Der Bierzauberer - Günther Thömmes - E-Book

Der Bierzauberer E-Book

Günther Thömmes

4,4

Beschreibung

Im Franken des 13. Jahrhunderts macht sich Niklas von Hahnfurt auf den steinigen Weg, der beste Bierbrauer seiner Zeit zu werden. Als im Kloster St. Gallen mehrere Pilger mit vergiftetem Bier ermordet werden, gerät Niklas ins Visier des fanatischen Inquisitors Bernard von Dauerling. Es beginnt eine Jagd auf Leben und Tod, an deren Ende ein letztes »Bierduell« mit seinem Todfeind unausweichlich ist.

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Günther Thömmes

Der Bierzauberer

Impressum

Besuchen Sie uns im Internet:

www.gmeiner-digital.de

© 2015 – Gmeiner-Verlag GmbH

Im Ehnried 5, 88605 Meßkirch

Telefon 0 75 75/20 95-0

[email protected]

Alle Rechte vorbehalten

Lektorat: Claudia Senghaas, Kirchardt

E-Book: Mirjam Hecht

Umschlagbild: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart unter Verwendung des Bildes von Simone Martini: Fresken in Assisi: Begräbnis des hl. Martin (Detail)

ISBN 978-3-8392-3066-4

Zitat und Widmung

Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,

Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.

Hermann Hesse (»Stufen«)

Für Linus, meinen kleinen Sonnenschein

Das zweite Gottesurteil

So saß er an seinem letzten Abend in Köln in seinem beinahe leeren Haus.

An dem kleinen Tisch, den Kopf zwischen den Händen vergraben, dachte er nach, warum alles so gekommen war, wie es gekommen war.

Bei der Tür standen zwei gepackte Kisten, das war alles, was er mit nach Urbrach nehmen wollte.

Es klopfte an der Tür.

»Kommt herein, wer immer Ihr seid! Die Türe ist offen.«

Die Tür schwang auf, ein kalter Luftzug wehte durch die Stube.

Aus den Augenwinkeln sah Niklas das grobe Leinen einer Mönchskutte.

Er drehte sich nicht einmal um.

»Du hast meine Existenz zerstört, Bernard. Alles, was mir lieb und teuer war. Hast du immer noch nicht genug?«

Niklas erhob sich und lachte heiser.

»Willst du auch mein Leben? Das wirst du nicht so leicht bekommen.«

Bernard sagte kein Wort und setzte sich auf einen der beiden verbliebenen Stühle. Erst jetzt sah Niklas, dass Bernard einen Beutel mit sich führte, in dem irgendetwas klapperte.

»Setz dich her!«, herrschte Bernard ihn an. »Wir sind noch nicht am Ende.«

Niklas setzte sich ihm gegenüber.

Bernard verbreitete einen aufdringlichen, käsigen Geruch. Es war lange her, dass er sich zuletzt gewaschen hatte. Seinem Gesicht sah man den Mangel an Schlaf deutlich an. Seine Augen lagen tief in den Höhlen und versprühten eine Aura von Irrsinn.

Er nahm zwei gleich aussehende Krüge aus seinem Beutel und stellte sie auf den Tisch.

»Erinnerst du dich an das Gottesurteil, das dich damals in Urbrach gerettet hat?«

Niklas nickte stumm.

»Lass uns hier und heute mit einem weiteren Gottesurteil unsere Feindschaft ein für alle Male beenden. In einem dieser beiden Krüge ist ein gesundes, frisches Bier, in dem anderen ein Teufelsbier, gewürzt mit Bilsenkraut, Tollkirsche und Fingerhut. Aber beide sind mit deinem geliebten Hopfen gekocht worden, wodurch sie beinahe gleich bitter riechen und schmecken.«

Niklas ahnte bereits, was da kommen sollte. Er war plötzlich bereit, die Auseinandersetzung mit Bernard, obwohl er unschuldig war, bis zu diesem tödlichen Ende mitzuspielen.

Bernard nahm die Krüge.

»Wähle dir einen aus. Dann trinken wir gleichzeitig die Krüge bis zur Neige leer. Und einer von uns beiden geht zum Teufel.«

Niklas nahm den linken der Krüge, die Bernard ihm entgegenhielt, und sah Bernard direkt in die Augen.

In beiden Augenpaaren sah man nichts als Hass.

»Auf Nimmerwiedersehen, du Alptraum meines Lebens! Egal, wie es ausgeht.« Er verzichtete darauf, mit Bernard anzustoßen, setzte den Krug an und trank ihn aus. Er sah noch, dass Bernard nur zögerlich so tat, als tränke er, bevor er zu Boden stürzte.

