Der Auftrag - Urs Rauscher - E-Book

Der Auftrag E-Book

Urs Rauscher

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Beschreibung

Eines Abends bekommt ein mittelmäßig erfolgreicher Schriftsteller einen Auftrag: Er soll für einen Millionär einen Roman schreiben, ein Unikat, welches nur zum Lesen durch den Auftraggeber bestimmt ist. Dieser stellt ihm dafür eine Million in Aussicht. Doch was zunächst die Rettung einer durchschnittlich erfolgreichen Karriere zu sein scheint, entpuppt sich im Verlauf der kommenden Geschehnisse als Verhängnis... Komisch, witzig und absurd: Ein humorvoller Ritt durch die Welt des Reisens, Schreibens und der Liebe! In allen Ecken der Erde begegnen den Protagonisten dieses vielschichtigen Romans die verrücktesten Abenteuer, Geheimnisse, Verschwörungen und Rätsel....

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Seitenzahl: 253

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Urs Rauscher

Der Auftrag

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Der Auftrag

Der Kurs

Der Schurz

Die Flucht

Die Verschwörung

Der Millionär

Epilog

Impressum neobooks

Der Auftrag

Alles begann an einem dunklen Herbstmorgen, in einem Herbst, der vorzeitig ergraut war. Der Oktober war noch nicht angebrochen, aber die eisernen Nebelschwaden hingen unbeweglich über den dunkelbraunen, mit Raureif überzogenen Feldern der süddeutschen Provinz. Gewöhnlich wäre ich zu dieser Jahreszeit zu einer solchen Uhrzeit überhaupt noch nicht aus dem Haus gewesen, aber ich hatte am Vorabend einen unerwarteten Anruf erhalten, und diesem folgte ich nun. Mein Beruf ließ es zu, dass ich solange schlief, bis ich ausgeschlafen war, was in meinem Alter nicht mehr allzu spät der Fall war. Dennoch ließ ich mir in der Regel Zeit, bis ich vor die Tür trat; meistens war es nicht vor Mittag. Ich war Schriftsteller, und die letzte Lesereise, bei der ich manchmal das Hotel vor zehn Uhr hatte verlassen müssen, um nicht für eine weitere Nacht zu bezahlen, war schon eine Weile her. Genau genommen hatte meine Frau das Telefonat entgegengenommen, und weil sie so zutraulich und liebevoll geklungen hatte, war ich davon ausgegangen, dass es sich um Verwandtschaft handelte, aber als sie mir dann den Hörer in die Hand drückte und mir mit funkelnden Augen ein schwärmerisches „Dein reicher Kunde“ ins Ohr flüsterte, bevor sie ins Nachbarzimmer entschwebte, war ich doch einigermaßen überrascht. „Steigbügel hier“, sagte eine sonore Männerstimme, der die Jahrzehnte des Gebrauchs anzuhören waren. Ich war perplex. Steigbügel? Ich wollte nachhaken, aber die Stimme ließ mich nicht zu Wort kommen: „Ich wollte wissen, ob sie über mein Angebot nachgedacht haben.“

Ich war nun noch verwirrter. „Angebot?“

„Mein Angebot. Das Unikat. Sie wissen schon.“

„Nein?“

„Ihre Frau hat es Ihnen überbracht.“

Ich wollte meine Frau nicht bloßstellen: „Ach so...Ja. Ich erinnere mich.“

„Und was denken sie darüber?“ Der ältere Mann hatte unüberhörbar Schnupfen.

„Tja...“

Ich wollte mich selbst ebenso wenig bloßstellen, in dem Fall, dass meine Vergesslichkeit oder der gestrige Bourbon Schuld an allem war. Ich versuchte also ein Ausweichmanöver: „Hm. Ja, das Angebot. Mir fehlen noch die Details.“

„Welche Details?“ Die Ungeduld war deutlich durchzuhören. „Ein Unikat ist ein Unikat. Dass ein Roman nicht weniger als zweihundert Seiten hat, brauche ich Ihnen ja nicht zu sagen.“

Ich atmete durch. „Nein, natürlich nicht. Ein Roman...“ Ich hörte das Hochziehen von Nasenschleim. „Ein Unikat. Ein Roman. Sie haben Recht, da braucht es keine Details.“

„Das will ich doch hoffen.“

„Es sei denn, der Roman hat einen Inhalt.“

„Der Inhalt wird im Groben so sein, wie ich es durch Ihre Frau habe überbringen lassen.“

„Natürlich. Ich erinnere mich. Ja, der Inhalt. Die Geschichte...“ Ich fühlte mich überrumpelt und im Stich gelassen.

„Und bei einer Million Euro gibt es auch keine Details. Netto, versteht sich.“

„Ja, eine Million ist eine Million.“ Ich versuchte ihm jetzt mehr zu entlocken: „Egal ob man sie in bar bezahlt oder auf ein Konto oder in Form eines Hauses. Ob in Raten oder als ganzen Betrag. Eine Million ist eine Million.“

„Ganz recht“; sagte die Stimme streng. „Auf Ihr Konto. Die Daten habe ich bereits. Fünfhunderttausend als Anzahlung und weitere fünfhundert bei Fertigstellung. Aber das sind nur Details.“

„Ja. Nur Details.“

„Dann kommen Sie also morgen?“ Es klang eher wie ein Befehl als wie eine Frage.

