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Arthur Opp, ehemaliger Literaturprofessor, wiegt 250 Kilo und hat sein Haus in Brooklyn seit über einem Jahrzehnt nicht mehr verlassen. Nur 30 Kilometer entfernt kämpft der junge Kel um seinen Schulabschluss und die Chance auf ein besseres Leben: ein Sportstipendium. Zwei Menschen, die unterschiedlicher kaum sein könnten - und die doch etwas Entscheidendes verbindet. «Der andere Arthur» ist ein Roman über zerbrochene Lebensentwürfe, echte Freundschaften und unerwartete Neuanfänge, in dem Liz Moore zwei Außenseiter zu Helden einer tief berührenden Geschichte macht. Arthur Opp, einst Literaturprofessor, hat sein Haus in Brooklyn seit über einem Jahrzehnt nicht mehr verlassen und wiegt mittlerweile 250 Kilo. Die wenigen Schritte zur Haustür, um Lieferungen entgegenzunehmen, sind seine tägliche Herausforderung. Nur 30 Kilometer entfernt kämpft der 17-jährige Kel um seinen Schulabschluss und die Chance auf ein besseres Leben: ein Sportstipendium. Doch während er um seine Zukunft ringt, hält ihn die Sorge um seine kranke Mutter in Atem. Arthur und Kel sind zwei Menschen, die auf unterschiedliche Weise erfahren haben, wie sich Einsamkeit in ein Leben einschreiben kann. Als sich Kels Mutter, einst Arthurs Studentin, nach Jahren der Funkstille mit einem verzweifelten Hilferuf an Arthur wendet, nimmt eine Geschichte ihren Lauf, die alte Wunden aufreißt, aber auch neue Wege freilegt und eindrücklich zeigt, wie in der Fürsorge für andere die eigene Rettung liegen kann.
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Veröffentlichungsjahr: 2026
LIZ MOORE
DER ANDERE ARTHUR
Roman
Aus dem Englischen von Cornelius Hartz
C.H.Beck
Cover
Inhalt
Textbeginn
Titel
Inhalt
Widmung
ARTHUR
ICH WILL ES IHR SAGEN
GESEGNET
EINE WOCHE
DER ANDERE ARTHUR
DANKSAGUNG
Zum Buch
Vita
Impressum
Für Christine, meine Mutter
Das Erste, was du über mich wissen musst: Ich bin unglaublich dick. Als wir uns damals kennenlernten, hätte man vielleicht gesagt, ich hätte Übergewicht, aber das trifft es längst nicht mehr. Ich esse, was ich will und vor allem: wann ich will. Seit Jahren gebe ich mir kaum noch Mühe, weniger zu essen, ich habe einfach keinen Grund dazu. Ich kann mich immer noch bewegen und bin auch nicht bettlägerig, aber wenn ich mehr als sechs oder sieben Schritte gehe, bleibt mir die Luft weg, und außerdem bin ich ziemlich schüchtern. Irgendwie fühle ich mich wie in einem großen Futteral, als wäre ich ein Cello oder ein teures Gewehr.
Ich weiß nicht genau, wie viel ich wiege, aber ich schätze, es sind zwischen zweihundertfünfzig und dreihundert Kilo. Es ist Jahre her, dass ich zum letzten Mal bei einem Arzt war, und da wog ich zweihundertsiebzehn; sie mussten mich auf eine spezielle Waage stellen. Der Arzt sah mich an und sagte mir, besonders alt würde ich so garantiert nicht werden.
Zweitens: In den Briefen, die ich dir in den letzten zwei Jahrzehnten schrieb, habe ich einiges ausgelassen. Kurz nachdem wir uns das letzte Mal trafen, kamen verschiedene Umstände zusammen, die es mir unmöglich machten, meine akademische Laufbahn fortzusetzen. Das – und vieles andere – habe ich dir verschwiegen. Wenn ich dir von Begebenheiten mit früheren Freunden und Kollegen berichtet habe, waren das bloß Erinnerungen. Als Universitätsdozent arbeite ich schon seit achtzehn Jahren nicht mehr.
Der letzte und wichtigste Punkt: Ich gehe nicht mehr aus dem Haus.
Zum Glück ist es ein sehr schönes Haus, und ich bin ziemlich stolz darauf. Ich habe es nicht gekauft, es wurde mir vermacht. Es ist 7,50 Meter breit. Sehr breit für diesen Häuserblock. Als ich ein kleiner Junge war, da war es innen genauso ansehnlich wie außen und sehr hübsch eingerichtet. Aber ich fürchte, inzwischen verfällt es immer mehr zu einer Art Spukhaus, und ich tue nichts dagegen. Von der einstigen hübschen Einrichtung sind nur noch Reste übrig: das Klavier (auf dem ich als Junge gespielt habe), die Bücherregale um den Kamin herum, die Möbel, die vor vierzig Jahren als hochwertig galten, sich jetzt aber unaufhaltsam in Richtung Fußboden neigen, weil sie die ganze Zeit mein Gewicht tragen müssen. In den oberen Etagen gibt es sicher noch einige schöne Dinge, aber die habe ich seit zehn Jahren nicht mehr gesehen. Ich habe keinen Grund, dort hinaufzugehen. Ich könnte es auch gar nicht, selbst wenn ich wollte. Mein Schlafzimmer und alles, was ich benötige, befindet sich hier im Erdgeschoss, das ist meine kleine Welt, und der Blick aus meinem Fenster ist die einzige Aussicht, die ich brauche. Der Zustand des Hauses zählt zu den Dingen, für die ich mich am meisten schäme, denn ich habe das Haus immer geliebt, und manchmal, wenn ich sentimental werde, habe ich das Gefühl, dass das Haus mich auch liebt.
Da ich nicht mehr vor die Tür gehe, bin ich mittlerweile sehr gut darin, alles, was ich brauche, im Internet zu bestellen. Manchmal kommt mir mein Zuhause wie ein Versandzentrum vor, denn jeden Tag bringt ein Paketbote etwas vorbei, manchmal sogar zweimal am Tag. Mal FedEx, mal UPS. Du siehst, ich lebe nicht komplett zurückgezogen, denn ich muss für diese Sachen ja den Empfang quittieren. Was mein Haus verlässt, tut das in Müllsäcken, die ich spätabends, wenn es draußen dunkel ist, von der Haustür aus auf den Bürgersteig werfe.
Mittlerweile kann man alles online bestellen. Es gibt Versandhändler für Bücher und Zeitungen und Zeitschriften. Versandapotheken für Medikamente. Sogar einen Lieferdienst, der dir deine Lebensmittel nach Hause bringt. Das ist in mancher Hinsicht ein altmodisches Konzept, andererseits aber auch eine wunderbare Erfindung. Einmal in der Woche wähle ich auf deren Website aus, welche Vorräte ich möchte. Diese Firma hat alles, was du dir nur vorstellen kannst: Fertiggerichte und frisches Gemüse. Desserts und Frühstück und Wein und Toilettenpapier. Käse und Wurstwaren und Eiscreme und Kuchen und Bagels und Pop’ems – Teigbällchen von Entenmann’s mit Zuckerstreuseln, die je nach Saison variieren. Jetzt ist es Oktober, und meine Pop’ems sind orange und schwarz.
Jeden Dienstagabend bringt mir jemand meine Lebensmittel nach Hause. Bei der Anmeldung habe ich die Option «nach 17 Uhr» ausgewählt. Das gibt mir ein gutes Gefühl: Ich stelle mir immer vor, dass der Lieferant glaubt, ich würde tagsüber arbeiten und wäre gerade heimgekommen. Ich weiß, das ist ein wenig albern. Wenn ich mit irgendwelchen Kundenberatern telefoniere, erwähne ich gelegentlich ganz beiläufig meine Familie oder meinen Job. Wie geht es Ihnen heute, Mr Opp?, fragt die Frau von der Bank of America, und ich seufze und sage: Ich weiß gar nicht, wo mir der Kopf steht. Ein kleiner Scherz. Genauso macht es mir Spaß, wenn ich an die Tür gehe, um meine Lebensmittellieferung entgegenzunehmen, und dabei eine gelockerte Krawatte um den Hals habe und erschöpft und zerstreut wirke, als stünde ich unter enormem beruflichem Stress. Stellen Sie es einfach in den Flur, sage ich immer, und dann gehe ich in die Küche und rufe ihm dabei irgendwelche Belanglosigkeiten zu, das Wetter oder eine Sportmannschaft betreffend. Wenn alle Kartons abgeladen sind, gebe ich dem Fahrer Trinkgeld. Mein Bargeld ist in einer Schublade meines Nachttischs versteckt, in einem ausgehöhlten Buch. Dieses Buch besitze ich schon seit meiner Kindheit – damals war es mein wertvollster Besitz, ein Buch mit Geheimfach! –, und seither hat es sich immer wieder als nützlich erwiesen. Alle Lebensmittel, die ich mir liefern lasse, bezahle ich online oder über das Telefon per Kreditkarte. Bares brauche ich allein für Trinkgeld, und zu diesem Zweck horte ich einen Vorrat an Scheinen, den ich mir vor Jahren bei der Bank besorgt habe. Ich habe keine Ahnung, was ich tun soll, wenn sie zur Neige gehen. Bislang gehe ich nicht davon aus, dass ich das noch erleben werde.