Sein Gesicht wurde rot, die Augen verdrehten sich und quollen langsam aus den Höhlen, Speichel tropfte aus seinem Mund, ein paar Zuckungen mit beiden Armen und beiden Beinen, dann lag er still am Boden.

Bernard stand auf, hob den Krug und sagte:

»Mögest du in der Hölle schmoren, du ›Reiner Teufelsbrauer‹ Niklas!«

Dann leerte er den Krug.

Die Jagd war vorbei.

Eine sensationelle Entdeckung

Dieses Geschehnis steht so in einem Buch aus dem 13. Jahrhundert, in dem die Lebensgeschichte eines Brauers niedergeschrieben ist. Sie werden sich zu Recht fragen, wie ein normaler Mensch wie ich in den Besitz eines solchen Buches kommen kann. Noch dazu eines solch wertvollen, interessanten Buches. Es ist etwa 125 Jahre älter als die Gutenberg-Bibel! Jedes Museum der Welt würde sich glücklich schätzen, einen solchen Schatz besitzen zu dürfen, jeder Historiker würde zu gerne einmal mehr als nur einen Blick hineinwerfen.

Zumal das Buch ja auch noch von Geheimnissen umgeben ist, die mit einigen der berühmtesten Brauereidynastien Deutschlands zu tun haben.

Dies ist aber nicht nur die Geschichte von der Entdeckung eines der unglaublichsten Bücher aller Zeiten, sondern dies ist die lange Geschichte des Buches selbst!

Die Art, wie ich zu dem Buch kam, war eigentlich einerseits zu banal für ein solches Fundstück, andererseits, wo sollte man ein wirklich antikes Buch über Bier finden, wenn nicht im Umfeld seiner Produktion?

Im Rahmen meiner Ausbildung zum Brauer und Mälzer verbrachte ich im Sommer des Jahres 1985 einige Wochen in einer Mälzerei in Andernach am Rhein. Die Mälzerei war in der Mitte des 19. Jahrhunderts gegründet worden und stellte ein Konglomerat aus alten Gebäuden dar, die nach und nach errichtet worden waren, sodass sie sich über die Jahrzehnte in ein regelrechtes Labyrinth verwandelt hatten.

Es gab ungezählte Gänge, Treppenhäuser, Getreideaufzüge und -förderbänder, die die diversen Keimkästen, Darren, Silos, Büros und Arbeitsräume miteinander verbanden. Viele waren staubig und verdreckt und offensichtlich schon seit Längerem nicht mehr benutzt worden.

Es dauerte eine Weile, bis wir, die neuen Auszubildenden, uns halbwegs zurechtfanden. Ich streifte gerne alleine durch die Gemäuer und hoffte immer, etwas Neues zu entdecken. Am besten ging es, wenn ich zum Silofegen abbestellt wurde.

Eigentlich war das todlangweilig, aber man konnte sich schnell und ungesehen im wahrsten Sinne des Wortes aus dem Staub machen. Deshalb war dies, neben dem Entladen der Getreideschiffe auf dem Rhein am frühen Morgen, meine Lieblingstätigkeit.

Und eines Tages gab es sogar die ideale Arbeitseinteilung: Fünf Uhr morgens Schiffe entladen, wenn ich gegen elf Uhr mit dem großen Absaugschlauch fertig sein würde, sollte ich noch etwa zwei Stunden auf dem Siloboden fegen und saubermachen, dann wäre Feierabend.

Das Entladen ging schneller als erwartet, um zehn Uhr fand ich mich bereits auf dem Dach wieder, das die hohen Getreidesilos bedeckte und das nebenbei auch eine traumhafte Aussicht über den Rhein bot. Nach der harten Arbeit beim Entladen hatte ich verständlicherweise keine Lust mehr auf öde Fegerei.

Ich hatte mir schon ein abgelegenes Treppenhaus mit einigen Seitentüren ausgesucht, in dem ich mich einmal etwas genauer umsehen wollte. Umso größer war meine Enttäuschung, als ich alle Türen verschlossen fand. Ich wollte gerade zurück zu den Silos gehen, um meine Sachen zu packen und ins Wochenende zu fahren, als ich noch eine kleine Seitentür erblickte.

Ich ging hin, sie war nicht verschlossen! Die Tür klemmte ein wenig, mit einem kräftigen Stoß konnte ich sie öffnen. Schnell ging ich hinein und machte die Tür hinter mir zu.