„Ja...Ja, ich komme morgen. Eine Million, wer kann denn da nein sagen?“, bemühte ich einen Scherz und lachte gekünstelt in die Hörmuschel.

„Sie jedenfalls nicht“, sagte er bestimmt. „Ihre Frau hat ja fast schon zugesagt.“

„Äh. Ja, das hat sie. So gut wie. Und das vollkommen zu Recht.“ Ich verspürte Wut und absolute Wertschätzung für meine Frau zugleich. Eine Million. Steigbügel. Unikat. Roman. All das blies mir zugleich durch den Schädel, bis ich mir ein vages Bild machen konnte.

„Die Adresse haben Sie“, sagte die verkratzte, veraltete Stimme. „Die Uhrzeit auch. Auf Wiederhören.“ Er hatte aufgelegt.

Ich hoffte, dass meine Frau, Beate, nicht gehört hatte, dass mein Telefonat beendet war, aber dann vernahm ich etwas, das wie fahrende Panzer klang und vom Wohnzimmer in den Flur drang, und so wusste ich, dass sie fernsah. Also ging ich in die Küche, um mir einen Bourbon einzuschenken auf den Schock, den mir das Gespräch versetzt hatte. Ich wusste noch nicht, ob ich das, was ich erfahren hatte, als Lottogewinn oder als Todesnachricht bewerten sollte: Irgendein Millionär wollte, dass ich einen Roman schrieb, der Zusatz Unikat bedeutete, dass dieser Roman nur ihm gehören würde, dass er nicht veröffentlicht würde und niemand sonst jemals eine Zeile zu Gesicht bekäme – außer vielleicht seine Erben.

Der Bourbon brannte in meiner Kehle. Wärme stieg von unten aus meinem Bauch auf und erfasste meinen Kopf. Ich widerstand der Versuchung, ein zweites Glas einzuschenken und begab mich ins Wohnzimmer zu meiner Frau. Sie hörte mich nicht näherkommen. Als ich hinter ihr stand, sah ich, dass sie keine Weltkriegsdoku sah, sondern einen Bericht über die städtische Müllabfuhr von Bielefeld. Ich strich ihr durch ihre kurzen braunen Haare. Ich mochte keine kurzen Haare, und sie hatte sich ihre Mähne vor ein paar Jahren ganz kurz schneiden lassen, weil ihr ein Freund dazu geraten hatte. Meine Meinung war ihr damals wohl weniger wichtig gewesen. Wie noch heute. Ich stichelte gerne bei diesem Thema. So berührte ich einen der Stoppel mit den Fingerspitzen und sagte: „Mit langen Haaren wärst du fast so schön wie früher.“

„Wie reizend“, gab sie zurück und setzte einen Schmollmund auf, als sie sich zu mir umdrehte. „Wann fährst du?“

„Schön, dass du mich vor vollendete Tatsachen stellst.“ Ich versuchte, ihr böse zu sein. Was mir aber nicht gelang.

„Wann fährst du?“

„Morgen. Du hast also die Adresse?“

„Ja, wie ich gesagt habe.“

„Du hast mir gar nichts gesagt.“

Sie sah mich mit schief gelegtem Kopf an: „Schon wieder vergessen?“

„Du hast mir nichts gesagt. Wann denn? Gestern?“ Mich beschlich die Angst vor dem Verlust meiner Erinnerungsgabe.

„Ja, klar. Wir haben doch darüber geredet.“

„Nein. Bestimmt nicht.“

„Ist das etwa der Bourbon?“ Sie musste schmunzeln. „Du trinkst zu viel Bourbon.“

„Schwachsinn.“

„Komm mal her. Lass mich riechen.“

Ich verweigerte mich ihrem Alkoholriechtest.

Sie machte ein strenges Gesicht, dann hellte es sich jedoch wieder auf: „Jedenfalls ist es eine Riesenchance. Wie viel hast du für dein letztes Buch bekommen? Wie viele Exemplare hast du verkauft?“

Ich bedeutete ihr mit einem Abwinken, dass ich nicht darüber sprechen wollte.

„Auf jeden Fall hast du mit einem Buch noch nie eine Million verdient.“ Sie machte eine kurze Pause. „Du hast überhaupt noch keine Million verdient. Noch nicht einmal mit all deinen Büchern zusammen.“

„Nein“, sagte ich überschnell.

Sie schaute sich im Zimmer um „Wir könnten das Geld gut gebrauchen.“

„Deshalb fahr ich auch hin.“

„Ich bügele dir deinen Anzug.“ Sie sprang auf.

„Warte. Worum soll es in dem Buch gehen?“

Sie schaltete den Fernseher aus. „Das weiß ich doch nicht. Das geht mich auch nichts an.“

„Dieser Steigbügel meinte, er hätte es dir gesagt.“

„Nein. Er muss auch unter Gedächtnisverlust leiden“, meinte sie in einem Anflug von Spott.

