Denk nicht an Morgen - Bernd Kersch - E-Book

Denk nicht an Morgen E-Book

Bernd Kersch

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Beschreibung

Wie schlimm eine Kindheit sein kann, wenn ein kleiner Junge zu Gott betet, er möchte sterben, das ist in diesem Buch beschrieben. Genauso, wie all die vielen Sorgen und Nöte, die ein Kind empfindet, wenn es sich alleingelassen und ungeliebt fühlt. Dies ist die wahre Geschichte meines Lebens. Ich könnte an dieser Stelle viele Worte machen, aber stattdessen werde ich einfach einen kurzen Ausschnitt aus dem Buch präsentieren. Was nun in dieser Klinik geschah, wurde für mich zu einem traumatischen Erlebnis, über das ich wohl niemals hinwegkommen werde. Sie sagten mir, wenn ich nicht essen würde, dann müssten sie mich künstlich ernähren. Damit konnte ich als kleines Kind natürlich nichts anfangen, was sollte das auch schon heißen. Also aß ich genauso viel wie sonst auch. Es war nicht viel, was ich aß, aber ganz bestimmt auch nicht so wenig das Ich verhungert wäre. Schließlich gingen in meinem Kopf viel wichtigere Dinge vor. Warum war ich hier? Warum sagte mir niemand, was ich hatte, und warum besuchte mich niemand außer meinem Vater? Eines Tages passierte es dann vollkommen unvorbereitet. Sie packten mich mit fünf Leuten, legten mich auf einen Behandlungstisch und hielten mich mit eisernem Griff fest. Ich konnte ihre Gesichter nicht erkennen, denn sie trugen alle einen Mundschutz. Ihr Glück, denn hätte ich mir ihre Gesichter merken können, ich würde sie noch heute alle aufsuchen, und dafür sorgen das Sie dass, was sie mir an diesem Tage antaten, niemals wieder einem Menschen antun könnten. Ich weiß, dass dies nicht richtig ist, und ich bin mir bewusst, dass es das Gegenteil von dem ist, was ich hier versuche herüberzubringen, aber wenn ich auch nur einem einzigen Menschen das damit ersparen könnte, was ich damals erleben musste, ich würde es tun! Ich lag also auf diesem Tisch und wurde festgehalten, und bekam eine richtige Panikattacke. Aber so sehr ich auch versuchte mich loszureißen oder mich zu bewegen, ich konnte es nicht. Sie waren einfach viel zu stark für mich.

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Seitenzahl: 189

Veröffentlichungsjahr: 2013

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Bernd Kersch

Denk nicht an Morgen

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Vorwort

Eine Trennung mit Folgen

Das Kindergartenalter

Klinikerfahrungen

Ruhig aber geizig

In der Pflegefamilie

Bei den Pateneltern

Endlich zu Hause

Der Geburtstag

Der Garten

Meine Großtante

Die erste eigene Wohnung

Eine neue Arbeit

Das Kuckucksei

Eine Reise in die Vergangenheit

Eine Erfahrung mit Schrecken

Ein neues Leben

Ein völlig neues Lebensgefühl

Das erste gemeinsame Haus

Obdachlos

Der Umzug ins Ausland

Einsamkeit

Eine schwere Krankheit

Die alte Heimat

Danksagung

Impressum neobooks

Vorwort

Am 03 Juli 1969 konnten die Spannungen, welche zwischen den USA und Peru seit 1968 bestanden, und immer schlimmer geworden waren, vorläufig beendet werden. Aber noch etwas anderes passierte in diesem Jahr, wenngleich es auch recht bedeutungslos für die Menschheit war.

In dieser Zeit wurde ein Kind geboren, so wie es jederzeit und überall auf dieser Welt passiert. Doch dieses Kind hatte nicht das Glück in einer heilen Welt aufzuwachsen. Nicht zu erleben, was es heißt, zwei liebevolle Eltern zu haben. Dieses Kind ging durch die Hölle des Lebens und hatte nur einen einzigen Wunsch, es wollte auch eine Familie und ein kleines Stück vom Glück.

Was ist an dieser Geschichte so außergewöhnlich, werden sie sich jetzt sicher fragen. Ich habe viele Jahre meines Lebens geschwiegen, habe mich niemals zu diesen Ereignissen geäußert und mich auch keinem Menschen anvertraut. Bis zu diesem einen Tag, an dem ich meine Angst vor der Zukunft bezwungen habe.

