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Wohl jeder Mensch macht irgendwann in seinem Leben die Erfahrung, dass er Energie und Selbstvertrauen verloren hat, dass er nicht mehr lieben kann, dass es ihm an Schlaf und Appetit mangelt, dass er überempfindlich und ängstlich reagiert: untrügliche Zeichen dafür, dass er an einer Depression leidet, dass aus der Lust am Leben eine Last des Lebens geworden ist. Ebenso kompetent wie verständlich behandelt der Psychiater Dr. F. Flach alle wichtigen Fragen zum Thema Depression, ihre Ursachen und Wirkungen, die Möglichkeiten der Therapie und des Umgangs mit depressiven Mitmenschen. Vor allem aber erreicht es Flach, dem Betroffenen selbst die Scheu und die Ratlosigkeit seinen ungewohnten Reaktionen gegenüber zu nehmen und ihm Mut zum Weiterleben zu machen.
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Seitenzahl: 413
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Frederic F. Flach
Depression als Lebenschance
Seelische Krisen und wie man sie nutzt
Aus dem Englischen von Nils Th. Lindquist
Ihr Verlagsname
Wohl jeder Mensch macht irgendwann in seinem Leben die Erfahrung, dass er Energie und Selbstvertrauen verloren hat, dass er nicht mehr lieben kann, dass es ihm an Schlaf und Appetit mangelt, dass er überempfindlich und ängstlich reagiert: untrügliche Zeichen dafür, dass er an einer Depression leidet, dass aus der Lust am Leben eine Last des Lebens geworden ist.
Ebenso kompetent wie verständlich behandelt der Psychiater Dr. F. Flach alle wichtigen Fragen zum Thema Depression, ihre Ursachen und Wirkungen, die Möglichkeiten der Therapie und des Umgangs mit depressiven Mitmenschen. Vor allem aber erreicht es Flach, dem Betroffenen selbst die Scheu und die Ratlosigkeit seinen ungewohnten Reaktionen gegenüber zu nehmen und ihm Mut zum Weiterleben zu machen.
Dr. Frederic F. Flach (1927–2006) war Professor für Psychiatrie am Medical College der Cornell University und frei praktizierender Psychiater in New York.
Meinen Kindern, die meine Brücke sind zu der sich wandelnden Welt
1974, also vor über fünfundzwanzig Jahren, erschien in den USA die erste Auflage von ‹Depression als Lebenschance›, 1986 folgte eine weitere Auflage, während die deutsche Ausgabe 1997 ihr 150. Tausend erreichte. Ich habe dieses Buch geschrieben, weil ich all diejenigen, die unter Depressionen leiden, ermutigen möchte, ihren Zustand zu erkennen und zu akzeptieren – nicht als ein Grund zur Scham, sondern als ein Anlass zur Hoffnung. Denn depressiv zu sein bedeutet nicht zwangsläufig, krank zu sein. Krank wird erst, wer nicht zugeben will, dass er depressiv ist, wer immer tiefer in seine Depression hineingerät, bis ihm alles über den Kopf zu wachsen droht; wer eine depressive Phase nicht nach einer angemessenen Zeit aus eigener Kraft überwindet und außerstande ist, aus der erfolgreichen Bewältigung einer depressiven Phase zu lernen und gereift daraus hervorzugehen.
Ich werde oft gefragt, warum ich im Titel meines Buches die Depression als eine «Lebenschance» bezeichne. Damit meine ich, dass jemand, der mit depressiven Verstimmungen sinnvoll umgehen kann, die Chance zur Einsicht und zu persönlichem Wachstum erhält. Die Erfahrung, eine schmerzhafte und leidvolle Periode erfolgreich gemeistert zu haben, erzeugt bei den Betroffenen ein Gefühl der Stärke und des Vertrauens in die eigenen Fähigkeiten. Zudem wirkt eine Depression bei entscheidenden Veränderungen im Leben wie ein Katalysator. Sie zwingt uns, unsere Gefühle und Motive zu erforschen und der Situation, in der wir uns befinden, ins Auge zu blicken. Für Menschen, die zum Beispiel einen Verlust betrauern, bildet die Depression ein Ventil für den Schmerz, der mit dem Ende einer Beziehung verbunden ist. Anderen signalisiert sie, dass in ihrem Leben irgendetwas nicht in Ordnung ist – sei es in ihrer Ehe oder am Arbeitsplatz –, sie spornt zum Handeln an, wo man sonst über ein Gefühl des Unbehagens hinweggegangen wäre oder so lange gezögert hätte, bis weit Schlimmeres daraus entstanden wäre. Es ist auf jeden Fall besser, mit einer Depression auf Stresssituationen zu reagieren, als sich vorzumachen, dass sie einem nichts anhaben können. Es ist gesünder, seelisches Leid zu erfahren, als es in Körpersprache zu übersetzen und einer schweren Krankheit wie dem Krebs zu erliegen oder an einem Herzinfarkt zu sterben.
Depressive Phasen sind in einem gesunden Leben unvermeidbar. Das Geheimnis, sie erfolgreich zu überstehen, besteht in einer Eigenschaft, die ich «Flexibilität» genannt habe. Mein Konzept der Flexibilität habe ich erstmals 1976 in ‹Choices› (wieder veröffentlicht unter dem Titel ‹Putting the pieces together›) formuliert. Ausführlich dargestellt ist es in meinem 1988 erschienenen Buch ‹Resilience› (‹Gesund durch Lebenskrisen›, 1992). Der Flexibilitäts-Hypothese liegt ein Konzept zugrunde, das von dem herkömmlichen Verständnis von Krankheit und Gesundheit abweicht. Es geht davon aus, dass die vielfältigen Stresssituationen, denen wir im Laufe unseres Lebens ausgesetzt sind – Unfälle, Krankheiten, der Tod eines geliebten Menschen, überraschender beruflicher Erfolg und die damit verbundenen tief greifenden Veränderungen, aber auch der normale Eintritt in einen neuen Lebensabschnitt –, zwangsläufig einen Zusammenbruch unserer psychischen, sozialen und körperlichen Verfassung bewirken. Ein solcher Zusammenbruch wird oft von traurigen Gefühlen begleitet und als Depression wahrgenommen. Er trägt entscheidend dazu bei, dass wir uns auf die veränderte Situation einstellen und den Herausforderungen, die auf uns zukommen, begegnen können. Bei einem gesunden Menschen folgt auf den Zusammenbruch ein Prozess der Reintegration, in dessen Verlauf er eine neue, veränderte und komplexere Stufe seines seelischen Gleichgewichts erreicht.
Nach diesem Konzept erscheint die Depression in einem völlig neuen Licht: Wer depressiv ist, ist nicht gleich krank. Von einer Krankheit kann man erst sprechen, wenn jemand nicht in der Lage ist, mit seinen Depressionen fertig zu werden und sie zu überwinden. Das kann von folgenden drei Bedingungen abhängen.
Mangel an psychischer Flexibilität: Das ist der Fall, wenn ein Mensch zu starr und zu unflexibel ist und wenig bis gar keinen Zugang zu seinem Inneren hat. Oft ängstigen und beschämen ihn seine Depressionen so sehr, dass er immer niedergedrückter wird und nicht selten vor lauter Panik wie gelähmt ist. In solchen Fällen kann die Psychotherapie eine ausgezeichnete Hilfe sein.
