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Es gab Zeiten und Orte, wo die Menschen ihr Leben geopfert haben, um in Freiheit und Selbstbestimmung zu leben. Es gibt sie immer noch. Das ukrainische Volk hätte sich ganz einfach ergeben können, als Russland am 24. Februar 2022 mit 180 000 Soldaten einmarschiert ist. Und dann gibt es Menschen, auch Prominente, Intellektuelle, Dauergäste in Talkshows, die das so blutig erstrittene Wahlrecht einfach wegwerfen. Wenn wir nicht mehr wissen, was Demokratie wirklich ist, dann machen wir es auch den Feinden der Demokratie leicht, die Demokratie zu demontieren. Und wir werden selbst Opfer von Missverständnissen. Die Demokratie ist eine fragile Staatsform. Sie kann Frieden, Freiheit und Wohlstand liefern, sich aber auch selbst abschaffen. Deshalb ist dieses Buch so wichtig, es will aufzeigen, aus welchen Elementen eine komplexe, funktionsfähige Demokratie besteht. Demokratie bedeutet viel mehr, als gelegentlich eine Stimme in die Wahlurne zu werfen. Volker Eichner stellt in seinem Buch grundlegend und ausführlich Theorie und Geschichte der Demokratie von der Antike bis heute dar, skizziert ihre Möglichkeiten und Chancen sowie die Gefahren, denen die Demokratie ausgesetzt ist. Darüber hinaus diskutiert er die Zukunft der Demokratie und wie sie weiterentwickelt und verteidigt werden kann.
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Seitenzahl: 552
Veröffentlichungsjahr: 2025
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VOLKER EICHENER
PORTRÄT EINER STAATSFORMDER FREIHEIT UND GLEICHHEITENTWICKLUNG – MERKMALE – ZUKUNFT
1. »Es gab niemals eine Demokratie, die nicht Selbstmord begangen hätte«
2. Die Erzählung der Demokratie
2.1 Formen der Willensbildung in politischen Gemeinschaften
2.2 Was ist die naturwüchsige Form der politischen Willensbildung in Urgemeinschaften? – Demokratie oder Autokratie?
2.3 Die Geburt der Demokratie in der Antike
2.4 Die Theorie der komplexen Demokratie in der griechischen Antike
2.5 Der Tod der Demokratie und ihre Wiedergeburt in den mittelalterlichen Städten und Reichen Europas
3. Mehr als Wählen: Die Grundelemente der Demokratie
3.1 Der Gesellschaftsvertrag: Die Produktion des Gemeinwohls
3.2 Wider die Tyrannei der Mehrheit: Die Menschenrechte
3.3 Die Gedanken sind frei: Freiheit von Meinung, Wissenschaft und Kunst
3.4 Repräsentative Demokratie und beschränktes Mehrheitsprinzip
3.5 Gegen Machtkonzentration und Machtmissbrauch: Die mehrdimensionale Gewaltenteilung
3.6 Bollwerk gegen populistische Politik: Der Beitrag des Berufsbeamtentums zur Teilung der Gewalten
3.7 Lobbyismus oder Pluralismus? Organisierte Interessen als Medium der Interessenvertretung
3.8 Die Bausteine der komplexen Demokratie
4. Wie Demokratien sterben
4.1 Mord oder Selbstmord?
4.2 Demokratiemüdigkeit als Nährboden für Populismus
4.3 Charismatiker und Psychopathen: Die Faszination der autokratischen Persönlichkeit
4.4 Verlockende Autokratie: Warum Menschen immer wieder auf Autokraten hereinfallen
4.5 Die Logik der Autokratie. Oder: Wie man ein Autokrat wird und es (eine Zeit lang) bleibt
5. Herausforderung Globalisierung: Die Demokratisierung der Welt
5.1 Der »political lag«
5.2 Ernüchterung und Realismus
5.3 Trotz allem: Chancen für eine globale Demokratisierung
6. Die Digitalisierung beim Schopfe packen: Demokratische Öffentlichkeit im digitalen Zeitalter
6.1 Brauchen wir eine öffentliche »Deliberation«?
6.2 Digitale Filterblasen und Echokammern?
6.3 Die Kultur des Lügens
6.4 Trolle und Bots
6.5 Perspektiven für eine digitale demokratische Öffentlichkeit
7. Die Weiterentwicklung der Demokratie im 21. Jahrhundert
7.1 Gut gemeint, aber nicht gut gemacht: Ungeeignete Rezepte
7.2 Dem Kontrollverlust in einer komplexen Welt entgegenwirken: Foren bürgerschaftlicher Partizipation
7.3 Die Demokratie verteidigen
7.4 Die Demokratie leben
8. Quo vadis?
Literatur
»Give me liberty, or give me death!«
Patrick Henry am 23. März 1775 in Richmond, Virginia
Es gab Zeiten und Orte, in denen die Menschen ihr Leben geopfert haben, um in Freiheit und Selbstbestimmung zu leben. Und es gibt sie immer noch. Das ukrainische Volk hätte sich ganz einfach ergeben können, als Russland am 24. Februar 2022 mit 180 000 Soldaten einmarschiert ist. Aber die Ukrainer haben sich nahezu einmütig dafür entschieden, ihre Freiheit und ihre Demokratie, die alles andere als vollkommen war, zu verteidigen, auch zu einem hohen Preis. Nachdem die 22-jährige Mahsa Amini Ende September 2022 von der iranischen Sittenpolizei zu Tode geprügelt worden war, weil sie den Hidschāb in der Öffentlichkeit nicht korrekt getragen habe, starben hunderte von Menschen, die sich gegen das theokratische Regime im Iran erhoben und Freiheit und Demokratie gefordert hatten. Die Geschichtsbücher sind voll von Freiheitskämpfen und demokratischen Revolutionen, bei denen Menschen ihr Leben aufs Spiel setzen, um sich gegen Fremdherrschaft und Unterdrückung zu wehren. Demokratie ist den Menschen selten geschenkt worden; meist musste sie mit bitterem Blutzoll erkauft werden.
Und dann gibt es Menschen, darunter auch Prominente, Intellektuelle, Dauergäste in Talkshows, die das so blutig erstrittene Wahlrecht einfach wegwerfen, die sich an Kommunal-, Landtags-, Bundestags-, Europawahlen nicht beteiligen, manche, weil ihnen das Wahlrecht nicht wichtig genug ist, um sich am Wahlsonntag auf den mühevollen Weg ins Wahllokal zu begeben oder die Briefwahl vorzunehmen, andere, weil sie meinen, dass ihre Stimme ja doch nichts bewirkt, und wieder andere, die der Auffassung sind, dass es keine Partei gäbe, die in der Lage wäre, die dringenden Probleme des Landes und der Welt zu lösen (Wissenschaftliche Dienste 2016: 8 f.). Alle Nichtwähler:innen nehmen aber in Kauf, dass sie durch ihre Wahlverweigerung mit mathematischer Zwangsläufigkeit diejenigen stärken, die die Demokratie nutzen, um sie abzuschaffen. Und das sind die Schlimmeren: Diejenigen, die mit der Demokratie hadern, die über die Demokratie nörgeln und die sich wieder einen starken Führer wünschen, der alle Probleme löst und das Land »wieder großartig« (great again) macht.
Dass die Liebe zur Demokratie mit der Zeit erkaltet, ist kein neues Phänomen. Vor rund 2150 Jahren hatte bereits der griechische Historiker Polybios beobachtet, dass der demokratische Geist ermattet, sobald diejenigen, die noch eine Diktatur erlitten hatten und sich die Demokratie erstreiten mussten, von uns gegangen sind: »Sobald aber eine neue Generation erwächst und die Demokratie in die Hände der Enkel ihrer Gründer fällt, haben sie sich so sehr an Freiheit und Gleichheit gewöhnt, dass sie sie nicht länger wertschätzen« (Polybios: Historien VI,9).
Heute, im 21. Jahrhundert, scheinen die Entwicklungen in Deutschland und in den meisten anderen westlichen Ländern das Gesetz des Polybios zu bestätigen. An den digitalen Stammtischen, die »Chatforen« heißen, kann man täglich lesen, wie sich Bürgerinnen und Bürger im Schutze der Anonymität über Politiker:innen ereifern, die sie als inkompetent, korrupt oder unmoralisch brandmarken. Auch unter Journalist:innen und unter Intellektuellen ist es très chic geworden, angebliche Funktionsdefizite unseres demokratischen politischen Systems zu skandalisieren.
Die Nörgelei an der Funktions- und Leistungsfähigkeit der Demokratie ist nicht nur gefühlt, sie lässt sich auch durch repräsentative empirische Daten belegen. Die von dem US-amerikanischen Politikwissenschaftler Ronald Inglehart ins Leben gerufene World Values Survey führt mittlerweile alle fünf Jahre weltweit knapp 400 000 Interviews über Werte und politische Einstellungen durch (Haerpfer et al. 2022). Für Deutschland zeigen die Zeitreihen, dass die Demokratie nominell hochgeschätzt wird, wenn etwa 98 % der Befragten sagen, dass es ziemlich gut oder sehr gut sei, ein demokratisches System zu haben. Werden die Fragen spezifischer, dann beginnt das Lippenbekenntnis zur Demokratie jedoch bei einigen zu bröckeln. So ist der Anteil der Deutschen, die sich einen »starken Führer« wünschen, der keine Rücksicht auf Parlamente und Wahlen nehmen muss, zwischen 1994 und 2018 von 14 % auf 24 % gestiegen. Fast ein Viertel der erwachsenen Deutschen hält inzwischen eine autokratische Regierung für besser als ein demokratisch gewähltes Parlament als Zentrum der staatlichen Macht! Die europäischen Nachbarländer liegen auf ähnlichem Niveau, in den USA sind es 38 %, in der Türkei 56 % und in Russland 58 %. Offensichtlich hat sich – mit Ausnahme der skandinavischen Länder – in weiten Teilen der westlichen Welt eine allmählich wachsende Sympathie mit autokratischer Herrschaft entwickelt, die in der Türkei und in Russland bereits Realität ist und dort auch von einer Mehrheit der Bevölkerung akzeptiert wird.
