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»Von 2011 bis 2013 habe ich über jeden Tag, den ich im Ausland verbracht habe, kurze Notizen auf meinem Blog – www.tschabitscher.me – verfasst. In dieser Zeit haben sich Erlebnisse angehäuft, die wieder und wieder von mir erzählt wurden; an Freunde, an Bekannte, an Verwandte, an Fremde, die mitten im Nirgendwo ein Zimmer in einer Herberge mit mir teilten. Dieses Buch bietet eine Auswahl der Erlebnisse, die ich besonders oft erzählt habe; Erlebnisse, die mir besonders am Herzen liegen – nicht, weil sie schön oder lustig sind, sondern weil sie absurd sind. Absurd in dem Sinne, dass sich die Welt in ihrer ganzen realen Pracht meiner Ideenwelt entgegengesetzt und mich zutiefst überrascht hat. So wie man von einer Glasscheibe überrascht wird, wenn man mit Schwung gegen sie läuft. Um diesen Schwung zu erhalten, habe ich mich so weit wie möglich an die originalen Aufzeichnungen von meinem Blog gehalten. Jedes berichtete Erlebnis ist in sich geschlossen und kann als eine Kurzgeschichte gelesen werden. Wie es Kurzgeschichten so an sich haben, beginnen und enden sie irgendwo und lassen Fragen unbeantwortet. Je nach Erfahrungsstand des Lesers mögen manche dieser Momentaufnahmen normal, ja sogar banal erscheinen. Das viele Erzählen hat einige der Geschichten für mich selbst banal werden lassen. Doch im Augenblick des Erlebens waren sie alles andere als das. Sie waren absurd. Sie waren überraschend. Sie haben mich die Welt mit anderen Augen sehen lassen. Und sie haben mich zu der Überzeugung gebracht, dass die Welt in ihrem tiefsten Inneren absurd ist, dass sie nicht von platonischen Ideen beherrscht wird, die wir erkennen können, sondern dass sie unserem Denken und Erkennen diametral entgegengesetzt ist und uns immer wieder erstaunen wird. Darum hoffe ich, dass auch dem »er-fahren-en« Leser einige der Geschichten die Augen für die absurden Details unserer Welt ein wenig mehr öffnen werden.«
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Seitenzahl: 216
Veröffentlichungsjahr: 2014
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David Tschabitscher, geboren 1988 in Silz, Österreich, studierte Linguistik und Philosophie in Innsbruck, sowie Management in Bangkok. Derzeit lebt, studiert und schreibt er in Thailand. Jede freie Minute verbringt er reisend, um neue Inspirationen für philosophische und literarische Texte zu bekommen.
Für Martin und Sarah, die mich alleine in die weite Welt trieben, Patric und Philipp, die überall mit mir hingingen und meine Eltern, die mich immer wieder heimkommen ließen.
Besonderer Dank gilt meinen beiden Lektoren:
Sepideh Heydarpur und Daniel Huter
Von 2011 bis 2013 habe ich über jeden Tag, den ich im Ausland verbracht habe, kurze Notizen auf meinem Blog – www.tschabitscher.me – verfasst. In dieser Zeit haben sich Erlebnisse angehäuft, die wieder und wieder von mir erzählt wurden; an Freunde, an Bekannte, an Verwandte, an Fremde, die mitten im Nirgendwo ein Zimmer in einer Herberge mit mir teilten.
Dieses Buch bietet eine Auswahl der Erlebnisse, die ich besonders oft erzählt habe; Erlebnisse, die mir besonders am Herzen liegen – nicht, weil sie schön oder lustig sind, sondern weil sie absurd sind. Absurd in dem Sinne, dass sich die Welt in ihrer ganzen realen Pracht meiner Ideenwelt entgegengesetzt und mich zutiefst überrascht hat. So wie man von einer Glasscheibe überrascht wird, wenn man mit Schwung gegen sie läuft. Um diesen Schwung zu erhalten, habe ich mich so weit wie möglich an die originalen Aufzeichnungen von meinem Blog gehalten.
Jedes berichtete Erlebnis ist in sich geschlossen und kann als eine Kurzgeschichte gelesen werden. Wie es Kurzgeschichten so an sich haben, beginnen und enden sie irgendwo und lassen Fragen unbeantwortet.