Es war stockdunkel und die Luft roch abgestanden und leicht modrig. Nach einer Weile hatte ich einen Lichtschalter gefunden. Ich stand in einem kleinen Raum, der wohl einmal als Büro gedient haben mochte. Ein kleiner, alter Schreibtisch aus dunklem Holz, dazu ein passender Stuhl, alles voller Staub und Spinnweben. Ein Kalender an der Wand deutete mir an, dass dieses Büro zuletzt im Jahr 1928 benutzt worden war.

Ich konnte meine Neugierde kaum zurückhalten!

Besonders faszinierte mich von Anfang an das dritte Möbelstück im Raum, ein kleiner, hölzerner Bücherschrank mit einer Glastür. Der Schlüssel steckte, und ich sah eine Reihe Bücher, fast genauso verstaubt, aber ansonsten in gutem Zustand.

Ich nahm einen Stapel heraus und legte ihn auf den Tisch. Die ersten waren Rechnungsbücher, von der Buchhaltung der Mälzerei aus früheren Jahren. Getreideeinkauf, Betriebskosten, Personal, alles war hier verzeichnet.

Als ich den ersten Stapel zurück in den Schrank legte, fiel mir ein Buch ins Auge, welches aus der Reihe herausragte, in Material und Größe war es nicht wie die anderen.

Ein schwerer Ledereinband, der wirklich alt aussah. Ein großes, umständliches Format, wie ein altertümliches Rezeptbuch. Auf dem Ledereinband prangte ein großer Stern. Ein Stern, wie ich ihn ansonsten als »Davidstern« kannte.

Ich überflog das Buch oberflächlich. Es war ein handschriftliches Manuskript, geschrieben in einem, wie ich fand, beinahe unmöglich zu entziffernden, sehr altmodischen Deutsch, aber einige wenige Passagen waren mit etwas Anstrengung durchaus lesbar.

Einen Teil des fein säuberlich und mit wenig Schnörkeln geschriebenen Textes konnte ich als Latein entziffern. Die Qualität des Papiers war, obwohl völlig vergilbt, bemerkenswert gut. Ich hatte keine Ahnung, wie alt es wirklich war, spürte jedoch schon, dass dies etwas Besonderes sein musste.

Bestimmt das älteste Buch, das ich jemals in der Hand gehalten hatte. Während ich durch das Buch blätterte, fielen einige einzelne Blätter heraus. Helleres Papier, in einer anderen Qualität, Papier neueren Datums.

Ich hob sie auf, legte sie auf die Seite und schlug das Buch vorne auf.

›Dies sind die Aufzeichnungen über die Profession der hohen Braukunst des Praxators Niklas Hahnfurt, geboren im Jahre des Herrn 1248.‹

Konnte das wahr sein? Ein Buch aus dem Mittelalter, hier in der Mälzerei!

Und sogar, wenn es tatsächlich echt war, wie war es hierhin gekommen?

Daher nahm ich das Buch mit nach Hause und legte es einem Freund vor, der an der Universität Trier Mediävistik lehrt und daher in alten Sprachen und Schriften sehr bewandert ist. Er schlug es hinten auf und überflog einige der letzten Sätze:

›Mein unstetes Leben neigt sich dem Ende zu, ich glaube nicht, dass ich das Ende des Jahres Anno Domini 1326 noch erleben werde. Ich habe, seit ich nach Urbrach zurückgekommen war, meine Erlebnisse, Bierrezepturen und alles, was mir aus meinem Leben erinnernswert erschien, in dieses Buch eingetragen. Ich weiß nicht, ob mein Leben es wert war, aufgezeichnet zu werden, aber ich war gottesfürchtig und habe doch viel gesehen und erlebt.‹

Mein Sprachforscher war begeistert.

Wir versuchten, vorne weiterzulesen:

›Ich schreibe dies alles auf diesen wunderbaren Stoff, den Du, lieber Leser, in Deinen Händen hältst. Es handelt sich dabei um eine Neuigkeit, die ich als junger Mann in der neuen Mühle zu Ravensburg bekommen habe. Es sieht aus wie Papyrus, ist jedoch feiner und haltbarer. Die Feder lässt sich besser führen als auf unserem alten Pergament und man kann es besser zu Büchern binden. Du, wer auch immer Du bist, hältst eines der ersten Bücher in der Hand, das jemals in unseren Landen aus diesem neuen Stoff hergestellt wurde.