Zum letzten Mal bin ich im September 2001 vor die Tür gegangen, als ich die Nachrichten sah und mich so einsam fühlte, dass ich mich draußen auf die unterste Treppenstufe setzte, den Kopf in den Händen vergrub und eine Stunde lang so dasaß. Und mir wünschte, ich hätte jemanden zum Reden. Es war, als könnte jeden Moment die Welt untergehen. Böse Erinnerungen kamen in mir hoch, eine nach der anderen. Ich hörte ein Geräusch und dachte erst, da würde eine Frau schreien, aber wie sich herausstellte, waren es Pfauen, die den Innenhof einer Kirche in der Nachbarschaft bewohnten. Dann rappelte ich mich auf und ging bis zum Ende des Blocks, dann noch einen Block weiter und noch einen und noch einen. Schließlich erreichte ich die Ecke 9th Street und 8th Avenue, wo zwei Gruppen von Frauen eng zusammenstanden, sichtlich aufgewühlt. Eine junge Frau mit einem zweijährigen Kind auf dem Arm weinte und wurde von einer Freundin getröstet. Als ich an ihnen vorbeiging, wurden sie still und sahen mich an. Hinter ihnen konnte ich die ganze 9th Street hinunterschauen, bis zum Wasser und zum Horizont, und als ich mich nach rechts wandte und die Augen ein wenig zusammenkniff, glaubte ich, schwarzen Rauch in den Himmel aufsteigen zu sehen, obwohl man gar nicht bis Downtown sehen konnte. Als ich jünger war, war ich ständig in Manhattan, kein Wunder, dort hatte ich ja meine Stelle als Dozent, und auch wenn ich nie gerne unterrichtete, dachte ich in jenem Moment an meine Studenten und meine damaligen Kollegen und betete für ihre Sicherheit und ihr Wohlergehen. Ich dachte an dich und war froh, dass sich dein Traum von einer Wohnung in Manhattan nicht erfüllt hatte. Ich war überwältigt von Trauer und Nostalgie – von Selbstmitleid und Mitleid für die anderen, was bei mir oft ein und dasselbe Gefühl ist. Ich stand so lange da, bis meine Füße mein Gewicht nicht mehr tragen konnten, und dann schlurfte ich zurück; sieben Mal musste ich anhalten, um nach Luft zu schnappen. Die Frauen waren wieder weg und die Straßen leer. Unten an der Treppe betrachtete ich meine zwölf Stufen, und ich schwor mir, dass ich das Haus nie wieder verlassen würde, denn an jenem Tag hatte ich niemanden, den ich anrufen konnte, und niemand rief mich an. Schon daher wusste ich, dass ich von jetzt an nicht mehr aus dem Haus gehen musste.
Seit jenem Tag lebe ich völlig zurückgezogen. Es stimmt schon, ich bin vom Naturell her ein Einzelgänger, das war ich schon als Kind, aber viele Jahre lang hatte ich eine Familie und andere Menschen, die mich davor bewahrten, mich zu sehr abzuschotten. Eine Zeit lang hatte ich dich und Menschen wie dich. Aber mit Freunden und Verwandten habe ich keinen Kontakt mehr. Meine Mutter war mir sehr wichtig, aber sie ist früh gestorben. Aus verschiedenen Gründen, die ich dir gerne verrate, falls du sie wissen möchtest, will ich mit dem Rest meiner Familie nichts mehr zu tun haben. Trotzdem haben sie dafür gesorgt, dass ich für den Rest meines Lebens finanziell abgesichert bin und kein Geld verdienen muss. Auch das hat dazu beigetragen, dass ich immer dicker wurde und mein Haus, meinen Kokon, nicht mehr verlassen musste.
Jeder Tag läuft bei mir quasi gleich ab. Morgens hole ich heimlich die Zeitung herein, die vor der Haustür liegt. Ich habe dem Zusteller irgendwann einmal Geld gegeben, damit er sie immer ganz oben auf die Treppe legt. Ich lese alle Artikel. Ich lese die Todesanzeigen, jede einzelne, jeden Tag. Ich koche oder bereite ein paar Gerichte vor. Gleich nach dem Aufwachen plane ich die Mahlzeiten des Tages, und wenn ich etwas besonders Leckeres im Haus habe, freue ich mich. Ich schleiche von Zimmer zu Zimmer, ein Geist, ein massiger Geist mit rotem Gesicht, und manchmal bleibe ich stehen und betrachte ein Bild an der Wand, und manchmal kommt mir in einer bestimmten Ecke oder einem bestimmten Zimmer eine Erinnerung an früher, und dann halte ich inne, bis sie sich wieder verflüchtigt und ich mich wieder allein fühle. Manchmal schreibe ich dir. Manchmal stehe ich vor einem meiner Möbel und frage mich, woher es eigentlich stammt. Dann fühle ich mich wie auf dem Abstellgleis: Ich weiß es nicht, und ich habe niemanden, den ich danach fragen könnte. Größtenteils ist mir mein Haus aber so vertraut, dass ich die Einrichtung gar nicht wahrnehme.
Am Abend jenes Tages, den man in den Nachrichten bald nur noch 9/11 nannte, schrieb ich dir einen Brief, um mich nach deinem Verbleib zu erkundigen, und binnen einer Woche bekam ich einen Brief von dir zurück. Du sagtest, dir und deinen Liebsten gehe es gut. Ob du es wusstest oder nicht: Du warst mein Anker in der Welt. Du, deine Briefe und deine bloße Existenz gaben mir mehr, als ich es hätte erklären können.
Das ist alles, was du über mich wissen musst, und hiermit bitte ich dich um Verzeihung für die vielen Jahre, in denen ich dich bewusst angelogen oder dir nicht die ganze Wahrheit gesagt habe. Während es mit meiner Gesundheit bergab ging und ich mich immer mehr zum Eremiten entwickelte, fiel es mir gelegentlich schwer, mir zu überlegen, was ich dir schreiben könnte, und Tatsache ist, dass ich den Gedanken an ein Ende unseres Briefwechsels nicht ertragen konnte.
Trotz allem bin ich im Herzen immer noch derselbe.
Arthur
Als ich den Brief fertig geschrieben hatte, hielt ich ihn mit beiden Händen vor mich und stellte mir vor, wie ich ihn abschicken würde. Ich malte mir ganz genau aus, wie ich ihn zweimal falten würde, mit der rechten Hand den Umschlag nehmen und den Brief mit der linken hineinstecken würde. Und dann den Umschlag zukleben und mit Charlenes Adresse beschriften würde, die ich genauso gut kenne wie meine eigene. O du Feigling, du Feigling, dachte ich, wenn du nur einen Funken Mut hättest, würdest du es tun. Beim Schreiben hatte ich gespürt, wie sehr es mich erleichterte, einem Menschen, der mir so viel bedeutete, nach so langer Zeit meine Sorgen und Nöte mitzuteilen. Wie lange hatte ich schon mit dem Gedanken gespielt, ihr diesen Brief zu schreiben. Aber natürlich hatte ich viel zu viel Angst davor, ihn abzuschicken, daher redete ich mir ein, diese Art von Ehrlichkeit sei egoistisch und ich sollte Charlene damit nicht auf die Nerven gehen.
Die folgenden Ereignisse veranlassten mich dazu, den Brief zu schreiben.
Zunächst klingelte vor drei Tagen das Telefon. Ich tat gerade überhaupt nichts und bekam einen Riesenschreck. Mich traf beinahe der Schlag. Ich ließ es ein paarmal klingeln und atmete durch, dann nahm ich den Hörer ab.
Eine Stimme drang durch die Leitung. «Arthur?», sagte jemand. «Arthur Opp?»
Ich bekomme nicht viele private Anrufe, und bei dieser Frage pochte mein Herz – wer konnte das sein?