Die Geschichten stehen in einem losen Zusammenhang. Sechs Reisen liegen zu Grunde: Türkei 2011, Griechenland 2011, Balkan-Tansania 2012, Bali 2012, USA-Mexiko-Kuba 2013, Israel-Jordanien 2013. Die Reihenfolge der Erlebnisse ist chronologisch, aber nicht lückenlos, da es sich um eine Auswahl handelt. Manchmal fanden zwei der ausgewählten Erlebnisse am selben Tag statt, manchmal liegen Monate dazwischen. Manchmal finden sie am selben Ort statt, manchmal an einem anderen Kontinent. Um sie jeweils geographisch und zeitlich zu einordnen zu können, habe ich jeder Geschichte eine Zeit- und Ortsangabe vorangestellt.
Je nach Erfahrungsstand des Lesers mögen manche dieser Momentaufnahmen normal, ja sogar banal erscheinen. Das viele Erzählen hat einige der Geschichten für mich selbst banal werden lassen. Doch im Augenblick des Erlebens waren sie alles andere als das. Sie waren absurd. Sie waren überraschend. Sie haben mich die Welt mit anderen Augen sehen lassen. Und sie haben mich zu der Überzeugung gebracht, dass die Welt in ihrem tiefsten Inneren absurd ist, dass sie nicht von platonischen Ideen beherrscht wird, die wir erkennen können, sondern dass sie unserem Denken und Erkennen diametral entgegengesetzt ist und uns immer wieder erstaunen wird. Darum hoffe ich, dass auch dem »er-fahren-en« Leser einige der Geschichten die Augen für die absurden Details unserer Welt ein wenig mehr öffnen werden.
Intro
Basmane
Der Freiheitskämpfer
Verloren
Fische essen
Ramadan
Lakis Taverne
Die Bauerndisko
Zug fahren
Malaria-Tabletten
Der Balkanexpress
Mzungus
Abendessen
Machame
Olympic A
Afrikanische Busse
Geld wegwerfen
Angebot und Nachfrage
Abzocke
Autofahren auf Bali
Der Tempelberg
Die Tänzerin
Batterieprobleme
Das Relief des Radfahrers
Die Palmblatt-Bibliothek
Zootour
Bob
Affen und Bananen
Pilz-Cocktail
Fischkopfessen
Eine andere Art der Bestattung
Die heilige Schlange
Bintang-Shirts
Hausparty
Hacking MIT
Sun Bright Hotel
Besuch bei den Maya
Coco Bongo
Das venezolanische Pärchen
Drogenkontrolle
Eine Nacht in Havanna
Ein Streifzug
José
Das Busterminal
Zimmer teilen
Die spinnen, die Römer
Grenzgang
Beim Frisör
Tod in der Wüste
Der Beduine
Die blonde Anna
Grenzkontrolle
Galiläa
Die Drusen
Der Rabbi
Jerusalem
Bei den Siedlern
Der Brasilianer
Die Ausreise
Epilog
Ich sitze auf einer kalten metallenen Bank vor meinem Flugsteig und gehe leicht nervös meine Reiseroute durch. In ein paar Stunden werde ich in Izmir landen. Dort muss ich die richtige Schnellbahn nehmen, einmal umsteigen und dann ein paar hundert Meter zu Fuß zu meinem Hotel gehen. An und für sich ist das nichts Besonderes; fliegen, mit der Schnellbahn fahren, in ein Hotel einchecken, das habe ich schon hunderte Male gemacht. Das Besondere dieses Mal: ich reise alleine. Zum ersten Mal steht eine Reise alleine in die große, weite Welt an, ohne Begleiter. Geplant war das ursprünglich ganz anders.
Seit über einem Jahr habe ich mit Martin, einem guten Freund von mir, geplant, auf dem Landweg nach Jerusalem zu reisen. Beide haben wir unser Geld gespart und ich habe schon die Reiseroute zusammengestellt. Doch es kam anders. Anfang Jänner rief Martin an. Er habe eine gute und eine schlechte Nachricht für mich, sagte er am Telefon. Die gute Nachricht ist, dass er sich verlobt hat und ich sein Trauzeuge sein solle. Die schlechte Nachricht ist, dass er nicht mit mir nach Israel reisen kann, wie wir es geplant haben, da er das Budget und die freie Zeit für den Start in die Ehe verwenden möchte.