Ich habe es mehr als 50 Jahre lang mit mir getragen. Nun ist die Zeit gekommen, es zu beschreiben mit dem, was ich zu berichten habe. Über mein Leben, über die hohe Kunst des Bierbrauens, doch auch über die Bestie in Menschengestalt, die mich mein halbes Leben lang gejagt hat.‹

Mit einer Mischung aus Ehrfurcht und Schrecken legten wir das Buch weg und nahmen die losen Seiten zur Hand, die gleich zu Beginn aus dem Buch gefallen waren. Das erste Blatt war ebenfalls von Hand beschrieben.

›Dieses Buch ist im Moment in meinem Besitz. Wie es dahin kam, ist eine lange Geschichte, die ich vielleicht niemals erzählen werde. Sollten Sie, der Sie dies lesen, nicht zu denen gehören, für die dieses Buch bestimmt ist, legen Sie es bitte an seinen Platz zurück. Andernach, im Jahre des Herrn 1878, Theobald Simon aus Bitburg.‹

Donnerwetter, das wurde ja immer besser! Theobald Simon war der wichtigste Brauer aus der Dynastie der Bitburger Brauerei, einer der größten und erfolgreichsten Brauereien des Landes. Ich beschloss, mir seine Geschichte noch etwas aufzuheben, und sah das nächste Blatt an.

Schon die Unterschrift darauf reichte, um mich endgültig davon zu überzeugen, hier in ein ganz besonderes, fast schon mystisches Geheimnis hineingeraten zu sein.

Das Blatt endete mit den Worten:

›Und hiermit lasse ich dieses wunderbare Buch dort, wo es am besten von jemand aufzufinden ist, der es zu nutzen weiß. Gabriel Sedlmayr, Anno Domini 1819.‹

Gabriel Sedlmayr, einer der Ahnherren der Spaten-Brauerei in München, gleichfalls eine der ganz großen Gestalten in der deutschen Biergeschichte, hatte dieses Buch ebenfalls besessen.

Aber was sollte dieser mysteriöse Hinweis, er lasse das Buch dort, wo jemand es finden soll, der es zu nutzen weiß? Welches Geheimnis verbarg sich in diesem Buch? Wir beschlossen, uns ans Lesen beziehungsweise Dechiffrieren dieses dicken Manuskripts zu machen.

In den folgenden Wochen verbrachte ich jede freie Minute und darüber hinaus jede Minute, die ich mir bei der Arbeit ›frei machen‹ konnte, mit diesem alten Buch. Und während ich nach und nach entdeckte, welcher Schatz sich darin verbarg, versuchte ich, neben dem Lesen eine lesbarere Version mitzuschreiben. Dies war jedoch nicht so leicht, wie ich es mir vorstellte.

Daher nahm ich das Buch am Ende meiner Ausbildungszeit mit nach Hause. Immer legte ich die Teile davon, die für mich unleserlich waren – und das waren nicht wenige, meinem etymologisch bewanderten Freund vor.

Langsam kam ich hinter das Geheimnis des Buches. Doch dazu wollen wir gemeinsam zurück zum Anfang gehen.

Wir werden eine Zeitreise ins 13. und frühe 14. Jahrhundert unternehmen. Geführt von einem einfachen Bauernsohn aus Franken, der in seinem langen Leben in verschiedenen Klöstern lebte und die Kunst des Bierbrauens lernte, in der Stadt die Anfänge des professionellen, handwerklichen Brauens mitmachte und der dafür mehr als einmal im Gefängnis saß. Der im Krieg mitkämpfte, große Teile der damals bekannten Welt bereiste und doch meist einen tödlichen, gefährlichen Feind im Nacken sitzen hatte. Dem großes Elend und große Erfolge gleichermaßen widerfuhren und dem doch am Ende beinahe nichts blieb.

Ich lade Sie herzlich ein, mitzukommen!

Des Buches erster Teil: Brauen ist halt Weibersach’

1

Der Hieb auf den Rücken tat höllisch weh. Niklas tat einen leisen Schrei und war mit einem Schlag hellwach. Er drehte sich auf seinem Bett herum – seine Schlafstelle ›Bett‹ zu nennen war schmeichelhaft – und blickte nach oben.

Über ihm baute sich drohend die große, ungeschlachte Gestalt seines Vaters auf. Breite Schultern, Hände, die harte Arbeit auf dem Feld gewohnt waren, Beine wie Keulen, so stand er vor ihm. Ein kantiges Gesicht mit wulstigen Augenbrauen und einer fleischigen Nase sah ihn miss­billigend an.

»Steh schon auf, du Bengel, oder willst du deiner Mutter nicht zur Hand gehen?«

Die Stimme dröhnte laut und tief durch den ganzen Raum.