„Woher wissen wir überhaupt“, ich kratzte mich an der Stirn. „Dass es sich dabei nicht um einen Betrüger handelt? Ich meine, Steigbügel, das hört sich nach einer Veräppelung an.“

Sie sah mich an wie einen Außerirdischen. „Du kennst Steigbügel nicht? Der berühmte Unternehmer. Schrauben, Muttern, Nägel und so...?“

„Aha. So berühmt kann der aber nicht sein.“

„Nur weil du ihn nicht kennst?“

„Woher kennst du ihn denn?“

„Ich kenne ihn nicht. Aber die Firma. Die Firma kennt man doch. Die Werbung im Fernsehen. Und dann das, was in der Zeitung steht: Steigebügel-Stiftung. Steigbügel Kunstsammlung. Steigbügel-Spedition. Der war doch auch mal ganz groß in den Nachrichten, weil er mehr Steuern gezahlt hat, als er eigentlich sollte. Sie haben ihm dafür einen Verdienstorden des Bundes verliehen. Aber er selbst lebt eher zurückgezogen. Aber die Adresse, die er mir gegeben hat, stimmt mit dem überein, was ich im Internet gefunden habe.“

Ich schaute kaum Fernsehen. Zeitung las ich auch nicht. Ich glaubte meiner Frau, auch wenn ich einschränkte: „Das kann immer noch ein Betrüger sein. Genau genommen, ist das so sogar noch wahrscheinlicher.“

„Ach was. Der hat sehr echt geklungen.“

„Na dann“, murmelte ich leise vor mich hin. Ich hatte ohnehin keine Wahl. Meine Frau würde mir sonst ewig Vorwürfe machen. Erst recht, wenn mein kommendes Buch ein Flop würde. Außerdem war ich selbst gespannt. Und gierig. Ja, ich konnte eine Million ebenso gut gebrauchen wie Beate. Sollte es sich um einen Betrüger handeln, so hätte ich immerhin wieder Stoff für einen Roman. „Wo lebt der Typ denn?“

„Der Typ lebt in Bayern. Irgendwo in der Provinz. Muss selber nochmal nachschauen. Ich gebe dir die Adresse nachher. Jetzt gehe ich aber wirklich bügeln.“ Sie stieß sich vom Sofa ab, an dessen Rücken gelehnt sie gestanden hatte, und drückte mir einen Kuss auf den Mund. „Uaa. Bourbon“, zischte sie milde abfällig.

Ich liebte diese kleine Frau mit der Stupsnase und den Sommersprossen. Gewissermaßen liebte ich auch ihre Sticheleien. Wir waren Mitte vierzig und seit fast zwanzig Jahren ein Paar. Kinder hatten wir keine, wir hatten nie welche gewollt. Meine Frau war Übersetzerin und sehr gut beschäftigt. Wie ich hatte sie schon ein paar kleinere Preise gewonnen, einmal aber auch den renommiertesten Literaturübersetzerpreis überhaupt. Für die Preisverleihung war sie eigens mit mir nach Frankfurt zur Buchmesse gereist. Dort hatte sie sogar ein Zeitungsinterview mit Photographen gegeben. Danach hielt sie den Kopf immer etwas höher als vorher.

Nach einem weiteren Glas Bourbon lag ich im Bett. Beate saß noch im Wohnzimmer und sah sich einen Film an. Ich hatte eine Weile im langweiligen und nichtssagenden Buch eines befreundeten Schriftstellers gelesen, dann aber die Nachttischlampe ausgemacht. Ich war zu müde, um wach zu sein, aber zu aufgeregt, um wirklich zu schlafen. So malte ich mir aus, was mich erwarten würde: Das Anwesen. Der Unternehmer. Der Vertrag. Es sah so aus, als würde etwas Bewegung in mein eingeschlafenes Kunsthandwerkerleben kommen.

In der Nacht träumte ich einen kruden und beklemmenden Traum: Ich war mit meiner Frau und meinem besten Freund in einem Cabriolet unterwegs. Es war Sommer und wir kreuzten durch die die Stadt. Wir suchten in einer Art Einbahnstraße nach irgendeinem Geschäft, doch je klarer wir uns darüber wurden, dass wir in die falsche Richtung fuhren, desto weiter fuhren wir in diese falsche Richtung, weil mit jedem zusätzlichen Kilometer die Wahrscheinlichkeit des Auftauchens eines Ausgangs stieg. Irgendwann drückte mein bester Freund immer stärker aufs Gas, so dass ich immer mehr Angst bekam, wir würden bald mit einem anderen Fahrzeug zusammenstoßen, gegen eine Wand prallen oder von der Polizei gestoppt und festgenommen werden. Ich brüllte, aber niemand schien mich hören zu können. An Aussteigen war auch nicht zu denken. Seltsamerweise blieb meine Frau ganz ruhig und mein Freund spielte meine Bedenken herunter. Als wir aus einer Kurve flogen, wachte ich auf.

Beate war schon wach. Sie hatte mir Frühstück gemacht und mir meinen Anzug gerichtet. Nach meiner morgendlichen Dusche frühstückten wir zusammen, schweigend. Als ich schließlich frisch herausgeputzt in der Garage vor meinem alten Audi stand, war mir mulmig zumute. Ich nestelte an meiner Krawatte. Beate bemerkte das natürlich.