Da stand ich nun. Das Budget war vorhanden; die freie Zeit auch. Doch der Reisegefährte war verloren. Ich beschloss, alleine nach Israel zu fahren. Einen Monat später brach der Arabische Frühling in all seiner Stärke aus. An eine Reise auf dem Landweg durch Syrien war nicht mehr zu denken. Ich musste umdisponieren. Die Sprache gab mir den Weg vor. Seit einiger Zeit schon quäle ich mich durch die türkische Sprache. Daher lag es nahe, das Tor zum Orient, die Türkei, zu bereisen. Hier kann ich mich mit meinen Sprachkenntnissen durchschlagen, gleichzeitig Reiseerfahrung sammeln und mich für den Nahen Osten »warm reisen«, denn Israel schwebt mir immer noch als großes Ziel vor Augen.
Ich gehe nochmals gedanklich und auf der Karte meine heutige Route durch, als mein Flug aufgerufen wird. Ich stehe auf, schultere meine braune Umhängetasche, nehme meinen Reisepass und mein Ticket in die Hand und gehe zum Schalter. Die Reise kann beginnen.
Die Sonne brennt von Himmel. Jeder Türke, der uns sieht, schüttelt nur den Kopf. Nur Ausländer machen so etwas Verrücktes. Niemals würde ein Türke auf die Idee kommen, Steinhaufen zu besichtigen, und das auch noch zur Mittagszeit. Da ist es doch viel besser, im Schatten einfach vor sich hinzudösen und Çay – den türkischen zuckersüßen Schwarztee – zu schlürfen, während man Tavla – so nennen die Türken Backgammon – spielt oder Wasserpfeife raucht. Doch nicht so Takuji und ich. Wir haben uns die Agorá, den Hauptplatz der alten Stadt Smyrna, vorgenommen.
Takuji hat einen Doktor in Alter Geschichte. Es ist erstaunlich, was Takuji aus all diesen Steinhaufen herauslesen kann. Viele Dinge haben sich seit der Antike komplett verändert. Andere Dinge sind jedoch gleich geblieben und werden wahrscheinlich immer gleich bleiben, solange es die Menschheit gibt. Heute zieren die Namen »großzügiger« Firmen und anderer Sponsoren Gebäude, Sportstadien und sogar Straßenschilder. Auch in der Antike hat es solch »großzügige« Spender gegeben, denen man zum Dank Statuen errichtete, erklärt mir Takuji, während er auf die lateinische Inschrift am Sockel einer solchen Statue zeigt.
Nachdem wir das alte Smyrna erkundet haben, finde ich auf meiner Karte einen weiteren antiken Vermerk: Kadifekale – die »Samtfestung«. Dieses alte Mauerwerk, das auf Alexander den Großen zurückgehen soll, wollen wir uns näher anschauen. Laut Karte ist es nicht so weit entfernt, daher machen wir uns zu Fuß auf den Weg dorthin.
Während wir im Gespräch vertieft sind, verändert sich die Gegend um uns herum. Die Gassen werden enger, die Häuser schäbiger und die Menschen zwielichtiger. Ein Auto versperrt die Straße. Wir weichen in eine kleine Nebengasse aus. Steil führt die Gasse den Hügel hinauf. Alles ist in Sandfarben gekleidet, so wie man es von Filmen über die »böse arabische Welt« kennt.
Während wir uns diese Gasse hinauf kämpfen, kommt uns ein Junge schreiend entgegen gelaufen. Er dürfte um die zehn Jahre alt sein und trägt eine fleckige Hose sowie ein ausgewaschenes, gestreiftes T-Shirt. Doch mehr als der flüchtende, schreiende Junge beunruhigt uns der Grund seiner Flucht. Hinter ihm läuft ein Rudel Kinder den Berg hinab. Bekleidet mit Schlägerhandschuhen und bewaffnet mit Stöcken treiben sie den armen Jungen den Berg hinab.
Da wird uns plötzlich klar, dass wir uns das falsche Viertel ausgesucht haben. Blitzschnell entschließen wir uns die Festung Festung sein zu lassen und einfach nur heil aus der Gegend herauszukommen. Wir drehen uns um und versuchen so schnell wie möglich aus dieser Gasse wieder hinaus auf die Straße zu kommen. Zu unserem Glück jagen die Kinder den gehetzten Jungen in eine andere Richtung weiter und ignorieren uns.