Plötzlich erinnerte er sich: Heute war Brautag. Der wichtigste Tag der Woche!

»Natürlich, Vater«, erwiderte er leise und erhob sich von seiner Strohmatte. Der frische Geruch des Morgens, ver­mischt mit Stallgeruch, hing in der Luft. Niklas liebte diese Mixtur, besonders heute. Er war auch nicht zornig über die Härte seines Vaters, er war halt so, meinte es aber nicht böse.

Sein Vater verließ den Raum und begab sich an sein Tagewerk, 15 harte Stunden auf dem Acker, keine sehr beneidenswerte Arbeit. Es dämmerte gerade, Niklas ging in die Küche. Schon beim Hereinkommen roch er das Brot; das süß-malzige Aroma des gerösteten Getreides stieg ihm in die Nase.

Seine Mutter stand am großen, klobigen Holztisch, den Rücken ihm zugekehrt. Ihre dunkelbraunen Haare waren zu einem Dutt zusammengesteckt, darüber hatte sie ein Kopftuch gebunden. Während Niklas jetzt näher kam, konnte er nur die Nase seiner Mutter sehen, die aus dem Rahmen des Kopftuchs herausstach, das ganze hagere Gesicht sah er erst, als sie es drehte.

»Guten Morgen, Mutter!«

Sie lächelte ihn an.

»Da bist du ja, fein, dann können wir ja anfangen.«

Sie hatte natürlich bereits längst begonnen, war, wie schon seit jeher, eine Stunde vor allen anderen aufgestanden.

Die Reihenfolge war immer dieselbe: Erst Mutter, dann Vater, dann Niklas als Ältester; seine vier jüngeren Geschwister mussten erst aufstehen, wenn der Vater bereits auf dem Feld war. Er war im morgendlichen Gewimmel recht reizbar. Niemand hatte Lust, am frühen Morgen bereits Prügel oder wenigstens Schläge zu beziehen.

Eigentlich war der heutige Tag nicht nur Brau-, sondern auch Backtag. Das Backen war aber so alltäglich, dass man nur vom Brauen sprach.

Schnell hatte Niklas eine Portion Gerstenbrei mit Milch verschlungen. Mutter hatte schon alle Zutaten bereitgestellt. Am Vortag war Niklas mit seinem zwei Jahre jüngeren Bruder Matthias zur Mühle gelaufen, was den ganzen Tag lang gedauert hatte. Der gemahlene halbe Scheffel Gerste sollte ausreichen, um genügend Bier und Brot für zwei Wochen herzustellen.

Das Bier vom letzten Mal war bereits verdorben, und in sechs Tagen war St. Michaelis. Wenn sein Vater an seinem Namenstag kein Bier im Hause hatte, würde er bestimmt tobsüchtig. Es war, Gott sei Dank, bisher noch nicht vorgekommen.

Natürlich hatten sie beim Bierbrauen des öfteren Fehlschläge erlitten, aber das war gut so, denn das hatte jeder. Ständige Erfolge beim Bierbrauen waren verdächtig, diese Leute waren mit dem Bösen oder dem Übersinnlichen im Bunde, man ging ihnen aus dem Weg. Nur für Michaelis musste es klappen, Ende September war die Arbeit auf dem Feld fast getan, da musste ein gutes Bier her.

Die Mutter hatte bereits Wasser in den großen hölzernen Zuber gefüllt. Der jahrelange Gebrauch hatte dessen Farbe ausgelaugt und den Boden mürbe gemacht. Schon bald würden sie einen neuen Zuber brauchen.

Jetzt leerten sie gemeinsam einen Sack zerstoßene Gerste ins Wasser.

Niklas ergriff einen hölzernen Prügel und begann, mit diesem das Mehl zu verrühren. Dieser Teil war für ihn immer am mühsamsten. Während seine Mutter am glühenden Ofen hantierte und Feuerholz nachlegte, rührte er mit der ganzen Kraft seiner elf Lebensjahre in dem Zuber.

Nach ein paar Minuten Rühren kam seine Mutter und begutachtete seine Arbeit, wie sie es jedes Mal tat. Dann nahm sie, wie immer, einen ersten Klumpen Teig und formte ihn mit geübten Handgriffen zu einem Laib. Zuerst buken sie immer das Brot, im Anschluss daran machten sie Bier. Der erste Laib verschwand im Ofen, die Mutter formte bereits den nächsten. Die gesamte Menge des Getreides musste für ungefähr 15 Laibe Brot reichen. Sieben zum Essen, acht zum Bierbrauen. Wenn etwas übrig blieb, wurde gegen Ende noch ein letztes Brot gebacken. Das wurde dann zum Kloster geschickt, für die Armen. Obwohl Niklas’ Familie ebenfalls arm war, hatten sie doch stets etwas übrig für die noch Ärmeren.