Mangel an physischer Flexibilität: Wenn jemand eine Phase mit verstärktem Stress durchmacht, kann es in seinem Körper zu einem Abbau von chemischen Botenstoffen wie Serotonin oder Noradrenalin kommen, die für die Weitergabe von Informationen zwischen den Nervenzellen zuständig sind. Das hat zur Folge, dass dieser Mensch schon bei den geringsten Widrigkeiten des Alltags aus dem Takt geraten kann, mit denen er unter normalen Umständen spielend fertig geworden wäre. Hier ist eine Behandlung mit Antidepressiva angezeigt. Sie sorgen dafür, dass die Botenstoffe wieder ihr normales Niveau erreichen, und verbessern so die biologische Flexibilität. Dadurch fällt es den Betroffenen leichter, sich mit den Ursachen ihrer Depression auseinander zu setzen.
Mangel an einem unterstützenden Umfeld: Flexibilität wird im Umgang mit Freunden und nahe stehenden Menschen gefördert. Wer einsam ist, keine Freunde hat, vielleicht zu Hause oder im Beruf einer Umgebung ausgesetzt ist, die negativen Einfluss auf seinen Heilungsprozess ausübt, indem sie seine Hoffnungslosigkeit verstärkt und seine Selbstachtung noch weiter untergräbt – bei diesen Menschen besteht die Krankheit eigentlich in ihrem sozialen Umfeld. Ihre Genesung hängt davon ab, ob sie es schaffen, ihre äußere Lebenssituation zu verändern.
Die Auffassung, Depression sei eine Krankheit, trifft auch heute noch bei vielen Psychiatern auf Zustimmung, denen es in erster Linie darauf ankommt, die verschiedenen Formen der Gemütsstörungen präzise zu definieren, damit sie genauere Diagnosen stellen können. Als hilfreich erweisen sich solche diagnostischen Formulierungen – wie «Major Depression», «unipolare Depression», «Dysthymie», «bipolare Störung» –, wenn es darum geht, sich für ein bestimmtes Antidepressivum oder ein anderes Mittel, das die Stimmung beeinflusst, zu entscheiden. Jemand, der unter einer unipolaren Depression leidet, spricht zum Beispiel sehr gut auf Antidepressiva an, bei Patienten jedoch, die die Symptome einer bipolaren (beziehungsweise manisch-depressiven) Störung zeigen, reichen diese Mittel zur Linderung ihrer Beschwerden nicht aus. Um ihre Stimmungslage zu stabilisieren, muss der Arzt oft zusätzlich Lithium oder ein krampflösendes Medikament verabreichen. Diagnostische Begriffe erleichtern die Verständigung zwischen den Ärzten, und in Kombination mit einem computerlesbaren Schlüssel vereinfachen sie die Abrechnung mit den Krankenkassen. Auch in der Forschung haben sich solche Unterscheidungen als nützlich erwiesen, weil man durch sie auf mögliche genetische Faktoren bei bestimmten Formen der Depression aufmerksam geworden ist – obwohl nach wie vor ungeklärt ist, welchen Einfluss diese genetischen Faktoren auf die Depression selbst oder besser gesagt auf die biologische Fähigkeit der Flexibilität ausüben.
Dass sich meine Fachkollegen zurzeit eher für diagnostische Fragen interessieren, hat jedoch auch schwerwiegende Nachteile. Das Vokabular des traditionellen diagnostischen Modells löst bei den betroffenen Patienten oft Bestürzung und Verlegenheit aus. Es verhindert, dass sie das, was sie erleben, wirklich verstehen, und verstärkt ihre Abneigung zuzugeben, dass sie depressiv sind und Hilfe brauchen. Hinzu kommt, dass sich dieses Modell in Zeiten knapper Kassen sehr zum Nachteil der depressiven Patienten auswirken kann, wenn es um die Entscheidung geht, welche Therapie für sie infrage kommt. Bei einer Untersuchung, die 1974 in den USA durchgeführt wurde, stellte sich heraus, dass fast die Hälfte der befragten praktizierenden Psychiater noch nie ein Antidepressivum verordnet hatte, obwohl zu der Zeit das erste Mittel dieser Art, das Imipramin (Tofranil), bereits seit gut fünfzehn Jahren auf dem Markt war! Heute sieht es so aus, dass die Mehrzahl der Patienten, bei denen man eine Depression diagnostiziert hat, die Behandlung mit Antidepressiva geradezu aufgedrängt bekommt. In vielen Fällen mag das sicher angemessen sein, gleichzeitig verdeutlicht diese Tatsache aber auch, dass die beiden anderen Aspekte der Flexibilität, die psychische Verfassung und das soziale Umfeld, in der Therapie vernachlässigt werden. Diese Tendenz hat zugenommen, obwohl es wissenschaftlich erwiesen ist, dass depressive Beschwerden oft ebenso wirksam durch eine Psychotherapie gelindert werden können wie durch die Einnahme von Antidepressiva – wobei die besten Ergebnisse offenbar mit einer Kombination beider Behandlungsformen erzielt werden.
Ich hoffe, dass diese überarbeitete Neuauflage von ‹Depression als Lebenschance› wieder möglichst viele der Millionen Menschen erreicht, die depressiv sind oder es eines Tages werden – nicht nur, um ihnen zu helfen, ihre Depression zu überwinden, sondern auch um sie auf die positive Rolle hinzuweisen, die Depressionen in ihrem Leben spielen können. Offen bleiben muss, warum das Leben uns Menschen überhaupt solche leidvollen Erfahrungen abverlangt. Ebenso gut könnten wir fragen, warum ein Mensch liebt und sich für seine Umwelt interessiert. Da ich die menschliche Natur nicht erfunden habe, kann ich auf solche Fragen auch keine Antworten geben. Akzeptieren wir einfach, dass es so ist – bis wir eines Tages vielleicht Genaueres wissen.
Frederic Flach, M.D.
Jedes Buch wird nicht einmal, sondern mehrfach geschrieben. In meinem Fall schulde ich tiefen Dank folgenden Lektoren, deren Ratschläge und Hinweise mein Buch entscheidend mitgeprägt haben: Grace Bechtold, Bantam Books, für ihren begeisterten und unaufhörlichen Einsatz, Beatrice Rosenfeld, J.B. Lippincott Company, für ihre genauen und sorgfältigen Recherchen und Wilhelmina Marvel für ihre kreativen und einleuchtenden Ideen und editorischen Hinweise während der Niederschrift. Ebenfalls möchte ich Dr. Oscar Diethelm, em. Professor für Psychiatrie am Medical College der Cornell University, Ithaca, N.Y., danken, dass er mein Manuskript auf seine historische und wissenschaftliche Zuverlässigkeit hin überprüft und die Abhandlung aus dem 17. Jahrhundert über die Melancholie, verfasst von meinem Namensvetter Fridericus Flacht, im Archiv der Universität Basel gefunden hat.
Alle in diesem Buch genannten Personen sind Patienten, die ich als praktizierender Psychiater und Lehrer seit über 20 Jahren behandelt habe. Ihre Namen und bestimmte Einzelheiten ihrer Lebensumstände sind geändert worden, um die Anonymität zu wahren.
Es gibt einen heftigen Wind, Mistral genannt, der über Südfrankreich weht: eine trockene, kühle Luftströmung, die eine plötzliche Zunahme der Fälle von Depression mit sich bringt. In Bayern weht zur Zeit der Schneeschmelze ein warmer Wind von den Alpen nordwärts: der Föhn. Wenn er über München hereinbricht, steigt für mehrere Tage die Selbstmordquote. Weihnachten ist für viele Menschen mit einer Stimmung verstärkter Traurigkeit und Einsamkeit verbunden. Ebenso ist der Frühling eine Jahreszeit, in der es oft zu Depressionen kommt. Häufig sind auch die – als Jahrestag-Reaktionen bekannten – deprimierten Stimmungen, die immer um dieselbe Jahreszeit auftreten, in der man früher einmal besonders belastende Situationen durchzustehen hatte: «Genau in diesem Monat vor zwei Jahren starb mein Vater.» Oder: «Letztes Jahr um diese Zeit machte ich den schlimmsten Teil meiner Scheidung durch.»