Erst jetzt fällt uns auf, wie anders dieses Viertel ist. Die Frauen huschen verschleiert über die Straße, die Männer sitzen vor den Häusern und starren uns mit offenen Augen an. Wir scheinen ein sehr exotischer Anblick zu sein.
Ein Rudel Kinder umringt uns. Doch sie bitten uns nicht um Geld oder Süßigkeiten, wie ich es sonst gewohnt bin. Sie schauen uns angriffslustig an und machen aus ihren Fingern eine Pistole mir der sie auf uns schießen. Ein Achtjähriger sieht mir direkt in die Augen und fährt sich mit der flachen Hand langsam die Kehle entlang, während er »Krrk« macht – die Gestik für Ich-schneide-dir-die-Kehle-durch. Ich hätte nie gedacht, dass mir Kinder Angst einjagen könnten. Ich sehe Takuji an und sein Blick zeigt mir, dass er dasselbe empfindet.
Wir bahnen uns schnell den Weg aus diesem Viertel hinaus und sind unbeschreiblich froh, als wir wieder heil im modernen Izmir ankommen.
Später lese ich im Reiseführer nach, was über dieses Viertel berichtet wird. Er warnt davor, dorthin zu gehen. In den 60er Jahren setzte eine immense Landflucht ein. Viele arme Bürger aus den ländlichen Teilen der Türkei dachten sie würden ihr Glück in den großen Städten finden. Da sie ohne Mittel dort ankamen, machten sie sich in den Ruinen eine provisorische Bleibe zurecht – die sogenannten »Gecekondu« (dt. »über Nacht gebaut«). Das Glück hat sich nicht zugunsten der Landflüchtigen geändert. Die Armut blieb. So wurden die Gecekondu verstärkt, umgebaut, ausgebaut. Im Laufe der Zeit kamen die restlichen Familienmitglieder nach und die Gegend entwickelte sich zu einem Slum. Unvorstellbar, dass zwei solch verschiedene Welten nur ein paar Kilometer voneinander entfernt existieren.
Das ist mir noch nie passiert. Ich marschiere auf der staubigen Straße, schultere mein Gepäck und schüttle meinen Kopf. Da hat mir doch tatsächlich ein Dolmuş-Fahrer gesagt es sei kein Platz mehr im Dolmuş. Ein Dolmuş ist ein türkisches Sammeltaxi; ein Minibus, der immer eine bestimmte Strecke abfährt. Dabei gibt es keine Haltestellen, sondern die Leute winken am Straßenrand und steigen ein. Möchte man aussteigen, klopft man dem Fahrer auf die Schulter und er legt einen Stopp ein. In einem Dolmuş haben immer Leute Platz. Sind die Sitzplätze voll, werden Stehplätze am Gang gefunden. Sind die Stehplätze voll, schlichtet man die Passagiere übereinander, findet somit neue Sitzplätze und kann wieder neue Menschen in den Gang pferchen. In einem Dolmuş ist immer Platz, immer. Nicht so in diesem.
Ich habe gerade Pamukkale verlassen und bin auf dem Rückweg nach Izmir. Um nach Izmir zu kommen, muss ich einen Reisebus in der nächsten größeren Stadt – Denizli – nehmen. Und um nach Denizli zu kommen, benötige ich ein Dolmuş. Also stapfe ich die Straße weiter entlang und halte nach einem weiteren Dolmuş Ausschau. Der nächste Minibus kommt und nimmt mich mit.
Der Busbahnhof ist eine gewaltige Anlage. Das Zentrum ist ein Garten, der von schattigen Cafés und kleinen Geschäften, die Reiseproviant verkaufen, umringt wird. Auf einer Seite des Gartens geht ein überdachter Laufsteg zu den Busbuchten hin. Eine große Halle beherrscht die andere Seite, in der sich die Schalter befinden. Dort werden die Bustickets verkauft. Ich steuere direkt darauf zu.