„Was ist los?“, fragte sie. „Hast du Angst vor der Aufgabe?“

„Nein. Es ist nichts.“ Ich fasste sie an beiden Schultern.

Sie zog meine Krawatte zurecht: „Wird schon.“

„Ja“, sagte ich wenig überzeugend. Ich verschwieg den Traum.

„Hier.“ Sie reichte mir meinen Koffer.

„Danke.“ Als ich ihn in der Hand hielt, stutzte ich. Ich hob ihn über Kniehöhe und sah Beate an.

„Was ist?“

„Der ist so schwer. Was hast du rein gemacht? Steine?“

„Kleidung für zwei Wochen“, gab sie lapidar zurück.

„Was? Zwei Wochen? Ich bin doch spätestens morgen wieder zurück.“

Sie schüttelte den Kopf: „Ich glaub nicht, dass das so schnell geht.“

„Warum? Eine Besprechung, den Vertrag unterschreiben, Vielleicht noch einen Drink, eine Nacht in der Villa und morgen bin ich wieder zurück.“

„Er meinte, Kleidung für zwei Wochen.“ Sie zuckte mit den Schultern.

„Davon hat er mir nichts gesagt. Soll ich das Buch bei ihm schreiben?“

„Keine Ahnung. Ich dachte, ihr habt das besprochen.“

Ihre letzten Worte brachten mich auf. „Du hast doch alles mit ihm besprochen!“

„Jetzt übertreib nicht“, beschwichtigte sie und zog meinen Kopf zu sich herunter, um mich auf die Lippen zu küssen.

Ich löste mich erzürnt, nur um mich kurz darauf zu besinnen und ihren Kuss zu erwidern. Ich küsste sie noch einmal. Und wieder. Es war, als hielte ich mich mit jeder Lippenberührung an ihr fest. Irgendetwas sagte mir, dass ich nicht fahren sollte, dass ich die Million ausschlagen und mein Leben so weiterleben sollte wie bisher. So schlimm war es schließlich gar nicht.

Aber dann saß ich im Auto und ließ das Fenster hinunter, um Beate noch ein paar letzte Liebesbekundungen zukommen zu lassen. Vielleicht sahen wir uns nun zwei Wochen nicht – fast eine kleine, unerwartete Lesereise. „Ich hab dein Navi schon programmiert“, sagte sie mit einem Lächeln, als ich das Gerät über dem Armaturenbrett anschaltete. Ich zwang mich auch zu einem Lächeln. Ich heftete meine Augen an sie, winkte ihr zu. Erst als ich außer Sichtweite des Hauses war, ließ ich das Fenster wieder nach oben.

Nun war ich also fast an meinem Ziel angelangt. Fünf Stunden war ich bereits gefahren und ich hatte den jungen Herbst und das Autofahren gründlich satt. Die Bourbon-Nebelschwaden in meinem Kopf wurden an Autobahnraststätten mit billigem Pappbecherkaffee vertrieben. Ich wollte klar werden, bevor ich der Großen Persönlichkeit gegenüberstand, von der Beate gesprochen hatte. Im Internet hatte ich nach einer Fotografie geschaut, war aber nur auf ein reichlich undeutliches, verschwommenes Bild gestoßen, das aus einem Gruppenfoto ausgeschnitten und dann vergrößert worden war. Außer einer Halbglatze und einem gesichtseinnehmenden Grinsen war nicht viel zu erkennen gewesen. Aber immerhin kannte ich schon die Stimme und von dieser ließ sich bereits ein Großteil der Persönlichkeit ableiten. Und den Nachnamen. Steigbügel. Er klang so, als hätte sein Vorfahre anderen zu wichtigen Posten oder Ämtern verholfen. Vielleicht konnte er ja mir auf das hohe Ross des Reichtums helfen.