Der Demokratieindex, der von der Zeitschrift The Economist weltweit erhoben wird und Werte von 0 bis 10 annehmen kann, ist zwischen 2006 und 2021 weltweit von 5,52 auf 5,28 gefallen, in Westeuropa von 8,60 auf 8,23 (Economist Intelligence Unit 2022). 2021 lebten nur 6,4 % der Weltbevölkerung in vollständigen Demokratien und weitere 39,3 % in defekten Demokratien. Die satte Mehrheit der Weltbevölkerung lebt in Regimen, in denen – wenn es überhaupt Wahlen gibt – Wahlfälschungen regelmäßig vorkommen, Unterdrückung der Opposition, Missbrauch der Justiz, Korruption, Schikane, Staatsterror. Zwischen 2006 und 2021 sind die Länder Belgien, Frankreich, Griechenland, Spanien und Portugal – übrigens ebenso wie die USA – von »vollständigen Demokratien« auf »defekte Demokratien« zurückgestuft worden. Italien war schon seit Beginn der Untersuchungen defekt. In Polen und Ungarn haben sich die Defekte weiter verstärkt, die Türkei hat sich auf der Stufe »Hybridregime« zwischen Demokratie und autoritärem Regime verschlechtert, und Russland ist von einem Hybridregime zu einem eindeutig autoritären Regime geworden. Im Gegensatz zu den demokratischen Musterländern Skandinaviens (und Kanada) erreicht die deutsche Demokratie – auch mit einer Tendenz zur Verschlechterung – einen Indexwert von 8,67, was im internationalen Vergleich Rang 15 entspricht. Der Demokratieindex ist ein additiver Index, der sich aus verschiedenen Komponenten zusammensetzt. Bei den formalen demokratischen Prozessen erreicht Deutschland Spitzenwerte, aber es schneidet schwächer bei den Indikatoren ab, die anzeigen, wie die Demokratie tatsächlich gelebt wird. In der Kategorie »politische Kultur« haben Gewalttaten gegen Angehörige von Minderheiten, das Aufkommen von Verschwörungstheorien und sogenannten »Querdenkern« den Indexwert sinken lassen.
Die wachsende Sympathie mit einer autokratischen Regierung spiegelt sich auch in den Erfolgen rechtspopulistischer Parteien in verschiedenen europäischen Ländern wider, die sich in National- und Regionalparlamenten festsetzen konnten, die mitunter an Regierungskoalitionen beteiligt worden sind, die teilweise sogar ihre Leute in Verfassungsgerichte entsenden konnten, wie dies in einigen deutschen Bundesländern geschehen ist. An ihrer demokratiefeindlichen Gesinnung lassen die rechtspopulistischen Parteien, die sich in vielen Ländern um eine charismatische Führungsfigur scharen, keinen Zweifel.
Der Spitzenkandidat der Thüringer AfD, der auch den Bundesparteitag der AfD im September 2022 in Riesa beherrscht hat, hat in seinem Buch offen die Abschaffung der pluralistischen Parteiendemokratie zugunsten einer Autokratie einer »starken Persönlichkeit« gefordert, die mit »fester Hand« und weitgehenden Vollmachten eine Schreckensherrschaft mit »wohltemperierter Grausamkeit« sowie »menschlichen Härten« errichten soll (Höcke 2018: 231, 254). Die Demokratie soll nur genutzt werden, um an die Macht zu kommen und die Demokratie anschließend abzuschaffen. Die Warnung ist bereits an die Wand geschrieben, in manchen Ländern ist sie schon Wirklichkeit geworden, andere standen knapp davor – einschließlich der Vereinigten Staaten von Amerika.
Im mächtigsten Land der Welt, das nicht zuletzt auch unsere eigene Sicherheit garantiert, war mit Donald Trump ein Präsident gewählt worden, der unumwunden Diktatoren ob ihrer Machtfülle beneidete und der immer wieder, allerdings erfolglos, versuchte, sich selbst zum Autokraten aufzuschwingen. Als sich am 6. Januar 2021 das Electoral College im Kongress versammelte, um den Wahlsieger Joseph Biden zum Präsidenten zu ernennen, stachelten Trump und seine Vertrauten eine Masse von Anhänger:innen an, die das Kongressgebäude stürmten. Videoaufnahmen lassen keinen Zweifel an deren Absicht, die Wahlunterlagen zu stehlen, Abgeordneten Gewalt anzutun, sie als Geiseln zu nehmen (es waren Kabelbinder mitgebracht worden) und den Vizepräsidenten zu lynchen. Die Ermordung des Vizepräsidenten konnte nur um Haaresbreite verhindert werden – durch eine Anrichte, mit der Sicherheitsbeamte die Tür zum Sitzungssaal blockierten, und durch einen Beamten, der den Vizepräsidenten schützte, indem er die Angreifer in eine falsche Richtung lenkte. Was hätte geschehen können, wenn der Mob den Vizepräsidenten getötet hätte? Der abgewählte Präsident hatte bereits einen Plan, den Regierungswechsel zu verhindern (»Green Bay Sweep«), dem allerdings der Vizepräsident entgegenstand. Um Haaresbreite wäre die Demokratie in der mit Abstand größten Militärmacht der Welt durch einen Staatsstreich beseitigt worden. Dass es sich um einen versuchten Staatsstreich handelte, hat nicht zuletzt das Cline Center for Advanced Social Research (2021) an der Universität Illinois festgestellt, das seit Jahren weltweite Staatsstreiche anhand definierter Kriterien dokumentiert. In Deutschland ist am 7. Dezember 2022 ein Terrornetzwerk mit Verbindungen zu »Reichsbürgern«, QAnon-Verschwörungstheorie und AfD ausgehoben worden, das konkrete Planungen für einen Umsturz des demokratischen Regierungssystems hatte, inklusive Aufbau eines militärischen Arms, Stürmung des Bundestags, Machtübernahme durch eine neue Regierung und Einholung von Unterstützung durch Russland.
Es muss aber gar nicht unbedingt Gewalt im Spiel sein, um eine Demokratie abzuschaffen. Oft genug haben sich Demokratien selbst abgeschafft. Einige der berüchtigsten Autokraten der Weltgeschichte sind durch demokratische Legitimation an die Macht gekommen, beispielsweise Gaius Iulius Caesar (durch Senatsbeschluss), Napoleon Bonaparte (durch Volksabstimmung), Adolf Hitler (durch Reichstagsbeschluss) oder Wladimir Putin (durch Präsidentschaftswahl). Dass es einen Kreislauf von Staatsformen gibt, in dem sich Demokratien immer wieder selbst abschaffen, war eine gängige Erkenntnis der Antike, die sich bei Platon (Staat XIII), Aristoteles (Politik III,15) und Polybios (Historien 6,7,4) findet. Sie ging auch in der Renaissance nicht verloren, als der Florentiner Republikaner Niccolò Machiavelli vom Kreislauf der Staatsformen schrieb (Discorsi, I,2). Und als endlich der erste moderne demokratische Staat, die Vereinigten Staaten von Amerika, geschaffen war, blieb die Skepsis. Im Jahr 1814 hatte der ehemalige US-Präsident John Adams geschrieben: »Vergiss nicht, Demokratie hält niemals lange. Sie verbraucht sich bald, erschöpft sich und mordet sich selbst. Es gab niemals eine Demokratie, die nicht Selbstmord begangen hätte.« (Adams 1814) Die Demokratie ist eine fragile Staatsform. Sie kann den Menschen Frieden, Freiheit und Wohlstand geben. Sie kann sich aber auch selbst abschaffen – nicht nur in Krisensituationen, sondern auch in prosperierenden Zeiten. Und heute erscheint die Demokratie, die sich weltweit auf dem Rückzug befindet, mehr denn je als eine bedrohte Art (Clausen 2015). Die Demokratie bedarf deshalb stetiger Bekräftigung, Verteidigung und Erneuerung.
Es ist traurig, aber wahr: Es bedurfte erst eines Krieges, damit die deutsche Bevölkerung wieder mehr Vertrauen in die Demokratie fasste. Das Edelman Trust Barometer erfasst seit 22 Jahren mindestens einmal jährlich in mittlerweile 28 Ländern auf allen Kontinenten mithilfe repräsentativer Bevölkerungsbefragungen das Vertrauen in die Demokratie. Die Deutschen begegnen ihren Institutionen – Regierung, Medien, Wirtschaftsunternehmen, Nichtregierungsorganisationen (NGO) – schon seit Jahren eher mit Misstrauen als mit Vertrauen, und Ende 2021 war das Vertrauen gegenüber dem Vorjahr noch einmal kräftig abgestürzt – ein Phänomen, das auch in anderen westlichen Ländern zu beobachten war. Edelmann sprach von einem regelrechten »Zusammenbruch des Vertrauens in Demokratien« mit Deutschland als dem »biggest loser«, dem größten Verlierer unter den westlichen Ländern (Edelman 2022a).
Und dann wiederholte das Institut die Befragung im Mai 2022, also, als der Krieg gegen die Ukraine schon seit mehr als zwei Monaten im Gange war. Und das Ergebnis: Das Vertrauen in die Demokratie war in Deutschland während – und aufgrund – des Krieges um vier Prozentpunkte gestiegen, in den USA und im Vereinigten Königreich sogar jeweils um sechs Punkte. In Deutschland konnten insbesondere die NGOs, denen bislang besonders wenig Vertrauen geschenkt wurde, Boden gutmachen. Das Vertrauen in die Europäische Union legte sogar, von einem niedrigen Niveau herkommend, um 13 Punkte zu, während das Vertrauen in die NATO unverändert hoch blieb (Edelman 2022b).
