Depression - Pierre Dinner - E-Book

Depression E-Book

Pierre Dinner

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Beschreibung

"Depressiv sein", was heißt das? Da die Störung auch heute noch oft nicht erkannt wird oder Unklarheit zum therapeutischen Vorgehen herrscht, bleibt sie häufig unbehandelt. Dr. Pierre Dinner, Psychiater und Psychotherapeut, stellt die 100 wichtigsten Fragen zum Thema und beantwortet sie fachgerecht. Neben Fragen wie - Welche Formen von Depression gibt es? - Wie stellt man eine Diagnose? - Wie entsteht eine Depression? - Was ist Depression im Alter? - Welche Erscheinungsformen und verwandte psychische Erkrankungen gibt es? - Welche Therapieformen kommen in Frage? stellt sich der Autor in der 3. Auflage auch neuen Themen, wie zum Beispiel den computerbasierten Psychotherapien. Eine Liste der Handelsnamen der im Text erwähnten Medikamente für Deutschland, Österreich und die Schweiz ergänzt das Buch. "Heureka! Das gibt es also doch: ein umfassendes, kurz gefasstes, übersichtliches, für Laien verständliches und Fachleute lehrreiches Buch über Depressionen." (Schweizer Zeitschrift für Psychiatrie & Neurologie)

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Seitenzahl: 295

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Pierre Dinner

Depression

100 Fragen, 100 Antworten – Hintergründe, Erscheinung, Therapie

3., überarbeitete und aktualisierte Auflage

Depression

Pierre Dinner

Wissenschaftlicher Beirat Programmbereich Psychologie:

Prof. Dr. Guy Bodenmann, Zürich; Prof. Dr. Lutz Jäncke, Zürich; Prof. Dr. Franz Petermann, Bremen; Prof. Dr. Astrid Schütz, Bamberg; Prof. Dr. Markus Wirtz, Freiburg i. Br.

Dr. med. Pierre Dinner

Olgastrasse 6

8001 Zürich

Schweiz

E-Mail: [email protected]

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Hogrefe AG

Lektorat Psychologie

Länggass-Strasse 76

3012 Bern

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Tel: +41 31 300 45 00

E-Mail: [email protected]

Internet: http://www.hogrefe.ch

Lektorat: Dr. Susanne Lauri

Herstellung: René Tschirren

Umschlagabbildung: © iStock/jacoblund

Umschlaggestaltung: Claude Borer, Riehen

Satz: punktgenau GmbH, Bühl

Format: EPUB

3., überarbeitete und aktualisierte Auflage 2019

© 2005/2010 Verlag Hans Huber, Hogrefe AG, Bern

© 2019 Hogrefe Verlag, Bern

(E-Book-ISBN_PDF 978-3-456-95958-0)

(E-Book-ISBN_EPUB 978-3-456-75958-6)

ISBN 978-3-456-85958-3

http://doi.org/10.1024/85958-000

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Anmerkung:

Sofern der Printausgabe eine CD-ROM beigefügt ist, sind die Materialien/Arbeitsblätter, die sich darauf befinden, bereits Bestandteil dieses E-Books.

Zitierfähigkeit: Dieses EPUB beinhaltet Seitenzahlen zwischen senkrechten Strichen (Beispiel: |1|), die den Seitenzahlen der gedruckten Ausgabe und des E-Books im PDF-Format entsprechen.

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Hintergründe der Depression

Einleitende Kapitel

▪ Frage 1: Was ist eine Stimmung?

▪ Frage 2: Was versteht man unter vegetativem Nervensystem?

▪ Frage 3: Was führt zu Verstimmungen?

▪ Frage 4: Was ist eine Depression?

▪ Frage 5: Was ist keine Depression?

▪ Frage 6: Welche Funktion kann eine Depression haben?

▪ Frage 7: Welches sind berühmte Personen, die mit Depressionen gelebt haben?

Diagnostik

▪ Frage 8: Wie stellt man die Diagnose Depression?

▪ Frage 9: Was ist ein Wahn?

▪ Frage 10: Gibt es kulturelle Unterschiede in der Erscheinungsform von Depressionen?

Biologie der Depression

▪ Frage 11: Welches sind die biologischen Grundlagen der Depression?

▪ Frage 12: Welche Zusammenhänge bestehen zwischen dem „Stresshormon“ Cortisol und Depressionen?

▪ Frage 13: Wie funktionieren die Neurotransmitter, und was ist in der Depression verändert?

Zur Entstehung von Depressionen

▪ Frage 14: Gibt es eine depressive Persönlichkeitsstruktur?

▪ Frage 15: Wie kommen Depressionen zustande?

▪ Frage 16: Kann Depression vererbt werden?

▪ Frage 17: Wie häufig sind Depressionen?

▪ Frage 18: Gibt es Zusammenhänge zwischen Stress und Depressionen?

▪ Frage 19: Führt Mobbing zu Depressionen?

▪ Frage 20: Führt Stalking zu Depressionen?

▪ Frage 21: Warum treten Depressionen bei Frauen häufiger auf?

Verlauf, Gefahren und Komplikationen

▪ Frage 22: Welche Verlaufsformen und Schweregrade gibt es bei Depressionen?

▪ Frage 23: Was kann man zur Entwicklung von Suizidgedanken sagen?

▪ Frage 24: Woran erkennt man eine Suizidgefährdung?

▪ Frage 25: Welche körperlichen Symptome können bei einer Depression auftreten?

▪ Frage 26: Welche Formen von Schlafstörungen gibt es?

▪ Frage 27: Wie kann man sexuelle Störungen angehen?

Erscheinungsformen der Depression

Erscheinungsformen und verwandte psychische Erkrankungen

▪ Frage 28: Was versteht man unter einer reaktiven Depression?

▪ Frage 29: Was ist Melancholie?

▪ Frage 30: Worum handelt es sich bei einer Dysthymie?

▪ Frage 31: Was ist eine saisonale Depression, was eine atypische Depression?

▪ Frage 32: Was ist eine larvierte Depression?

▪ Frage 33: Worum geht es bei chronischen Schmerzen und somatoformen Störungen, wie behandelt man sie?

▪ Frage 34: Worum handelt es sich bei bipolaren Störungen?

▪ Frage 35: Was sind generalisierte Angststörungen, was Panikattacken?