Dennoch ist die Depression nicht auf bestimmte Zeitpunkte und bestimmte Orte beschränkt. Sie ist vielmehr die Reaktion auf einen Stress. Die Depression ist eine Stimmung, die jedermann zu jeder Zeit befallen kann. Es ist anzunehmen, dass zumindest die Hälfte der erwachsenen Bevölkerung in den USA irgendwann einmal depressiv gewesen ist.[*] Es gibt sogar Schätzungen, nach denen in jedem gegebenen Augenblick annähernd acht Millionen Amerikaner wegen Depressionen unmittelbar der therapeutischen Hilfe bedürfen. Allerdings sind sich die meisten unter ihnen dessen gar nicht bewusst.
Weshalb so viele Menschen ihre Depression nicht erkennen, liegt mit daran, dass dieser Zustand oft mit dem normalen Unglücklichsein verwechselt wird. Im Leben eines jeden gibt es Situationen, die ihn unglücklich machen. Aber unglücklich sein heißt traurig oder unzufrieden sein, wenn irgendetwas nicht im Lot ist, wobei man durchaus den Überblick behält. Deprimiert zu sein hingegen ist eine Stimmung, die die emotionale Verfassung eines Menschen grundlegend beeinflusst und die bestimmt, wie er sich selbst und seine Umgebung erfährt und wahrnimmt. «Wenn meine Frau und ich mal Streit haben, dann bin ich unglücklich darüber. Ich mag das nicht. Aber es gehört nun mal zum Leben dazu. Nach kurzer Zeit vertragen wir uns wieder. Vielleicht bedrückt es mich etwas, aber ich kann ruhig schlafen und bin trotz allem guter Dinge. Aber wenn ich deprimiert bin, dann sieht die Sache ganz anders aus. Es tut überall weh. Es ist beinahe etwas Körperliches. Ich kann abends nicht einschlafen, und ich kann die Nacht nicht durchschlafen. Selbst wenn ich zuweilen guter Laune bin, überfällt mich diese Stimmung dennoch fast jeden Tag. Sie färbt alles, was ich denke, sehe und tue. Wenn meine Frau und ich dann Streit haben, erscheint mir unsere Ehe hoffnungslos. Oder wenn ich ein geschäftliches Problem habe, auf das ich normalerweise nur mit einer gewissen Spannung und Frustration reagieren würde, das ich aber prompt und angemessen erledigen würde, komme ich mir wirklich wie ein kümmerlicher Geschäftsmann vor und ringe um mein Selbstvertrauen, statt den Schwierigkeiten ins Auge zu blicken und sie zu nehmen, wie sie sind.»
Dass es so schwer ist, eine Depression als solche zu erkennen, ist wesentlich durch die weit verbreiteten falschen Auffassungen über das Wesen der Depression bedingt. Viele, die von sich behaupten, sie seien deprimiert, meinen damit gar nicht, dass sie wirklich im klinischen Sinne depressiv sind, denn sie glauben, dass die echte Depression eine schwere seelische Krankheit ist. In ihrer Angst vor den Konsequenzen einer solchen Krankheit halten sie die Depression ausschließlich für einen äußerst schlimmen Zustand, der vielleicht Teil des manisch-depressiven Zyklus ist oder der den Menschen so hilflos macht, dass er in eine Klinik eingewiesen werden muss. Aber solche dramatischen Fälle von Depression bilden nur einen kleinen Ausschnitt aus der Gesamtheit depressiver Menschen. Die Mehrheit von ihnen erlebt vergleichsweise milde Formen dieses Zustands, der – obwohl gefährlich – leicht zu ignorieren ist. Folglich fällt es den meisten Betroffenen schwer, sich mit ernst zu nehmenden Berichten über die Melancholie zu identifizieren. Und daher ist die Depression für sie etwas, das nur jemand anderem widerfährt.
Außerdem sehen es viele immer noch als ein Zeichen von Schwäche an, wenn jemand in einer Stresssituation depressiv ist und folglich die Depression als die Ursache von Schwierigkeiten. Das heißt: Viele von uns würden lieber die Zeichen der Depression ignorieren, statt anzuerkennen, dass die Depression die einzig gesunde Reaktion auf manche Situationen des Lebens ist.
Wenn man depressiv wird, so ist dies eine allgemeine psychobiologische Reaktion auf Stress. Im Laufe des Lebens muss jeder Mensch mit einer Vielzahl von Stresssituationen fertig werden. Da der Mensch eine psychobiologische Einheit ist, wobei jeder Gedanke und jedes Gefühl eine entsprechende Veränderung in der Chemie des Nervensystems hervorruft, wird er sowohl auf physischer als auch auf psychischer Ebene auf Stress reagieren und ihn bewältigen. So mag eine heftige Virusinfektion eine Phase seelischer Depression auslösen, während der Tod eines geliebten Menschen Depressionen hervorrufen kann, die physische Komponenten aufweisen. Da der Mensch darüber hinaus ein soziales Wesen ist, wird seine Reaktion seine Umgebung beeinflussen und wiederum durch die Reaktion der Umwelt beeinflusst werden.
Stimmungsschwankungen von Tag zu Tag lassen sich als leichte Episoden der Depression auffassen. Fast jeder kennt Augenblicke, in denen er ein Gefühl der Sinnlosigkeit erlebt, empfindlicher ist als sonst und leicht zu Tränen neigt. Zu den charakteristischen Zeichen der Depression gehören eine Verdüsterung der Laune, Schlafstörungen, ein Verlust der Selbstachtung und des Überblicks. Andere mit der Depression verbundene Veränderungen sind etwa Müdigkeit, Energieverlust, der Wunsch, das Zusammensein mit anderen zu vermeiden, verringertes sexuelles Verlangen und eine verringerte Befriedigungsfähigkeit, geringer Appetit und Gewichtsverlust, Überempfindlichkeit, Furchtsamkeit und Reizbarkeit sowie körperliche Beschwerden ohne irgendeinen diagnostizierbaren Grund. Selten treten alle diese Beschwerden gemeinsam auf. Häufiger überwiegt das eine oder andere Symptom, zum Beispiel sexuelle Schwierigkeiten. Als die psychiatrische Ambulanz einer großen Universitätsklinik in den USA eine Sprechstunde für Sex-Therapie einrichtete, stieg die Zahl der Ratsuchenden von bisher einigen hundert im Monat auf 2000 im Monat allein für die Sex-Therapie. Bei den meisten dieser Patienten wurde festgestellt, dass sie in unterschiedlichem Maß an Depressionen litten.
Viele Menschen erkennen deshalb nicht, dass sie depressiv sind, weil sie nicht bereit sind, die ein oder zwei Anzeichen der Depression, die sie bemerkt haben, mit der allgemeinen Veränderung ihrer Stimmung in Verbindung zu bringen. Weil sie nicht gerade vorhaben, aus dem Fenster zu springen oder eine Überdosis Schlaftabletten zu nehmen, können sie nicht erkennen, dass sie vielleicht ebenso unter Depressionen leiden wie andere, die in einer schweren und akuten Reaktion auf Stress Wochen voller Angst und Mutlosigkeit erleben und an ihrem paradoxen Bemühen, es zu schaffen und zugleich doch nicht zu schaffen, zerbrechen.