Die große Mehrheit der Bevölkerung in Deutschland und in den anderen westlichen Ländern hatte verstanden, dass der Angriff Russlands auf die Ukraine ein Angriff auf die Demokratie war. Der russische Angriff verstieß nicht nur gegen die Selbstverpflichtung der Russischen Föderation, gemäß Art. 2 Nr. 4 der Charta der Vereinten Nationen »jede gegen die territoriale Unversehrtheit oder die politische Unabhängigkeit eines Staates gerichtete […] Anwendung von Gewalt« zu unterlassen, sondern auch gegen die Selbstverpflichtung der Russischen Föderation aus dem Budapester Memorandum vom 5. Dezember 1994, »auf die Anwendung von Gewalt gegen die territoriale Unversehrtheit oder die politische Unabhängigkeit der Ukraine zu verzichten und keine ihrer Waffen jemals gegen die Ukraine einzusetzen«. Die Garantien, die Russland damals der Ukraine gab, stellten die Gegenleistung für die Auslieferung der auf ukrainischem Boden stationierten Atomwaffen an Russland dar.
Russland hatte mit dem Angriff das Völkerrecht mit Füßen getreten und seine selbst abgegebenen Verpflichtungen zur Makulatur erklärt. Seitdem ist klar: Die Unterschrift eines russischen Staatspräsidenten (in diesem Fall von Boris Jelzin) auf einem Dokument scheint das Papier nicht wert zu sein.
Bedurften wir erst dieses Angriffs, um uns des Werts der Demokratie wieder bewusst zu werden? Oder werden die Leiden und Folgen des Kriegs, den auch wir zu spüren bekommen, die seit Jahren wahrnehmbaren Erosionstendenzen der westlichen liberalen Demokratien verstärken? Das hängt davon ab, wie entschlossen wir uns auch dann zur Demokratie bekennen, wenn die globale Großwetterlage schlechter wird. Sicher ist jedoch, dass die liberale Demokratie einen Revitalisierungsschub benötigt, dass die große demokratische Erzählung wiederbelebt werden muss, um in der Konkurrenz mit den anderen Narrativen bestehen zu können, und dass sich die Demokratie an die Herausforderungen anpassen muss, die mit der Globalisierung und der Digitalisierung verbunden sind.
Wir reden nicht mehr genug über Demokratie. 1946, als die Hitler-Diktatur gerade überwunden war, tauchte das Wort »Demokratie« in den Zeitungen fünfmal häufiger auf als heute. Auch im Jahr 1967, als die Studentenbewegung mehr Partizipation forderte, war in den Zeitungen mehr als dreieinhalbmal so oft wie heute von Demokratie die Rede, und zur Zeit der deutschen Wiedervereinigung immer noch zweieinhalbmal so oft. Seitdem dümpelt das Interesse an der Demokratie auf niedrigem Niveau, mit einem ganz minimalen Erholungstrend seit 2015 (Quelle: DWDS 2022).
Wenn wir nicht mehr so viel über Demokratie reden, dann ist das ein erster Indikator dafür, dass sie uns nicht mehr so wichtig ist. Wenn uns die Demokratie nicht mehr so wichtig ist und wir nicht mehr so viel darüber reden, geht uns aber auch das Verständnis von Demokratie verloren. Uns ist nicht mehr bewusst, was alles zur Demokratie gehört, was sie ausmacht und was nicht, und das macht uns anfällig für unberechtigte Kritik an ihr, für falsche Rezepte, für Scharlatane und letztlich auch für die Vorschläge derjenigen, die – wie in Orwells 1984 – das Wort »Demokratie« missbrauchen, um die Demokratie zu schwächen oder ganz abzubauen. Wenn wir nicht mehr wissen, was Demokratie wirklich ist, dann machen wir es auch ihren Feinden leicht, sie zu demontieren. Und wir werden selbst Opfer von Missverständnissen.
Als am 2. Februar 2010 die Baustelle für den neuen Bahnhof Stuttgart 21 eröffnet wurde, lautete der Vorwurf der Projektgegner: »Ihr baut nicht einen Prellbock ab, sondern die Demokratie.« Dabei hätte das Verfahren demokratischer nicht sein können. Der demokratisch gewählte Landtag hatte den Beschluss mit einer satten Mehrheit von 115 zu 15 Stimmen gefasst. Der Bund, ein weiteres Bundesland, der Regionalverband und die Stadt Stuttgart hatten zugestimmt. Es wurde sogar eine Volksabstimmung durchgeführt, die das Projekt mit einer klaren Mehrheit von 58,9 % befürwortete. Mehr demokratische Legitimation kann ein Projekt nun wirklich nicht erhalten. Und dann der Vorwurf »Ihr baut die Demokratie ab«? Ein altes Missverständnis (das sich schon bei Platon findet): Demokratie kann nicht heißen, dass jede:r Einzelne bzw. jede kleine Gruppe ihren Willen bekommt.
Dieses Missverständnis findet sich nicht nur, wenn es um lokale Egoismen geht. So spricht der intellektuelle Kopf der Querdenkerszene Ulrike Guérot (2022: 138 f.) von einer »Verformung der Demokratie« (Guérot 2022: 49) und gar von »phänotypisch für Diktaturen« (Guérot 2022: 37), weil der demokratisch gewählte Deutsche Bundestag und sämtliche demokratisch gewählten Länderparlamente Pandemie-Schutzmaßnahmen beschlossen haben, die auch vom demokratisch legitimierten Bundesverfassungsgericht bestätigt wurden, die jedoch ihr und einer Minderheit von, je nach Studie, 20 bis 25 % der Bundesbürger nicht gefallen.
Vollkommen pervertiert wird der Demokratiebegriff durch die AfD, wenn ausgerechnet sie in ihrem Wahlprogramm 2021 eine Erneuerung der Demokratie fordert, »um dem autoritären und teilweise totalitären Gebaren der Regierungspolitiker Einhalt zu gebieten«. Daraus (und nicht nur daraus) spricht vollkommene Ablehnung der demokratischen Verfahren, die im Grundgesetz festgeschrieben sind. So hat das Verwaltungsgericht Köln (13 K 326/21) »ausreichende tatsächliche Anhaltspunkte für verfassungsfeindliche Bestrebungen« im Zusammenhang mit der Partei erkannt. Der Thüringer Landesvorsitzende Björn Höcke hat in mündlichen wie schriftlichen Äußerungen keinen Zweifel gelassen, dass er das verfassungsmäßige demokratische System überwinden und eine »geschichtliche Figur« an die Macht bringen will, »welche einst die Wunden im Volk wieder heilt, die Zerrissenheit überwindet und die Dinge in Ordnung bringt« (Höcke 2018: 161). Das ist eine Anspielung auf Adolf Hitler, der sich nach dem Kyffhäuser- Mythos genau als eine solche geschichtliche Figur gesehen hat.
Antidemokraten, die die Demokratie beschwören, kann man nur dann auf den Leim gehen, wenn man selbst nicht über ein ausreichendes Verständnis für die Demokratie verfügt. Auch deshalb ist dieses Buch so wichtig, denn es will aufzeigen, aus welchen Elementen eine komplexe Demokratie besteht, die wirklich funktionsfähig ist. Es sei vorweggenommen, dass Demokratie mehr ist, als gelegentlich eine Stimme in die Wahlurne zu werfen. Und zwar sehr viel mehr.
»Wir beschwören euch bei den Göttern,gebt den Städten keine Tyrannen!«
Herodot von Halikarnassos um 424 v. Chr.
Es war vor rund 2700 Jahren, als der griechische Dichter Hesiod eines der überzeugendsten Argumente für die Demokratie vorbrachte: Wenn ein Herrscher über die Macht verfügt, einen ganzen Staat zugrunde zu richten, dann ist es die logische Folge, dass die Bürger selbst die Geschicke des Staats in die Hand nehmen, um für Gerechtigkeit, Wohlfahrt und Frieden zu sorgen (Hesiod: Werke und Tage 29, 240 ff., vgl. auch Kõiv 2002: 145 f.). Dieses Argument hat bis heute nichts von seiner Kraft verloren. Autokraten neigen dazu, den Staat, an dessen Spitze sie sich setzen, zu ruinieren. Wir werden sehen, dass das nahezu zwangsläufig ist, denn es sind dieselben Eigenschaften, die jemanden befähigen, sich zum Autokraten emporzuschwingen, die auch die Katastrophe herbeiführen.
Demokratie heißt nicht, dass alle Entscheidungen, die getroffen werden, gut und richtig sind. Demokratie muss nicht heißen, dass politische Beschlüsse stets das Gemeinwohl hervorbringen. Demokratie muss noch nicht einmal bedeuten, dass sich stets der Wille der Mehrheit durchsetzt – wir werden noch sehen, dass es gute Gründe gibt, das Mehrheitsprinzip zu begrenzen. Aber Demokratie heißt, dass es nicht möglich ist, dass ein einzelner Mensch oder eine kleine Clique ein ganzes Land in den Ruin treiben.
Der Mensch ist »seiner Natur nach ein gemeinschaftsbildendes Lebewesen« (ζῷον πολιτικόν – zoon politikon), hatte bereits Aristoteles erkannt. Menschen leben immer in mehr oder minder großen Gemeinschaften – Familien, Sippen, Dorfgemeinschaften, Städten, Staaten –, und wenn das so ist, dann müssen die gemeinschaftlichen Angelegenheiten irgendwie geregelt werden. Handlungen, die auf die Regelung der Angelegenheiten eines Gemeinwesens abzielen, bezeichnen wir als »Politik«. Zum politischen Handeln gehören die Durchsetzung von Interessen, die Festlegung von Regeln zur Lösung oder Vermeidung von Konflikten, die Entscheidungsfindung und die Umsetzung von Beschlüssen. Den Grad, zu dem man in der Lage ist, seine Interessen durchzusetzen und eine für das Kollektiv wirksame Entscheidung zu beeinflussen, bezeichnen wir als Macht. Politik ist untrennbar mit der Ausübung von Macht verbunden.