▪ Frage 36: Worum handelt es sich bei Posttraumatischen Belastungsstörungen?

▪ Frage 37: Worum geht es bei Bulimie und Anorexie?

▪ Frage 38: Was liegt bei Aufmerksamkeitsstörungen vor,  was bei Hochbegabung?

▪ Frage 39: Worum geht es bei sozialer und anderen Formen von Phobie?

▪ Frage 40: Worum geht es bei Zwangserkrankungen?

Depressionen von Jung bis Alt

▪ Frage 41: Gibt es Depressionen bei Säuglingen?

▪ Frage 42: Wie erkennt man eine Depression bei Kindern?

▪ Frage 43: Worum handelt es sich beim Burn-out-, Bore-out- und Brown-out-Syndrom?

▪ Frage 44: Was ist im Alter normal, und was sind Zeichen einer Depression?

Depressionen bei Frauen und Männern

▪ Frage 45: Liegt beim prämenstruellen Syndrom (PMS) eine Form von Depression vor?

▪ Frage 46: Was lässt sich zu Depressionen während der Schwangerschaft sagen?

▪ Frage 47: Worum geht es beim Babyblues und bei der Wochenbettdepression?

▪ Frage 48: Gibt es Zusammenhänge zwischen Schwangerschaftsabbruch und Depression?

▪ Frage 49: Bestehen Zusammenhänge zwischen Menopause und Depression?

▪ Frage 50: Gibt es Zusammenhänge zwischen Andropause, Midlife-Crisis und Depression?

▪ Frage 51: Gibt es eine männliche Variante der Depression?

Körperliche Erkrankungen und Depression

▪ Frage 52: Führen Eisen- und Vitaminmangel zu Depression?

▪ Frage 53: Gibt es Zusammenhänge zwischen Schilddrüsenerkrankungen und Depression?

▪ Frage 54: Depression und Krebs, gibt es Zusammenhänge?

▪ Frage 55: Werden Infektionsabwehr und Entzündungsgeschehen durch eine Depression beeinflusst?

▪ Frage 56: Führen Erkrankungen und Verletzungen des Gehirns und Rückenmarks gehäuft zu Depression?

▪ Frage 57: Bestehen Wechselwirkungen zwischen Krankheiten der Herzkranzgefäße und Depressionen?

▪ Frage 58: Welche Zusammenhänge bestehen zwischen Depression und Osteoporose?

▪ Frage 59: Wie hängen Übergewicht und Depression  zusammen?

▪ Frage 60: Gibt es Wechselwirkungen zwischen Zuckerkrankheit und Depressionen?

▪ Frage 61: Wie hängen Entzündungen, Schmerzstörungen und Depression zusammen?

▪ Frage 62: Depression und Drogen, gibt es Zusammenhänge?

Therapie der Depression

Allgemeines zur Therapie

▪ Frage 63: Wie kann man eine Depression behandeln?

▪ Frage 64: Vielfalt der Therapieangebote: Chance oder Gefahr?

Psychotherapie

▪ Frage 65: Wie wirkt Psychotherapie?

▪ Frage 66: Worum handelt es sich bei der kognitiven Verhaltenstherapie?

▪ Frage 67: Was ist von computerbasierten Psychotherapien zu halten?

▪ Frage 68: Worum handelt es sich bei der Interpersonellen Psychotherapie?

▪ Frage 69: Was trägt die Psychoanalyse zum Depressionsverständnis bei?

▪ Frage 70: Um welche Art von Behandlung geht es bei EMDR?

▪ Frage 71: Was versteht man unter Cognitive Behavioral Analysis System of Psychotherapy (CBASP)?

▪ Frage 72: Was bringt eine Paartherapie im Falle depressiver Erkrankungen?

Medikamentöse Therapie

▪ Frage 73: Wie wirken die heutigen Antidepressiva?

▪ Frage 74: Welches ist die Geschichte der medikamentösen Depressionsbehandlung?

▪ Frage 75: Welche Kritik wird an der Verabreichung von Antidepressiva geübt?

▪ Frage 76: Wie läuft eine medikamentöse Behandlung ab?

▪ Frage 77: Warum kombiniert man Antidepressiva?

▪ Frage 78: Was lässt sich zu Rückfallrisiko und vorsorglicher Behandlung sagen?

▪ Frage 79: Wann kann man Antidepressiva wieder absetzen, und worauf ist zu achten?

▪ Frage 80: Wird man von den Medikamenten abhängig oder wesensverändert?

▪ Frage 81: Sind Medikamente nicht nur eine oberflächliche Symptombekämpfung?

▪ Frage 82: Worum geht es bei Non-Respondern?

▪ Frage 83: Wie wirken trizyklische und tetrazyklische Antidepressiva?

▪ Frage 84: Wie wirken die selektiven Wiederaufnahmehemmer von Serotonin und Noradrenalin?

▪ Frage 85: Welche weiteren Wirkungsmechanismen gibt es bei Antidepressiva?

▪ Frage 86: Wie wirken Johanniskraut und Gelbwurz?

▪ Frage 87: Was lässt sich zu den Nebenwirkungen von Antidepressiva sagen?

▪ Frage 88: Können in Zukunft noch neuere Antidepressiva erwartet werden?

▪ Frage 89: Worum handelt es sich bei Stimmungsstabilisatoren?

Andere biologische Therapien

▪ Frage 90: Was weiß man über die Elektrokrampftherapie bei Depression?

▪ Frage 91: Worum handelt es sich bei  der Vagus-Nerv-Stimulation?

▪ Frage 92: Was lässt sich zu Therapien mit Magnetfeldern und mit Ultraschall sagen?

▪ Frage 93: Gibt es neurochirurgische Verfahren zur Depressionsbehandlung?

▪ Frage 94: Was ist eine Schlafentzugsbehandlung?

▪ Frage 95: Was ist eine Lichttherapie?

Alternative Therapien, Selbsthilfe und Unterstützung

▪ Frage 96: Weiß man etwas über Akupunktur in der Depressionsbehandlung?

▪ Frage 97: Lassen sich Depressionen auch durch Homöopathie behandeln?

▪ Frage 98: Kann die Ernährung Depressionen beeinflussen?

▪ Frage 99: Wie lässt sich mit eigenen Mitteln eine Depression angehen?

▪ Frage 100: Wie verhält man sich als Freund oder Angehöriger gegenüber einer depressiven Person?