Ich öffne die Glastüren und ein klimatisierter Luftschwall weht mir entgegen. Verschwitzt und müde vom Dolmuş fahren, lenke ich meinen Weg direkt zu dem Fahrkartenverkäufer im perfekt sitzenden Anzug, der hinter dem Tresen steht und mich lächelnd empfängt. Ich frage ihn, wann der nächste Bus nach Izmir abfährt. Sein Lächeln weicht ein bisschen von seinem Gesicht, als er mir mitteilt, dass der letzte Bus gerade vor drei Minuten abgefahren ist. Der nächste Bus fährt in knappen drei Stunden. Mein Lächeln verschwindet ebenfalls und während ich meine Fahrkarte kaufe, werfe ich in Gedanken alle mir bekannten Flüche den Dolmuş-Fahrer an den Kopf, der mir gesagt hat, dass kein Platz mehr in seinem Dolmuş sei. Mit meiner Fahrkarte in der Tasche wandere ich in den Garten hinaus, um mir ein nettes Plätzchen zu suchen, wo ich es mir die nächsten drei Stunden gemütlich machen werde.
Eine Bank am überdachten Laufsteg dient als meine Ruhestätte. Kaum habe ich mich niedergesetzt, kommt ein hagerer Mann mit Vollbart, braunem Turban und knorrigem Gehstock herbeigehumpelt. Ich schätze ihn zwischen 60 und 70. Er grüßt mich freundlich und setzt sich zu mir auf die Bank. Er beginnt mit mir auf Türkisch zu reden. Wie üblich erzähle ich, woher ich komme, dass ich Philosophie und Linguistik studiere und dass ich in Izmir einen Sprachkurs besuche. Nach ein paar Minuten ist mein Vokabular erschöpft und ich überlege mir, mich wieder meinem Buch zu widmen. Doch der alte Mann gibt nicht auf. Anders als die meisten Türken, mit denen ich gesprochen habe, ist er sehr geduldig. Wenn ich ein Wort nicht verstehe, wiederholt er es so lange bis ich es in meinem Wörterbuch finde. Finde ich es nicht, umschreibt er es, bis ich es verstehe.
Er erzählt mir seine Geschichte. Ursprünglich kommt er aus Ost-Anatolien, ganz in der Nähe des Berges Ararat, über den er begeistert spricht. Er ist ein Kurde und hat Türkisch selbst als Zweitsprache gelernt oder besser gesagt: lernen müssen. Er ist der jüngste Sohn aus seiner Familie und hat keine Frau gefunden. Deswegen ist er nach Afghanistan gegangen, um seinen Glaubensbrüdern im Freiheitskampf gegen die bösen Amerikaner zu helfen. Dort ist er angeschossen worden. Seitdem humpelt er.
Er fragt mich wie viele Brüder ich habe, da Töchter nicht so wichtig seien. Ich erkläre ihm, dass ich ein Einzelkind bin. Er tröstet mich, dass ich der erste Sohn bin und sicher noch weitere Brüder kommen werden.
Auch wenn seine Sichtweise stark von einer Denkweise der ländlichen Gebiete geprägt ist und er nie eine schulische Bildung genossen hat, erstaunt er mich. Es ist unglaublich, welche kommunikative Kompetenz dieser Mann aus Ost-Anatolien an den Tag legt. Wenn der Wille und die Zeit da sind, kann man scheinbar mit jedem kommunizieren, solange man das nötige Feingefühl und die notwendige Kreativität dazu mitbringt. Dieser einfache Mann hat beides, noch dazu auf einem so hohen Level, wie es kaum ein Student oder Akademiker aus Izmir je in einem Gespräch mir gegenüber gezeigt hat.
Während wir reden, vergeht die Zeit wie im Flug. Ohne es zu merken, sind die drei Stunden vergangen. Er begleitet mich zu meinem Bus und will warten bis der Bus abfährt. Zum Abschied möchte er mir ein Geschenk geben. Das Einzige was er bei sich hat, ist ein Pack Taschentücher. Darum schenkt er mir dieses.
Ich steige in den Bus ein, der Bus fährt los und der humpelnde Freiheitskämpfer steht am Bussteig und winkt mir nach.
Während der Bus in Richtung Izmir fährt, danke ich in Gedanken dem ersten Dolmuş-Fahrer, dass er mich nicht mitgenommen hat und entschuldige mich bei ihm für die Flüche, die ich in meinem Kopf gegen ihn ausgestoßen habe, denn ohne ihn hätte ich niemals diesen interessanten Menschen kennengelernt.