Dies ist meine Geschichte des Lebens, und sie handelt von einer kleinen Kinderseele, die so gequält durch das Leben ging, dass sie zu Gott gebetet hat, sterben zu wollen. Denn ein Leben ohne Liebe ist kein Leben. Gott hat diesem Kind den Wunsch zu sterben an diesem Tag nicht erfüllt.

Überall auf dieser Welt gibt es Menschen, denen es genauso geht. Wir dürfen nicht wegsehen, sondern wir müssen handeln. Dies Buch erzählt von den Ängsten und Sorgen eines kleinen Jungen, der nicht weiß, wohin er gehört, bis zu dem Mann, der heute noch nicht genau weiß, wo sein Platz ist. Ich schreibe hier ganz offen darüber, wie sich dieser Junge gefühlt hat, darüber wie er es geschafft hat überhaupt seine Kindheit zu überleben. Wie vielen von uns geht es genauso oder zumindest so ähnlich. Ich möchte all denen Mut machen die denken, dass das Leben eine einzige Qual ist, möchte diesen Menschen zeigen, dass es ein Morgen gibt. Die Sonne wieder aufgehen wird, und das Leben zu kostbar ist, um sich selbst einfach aufzugeben.

Lest meine Geschichte und seht selbst wie ein Kind, das von den Psychologen aufgegeben wurde, es geschafft hat ein halbwegs normales Leben zu führen. Ich habe keine Rachegedanken und möchte auch niemanden an den Pranger stellen. Alles was in diesem Buch geschrieben steht habe ich so aufgeschrieben, wie ich es gesehen und erlebt habe. Ich möchte damit nur meine erschütternde und sehr tief berührende Geschichte erzählen. Die Geschichte eines kleinen Jungen, der immer wieder aufgestanden ist. Einem Jungen, dem man die Kindheit gestohlen hat. Die Geschichte eines harten Lebens. Die Geschichte eines Menschen, der nicht aufgeben will, der sich nicht seinem Schicksal ergeben will.

Meine Geschichte.

Es gibt immer ein Morgen.

Vergesst das niemals.

Irgendwo in Deutschland wiederholt sich diese Geschichte immer wieder. Lasst es nicht geschehen. Haltet die Augen offen und schweigt nicht.

Eine Trennung mit Folgen

An mein Leben bis zu meinem zweiten Lebensjahr habe ich nicht sehr viele Erinnerungen. Aber die wenigen, die ich noch habe sind sehr klar. Ich bin mir bewusst, dass es ungewöhnlich ist, wenn sich ein Mensch an dieses Alter überhaupt erinnern kann, aber dennoch kann ich es.

Ich weiß noch, dass meine Eltern mit mir damals über den Jahrmarkt gingen. Ich war etwa zwei Jahre alt, und so unbekümmert, wie es eben nur ein kleines Kind sein kann, das genau weiß, dass Mama und Papa aufpassen, dass ihm nichts passiert. Dieses Gefühl grenzenlosen Vertrauens in die Eltern, dass einen so unbeschwert den Tag genießen lässt. So ging es mir damals auch, und so habe ich es auch in meiner Erinnerung. Es gab dort, auf dem Rummelplatz, wie überall sonst auch üblich eine Geisterbahn und direkt davor stand ein übergroßes Monster, das sich in regelmäßigen Abständen nach vorne beugte. Ich saß in meinem Kinderwagen und schaute mir mit kindlicher Neugier die Gegend an. Aus mir heute noch unerfindlichen Gründen hatte ich eine riesige Panik vor diesem Monster, das so groß und bedrohlich vor genau dieser Geisterbahn stand, und sich immer wieder leicht nach vorne beugte. Wahrscheinlich hatte ich nur Angst davor, jenes riesige Ungetüm könnte mich mit seinen großen Händen packen und mich von meinen Eltern wegreißen. Damals konnte ich noch nicht ahnen, dass das eigentliche Monster nicht vor dieser Geisterbahn stand, sondern in meinem nächsten Umfeld war. Ich brüllte mir also jedes Mal die Seele aus dem Hals, wenn wir in die Nähe dieses, für mich als kleines Kind sehr gefährlich wirkenden Monsters kamen, ohne auch nur zu erahnen, dass diese schlimme Vorstellung schon sehr bald für mich grausame Realität werden sollte.