«Ja», sagte ich, flüsterte ich vielmehr.
Es war Charlene Turner. Ich hatte nicht gedacht, dass ich jemals wieder ihre Stimme hören würde, aber bei Gott, war ich froh, dass sie es war. Fast hätte ich angefangen zu weinen, aber ich konnte mich gerade noch bremsen, hielt mir eine Hand vor den Mund und biss hinein.
Es ist fast zwanzig Jahre her, seit ich sie das letzte Mal gesehen habe. Aus der persönlichen Bekanntschaft, die wir vor vielen Jahren pflegten, entwickelte sich auf ganz natürliche Weise eine Art dauerhafte und regelmäßige schriftliche Korrespondenz. Im Laufe dieser vielen Jahre sind mir unsere Briefe unglaublich wichtig geworden. Ein Außenstehender würde unser Verhältnis vielleicht als bloße Brieffreundschaft bezeichnen, aber mit der Zeit habe ich Charlene Turner besser kennengelernt, als ich überhaupt jemals irgendwen gekannt habe, und ich habe mir sogar ganz vage ausgemalt, dass wir uns eines Tages wiedersehen und unsere Beziehung wieder aufnehmen würden und dass alles ganz natürlich und einfach wäre.
Und doch verunsicherte mich ihr Anruf.
Wir unterhielten uns kurz, und ich versuchte, ganz ruhig und entspannt zu klingen, erzählte dabei aber versehentlich eine Lüge nach der anderen.
Ich wollte sie fragen: Hast du meine Briefe bekommen? – es war fast ein Jahr her, dass ich von ihr gehört hatte, früher hatte sie mir öfter geschrieben. Stattdessen fragte ich sie: «Wie geht es dir?»
Sie antwortete: «Gut.» Und es klang, als ob sie mich wissen lassen wollte, dass das Gegenteil der Fall war.
Wir unterhielten uns eine Weile über nichts von Belang. Ich berichtete von William, meinem Bruder, zu dem ich ihr in einem meiner Briefe ein enges Verhältnis vorgegaukelt hatte. Ich erzählte ihr, dass es ihm sehr gut gehe und er nach seiner gefeierten Karriere als Architekt nächstes Jahr in den Ruhestand gehen werde. Ich erzählte ihr, dass ich letzten Monat meine Familie in England besucht hätte und gestern in Manhattan gewesen sei, um einen alten Freund zu treffen. Dann erzählte ich ihr, ich hätte ein neues Hobby: fotografieren.
«Klasse», sagte Charlene, und ich sagte ebenfalls: «Klasse.»
«Unterrichtest du noch?», fragte Charlene.
«Nein, das habe ich sein lassen», sagte ich, ohne weiter nachzudenken.
Sie antwortete mit einem Oh nein, das unglaublich enttäuscht klang.
Also sagte ich: «Aber ich gebe Nachhilfe.» Nur, damit es sich so anhörte, als hätte ich all die Jahre irgendetwas getan.
Plötzlich klang sie viel aufgeräumter, und sie erzählte mir, genau deshalb hätte sie angerufen.
«Ich schreibe dir einen Brief, Arthur», sagte Charlene. Als ich auf ihre Stimme achtete, merkte ich, dass sie ganz anders klang als sonst: zerstreut und wehmütig und langsamer als damals – als wäre ihre Zunge schwerer geworden. Sie klang, als wäre sie betrunken. Es war 14 Uhr.
«Okay», sagte ich.
«Bald kriegst du Post», sagte sie. «Du hast immer noch die gleiche Adresse?»
«Habe ich», sagte ich.
«Bald kriegst du Post», sagte sie noch einmal.
«In Ordnung», sagte ich.
«Worum geht’s denn?», fragte ich noch, doch sie hatte bereits aufgelegt.
Ich saß eine Weile auf der Couch. Dann ging ich ins Schlafzimmer und setzte mich auf mein Bett, öffnete die Schublade meines Nachttischs und holte einen Stapel Papier hervor: alle Briefe, die Charlene mir je geschickt hatte. Alles in allem ein schmaler Ordner, vielleicht vierzig Seiten. Die Seiten waren eng beschrieben mit kleinen, einander überlappenden Buchstaben. An jenem Abend las ich sie alle hintereinander – ein Vergnügen, das ich mir in den zwei Jahrzehnten unserer Korrespondenz nur selten gestattet hatte – und erlaubte mir für einen kurzen Moment, von Charlene zu träumen und mich mit ebenjener Zuneigung und Leidenschaft, die mich seit vielen Jahren am Leben hält, an unsere kurze Beziehung zu erinnern. Und als ich heute Vormittag nichts anderes zu tun hatte, setzte ich mich hin und schrieb endlich den Brief an sie, den ich immer wieder in meinem Kopf vorformuliert hatte: den Brief, in dem ich ihr die Wahrheit sagte, mir meine dunkelsten Geheimnisse von der Seele redete – den Brief, von dem ich genau wusste, dass ich ihn ihr würde schicken müssen, bevor wir uns jemals wiedersehen durften. Den Brief, den ich ihr genau jetzt, in diesem Moment, schicken würde, wenn ich nicht so feige wäre. Doch offenbar bin ich genau das.
Auftritt Charlene Turner: Als sie vor fast zwanzig Jahren in meinen Seminarraum geschlendert kommt, sind ihre Wangen so rosig wie eine Tulpe und ihr Gesicht so rund wie ein Penny. Klein und zierlich, kaninchenhaft, zehn Jahre jünger als die anderen im Raum. Auch ich bin noch relativ jung. Die Seminarteilnehmer sitzen alle an einem langen ovalen Tisch, ich als Dozent am Kopfende. Charlenes Lippen schließen sich nicht ganz über ihren Zähnen. Das Gestell ihrer Brille ist zu breit und lässt es so aussehen, als würde sie leicht schielen. Ihr Pony ist über der Stirn zu einem erstaunlichen Bogen geföhnt. Man sieht ihr an, dass sie sich Gedanken über ihr Outfit gemacht hat. Ihre Schulterpolster drohen sie zu überragen, die Manschetten ihres Blazers hat sie umgekrempelt. Sie trägt Rot, Grün und Gelb und sieht aus wie eine Ampel.
Es ist ein Abendkurs. Die anderen Studentinnen und Studenten sind älter, Mütter und Rentnerinnen in langen schwarzen Röcken und wallenden Blusen. Viele von ihnen sind reich und gelangweilt, viele besuchen den Kurs nur zum Vergnügen. Nicht so Charlene Turner. Alle am Tisch stellen sich reihum vor, ich nenne meinen vollen Namen mit «Doktor» davor und sage meinen Studenten, sie können mich nennen, wie sie wollen. Als Charlene an der Reihe ist, öffnet sie den Mund, doch es kommt nur ein sehr leiser Laut heraus.
«Könnten Sie bitte etwas lauter sprechen?», frage ich sie.
«Charlene Turner», sagt sie, und in ihrer Aussprache höre ich etwas wunderbar Ursprüngliches, sie klingt mehr nach New York als alle ihre Kommilitonen. Das «r» in ihrem Vornamen ist kaum zu hören. Wenn sie spricht, duckt sie sich wie ein Boxer.
«Willkommen, Charlene», sage ich.
Die Universität, an der wir uns kennenlernten, war eine Institution, die sich an progressiven Werten orientierte, und die meisten Studenten waren ähnlich progressiv. Ich unterrichtete im Rahmen eines Weiterbildungsprogramms, zu dem sich kaum normale Studenten einschrieben. Da waren Pendler, Erwachsene, die nach der Highschool erst einmal ein paar Jahre gearbeitet hatten, Leute mit Vollzeitjob, die nur Seminare besuchen konnten, die nach ihrem Feierabend stattfanden. Wir nannten diese nicht-traditionellen Studenten «Nontrads». (Ich staune über mich, dass ich diese Bezeichnung jemals benutzt habe, ja, dass ich sie überhaupt kannte.) Einerseits passte Charlene Turner in diese Kategorie, andererseits aber auch wieder nicht. Nach dem Highschool-Abschluss hatte sie eine einjährige Auszeit genommen. Ob sie gemäß der impliziten Definition der Hochschule «progressiv» war oder nicht, kann ich nicht sagen – wir sprachen nie über Politik. Sie wohnte noch bei ihren Eltern in Yonkers und arbeitete als Sprechstundenhilfe in einer Zahnarztpraxis. Zweimal in der Woche fuhr sie mit der U-Bahn zu meinem Seminar, pro Strecke eine Stunde Fahrtzeit. All das fand ich jedoch erst später heraus. Zunächst war sie nur eine Studentin in meinem Kurs, und zwar eine ziemlich stille.