Müde und verschlafen stehe ich an der Bushaltestelle. Die letzte Nacht hängt mir noch im Nacken. Für heute Vormittag habe ich nur eine Aufgabe auf meiner To-Do-Liste stehen: Zwei Fahrkarten nach Kappadozien kaufen. Dazu muss ich zum Busterminal.
Bereits zu Hause habe ich mir die Busroute durch Izmir mit den zwei Millionen Einwohnern herausgesucht. Ich muss einfach vor meinem Haus auf den Bus 163 warten und bis zur letzten Haltestelle fahren. Einfach.
Während ich um die Ecke biege, sehe ich schon den verrosteten Bus kommen. In abgeblätterten Farben stehen noch die Sechs und die Drei auf den Bus gemalt. Schnell steige ich ein und bezahle mit dem letzten Guthaben, das ich auf der aufladbaren Buskarte habe, mein Ticket.
Der Bus tourt durch die Stadt. Ich beobachte die Häuser, die vorbeiziehen, die Menschen, die auf den Gehsteigen herumwuseln, die alten Autos, die parken, fahren und hupen. Dabei fällt mir wieder auf, welch eigenes Flair die Türkei hat, besonders die großen Städte. Es ist ein wunderbarer Mix zwischen Orient und Okzident, zwischen alt und neu, modern und traditionell. Man sieht einen Ochsenkarren, der Gemüse durch die Straßen zieht und einen arabisch gekleideten Mann, der den Karren führt. Nur ein paar Straßenzüge weiter fühlt man sich wie in London oder Paris. Hier prägen Männer in Anzügen und gestylte Frauen in Geschäftskleidung, die erhobenen Hauptes durch moderne Straßenzüge auf dem Weg zu ihren Büros sind, das Straßenbild.
Plötzlich weckt mich der Busfahrer aus meinen Tagträumereien auf. Er sagt irgendetwas auf Türkisch zu mir, das ich nicht verstehe. Ich sehe mich um und bemerke, dass ich der letzte Fahrgast bin. Er will, dass ich aussteige. Wir sind an der Endstation angekommen. Nur sieht diese Endstation ganz und gar nicht nach dem Busbahnhof aus, zu dem ich hin wollte. Vielmehr bin ich in den Außenbezirken von Izmir angekommen. Der Parkplatz ist nichts weiter als ein größerer Sandstreifen neben der Autobahn, die aus der Stadt hinaus führt.
Ich steige aus dem Bus aus. Verwundert sehe ich mich um und bemerke, dass der Bus die Nummer 63 hat. Die Ziffer 1 war nicht abgeblättert, wie ich vermutet hatte. Sie war nie dort. Ich bin in den falschen Bus eingestiegen. Was soll ich jetzt tun? Die einfachste Möglichkeit wäre es, mit dem Bus 63 wieder zurückzufahren und dann den richtigen Bus zu nehmen. Doch meine Karte ist leer und ich müsste sie zuerst aufladen. Ich prüfe meine Geldtasche und muss feststellen, dass sie ebenfalls leer ist. Mit meinem letzten Geld habe ich gestern den Taxifahrer bezahlt, der mich von der Stadt nach Hause gebracht hat.
Hier stehe ich nun, am Ende der Stadt, ohne Ticket, ohne Plan, ohne Geld. Schneller als gedacht, wird man aus der Welt der lebendigen Menschen ausgestoßen. Es ist erstaunlich und erschreckend zugleich, wie diese kleinen, runden Metallscheiben und die dünnen, bunten Papierzettel Einfluss auf unser Leben nehmen können. Ist man dieser Zahlungsmittel beraubt, nehmen einem kein Bus, kein Taxi und keine Bahn mit. Man muss marschieren. Hat man diese Tauschmittel nicht mehr bei sich, bekommt man keine Flasche Wasser, kein Essen und keinen Sitz in einem Kaffeehaus. Man muss auf der Straße bleiben.
Während ich darüber sinniere, kommt eine Windböe und will mir den Hut vom Kopf reißen. Mit einer reflexartigen Handbewegung halte ich den Hut fest. Blöderweise habe ich in der Hand meine notorische Begleiterin für heiße Länder, meine Trinkflasche, die geöffnet ist. Eine fatale Kombination, die mich dazu verdonnert, eine Dusche auf offener Straße zu nehmen.