So waren meine Eltern gezwungen an dieser Stelle, kurz bevor wir die Geisterbahn erreichten, immer den Kinderwagen umzudrehen, und die Runde in die andere Richtung weiterzugehen. Soweit bis wir von der anderen Seite an dieses Monster herankamen. Dort wiederholte sich dann das Spiel von Neuem. Meine Eltern konnte also niemals eine komplette Runde mit mir gehen.

Kurz nach meiner Geburt wurde ich punktiert. Dabei wird mit einer langen Nadel Flüssigkeit aus dem Rückenmark gezogen. Eine, zumindest damals, sehr schmerzhafte Prozedur. An diese Behandlung habe ich glücklicherweise keinerlei Erinnerung mehr, mein Vater hat mir später davon erzählt, davon, dass ich mich in meinem Bettchen nicht mal mehr aufrichten konnte. Warum ich punktiert wurde, habe weder ich noch mein Vater, jemals erfahren. Auch wenn es mir sehr rätselhaft erscheint, warum mein Vater damals nicht alle Hebel in Bewegung gesetzt hat, um zu erfahren, warum ein Kind ohne die Zustimmung der Eltern, einer solchen Behandlung unterzogen wird, einer Behandlung, die aus medizinischen Gründen nicht nötig war! Und auch heute habe ich dafür noch keinerlei Erklärung, denn Unterlagen darüber gibt es nicht mehr. So wird es für mich immer ein Rätsel bleiben. Vielleicht waren meine Eltern zu diesem Zeitpunkt auch ganz einfach mit noch wichtigeren Dingen beschäftigt, sodass sich niemand um diese Angelegenheit kümmern konnte. Schließlich habe ich ja noch eine Schwester, die zwei Jahre älter ist. Sie lebte seit ihrem dritten Lebensjahr bei meinen Großeltern väterlicherseits. Ich kann nur vermuten, dass zum Zeitpunkt meiner Geburt, die Ehe meiner Eltern schon vollkommen zerrüttet war. Streit und Zank waren damals wohl schon an der Tagesordnung, auch wenn ich diese Dinge nicht aus eigener Erfahrung sagen kann, denn an diese Zeit habe ich tatsächlich keinerlei Erinnerung mehr und kann hier demnach nur alles so aufschreiben, wie es mir erzählt wurde.

Meine Großeltern zogen meine Schwester also seit ihrem dritten Lebensjahr auf, ganz so als ob es ihre eigene Tochter wäre.

Meine Eltern wollten sich wohl trennen, und mein Vater erklärte meiner Mutter, wenn sie gehen wollte, dann würde ein Kind auf jeden Fall bei ihm bleiben. Da ich als Kleinkind sehr an meiner Mutter hing, blieb meine Schwester bei den Eltern meines Vaters.

So kam es dann wohl auch, dass meine Eltern vor der Trennung des Öfteren wegfuhren, und meine Schwester bei meiner Großmutter bleiben musste, damit diese nicht alleine zu Hause sein musste. Mein Vater war das Lieblingskind meiner Großeltern und wurde von klein auf verwöhnt und bekam meistens auch immer seinen Willen. Meine Mutter war dort nur geduldet und meine Großmutter machte offensichtlich auch keinerlei Geheimnis daraus, dass sie sie nicht besonders gut leiden konnte. Meine Großeltern wohnten praktischerweise im Nachbarhaus und konnten somit die Ehe auch immer gut kontrollieren.

Mein Vater hatte dies alles zugelassen, denn für ihn schien es ja recht gut zu laufen. Letztlich führten diese tragischen Ereignisse dazu, dass ich ab dem siebenten Lebensjahr bei meinen Großeltern aufwachsen musste, was mir persönlich die Hölle auf Erden brachte.

Meine Familie, damit meine ich meine Großeltern, wenn sie sich auch nicht wie eine Familie verhielten, so ist es doch die Bezeichnung welche am treffendsten ist, war wohl die verklemmteste die man sich nur denken konnte. Sehr viele Themen wurden nur ausgeschwiegen. Ich musste mich durch die Zeitschrift „BRAVO“ aufklären. Schon als kleiner Junge ging ich abends vor dem zu Bett gehen zu meinem Vater und gab ihm die Hand und sagte Gute Nacht. Gerne hätte ich ihn in den Arm genommen. Wie sehr hätte mich dies in späteren Jahren bei meinen eigenen Kindern getroffen. Ich lege auch heute noch sehr großen Wert darauf, dass meine Kinder mit allen Themen ganz normal umgehen, sodass sie jederzeit zu mir kommen können mit all ihren Sorgen und Nöten, egal wie schlimm es auch sein mag. Mein Vater hat damals wohl auch nur so gehandelt, wie er es selbst von seinen Eltern gelernt bekommen hatte. Er kannte es ganz einfach nicht anders. Ich für meinen Teil konnte es damals schon nicht verstehen, warum mein Vater uns nur die Hand gab. Wie gerne hätte ich ihn umarmt, aber dazu fehlte mir der Mut.