Sicherlich war ich dem Geld nicht vollkommen abgeneigt, jedoch war es anzuhäufen nie mein primäres Ziel im Leben gewesen. Selbst Berühmtheit hatte ich nie bewusst angestrebt. Ich fand Erfüllung im Schreiben, dem Erschaffen von Sätzen und Texten, der Hingabe an die Intuition und Erfindungskraft im Detail, und da es mich ernährte, hatte ich immer damit weitergemacht, selbst wenn mir ein paar Jahre lang keine gute Idee kam. Ich ging dabei vor wie die meisten meiner Kollegen, die alle zwei bis drei Jahre ein neues Buch herausbrachten, einfach um den Erwartungen des Marktes zu genügen. Wir verkauften unsere Bücher, weil wir einmal ein recht ordentliches Werk verfasst hatten. Das war zu Beginn unserer Karriere gewesen, als die Eingebung uns geleitet hatte, als es eine gewisse Dringlichkeit gab, einer Idee Form zu verleihen, und man schließlich als Schriftsteller endete, weil man eben keine anderes Ventil gefunden hatte als ein fiktionales Buch, um das, was einem auf der Seele brannte, zum Ausdruck zu bringen. Andere Leute waren Fußballfans geworden, Politaktivisten, ewige Grantler oder große Liebhaber. Ich eben Schriftsteller. Das Buch verlieh meinen Gefühlen die richtige Stimme: Ich war nicht zornig genug, um politisch zu handeln, nicht fanatisch genug, um mit anderen herumzubrüllen, nicht frustriert genug, um anderen mit meinen Kommentaren das Leben zu vergällen, und nicht leidenschaftlich genug, um mehr als einer Frau meine Liebe und körperliche Energie zu schenken. Mein Gefühlsleben war genauso wohl temperiert wie es das der Figuren in meinen Romanen war, und vermutlich ebenso wie das meiner Leser, weswegen ich bereitwillig jene Spiegel aus Wörtern dafür erschuf, ohne mich allzu sehr verbiegen zu müssen. Also verlangte der Verlag alle paar Jahre ein Manuskript, und alle paar Jahre begab ich mich nach Erscheinen der neuen Geschichte auf eine mehrwöchige Lesereise, bei der ich mein Buch denjenigen Menschen vorlas, die ohnehin vorgehabt hatten, es zu kaufen. Viel mehr als eine Werbeveranstaltung waren diese Lesungen ein Dankeschön an die treue Leserschaft. Denn als ich einmal wegen Krankheit nicht auf Reise gehen konnte, verkaufte sich das Buch eben so gut wie jene davor und diejenigen, die ich danach imstande war mit meiner etwas schwachen Stimme zu bewerben.

Weder passte ich meinen Stil dem Großen Geschmack der Masse an, wie es eine berühmter Literaturkritiker in abfälligem Ton genannt hatte, noch hatte ich die eine geniale Idee, die mein Werk zu Weltliteratur gemacht und somit millionenfach verkauft hätte, aber trotzdem kaum tatsächlich gelesenen werden ließ. Es gab also weder das Glück noch die Bemühung, das Große Geld zu scheffeln. Meine Frau kannte ich eigentlich auch nicht als gierig, und so war ich doch einigermaßen, wenn vielleicht nicht befremdet, dann doch verwundert über die Zielstrebigkeit, mit der sie mich dem mir unbekannten Mäzen zuführte, die Zweifellosigkeit, mit der sie von mir erwartete, dass ich zu ihm fuhr und seinem seltsamen Vorhaben zustimmte.

Nun war ich lange auf Autobahn und Landstraße gewesen, und hatte es in das kleine Kaff geschafft, in welchem sein Anwesen stehen sollte: Daunloding. Nichts deutete darauf hin, dass hier ein Empfänger des Bundesverdienstordens und steinreicher Unternehmer seine Wohnstätte errichtet hatte. Es gab Landwirtschaftsgebäude und kleine Einfamilienhäuser und im Ortszentrum ein kümmerliches Rathaus sowie eine Kirche mit Zwiebelspitze. Außer einer alten Frau mit Hund zeigte sich bei dem Wetter keiner der Bewohner auf der Straße. Ich musste durch die Ortschaft hindurch fahren, um zu der Straße zu gelangen, in der mein Auftraggeber laut den von Beate im Internet eingeholten Informationen wohnte. Mein Navi kannte die Straße, sobald ich jedoch in diese eingebogen war, versagte es mir den Dienst, und weil die Dame mit der unfreundlichen Stimme sich im Sekundentakt wiederholte, musste ich das Gerät ausstellen und selbst auf die Suche gehen.

Dies gestaltete sich nicht sonderlich schwer. Ich folgte einfach dem Straßenverlauf entlang einer ungemähten, feuchtschweren Wiese, über einen Bach, durch ein Wäldchen, dann eine kurvenreiche Hügelkette. Die Hausnummer lautete auf 54, aber es gab nur ein einziges Haus. Es lag am Ende der Straße und war dasjenige meines zukünftigen Gastgebers. Entweder hatte er sämtliche Grundstücke aufgekauft und sich den Scherz erlaubt, auszurechnen, wie viele andere Häuser nebeneinander an die Straße gepasst hätten, oder aber er war so korrekt, dass er einem Haus, das sich am Ende und nicht am Anfang der Straße befand, niemals die Nummer 1 gegeben hätte. Womöglich gab es aber einen anderen Grund: Die Nummer 1 hätte zu viel Aufmerksamkeit auf sein Haus gezogen. Bei Firmensitzen bedeutet sie, dass kein anderes Haus mehr an die Straße passte. Diese hier hieß auch nicht Steigbügelstraße, sondern Wäldchenweg, was Uneingeweihte sofort auf die falsche Spur bringen würde.

Ich fuhr an einem Platz aus Schotter vorbei. Dann kam sein Grundstück. Das Haus selbst konnte ich zunächst überhaupt nicht sehen. Ich konnte lediglich erahnen, dass es sich hinter der drei Meter hohen Ligusterhecke befand, die in der Mitte durch einen Pflastersteinweg geteilt wurde. Dieser Weg wiederum wurde durch ein goldspitzenbewehrtes Eisentor versperrt und das Tor wurde flankiert von zwei Gebäuden, einstöckigen runden Türmen, die über Panzerglasfenster verfügten. Durch die dunklen Spiegelungen der Türme in den gegenüberliegenden Fenstern hindurch konnte ich inmitten der Reflektion des Herbstlichts die Gesichter zweier Wachmänner erkennen.

