen auch mal »nein« zu sagen (du stehst an erster Stelle!), Zeit für sich einzuplanen, in die Natur zu gehen, sich in Dankbarkeit zu üben, länger und tiefer zu schlafen, sich gesünder zu ernähren, den Darm pfleglich zu behandeln, zu »manifestieren« und so weiter.
Trotz aller Zweifel probierten wir, auf Erleichterung hoffend, natürliche Mittelchen und beliebte Ernährungsmethoden wie Keto und Paleo aus. Immerhin kam die Darmflora gerade ganz groß raus. Verbarg sich dort womöglich der Schlüssel zur gesunden Verdauung und zur Heilung von Autoimmunerkrankungen, die mittlerweile überall lauerten – und unter denen auch wir massiv litten? Oder handelte es sich wie bei der Entschlüsselung des menschlichen Genoms Ende des 20. Jahrhunderts und der Hirnforschung Anfang des 21. Jahrhunderts um ein neues Gebiet, das die eine oder andere Antwort liefern mochte, aber weit über die Möglichkeiten der Wissenschaft hinaus zum allwissenden Erklärungsmodell verklärt und in bare Münze verwandelt wurde (Puzzeln verhindert Demenz!)? Wir fanden die Versprechen der Selfcare-Branche jedenfalls verlockend und gleichzeitig befremdlich.
Uns machten neben der Frage nach der Evidenzbasis der Produkte und Praktiken, die mehr Gesundheit und besseres Wohlbefinden versprachen, auch die Strategien der Selfcare-Branche und das viele Geld skeptisch. Auf dem Markt tummeln sich überwiegend weiße Frauen, gut betucht, cisgender (also Frauen, denen bei Geburt das Attribut »weiblich« zugewiesen wurde und die sich als Frauen identifizieren). Uns fiel auf, dass dieser neue Trend als »empowernd« und »feministisch« gefeiert, dass die Vertreterinnen dieser demografischen Gruppe zu kommerziell erfolgreichen »Bossbabes« und »Ladybosses« hochgejubelt wurden: »Erarbeite dir deinen Traum.« Selfcare, so schien es, verschaffte Frauen nicht nur Heilung und Resilienz, sondern half ihnen auch, die Erfolgsleiter zu erklimmen. Wir fragten uns: Was hat es zu bedeuten, wenn die Werbung für Selfcare-Produkte und -Dienstleistungen mit einer Glorifizierung (weißer) Weiblichkeit und Frauenpower einhergeht? Wer profitiert davon, wenn Selbstfürsorge buchstäblich verkauft wird? Wem (und wo) könnte diese Selfcare-Branche schaden? Welche eher gemeinwohlorientierten, kollektivistischen und radikalen Formen der Fürsorge werden negiert – oder vereinnahmt –, wenn Wellness zum Markenartikel mutiert? So begann dieses Projekt.
Die Fragen, die wir hier stellen, und unsere Sicht auf Fürsorge werden nicht nur von unseren (genderspezifisch gelesenen) körperlichen und seelischen Gebrechen, chronischen Krankheiten und Behinderungen beeinflusst. Wir haben uns auch beide intensiv in anarcho-kommunistischen, antirassistischen und queer-feministischen Kreisen, in Punkkollektiven und anderen Räumen der linken Gegenkultur herumgetrieben und sind darüber hinaus studierte Medizinsoziolog*innen. Auch dass wir als relativ privilegierte Weiße auf dem kolonialen, als Nordamerika bekannten Siedlergebiet wohnen, und zwar in New York City (dem nicht abgetretenen Land der Munsee Lenape und der Canarsie), prägt unsere Sichtweise und die Beispiele, die wir anführen werden.