Meine Großmutter liebte meine Schwester über alles und für mich hatte sie offensichtlich nur Verachtung übrig. So wie sie meinen Vater als Kind und auch als Erwachsenen immer vorgezogen hatte, so zog sie nun meine Schwester vor und ließ mich für etwas leiden, wovon ich nicht einmal etwas ahnen konnte. Aber sie hatte dabei eines vergessen, ich konnte doch als Zweijähriger nichts dafür, war doch noch nicht für meine Taten verantwortlich. Und wenn doch, wessen hatte ich mich in ihren Augen eigentlich schuldig gemacht.

Ich habe ihnen allen verziehen, auch wenn ich es niemals verstehen werde, warum sie einen kleinen Jungen dafür bluten ließen, was andere getan hatten. Dennoch werde ich es immer offen erzählen, denn es ist die harte Wahrheit. Sie sahen es alle mit ihren Augen, auch meine nächsten Verwandten. Auch wenn ich nicht glaube, dass ich mit zwei Jahren schon für schuldig gehalten werden konnte, so verurteilten sie mich dennoch zu einem lieblosen Leben ohne ein liebevolles zu Hause. Im Alter von zwei Jahren, in dem ein Kind definitiv für seine Handlungen noch nicht verantwortlich gemacht werden kann, und schließlich hatte ich selbst doch niemanden etwas getan oder etwas Schlechtes gesagt, geschweige denn gewünscht, musste ich dieses ungewollte Leben antreten. Sie behandelten meine Schwester wie ihre eigene Tochter, und ich bekam es auch später mehr als einmal sehr deutlich zu spüren, dass es einen großen Unterschied zwischen uns beiden gab. Sie war eben die geliebte Tochter und ich war nur geduldet.

Heute glaube ich daran, dass ich geboren wurde, um die Ehe zu retten. Ich sollte sicherlich als Kind den Zusammenhalt zwischen den Eltern wiederherstellen. Von all diesen Dingen, die sich in dieser Zeit zugetragen haben, habe ich nicht so viele genaue Erinnerungen. Vieles wurde mir in späteren Jahren erzählt. Fest steht nur, dass sich meine Eltern getrennt haben, als ich zwei Jahre alt war. Meine Schwester durfte sofort bei meinen Großeltern bleiben. Mich hat meine Mutter mitgenommen. Ich kann noch nicht einmal sagen, dass ab diesem Zeitpunkt das Leben nicht mehr normal war, denn das war es vorher wohl auch schon nicht mehr.

Fast der gesamte Streit vor Gericht bezog sich nur auf mich. Ich war in den Mittelpunkt dieses Streites geraten, war zum Mittel zum Zweck geworden. Hier ging es nicht mehr um das Recht, oder was für die Kinder das Beste wäre, sondern es wurde ein böses Spiel gespielt. Mein Vater wurde von seiner Mutter gelenkt und tat, was sie wollte. Dass ich dabei auf der Strecke blieb war wohl zu verschmerzen.

Schließlich meinten sie es ja nur gut, jedenfalls wurde mir dies in meiner gesamten Kindheit immer wieder eingetrichtert. Meine Mutter war schuld, mein Vater war unschuldig und meine Schwester war von Anfang an ungeliebt von meiner Mutter. Heute frage ich mich, wie ich mir so etwas hatte einreden lassen können. Im Rückblick auf die vergangenen Jahrzehnte kann ich traurigerweise nur dies sagen, mein Vater war ein Trinker und er hatte niemals Zeit für mich. Ich hatte als Kind nur einen Wunsch, ich wollte einmal mit meinem Vater zusammen etwas spielen, oder ein Eis essen gehen oder ins Schwimmbad, aber von all diesen Träumen hatte sich niemals etwas erfüllt. Ich wurde von den Menschen, welchen ich als Kind vertraute als Macht- und Druckmittel gnadenlos benutzt und eingesetzt. Ein bitterböses Spiel bei dem es eigentlich keinen Gewinner geben konnte. Es war meinen Großeltern genauso wie meinem Vater egal, ob sie gewinnen würden, es ging nur darum meiner Mutter zu schaden, auch wenn ein kleiner Junge der ganz große Verlierer dabei gewesen war.