Außerdem wussten die Klosterherren sehr gut Bescheid über die Güte der Ernten und erwarteten als selbstverständlichen christlichen Obolus mindestens ihren Zehnten.

Der erste Laib war fertig. Außen schwarz verkohlt, kam er aus dem Ofen, um Platz für den nächsten zu machen. Die Mutter wusste genau, wie schwarz ein Brot sein musste, um innen genau richtig gebacken zu sein. Niklas liebte es, die schwarze Kruste abzuschaben, um von dem noch warmen Brot ein großes Stück abzubeißen.

Getreide und Wasser waren ihre Hauptnahrungsmittel. Für die Jüngeren gab es manchmal Milch, für die Größeren Bier. Fleisch oder Geflügel kam so gut wie nie auf den Tisch, bisweilen ein Huhn zu Weihnachten. Stattdessen gab es viel Brei oder Suppe aus Gerste, Hirse, Hafer, je nachdem, was gerade geerntet wurde, meist eine Mischung aus Verschiedenem. Selten mal mit etwas Gemüse oder Rüben darin.

Gerade wegen dieser Eintönigkeit liebte Niklas die Back- und Brautage, da gab es frisches Brot, und er saß an der Quelle!

Bis das siebente Brot im Ofen verschwand, hatte Niklas mit seiner Mutter gemeinsam die anderen acht Laibe vorgeformt. Ein wenig Teig war übrig geblieben und schon hatten sie eine weitere, etwas kleinere Kugel geformt. Niklas fegte schnell den Boden, sammelte die Körner auf, die heruntergefallen waren, und verklebte sie mit diesem Rest.

Seine Mutter hatte zeitig das Feuer unter dem großen Wasserkessel angefacht, den Niklas nun geschwind auffüllen musste. Die ›Bierbrote‹ wurden nicht schwarz gebacken. Sobald der erste Laib hellbraun war, nahm die Mutter das Brot aus dem Ofen.

Niklas nahm den heißen Brotlaib und riss ihn der Länge nach auf. Innen war ein matschiger, unfertig gebackener Teig, den Niklas jetzt in den Zuber zurückschüttete. Die immer noch weiche Kruste zerrieb er in kleine Stücke und warf sie dazu.

Der heiße Teig hatte ihm beim ersten Mal an den Händen gebrannt und ziemlich wehgetan, aber nach ein paar Brau­tagen hatte es ihm nichts mehr ausgemacht.

Als nach etwa eineinhalb Stunden alle acht Brote wieder auf diese Weise in den Zuber zurückgekehrt waren, nahm seine Mutter den Wasserkessel und schüttete das heiße Wasser zu den matschigen Broten. Niklas fing erneut an zu rühren, bis er seine Arme nicht mehr spürte.

In der Zwischenzeit füllte seine Mutter wieder etwas Wasser in den Kessel und gab einige Kräuter hinzu. Was sie genau hinzugab, verriet sie niemandem, aber Niklas wusste, dass es eine Mischung aus Wacholder, Eichenlaub und Laub und Rinde der Esche war.

Einige Zutaten erklärte sie, obwohl Niklas das meiste nicht verstand:

»Wacholder treibt den Harn und reinigt das Blut. Das Laub der Eiche hilft der Verdauung. Die Esche mildert Leiden an Gicht und Rheuma oder Frauenleiden, verzehrt das böse Phlegma im Menschen und erweicht die Milz.«

Jedes Haus hatte sein ganz eigenes Rezept. Sein Vater jedenfalls lobte ›sein‹ Bier immer ganz besonders. Die Rezepte konnten in besonderen Fällen tüchtig abgewandelt werden. Bier und die Kräuter darin wurden gegen fast alle Krankheiten eingesetzt. Nachdem die Kräuter, die die Mutter in den Topf gegeben hatte, kurz aufgekocht waren, wurden sie zum Sud dazugegeben.

Nun vermischte sich der herbwürzige, loheartige Geruch der Kräuter mit dem süßen, aromatischen Duft des Brotes.

Ein letztes Umrühren, dann war die Arbeit getan; jetzt halfen nur noch Glück und Beten.

Es hatte in der späten Nacht ein Gewitter gegeben, das galt schon als gutes Omen. Niklas’ Mutter legte außerdem immer ein Brot auf den Zuber, nachdem dieser erkaltet und abgedeckt worden war. Dieser Glücksbringer hatte sich in vielen Fällen bewährt.