Grundsätzlich gibt es verschiedene Arten der Willensbildung innerhalb menschlicher Gemeinschaften, sei es im Staat, in einem Verein oder in der Familie. Die politische Philosophie der Antike unterschied im Wesentlichen drei Formen, wie über Angelegenheiten der Gemeinschaft entschieden wird:
Häufig kommen Mischformen vor: Etwa, dass ein Alleinherrscher demokratisch gewählt wird, dann aber allein regiert. Oder, dass ein Alleinherrscher bei wichtigen Entscheidungen die Zustimmung eines oligarchischen Rats einholen muss. Oder, dass das Volk demokratisch eine Gruppe von Entscheidern wählt, wie es in unseren modernen parlamentarischen Regierungssystemen der Fall ist, die ein antiker Staatsphilosoph als Mischform aus Demokratie und Aristokratie bezeichnet hätte (weil sich das Volk ja die Besten als Repräsentanten wählt). Wenn alle an der Willensbildung beteiligt sind, kann die Art der Entscheidungsfindung durchaus variieren – relative, einfache, absolute, qualifizierte Mehrheit, Akklamation, Konsens, Einstimmigkeit. Auch hinsichtlich der Intensität der Herrschaft kommen unterschiedliche Grade vor, und zwar unabhängig davon, wie viele an der Entscheidungsfindung beteiligt sind:
Für die Zwischenstufe von Herrschern, die zwar durchaus demokratisch gewählt sein können, aber dennoch so viel Macht haben, dass sie autoritär und ziemlich unumschränkt regieren können, hat die englischsprachige Politikwissenschaft den Begriff strongman eingeführt (Lai/Slater 2006). Immerhin sind auch schon deutsche Bundeskanzler (Konrad Adenauer, Helmut Kohl) auf internationalen Listen von strongmen gelandet, ebenso wie einigen Frauen (Indira Gandhi, Margaret Thatcher) die zweifelhafte Ehre zugesprochen wurde, den vollkommen ungegenderten Titel strongman zu erhalten (Wikipedia 2022a, b). Die langjährig starke Position der Bundeskanzlerin Angela Merkel, die sich gelegentlich mit einsamen Entscheidungen über die Mehrheitsmeinung in ihrer eigenen Partei und die Regierungskoalition im Bundestag hinwegsetzte (»alternativlos«), hat dann schließlich dazu geführt, dass auch die Bezeichnung strongwoman geprägt wurde (Greenstein/Tensley 2016).
Alle denkbaren Spielarten und Mischformen der politischen Organisation finden wir nicht nur auf der Ebene von Staaten, sondern auch in der Mikropolitik kleiner Gemeinschaften, seien sie formell organisiert (wie eingetragene Vereine, Betriebe oder Bildungseinrichtungen) oder handele es sich um informelle soziale Gruppen (wie Partnerschaften, Familien, Freundeskreise, Arbeitsgruppen oder Reisegruppen). Überall lassen sich demokratische Elemente finden (Abstimmungen, Wahlen), oligarchische (wenn ein kleiner Zirkel die Macht ausübt) und autokratische (wenn eine charismatische Führungspersönlichkeit den Ton angibt). Und mancher Vorsitzende eines Kaninchenzüchtervereins herrscht wie ein Despot über seinen kleinen Club. Wenn es schon in kleinen Gruppen und erst recht in größeren Gemeinschafen unterschiedliche Formen der Willensbildung gibt, stellt sich die Frage: Was ist denn die ursprüngliche oder »natürliche« Form der Entscheidungsfindung in menschlichen Gemeinschaften?
Von Antidemokraten hört man oft, der »starke Führer« sei die »natürliche« Form der politischen Organisation, und die Demokratie sei eine »dekadente Verfallserscheinung«. Deutsche Antidemokraten verweisen dabei gern auf die Germanen, die sich ihre Autonomie gegenüber den Römern durch mächtige Führungspersönlichkeiten – wie Arminius, den Cherusker – bewahrt hätten. Wie sich Urgemeinschaften organisieren, wissen wir einerseits aus historischen Quellen und andererseits aus kulturanthropologischen Studien, die archaische Gemeinschaften beobachtet haben. Und beide Untersuchungsansätze haben erstaunlich übereinstimmende Befunde geliefert, wie es bereits im Jahr 1877 dem Anthropologen Lewis Henry Morgan aufgefallen war, der die politische Organisation der Irokesen mit derjenigen von elf anderen indigenen amerikanischen Stämmen, den Azteken, den antiken Griechen, den antiken Römern, den schottischen und irischen Clans, den germanischen, südasiatischen, uralischen, chinesischen, hebräischen, afrikanischen, ozeanischen und australischen Stämmen verglichen hatte.
Aus seinem Vergleich leitete Morgan ab, dass sich die politische Organisation in drei Stufen entwickelt: Erstens die Regierung durch einen Rat, die er als Frühform der repräsentativen Demokratie bezeichnet. Zweitens eine Kombination von einem Rat und einem Führer, der in aller Regel demokratisch gewählt wird und der bei Erfolglosigkeit abgesetzt werden kann. Und drittens eine Kombination aus Rat, Volksversammlung und einer Regierung. Seine Schlussfolgerung: »Nicht perfekt entwickelt, wie es auch andere große Prinzipien in dieser frühen Entwicklungsstufe waren, kann sich die Demokratie eines uralten Stammbaums in den Stämmen der Menschheit rühmen.« (Morgan 1877: IV,VI). Karl Marx und Friedrich Engels haben Morgans Forschungen zum Anlass genommen, die Meinung zu vertreten, am Anfang der Entwicklung der Menschheit habe der »Urkommunismus« gestanden. In ursprünglichen Gemeinschaften habe es kein Privateigentum gegeben, keinen Unterschied zwischen Rechten und Pflichten, keine Herrschaft und keine Knechtung (Engels 1884).
Morgan, der als überzeugter Demokrat selbst dem Senat seines Heimatstaats New York angehörte, war allerdings etwas zu optimistisch. Die neuere ethnosoziologische Erforschung indigener Volksgruppen, die noch im 20. Jahrhundert in archaischen Organisationsformen lebten, hat eine deutlich größere Variationsbreite der politischen Selbstorganisation aufgezeigt (Service 1975). Typisch für archaische Gemeinschaften sind Mischformen politischer Entscheidungssysteme, die patriarchalische Machtpyramiden innerhalb einzelner Familien beinhalten (Familienoberhäupter), demokratische Elemente (Ratsversammlungen), oligarchische Strukturen (gerontokratische Ältestenräte) und autokratische Herrschaft (sogenannte big men oder chiefs).
Die Art der politischen Organisation wechselt auch im Zeitverlauf – wobei die Entscheidungsfindung interessanterweise in Krisen- und Kriegssituationen demokratischer wird, weil dann die Zustimmung aller Beteiligten notwendig wird, die schließlich Krieger und Material zu stellen haben. Der »Kriegsrat« symbolisiert das Bedürfnis nach Demokratie in kritischen Zeiten. Auch im antiken Griechenland oszillierte die Regierungsform häufig zwischen Demokratie, Aristokratie und Monarchie, die nicht selten in die Despotie abkippte, bis ein Tyrannenmord oder ein friedlicher Reformprozess die Demokratie wiederherstellte.
Die alten Germanen bildeten keine Ausnahme. Wie politische Prozesse bei den germanischen Stämmen abliefen, hat uns der römische Senator und Historiker Tacitus um 100 n. Chr. in seiner Schrift Germania ziemlich präzise überliefert. Dort lesen wir, dass die Germanen ihre Könige demokratisch wählten und dass diese über keine absolute Befehlsgewalt verfügten. Die zweite Führungsebene wurde nach Leistung besetzt. Richter wurden ebenfalls vom Volk gewählt. Über die Entscheidungsfindung schreibt Tacitus: »Über die Dinge von geringerer Wichtigkeit beratschlagen die Oberhäupter; über Wichtigeres alle, doch so, dass auch diejenigen Dinge, deren Entscheidung beim Volk liegt, von den Oberhäuptern durchdacht werden.« (Tacitus, Germania: 11)
Die Ratsversammlungen der Germanen waren offensichtlich demokratisch organisiert – Könige und Fürsten gaben lediglich Ratschläge, während das Volk durch Missfallens- oder Beifallsbekundungen entschied. Die wirklich wichtigen Fragen des Lebens – Krieg und Frieden, das Herstellen familiärer Bindungen, die Anerkennung von Oberhäuptern – wurden jeweils auf zwei aufeinanderfolgenden Ratsversammlungen beraten und entschieden: Zunächst wurde während eines Gelages in betrunkenem Zustand, wenn man kühne Gedanken wagte, beraten; während die Entscheidung erst am nächsten Tag, wenn man wieder nüchtern war, gefällt wurde: »Sie beraten, während sie nicht imstande sind, sich zu verstellen, und sie beschließen, während sie nicht irren können.« (Tacitus, Germania: 22)
Die Germanen waren also demokratisch organisiert und wählten ihre Regierenden. War Arminius, der erfolgreich ein Bündnis einiger germanischer Stämme gegen den römischen General Varus schmiedete, wirklich der strahlende Führer, dem man knapp 2000 Jahre später ein monumentales Denkmal am Teutoburger Wald widmete? – Tacitus war durchaus bereit, ihn als Befreier Germaniens zu würdigen. Aber die germanischen Stämme selbst wollten alles andere als einen übermächtigen Autokraten. Bald wandten sich mehrere seiner ehemaligen Verbündeten gegen Arminius, darunter sein eigener Onkel. Der Anführer der Chatten schrieb sogar einen Brief an den römischen Senat, mit dem er anbot, Arminius durch Gift zu töten. Am Ende waren es die eigenen Verwandten, die Arminius im Alter von 37 Jahren ermordeten (Tacitus, Annalen: II,88). Dass Arminius, der als römischer Ritter die Stärken und Schwächen des römischen Militärs besser kannte als jeder andere Germane, die Unabhängigkeit Germaniens gegenüber dem scheinbar übermächtigen Rom zu garantieren wusste, war den germanischen Stämmen weniger wichtig als die Bewahrung ihrer Demokratie, für die sie sogar mit dem Feind zu kollaborieren bereit waren, um zu verhindern, dass sich Arminius zum König aufschwingen konnte.