Die depressiven Reaktionen lassen sich grob gesehen in zwei Formen unterteilen: eine akute, augenblickliche, und eine länger währende oder chronische. Die akute Depression ist eine kurzlebige, intensive, qualvolle, direkt erfahrene Stimmungsveränderung, von der sich der Einzelne für gewöhnlich innerhalb eines angemessenen Zeitraums wieder erholen kann. Sie kann Wochen und sogar Monate andauern, aber in der Regel entsprechen die Intensität und die Dauer der Reaktion dem Charakter der sie verursachenden Ereignisse. Es wäre zwar eindeutig unangebracht, nach zwei oder drei abgewiesenen Stellungsbewerbungen schwer depressiv zu werden, doch eine sechs Monate oder länger währende Phase der Depression im Anschluss an eine Scheidung ist ganz natürlich.
Eine akute depressive Reaktion kann verhältnismäßig leicht verlaufen: ein paar Stunden der Traurigkeit, ein vorübergehendes Gefühl, zurückgewiesen worden zu sein, ein oder zwei Tage der Enttäuschung. Sie kann andererseits außerordentlich intensiv verlaufen, wenn der Stress, der sie hervorruft, schwerwiegend ist und wenn die Person, die ihn erlebt, gerade diesem Stress gegenüber besonders empfindlich ist. Eine zweiundvierzigjährige Frau wurde akut depressiv, nachdem ihre Mutter und ihr achtzehnjähriger Sohn bei einem Verkehrsunfall umgekommen waren. Sie war völlig außer sich. Sie konnte nicht schlafen, weigerte sich zu essen und sprach mit niemandem. Oft hatte sie den Wunsch, selbst zu sterben. Mit ärztlicher Hilfe arbeitete sie sich innerhalb einiger Monate aus der intensiveren Phase ihrer Reaktion heraus, indem sie allmählich lernte, mit dem grausamen Geschehen fertig zu werden. Ihre akute Reaktion, so qualvoll und zerrüttend sie auch gewesen war, bewahrte sie davor, chronisch und hoffnungslos depressiv zu werden.
Akute depressive Phasen dienen als Ventil für starke Gefühle und sind insofern eine durchaus notwendige und wünschenswerte Form, auf gewisse schwerwiegende Veränderungen im Leben, etwa auf Verluste zu reagieren. Manche Ereignisse – eine Kündigung, der Tod eines Ehepartners, die schwere Krankheit eines Kindes – stellen für die meisten Menschen eindeutig eine Gefährdung dar. Auch das Ende einer Liebesbeziehung oder Ehe ist geeignet, eine Depression auszulösen, besonders wenn das Element der persönlichen Zurückweisung hinzukommt. Die Verdoppelung der Scheidungsquote in den USA in den letzten Jahrzehnten zum Beispiel hat bewirkt, dass zerrüttete Familienverhältnisse ein weit verbreiteter Auslöser von Depressionen bei den Kindern wie bei den Eltern sind. Das Ausmaß, mit dem der Einzelne auf einen bestimmten Verlust reagiert, wird durch seine Persönlichkeit bestimmt. Manche Menschen werden infolge ihrer Kindheitserfahrungen durch Verluste stärker in Mitleidenschaft gezogen, etwa wenn jemand schon als Kind durch Tod oder Scheidung einen oder beide Elternteile verloren hat.
Neben dem Verlust als Auslöser für eine Depression kann auch eine größere Zahl von Stresssituationen, die innerhalb eines gewissen Zeitraums auftreten, fast bei jedem eine depressive Reaktion hervorrufen, wie der Psychiater Eugene Paykel und andere nachgewiesen haben. Auch braucht es sich bei diesen Ereignissen nicht ausschließlich um Unglücksfälle zu handeln. Wenn jemand zum Beispiel eine wichtige berufliche Beförderung erhält und dadurch versetzt wird, eine größere Summe an der Börse verliert, und wenn dann noch sein einziges Kind Abitur macht und sich all dies innerhalb weniger Monate ereignet, dann nimmt es nicht wunder, wenn er etwas depressiv wird: Es ist dies eine natürliche Reaktion auf die sich häufenden Belastungen, auch wenn sie wahrscheinlich für ihn selbst ebenso verwunderlich ist wie für die anderen, da die meisten dieser Veränderungen allgemein als günstig angesehen werden.
Mit anderen Worten: Eine Serie von wichtigen Veränderungen – sei es zum Guten oder zum Schlechten –, wenn diese nur auf eine entsprechend kurze Zeitspanne zusammengedrängt sind, kann bei den meisten Menschen eine Depression hervorrufen. Die Folgen eines solchen Verhaltens für eine Gesellschaft wie die unsrige, in der es so viel Zerstörung von Lebensformen und Lebenswerten gibt, lassen sich ohne weiteres ausmalen.
Der Mensch kann nicht umhin, auf Stress psychobiologisch zu reagieren. Eine zu starke Reaktion ist ebenso problematisch wie eine zu geringe. Wenn jemand bei einer kritischen Belastung überhaupt keine Reaktion zeigt, dann muss man annehmen, dass er die Depression abblockt. Er setzt sich damit der Gefahr aus, dass Monate später eine verzögerte Reaktion eintritt oder dass er sich die heimtückischere Form der chronischen Depression zuzieht. Die chronische Depression ist mitunter auch die Nachwirkung einer akuten Depression, mit der erfolgreich fertig zu werden der Betreffende nicht genügend Energie oder Einsicht aufbrachte.
Im Gegensatz zur akuten Depression, die dem Menschen eine Gelegenheit zur Einsicht bietet, beeinträchtigt ihn die chronische Depression fast immer und bringt Komplikationen in sein Leben, die schwer korrigierbar und zuweilen irreversibel sein können. Der Stimmungswandel bewirkt eine dauernde Antriebslähmung, so als wäre das Nervensystem andauernd kurzgeschlossen, wodurch seine verstümmelnde Wirkung sich immer wieder verstärkt. Die Anzeichen der chronischen Depression ähneln denen der akuten Depression: geringe Selbstachtung, gesteigerte persönliche Empfindlichkeit, Schlaflosigkeit, Rückzug auf sich selbst, geringe Toleranz für Kritik, Schwierigkeiten bei Entscheidungen, die Neigung, Angelegenheiten aufzuschieben. Der Betroffene versucht, die Depression wegzurationalisieren: «Ich arbeite zu schwer», stellte ein vierunddreißigjähriger Geschäftsführer fest. «Bei drei Kindern im Hause habe ich keine Zeit für mich selbst. Das ist’s, warum ich die ganze Zeit müde bin.» Es besteht die Tendenz, die Ursachen für den Antriebs- und Energieverlust auf die unmittelbare Umgebung zu projizieren. Ältere Menschen werden eine solche langsame, schleichende Persönlichkeitsveränderung als einen Teil des «Älterwerdens» ansehen, als gehörten Gefühle der Sinnlosigkeit und der Lähmung notwendig zum Altern.
Mitunter ist die chronische Depression schwer zu diagnostizieren, einmal weil sie seit langem besteht und subtiler ist als die akute Depression und zum anderen weil sie eher zum Temperament oder zur Persönlichkeit des Betreffenden zu gehören, denn eine Stimmung zu sein scheint. «Er ist ein Pessimist, ein geborener Schwarzseher», sagte eine Frau, als sie ihren deprimierten Vater schilderte. Bei manchen Menschen kann der einzige Hinweis auf eine chronische Depression eine dauernde oder wiederholt auftretende Nervosität und Spannung sein, die auch durch leichte Beruhigungsmittel oder Erholung nicht zu lindern ist. Im Urlaub, fern von den üblichen Zwängen, empfindet der akut Depressive häufig eine anhaltende Besserung seiner Stimmung. Der chronisch Depressive hingegen fühlt sich fern von zu Hause mitunter sogar schlechter, und selbst wenn er einen leichten Stimmungswandel zum Positiven hin verspürt, wird er schnell wieder in seine Depression zurückfallen, sobald er in seinen gewohnten Lebensbereich zurückkehrt. Das Entscheidende an der chronischen Depression ist ihre Hartnäckigkeit: Sie geht nicht von selbst vorüber.