Anhang

Internationale Klassifikation der Depressionen

Wirkstoffe und Präparatenamen im deutschsprachigen Raum

Literaturhinweise und Internetadressen

Sachwortregister

Der Autor

|11|Einleitung

Das älteste bekannte literarische Dokument einer depressiven Stimmung, ein Textdokument, in dem ein Mann im Dialog mit seiner Seele seine Todessehnsucht kundgibt, stammt aus der 12. Dynastie der alten Ägypter und lässt sich auf 2000 vor Christus datieren. In der griechischen Kultur finden sich im 5. Jahrhundert vor Christus früheste bildliche Darstellungen von Depression und auch erste medizinische Texte, festgehalten in der hippokratischen Schriftsammlung. Auch wenn sich seit diesen ersten Zeugen der Auseinandersetzung mit Depression ein großes Wissen herangebildet hat und das Gebiet weltweit intensiv beforscht wird, besteht noch heute eine sehr unbefriedigende Behandlungssituation.

Depressionen sind häufige Erkrankungen, die in einer Vielzahl von Lebenssituationen erscheinen können und noch allzu oft unbehandelt bleiben, weil sie nicht erkannt werden. Dies reicht von leichteren depressiven Zuständen, beispielsweise überlastungsbedingten, die mit Gesprächstherapien und gewissen Umstellungen der Lebensweise hilfreich angegangen werden können, bis zu schweren Depressionen, bei denen nebst einer Gesprächsbegleitung biologische Behandlungsmethoden angezeigt sind. Depression, vor allem aber die unbehandelte depressive Störung, birgt die Gefahr in sich, ein Leben in direkter Weise, wie auch über negative Auswirkungen auf die körperliche Gesundheit, zunehmend zu beeinträchtigen und sogar bis zu Invalidität zu führen. Gemäß WHO ist zu erwarten, dass im Jahr 2030 Depression in den Industrieländern die häufigste Krankheit sein wird.

Für das Lebensschicksal des einzelnen Menschen wie auch aus ökonomischer Sicht besteht deshalb ein wesentliches Interesse, Depressionen frühzeitig diagnostizieren und einer geeigneten Behandlung zuführen zu können. Dazu sollten für einen möglichst großen Personenkreis die verschiedenen Erscheinungsformen von Depression erkennbar werden, darüber hinaus aber auch die Entstehungsweisen, die Vorboten, die biologischen Gegebenheiten, die Therapie- und Vorsorgemöglichkeiten, die Verknüpfungen mit anderen Krankheiten und weitere wichtige Aspekte dieser Krankheit. So ist zu hoffen, dass sich die Voraussage der WHO korrigieren lässt.

|12|Das vorliegende Werk ist auf dem Hintergrund von drei Jahrzehnten an therapeutischen Kontakten mit depressiven Menschen und deren Bedürfnis nach Hilfe und Aufklärung über ihr Leiden entstanden. Das Buch soll den Lesern und Leserinnen mit Fragen und den zugehörigen Antworten als in sich geschlossenen kleinen Einheiten ermöglichen, mit geringem Aufwand gezielt die sie interessierenden spezifischen Aspekte depressiven Geschehens kennenzulernen und sich mit geweckter Neugier weiter im vieldimensionalen Raum der Depressionen vorzutasten.

Anzumerken ist, dass trotz aller Gewissenhaftigkeit, die für die Redaktion des Buches verwendet worden ist, Ungenauigkeiten bestehen können. Namentlich beim Beschrieb der verschiedenen Medikamente haben deshalb ausschließlich die Angaben der Pharmafirmen Verbindlichkeit, und der Verlag kann für allfällige unkorrekte oder überholte Informationen keine Verantwortung übernehmen.

|13|Hintergründe der Depression

Die in diesem Buchabschnitt unterbreiteten Informationen sollen dem Leser diagnostische Grundlagen und biologisches Wissen zur Depression vermitteln. Es werden Einblicke in die Vielfalt der Belastungen gegeben, die Depression entstehen lassen und deren Verlauf erschweren. Risiken, Vorboten und Komplikationen der Erkrankung sollen damit erkennbar werden und mit ihnen Ansätze für entlastende Vorkehrungen.

|15|Einleitende Kapitel

▪ Frage 1: Was ist eine Stimmung?

Die Stimmung entspricht biologisch gesehen der allgemeinen gefühlsmäßigen, körperlichen (s. Frage 2) und gedanklichen Ausrichtung auf ein bestimmtes, im jeweiligen Moment überwiegendes Bedürfnis. Andere Bedürfnisse werden zu dieser Zeit entsprechend hintangestellt. Man ist beispielsweise zum Arbeiten aufgelegt oder befindet sich in einer Stimmung zärtlicher Aufmerksamkeit, in ängstlicher Ablehnung, in zorniger Kampfbereitschaft, in heiterer Geselligkeit, in nagender Eifersucht, in gespannter Neugier oder in zufriedenem Dösen. Man ist auf eine bestimmte Weise eingestimmt, und diese Gestimmtheit verleiht der betreffenden Person für eine gewisse Zeit eine besondere, einheitliche Färbung ihres Wesens. Stimmung ist gleichsam ein Barometer für die gesamte momentane seelische Verfassung, die sich gleicherweise in Gefühlen, körperlichem Befinden, Gedanken und Handlungen ausdrückt.

Versucht man, eine Einteilung für die verschiedenen Stimmungen zu finden, dann bilden sich schnell einmal Begriffspaare wie gut oder schlecht, glücklich oder unglücklich, gehoben oder gedrückt. Es kommt damit die unumgängliche Zweiteilung aller Lebensvorgänge zum Vorschein, mit den Schwankungen zwischen Spannung und Entspannung, Lust und Unlust. Stimmungen werden von Erlebnissen ausgelöst, inneren Erlebnissen körperlicher (z. B. Hunger) oder seelischer Art (z. B. Erinnerungen), können aber auch von außen angeregt werden (z. B. durch gute Nachrichten, durch Musik, Bilder, Gerüche, Berührungen usw.), wobei die auslösenden Faktoren oftmals nicht zu vollem Bewusstsein gelangen. Manchmal können sich verschieden geartete Erlebnisse auch kombinieren und eine Verfassung ergeben, in der man sich gleichsam auf der Kippe zwischen schlechter und guter Stimmung befindet, von beiden etwas spürt. Beispielsweise bei einer Mischung von ärgerlicher und zärtlicher Gestimmtheit, so wie in der Natur durch die Gegensätzlichkeit von Gewitter und Sonnenschein eine dramatische Wetterstimmung mit einem zarten Regenbogen entstehen kann.