Bis jetzt hatten sie gerade so viel schlechtes Sauerbier produziert, um nicht aufzufallen.

Warum ein Bier einmal gut geriet, ein andermal hingegen sauer wurde, davon hatte Niklas, genau wie seine Eltern, keine Ahnung.

Ebenso wenig aber konnte er ahnen, dass kaum 30 Jahre später wahrscheinlich kein anderer Mensch auf der ganzen Welt so viel vom Bierbrauen verstand wie er, der kleine, arme Bauernsohn aus dem Fränkischen, der bis dahin ein wohlhabender Mann geworden war.

Das Michaelisbier gelang übrigens vortrefflich, und Niklas war mit seiner Mutter sehr stolz darauf. Am stolzesten jedoch war sein Vater auf ›sein‹ Bier.

2

Mit dem Tod Friedrichs II. im Jahre 1250 endete die 200-jährige Herrschaft der Staufer. Die Stauferzeit hinterließ eine vielfältige und großartige Kultur, im Deutschen Reich wie im übrigen Europa.

In Paris und Bologna öffneten die ersten Universitäten. Franz von Assisi und Dominikus gründeten bedeutende Orden.

Nach Friedrich II. führte der schon lange andauernde Kampf zwischen Papst und Kaiser zu einer Schwächung beider Ämter und zum sogenannten ›Interregnum‹, der kaiserlosen Zeit, von 1256 bis 1273. Danach wurde Rudolf von Habsburg deutscher König.

Zunächst entfaltete das Papsttum nach dem Ende der Staufer im Glauben an den Sieg über alle weltlichen Gewalten seine allumfassende Machtfülle. Dem Reichtum der Kirche stand jedoch in weiten Teilen Europas eine unvorstellbare Armut des einfachen Volkes gegenüber.

In dieser Zeit des Wandels und des Aufbruchs wurde im Jahre 1248 in dem kleinen fränkischen Dorf Hahnfurt, etwa 40 Kilometer von Nürnberg entfernt, der kleine Niklas als Sohn des unfreien Bauern Michael geboren. Weder Michael noch seine Frau, die Bauerntochter Elisabeth, nahmen von den politischen und kulturellen Umwälzungen sonderlich Kenntnis. Seit die Hohenzollern im Jahre 1192 Burggrafen von Nürnberg geworden waren, hatte lediglich der Herr gewechselt, die Umstände der einfachen Leute waren gleich geblieben. Hart war das Leben, der ständige Kampf ums tägliche Brot, die Abgaben an Obrigkeit und Klerus.

Die andauernden Bemühungen, die Familie zu ernähren, ließen die Menschen vorzeitig altern. Niklas’ Vater sah mit 34 Jahren aus wie ein alter Mann, der Rücken gebeugt, das Gesicht voller Sorgenfalten. Auch die Mutter hatte innerhalb von zwölf Jahren viel von dem verloren, weshalb Michael damals um ihre Hand angehalten hatte. Die einstmals vollen, rosigen Backen hatten schon einiges von ihrer Frische verloren. Und schmaler waren sie ebenfalls geworden.

Sieben Geburten, die beiden Erstgeborenen überlebten das erste Jahr nicht, hatten nicht nur im Gesicht Spuren hinterlassen.

Niklas’ Geburt war von Vorzeichen umwölkt, die Sonne verfinsterte sich zur Zeit der Niederkunft seiner Mutter; die plötzliche Dunkelheit drinnen, dazu Blitze, Sturm und Donner draußen vor der Tür, verwandelten die Stube, in der Elisabeth das Kind zur Welt bringen sollte, in ein mitternächtliches Panoptikum, obwohl es heller Tag war. Und auch er machte nicht den kräftigsten Eindruck, als seine Mutter ihn nach der Geburt und nachdem die Sonne wieder schien, auf den Arm nahm.

Michael hatte befürchtet, dass schon wieder eine schnelle Nottaufe, mit Wasser anstatt mit Milch oder Bier, fällig würde, jedoch Elisabeth gab ihm den Jungen und flüsterte mit mütterlicher Intuition:

»Ich glaube an diese Vorzeichen. Der Junge kommt durch, er soll Niklas heißen. Ich möchte, dass er in einer Woche getauft wird.«

Kinder wurden schnell, innerhalb von zehn Tagen nach der Geburt, getauft, um sie von der Sünde der Erbschuld zu befreien. Und Elisabeth und Michael glaubten, dass getaufte Kinder bessere Überlebenschancen hatten als ungetaufte. Sollten die Feen doch andere neugeborene, ungetaufte, noch namenlose Kinder rauben; aber nicht ihren Niklas.