Der genaue Zeitpunkt, zu dem eine chronische Depression eingesetzt haben mag, ist schwer zu bestimmen. Anders als die akute Depression ist die chronische Form im Denken des Betreffenden meist von ihren Ursachen losgelöst. Gefühle, die zur Zeit der mit Stress verbundenen Ereignisse hätten erlebt werden müssen, wurden geleugnet, abgeblockt. Manche Leute begehen sogar den Irrtum, «stolz» darauf zu sein, wie scheinbar ruhig sie mit einem bestimmten Unglück fertig geworden sind. Die Bedeutung der ursächlichen Ereignisse kann also unbemerkt bleiben, weil der Betreffende im nämlichen Augenblick nicht genügend durch sie beunruhigt wurde.
Ein anschauliches Beispiel dafür bietet ein vierundzwanzigjähriger Mann, der deprimiert war, weil er glaubte, er habe bei seinen Berufsentscheidungen schwerwiegende Fehler gemacht. Er hatte mit dem Ziel studiert, Meeresbiologe zu werden, hatte aber dann, sechs Monate vor seiner Promotion, die Universität verlassen, um eine Stelle als Lehrer an einer Privatschule anzunehmen. Binnen weniger Monate gab er abermals seine Arbeit auf und kehrte diesmal zu seinen Eltern nach Hause zurück. Meistens war er schweigsam und mürrisch. Er und seine Familie verbrachten Stunden damit, immer wieder Pläne für seine Zukunft zu machen, gelangten aber nie zu einer endgültigen Lösung.
Niemand erkannte nämlich, dass der junge Mann schon, bevor er sein Studium aufgab, echt depressiv gewesen und dass der ursprüngliche Auslöser seiner Depression eine erlittene Zurückweisung war. Seine Freundin, mit der er seit mehreren Jahren zusammen gewesen war, hatte einige Zeit vorher die Beziehung abrupt abgebrochen. Er war mit der Ablehnung scheinbar spielend fertig geworden. Zwischen diesem Ereignis und dem Abbruch seiner Examensvorbereitungen lag eine Verzögerung von beinahe einem Jahr.
Eine solche Verzögerung zwischen der für die Depression verantwortlichen Veränderung und dem ersten Anzeichen eines Stimmungswandels ist bei der chronischen Depression üblich. Da dieser Stimmungswandel nicht als das erkannt wird, was er ist, können andere, durch die Depression verursachte Probleme in den Vordergrund treten. Eheschwierigkeiten, finanzielle Sorgen, sexuelle Frustrationen und viele andere Konflikte sind nicht selten durch den Einfluss dieser chronischen Stimmung auf den von ihr befallenen Menschen bedingt. Psychiater können die Tatsache bestätigen, dass weitaus mehr Zeit aufgewandt werden muss, um die von einem chronisch Depressiven aufgrund seiner Depression entstandenen Schwierigkeiten zu beheben, als die Ursachen der Depression selbst zu behandeln.
Was in Wirklichkeit Komplikationen der chronischen Depression sind, wird mitunter als eine Anhäufung von Problemen erlebt, die scheinbar aus dem Nichts entsprungen sind. Millionen Männer und Frauen machen sich zwar Sorgen um ihr Geschlechtsleben, sind sich aber des subtilen Zusammenspiels zwischen Stimmung und Sexualität nicht bewusst. Ehekonflikte rühren oft von Schwierigkeiten der Kommunikation her, die durch eine unerkannte Depression verursacht sind und so quälend werden können, dass sie die Partner an den Rand der Scheidung treiben. Die Depression zerstört für gewöhnlich die Kommunikation. Da der depressive Mensch überempfindlich ist, kann er zum Beispiel Schweigen fälschlich als Zurückweisung und mangelnde Liebe auffassen. Da er sich zurückzieht, können andere ihn hinwiederum so missverstehen, als wiese er sie zurück. Er fühlt sich allein gelassen. «Wären wir nicht alle besser dran», denkt er vielleicht, nach dem Beispiel des Journalisten aus Graham Greenes Roman ‹Der stille Amerikaner›, «wenn wir nicht versuchen würden zu verstehen, sondern wenn wir die Tatsache akzeptieren würden, dass kein Mensch je einen anderen verstehen wird, keine Frau ihren Mann, kein Liebender seine Geliebte, und auch kein Vater und keine Mutter ihr Kind? Vielleicht ist dies der Grund, warum die Menschen Gott erfunden haben, ein Wesen, das fähig wäre zu verstehen.»
Es gibt eine Situation, in der die chronische Depression heilsam sein kann – aber nur dann, wenn sie richtig erkannt und behandelt wird –, nämlich wenn diese hartnäckige Stimmung dem Betreffenden als Warnung dient und ihm sagt, dass er in seiner Familie oder an seinem Arbeitsplatz einem stetigen oder immer wiederkehrenden Einfluss ausgesetzt ist, der dauernd seine Selbstachtung untergräbt. Die Frau, die mit einem Mann verheiratet ist, der sie beim geringsten Anlass kritisiert und ihre Arbeit für die Familie herabsetzt, der Vizepräsident eines Unternehmens, dessen Präsident kurzsichtig, ausbeuterisch und wenig vertrauenswürdig ist, der heranwachsende Sohn oder die Tochter von Eltern, deren Verhalten von blinder Willkür diktiert ist – sie alle können chronisch depressiv sein, solange sie in dieser Umgebung bleiben und eine solche Geringschätzung, wenngleich passiv oder unbewusst, akzeptieren, ohne den Versuch zu machen, das ungleiche Verhältnis zu korrigieren.
Warum werden manche Menschen chronisch depressiv, statt sich offen und direkt, in Form einer akuten Depression, mit dem Stress auseinander zu setzen? Der akut depressive Mensch ist für gewöhnlich jemand, der im Alltag besseren Zugang zu seinen Emotionen und Gefühlen hat und sie effektiver auszudrücken weiß. Der chronisch depressive Mensch besitzt diese Fähigkeit nicht. Der akut depressive Mensch ist flexibler, und daher ist es weniger wahrscheinlich, dass er in seiner depressiven Stimmung gefangen bleiben wird. Es ist auch möglich, dass wichtige biochemische Faktoren bestimmen, ob eine depressive Reaktion binnen einer angemessenen Frist abgebaut oder chronisch wird. Durch Untersuchungen der neurophysiologischen Vorgänge im Gehirn wurde zum Beispiel nachgewiesen, dass beim depressiven Menschen meist Veränderungen im Stoffwechsel jener als biogene Amine bezeichneten Substanzen stattfinden, welche die Übermittlung von Impulsen durch das Nervensystem beeinflussen. Andere Studien beweisen, dass depressive Patienten Veränderungen im Hormon- und Mineralstoffwechsel, etwa im Kalziumstoffwechsel, zeigen, die sich erst dann zurückbilden, wenn die Depression weicht.
Doch ganz gleich, ob jemand akut oder chronisch depressiv wird, ist die Depression dennoch anderen Arten der Reaktion auf Stress, etwa den psychosomatischen Störungen, vorzuziehen. Indem sich nämlich der depressive Mensch aus der Depression herausarbeitet – ob aus eigener Kraft oder mit Hilfe neuerer psychotherapeutischer Methoden, wenn angezeigt, kombiniert mit neuen antidepressiven Medikamenten –, gewinnt er Einsichten, die entscheidend seine Fähigkeit stärken, seine Zukunft selbst zu meistern.