|16|Die Stimmungen dauern normalerweise beschränkt an und weichen wieder anderen Gestimmtheiten, da sonst weitere seelische oder körperliche Lebensbedürfnisse, die ebenfalls ihren Platz beanspruchen, nicht befriedigt werden könnten. Werden Stimmungen und die damit zusammenhängenden Bedürfnisse nicht angemessen ausgelebt, sondern immer wieder unterdrückt, dann können über anhaltende innere Spannungen Depressionen entstehen. Besonders bekannt und verbreitet ist dies im Fall von Aggressionshemmungen, bei denen das Bedürfnis, sich zur Wehr zu setzen, ausgebremst wird und Ärger und Wut auf der Strecke bleiben (s. Frage 24).

▪ Frage 2: Was versteht man unter vegetativem Nervensystem?

Unter dem vegetativen oder autonomen Nervensystem versteht man die Gesamtheit der dem Bewusstsein und dem Einfluss des Willens entzogenen Nervenbereiche. Das vegetative Nervensystem regelt die zentralen Lebensfunktionen wie Atmung, Herzfunktion, Verdauung, Stoffwechsel, Wasserhaushalt und weitere mehr und stimmt die Tätigkeiten der einzelnen Körperbereiche aufeinander ab.

Am Beispiel plötzlicher Angst, bei der einem das Herz bis zum Hals klopft, die Haare sich sträuben, der Atem stockt, einem heiß und kalt wird und vielleicht auch plötzlicher Durchfall einsetzt, wird ersichtlich, welch enge Zusammenhänge zwischen psychischen und vegetativen Vorgängen bestehen.

Auch bei den Depressionen, diesen psychischen Erkrankungen, zeigt sich in körperlichen Erschöpfungszuständen, Appetitstörungen, Potenzverlust, ausbleibenden Monatsblutungen und weiteren körperlichen Symptomen, dass psychisches und körperliches Geschehen nicht voneinander getrennt werden können, sondern Hand in Hand ablaufen.

▪ Frage 3: Was führt zu Verstimmungen?

Verstimmungen und auch angenehme Stimmungen sind ihrem Wesen nach vorübergehend. Sie kommen und gehen, begleiten als normale Erscheinungen unser ganzes Leben. Zu Verstimmungen wie Unlust, Bedrücktheit, Verärgerung und weiteren Formen schlechter Stimmung kann jede Art von Einwirkung auf die Psyche führen.

|17|Verstimmungen können durch körperliche Leiden ausgelöst werden, durch Hirnkrankheiten, durch allgemeine körperliche Krankheiten, hormonelle Unter- oder Überfunktion, Herzleiden und vieles mehr. Es gibt körperliche Erkrankungen, die das psychische Befinden auf direkte Weise stark beeinflussen, wie dies beispielsweise bei Hirndurchblutungsstörungen, Parkinson-Krankheit, Multipler Sklerose, HIV-Erkrankungen, Blutmangel, Veränderungen des Hormonspiegels und weiteren Erkrankungen der Fall ist. Depressionen, die unmittelbar durch körperliche Krankheiten ausgelöst werden (Erkrankungen der Schilddrüse, der Nebennieren, der Hypophyse sowie gewisse Gehirnerkrankungen), wurden früher als organische Depressionen bezeichnet (s. Fragen 53 ff).

Zu einem anderen Teil bewirken körperliche Erkrankungen indirekt seelische Verstimmungen, nämlich über eine Beeinträchtigung des körperlichen Wohlbefindens (z. B. durch Schmerzen, Fieber, Müdigkeit). Bei 5 bis 15 Prozent der depressiven Erkrankungen stellt man körperliche Auslöser fest. Man kennt auch eine ganze Reihe von Medikamenten, wie beispielsweise die hormonellen Kontrazeptiva („Antibabypille“), die mit unerwünschten Arzneiwirkungen zu Verstimmungen führen können.

Eine Krebserkrankung beispielsweise (s. Frage 54) kann über Stoffwechselveränderungen direkt eine Depression bewirken, aber auch indirekt über anhaltende Schmerzen (s. Frage 61) oder über belastende Nebenwirkungen der verordneten Medikamente. Und schließlich kann auch die psychische Belastung, die eine solche Erkrankung mit sich bringt, zu Depression führen.

Von den körperlich bedingten findet sich ein fließender Übergang zu den häufigeren psychogenen Verstimmungen, das heißt den Verstimmungen als Folge schwieriger Erfahrungen, sei es in der Gegenwart oder aus der Kindheit. Bei etwa 10 bis 30 Prozent der depressiven Ersterkrankungen ist im unmittelbaren Vorfeld eine schwere psychische Belastung oder Konfliktsituation zu erkennen. Was die Kindheit betrifft, so weiß man, dass frühe seelische Entbehrungen und Verletzungen im späteren Leben zu Ängsten und zu Depressionen führen können (s. Fragen 41und42).

Im Zusammenhang mit Stimmungen macht ein neueres Verständnis der zentralnervösen Vorgänge deutlich, dass jedes Erleben zuerst über spezielle Strukturen wie die Mandelkerne (Amygdala) des limbischen Systems (s. Fragen 36und88), ein zentrales Regulationssystem im Endhirn, eine emotionale Bewertung erfährt und anschließend entsprechende körperliche Reaktionen (s. Frage 2) ausgelöst oder Handlungen in die Wege geleitet werden. Unter anderem wird in Stresssituationen über den be|18|nachbarten Hypothalamus die Stressachse aktiviert (s. Frage 12). Interessant ist, dass unser Gehirn ein gewisses Maß an Stress benötigt, damit Handlungen aktiviert werden, und gewisse Leistungen entfalten sich nur unter einem erhöhten Stresspegel. Unter übersteigertem und anhaltendem Stress jedoch sowie bei den daraus entstehenden Depressionen wird die Emotionswahrnehmung weniger gut reguliert, was den Ausprägungsgrad von Ängsten und anderen unangenehmen Emotionen verstärkt und die Leistungsfähigkeit vermindert. Über oder unter einem moderaten Stressvolumen mit anregender Wirkung sinken damit Aktivitätsbereitschaft und Leistungen.