Das Kindergartenalter

Drei Jahre ist ein seltsames Alter, und für die meisten Kinder beginnt damit ein ganz neuer Lebensabschnitt. Ich kam in einen Kindergarten, wenn auch nur für kurze Zeit. Dort war ich aber nur wenige Wochen. Warum? Ich kann es nicht genau sagen, vielleicht war ich ungeeignet oder noch nicht reif genug dafür. Ob ich noch nicht soweit war, oder ein gesundheitliches Problem bestand, ich habe es niemals erfahren. Damals war ich noch viel zu jung um mich um solcherlei Dinge zu sorgen, oder mir überhaupt Gedanken darüber zu machen.

Heute nach so langer Zeit gibt es leider keine Unterlagen mehr über diese Zeit. Es hat viele Jahre gedauert, bis ich soweit war, dieses Buch zu schreiben. Viele Jahre meines Lebens habe ich gebraucht, bis ich genug Mut gesammelt hatte, um diese Schauplätze wieder aufzusuchen, mich mit meiner Vergangenheit so intensiv zu beschäftigen und der Wahrheit ins Gesicht zu blicken. Wie schwer es ist sich an diese Orte zu begeben, an die man teilweise so schreckliche Erinnerungen hat, das alles kann man aufschreiben, aber niemals ganz erklären oder gar vergessen, und ohne meine Frau, die mir immer den Rücken gestärkt und frei gehalten hat, hätte ich dies Buch sicherlich niemals schreiben können. Ihr Verständnis und ihr fester Glauben an mich haben mir die Kraft gegeben, die nötig dazu war.

Meine Mutter wohnte jedenfalls damals mit ihrem zweiten Ehemann in einem Hochhaus in einer großen Neubausiedlung. Zu dieser Zeit galt es als schick, in einem Hochhaus zu wohnen. Dieser Mann hatte einen riesigen Umfang und konnte eine komplette Scheibe Brot auf einmal in den Mund stecken, und mit einem Bissen herrunterschlucken. Ich erinnere mich noch genau an eine Mahlzeit. Wir saßen zu Tisch und es gab Brathähnchen. An diesem Wochenende war meine Schwester für einen Nachmittag zu Besuch. Meine Mutter, meine Schwester und ich teilten uns ein halbes Hähnchen. Er selbst aß anderthalb. Er tat das in einer Geschwindigkeit, wie ich sie seitdem nie mehr gesehen habe, außer in Filmen.

Einige Dinge sind für immer in meinem Gedächtnis hängen geblieben. So musste ich jeden Morgen vor dem Frühstück eine Tablette nehmen. Wogegen, oder wofür sie war, kann ich nicht sagen. Ich denke meine Mutter hatte eine Krankheit oder ich musste krank sein und sie sollten mich heilen. Da ich als Dreijähriger aber, wie alle Kinder in diesem Alter, meiner Mutter grenzenlos vertraute, schluckte ich sie wortlos herunter und fragte nicht weiter danach. Bis zum heutigen Tag habe ich es niemals in Erfahrung bringen können, warum ich diese Tabletten nehmen musste oder gar nehmen sollte. Niemand hatte sich die Mühe gemacht es mir zu sagen, oder zu erklären. Warum dies niemand, auch in späteren Jahren, für nötig hielt, kann ich nicht genau erklären.

Auch habe ich damals nicht danach gefragt, warum meine Schwester nur für einen Nachmittag kommen durfte, oder ich meinen Vater nur so selten sehen durfte. Für mich war dies alles vollkommen selbstverständlich, ich kannte es nicht anders.

Die Vorkommnisse dieser Zeit sind leider nur zum Teil in meinem Gedächtnis, aber dafür sind jene Einzelheiten mehr als klar. Noch heute, nach über dreißig Jahren kann ich von allen Wohnungen, in denen ich mal gelebt habe, alles genau beschreiben. So passierte es, das ihr damaliger Mann, sie hatte zwischenzeitlich erneut geheiratet, meiner Mutter in einem Streit mit der Rückseite seiner Hand ins Gesicht schlug, sodass sie quer über das Ehebett flog. Ich hatte in der Tür gestanden, da ich das laute Streitgespräch, dass sie vorher geführt hatten, mitgehört hatte.