Hier stehe ich nun – mitten im Nirgendwo; ohne Geld, ohne Ticket, ohne Ahnung, wo ich bin, dafür nass wie ein begossener Pudel. Es gibt Tage, da sollte man besser im Bett bleiben. Heute ist so ein Tag. Und soeben hat der Tag seinen Tiefpunkt erreicht.
Also beiße ich in den sauren Apfel und mache mich unter der brütenden Sonne und unter verwunderten Blicken auf den Fußmarsch in Richtung Stadtzentrum.
Die Sonne leckt das Trinkwasser von meinem Hemd auf. Und der Fußmarsch hat nach zehn Minuten ein Ende, nachdem ich das heilversprechende Logo eines Geldautomaten an einem Gebäude leuchten sehe. Schnellen Schrittes eile ich hin, sprinte die fünf Stufen hinauf und führe meine Karte in den Automaten ein. Ein vertrautes Surren fördert die so sehr notwendigen Scheine durch einen kleinen Schlitz in meine Hand. Und mit einem Mal bin ich wieder in der Welt der Lebenden angekommen. Ich winke dem nächsten Taxi, steige ein und lasse mich zum Busbahnhof bringen.
Mittagspause. Unser Reiseleiter führt unsere Gruppe durch die Schlucht zu einem kleinen, traditionellen Restaurant. Die Gruppe ist klein. Eine amerikanische Familie mit zwei Kindern, Adyssa aus Indonesien, Takujis Schwester aus Japan und ich. Wir setzten uns auf die Bank, die vor dem kleinen Restaurant in der Nähe des Flusses aufgestellt wurde. Bäume dämpfen die orientalische Sonne, sodass wir im angenehmen Schatten sitzen können. Es wird uns eisgekühltes Cola und Wasser serviert. Die kalten Getränke löschen unseren Durst. Wir strecken unsere Beine aus, die von der langen Wanderung erschöpft sind und warten auf unser Essen.
Nach ein paar Augenblicken des Verschnaufens, bringt uns der Wirt des Restaurants das Essen. Es gibt gegrillten Fisch. Für mich als Alpenbewohner stellt diese kulinarische Köstlichkeit eine Herausforderung dar. Nicht das Gericht, der Geschmack oder die Gewürze sind das Problem, sondern die Art und Weise, wie der Fisch verzehrt werden will. Bis jetzt habe ich immer nur filetierten Fisch gegessen. Doch dieser Fisch hier ist komplett, mit Kopf, Kiemen und Flossen.
Ich frage in die Runde, ob mir jemand zeigen kann, wie man so einen Fisch filetiert. Die Amerikanerin, ganz in ihrer Mutterrolle, zeigt es mir. Man muss den Fisch knapp am Rückgrat einschneiden, dann rollt man die Haut ab und löst das Filet von oben nach unten aus. Allerdings wundere ich mich, warum ich die Haut abziehen sollte. Die knusprige, gewürzte Haut eines Grillfisches ist doch das Beste, das es gibt. Doch für den US-amerikanischen Gaumen ist dieses kulinarische Erlebnis zu viel des Guten. Also löse ich das Filet amerikanisch aus und genieße europäisch die Haut mit.
Da sieht mich Adyssa ganz verwirrt an. Für sie sei es sehr komisch, wie wir den Fisch essen, erklärt sie. In Indonesien esse man den Grillfisch mit den Händen, fährt sie fort und demonstriert es auch. Sie packt den Fisch mit beiden Händen und nagt ihn einfach ab, so wie wir Rippchen oder ein Grillhendl abnagen würden. Ich und die Amerikaner sehen sie ganz entgeistert an. Dann verkündet Adyssa, dass die Augen der beste Teil vom Fisch seien. Ehe wir uns versehen, hat sie schon den Löffel in der Hand, hebelt das Auge vom Fisch heraus und lässt es in ihrem Mund verschwinden. Die Münder von mir und den Amerikanern stehen weit offen. Drei Kulturen an einem Tisch versammelt. Drei verschiedene Arten einen Fisch zu essen. Jeder ist sich sicher, dass die seinige die richtige ist und die anderen komisch sind. Doch wer hat recht? Keiner? Alle?