Als gestört ist ein Zustand dann anzusehen, wenn eine Stimmung nicht mehr verklingt, sondern so anhaltend wird, dass andere für ein ausgeglichenes Leben notwendige Bedürfnisse mit den sie begleitenden Stimmungen nicht mehr ausreichend gelebt werden können. Dies gilt für anhaltende Verstimmungen wie Ängstlichkeit, Niedergeschlagenheit, Gereiztheit oder andere mehr, die nicht mehr weichen wollen, aber auch für gehobene Stimmungen, wenn solche sich nicht mehr legen (s. Frage 34).

▪ Frage 4: Was ist eine Depression?

Bei der Depression handelt es sich um ein psychisches Krankheitsbild mit einem gesamthaft gedrückten Lebensgefühl, das sich im Psychischen und Körperlichen auswirkt. Dies wird vom Patienten in Form von Beschwerden wahrgenommen und lässt sich anhand von Symptomen beobachten.

Als Depression bezeichnet man Verstimmungen, die in Tiefe und Dauer ein der jeweiligen Lebenssituation entsprechendes Maß von Gemütsschwankungen überschreiten. Diese Verstimmungen beinhalten Denk- und Gefühlsstörungen, Antriebsstörungen, Wahrnehmungsstörungen, Ängste und körperliche Störungen.

Im Bereich des Denkens und Fühlens findet sich eine Einengung auf negative Erlebensaspekte, begleitet von Niedergeschlagenheit, Mutlosigkeit, Sinnlosigkeitsempfindungen und der Unfähigkeit, Freude und auch Trauer zu empfinden. Diese grundlegende Hoffnungslosigkeit lässt sich durch Zuwendung und Aufmunterungen nicht positiv beeinflussen. Das Denken wird zusätzlich durch Konzentrations-, Merkfähigkeits- und Gedächtnisstörungen behindert. Es ist einförmig und unpro|19|duktiv, kreist um belastende, quälende Inhalte, und es gelingt nicht, sich davon abzulenken. Im Laufe des Tages kann sich der Zustand aufhellen, sodass man sich abends noch am besten fühlt, doch befindet man sich am nächsten Morgen erneut in einem Tief.

Die Antriebsstörungen machen sich in Form von Gehemmtheit bei gleichzeitiger innerer Unruhe bemerkbar. Es fehlt an Elan, Initiative und Entscheidungsfähigkeit. Die ganze psychische Kraft ist gleichsam abhandengekommen. Ein normaler Tagesablauf wird erschwert oder gar verunmöglicht.

Die Wahrnehmung ist eigenartig gestört. Man sieht und hört zwar alles, aber es spricht einen nicht an, es ist wie unwirklich. Man bewegt sich unter den anderen Menschen, gehört aber irgendwie nicht dazu, sondern befindet sich wie unter einer Glocke. Den Wahrnehmungen fehlt die Qualität der Lebendigkeit.

Angst begleitet den depressiven Zustand derart diffus, dass man vor allem Angst hat, vor dem Alltag, dem Leben, den Veränderungen, aber auch vor ganz banalen Dingen. Man traut sich nichts zu und hat Angst, alles falsch zu machen. Die Einengung des Denkens kann zusammen mit einer allgemeinen Verängstigung zu depressiven Wahngedanken führen (s. Frage 9).

Körperlich können sich nebst Schlafschwierigkeiten (s. Frage 26), derentwegen man am nächsten Morgen erschöpft ist und am liebsten gar nicht aufstehen möchte, mannigfache Schmerzen und Funktionsstörungen bemerkbar machen (s. Frage 25).

Wenn sich Menschen ihre depressive Stimmungsschwankung als Versagen vorwerfen, können diese Vorwürfe einen zusätzlich lähmenden Druck ausüben, was die Patienten in einem eigentlichen Teufelskreis noch tiefer in depressive Muster sinken lässt. Insgesamt kann eine Depression eine so große seelische Belastung darstellen, dass ein Kranker im verzweifelten Wunsch nach innerer Ruhe und Erlösung suizidgefährdet wird (s. Frage 23und24). Dann ist es äußerst wichtig, dass mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln erst mal das Überleben des Depressiven sichergestellt wird. Denn mit den heute existierenden psychotherapeutischen und biologischen Möglichkeiten kann in der Folge die Depression in vielen Fällen geheilt oder zumindest gebessert werden (s. Fragen 63 ff).

|20| ▪ Frage 5: Was ist keine Depression?

Der Begriff Depression hat in der Alltagssprache eine gewisse Ausweitung erfahren, sodass man zum Beispiel sagen hört: „Gestern hatte ich eine recht starke Depression.“ Es ist nun durchaus möglich, dass ein Tag oder auch ein ganzes Wochenende von Niedergeschlagenheit, Sorgen, Enttäuschungsgefühlen, Hilflosigkeitsempfindungen, schlechter Laune oder anderen Formen des Verstimmtseins geprägt ist und sich zur Beschreibung dieses Zustandes in der Umgangssprache der Begriff „depressiv“ anbietet. Ist diese Verstimmung jedoch am nächsten Tag wieder verschwunden oder wäre sie durch einen Kinobesuch oder einen angenehmen Telefonanruf gleich wieder aufgelöst worden, so handelt es sich nicht um eine Depression im medizinischen Sinn, nicht um ein Krankheitsgeschehen.

Weiterhin müssen auch Trauer und Depression voneinander abgegrenzt werden. Trauer, Niedergeschlagenheit und Bedrücktheit sind normale Empfindungen und dienen der seelischen Verarbeitung namentlich von Abschieds- beziehungsweise Verlusterfahrungen (Tod einer geliebten Person, Trennung aus einer nahen Beziehung, Verlust von Besitz, Misslingen einer wichtigen Prüfung, Erkrankung als Verlust der Gesundheit, Beendigung eines Lebensabschnitts wie zum Beispiel bei der Pensionierung usw.). Die Gefühle lassen sich einteilen in lustvolle und unangenehme. Wir alle kennen Traurigkeit, Zerknirschung, Resignation, Schuldgefühle, Angst, Ärger, Wut, Enttäuschung, Einsamkeit, Verlorenheit, Hoffnungslosigkeit und viele andere belastende Gefühle. Alle Gefühle, auch die unangenehmen, gehören zum normalen Erleben eines jeden Menschen. Die Fähigkeit, das ganze Spektrum von Gefühlen spüren zu können und in diesem Sinne über eine intakte emotionale Grundausstattung zu verfügen, stellt eine Grundvoraussetzung dar, um seelisches und körperliches Befinden wahrnehmen und bewerten zu können. Alle Gefühle sind wichtig, und sie stellen auch dann, wenn sie auf unsere Stimmungslage drücken, keine Erkrankung dar. Bleibt die Fähigkeit zu Gefühlsempfindungen jedoch eingeschränkt, so ist dies häufig ein Anzeichen für eine seelische Störung, beispielsweise für eine Depression.