Dagegen bieten die psychosomatischen Krankheiten schlechtere Aussichten auf Heilung. Der Stress ist bekanntlich eine Hauptursache für die Entstehung sowohl von kardiovaskulären Krankheiten, wie etwa Hypertonie, als auch von Asthma, Kolitis, Magengeschwüren und anderen Krankheitsbildern. Wenn man einen Herzanfall oder ein Magengeschwür hat, so ist dies sozial akzeptabel. Es zeigt irgendwie, dass man ein hart arbeitender, erfolgsorientierter Mensch ist. Selbst wenn jemand dadurch gezwungen ist, aus Rücksicht auf seine Gesundheit einen Gang zurückzuschalten, werden die anderen dies insofern als vernünftig ansehen, als es für sein körperliches Wohlergehen notwendig ist. Deprimiert zu sein ist hingegen nicht sozial akzeptabel.
Hinzu kommt, dass eine Depression fast immer reversibel ist, während der Patient, der den über Herzanfall und Magengeschwür führenden Weg der Bewältigung von Stress eingeschlagen hat, sich gleichwohl mit der Tatsache abfinden muss, dass diese Krankheiten häufig irreversible körperliche Schäden nach sich ziehen. Der Ulkus-Patient, der auf Stress mit psychosomatischen Symptomen reagiert, kann plötzlich verbluten oder am Ende mit einem Loch im Magen oder gar nach einem chirurgischen Eingriff nur noch mit einem drittel Magen dastehen. Dennoch würden die meisten von uns – könnten wir wählen – unwillkürlich ein körperliches Leiden einer Depression vorziehen. Diese weit verbreitete Einstellung veranlasst Millionen Menschen, vor ihren Depressionen die Augen zu verschließen und nichts dagegen zu unternehmen.
Es ist Zeit, dass wir die Allgegenwart und die Ansteckungsgefahr der Depression erkennen. Sie ist genauso ein Problem der Sozialhygiene wie einst das Gelbfieber oder die Pocken. Und wir müssen endlich begreifen, dass Depressionen nicht nur eine ganz normale, gesunde Art der Reaktion auf Stress sind – eine Reaktion, die mitunter das Eingreifen des Arztes erfordert –, sondern dass sie auch, wenn wir sie nur anerkennen, Millionen Menschen die einmalige Lebenschance bieten, sich neu zu definieren: Seit langem schwelende destruktive Konflikte bei sich selbst und in ihrer Umwelt zu lösen.
Jede Begebenheit oder jede Veränderung im Leben eines Menschen, die diesen zwingt, einige Steine aus seinem Gebäude – aus welchen Gründen auch immer – herauszubrechen, muss für ihn schmerzhaft sein. Die Erfahrung einer akuten Depression ist für den Menschen nicht nur eine Gelegenheit, mehr über sich selbst zu lernen, sondern auch mehr er selbst zu werden.
Die Depression bietet die Chance zur Einsicht, darüber hinaus kann der «Zusammenbruch» den Prozess der Neuordnung des Lebens nach heftigem Stress – zum Beispiel nach einem Verlust – beschleunigen. Deprimiert zu sein – das ist eine unvermeidliche Begleiterscheinung, wenn man etwas hingeben muss: einen Menschen, eine berufliche Position, ein Stück von sich selbst. Je stärker die Bindung, je tiefer sie mit der Selbstachtung und den Abhängigkeitsbedürfnissen des Betreffenden verwoben ist, desto heftiger wird die Reaktion sein.
Die wohl bekannteste Situation, in der ein solches Hingeben mit Depressionen einhergeht, ist die Reaktion auf den Tod eines geliebten Menschen oder Abbruch einer Liebesbeziehung. Sigmund Freud unterscheidet in seiner Abhandlung ‹Trauer und Melancholie› zwischen dem Schmerz und der Depression. Wenn ein geliebter Mensch stirbt, ist nach seiner Auffassung die normale Reaktion Schmerz, die abnormale Reaktion Depression. Der Unterschied, so meint Freud, sei durch die Art der Beziehung bedingt, die vorher zwischen den beiden Menschen bestanden habe. Vor allem sei ausschlaggebend, ob gegenüber dem Verstorbenen irgendwelche unbewussten feindseligen Gefühle und Schuldgefühle bestanden hätten.
Diese Unterscheidung hat sich als irreführend erwiesen. Es ist sachdienlicher, den Schmerz als eine Form der akuten Depression anzusehen, die sich dann zu einer komplizierteren Störung auswächst, wenn der Betreffende den Verlust als so schmerzhaft empfindet, dass er nicht ohne ärztliche Hilfe mit seinen heftigen Gefühlen fertig werden kann. Weit schlimmer ist dagegen die Unfähigkeit zu trauern, die Unfähigkeit, zum Zeitpunkt des Verlustes überhaupt eine Depression durchzumachen. Versagt es sich der Betreffende, deprimiert zu sein, so treibt er die Reaktion gewissermaßen «unter die Oberfläche», von wo aus sie in aller Stille sein künftiges Leben beeinflussen wird.
Unsere Gesellschaft begünstigt nicht gerade das Erleben und den Ausdruck von Gefühlen. Im Gegenteil: Der Einzelne ist gehalten, seine Emotionen, häufig sogar vor sich selbst, zu verbergen. Unter welchem Stress er auch stehen mag: Solange er nicht körperlich krank ist, wird von ihm erwartet, dass er weiterhin gut funktioniert. Daher die Vorliebe für Stresssymptome wie Herzkranzgefäßerkrankungen oder Verdauungsstörungen, die es dem Einzelnen erlauben, abhängig und mehr oder minder unmündig zu werden, ohne Missachtung oder Kritik gewärtigen zu müssen.
Doch gerade derjenige, der bei einem empfindlichen Verlust nicht mit emotionalem Schmerz reagieren kann, ist in Gefahr, später von einer schleichenden, bösartigen chronischen Depression befallen zu werden, die sich nicht selten mit körperlichen Beschwerden tarnt. Wenn die Situation es rechtfertigt, wenn das Sichgehenlassen eine Notwendigkeit ist, dann ist es viel besser, einfach zusammenzubrechen. Die akute Depression bietet dazu die Möglichkeit.
Alois S. war vierzig, als sein Vater plötzlich an einem Herzinfarkt starb. Nachdem der erste Schock vorüber war, stellte er fest, dass er am liebsten allein war, dass er nachts oft aufwachte, dass er in Erinnerungen wühlte, dass er oft weinen musste. Seine Frau, für die Alois stets ein Muster an Stabilität gewesen war, erschrak vor der Offenheit seiner Gefühle. Als Wochen darüber hingingen, wurde sie ihm gegenüber immer kritischer. «Hast du jetzt nicht genug geweint?», hielt sie ihm vor, worauf Alois antwortete: «Wie viel ist genug?»
Ja, wie viel ist genug? Alois brauchte fast sechs Monate, um sich völlig von der Wirkung, die der Tod seines Vaters auf ihn gehabt hatte, zu erholen. Während dieser Zeit erlebte er immer wieder Phasen akuter Depression. Immer wieder stellten sich Spannungen und Anfälle von Traurigkeit ein, die von ein paar Stunden bis zu mehreren Tagen anhielten. Zu solchen Zeiten fiel es ihm schwer, sich zu konzentrieren und den Kontakt mit seinen Freunden und seiner Familie aufrechtzuerhalten. Da er unsicher war, ob die Kritik seiner Frau ob der Hartnäckigkeit seines Schmerzes vielleicht doch berechtigt sei, sprach er sich bei seinem Pfarrer aus. Schon bald wusste er, dass seine depressiven Gefühle ganz normal waren, und es gelang ihm, sich durch diese Gespräche von seinen Schuld- und Unzulänglichkeitsgefühlen zu befreien, wobei er gleichzeitig erkannte, dass die Unfähigkeit seiner Frau, sich in seine Stimmung hineinzuversetzen, aus ihrer eigenen Angst vor Gefühlen herrührte. Sobald er sich dieses Zusammenhangs bewusst war, konnte er seine eigenen Emotionen akzeptieren und seiner Frau helfen, sich mit ihrer Neigung, jede Gefühlsbekundung als ein Zeichen von «Schwäche» anzusehen, auseinander zu setzen.