Adyssa und ich kommen am Busbahnhof von Konya an. Konya wäre einen Tag wert, sagt der Reiseführer, aber nicht mehr. Es gibt nur eine einzige Sehenswürdigkeit in Konya: das Mausoleum von Mevlana, einem Mystiker und Philosophen aus dem Mittelalter. Hierher, an sein Grab, pilgern jedes Jahr Millionen gläubiger Muslime. Wir beide möchten uns diese Grabstätte ebenfalls ansehen.
Adyssa kommt aus Indonesien und ist Muslimin. Auf der Hinfahrt nach Konya haben wir über den Monat Ramadan gesprochen. Kein Rauchen, kein Trinken, kein Essen – solange man einen weißen Faden von einem schwarzen Faden unterscheiden kann, sagt der Prophet über den Monat Ramadan. Der Monat sollte ein Monat der Spiritualität sein. Adyssa sieht diese Glaubensregel nicht so strikt, trotzdem möchte sie diesmal versuchen den Ramadan zu halten, auch wenn sie das vorher noch nie gemacht hat. Da heute der erste Tag des Monats Ramadan ist, sollte ihr Experiment heute starten.
Wir machen uns mit der Straßenbahn auf den Weg in die Innenstadt. Während man sonst in der Türkei immer von freundlichen Gesichtern empfangen wird, scheint es hier etwas anders zu sein. Die Menschen blicken grimmig, die Menschen sind strenger, die Menschen sind konservativer. Kaum eine Frau ist auf der Straße ohne Kopftuch anzutreffen. Das ist sehr ungewöhnlich für eine türkische Stadt. Ein Blick in den Reiseführer gibt weiteren Aufschluss. Durch das Mausoleum hat sich in Konya eine starke religiöse Tradition ausgeprägt. Das wirkt sich auf alle Aspekte des Lebens aus, auch auf das Halten des Ramadans.
Kaum steigen wir aus der Schnellbahn aus, bemerken wir den Unterschied. Manche Orte halten den Monat Ramadan strenger ein, andere nehmen es dabei nicht so genau. Konya gehört zu der ersten Gruppe. Hier sind alle Restaurants geschlossen. Die Geschäfte haben die Lebensmittel verstaut. Sogar die Wasserverkäufer sind von den Straßen verschwunden. Konya unterstützt Adyssa bei ihrem Versuch, den Ramadan zu halten. Aber Konya zwingt auch mich dazu, unfreiwillig dasselbe zu tun.
Mit Müh und Not finde ich ein Geschäft, das Souvenirs für Touristen verkauft; Anhänger, Postkarten und anderen wertlosen Plunder. Aber inmitten dieser wertlosen Sachen finde ich etwas, das mein Leben rettet: eine Halbliterflasche Wasser. Da ich kein Muslim bin, verkauft sie mir der Händler. Heimlich schleppe ich diese Flasche den ganzen Tag mit mir herum und nehme immer wieder einen kleinen, unauffälligen Schluck daraus.
Doch das Verzichten auf Essen und Trinken leert die Batterien und höhlt meine Gedanken aus. Andauernd muss ich an den Abend denken, wo es wieder Essen gibt. Die muslimischen Gelehrten haben berechnet, dass um Punkt 20:09 in Konya kein weißer von einem schwarzen Faden unterschieden werden kann. Und um zwei Uhr nachmittags scheint 20:09 noch sehr, sehr weit entfernt zu sein, vor allem wenn man hungrig ist.
Nachdem wir uns das Mausoleum angesehen haben, machen wir es, wie die meisten Bewohner von Konya. Wir suchen uns ein Stückchen Rasen unter einem schattigen Baum und halten einen Nachmittagsschlaf, denn Schlaf lässt den Hunger vergessen.
Als der Abend näher rückt, machen wir uns wieder auf den Rückweg zum Busbahnhof. Unser Bus fährt um 21:00 ab, somit haben wir noch Zeit, um vor der Abfahrt etwas zu essen.
Wir kommen um 19:30 am Busbahnhof an. Die Küchen wurden wieder angeworfen. Man riecht bereits den Duft von gegrillten und gekochten Speisen. Die Angestellten stellen die Tische und Stühle vor die Restaurants und decken sie für das Mahl.