Dass es dennoch verführerisch sein kann, einen starken Führer zu haben, hat niemand anders als der große Gegenspieler von Marx und Engels, Max Weber, aufgezeigt. Demnach kann sich in kleineren oder größeren Gemeinschaften eine »charismatische Herrschaft« entwickeln, wenn man glaubt, dass eine bestimmte Person über »Charisma« verfügt, also über besondere, nicht jedem zugängliche geistige oder körperliche Eigenschaften, wodurch diese Person in besonderem Maße zur Führung dieser Gemeinschaft geeignet sei, sodass sich die Menschen freiwillig dieser Führungspersönlichkeit unterwerfen (Weber 1922: 2,9,5,§1). Nach Max Webers Theorie des Charismas überträgt die Bevölkerung den Menschen, denen sie besondere Fähigkeiten zubilligt, freiwillig die Macht, zumindest so lange, wie der Autokrat oder die Autokratin für das Wohlergehen der Gemeinschaft sorgt.
Es gibt aber auch eine Machtdynamik, die die Stabilität von autokratischen Herrschaftssystemen unabhängig von ihren Erfolgen sichert, nämlich die mehrstufige Machthierarchie: Der/die Autokrat:in verlässt sich auf einen kleinen Kreis von Getreuen, die belohnt werden, wenn sie loyal sind, und die grausamst bestraft werden, wenn sie es an Loyalität mangeln lassen. Konkurrenten erwachsen ihm/ihr aus der ersten Reihe der Gefolgsleute nicht, denn der/die Autokrat:in hält, wie der Soziologe Norbert Elias am Beispiel des »Königsmechanismus« aufgezeigt hat, den der französische »Sonnenkönig« Ludwig XIV. praktiziert hat, die Höflinge durch fein austarierte Vergaben und Entzüge von Ressourcen in einer Figuration gegenseitiger Konkurrenz, die dafür sorgt, dass niemand aus dieser Gruppe zu stark werden kann (Elias 1969: 2,236). Das System von Begünstigung und Bestrafung setzt sich über alle Stufen der Machthierarchie fort, bis hinunter zum kleinsten Schergen, zum untersten Blockwart, zum kleinsten informellen Mitarbeiter, zum privaten Denunzianten oder wie die Helferlein der Autokrat:innen auch immer genannt werden mögen.
Es ist gar nicht so schwer, solche Machthierarchien aufzubauen. In überschaubaren sozialen Gruppen ergeben sie sich sogar naturwüchsig. Aufgrund soziometrischer Untersuchungen hat der Psychiater Raoul Schindler (1957) analysiert, dass die Dynamik sozialer Gruppen dazu führt, dass sich typischerweise hierarchische Rangpositionen herausbilden: Ein Anführer (»Alpha«), ein Kreis von Beratern/Unterstützern (»Beta«), die sich ihrer Nähe zum Anführer rühmen, die Masse der Mitläufer, die den Anführer ebenfalls unterstützen (»Gamma«), und geächtete Außenseiter (»Omega«). Alpha trägt klar autokratische Züge: »Argumentieren ist nicht Alpha-Art. Er agiert.« Mehr noch: Alpha »wendet […] sich mit seinem Agieren gegen die Masse der Gamma- Individuen«, aber die Mitläufer sind loyal, begeistern sich sogar für ihn und wenden ihre negativen Affekte gegen Omega, der als Sündenbock dient.
Gruppendynamische Hierarchisierungsprozesse entwickeln sich spontan in sozialen Gruppen aller Art – in Freundeskreisen, in Arbeitsgruppen, in Nachbarschaften, in Vereinen etc. Sie zu akzeptieren, ist sogar für die meisten Gruppenmitglieder rational, wenn wir davon ausgehen, dass soziale Durchsetzungsfähigkeit unterschiedlich verteilt ist. Für den oder die Durchsetzungsfähigste ist die Hierarchisierung ohnehin extrem vorteilhaft. Alpha erhält Anerkennung und Unterstützung, hat den ersten Zugriff auf Ressourcen, kann Sonderrechte beanspruchen und alle nach seiner oder ihrer Pfeife tanzen lassen. Wenn die etwas weniger Durchsetzungsfähigen akzeptieren, dass sie nicht Alpha werden können, richten sie es sich auf der Beta-Position gut ein. Sie stehen in der Gunst von Alpha und genießen besondere Privilegien innerhalb der Gruppe. Allerdings müssen sie permanent untereinander um die Gunst von Alpha konkurrieren, was dazu führt, dass sie sich gegenseitig schwächen, sodass Alpha keine Konkurrenz erwachsen kann. Wenn ein bestimmtes Beta zu stark zu werden droht, entzieht ihm Alpha die Gunst und stärkt dessen Konkurrenten – der Elias’sche »Königsmechanismus«. Die Gammas sind die Masse der wenig Ambitionierten, die zufrieden sind, dass es eine charismatische Führungspersönlichkeit gibt und eine Clique von Betas, die die Arbeit machen. Es sind lediglich die Omegas, die Nörgler und Außenseiter, mitunter auch die unterlegenen Gegner Alphas, die ihn oder sie kritisch sehen, es aber meist nicht schaffen, eine Revolution gegen Alpha anzuzetteln. Die durch Emotionen (wie Bewunderung) verstärkte Rationalität von Machthierarchien ist auch dafür verantwortlich, dass sich Autokraten häufig lange im Sattel halten können.
Das Gesicht der Willensbildung in informellen sozialen Gemeinschaften ist durchaus janusköpfig. Einerseits streben die Menschen nach Partizipation bei wichtigen Entscheidungen. Das ist das Urbedürfnis des Menschen nach Demokratie. Andererseits kommt es immer wieder vor, dass sich Anführer durchsetzen, die von Mitläufern unterstützt werden und die Konkurrenten oder Abweichler ins Abseits drängen. Diese Anführer neigen auch gern dazu, Macht und Ressourcen zu akkumulieren und auch mitunter für ihre egoistischen Zwecke zu missbrauchen. Die Demokratie ist zwar ein Urbedürfnis der Menschheit, aber sie ist auch ein fragiles Konstrukt, das gepflegt werden will. Demokratische Entscheidungsprozesse werden immer wieder gekapert, bis die Menschen die Konzentration von Macht auf einen big man satthaben und die Demokratie durch Revolution wiederherstellen – ein ewiger Zirkel, der sich in kleinen, informellen Gemeinschaften genauso zeigt wie auf der Ebene von Staaten. Die Geschichte scheint zu zeigen, dass die Menschheit dazu verurteilt ist, zwischen Demokratie und Autokratie hin- und her zu pendeln.
Die historischen Wurzeln der Demokratie lagen in dem, was wir heute die »dritte Staatsgewalt« nennen, nämlich in der Rechtsprechung. In archaischen Gesellschaften, in denen Großfamilien ihre Angelegenheiten weitgehend selbst regelten, beschränkte sich die Exekutive meist auf die Funktion der militärischen Führung im Kriegsfall. Eine Legislative war ebenfalls in der Regel nur zum Zweck eines Kriegsrats erforderlich, da Rechtsnormen über lange Zeit tradiert und kaum verändert wurden. Aber die Schlichtung von Streitigkeiten war ein Alltagsgeschäft. Es gab Auseinandersetzungen über Heirat und Scheidung, über Erbfälle, über Besitz und Eigentum, über Landnutzung, über Viehhaltung, über Handelsangelegenheiten, über Betrug, Körperverletzung, Vergewaltigung, Totschlag und Mord. Man benötigte also eine Rechtsprechung, um diese Konflikte zu regeln. Wie die Rechtsprechung als Keimzelle der Staatlichkeit organisiert wurde, ist uns durch eine Reihe von literarischen Quellen überliefert worden, die sämtlich Ereignisse beschreiben, die sich in der Zeit zwischen ca. 1500 und 500 v. Chr. abgespielt hatten, nämlich durch die hebräische Bibel, die über die politische Organisation der Israeliten berichtet, die Historien des griechischen Schriftstellers Herodot, die Machtdynamiken in Persien und Griechenland schildern, und die frühe Literatur der Griechen, insbesondere die Schriften des Hesiod und des Homer.
In der Bronzezeit hatten sich in der Levante, dort, wo 20 000 Jahre zuvor die Sesshaftwerdung der Menschheit begonnen hatte, in den Bergregionen einige Stämme angesiedelt, die uns Geschichten hinterlassen haben, die vom Leben in kleinen Städten erzählen, die anfangs kaum mehr darstellten als aus Stein erbaute Beduinenlager, die von Wehrmauern umringt waren. Wir verfügen mit der hebräischen Bibel bzw. dem Alten Testament über ein historisches Dokument, das über eine sehr frühe Phase der Staatsbildung Auskunft gibt (auch wenn sich in den Texten häufig verschiedene Zeitschichten mischen).
Im Buch der Richter wird beschrieben, wie in diesen Städten die Funktion der Rechtsprechung durch Richter erfolgte, die in Kriegszeiten auch die Rolle der Oberkommandierenden übernahmen. Bemerkenswert ist, dass es mit Deborah auch eine Frau gab, die zugleich Richterin, Prophetin, Staatsoberhaupt und Heerführerin war (Ri 4 f.). Wie die Rechtsprechung erfolgte, wird an mehreren biblischen Stellen beschrieben. Bei der ausführlichsten Darstellung (Rut 4,1–11) wird der Fall vor »zehn Männer von den Ältesten der Stadt« gebracht, die sich im Stadttor auf den dafür vorgesehenen Sitzbänken niederlassen. Als der Fall gelöst ist, heißt es: »Und alles Volk, das im Tor war, samt den Ältesten, sprachen: Wir sind Zeugen.« Die Entscheidungsfindung erfolgte also, ganz im Sinne der dritten Stufe des Phasenmodells von Lewis Morgan, in der Kombination dreier Elemente: Erstens des Richters oder der Richterin, zweitens des Ältestenrats, und drittens des gesamten Volkes, das die Korrektheit des Verfahrens per Akklamation bestätigte. Indem das Volk die eigentliche Entscheidungsfindung an einen Rat der erfahrensten Repräsentanten der Sippen delegierte, handelte es sich hier um eine Frühform der repräsentativen Demokratie – ähnlich wie es Morgan bei den Indigenen auf dem amerikanischen Kontinent vorgefunden hatte. Warum erfolgte die Rechtsprechung im Stadttor? – Weil das typischerweise aus einem Innenhof und mehreren Kammern bestehende Stadttor damals das größte öffentliche Bauwerk war.