Außerdem überdachte er noch einmal die Beziehung zu seinem Vater, wie sein Vater wirklich gewesen war, was seine Stärken gewesen waren und worin sein Vater ihn enttäuscht hatte. Er prüfte sich, was es für ihn selbst bedeutete, Vater zu sein. Allmählich ließ seine Trauer nach, und schließlich bezeichnete er sich als «besser zusammengesetzt, als ich es je vorher war».
In einer sich wandelnden Gesellschaft wie der unsrigen, in der Veränderungen rasch und meist ohne Vorwarnung eintreten, sind die Möglichkeiten, einen Verlust zu erleiden, besonders zahlreich. Psychiater, die den kulturellen Einfluss auf verschiedene emotionale Zustände untersucht haben, stellten fest, dass offene Depressionen häufiger in engmaschigen und hoch organisierten Gesellschaften auftreten, in denen die Wertsysteme leicht identifizierbar und die Mittel und Wege, Depressionen zu vermeiden, selten und schwer zu finden sind. Diese Studien zeigten auch, dass eine Gesellschaft im Übergang sich durch ein äußerst hohes Vorkommen von verdeckten Depressionen auszeichnet. Gründe dafür sind die große Unsicherheit hinsichtlich verbindlicher Wertsysteme (und zwar in solch hohem Maß, dass der Einzelne kaum weiß, wo er einen Maßstab für seine Selbstachtung finden soll) sowie die zahllosen Veränderungen der Umwelt, die dem Einzelnen in relativ kurzen Zeitabständen widerfahren. Die Depression bleibt häufig verdeckt, weil dem Mitglied einer so locker strukturierten Gesellschaft sich viele andere Möglichkeiten bieten, auf die Belastungen des Lebens zu reagieren, als deprimiert zu werden – Möglichkeiten, die vom antisozialen Verhalten über die Abhängigkeit von Drogen oder Alkohol bis hin zur relativ einfachen Lösung von Kommunikationsschwierigkeiten durch die Beendigung einer Beziehung, etwa durch Scheidung, reichen.
Jede Art der Veränderung, wenn es nur um etwas oder um jemanden geht, das oder der für den Betreffenden eine gewisse Bedeutung hat, wirkt in der Regel wie ein Katalysator für die Depression. Der Prozess des Erwachsenwerdens und Älterwerdens bedingt eine Reihe von Veränderungen. Jede Übergangsphase des Lebens, von der Kindheit über die Ehe bis zum Greisenalter, fordert ein gewisses Maß an Loslösung, an Hingeben. Soll es dem Menschen gelingen, von einer Phase zur nächsten fortzuschreiten, dann muss er fähig sein, eine Depression direkt und sinnvoll zu erfahren und auszuleben.
Auch Kinder können depressiv sein. Ihr Stimmungswechsel offenbart sich vor allem in ihrem Verhalten. Mit dem Beginn der Adoleszenz wird der junge Mensch sich erstmals wirklich seines inneren Gefühlslebens bewusst und kann die Depression als solche erkennen und empfinden. Für den Heranwachsenden ist es ein ganz normaler Zustand, deprimiert zu sein. Er erfährt sich zum ersten Mal als Individuum und als Mensch, der seinen Einfluss auf andere Menschen und sein Verhältnis zu ihnen selbst bestimmt. Dies ist für ihn eine Zeit der Trennung, der ersten wirklichen Trennung zwischen ihm und seinen Eltern. Der Vierzehnjährige hat jetzt das Bedürfnis, sich von seinem Elternhaus zu lösen, allein zu sein, mit anderen Gleichaltrigen zusammen zu sein. Gleichwohl bleibt seine Bindung an die Familie bestehen, und er hat mehr oder minder starke Schuldgefühle, weil er sie scheinbar ablehnt.
Die heutige Welt ist für den Heranwachsenden besonders schwierig. Der Psychiater Peter Blos bezeichnet die Jugend als den Puls der Gesellschaft. Wenn diese heute voller Unsicherheit und Unruhe ist, so spiegelt dies den Zustand einer Gesellschaft wider, die ähnlich gestört und aus den Fugen geraten ist. In Amerika und Westeuropa wird es dem Heranwachsenden besonders schwer gemacht, mit seinen Depressionen fertig zu werden. Angesichts der herrschenden Normenvielfalt und der sensorischen Überreizung zum Beispiel durch Videoclips werden viele irregeleitet, enttäuscht oder dazu verführt, ihre Not durch Sex, Drogen, Alkohol und Apathie zu beschwichtigen. Der Jugendliche, der zeitweilig eine offene Depression durchmacht, stellt kein Problem für sich selbst oder die Gesellschaft dar. Probleme schaffen diejenigen, die Trauer oder Enttäuschung nicht ertragen können, die keinen Zugang zu ihren Gefühlen haben und wenig Verständnis für das aufbringen, was ihnen widerfährt. Wahrscheinlich werden sie ihre Depression unterdrücken und sie durch negative Verhaltensformen wie die Schulflucht der so genannten Drop-outs oder das leichtfertige Inkaufnehmen einer unerwünschten Schwangerschaft ersetzen.
Ein weiteres Beispiel für einen entscheidenden Übergang, der oft mit Depressionen einhergeht, ist die Eheschließung. Auch wenn die Partner sich bereits lange kennen und seit einiger Zeit zusammenleben, fordert die Ehe tief greifende Veränderungen der Einstellung und der eigenen Erwartungen. Es geht nun nicht mehr bloß um einen Mann und eine Frau, die sich lieben und miteinander ihre Zeit verbringen. Zu den alltäglichen Dingen des Zusammenlebens in ungewohnten Rollen kommt jetzt noch die Notwendigkeit hinzu, ein neues Verhältnis zu Freunden und Verwandten zu finden. Aber auch die wirtschaftlichen Bedingungen haben sich verändert. So nimmt es nicht wunder, dass das Aufgeben der alten Freiheit – auch wenn diese Freiheit nur darin bestand, dass die Tür nach draußen, bildlich gesprochen, jederzeit offen stand – und das Eingehen einer neuen, dauerhafteren Bindung von einer mehr oder minder starken akuten Depression begleitet sein können. Wenn unverhofft eine akute depressive Stimmung eintritt und wenn sie falsch gedeutet oder, wie jeder praktische Arzt bestätigen kann, durch das Erscheinungsbild verschiedener psychosomatischer Störungen, etwa Kopfschmerzen, Harnleiterentzündungen, Müdigkeit, verschleiert wird, dann ist sie geeignet, die Basis der neuen Beziehung zu untergraben.
Das Bewusstwerden eines selbstschädigenden Verhaltensmusters und das Bemühen, dieses zu verändern, können mitunter akute Depressionen auslösen. Oft kommt in diesem Verhaltensmuster selbst eine tiefer liegende, unerkannte Depression zum Ausdruck. Der Fall von Robert D., einem fünfzigjährigen, seit zwanzig Jahren verheirateten Ingenieur, der akut depressiv wurde, illustriert, wie eine solche akute Reaktion den Einzelnen auf seine missliche Lage aufmerksam machen und ihn zwingen kann, sich mit ihr auseinander zu setzen. Vor drei Jahren waren beunruhigende Dinge geschehen. Seine Mutter war gestorben. Die Firma, für die er arbeitete, hatte mehrere Regierungsaufträge verloren, und infolgedessen war er entlassen worden.