Der linke Mann wies mit der Hand auf sein Gegenüber. Ich fuhr näher an den rechten Turm heran. Der Wachmann hatte einen breiten Hals unter einem breiten Kinn. Er sah mich bedrohlich an. Seine Haare waren zu einer blonden Bürste gestutzt, die Wangen gerötet. Er bedeutete mir mit einer Handbewegung, dass ich mein Seitenfenster herunterlassen solle. Ich kurbelte es herunter und sogleich hörte ich seine Stimme aus einem Lautsprecher. Es klang unangenehm, aber verstehen konnte ich es nicht, denn der Lautsprecher war auf der anderen Seite von meinem Auto. Ich gab ihm ein Handzeichen, dass er mit dem Sprechen einhalten solle, dann kletterte ich auf den Beifahrersitz und kurbelte dort das Fenster herunter. Er beendete gerade seine Informationsrede mit einem Genehmigung.

„Was für eine Genehmigung?“, fragte ich und bat ihn, das Gesagte zu wiederholen.

„Stellen Sie sich nicht blöd“, sagte er herrisch. „Sonst müssen wir sie entfernen.“

„Ich habe Sie nicht verstanden. Akustisch nicht verstanden“, rief ich in Richtung der Vorrichtung, die ich für das Mikrofon hielt.

Er hielt sich die Ohren zu und blickte noch grimmiger. „Sie brauchen eine Genehmigung, wenn sie hier reinwollen. Eine Einladung.“ Er hatte einen Anzug und eine Krawatte an.

„Ich bin von Herrn Steigbügel eingeladen worden. Der wohnt doch hier, oder?“

Er ging nicht auf die Frage ein: „Die schriftliche Einladung.“

Ich zog meinen Geldbeutel aus der Hosentasche, streckte mich so gut es ging und hielt ihm meinen Ausweis direkt an die Scheibe. „Er hat mich eingeladen.“

Der Sicherheitsmann notierte meinen Namen, fuchtelte dann mit seiner Hand herum, damit ich den Ausweis von der Scheibe nahm.

Er telefonierte einmal. Er telefonierte noch einmal. Dann wartete er und starrte mich weiter abweisend an.

„Kann Herr Steigbügel nicht persönlich kommen?“, fragte ich.

„Welcher Herr Steigbügel?“, krächzte es aus dem Lautsprecher.

Ich fragte mich, ob ich mich nicht doch geirrt hatte.

Dann bekam er einen Anruf.

Als hätte jemand am anderen Ende der Leitung Sesam öffne dich geflüstert, betätigte der Ex-Soldat mehrere Schalter vor sich und das eiserne Tor öffnete sich langsam. Ich war erleichtert.

Dass ich Zugang bekam, machte den Gesichtsausdruck des Wachmanns nicht weniger skeptisch. Ich fühlte mich wie ein Terrorist, wie ein Attentäter, ein Einbrecher. Nicht wie ein geladener Gast.

Dieses Gefühl wurde ich auch nicht so bald los.

Als ich in den Hof einfuhr, kamen zwei Wachmänner aus einem weiteren Gebäude. Einer streckte die Hand zum Stoppzeichen aus. Ich hielt an. Ich stieg aus.

Der zweite Mann tastete mich stumm ab, durchsuchte meine Taschen, während der erste mit einer Person im Blaumann sprach.

Der Mann im blauen Overall kam mit zwei Gehilfen und jeder Menge schweren Werkzeugs wieder. Ich erkannte einen Wagenheber und eine Kreissäge.

„Die Autoschlüssel, bitte“, sagte er ruhig zu mir.

„Ich kann ihn selbst parken, danke“, sagte ich.

„Die Autoschlüssel.“

„Wozu?“

„Wir müssen das Auto untersuch'n.“

„Was?“

„Eine Sicherheitsmaßnahme.“

„Kommt nicht in Frage“, sagte ich bestimmt.

„Dann kann des Auto nich hier bleiben.“

„Wo soll es dann bleiben?“

„Draußen, auf'm Parkplatz.“

„Auf welchem Parkplatz?“

„Neben der Mauer.“

Ich dachte nach. „Der Schotterplatz?“

„Ja. Wennse dort geparkt hätt'n, hätt'nse sich viel Wartezeit sparen können. Aber Sie wollten ja unbedingt mit dem Auto hier rein.“

„Ich wollte überhaupt nichts: Ich wollte zu Herrn Steigbügel. Ich...“ Noch während ich sprach, hörte ich die elektrische Metallsäge. Ich drehte mich zu meinem Auto um und wurde von fliegenden Funken geblendet. Die beiden Azubis waren schon bei der Arbeit.