Im Unterricht sagte sie gar nichts. Sie saß auf halber Höhe an unserem Seminartisch und schaute mich an, blinzelte gelegentlich durch ihre große Brille und beobachtete voller Respekt ihre Kommilitonen. Nur ein einziges Mal während des gesamten Semesters meldete sie sich, und dann gab sie prompt eine falsche Antwort. Ich brachte es nicht übers Herz, sie zu korrigieren, also ließ ich das die anderen Kursteilnehmer erledigen, und anschließend hüllte sie sich wieder in Schweigen. Aber sie besuchte mich mehrmals in meinem Büro. Beim ersten Mal machte sie genauso große Augen wie im Unterricht und stellte mir zu einem der Texte, die wir gelesen hatten, eine Frage, an die ich mich nicht mehr erinnern kann. Sie war auch da wieder sehr still, die meiste Zeit redete ich. Damals teilte ich mir das Büro mit einem anderen Dozenten namens Hans Hueber, den ich nicht mochte, und nachdem sie wieder weg war, drehte er sich zu mir um, lächelte und rollte mit den Augen, als erwartete er, dass ich mich ebenfalls über Charlenes Mangel an Intellekt oder ihr unsicheres Auftreten lustig machte. Ich sah weg.
Danach kam sie noch einige Male zu mir, und wir unterhielten uns. Hans Hueber gewöhnte sich sein höhnisches Grinsen ab, stattdessen seufzte er genervt, wenn sie kam. Charlene konnte mit der Art von Literatur, die wir lasen, wenig anfangen. Sie dichtete Romanfiguren Emotionen an, die sie selbst an deren Stelle empfunden hätte, oder sie beurteilte sie als Menschen statt als literarische Figuren. Wenn ich sie bat, einen Text kritisch zu analysieren, zählte sie lediglich die Gründe auf, warum eine bestimmte Figur gut oder böse war, richtig- oder falschlag. Sie schrieb eine ganze Seminararbeit über Medea, in der sie immer wieder und auf unterschiedliche Weise erklärte, inwiefern Medea egoistisch und bösartig sei. Ich kommentierte, sie hätte über die Bedeutung des Textes nachdenken, eine These zum Text formulieren sollen; Medea als Werkzeug betrachten müssen, um den verborgenen Code des Stücks zu entschlüsseln. Sie kam in meine Sprechstunde und sagte mir, sie verstehe nicht, was ich meinte. Sie wirkte verletzt und durcheinander. Sie dachte, sie hätte ihre Sache gut gemacht.
«Inwiefern finden Sie Medea egoistisch?», fragte ich sie.
«Sie hätte ihre Kinder nicht töten dürfen», sagte Charlene. «Sie hätte sich selbst umbringen sollen.»
Ich erinnere mich an jedes Detail. Ich erinnere mich an ihren Gesichtsausdruck.
«Aber ihre Kinder zu töten, war ihre Methode, sie zu schützen», sagte ich. Ich gab den advocatus diaboli. «Sie wollte nicht, dass sie leiden.»
«Die wären schon klargekommen», sagte Charlene. Sie schaute mich grimmig an. Sie trug einen leuchtend rosafarbenen Pullover mit einem lächerlichen Muster. Sie trug diesen Pullover ziemlich oft. Ihr Pony war an diesem Tag besonders hoch. Sie legte ihre kleine, knochige Hand auf meinen Schreibtisch und ließ sie dort liegen, als wollte sie sagen: Ich lasse mir meine Meinung nicht nehmen. Und das wollte ich auch gar nicht. Dass sie sich entweder weigerte oder schlicht nicht in der Lage war, sich auf akademische Weise mit den Texten auseinanderzusetzen, erschien mir erfrischend unbedarft. Heute ist mir klar, dass ich an der Stelle als Lehrkörper wahrscheinlich versagt habe. Doch damals war ich einfach nur fasziniert von ihr und konnte nicht mehr kritisch denken. Damit habe ich ihr bestimmt keinen Gefallen getan. Ich glaube, ich habe sie anders behandelt als alle anderen Studenten.
Auch danach besuchte sie mich ziemlich regelmäßig in meinem Büro. Einmal brachte sie mir einen Apfel vom Obststand an der Ecke mit. Hans Hueber kicherte laut, als er das mitbekam, und ich fragte mich, ob sie irgendwo gelesen hatte, dass man das so macht: seinem Lehrer Äpfel schenken. Sie erzählte mir, sie wolle Englisch als Hauptfach studieren. Ich glaubte nicht, dass sie das hinbekommen würde, aber das behielt ich für mich. Immer wenn Hans Hueber nicht im Büro war, landete unsere Unterhaltung bei anderen Themen. Ich fragte sie, wie die Highschool für sie gewesen war und was sie speziell an diese Universität geführt hatte. Sie kam selbst für ihre Studiengebühren auf. Als ich sie einmal fragte, warum sie sich nicht für eine Universität in der Nähe ihres Wohnortes entschieden hatte, schaute sie mich ungläubig an und sagte, sie hätte sich nicht vorstellen können, woanders zu studieren als hier, in der City. Mit «City» meinte sie Manhattan, das sie vergötterte und idealisierte. Für sie war Manhattan die physische Manifestation sämtlicher in Erfüllung gegangener Träume. Außerdem, sagte sie, habe sie sichergehen wollen, dass sie beim Studium niemandem begegnete, mit dem sie auf der Highschool gewesen war. Das konnte ich sehr gut nachvollziehen: Meine Zeit auf der Highschool war ebenfalls furchtbar gewesen.
Während dieser Gespräche wurde mir klar, dass sie mir in vielerlei Hinsicht ähnlich war und dass ich ihr etwas zu bieten hatte. Dass ich ihr auf irgendeine Weise helfen konnte. Das Semester ging zu Ende, und ich sah ihr hinterher, als sie nach unserer letzten Unterrichtseinheit den Seminarraum verließ, und im selben Moment überkam mich eine intensive und nachhaltige Angst davor, dass ich sie niemals wiedersehen würde.
Doch kurz nach dem Ende der Vorlesungszeit, Ende Dezember, erhielt ich meinen ersten Brief von ihr. Er war an mein Büro an der Universität adressiert und per Hand geschrieben – alles, was sie bisher bei mir eingereicht hatte, war auf einer Schreibmaschine getippt; ihre Handschrift hatte ich noch nie gesehen. Zum ersten Mal redete sie mich mit «Arthur» statt «Professor Opp» an, und ich hatte den Eindruck, dass das eine ganz bewusste Entscheidung war, die sie nach reiflicher Überlegung getroffen hatte. Sie schrieb: Lieber Arthur, hier ist Charlene Turner. Vielen Dank für Ihren Kurs, es war der beste Kurs, den ich je belegt habe. (Dabei hatte sie gar keinen anderen Kurs belegt, und soweit ich weiß, war meiner auch der letzte.) Sie berichtete von Büchern, die sie gerade las. Von Dingen, über die sie sich Gedanken machte. Von Filmen, die sie gesehen hatte. Am Ende stand: Herzlich, Charlene Turner.
Ich las den Brief zweimal. Und dann noch dreimal. So einen Brief hatte ich in meinem ganzen Leben noch nicht erhalten. Ich steckte den Brief in meine Hemdtasche. Den ganzen Tag trug ich ihn wie einen Glücksbringer mit mir herum. Ich nahm ihn in der U-Bahn mit nach Hause, und zu Hause las ich ihn direkt noch einmal. Und bevor ich ins Bett ging, setzte ich mich an meinen Esszimmertisch und schrieb ihr zurück – den ersten von Hunderten Briefen, die ich in meinem Leben noch an Charlene schreiben würde.
Nachdem der Briefwechsel eine Weile lief, erzählte ich Marty Stein davon, die bis zu ihrem Tod 1997 meine beste Freundin war. Marty hatte ich als Student an der Columbia University kennengelernt. Sie war ein Jahr über mir und huschte ständig in gebückter Haltung von A nach B wie eine Maus mit Brille. Marty war Expertin für Gertrude Stein, Djuna Barnes und Virginia Woolf und ignorierte mit voller Absicht den Großteil des restlichen Kanons. Sie verschaffte mir einen Job an der Universität, die für beinahe zwanzig Jahre mein Zuhause wurde. Im Gegenzug brachte ich sie dazu, im Herbst 1979 nach Brooklyn zu ziehen, indem ich ihr eine Wohnung im obersten Stockwerk des Hauses neben meinem besorgte, und so verbrachten wir an der Uni und zu Hause viele gemeinsame Stunden – rein platonisch.