Die literarischen Schilderungen werden durch die archäologischen Funde bestätigt. In der Stadt Tel Dan sind heute noch bedeutende Reste eines zwischen 845 und 760 v. Chr. erbauten Stadttors zu sehen, dessen Innenhof nicht nur den Thron des Richters, sondern auch die steinernen Sitzbänke für den Ältestenrat enthält – ganz so, wie es die biblischen Texte beschreiben.
Diese demokratische Form der Rechtsprechung durch einen Richter oder eine Richterin mit Unterstützung eines Ältestenrats und Akklamation der Entscheidungen durch das gesamte Volk erstreckte sich, mit örtlichen Variationen, über einige Jahrhunderte. Familienrechtliche Angelegenheiten wurden durch Richter und Ältestenräte entschieden, während für die bedeutend wichtigere Blutgerichtsbarkeit die gesamte Volksversammlung zuständig war (Otto 2018: 176).
Allerdings künden die Schriften auch immer wieder von der Tendenz zur Selbstabschaffung der Demokratie. So trug das Volk dem als Feldherr sehr erfolgreichen Richter Gideon die erbliche Königswürde an, was dieser allerdings ablehnte (Ri 8,22 f.). Sein Sohn Abimelech schwang sich mit Billigung des Volks dann aber tatsächlich zum König auf, indem er 70 Rivalen umbringen ließ (Ri 9). Anschließend klagt der einzige Überlebende, Jotam, die Autokratie mit einem Gleichnis an: Als sich die Bäume einen König wählen wollten, lehnten alle nützlichen Bäume – Ölbaum, Feigenbaum, Weinrebe – die Alleinherrschaft ab, die dann aber von dem unnützesten, destruktivsten und aggressivsten aller Bäume, dem Dornbusch, ergriffen wurde, der seinem Volk gleich in despotischer Manier die Zerstörung androhte (Ri 9,1–15). Nach Abimelechs Tod setzte sich wieder die demokratische Tradition durch, nach der die Richter mit beschränkter Machtfülle vom Ältestenrat gewählt wurden, bis das Erste Buch Samuel (8 ff.) von der endgültigen Selbstabschaffung der Demokratie kündet. Weil es Richter hatte, die korrupt waren, wollte das Volk die Richter durch einen König ersetzen – trotz der Warnung, dass ein König die Bevölkerung ausbeuten und zu Sklaven machen würde. Immerhin wurden die Rechte des Königs durch eine schriftliche Verfassung spezifiziert, und die Ältestenräte verfügten noch über die Macht, den König zu wählen und im Fall von Erfolglosigkeit abzusetzen. Allerdings sollte sich Samuels Prophezeiung bewahrheiten, als gleich der zweite König Israels, der politisch und militärisch außerordentlich erfolgreiche David, die ihm verliehene Macht missbrauchte, um die Frau eines seiner Offiziere zu vergewaltigen und ihren Ehemann töten zu lassen (2 Sam 11). Macht verleitet zum Machtmissbrauch.
Dementsprechend kennt die hebräische Bibel kaum einen König, der gerecht zu herrschen versteht. In den chronistischen Texten des Alten Testaments werden die einzelnen Könige gleichsam benotet. In 24 Fällen wird ein negatives Urteil verhängt, einige wenige erhalten ein »mit Einschränkung gut«, und lediglich Hiskia und Josia erhalten eine volle Anerkennung (Gerstenberger 2010: Kap. 2.1). Selbst Königen, die, wie David, als stark und erfolgreich dargestellt werden, wird Machtmissbrauch vorgeworfen. Und der scheinbar so anerkannte König David muss sich von einem Untertanen, der die Unterstützung des Volks genießt, sogar in entwürdigender Weise beschimpfen und mit Dreck und Steinen bewerfen lassen (2 Sam 16,5–13) – was die Stellung alttestamentlicher Könige arg relativiert, denen es immer wieder passierte, dass sie nicht vom gesamten Volk anerkannt wurden (1 Sam 10,27).
Es sind insbesondere Propheten wie Amos und Jeremia, die sich in die Rolle von Volkstribunen und Verfassungshütern begeben und Verletzungen des göttlichen Gesetzes anprangern. Zahlreiche Bibelstellen belegen, dass Ältestenräte über wichtige Entscheidungskompetenzen verfügten, die sie auch dann bewahren konnten, wenn bereits Monarchien entstanden waren (Ex 19,7; 24,14; 1 Kön 12,3–14; 21,8; Rut 4,1 f.; Hes 8,1; 14,1; 20,1).
»Fundamentale Kritik am Königtum hat, sozialgeschichtlich gesehen, ihren Ort also in den Sippen- und Stammesstrukturen der heterogenen, regional verfassten altisraelitischen Gesellschaft. […] Könige sind aus dieser Sicht Schmarotzer, Hochstapler und Mörder. Das Idealbild royaler Ordnung, Gerechtigkeit und Beschützung, das anderswo im Alten Testament legitimierend gepflegt wird, bleibt völlig außen vor, weil die Überlieferer dieser Tradition dem Prinzip der Ältestendebatte verpflichtet sind.« (Gerstenberger 2010: Kap. 3.2.2)
Der verfassungsgebende Akt, mit dem sich das Volk Israel sein Grundgesetz gegeben hat, ist im Buch Exodus detailliert beschrieben worden: In modernen Kategorien gesprochen, hat sich der Revolutionsführer Moses, der das Volk Israel von der Fremdherrschaft in die Freiheit geführt hat, als Verfassungsvater betätigt, indem er dem Volk das Bundesbuch übergibt, wobei dieses als von Gott verfasst beschrieben wird. Der verfassungsgebende Akt erfolgte am Berg Sinai mit der Annahme der Gesetze durch das Volk, und mithilfe eines mehrstufigen demokratischen Ratifizierungsverfahrens: Erst stimmte der Ältestenrat dem verfassungsgebenden Verfahren einstimmig zu, anschließend das gesamte Volk; dann stimmte das gesamte Volk einstimmig dem mündlich vorgetragenen Gesetz zu und abschließend noch einmal der Verlesung des inzwischen schriftlich niedergelegten Gesetzestextes (Ex 19,7 f.; 24,3; 24,7). In den assyrischen und ägyptischen Großreichen jener Zeit wurden deren Herrscher durch die jeweilige Gottheit legitimiert und dadurch befähigt, Recht über die Untertanen zu sprechen. Die Identität Israels wurde durch den auf ein göttliches Gesetz gegründeten »ethischen Gestaltungswillen des ganzen Volkes«, also demokratisch, definiert (Otto 2000: 69).
Die politische Organisation der alten Israeliten verknüpfte Elemente der Direkten Demokratie, der repräsentativen Demokratie, gerontokratische und oligarchische Strukturen sowie monarchische Elemente, die die Demokratie immer stärker bedrohten und an Oberhand gewannen, womit das Volk, das seine demokratischen Rechte teilweise freiwillig aus der Hand gegeben hatte, nicht wirklich glücklich geworden ist.
Der Prozess des Übergangs von Richtern zu Königen und von Königen zu tyrannischen Herrschern vollzog sich nicht nur in Israel. Im Jahr 736 v. Chr. waren die persischen Meder endlich frei von assyrischer Herrschaft und lebten, wie der griechische Historiker Herodot berichtet, in einzelnen Dörfern, offensichtlich in einer informellen, archaischen Gesellschaftsformation, die über keine Gesetze und keine Herrschaft verfügte (Herodot: Historien I,96 ff.). Die Konfliktregelung erfolgte, wie im Alten Israel, in jedem Dorf ad hoc durch Richter, die demokratisch gewählt wurden.
In einem dieser Dörfer wurde ein Mann namens Deiokes (assyrisch: Daiukku) zum Richter gewählt, und er zeichnete sich dadurch aus, dass er über die seltene Fähigkeit verfügte, klug und gerecht zu urteilen, also Charisma im Sinne Max Webers hatte. Seine Urteilssprüche verschafften ihm Anerkennung nicht nur in seinem Heimatdorf, sondern auch in den umliegenden Dörfern, deren Bewohner zu ihm kamen, um ihre Streitigkeiten schlichten zu lassen. Deiokes genügte das Richteramt jedoch nicht, und er mobilisierte seine Freunde, um das Volk in ganz Medien davon zu überzeugen, ihn zum König zu wählen, und zwar einstimmig (Historien I,98). Somit kam es auch hier zu einer Selbstabschaffung der Demokratie.
Der frisch gewählte König bestand jedoch darauf, dass ihm ein Palast gebaut würde und dass er eine Leibwache erhielt. Indem das Volk ihm beides gewährte, wurde der point of no return erreicht. Denn der befestigte Palast schützte den König vor etwaigen Aufständen, und die Leibwache ermöglichte ihm, Aufstände niederzuschlagen. Rasch entwickelte sich der ehemals so beliebte Richter zum Despoten; Herodot bezeichnete ihn als »Tyrannen«. Der König distanzierte sich von seinen Altersgenossen, die ihm einst zur Macht verholfen hatten und ihm den Thron hätten streitig machen können, und machte das Volk glauben, dass er in einen Gott verwandelt worden wäre, d. h. er baute sein Charisma noch weiter aus. Zur weiteren Sicherung seiner Macht baute er auch ein System von Spitzeln auf, die ihn mit Informationen versorgten (Historien I,100). Damit war es einem allgemein beliebten und geschätzten Richter gelungen, eine Erbmonarchie aufzubauen, die die Skythen, Perser und Assyrer unterjochen und ein riesiges Reich aufbauen sollte, das schließlich unter dem nicht ganz zutreffenden Namen »Perser« jahrhundertelang die Griechen bedrohen sollte, bevor es seinerseits von Alexander dem Großen erobert wurde.