Das Kennzeichen einer normal gedrückten Stimmungslage ist, dass sie auch wieder anderen Stimmungen weicht, dass man sich wieder an etwas freuen, lachen und heiter sein kann. Bei einem Abschiedsschmerz beschäftigen sich die Gedanken mit dem Verstorbenen, und die Intensität der Trauer lässt bei wellenförmigem Verlauf in der Regel allmählich nach. In einer Depression dagegen verharrt man in pessimistischen Empfindun|21|gen von Wertlosigkeit, in Niedergeschlagenheit und Hoffnungslosigkeit. Alles ist grau und man kann sich nicht mehr freuen, aber auch nicht richtig trauern. Es herrscht ein Zustand anhaltender dumpfer Bedrücktheit, in dem man sich zu nichts aufraffen kann.

▪ Frage 6: Welche Funktion kann eine Depression haben?

Es lässt sich beobachten, dass ein bestimmtes Stressvolumen, dem ein Mensch nicht mehr gewachsen ist (s. Frage 18), nach einer gewissen Zeit zu Überforderungserscheinungen führt. Man findet hierbei einen fließenden Übergang von mehr oder weniger isolierten Störungen wie Nervosität, Gereiztheit, Schlafstörungen, Magen-Darm-Beschwerden, Verspannungen der Rückenmuskulatur, Kopfschmerzen und anderen Symptomen zu einer umfassenden depressiven Symptomatik mit Denk- und Gefühlsstörungen, Antriebsstörungen, Wahrnehmungsstörungen, Ängsten und körperlichen Störungen (s. Frage 4). Während erste Zeichen noch übersehen werden können, wird mit der Zunahme der Symptome immer deutlicher, dass es dem betroffenen Menschen schlecht geht. In den depressiven Symptomen können Überforderungssignale gesehen werden. Diese lassen die depressive Person wahrnehmen, dass sie sich zu viel zumutet, und die Umgebung merkt, dass es ihr nicht mehr gut geht. In diesem Sinne übt die Depression nach innen und nach außen eine Signalfunktion aus.

Man wird auch feststellen, dass der von einer Depression befallene Mensch sich nicht mehr konzentrieren kann und Gedächtnisschwierigkeiten entwickelt, am Morgen nicht mehr aufstehen mag, kraft- und interesselos wird. Der Depressive sendet dann nicht mehr nur Signale aus, sondern er funktioniert nicht mehr, er kann nicht mehr mithalten und bleibt am Morgen liegen. Es gibt in der Depression in diesem Sinne eine primäre Gruppe von Symptomen, die den betreffenden Menschen zu einem Rückzug zwingen, ihm eine Pause auferlegen oder einen Ausstieg aus einer Lebensform, der er nicht gewachsen ist. Auf diese Weise übt Depression eine Schutzfunktion gegen bestimmte Formen von Überforderung und deren Folgen aus. Sie schützt einen Menschen davor, sich weiter einem Stress aussetzen zu müssen, der sich auf schwerere Weise schädlich auswirken könnte. Dies gilt namentlich für Überforderungen am Arbeitsplatz (s. Fragen 19und43), wo die Depression zu Krankschreibungen führen kann und damit zu einer direkten Entlastung. Gefährliche körperliche Folgen |22|von anhaltendem Stress findet man unter anderem in Form von Diabetes, Herzerkrankungen und sogar Tod durch Überarbeitung, wie mit dem „Karoshi“-Tod aus Japan bekannt geworden ist. In ihren schweren Formen kann die Depression einen Zustand völliger Teilnahmslosigkeit und Inaktivität hervorrufen, bei welchem gleichsam mit dem Ziehen einer letzten Notbremse das Überleben gesichert wird.

Auch wenn man in den depressiven Reaktionen unter bestimmten Lebensumständen eine Schutzfunktion erkennen kann, so handelt es sich doch um eine ausgesprochene Notlösung. Ein solcher Ausstieg aus einer Überforderungssituation bleibt stark konfliktbelastet und wird nicht selten von einer sekundären Gruppe von Symptomen wie Selbstvorwürfen, Ängsten, Kränkungsgefühlen, Versagensempfindungen, Selbstwerteinbruch, Hoffnungslosigkeit sowie Verzweiflung bis zu Suizidgedanken begleitet.

Wird eine Therapie mit Antidepressiva eingeleitet, so sollte sie grundsätzlich in eine Psychotherapie eingebettet sein, in der die gleichzeitig bestehenden inneren Konflikte aufgearbeitet werden und möglichst auch eine krank machende Situation am Arbeitsplatz, in der Wohnumgebung oder in der Familie angegangen und einer besseren Lösung zugeführt wird.

▪ Frage 7: Welches sind berühmte Personen, die mit Depressionen gelebt haben?

Es gibt eine lange Reihe begabter Menschen, die ihr Leben trotz erheblicher Behinderung durch depressive oder manisch-depressive Erkrankungen, trotz Zeiten großer seelischer Not intensiv gelebt haben und uns mit ihrer Kreativität bis heute weiter beschenken.

In alphabetischer Reihenfolge seien hier ein paar dieser Persönlichkeiten erwähnt:

Ludwig van Beethoven, 1770–1827

Deutscher Komponist, litt unter manisch-depressiver Krankheit und ertaubte überdies im Jahr 1800.

Willy Brandt, 1913–1992

Deutscher Bundeskanzler, Friedensnobelpreisträger, litt unter schweren Depressionen.

|23|Sir Winston Churchill, 1874–1965

War während des 2. Weltkrieges Premierminister von Großbritannien und wurde zu einem der größten Staatsmänner der Weltgeschichte. Er litt an einer manisch-depressiven Krankheit. „The Black Dog“ war Churchills berühmter Name für depressive Gestimmtheit.