„Keine Sorge“, sagte der Mechaniker mit dem Dreitagebart und den Ölfingern. „Wir bau'n das Auto wieder zusammen.“ Er sah mich erleichtert lächeln und kratzte sich am Kinn. „Aber nur, wennse den Fahrzeugbrief dabei hab'n.“

„Nein?“

„Dann bauen wir's so zusammen, wie wir's in Erinnerung haben. Die beiden sin Azubis, das is ne gute Übung für sie.“

Ich wurde zornesrot. „Das ist eben keine Übung. Das ist mein Auto!“

Der Wachmann trat zwischen uns. „Und das hier ist der Grund und Boden von Herrn Steigbügel, und auf diesem machen wir alle, was Herr Steigbügel befohlen hat, verstanden?“

„Und“, schloss der Mechaniker an. „Der will nun mal ganz sicher gehen, dass hier keine Bomben hochgeh'n.“

Es war hoffnungslos. Ich ergab mich, wie ich mich zuvor schon zigmal ergeben hatte: „Was noch? Eine Zahnuntersuchung? Ein Hodentest? Ein Ultraschall im Bauchbereich?“

„Sie haben es erraten“, sagte der Wachmann. „Als nächstes geht es zum Arzt.“

Ich bekam Bauchschmerzen. Aber nicht bei der Vorstellung, mich untersuchen zu lassen, sondern weil die Kreissäge hinter mir aufjaulte und die Funken knackten und knisterten. Mein schönes Auto! Wir hatten es erst vor einem halben Jahr gekauft und unseren 15 Jahre alten Kombi verschrotten lassen. Jetzt, wo die Kinder aus dem Haus waren, brauchten wir keinen Kombi mehr. Jetzt, wo wir feststellten, dass die Kinder aus dem Haus waren, weil wir nie welche gehabt hatten, wurde uns klar, dass wir keinen Kombi brauchten. Wir hatten viel Geld zusammengelegt für die Limousine, deren nagelneues Blech gerade zu Schnipseln verarbeitet wurde. Nur die Vorstellung, mit den Tantiemen für mein kommendes Werk 20 solcher Autos kaufen zu können, bewirkte, dass mein Zähneknirschen die Säge nicht übertönte.

Wir befanden uns nur in einer Art Vorhof, einer Schleuse, die dem eigentlichen Haus vorgebaut war. An den Hof, mit seinen Parkplätzen, der Autowerkstatt und anderen Nutzgebäuden, schloss eine weiter Mauer an. Durch ein Tor kamen wir an ihre Rückseite. Dort stand ein zweistöckiges, unverputztes Gebäude. Der Wachmann forderte mich auf, es zu betreten.

Mit einem mulmigen Gefühl betätigte ich den Klingelknopf. Der Öffner summte und ich drückte die Türe auf. Das Innere des Gebäudes war vollkommen konträr zu seinem Äußeren: Es sah aus wie in einer Klinik. Sofort kam mir eine Krankenschwester entgegen. Sie führte mich in ein kleines Untersuchungszimmer. Sie war schwarzhaarig und hatte große Brüste. Es sah aus, als hätte sie eine falsche Krankenschwestertracht angezogen, denn die Brüste drückten oben aus dem Dekolleté und das Röckchen war äußerst kurz. Vermutlich hatte sie die falsche Kleidergröße an. Ihre Haare waren auch nicht zusammengebunden, sondern wallten sich um ein stark geschminktes Gesicht.

„Ausziehen“, sagte sie oberlehrerhaft.

„Ja, wenn der Herr Doktor da ist...“

„Nein, jetzt.“ Sie drohte mit dem Finger. „Wenn der Herr Doktor da ist, müssen sie sich schon freigemacht haben.“

Ich stand unschlüssig herum.

„Nackt machen, bitte“, sagte sie mit dem Anflug eines Schmunzelns.

Ich fing an, mich zu entkleiden. Sie hatte sich auf einen Drehstuhl gesetzt und starrte mich an. Ich hielt inne: „Würden Sie bitte wegschauen?“

Sie reagierte nicht darauf und machte einen spöttischen Schmollmund.

Also zog ich mich weiter aus. Als ich bei der Unterhose angelangt war, präsentierte ich ihr das Ergebnis.

„Ganz ausziehen“, beharrte sie.

„Kommt nicht in Frage. Der Herr Doktor...“

„Vollständig entkleiden, sagt der Herr Doktor“, befahl sie und drehte sich auf dem Stuhl hin und her. Ich sah sie langsam die Beine spreizen.

Als ich ganz nackt war, drehte ich mich wieder zu ihr um, die Hände vor meinem Schritt haltend.

Unter ihrem Röckchen war sie genauso nackt wie ich.

Sie sah mir fest in die Augen.

Ich drückte fester mit den Händen auf den Schritt.

Dann stand sie unvermittelt auf und ging zur Tür. „Der Herr Doktor kommt gleich“, sang sie und ging mit Schwung hinaus.

Ich saß splitterfasernackt auf der Liege und ließ meine haarigen Beine baumeln. Zugluft kitzelte die Härchen auf meinen Hoden. Mir wurde kalt, während ich auf den Doktor wartete, ich wagte aber nicht, mir etwas anzuziehen. Ich wollte nicht gegen die Sicherheitsbestimmungen verstoßen, mir nicht die Million durch die Lappen gehen lassen, nur weil ich ein bisschen zu angezogen war.