Ich erzählte ihr von den Briefen, damit sich das Ganze echt anfühlte. Ich erzählte Marty alles. Sie saß auf meiner Couch und trank Tee, als ich sagte: «Eine meiner Studentinnen schreibt mir.»
Marty sah mich an. «Eine Frau?», fragte sie. Marty hätte niemals das Wort Mädchen benutzt, dabei war Charlene genau das: ein Mädchen, ein großes, aber sehr mädchenhaftes Mädchen.
Ich bejahte.
«Was schreibt sie denn so?», fragte Marty.
«Alles, was ihr einfällt», sagte ich.
«Hast du ihr zurückgeschrieben?»
«Ja.»
«Wie viele Male?»
Ich hielt inne. «Fünf Mal», antwortete ich.
«Sie hat dir fünf Mal geschrieben und du hast ihr fünf Mal geschrieben», sagte Marty.
«Ungefähr.»
«Bist du verliebt?»
«Ich schätze schon», gab ich zurück. Ich war verzweifelt und kam mir vor wie ein Idiot. Marty stellte ihren Tee auf dem Tisch ab, damit sie die Hände in die Luft werfen und auf ihre Oberschenkel fallen lassen konnte.
Sie fand meine Freundschaft mit Charlene lächerlich. Sie fand, dass es nach Patriarchat roch. «Wie alt ist sie?», fragte sie mich. Ich sagte ihr wahrheitsgemäß, dass ich das nicht wisse. Ich hielt sie für Mitte Zwanzig. Ich selbst war damals neununddreißig. Aber später fand ich heraus, dass sie jünger war, als ich dachte. Neunzehn, als wir uns kennenlernten. Zwanzig, als ich sie zum letzten Mal sah.
Schließlich schlug sie ebenfalls per Brief vor, dass wir uns auch außerhalb der Uni treffen könnten. Es war Februar. Zu diesem Zeitpunkt war sie schon seit zwei Monaten nicht mehr meine Studentin. Trotzdem war es ein mutiger Schritt von ihr, und ich konnte den Mut an ihrer Handschrift ablesen, die dunkler, bedächtiger und ordentlicher war als sonst. Ich schrieb ihr zurück und schlug einen Treffpunkt vor, ein Café in der Nähe des Gramercy Park. Weit genug weg von der Universität, dass ich mir keine Sorgen machen musste, einem meiner Kollegen über den Weg zu laufen; nah genug, dass ich nach dem Unterricht schnell dort sein konnte.
Zugegeben, es muss so ausgesehen haben, als hätte ich Hintergedanken, denn dieses kleine Lokal war der perfekte Ort für ein Date. Schummriges Licht, Blümchen auf den Tischen, weiße Leuchten, wo die Wand an die Decke grenzte. Der beruhigende Geruch eines brennenden Kamins. Ich war vor ihr da, setzte mich und blätterte in einem Buch, ohne zu lesen. An der Tür hingen Glöckchen, die läuteten, als jemand eintrat, und da war sie: Charlene Turner. Sie trug einen violetten Daunenmantel, der ihr bis zu den Knöcheln reichte. Draußen war es sehr kalt.
Obwohl sie mich in ihren Briefen mit Vornamen anredete, nannte sie mich auf einmal wieder «Professor Opp», und ich machte einen dämlichen Witz und sagte: «Doktor reicht.»
Sie sah verlegen aus und sagte: «Doktor, Doktor.»
«Ich mache doch nur Spaß», sagte ich, aber es war zu spät. Obwohl ich sie anflehte, wieder meinen Vornamen zu benutzen, vermied sie es von da an meistens, mich direkt anzureden.
Anfangs hatten wir uns nicht viel zu sagen. Sie sah sich im Lokal um, ließ die Augen kreisen und bewegte ihren Kopf so schnell und ruckartig wie ein Sperling. Später hatte sie sich so weit beruhigt, dass sie sich in Ruhe umschauen konnte, und ich sah den Effekt, den es auf sie hatte: dieses charmante, kosmopolitische Café, die drei Französinnen, die in einer Ecke saßen, die zwei Russen an der Bar.
Sie erzählte mir von ihrer Kindheit, von ihren Hoffnungen für die Zukunft.
Sie erzählte mir Dinge über sich, die ich nie mehr vergessen habe.
Sie wollte alles. Das Lokal und die Stadt und die Russen. Sie wollte nicht mehr einsam sein.
Letztendlich war es die Einsamkeit, die uns zueinanderführte und miteinander verband. In der Sekunde, als sie meinen Seminarraum betrat, spürte ich, wie einsam sie war, und ich glaube, ihr ging es ähnlich, auch wenn ich versuchte, meine Einsamkeit vor ihr zu verbergen. Keiner von uns beiden hatte viel mit seiner Familie am Hut. Sie beichtete mir, dass ihre Eltern gar nicht wussten, dass sie einen Kurs in der Stadt belegt hatte; für die wäre das Geldverschwendung. Und sie beichtete mir, dass sie das Studium vorerst nicht würde fortsetzen können, da sie es sich nicht mehr leisten könne. Wieder hatte ich diesen Drang, den ich bei allen Menschen verspüre, die ich gernhabe: den Drang, mich um sie zu kümmern und ihnen alles zu geben, was sie brauchen. Ganz gleich, was es war. Aber ihr irgendetwas in die Richtung anzubieten, hätte sich dumm und anmaßend angefühlt, also unterließ ich es. Jahrelang grübelte ich immer wieder nach, ob das die richtige Entscheidung gewesen war.
Wir redeten, stundenlang. Ich nahm sie mit zu Veranstaltungen, von denen ich glaubte, dass sie sie interessant finden würde: Theateraufführungen und Konzerten und anderen kulturellen Events, für die New York City berühmt ist. Ich ging mit ihr in einige meiner Lieblingsrestaurants. Eines Abends, der Frühling ging langsam in den Sommer über, spazierten wir zum Christopher Street Pier und warfen einer Horde Enten, die in der Nähe eine Versammlung abhielt, Stückchen einer Brezel zu; sie beugte sich zum Wasser hinunter, eine Hand hatte sie auf dem Knie, die andere hielt sie eifrig den Vögeln entgegen. Dieses Bild von Charlene Turner hat sich für immer in mein Gedächtnis eingebrannt: So stelle ich sie mir heute noch vor, mit hochgestecktem Haar und einem langweiligen graubraunen Mantel, der so gar nicht zu den bunten Kleidern passen wollte, die sie darunter trug. Als die Enten zu ihr schwammen und ihr Geschenk annahmen, hob sie eine Hand als Zeichen des Sieges und wandte sich lächelnd zu mir um. Ich sah ihr zu. Sie war mir ans Herz gewachsen.
Trotzdem kam ich mir in jenem Frühjahr irgendwie komisch vor. Ich ging mit jemandem aus, plante und unternahm ausgefallene kleine Ausflüge – das war nicht der Arthur Opp, den ich kannte. Im Grunde wartete ich ständig darauf, dass sich der Boden auftat und mich verschlang; dass Charlene Turner mich nicht mehr zurückrief, meine Briefe nicht mehr beantwortete.
Als sie mich dann tatsächlich nicht mehr zurückrief, war ich fast erleichtert. Und als sie trotzdem noch meine Briefe beantwortete, war ich heilfroh. Im Mai schrieb sie mir, sie hätte familiäre Probleme und könne sich eine Zeit lang nicht mit mir treffen. Es tue ihr sehr leid, schrieb sie, und sie sei sehr traurig und werde mich vermissen.
Als ich ihr antwortete, ich könne sie verstehen und wünschte ihr alles Gute, ging ich davon aus, dass ich nichts mehr von ihr hören würde. Aber sie schrieb mir weiterhin Briefe. Über Jahre hinweg schrieb sie mir, immer wieder.
Doch eines konnte sie nicht wissen, da ich nach reiflicher Überlegung beschlossen hatte, es ihr nicht zu verraten: Unsere kurze Beziehung hatte mehrere schwerwiegende Folgen für mich.