Mit einigen früheren Kollegen gründete er eine eigene Beraterfirma, die unter harter Konkurrenz um ihre Existenz zu kämpfen hatte. Da er seine Frau nicht beunruhigen wollte, verheimlichte er ihr das Ausmaß seiner finanziellen Krise. Immer wenn gewisse persönliche Ausgaben, etwa das Schulgeld für die beiden Kinder, zu bestreiten waren, borgte er das Geld, während er seiner Frau erzählte, dass sein neues Unternehmen gut floriere.
Er selbst arbeitete zwar unter Hochdruck, um seine neue Firma aus der Flaute zu ziehen, doch schlief er zunehmend schlechter und erwachte um drei Uhr morgens voller Angst und Sorgen. Telefongespräche mit künftigen Kunden schob er auf die lange Bank. Seine Büroarbeit blieb liegen. Inzwischen baute er vor seiner Frau emsig ein Gespinst von Täuschungen auf, um, wie er hoffte, nicht ihre Achtung zu verlieren.
Plötzlich aber brach sein System zusammen. Die Banken, von denen er geborgt hatte, forderten die sofortige Rückzahlung der Kredite. Er konnte seiner Frau die Situation nicht länger verhehlen. Naturgemäß war sie durch sein Geständnis schockiert, sodass er mehrere Tage lang mit dem Gedanken des Selbstmords spielte. «Ich kann ihr nie wieder ins Gesicht sehen. Sie wird mir nie wieder vertrauen», dachte er. Sein selbstschädigendes Verhalten, dessen Ursachen der Tod seiner Mutter und seine Entlassung gewesen waren, wurde nun durch Ereignisse unterbrochen, die eine schmerzhafte akute Depression auslösten.
In seiner Verzweiflung vertraute er sich einem nahen Freund an, der ihm vorschlug, den Rat eines Psychiaters einzuholen. Widerstrebend fand er sich bereit, einen Psychiater aufzusuchen, der ihm erst einmal Antidepressiva verordnete und dann daranging, mit ihm zusammen die bedeutsamen, mit seiner Depression zusammenhängenden Fragen durchzuarbeiten. Er war durch seine Entlassung verletzt und verärgert worden, konnte aber mit diesen Gefühlen nicht fertig werden, weil er sie weitgehend blockiert hatte. Außerdem litt er an Schuldgefühlen, weil er seinen Arbeitsplatz verloren hatte, als wäre dies ein persönliches Versagen gewesen. Aus Unsicherheit hatte er befürchtet, dass seine Frau die Achtung vor ihm verlieren würde. Daher nahm er zu einer Reihe von Lügen Zuflucht, um ihr seine Schwierigkeiten zu verheimlichen. Während ein Teil seines Selbst versuchte, die neue Firma in Schwung zu bringen, arbeitete ein anderer Teil ihm entgegen und machte seine Bemühungen zunichte.
Nach sechs Wochen Behandlung fühlte er sich bereits viel besser. In mehreren Sitzungen gemeinsam mit seiner Frau gelang es schließlich, das gegenseitige Vertrauen wiederherzustellen und eine neue Basis für ihr Zusammenleben zu schaffen. Robert D. war nicht nur erleichtert, weil die Tatsachen nun offen zutage lagen, sondern er schlief auch besser, war energischer und verlor seinen Hang, sich Sorgen zu machen und alle Angelegenheiten aufzuschieben. Er staunte, wie seine Schaffenskraft zunahm. Als er anfing, sich im Geschäftsleben aggressiver durchzusetzen, erhielten er und seine Partner mehrere größere Aufträge, die das Überleben ihrer Firma sicherten.
Robert D. war mit Vorbehalten an die therapeutische Behandlung herangegangen, erstens, weil er immer noch Psychotherapie und Psychoanalyse gleichsetzte, das heißt, dass es Zeit und Geld kosten würde, ihm zu helfen, und zweitens, weil er an ihrem Wert zweifelte: «Was kann eine Therapie mir schon nützen, wo meine Probleme doch ganz real sind? Eine Therapie kann schließlich keine Aufträge beschaffen oder die Achtung meiner Frau vor mir wiederherstellen.» Dank der Therapie und des Nachlassens seiner Depression aber gelang es ihm, eben diese beiden Ziele zu verwirklichen.
Die akute Depression bietet also eine echte Möglichkeit, eine seit langem bestehende, seit Jahren ihre subversive Wirkung ausübende unerkannte Depression aufzulösen. So erkannte eine fünfundfünfzigjährige Frau erst, als sie während einer schweren rheumatischen Erkrankung ihrer Tochter akut depressiv wurde, dass sie bereits seit längerem an einer chronischen Depression litt. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte sie sich nie für depressiv gehalten. Ihre Überempfindlichkeit, ihr geringes sexuelles Interesse und ihre Neigung zu sozialem Rückzug wurden von ihr selbst wie auch von ihrer Familie als «Persönlichkeitsmerkmale» eingestuft und nicht als Zeichen einer zugrunde liegenden Depression gesehen. Wie viele andere bewältigte sie das normale Pensum an Stress und Belastung, indem sie Konflikten aus dem Weg ging und, wenn es einmal härter kam, ihre Frustrationen mit ein paar Gläschen Schnaps hinunterspülte. Erst durch die Krankheit ihrer Tochter, die zum Auslöser ihrer akuten Depression wurde und sie einen Therapeuten aufsuchen ließ, erkannte sie, wie sehr ihre chronische Verstimmtheit sie an einem erfüllten Leben gehindert hatte.
Darüber hinaus haben depressive Episoden aber noch eine weitere, komplexere Funktion. Nachdem sie behoben sind, können sie dem Einzelnen eine Gelegenheit bieten, mehr Persönlichkeit zu entwickeln, sensibler, kreativer, effektiver zu werden. Die Depression schwächt die Lebenskraft. Eine solche Stimmung macht es schwierig, wenn nicht unmöglich, Problemlösungen ins Auge zu fassen. Und doch werden die meisten kreativen Menschen – ob man nun das Wort «Kreativität» im engeren künstlerischen Sinn auffasst oder darunter allgemein die Fähigkeit versteht, die Dinge in einem neuen Licht zu sehen und originelle, eigene Vorstellungen zu entwickeln – bestätigen können, dass sie wichtige Phasen akuter Depression durchgemacht haben, aus denen sie stets zu erhöhter Kreativität gelangten.
Warum ist dies so? Warum kann eine Phase, in der man deprimiert und hoffnungslos ist, das Vorspiel zu einer Steigerung der Kreativität sein? Die Antwort liegt im Wesen der Kreativität selbst. Um überhaupt kreativ zu sein, muss der Mensch fähig sein, alte, festgefahrene Überzeugungen aufzugeben, welche die Neubeurteilung einer Situation blockieren. Vor vierzig Jahren war man zum Beispiel der Meinung, die Weiblichkeit einer Frau hänge davon ab, dass sie früh heiratete und mehrere Kinder hatte. Neuerdings ist man der Ansicht, Frauen sollten sich für ein akademisches Studium und/oder eine Karriere entscheiden, selbst wenn dies den Verzicht auf Ehe und Familienleben bedeuten könnte. In jedem Fall steht die Frau unter einem ungeheuren Druck, dem jeweiligen Vorurteil zu gehorchen, das gerade im Schwange ist. Die Unfähigkeit, sich von solchen Einflüssen zu befreien, aber hemmt ihre Entscheidung über ihre Zukunft und hindert sie daran, mit Phantasie und Selbsterkenntnis jeweils den Lebensweg einzuschlagen, für den sie die beste Eignung mitbringt.