Wörter wie »Wellness« und »Selfcare« haben sich in wohlhabenden Staaten wie den USA im Lauf der letzten Jahrzehnte durchgesetzt. Die beiden Begriffe sind verwandt, wenngleich nicht synonym. Unter »Wellness« (»Wohlbefinden«) versteht man einen optimalen Zustand von Seele, Körper und Geist sowie ganzheitliche Gesundheit. Wie Colleen Derkatch, Expertin für die Sprache in Gesundheitswesen und Medizin, erklärt, fußt der populäre Begriff der »Wellness« auf zwei Vorstellungen: restoration und optimization, also Wiederherstellung (das Wiedererlangen ursprünglicher und authentischer Attribute, die uns im modernen Leben angeblich abhanden gekommen sind) und Optimierung (die Verbesserung des eigenen Potenzials, better than well zu sein). Unter »Selfcare« verstehen wir – und so wird es meist auch in den sozialen Netzwerken und anderswo dargestellt – die Strategien, mit denen man eine solche Wiederherstellung und Optimierung herbeiführt.
Ihren Ursprung hat Selfcare Ende des 20. Jahrhunderts. Vor dem Hintergrund einer veränderten Beziehung zwischen Erkrankten und Medizin wurden die Menschen vonseiten der Politik, der medizinischen Dienstleistungen und der Wirtschaft dazu angehalten, mehr Verantwortung für ihre Gesundheit zu übernehmen. Sie sollten sich individueller Risiken bewusst sein, ihren Lebensstil verändern und sich aktiv in das Gesundheitssystem einbringen.
Heutzutage verbindet man mit dem Begriff Selfcare meist milde und schonende Maßnahmen, die der einzelne Mensch (insbesondere wir Frauen) ergreifen (sollen), »weil wir es uns wert sind«. Frau kann zum Beispiel ein Bad nehmen, zur Massage gehen, meditieren, Yoga praktizieren, Urlaub machen oder auch nur ausschlafen. Selfcare ist mittlerweile genau das, was in den sozialen Netzwerken stattfindet: Wir posten ein Foto von uns, wie wir uns verwöhnen – zum Beispiel mit einem bestimmten Getränk bei Starbucks –, und fügen den Hashtag »#selfcaresonntag« hinzu (oder war es »#selfcaresamstag«? Wir haben den Überblick verloren …). Ehe wir jedoch tiefer in den aktuellen Markt für Selbsthilfe, Gesundheit und Wellness eintauchen, sollten wir uns die Entstehungsgeschichte des Begriffs anschauen, der früher für etwas völlig anderes stand.
Beginnen wir mit der Schwarzen queeren Dichterin und Sozialfeministin Audre Lorde, die in diesem Kontext oft zitiert (und memifiziert) wird. Im Jahr 1988, vier Jahre vor ihrem Tod, schrieb Lorde: »Meine Selbstfürsorge ist keine Selbstgefälligkeit, sondern Selbsterhaltung, und das ist ein Akt politischer Kriegsführung.«1 Das heißt, Selbstfürsorge war für Lorde ein fundamental politischer Akt mit größeren gesellschaftlichen Folgen. Lorde kämpfte gegen intersektionale Formen der Unterdrückung – weiße Vorherrschaft, Klassismus, Sexismus, Homophobie – und gleichzeitig gegen den Brustkrebs, und für sie waren das eigene Überleben und das Überleben ihrer Community eng miteinander verflochten. Selbstfürsorge, meinte sie, sollen wir betreiben, um gesund zu werden, aber auch, damit wir den Kampf für soziale Gerechtigkeit fortsetzen können. Ehe Lorde in ihrer Arbeit das feministische Mantra »das Persönliche ist politisch« formulierte, hatten auch schon andere revolutionäre Bewegungen Fürsorge, Gesundheit und Wohlbefinden mit dem Kampf um gesellschaftliche Veränderungen verbunden. Wenn wir diese Geschichte kurz aufrollen, so begegnen wir auch Fallstricken und Stolpersteinen, die sich trotz bester Absichten sogar in Fürsorge- und Gleichstellungsbewegungen einstellen können.2