Charles Dickens, 1812–1870

Britischer Schriftsteller, litt unter schweren Depressionen.

Kaiserin Elisabeth (Sissi), 1837–1898

Die österreichische Kaiserin litt zeitlebens unter Depressionen, gegen die sie verbissen ankämpfte.

Johann Wolfgang von Goethe, 1749–1832

Deutscher Schriftsteller, litt wiederholt unter Depressionen.

Ernest Hemingway, 1899–1961

Amerikanischer Schriftsteller, litt unter schweren Depressionen und nahm sich das Leben.

Audrey Hepburn, 1929–1993

Britische Schauspielerin, litt unter wiederholten Depressionen.

Franz Kafka, 1883–1924

In Prag geborener deutschsprachiger Schriftsteller, litt unter Depressionen.

Heinrich von Kleist, 1777–1811

Deutscher Schriftsteller, litt unter Depressionen und suizidierte sich.

Abraham Lincoln, 1809–1865

16. Präsident von Amerika, litt unter schweren Depressionen und war streckenweise arbeitsunfähig und suizidgefährdet.

Edvard Munch, 1863–1944

Norwegens berühmtester Maler erlebte während seiner Kindheit den Tod seiner Mutter und seiner 15-jährigen Schwester Sophie. Er litt in seinem späteren Leben unter Depressionen und Alkoholproblemen.

Eugene O’Neill, 1888–1953

Amerikanischer Dramatiker, erhielt 1936 den Nobelpreis für Literatur. Er litt unter schweren depressiven Erkrankungen.

|24|Robert Schumann, 1810–1856

Einer der großen deutschen Komponisten und Pianisten, litt unter manisch-depressiven Erkrankungen.

Rod Steiger, 1925–2002

Amerikanischer Schauspieler, litt wiederholt unter Depressionen.

Vincent Van Gogh, 1853–1890

Maler, dessen Genie zu Lebzeiten verkannt blieb, litt unter manisch-depressiver Krankheit.

Tennessee Williams, 1911–1983

Amerikanischer Dramatiker und Erzähler, litt unter schweren Depressionen.

Virginia Woolf, 1882–1941

Britische Schriftstellerin, litt unter manisch-depressiven Erkrankungen mit Perioden intensiven Schreibens und wochenlanger Schwermut. Sie starb durch Suizid.

Die Lebensschicksale dieser Menschen lassen erkennen, dass Depression eine sehr schwere und selbst lebensgefährliche Erkrankung sein kann. Sie lebten in Zeiten, in denen die vielfältigen Therapiemöglichkeiten, die heute den Patienten zugutekommen, noch nicht existierten. Gleichzeitig soll diese unvollständige Liste allen, die mit der Mühsal depressiver Erkrankungen konfrontiert sind, den Mut und das Vertrauen geben, dass auch depressive Zeiten ins Leben integriert werden und den Weg zu einem erfüllten Dasein frei lassen können.

|25|Diagnostik

▪ Frage 8: Wie stellt man die Diagnose Depression?

Ein paar gezielte Fragen können helfen, eine Depression zu erkennen:

Leidet man seit mindestens zwei Wochen an einer vorwiegend niedergeschlagenen Stimmung?

Kann man sich nicht mehr freuen?

Kann man schlecht einschlafen oder wacht nachts auf, ohne wieder einschlafen zu können?

Hat man größere Mühe, Entscheidungen zu treffen?

Haben sich mit der Stimmungsverschlechterung auch körperliche Beschwerden eingestellt?

Verspürt man eine sonst nicht gekannte Ängstlichkeit?

Besteht ein charakteristischer Tagesablauf, morgens ein Tief, gegen Abend eine Aufhellung?

Haben schon früher Phasen von Niedergeschlagenheit und/oder auffälligem Glücksgefühl bestanden?

Finden sich Depressionen, Suchtkrankheiten oder Suizide in der Familie?

Vom Max-Planck-Institut in Berlin ist ein Kurztest zur schnellen Erkennung einer Depression entwickelt worden. Der Test, der auf die Anwendung bei jungen Frauen ausgerichtet ist, beinhaltet vier Fragen. Wird jede einzelne mit Ja beantwortet, so liegt eine Depression vor:

Haben Sie diese Woche mehr geweint als früher?

Waren Sie diese Woche enttäuscht von sich oder haben Sie sich gehasst?

Sahen Sie diese Woche besonders mutlos in die Zukunft?

Hatten Sie diese Woche das Gefühl, eine Versagerin zu sein?

Dank seiner Kürze eignet sich dieser Test für alle praktizierenden Ärzte, denen in der Konsultation wenig Zeit zur Verfügung steht. Bei Männern (s. Frage 51), bei Kindern (s. Frage 42) und auch bei älteren Menschen (s. Frage 44) stellen sich die Symptome teilweise erheblich anders dar, |26|weshalb die Fragen für diese Zielgruppen spezifisch angepasst werden müssten.

Das Bild oder die Diagnose einer Depression ergibt sich aus einem Zusammenspiel von Symptomen, die sich beobachten lassen, und von Beschwerden, die vom Patienten geschildert werden (s. Fragen 4und29). Dieses Beschwerdebild von psychischen und körperlichen Symptomen wird als depressives Syndrom bezeichnet. Es liegt eine anhaltende Niedergeschlagenheit im ganzen Lebensgefühl vor (Freud- und Hoffnungslosigkeit), die sich mit allgemeiner Antriebslosigkeit, einer bedrückten Müdigkeit verbindet. Die Gedankengänge sind weitgehend negativ fixiert (Wertlosigkeitsempfindungen, Schuldgefühle) und führen häufig zu Ängsten, den Anforderungen des Lebens nicht gewachsen zu sein. Dazu können sich mannigfache körperliche Symptome gesellen, wie Schlafstörungen, Druckempfindungen im Kopf und auf der Brust, Übelkeit, Appetitstörungen mit Gewichtsveränderungen und vieles mehr (s. Frage 25).

Zur Untermauerung einer Diagnose und zur Verlaufsbeurteilung von Depressionen existieren spezielle Depressionsfragebögen, während das Festhalten einer Diagnose zunehmend den Richtlinien international standardisierter Klassifizierungen nach DSM-V und ICD-10 (s. Anhang) folgt.