Ich hatte nie das Bedürfnis, unsere Freundschaft geheim zu halten; ein-, zweimal bekamen meine Kollegen mit, wie Charlene mich nach Feierabend abholte, und ich lächelte selbstvergessen in deren Richtung, bevor ich sie begrüßte. Ein andermal, als ich mit Charlene in einem netten Restaurant in Midtown zu Abend aß, saß die Dekanin meiner Fakultät an einem Nebentisch. Ich grüßte sie und stellte ihr Charlene mit Namen vor. Natürlich kam mir immer mal der Gedanke, dass manche Leute über das, was wir da taten, die Nase rümpfen würden, aber im Allgemeinen fühlte es sich so unschuldig und schön an, dass ich mir gar nicht vorstellen konnte, dass mich jemand dafür zur Rechenschaft ziehen würde. Außerdem, so sagte ich mir, war Charlene nicht mehr meine Studentin, ja, sie war nicht einmal mehr an der Universität eingeschrieben.
Umso überraschter war ich, als mich die Dekanin eines Nachmittags in meinem Büro anrief und mich bat, zu ihr zu kommen. Das war gegen Ende des Sommersemesters, nachdem Charlene mir bereits per Brief mitgeteilt hatte, dass sie sich nicht mehr mit mir treffen könne. Ich dachte, ich hätte irgendetwas vergessen. Manchmal kam ich mir vor wie der sprichwörtliche zerstreute Professor – ständig vergaß ich Sitzungen, vergaß ich Papierkram, vergaß ich, mich an die Vorgaben der einen oder anderen Initiative zu halten.
Ich stürmte in das Büro der Dekanin und nahm vor ihrem Schreibtisch Platz. Ich ging davon aus, dass sie mich entweder um einen Gefallen bitten oder wegen irgendeiner Kleinigkeit ausschimpfen würde. Sie ließ sich zu keinerlei Smalltalk hinreißen.
«Es gab Gerede über Sie und eine Studentin», sagte die Dekanin.
Dann hielt sie inne und schaute mich einen Moment lang an, als wolle sie an meinem Gesichtsausdruck ablesen, ob ich schuldig oder unschuldig war.
Allerdings glaube ich kaum, dass sie dort etwas anderes fand als Überraschung – ich war so überrumpelt, dass mir die Worte fehlten. Ich öffnete den Mund und schloss ihn wieder.
«Haben Sie zurzeit eine Beziehung mit einer Studentin?», fragte sie mich rundheraus. Offenbar versuchte sie, höflich zu sein, und stellte mir daher die Frage so sachlich und professionell wie eine Ärztin.
«Nein, habe ich nicht», sagte ich. Was ja auch stimmte.
«Sagen Sie mal», begann die Dekanin und nahm ein Blatt Papier in die Hand, das vor ihr lag, als ob darauf irgendetwas stünde, was für unser Gespräch wichtig wäre, «waren Sie zusammen mit einer jungen Frau namens Charlene Turner bei Franco’s, als ich Sie dort im Frühjahr gesehen habe? War das Ms Turner?»
«Ja», sagte ich. «Aber Charlene Turner studiert hier doch gar nicht mehr.»
«Und ob sie das tut», sagte die Dekanin und hielt mir das Blatt Papier hin, das sie eben überflogen hatte. Es war also tatsächlich wichtig. Es war der Studiennachweis von Charlene Turner. Darauf stand ein Kurs aus diesem Sommersemester, Moderne Literatur, den ich ihr am Ende des Wintersemesters ausdrücklich empfohlen hatte. Bis jetzt war ich allerdings davon ausgegangen, dass sie das Studium abgebrochen hatte.
«Sie hat doch gar nicht mehr daran teilgenommen», sagte ich.
«Ich fürchte, das ist nicht der Punkt», sagte die Dekanin. «Wie Sie wissen, verstößt es gegen den Ethikkodex der Universität, wenn ein Professor eine Liebesbeziehung zu einer Studentin unterhält – insbesondere zu einer Studentin, die er unterrichtet.»
«Wer hat die Beschwerde denn eingereicht?», fragte ich sie. Ich weiß nicht genau, warum ich das tat, denn mir war schon klar, dass sie mir nicht antworten würde. Aber ich konnte die Frage einfach nicht zurückhalten. Ich hatte einen Verdacht. Das Gesicht von Hans Hueber tauchte vor meinem geistigen Auge auf.
Natürlich verriet sie es mir nicht. Aber sie teilte mir mit, da man sie von der Situation in Kenntnis gesetzt habe, sei es ihre Pflicht, den Vorfall dem Ethikrat der Universität zu melden. Der Ethikrat, der aus fünf meiner Kollegen, zwei Verwaltungsangestellten und drei gewählten Studenten bestand, würde entscheiden, ob eine Anhörung vonnöten sei.
Natürlich war ich ziemlich aufgebracht. Mein Verhältnis zur Lehre war wechselhaft, aber im Großen und Ganzen unterrichtete ich doch sehr gern. Nichts berührte mein Herz so sehr wie ein Student, bei dem ich den Eindruck hatte, dass er wirklich etwas von mir gelernt hatte. Und nichts gab mir so sehr das Gefühl, mit der Welt um mich herum verbunden zu sein, wie wenn ich ein Trichter sein durfte, durch den anderer Leute Entdeckungen, Philosophie oder Kunst in ein menschliches Wesen flossen.
An jenem Abend ging ich nach Hause und weinte, was ich mir sonst nur selten gestattete. Als ich das Gefühl hatte, ich könnte das alles nicht mehr ertragen, rief ich meine Freundin Marty Stein an und bat sie, herüberzukommen. Als sie da war, berichtete ich ihr von der schrecklichen Ungerechtigkeit, die mir widerfahren war. Doch ihrem Gesichtsausdruck nach zu urteilen, wusste sie bereits Bescheid, was sie auf meine Nachfrage hin auch bestätigte.
«Warum hast du mir nichts gesagt?», fragte ich sie.
Sie trug eine Art Umhang, in den sie sich immer fester einmummelte. «Ich wollte nicht, dass du dich unnötig aufregst.»
«Aber jetzt rege ich mich auf», entgegnete ich.
«Ich weiß», sagte Marty. «Tut mir leid.»
Sie sagte mir, sie hätte gedacht, dass die Sache vielleicht im Sande verlaufen würde, aber man wisse ja, wie Klatsch und Tratsch funktioniere. Sie sagte, sie hätte gedacht, die Leute würden vielleicht übertreiben oder hätten Details hinzugefügt, die nicht der Wahrheit entsprächen.
«Man erzählt sich», sagte Marty, «dass du schon mit ihr zusammen warst, als sie noch deine Studentin war.»
«Das stimmt in keinster Weise», sagte ich, und Marty sagte mir, dass sie mir selbstverständlich glaube und jeden korrigiere, der das Gerücht nachplappere, aber natürlich ohne an die große Glocke zu hängen, dass sie Bescheid wisse. «Wir kriegen das schon hin», sagte Marty. «Keine Sorge.» An jenem Abend sorgte sie dafür, dass es mir besser ging, und als sie ging, hatte sie mich sogar davon überzeugt, dass es vielleicht gar keine Anhörung geben würde und im Laufe des Sommers Gras über die Sache wachsen werde etcetera.
Entsprechend niedergeschlagen war ich, als ich in der darauffolgenden Woche ein Schreiben erhielt, mit dem man mich vor die Ethikkommission zitierte.
Das Semester neigte sich dem Ende zu. Ich hatte die Abschlussarbeiten eingesammelt, vierzig an der Zahl, nahm den Stapel mit nach Hause, legte ihn auf den Esstisch und sah ihn mir jedes Mal an, wenn ich am Tisch vorbeiging. Ich setzte mich mehrmals hin, um die Arbeiten zu korrigieren, aber ich konnte mich einfach nicht konzentrieren. Ständig kreisten meine Gedanken um die Anhörung. Der Termin, an dem ich die Noten einreichen musste, kam und ging. Bestimmt häuften sich in meinem Postfach die Mahnschreiben – von der Verwaltung, von meinem Fachbereichsleiter, vielleicht sogar von der Dekanin. Ich ging gar nicht erst in die Universität, um sie zu holen. Eines Abends klingelte das Telefon, und ich ließ den Anrufbeantworter rangehen. Es war die Dekanin, und sie teilte mir mit, dass ich mit meinen Noten eine Woche im Verzug sei, und ich möge sie doch so schnell wie möglich anrufen.
Ich rief nicht zurück. Am Tag meiner Anhörung holte ich morgens den Anzug, den ich nur selten zu tragen Gelegenheit hatte, aus dem Schrank und legte ihn aufs Bett. Ich schaute ihn an, hängte ihn wieder weg.