Die Black Panther Party (BPP) wurde gemeinhin mit »Gewalt« assoziiert, weil sie sich offen gegen Staat, Kapitalismus und weiße Vorherrschaft stellte und das Recht auf Selbstverteidigung und die Verteidigung der Community für sich in Anspruch nahm. Die Partei trat aber in den 1960er Jahren auch entschieden für die Gesundheitsversorgung Schwar -zer Communitys ein, auch der Kinder. Um den un erfüllten Bedürfnissen Schwarzer Menschen in den USA besser gerecht zu werden, organisierten die Panther unter anderem Frühstücksangebote für Schulkinder und Vorsorgeuntersuchungen auf Sichelzellenanämie. Zwar stand die Gesundheitsfürsorge als Forderung an die US-Regierung noch nicht explizit im ursprünglichen Zehnpunkteprogramm des Jahres 1966, doch Anfang der 1970er Jahre gründeten die Panther kommunale Gesundheitszentren im gesamten Land, und die Verbesserung der Gesundheits fürsorge entwickelte sich zu einem zentralen Anliegen der Partei. Schließlich wurde die Forderung nach kostenloser medizinischer Versorgung aller unterdrückten Bevölkerungsgruppen auch ins offizielle Parteiprogramm aufgenommen. Der kostenlose Zugang zum Gesundheitssystem und zu Präventionsmaßnahmen war laut BPP notwendig, um Krankheiten, Leiden und Traumata, die infolge der Unterdrückung durch weiße Vorherrschaft und kapitalistische wirtschaftliche Ungleichheit in der kolonialen Siedlernation USA stark verbreitet waren, zu behandeln und zu überwinden.
Die gesellschaftlichen Bedingungen, das Gesundheitssystem, medizinische Versorgung in den Gemeinden, Selbstbestimmung und Selbstverteidigung sowie Fürsorge für Gemeinschaft und Individuum waren somit eng miteinander verflochten. Als die Panther strukturelle Bedingungen wie Beschäftigungslage, Regierungshandeln, Überwachung, Zustände in den Vierteln, Zugang zu sozialen und medizinischen Diensten sowie die rassistisch und klassistisch geprägten sozialen Beziehungen mit der Qualität der Gesundheitsfürsorge in Beziehung setzten, nahmen sie vorweg, was Gesundheitsforschung und Soziologie später als »soziale Gesundheitsfaktoren« und »gesundheitliche Ungleichheiten« bezeichneten. Wenn Fachleute in Sozialwissenschaft und Gesundheitswesen diese Begriffe verwenden, meinen sie nicht-biologische, nicht-verhaltensbezogene Faktoren, die sich auf die Gesundheit einer Bevölkerungsgruppe auswirken und dazu führen, dass in verschiedenen Bevölkerungsgruppen ein jeweils unterschiedlicher Gesundheitsstatus herrscht.3
In den 1960er Jahren gründeten sich in New York City The Young Lords, eine Latinx-Bewegung gegen Rassismus und für wirtschaftliche Gerechtigkeit. Wie die Black Panther Party betonten sie die Beziehung zwischen Individuum, Community, Gesundheit und Fürsorge als Bestandteil des sozialen Wandels. Sie führten zum Beispiel Tür-zu-Tür-Aktionen durch, um Menschen eines Viertels auf Bleivergiftung und Tuberkulose zu testen, organisierten Kleiderkammern, medizinische Behandlung, Kinderbetreuung, gemeinsame Mahlzeiten und kostenlose Frühstücksangebote für Jugendliche. Wenn die Kids zum Essen kamen, erhielten sie muttersprachliches Lesematerial mit radikalen Thesen und Informationen über ihre Herkunftskulturen.4