▪ Frage 9: Was ist ein Wahn?

Im Normalfall steht den Menschen für die Erfahrungen, die sie im Alltag machen, eine Palette von Interpretationsmöglichkeiten zur Verfügung. Wenn man beispielsweise von jemandem angeschaut wird, dann kann man denken, es geschehe in Gedankenversunkenheit oder man erinnere die Person an jemanden, die Kleidung gefalle der anderen Person oder sie wolle uns eine Frage stellen und noch vieles mehr. Wenn man jedoch felsenfest davon überzeugt ist, man werde ausschließlich deswegen angeschaut, weil man ein abgrundtief schlechter Mensch sei und deswegen verachtet werde, wenn einem entsprechend keine anderen Interpretationsmöglichkeiten eines Ereignisses mehr zur Verfügung stehen als nur gerade diese eine, dann spricht man von wahnhafter Gewissheit oder von Wahn. Im wahnhaften Denken findet sich eine Einengung der Verstehensmöglichkeiten für Begebenheiten auf eine einzige Interpretation, die in keiner Weise mehr infrage gestellt werden kann.

In der Depression spricht man von depressivem Wahn und bezeichnet damit Zustände von Versündigungswahn, Verschuldungs- oder Verar|27|mungswahn und Krankheitswahn oder hypochondrischem Wahn. Der depressive Wahn lässt höchst intensiv Urängste des Menschen aufbrechen, Ängste vor Ruin und Untergang im Seelischen, im materiellen Besitz und in der Gesundheit. Es sind Wahnideen, die in die pessimistische, depressive Empfindungs- und Sichtweise des Kranken hineinpassen und in diesem Sinne als sogenannter synthymer (der Grundstimmung entsprechender) Wahn bezeichnet werden.

In einer manischen Krankheitsphase (s. Frage 34) wiederum findet man Zustände von Größen- und Allmachtswahn, die zum Störungsmuster der übermäßig gehobenen manischen Stimmungslage passen.

▪ Frage 10: Gibt es kulturelle Unterschiede in der Erscheinungsform von Depressionen?

Untersuchungen bei amerikanischen Jugendlichen zeigten auf, dass solche asiatischer Abstammung dazu neigen, ihre Gefühle und die Mitteilung unangenehmer Empfindungen zu unterdrücken, während solche afrikanischer Abstammung ihre persönlichen Schwierigkeiten ohne Verwendung von Vermeidungsstrategien viel direkter auszudrücken pflegen.

Bei Amerikanern koreanischer Herkunft wurde beobachtet, dass Bedrücktheit und Energielosigkeit symbolhaft mittels Klagen über Lungenbeschwerden ausgedrückt werden. Hier dienen verschiedene Körperorgane als Symbolträger für bestimmte Formen psychischer Probleme. Ein Wort für Depression fehlt in verschiedenen Kulturen auch gänzlich, was dazu führt, dass Depression und auch andere Formen psychischer Not dort über eine Körpersprache mitgeteilt werden.

In der chinesischen Bevölkerung, in der stoisches Ertragen von Leid vielfach idealisiert wird und Depression weitgehend als Ausdruck einer schwächlichen Lebensenergie Qi (s. Frage 97) und auch als Zeichen von Charakterschwäche gilt, drückt sich Depression vermehrt über körperliche Symptome aus, insbesondere über Schmerzen. Die Mitteilung von seelischer Not über körperliche Ausdrucksformen hängt hier auch damit zusammen, dass in der traditionellen chinesischen Medizin keine Unterscheidung zwischen Körper und Psyche stattfindet. Diese Sichtweise hebt sich fundamental vom westlichen Krankheitsverständnis ab, das Körper und Psyche als getrennt betrachtet.

Intensität und Bewertung aller möglichen Gefühle unterscheiden sich in den verschiedenen Kulturen, in den Subkulturen und sogar von Mensch |28|zu Mensch und dadurch auch der Umgang mit diesen Gefühlen, die Ausdrucksform für Empfindungen sowie die Art und Weise, den Herausforderungen des Lebens zu begegnen. Entsprechend können sich auch die Erscheinungsformen von Depression durch kulturelle und individuelle Prägung sehr vielfältig darstellen.

Das -Klassifikationssystem DSMV (siehe Anhang: Internationale Klassifikation der Depressionen) versucht dem mit „culture-bound syndromes“, sogenannten kulturgebundenen Syndromen (Syndrom = Gruppe von zusammengehörigen Symptomen), Rechnung zu tragen. Dennoch vermag ein noch so präzise gestaltetes Beschreibungs- und Klassifizierungsinstrument der Vielfalt von Erscheinungsformen menschlichen Erlebens grundsätzlich nicht umfassend gerecht zu werden, und dies natürlich auch im Bereich depressiver Erkrankungen (s. Fragen 29und51).

|29|Biologie der Depression

▪ Frage 11: Welches sind die biologischen Grundlagen der Depression?

Wie andere Lebensvorgänge lassen sich auch Depressionen grundsätzlich nur in einer ganzheitlichen Sichtweise verstehen, die sich von der künstlichen Trennung in Körper und Psyche distanziert. Im Biologischen wird sichtbar, dass Depression weit umfassender ist als nur Folge einer veränderten Hirnfunktion. Depression ist nach heutiger Erkenntnis Ausdruck der Störung diverser komplexer Regelkreise des Organismus, die in Wechselwirkung zueinander stehen.

Solche Regelkreise verändern sich nicht nur bei Depressionen, sondern auch im Zusammenhang mit Traumatisierungen sowie Angst-, Zwangs- und anderen Impulsstörungen. Die im Rahmen der biologischen Depressionsforschung hauptsächlich untersuchten Gebiete sind die Veränderungen im Bereich der Neurohormone (Nervenhormone) der Hypothalamus-Hypophysen-Nebennieren-Achse, auch Stressachse genannt (s. Frage 12), sowie die Störungen bei den Neurotransmittersystemen von Serotonin, Noradrenalin und Dopamin. Die letztgenannten Störungen sind in den Verbindungsstellen von Nervenzellen lokalisiert, in den speziellen Strukturen, die für die Erregungsübertragung verantwortlich sind (s. Frage 13).

Bei den Neurotransmittern findet sich auch GABA (Gamma-Aminobutyric Acid, zu Deutsch Gamma-Aminobuttersäure