Ich setzte mich auf einen Stuhl und betrachtete mich in dem Spiegel, der früher auf meiner Kommode gestanden hatte, und im selben Moment wurde mir klar, dass ich nie wieder zur Universität zurückkehren würde, denn ich konnte den anderen einfach nicht gegenübertreten. Es war zu demütigend.
Von alldem habe ich Charlene Turner nie etwas erzählt. Ich gab ihr nicht die Schuld – die gab ich ausschließlich mir selbst. Ich wollte, dass sie sich genauso gern an unsere gemeinsame Zeit erinnert wie ich. Und wie ich kehrte auch Charlene Turner nie an die Universität zurück. Falls doch, hat sie das in den Briefen, die sie mir weiterhin schrieb, Jahr um Jahr, nie erwähnt. Sie war nur ein Semester auf dem College und hat seitdem in verschiedenen Einrichtungen als Rezeptionistin und Sprechstundenhilfe gearbeitet. In ihren Briefen schrieb sie mir vor allem davon, wie sie sich ihre Zukunft ausmalte: wieder auf die Uni gehen, in die Stadt ziehen, mit einem besseren Job mehr Geld verdienen, eine schöne Wohnung in einem schönen Stadtteil kaufen, mehrere Hunde haben. Sie beklagte sich bei mir über ihre Kollegen und ihre Eltern, teilte es mir mit, als ihre Eltern nacheinander starben, und ich kondolierte ihr und schickte Blumen. Sie erzählte mir von Kinofilmen, die sie gesehen hatte, von Fernsehserien, die ihr gefielen, und von Kleinigkeiten, die in ihrer Nachbarschaft passierten. Schilderte Dinge aus ihrer Kindheit, die sie, wie sie schrieb, noch nie jemandem verraten hatte. Sie bat mich um Buchtipps. Mir kam es so vor, als wollte sie, dass ich sie bei der Weiterbildung unterstützte – und genau das versuchte ich. Ich schickte ihr Bücher, die sie lesen sollte, und bat sie, mir hinterher davon zu berichten. Da sie erwähnt hatte, dass sie irischer Abstammung sei, schickte ich ihr Táin Bó Cúailnge in der Übersetzung von Kinsella und James Joyce’ Dubliner. Ich schickte ihr die Lektüre eines kompletten Seminars über irische Literatur. Sie las alles, was ich ihr schickte – da bin ich mir ziemlich sicher –, und teilte mir hinterher mit, was sie davon hielt, und zwar dermaßen voller Leidenschaft, als wären die Figuren ihre persönlichen Freunde oder Feinde.
Wir trafen uns nur ein paar Monate, aber unsere Korrespondenz dauert nun schon achtzehn Jahre an. Ich fühle eine Verbundenheit mit Charlene Turner, wie ich sie in meinem Leben nur selten erlebt habe – vielleicht gegenüber Marty, vielleicht gegenüber meiner Mutter. Ich kann unmöglich erklären, warum ich sie so sehr mag und warum ich sie von Anfang an mochte. Zum Teil liegt es natürlich daran, dass sie mich mochte und dass ich ihr helfen wollte, wo immer ich konnte. Andererseits erkannte ich mich in ihr wieder – sie war unbeholfen und einsam, eine Außenseiterin, die einzige Fremde in einem Raum, in dem alle einander kannten. So ging es mir auch. Sie redete anders als ihre Kommilitonen. Sie hatte diesen Akzent, in den ich ganz vernarrt war, und einen ganz speziellen Kleidungsstil, und sie strahlte so etwas wie eine ängstliche Hoffnungslosigkeit aus, die mich vollkommen für sie einnahm. Was ich aber mehr als alles andere an ihr liebte und schätzte, war ihre Unbekümmertheit. Mitunter schien es, als nähme sie ihre Umgebung überhaupt nicht wahr. Sie merkte es gar nicht, wenn sie jemanden neben sich mit dem Ellbogen rammte, weil sie es eilig hatte, einen Sitzplatz zu ergattern und wieder unsichtbar zu werden. So war sie, und zwar immer. Wenn wir zusammen eine Straße entlanggingen, fiel sie zurück, weil sie sich die Schaufenster ansah, oder sie ging plötzlich einen ganzen Häuserblock voraus und hatte es gar nicht mitbekommen. Einmal bückte ich mich, um meinen Schuh zuzubinden, und als ich wieder aufblickte, war sie verschwunden. Ich lief fünf Blocks, bevor sie mich fand und mich anblinzelte und sagte: «Tut mir leid! Tut mir so leid!», und dann lachte sie ein bisschen über sich selbst, und dann hakte sie sich bei mir unter.
Heute bekam ich den Brief, den sie mir bei unserem Telefonat versprochen hatte. Er kam in einem quadratischen blauen Umschlag, der eigentlich für eine Grußkarte oder Einladung gedacht war. Der Umschlag sah aus, als wäre er schon einmal benutzt worden. Er war mit Klebeband verschlossen. Ich saß eine ganze Weile mit dem Umschlag auf meiner Couch, ohne ihn zu öffnen. Ich betastete jede der stumpfen Ecken mit dem Zeigefinger. Den Umschlag zu berühren, weckte in mir eine Sehnsucht an die Zeit, als Charlene Turner mir noch regelmäßig schrieb.
Ich hielt den kleinen blauen Umschlag in der Hand, und bevor ich ihn öffnete, verglich ich ihn im Geiste mit den Briefen, die ich früher von ihr erhalten hatte. Ihre Handschrift wirkte langsamer und bedächtiger. Meine Adresse auf der Vorderseite des Umschlags war in breiteren und schlampigeren Lettern geschrieben. Ihre Absenderadresse war kaum lesbar.
Ich steckte einen Finger unter die zugeklebte Klappe und riss sie mit einem Ruck auf.
Darin befand sich kein Brief. Nur ein kleines Foto. Zunächst wusste ich nicht, was ich davon halten sollte. Ein Junge war darauf zu sehen, der vielleicht sechzehn oder siebzehn Jahre alt war, für die Kamera posierte und einen Baseballschläger hielt. Er trug ein Trikot, das mir nichts sagte. Auch wenn mir irgendetwas an ihm bekannt vorkam, hatte ich ihn noch nie gesehen.
Dann drehte ich das Foto um, und auf der Rückseite stand in Charlenes breiter Handschrift: Mein Sohn Kel.
Ich sah mir noch einmal das Foto an. Und dann drehte ich es wieder um. Ich war perplex. Wenn das tatsächlich ihr Sohn war, hatte sie ihn schon sehr lange und mir nie etwas davon erzählt. Ich konnte nicht nachvollziehen, warum sie nichts dazugeschrieben hatte, das erklärte, was das sollte. Ich hatte das Gefühl, dass sie vielleicht sauer auf mich war oder mir eins auswischen wollte. Vielleicht wollte sie mir auch nur sagen, dass ich gefälligst mein Leben weiterleben soll, oder sie wollte mir auf besonders hinterhältige Weise mitteilen: Hör auf, mir zu schreiben. Schau mal, was ich habe und was du nicht hast, Arthur. Ich hatte keine Ahnung. Keine Ahnung.
Ich war kurz davor, sie anzurufen, aber ich konnte mir nicht erklären, was sie bezweckte, und war ganz durcheinander. Meine alte Schüchternheit überkam mich. Deshalb tat ich den Rest des Nachmittags über gar nichts, aber aus Gründen, die ich nicht wirklich erklären kann, war ich sehr traurig, und mir wurde bewusst, welchen Platz ich in dieser Welt einnahm und was ich ihr hinterlassen würde, und ich aß eine ganze Menge, und dann setzte ich mich schließlich wieder an meinen Tisch, und dann ging ich zur Haustür und dann zur Couch und dann ins Bad, um mich im Spiegel zu betrachten, und dann ging ich zurück zum Esszimmertisch, und dann ging ich ins Bett. Ins Bett.
Den gesamten Samstag über machte ich mir sinnlos Sorgen und spekulierte, was Charlene damit bezweckt haben könnte, mir ein Foto ihres Sohnes zu schicken. Ich aß eine ganze Menge und überlegte, ob ich sie anrufen sollte, doch ich ließ es bleiben.
Eine ganze Weile dachte ich über meinen Körper nach. Manchmal versuche ich, halb im Scherz, mein Gewicht zu rechtfertigen. Ich bin 1,90 Meter groß, deshalb sage ich mir manchmal, ich sei stämmig oder kräftig gebaut. Bei beidem denkt man an einen gesunden, lustigen Typen, einen Holzfäller vielleicht oder einen Footballspieler. An die Männer in der Werbung für Kleidung in Übergrößen. Manche Footballspieler wiegen an die hundertachtzig Kilo. Aber die haben auch muskulöse Arme und Beine wie Baumstämme.