Auch feministische Bewegungen, die sich für reproduktive Gesundheit und Gerechtigkeit stark machten, stellten die Selbstfürsorge in den Kontext von kollektiver Fürsorge und kollektivem Überleben. In den 1960er Jahren entstanden in den USA geheime Abtreibungsnetzwerke wie der Abortion Counceling Service of Women’s Liberation. Eine Gruppe der im Volksmund als Jane Collective bekannten Untergrundorganisation hatte Ende der 1960er und Anfang der 1970er Jahre ihren Sitz in Chicago, ehe das wegweisende Urteil des Obersten Gerichts im Fall Roe v. Wade die Abtreibung 1973 legalisierte (bis 2022). Zuvor brachten sich in dem frauenfeindlichen konservativen Klima, das die einzelne Frau zwang, ihre Schwangerschaft auszutragen, ob sie es nun wollte oder nicht, die Mitglieder solcher Netzwerke die Grundlagen der Abtreibung gegenseitig bei (mit selbst hergestellten Küretten, Kanülen und anderen Instrumenten und Methoden, die die Betroffenen selbst oder ihre Freundinnen durchführen konnten). Zusätzlich machten sie Mundpropaganda für ihre Do-it-Yourself-Dienste (DIY), damit auch andere sie nutzen konnten.5
Da diese Form der reproduktiven Fürsorge systematisch vernachlässigt, den Betroffenen vorenthalten und häufig unter Strafe gestellt wurde, liegt es auf der Hand, dass sich Menschen mit Uterus/Eierstöcken, unabhängig von Race und Klasse, dieser Arbeit als Erste annahmen (als Hebamme, in der Geburtshilfe oder im Heilbereich arbeiten besonders viele Menschen, die diese Fortpflanzungsorgane besitzen oder die sich als Frau identifizieren). Wie die Panther und die Young Lords mussten auch Abtreibungsaktivistinnen wie bei Jane in der Selbsthilfe und der Unterstützung anderer besonders erfinderisch sein, weil das Gesundheitssystem, die Bundesstaaten und die Regierung in Washington ihre medizinischen Bedürfnisse konsequent ausblendeten. Darüber hinaus forderten die Aktivistinnen, die sich um ihre und anderer Frauen Gesundheit kümmerten, ja auch die Autorität der medizinischen Profession heraus, deren Expertise lange Zeit als sakrosankt gegolten hatte.
Diese frühen, einander oft überlappenden Bewegungen, die sich in den USA um gemeinschaftliche Pflege und Fürsorge kümmerten (Mitte und Ende des 20. Jahrhunderts gab es außerdem Initiativen für queere Menschen und HIV/AIDS-Kranke, die Behindertenrechtsbewegung, die Bewegung für Transrechte und die radikale Disability-Justice-Bewegung), trugen zwar revolutionäre Elemente aus Antirassismus, Feminismus und Arbeiter*innenbewegung in sich. Doch im Bereich der reproduktiven Rechte und der sexuellen Gesundheit wurden Strategien und Ziele allzu oft von bürgerlichen, weißen, cis Frauen geprägt, die folglich verhältnismäßig stark von solchen Fürsorgeformen pro fitierten. Michelle Murphy, Wissenschaftshistorikerin und Professorin für Gender Studies, bezeichnet diese ungleiche Verteilung von Pflege und Fürsorge im Namen des Empowerments als Protokollfeminismus, der auf »eine Politik der Methoden setzt«. Zu diesen Methoden ge hö ren Selbsthilfe-Optimierungsstrategien und die DIY-Leis tungssteigerung des (weißen, cis-weiblichen) Körpers. Protokollfeminismus ist ein Widerspruch in sich: Er ruft nach »Revolution«, »radikaler Politik« und fordert, sich »die Macht zurückzuholen«, ist aber gleichzeitig ein Produkt des Kapitalismus, der weißen Vorherrschaft und der dominanten Biomedizin, in deren Ungerechtigkeit er tief verwurzelt ist.