Irgendwann ging die Türe auf. Ein Mann mit Vollbart im Arztkittel kam herein. Zunächst bemerkte er mich nicht, hantierte mit Spritzen herum. Als er herumfuhr, traf es ihn wie ein Schlag.

„Mein Gott!“, rief er. „Was machen Sie denn hier?“

„Ich warte auf Sie. Darf ich mich vorstellen...“

„Aber warum sind Sie nackt? Jesus Maria!“

„Damit Sie mich untersuchen können.“

„Aber es reicht doch, wenn Sie die Brust freimachen. Was ist denn in Sie gefahren?“ Er stemmte die Hände in die Hüften, seine Überrumpelung wich langsam einer Art Empörung.

„Ihre Assistentin, die Krankenschwester. Sie hat mir befohlen, mich auszuziehen.“

„Meine Assistentin? Krankenschwester?“ Er zwirbelte den Bart. „Schön, wenn mir Herr Steigbügel so etwas bezahlen würde. Wer hat Sie hier rein gelassen?“

„Die Krankenschwester. Die dunkelhaarige Frau, die Sie hier beschäftigen!“

„Ich beschäftige hier niemanden!“, brüllte er. „Und schon gar keine Frau.“

„Sie hatte roten Lippenstift, einen kurzen Rock, große Brüste.“

Der Arzt schlug sich an den Kopf. Plötzlich lachte er auf: „Ich kann mir schon denken, wer das war.“

„Wer?

Er lachte noch lauter. Er lachte mich aus. „Eine der Damen, die Herr Steigbügel immer kommen lässt. Ja, es muss eine dieser Damen gewesen sein“, prustete er in seine Gesichtswolle.

„Was für eine Dame?“

„Stellen Sie sich nicht blöd.“

„Und was hat sie hier gemacht?“

„Sie hat sich wohl auf ihre nächste Rolle vorbereitet.“

Während er weitere Vorkehrungen traf, zog ich mich an, ließ aber mein Hemd offen, dass er meinen Brustkorb abhören konnte. Als er sich mir zuwendete, streckte er die Hand aus: „Ihren Impfpass bitte.“

„Meinen Impfpass?“

„Sind Sie schwer von Verstand? Das Heftchen mit den Informationen über ihre Impfungen.“

„Habe ich nicht dabei.“

„Haben Sie nicht dabei? Haben Sie nicht dabei?

„Keiner hat mir gesagt, dass ich...“

„Dann wird alles sehr viel länger dauern“, schnitt er mir das Wort ab. „Dann müssen wir Blutuntersuchungen machen. Solange noch Ansteckungsgefahr besteht, können wir Sie nicht zu Herrn Steigbügel lassen.“

„Ausgezeichnet“, sagte ich voll bitterer Ironie und ließ den Kopf hängen.

„Machen Sie sich frei“, forderte der Arzt mich auf und stülpte sich Handschuhe über.

„Wie jetzt? Doch wieder freimachen?“

„Ja. Ich muss Ihnen Blut abnehmen.“

Als ich die Hose ausziehen wollte, herrschte er mich an: „Nur den Oberkörper! Danke!“

„Den ganzen Oberkörper?“

Er ging nicht auf die Frage ein, sondern zog schon die Spritze auf.

Nachdem er genügend Adern, Venen und Arterien gefunden und mir Unmengen Blut abgenommen hatte, lag ich kraftlos auf der Liege und schnappte nach Luft.

„So, das muss jetzt alles ins Labor“, hörte ich ihn vor sich hinmurmeln, während sich bei mir Ausgelaugtheit und Schmerz die Waage hielten. Das halogene Behandlungszimmerlicht stach so sehr, dass ich die Augen geschlossen halten musste.

Er ging hinaus und sagte mir, dass ich doch im Wartezimmer warten solle. Ich konnte ihn nicht mehr fragen, wie weit denn das Labor entfernt war.

Die Stunden vergingen und ich konnte mich nicht rühren. Das schreckliche Licht war immer noch an. Immer wieder schlief ich kurzzeitig, nur um von Traum wieder zu Alptraum zu wechseln.

Ich verspürte einen Luftzug.

„Sie sind ja immer noch da!“

„Ja. Ich...“

„Das ist mein Arbeitszimmer. Gehen Sie bitte.“

Gehen war das Problem.

Ich raffte mich auf. Im Wartezimmer las ich uralte Illustrierte, unerhörte Gerüchte auch über Schrifttellerkollegen, aber meine Konzentration war so schlecht, dass mir das alles egal war.

Dann bekam ich unendlichen Hunger.

Es gab einen Snackautomaten im Wartezimmer, aber die Schokoladenriegel waren von einer Marke, die vor vier oder fünf Jahren vom Markt genommen worden war.

Schließlich kam der Arzt herein. Er strahlte: „Alles bestens. Keine Krankheiten. Aber das mit dem billigen Koks sollten Sie lassen. Da gibt es weitaus reinere Sorten.“

„Koks?“

„Kokain.“

„Ja, klar. Aber...“

„Sie haben doch Blutgruppe A?“

„Nein. Blutgruppe Null.“

„Dann vergessen Sie's.“