Herodot hat in seinem Bericht von Deiokes wohl einen Prozess, der sich über eine Folge mehrerer Könige erstreckte, auf eine einzige Person konzentriert – aber er beschreibt den typischen Prozess, wie in archaischen Gesellschaften aus dem Bedarf nach Konfliktregelung über das Richteramt Erbmonarchien entstanden, die mitunter große Territorien beherrschten, und wie sich demokratisch gewählte Richter und Könige durch Akkumulation von Macht zu Despoten entwickelten.
Griechenland war während der bronzezeitlichen Epoche durch autokratische Palastkulturen beherrscht worden, die um 1200 v. Chr. nahezu zeitgleich zusammenbrachen. Nach diesem »Systemkollaps« (Cline 2018) wichen die zentralistischen Königreiche autonomen Kleinstädten und Dörfern, in denen sich neue Herrscher etablierten, die mitunter zunächst als Richter fungierten, dann aber den Charakter von Kleinkönigen annahmen (Jung 2016: 570 f.). Für diese Fürsten entwickelten sich verschiedene Bezeichnungen, insbesondere jedoch Basileus (βασιλεύς), nach dem mykenischen qa-si-re-u, der eigentlich nur ein Ortsvorsteher bzw. Zunftmeister war. Der wahrscheinlich früheste griechische Schriftsteller, Hesiod, schildert, dass Volksversammlungen, die auf der Agora, dem Marktplatz, stattfanden, der Streitschlichtung dienten und dass Basileis gleichzeitig als Richter und lokale Herrscher agierten (Hesiod: Werke und Tage 28–39), woran sich der ja auch aus dem Vorderen Orient bekannte fließende Übergang vom Richter zum König zeigt (Crielaard 2011).
Von dieser Zeit, die in der Geschichtswissenschaft mitunter fälschlich als »Dark Ages« bezeichnet wird (obwohl in dieser Epoche grundlegende Innovationen wie der Übergang von der Bronze zum Eisen, die Gründung zahlreicher Städte und die Entstehung der Demokratie erfolgten) künden die Epen Homers, die Ilias und die Odyssee. Verschriftlicht worden sind die Epen um 650 v. Chr., als in weiten Teilen der griechischen Welt die demokratischen Versammlungen die Herrschaft des Adels abzulösen begannen. Die Epen spielten aber vor der Kulisse einer viel älteren Zeit, der Bronzezeit, wirkten also auf das damalige Publikum wie heute Ritterromane auf uns (ähnlich Grethlein 2010: 399).
Und was erfahren wir über diese Epoche, in der Basileis, also Kleinkönige, bescheidene Landwirtschaft betrieben und sich zugleich als Warlords und Piraten betätigten, indem sie sich gegenseitig überfielen, um materielle Beute zu machen und Gefangene als Sklaven zu verschleppen? – In der Ilias wird eine Gerichtsszene beschrieben (Ilias 23,579–585), in der ein Basileus den Richterspruch abgibt, der aber von der Zustimmung der Volksversammlung abhängig gemacht wird (Thür 2018: 203) – eine verblüffende Parallele zur Praxis im Alten Israel.
Weiterhin wird in der Ilias der Schild des Achilleus ausführlich beschrieben, den der Schmiedegott Hephaistos eigenhändig hergestellt hat und der Abbildungen des Universums, der Sterne und des täglichen Lebens enthält. Da wird eine Szene dargestellt, wie sich auf dem Versammlungsplatz, der Agora, zwei Männer darüber streiten, wie ein Totschlag zu sühnen sei, durch Zahlung einer Kompensation an die Familie des Getöteten oder durch Blutrache (Ilias 18,497–508). Das Volk nimmt lebhaft Anteil an dem Streit, handelt es sich doch um eine »wichtige und potenziell gefährliche« Angelegenheit der örtlichen Gemeinschaft (Seelentag 2019). Die Beifallsbekundungen für die streitenden Parteien sind jedoch nicht eindeutig. Deshalb geben die Ältesten, denen besondere Sitzplätze auf geglätteten Steinen reserviert werden, ihre Schlichtersprüche ab. Für den besten, den »geradesten« Richterspruch ist eine üppige Belohnung ausgesetzt.
Die Szene beschreibt einerseits eine urdemokratische Situation: das Volk entscheidet durch Beifallsbekundungen, also Akklamation. Andererseits wird zugleich, weil sich das Volk nicht einig ist und nicht über die Kompetenz verfügt, einen gerechten Schlichtungsspruch zu fällen, eine erste Evolutionsstufe der Demokratie erkennbar: nämlich die Delegation der Entscheidungsgewalt an ein Gremium von Ältesten, die sich wiederum untereinander im demokratischen Wettbewerb um die beste Leistung befinden. Und es sind erste Institutionalisierungselemente erkennbar: der Versammlungsplatz, die Ordner, die Ehrenplätze für die Ältesten, das Honorar für den Schiedsspruch. Versammlungsorte und komfortable, geglättete Sitzplätze für die Ratsmitglieder haben – wie im israelitischen Tel Dan – an zahlreichen Orten die Jahrtausende überdauert und sind heute noch an griechischen archäologischen Stätten zu sehen.
Ein Staat mochte einen König haben, dem man gern die Feldherrnschaft anvertraute, wenn er seine militärische Kompetenz bei den eigens zu diesem Zweck veranstalteten Wettkämpfen unter Beweis gestellt hatte – aber wenn es um wichtige Rechtsangelegenheiten ging, dann zog das Volk die Oberaufsicht an sich, auch wenn dies das Staatsoberhaupt um erhebliche Einnahmen aus Bestechungsgeldern brachte, die den »Job« des Autokraten doch so attraktiv machen. Später, im demokratischen Athen, wurde die Rolle der Richter weiter zugunsten von Geschworenen aus dem Volk zurückgedrängt, deren Zahl, je nach Streitwert, zwischen 201 und 1501 Vollbürgern lag (Thür 2018: 207).
Wie in Israel und in Persien liegt die Wurzel der Organisation der politischen Willensbildung auch im antiken Griechenland offenbar in der Rechtsprechung und hier wie dort finden wir wieder die Morgan’sche Kombination aus drei Elementen: Der direkt-demokratischen Akklamation, der repräsentativ-demokratischen Delegation der Entscheidungskompetenz an ein Gremium von Ältesten und der Wahl eines Amtsinhabers, in diesem Fall eines Richters.
Die Szene der demokratischen Entscheidungsfindung ist eine subtile Botschaft des Gottes Hephaistos an die Menschen. Bei denen geht es nämlich ganz anders zu, denn die sogenannten »Helden« von Ilias und Odyssee wie Agamemnon, Achilleus, Odysseus, Priamos oder Paris treten als machtgierige, egozentrische Autokraten auf, die eine ganze Menagerie an psychischen Störungen darstellen (mangelnde Impulskontrolle, Alkoholismus, narzisstische Persönlichkeitsstörung, Autismus, Sadismus, Bipolarität, Psychopathie). Dass auch Homer diese psychischen Störungen nicht als »Heldentum« deklariert, sondern als »verderblichen Wahnsinn«, der strategische Fehler bewirkt, macht er frühzeitig klar (Ilias 1,342 f.).
Homer erweist sich nämlich als »Barde der Demokratie« (Feldman 1952: 337). Für Homer stellten die demokratischen Versammlungen ein Konstitutionsmerkmal der Zivilisation überhaupt dar. Nicht nur, dass die detaillierte Beschreibung von zahlreichen Volksversammlungen einschließlich ihrer Redner und der kontroversen Debatten einen beträchtlichen Teil des Textkörpers der Ilias ausmacht; in der Beschreibung der Kyklopen, mit denen Odysseus eines seiner gefährlichsten Abenteuer bestreiten muss, werden die Volksversammlungen dem unzivilisierten Leben entgegengesetzt. Die Kyklopen sind die Erinnerung der Griechen an die neolithischen Menschen. Homer beschreibt sie als wilde, gesetzlose und sozial isoliert lebende Jäger und Sammler, die keinen Ackerbau treiben, nicht in Städten leben und die auch nicht über Schiffe verfügen, mit denen sie in den interkulturellen Austausch mit anderen Völkern treten könnten. Vor allem aber kennen sie keine Demokratie: »Dort ist weder Gesetz, noch öffentliche Versammlung« (Odyssee 9,112). In der Ilias werden zwei Qualifikationen genannt, die ein zum Mann heranreifender Jugendlicher erwerben müsse: kundig der Kriegsführung zu sein sowie »ratschlagender Reden, wodurch sich Männer hervortun« (Ilias 9,441). Dass argumentative Kompetenz mindestens ebenso wichtig ist wie militärische Fähigkeiten, spricht Achilleus aus, als er in einer depressiven Phase beklagt, dass er zwar der Stärkste auf dem Schlachtfeld sei, aber in der Ratsversammlung versagt (Ilias 18,105 f.).
Die homerischen Epen sind insofern eine hervorragende Quelle für die frühe Demokratie, als sie vordergründig in der »mykenischen« Bronzezeit spielen, als die griechischen Staaten noch autokratisch von einem König regiert wurden. Tatsächlich hatten die Mykener um 1400 v. Chr unter einem König (wa-na-ka) namens Akagamunaaš (Agamemnon), Sohn des Attariššiya (Atreus), die trojanische Hauptstadt [W]Ilios (hethitisch Wiluša) erobert, und um 1275 v. Chr. gab es im wiederaufgebauten Wilios einen König Alakšandu (Alexandros war der Zweitname von Paris), der von einem Achaier angegriffen wurde, der verblüffende Ähnlichkeiten mit Homers Held Achilleus aufwies. Als die Ilias um 650 v. Chr. verfasst wurde, wirkte sie auf das zeitgenössische Publikum also wie ein historischer Roman. Die unterschiedlichen Zeitebenen führen in den Epen zu zahlreichen Vermischungen bronzezeitlicher und eisenzeitlicher Elemente (Waffen, Kriegstechnik, Stellenwert von Eisen, territoriale Grenzen).