Auf den ersten Blick könnte man meinen, dieser Feminismus hätte die radikalen Ursprünge schlicht vereinnahmt und die Selbstfürsorge nur noch auf weiße cis Frauen bezogen, die beispielsweise mit dem Spiegel ihre Vagina untersuchten (wie es die in den USA der 1970er Jahre populären feministischen Bewegungen für Selbsthilfe und Frauengesundheit empfahlen: Das Wohnzimmer oder häufiger eine Frauengruppe und ihre spezifischen Selbsthilfe-Methoden ersetzten damals die Sprechstunde). Die Sache geht indes über die offene Vereinnahmung hinaus und ist etwas komplizierter – und wir haben auch gar nichts gegen dieses »Kenne deinen Körper«! Natürlich sollten sich alle dieses Wissen aneignen, statt es den (meist weißen, männlichen) Medizinern zu überlassen. Es ist nachvollziehbar, dass viele Frauen unabhängig von Race und Klasse dieses Selbstwissen erwerben, dass sie sich und anderen helfen und ein revolutionäres Selbstfürsorge-Protokoll entwickeln wollten.
Aber wir dürfen nicht vergessen: Der Kampf um Pflege und Fürsorge kann im Bereich der reproduktiven und sexuellen Gesundheit sehr unterschiedliche Formen annehmen. Schwarze Frauen und andere Frauen of Color hatten, was reproduktive Souveränität und Autonomie angeht, damals eher andere Sorgen, als den eigenen »Körper und sich selbst kennenzulernen«6 oder auch nur eine sichere und legale Abtreibung durchzuführen. Viele Schwarze Frauen mussten noch um ihr Recht kämpfen, nicht sterilisiert zu werden, sich von Staat und medizinischem Establishment nicht ständig in ihr Leben und ihre Familienplanung pfuschen zu lassen. Und auch cis Frauen und andere Menschen mit Uterus, arme, behinderte, inhaftierte, zugewanderte oder Indigene, kämpften damals noch gegen die Zwangssterilisation – und müssen sich bis heute mit dem Thema herumschlagen.7
So wurden in den 1950er Jahren puerto-ricanische Frauen für medizinische Studien zur Geburtenkontrolle missbraucht. Schon zuvor protestierten Indigene Communitys gegen den fortgesetzten gewaltsamen Kindesentzug und die Unterbringung ihrer Kinder in Indian Residential Schools und staatlichen Pflegestellen. (Dem Gründer des ersten Internats, Kavallerie-Captain Richard Henry Pratt, zufolge sollte die Zwangsassimilierung Kinder vor ihrer eigenen Indigenität bewahren: »Töte den Indianer in ihm und rette den Mann«, erklärte er. Bis heute werden in ganz Nordamerika Gräber von Kindern entdeckt, die unter der »Fürsorge« dieser Schulen starben.) Trotzdem wird gern behauptet, der Kampf um reproduktive Rechte sei für alle Frauen erfolgreich verlaufen. Wie sich die Selbstbestimmung in Reproduktion, Gesundheit, Familien und Communitys insgesamt entwickelt hat, findet dagegen deutlich weniger Beachtung. Liberaler weißer Feminismus vom Feinsten! (Soll heißen, vom Schlimmsten.)
Welche Relevanz hat diese Geschichte der Community-Justice-Bewegungen – die wir sehr kurz umrissen haben – für das Thema Selfcare heute? Zum einen müssen wir die Widersprüche kennen. Auch wenn Fürsorge radikal gedacht wurde und vielen Menschen helfen sollte, wurde das damals nicht immer (oder nicht oft) erreicht. Uns geht es nicht um Schuldzuweisungen, sondern wir wollen zeigen, dass die Wirkungen dieser neueren Bewegungen nicht immer ihren Absichten entsprachen.
Zwar engagieren sich auch heute marginalisierte Gruppen in ihren Communitys für Selbstfürsorge und Gesundheit, um gemeinsam zu überleben, doch ist das eher nicht