Es war noch recht früh am Morgen und draußen war es bitterkalt. Sie wollte ihre Koffer packen und ihn verlassen. So stritten sie sehr lautstark, bis er sie dann schlug. Verschreckt ging ich zurück in mein Zimmer. Jemand hatte gerade meine Mutter geschlagen, ich hatte doch sonst niemanden. Das war schlimmer, als wenn er mir den Hintern gehauen hätte, was er auch immer reichlich getan hatte. Sie war meine einzige Bezugsperson dort, wie hätte es auch anders sein können, denn meinen eigenen Vater sah ich schließlich nur alle vierzehn Tage für einen Nachmittag. Dieser Schlag hatte mir mehr geschadet, als wenn er mich selbst geschlagen hätte, und ich weiß das genau, denn dies hatte er sehr oft getan.

Es dauerte eine kleine Ewigkeit bis meine Mutter zu mir in das Kinderzimmer kam. Sie hatte vorher auf dem Bett gelegen und geweint. Ich wusste das ganz genau, ich hatte es nicht gesehen, aber ein Kind merkt und spürt so etwas genau. Ich saß in einer Ecke auf dem Boden und verstand die Welt nicht mehr, und ich hatte auch keine Ahnung, wie ich mich jetzt verhalten sollte. Sie kam also in mein Zimmer und packte hastig eine Tasche mit Kleidung. Dann nahm sie mich an die Hand und wir gingen rasch hinaus, während sie sich immer noch laut mit ihm stritt.

Da es draußen Winter war, lag auch etwas Schnee und es war sehr kalt. Wir standen eine kleine Ewigkeit an der Bushaltestelle, die nur etwa zweihundert Meter von der Wohnung entfernt war. Ich fror fürchterlich und die Zeit, bis der Bus kam, schien sich für mich wie eine Ewigkeit hinzuziehen. Sie wollte zu ihren Eltern fahren. Dies hatte sie noch zu ihm gesagt, kurz bevor sie die Wohnung verlassen hatte. An diesem Tag verstand ich die Welt nicht mehr, aber dafür bekam ich eine neue Erkenntnis, Erwachsene streiten sich und sie schlagen auch ihre Partner und nicht nur ihre Kinder. Für mich als Dreijähriger war dies eine furchtbare Sache, denn ich dachte doch immer, dass Erwachsene genau wissen was sie tun, dass sie immer und überall das Richtige machen. Ich hatte mich bisher immer darauf verlassen.

Überhaupt habe ich an diesen dicken Mann, wie meine Schwester und ich ihn heimlich nannten, keine guten Erinnerungen. Er hat gern und viel geschlagen, mehr als einmal habe ich den Hintern verhauen bekommen. Es ist mir an dieser Stelle auch sehr wichtig zu erwähnen, dass ich die Bezeichnung dicker Mann nicht benutze um ihn zu beleidigen, oder mich gar über dicke Menschen lustig zu machen. Nein, dies will ich ganz sicher nicht. Da er für mich als Kind immer nur der dicke Mann gewesen war, ich hatte verständlicherweise keinerlei Beziehung mit ihm und kannte daher nicht mal seinen richtigen Namen, habe ich diese Bezeichnung der Einfachheit halber hier beibehalten. Ich habe meine zweite Frau, mit der ich verheiratet bin, kennengelernt, als sie noch über zweihundert Kilogramm wog. Dies hat mich niemals gestört, den ich habe von Anfang an den Menschen geliebt. Ich erzähle das an dieser Stelle auch nur, um ganz sicher zu gehen, dass niemand auch nur im entferntesten daran denkt, ich könnte einen anderen Menschen wegen seines Gewichts diskriminieren. Da ich schon in sehr jungen Jahren erfahren durfte, was es heißt ein Außenseiter zu sein, würde ich dies niemals einem anderen antun wollen.

Manchmal habe ich den dicken Mann einfach nur gehasst, besonders dann, wenn ich mal wieder den Hintern verhauen bekommen hatte. Es ist keine Übertreibung, wenn ich hier schreibe, dass ich ein pflegeleichtes Kind war, umso mehr überlege ich immer wieder, warum er mir so oft den Hintern gehauen hatte. Fest steht, hätte er mich ab und zu mal geschlagen, es wäre mir nicht so tief im Gedächtnis hängen geblieben. Es ist erstaunlich, aber die schlechten Dinge bleiben meistens am besten in Erinnerung, und davon habe ich wohl mehr als genug. Auf jeden Fall war ich froh, als ich mit ihm irgendwann nichts mehr zu tun hatte.