Ich hingegen trage das meiste Gewicht in Form meines Bauchs mit mir herum, und nichts an mir war jemals muskulös. Seit meinem zehnten Lebensjahr bin ich fleischig und massig, habe weiche Arme und Beine, Grübchen an den Knien und Wurstfinger. Mein Bauch ist inzwischen so groß, dass es geradezu grotesk ist. Wenn ich mich hinsetze, hängt er zwischen meinen Beinen herunter. Ich trage die Hose darüber – das ist der andere Unterschied. Männer, die so dick sind, dass es als akzeptabel gilt, tragen den Hosenbund unter dem Bauch. Dass ich diese Sphäre verlassen hatte, wurde mir bewusst, als ich mir erstmals eine Hose kaufte, die so groß war, dass der Bund über meinem Nabel saß – eine Hose, die für Männer wie mich gemacht wurde. Fettleibige. Ich versuche immer wieder, es zu verleugnen. Wenn ich mein Spiegelbild im Fenster betrachte, versuche ich mich so zu drehen, dass ich normal aussehe. Außer dem kleinen Spiegel über dem Waschbecken im Bad habe ich keine weiteren Spiegel im Haus. Ich habe keine Lust, daran vorbeizugehen und zufällig einen Blick auf mich selbst zu erhaschen. Wenn ich mich doch einmal betrachten will, benutze ich dazu das dreiteilige Fenster, das zur Fifth Street hinausgeht. Nach Sonnenuntergang funktioniert das ganz gut. Draußen dunkel, drinnen hell: Arthur Opp hinter seinem Fenster, der sich dreht und wendet wie ein Brathähnchen auf einem unsichtbaren Spieß. (Die Nachbarn halten mich wahrscheinlich für ziemlich merkwürdig.) Ich tue das aus einem ganz bestimmten Grund: Ich will auf meinen Umfang achten, damit ich nicht eines Tages aufwache und nicht mehr laufen kann.
Nach mehreren Stunden Selbstmitleid beschloss ich, dass es letztendlich keine gute Idee wäre, Charlene Turner wiederzusehen. Allzu gründlich hatte ich mir eingeredet, dass mich niemand mehr zu Gesicht bekommen sollte.
Doch dann kam alles ganz anders, denn mein Telefon klingelte. Und dieses Mal wusste ich, dass sie es war. «Arthur Opp», sagte ich.
«Ist das zu glauben?», fragte Charlene.
Ich war auf der Hut. Ich sagte, nein, das sei es wohl nicht.
«Er ist auf der Highschool. Ist das zu glauben?»
Und wieder sagte ich Nein.
«Ist er nicht toll?», fragte Charlene.
Das ging eine Weile so weiter, bis ich das Gefühl hatte, dass sie mir das Bild ihres Sohnes nicht geschickt hatte, um mich zum Schweigen zu bringen oder dafür zu sorgen, dass ich ihr keine Briefe mehr schickte. Ich war enorm erleichtert.
Aber zum zweiten Mal hörte ich, dass ihre Stimme anders klang, als sie hätte klingen sollen, tiefer und langsamer, und das machte mir Sorgen. Andererseits hatte ich Charlene Turner schon so lange als Zwanzigjährige in meinem Kopf, dass es wahrscheinlich unfair war, zu erwarten, dass sie heute noch genauso klang.
Es folgte ein so langes Schweigen, dass ich schließlich fand, ich bräche mir keinen Zacken aus der Krone, wenn ich sie einfach fragte, was ich wissen wollte. Dass ich fand, ich hätte die Erlaubnis, ja geradezu ein Recht darauf. Also fragte ich sie, warum sie mir nie von ihm erzählt hatte, und sie stieß einen langen Seufzer aus.
Und dann erzählte sie mir eine Geschichte. Vor vielen Jahren, aber nicht lange nachdem wir uns zum letzten Mal getroffen hätten, habe sie einen Mann namens Keller geheiratet, in den sie gar nicht verliebt gewesen sei. Sie habe es mir nicht sagen wollen. (Mir wurde schwindelig, als ich mir die Gründe dafür ausmalte.) Also habe sie mir weiterhin geschrieben, als wäre nichts geschehen. Bald darauf habe sie einen Sohn bekommen, aber weil sie mir schon vorher den Mann verschwiegen hatte, habe sie nicht gewusst, wie sie mir von ihrem Sohn erzählen sollte. Also habe sie es bleiben lassen. Und so ging es weiter: Sie und ihr Mann ließen sich scheiden. Sie hat mir das nie erzählt. Sie behielt seinen Namen – jetzt heißt sie Charlene Turner Keller. Sie hat mir das nie erzählt. Sie zog ihren Sohn allein auf. Sie hat mir das nie erzählt. «Du wärst begeistert von ihm», sagte sie mit fester Stimme durch das Telefon. Und das glaubte ich ihr sogar. Kel Keller. Ein seltsamer, liebenswerter Name.
Dann kam sie zum Kern der Sache und dem Grund, warum sie mich kontaktiert hatte, und dem Grund, warum ich jetzt so beunruhigt bin.
Er sei nicht sehr gut in der Schule, sagte sie, wolle sich aber bald darauf vorbereiten, sich für das College zu bewerben. Er habe viele Freunde, brauche aber vielleicht ein bisschen Führung. Sie sagte, ich sei der klügste Mensch, den sie je kennengelernt habe, was mir mehr bedeutete, als ich auch nur ansatzweise in Worte fassen könnte. Außerdem sagte sie mir, dass ich die erste Person gewesen sei, an die sie gedacht habe. «Warum ich dich angerufen habe: Meinst du, du kannst ihm helfen?»
«Gibt es denn etwas, wobei er besonders viel Hilfe braucht?»
Bei den College-Bewerbungen, antwortete sie. Er sei sehr unkonzentriert. «Er spielt Baseball. Er hat nur Baseball im Kopf.»
«Verstehe», sagte ich und schaute mich hektisch im Haus um und umklammerte mit der rechten Hand vor lauter Angst den Saum meines Hemdes.
«Wir könnten zu dir kommen», sagte Charlene. «Wann immer es dir passt.»
«Ich muss mal in meinem Terminkalender nachsehen», sagte ich.
In diesem Moment kam ich ins Schwitzen. Mir gingen mehrere Gedanken gleichzeitig durch den Kopf, unter anderem überlegte ich, was ich Charlene sagen sollte, wenn sie mich fragte, warum ich nicht mehr unterrichtete, was sie unweigerlich tun würde.
Doch sie sagte nur: «Prima. Schau in deinen Terminkalender und ruf mich dann zurück. Ich habe ihm schon so viel von dir erzählt.»
Wir legten auf, und ich schnappte nach Luft. Ich hatte keine Ahnung, was ich tun sollte. Ein paar Punkte galt es zu bedenken:
Charlene und ihren Sohn in meinem Leben zu haben, wäre eine schöne Erfahrung.
Ich habe mich sehr an mein kleines Leben gewöhnt, und es ist im Grunde gar nicht so übel.
In den vielen Briefen, die ich ihr im Laufe der Jahre schrieb, habe ich viel zu oft übertrieben, ihr viel zu viel verschwiegen, sie immer wieder rundheraus angelogen.
Aber immerhin war auch sie nicht ganz ehrlich.
Mein Haus ist in einem sehr schlimmen Zustand.
Ich auch.
Als ich ans Telefon ging, brauchte ich einen Moment, aber dann traf mich ihre Stimme durch die Leitung wie ein Stromschlag, und ich wusste, dass sie es war, ohne nachzufragen.
Als sie vor vielen Jahren den Kontakt abbrach, dachte ich, sie hätte mich vergessen. Aber offenbar hat sie mich nicht vergessen und hat an mich gedacht. Sie hat es selbst gesagt. Einfach so.
Nachdem ich mehrere Stunden lang gegrübelt hatte, wusste ich, was zu tun war.
Den Brief zu schreiben und ihr damit zumindest eine Variante der Wahrheit zu beichten, war der erste Schritt. Denn auch wenn mich die bloße Vorstellung, so einen Brief zu schreiben, zutiefst beunruhigte, fand ich einen anderen Gedanken weitaus schlimmer: dass Charlene und ihr Sohn einfach so vor meiner Tür stünden und ich ihnen öffnen und sagen müsste: Guckt mal, das bin ich, so wohne ich.