Eine dieser Vermischungen besteht darin, dass die Staaten einerseits von je einem autokratischen Kleinkönig (βασιλεύς, Basileus) oder Großkönig (ἄναξ, Anax) regiert werden, die Ilias andererseits aber von Dutzenden von demokratischen Ratsversammlungen berichtet, mit denen das zeitgenössische Publikum um 650 v. Chr. bereits wohlvertraut war, für die es aber in mykenischer Zeit noch gar keine Versammlungsstätten gegeben hatte. Aber es ist genau die fiktionale Konfrontation von Autokratie und Demokratie, aus der die homerischen Epen ihre Spannung ziehen. Denn es gefällt Homer, immer wieder die Dummheit der Könige mit der Klugheit des Volkes zu kontrastieren (Kõiv 2002). Immer wieder sind es Bürger (wie Antenor und Polydamas bei den Trojanern, Thersites bei den Achaiern), die in diesen Ratsversammlungen klugen Rat liefern, der aber von dem jeweiligen König, der »Mittel und Wege« findet, um sich durchzusetzen (wie Überredung, Drohung, Befehl oder auch physische Gewalt), in den Wind geschlagen wird (Bringmann 2016: 175).
Die Quittung, die die Machthaber für ihr autokratisches Gebaren erhalten, besteht darin, dass ihre Unternehmungen für alle Beteiligten in einer Katastrophe enden. Troja wird – nach einer Serie strategischer Fehlentscheidungen – komplett zerstört. Die scheinbar siegreichen Achaier erleiden ebenfalls ungeheure Verluste und die wenigen, denen die Heimkehr gelingt, finden dort, wie Agamemnon, ein schmachvolles Ende. Daran, dass die Ilias eine Geschichte autokratischen Scheiterns ist, lässt Homer bereits in seinen ersten sieben Versen keinen Zweifel, in denen er beklagt, dass »viele kraftvolle Seelen der Helden« »den Schakalen und den Geiern« zum Opfer fielen, nur weil zwei Fürsten einen irrationalen Hahnenkampf miteinander ausfochten.
Für Odysseus hat sich Homer ein besonderes Schicksal ausgedacht. Schon in der Ilias war der Kleinkönig von Ithaka als besonders adels- und hierarchiebewusst geschildert worden, der den klugen Thersites mit dem bloßen Hinweis auf die Vorrechte der Adeligen mit brutaler Gewalt zum Schweigen gebracht hatte. Während seiner zehnjährigen Irrfahrt, auf der er sich immer wieder in vermeidbare Bredouillen hineinmanövriert, vernichtet er die Leben seiner sämtlichen Gefährten, um seine egoistischen (sexuellen) Bedürfnisse zu stillen. Mit Müh und Not heimgekehrt, darf Odysseus seinen Thron nicht sofort besteigen, sondern muss, als weitere erzieherische Maßnahme, erst die Perspektive der untersten sozialen Hierarchieebene, des Bettlers, am eigenen Leib erfahren. Und selbst die Ermordung seiner Nebenbuhler bringt ihn noch nicht an die Macht, sondern er muss sich von der Volksversammlung mit bitterem Sarkasmus vorhalten lassen, er habe viele tapfere Männer und wertvolle Schiffe verloren und dann nach seiner Rückkehr auch noch die tüchtigsten Bürger ermordet (Odyssee 24,425 ff.). Erst die von der Göttin Pallas Athene personifizierte Vernunft vermag den Tyrannen davon zu überzeugen, von der Gewaltausübung gegen sein Volk abzulassen und sich der demokratischen Legitimation zu unterwerfen: »Zwischen ihm und dem Volk erneuerte jetzt das Bündnis Pallas Athene« (Odyssee 24,545 f.). Die Odyssee ist damit die Geschichte eines Tyrannen, der durch mehrere Fegefeuer erzieherisch geläutert werden muss, um schließlich zu erkennen, dass Gewalt ihm nicht länger weiterhilft, sondern nur noch die Akzeptanz durch das Volk.
Es war also wieder einmal eine Gottheit, die, wenn nicht die Demokratie in Reinform, so doch zumindest die Verpflichtung zur demokratischen Legitimation des Herrschenden gerettet hat. Für die Götter, die (inklusive ihrer Schwächen) als Vorbilder der Menschen galten, waren demokratische Entscheidungsmechanismen selbstverständlich. Beim griechischen Schriftsteller Hesiod, der seine Theogonie schon vor der Niederschrift von Homers Ilias verfasst hat, pflegen die Göttinnen und Götter regelmäßig demokratische Praxis in Form von Ratsversammlungen (Hesiod: Theogonie 775–799). Meineidige Götter werden zehn Jahre lang von der Ratsversammlung der Götter ausgeschlossen. Zeus, obgleich als »olympischer Obergebieter« tituliert, tritt bei Konflikten in der göttlichen Ratsversammlung nicht als autokratischer Herrscher auf, der Machtworte spricht, sondern lediglich als Moderator, der auf die Einhaltung der Spielregeln achtet (Theogonie 777).
In Homers Ilias sind die Ratsversammlungen der Götter auf dem Olymp Spiegelbilder der defekten Ratsversammlungen der Menschen. Zeus, der mächtigste der Götter, versucht immer wieder, kontroverse Meinungsbilder durch Machtworte zu entscheiden, erhält dabei aber Contra von seiner Frau Hera und seiner Tochter Athene. Hera widerspricht Zeus mit dem demokratischen Argument, dass sein autokratisches Verhalten nicht die Billigung der Ratsversammlung der anderen Götter (= des Volkes) fände (Ilias 4,29). In der patriarchalischen Männergesellschaft hebt sie Rangunterschiede und auch das Geschlechterverhältnis auf, wenn sie sich mit Zeus gleichsetzt (Ilias 4,57; 4,63 f.). Und damit vermag sie sich durchzusetzen; der übermächtige Göttervater und Patriarch »gehorcht« ihr das eine ums andere Mal, stets mit Rücksicht auf die Ratsversammlung (Ilias 4,68; 16,439–458). Im Kreis der vorbildlichen Gottheiten werden demokratische Versammlungen praktiziert, es wird autokratische Machtausübung bestritten, es werden gleiche Rechte gefordert. Und die Emanzipation der Frauen, obgleich noch nicht vollständig, ist im Götterhimmel weitaus stärker vorangeschritten als in den irdischen Patriarchaten.
Wenn sich der olympische Herrscher, der sich zuvor noch brüstete, alle anderen Götter in den Tartaros werfen zu können, offensichtlich doch der Ratsversammlung beugen muss, ist das eine klare Analogie zum weltlichen Monarchen, der einen Teil seiner Macht an ein demokratisches Gremium abgeben muss. Außerdem büßen die Söhne der Götter ihre Sonderrechte ein – damit rechtfertigt Homer die Entmachtung des irdischen Adels, der sich gern auf göttliche Abstammung berief, zugunsten der Demokratisierung.
Wie wird diese Erzählung auf die Menschen des 7. Jahrhunderts v. Chr. gewirkt haben? Sie werden in Zeus so manchen zeitgenössischen Monarchen erblickt haben und in herzliches Gelächter ausgebrochen sein, als sie vernahmen, dass selbst der übermächtige Beherrscher der Götter und der Welten erleben muss, wie seine patriarchalische Macht erodiert und wie er sich immer wieder der Ratsversammlung, seiner Ehefrau und seiner Tochter beugen muss. Genau das – die Erosion autokratischer Macht, der wachsende Einfluss demokratischer oder zumindest aristokratischer Ratsversammlungen, die ständige Konfrontation mit (rhetorischem) Widerspruch und (tätlichem) Widerstand, die Infragestellung sozialer Rangunterschiede, die Forderung nach Gleichberechtigung – entsprach dem alltäglichen Erleben in der Archaischen Zeit; und der permanente Machtkampf zwischen Autokraten, gar Tyrannen, der Aristokratie und dem Volk, der wechselnde Sieger hervorbrachte, war spannend genug, um ihn zum Rückgrat eines gewaltigen Epos zu machen. Das griechische Publikum wurde um 650 v. Chr. – und auch noch Jahrhunderte danach – durch Ilias und Odyssee mit Schaudern daran erinnert, wie schrecklich es einst für das Volk gewesen war, dem autokratischen Handeln korrupter, arroganter und beratungsresistenter Monarchen hilflos ausgesetzt gewesen zu sein.
Dass man in der Antike die homerischen Epen als Diskussion von Staatsformen verstanden hat, bestätigt kein Geringerer als Aristoteles, wenn er in seiner Politik immer wieder Homers Verse aus der Ilias und der Odyssee über Regierungsformen zitiert (Aristoteles: Politik I,2; I,XII; III,14; III,16; VI,4). Auch sollte die italienische Renaissance auf Homer und Hesiod als früheste Theoretiker der Demokratie zurückgreifen, insbesondere in Form der Allegorien der guten und schlechten Regierung im Rathaus von Siena.
Homer war nicht der einzige antike Autor, der sich über Autokraten lustig gemacht hat. Der »Vater der Geschichtsschreibung«, Herodot von Halikarnassos (um 480 bis um 420 v. Chr.), beschreibt immer wieder orientalische und griechische Herrscher, deren Größenwahn sie zu territorialen Expansionen verleitet hat, die regelmäßig mit dem Untergang ihrer Imperien endeten. Herodot hatte umfangreiche Reisen durch die damals bekannte Welt unternommen und seine Beobachtungen in einem Werk niedergeschrieben, das, weil es überwiegend Geschichtsschreibung verfolgte (aber auch ausgedehnte geografische und ethnologische Studien enthielt), den Titel Historien erhielt.