Elisabeth sollte recht behalten, und nach kurzer Zeit war klar, dass der Junge kräftig genug war, um zu überleben. Als wäre mit Niklas’ Geburt der Bann gebrochen worden, gab es bei den nächsten Entbindungen keine Nottaufen mehr. Regelmäßig kam so jedes zweite Jahr ein gesundes Kind zur Welt: Matthias, Elisabeth, Ruth und Adelheid.

Niklas wuchs die ersten sechs Jahre in einem Elternhaus auf, das ihn so gut behütete, wie es möglich war. Einerseits die Angst der Eltern, dass ihnen das erste Kind, das überlebt hatte, durch Unfall oder Krankheit wieder genommen werden würde.

Auf der anderen Seite waren die Eltern viel zu sehr mit dem täglichen Existenzkampf beschäftigt. Michael und Elisabeth mühten sich nach Kräften, die ständig hungrigen Mäuler zu stopfen. Da boten sich Niklas natürlich viele Gelegenheiten zu Streichen und Abenteuern, kleinen Schlägereien mit anderen Jungen und allerlei sonstigen Unternehmungen.

Diese unbeschwerte Zeit fand mit Niklas’ sechstem Geburtstag ein Ende. Um diese Zeit war aus dem schmächtigen, um ein Haar notgetauften Kind ein aufgeweckter Junge geworden. Er war zwar nicht der Größte und Kräftigste, hatte sich aber durch zahllose Raufereien mit anderen Kindern eine Zähigkeit zugelegt, die den anderen Respekt einflößte.

Und seine wachen Augen, seine Stupsnase, seine verstrubbelten Haare signalisierten jedem: Bitte nicht unterschätzen!

Da die Mutter gerade das dritte Kind zur Welt gebracht hatte und diesmal sehr schwach auf den Beinen war, musste Niklas im Haushalt mit anfassen und der Mutter alle Arbeiten abnehmen, die er erledigen konnte.

Sobald dabei der Reiz des Neuen verschwunden war, was nicht lange dauerte, langweilte er sich schnell. Dann empfand er alle Arbeiten als mühsam und er fiel jeden Abend nur noch todmüde ins Bett. Die für einen kleinen Jungen sehr anstrengende Arbeit, die vielen Handreichungen für die Mutter hatten ihm schnell jeden Gedanken an Unsinn ausgetrieben.

Sein größter Trost in dieser Zeit war, dass er zu klein war, um mit dem Vater aufs Feld zu gehen. Insgeheim graute ihm schon vor diesem Tag, den sein Vater auf seinen zwölften Geburtstag datiert hatte. Nicht nur, weil dann der Ernst des Lebens beginnen würde.

Es war auch Brauch, dass die Väter ihre Söhne am zwölften Geburtstag hinaus aufs Feld führten. Dort zeigten sie ihnen die Begrenzungssteine der Felder, damit die Jungen sich den Standort merkten. Denn immer wieder versuchten die Bauern, sich gegenseitig die Steine zu versetzen und so ihr Land unrechtmäßig zu vergrößern.

Und damit der Sohn den Standort niemals vergaß, gab es anscheinend nur ein probates Mittel: Er wurde dort nach Strich und Faden verdroschen. Man erinnerte sich an den Ort einer Tracht Prügel besser als an einen einfachen Begrenzungsstein!

Die einzigen echten Abwechslungen, auf die er sich im Alltag freuen konnte, waren die Brautage. Seit ihn seine Mutter zum ersten Mal zum Backen und Brauen eingespannt hatte, waren dies immer seine liebsten Tage.

Niklas empfand das Brauen stets als eine Art Belohnung, da er im Gegensatz zu seinen Geschwistern schon richtig arbeiten musste. Vom ersten Zuschauen bis jetzt, fünf Jahre später, hatte ihn seine Mutter mehr und mehr Anteil nehmen lassen an der Bierherstellung.

Zuletzt durfte er alles Mehl, das er und sein Bruder von der Mühle zurückbrachten, sogar allein messen, er durfte den Teig anrühren und den Ofen heizen. Das Schönste war aber immer, die frischen, heißen Brotlaibe aus dem Ofen zu holen.

Nur das Formen der Laibe und das Mischen und Kochen der Bierkräuter ließ sich die Mutter nicht nehmen. Niklas war sicher, nach fünf Jahren ›Brau-Erfahrung‹ schon alles viel besser als seine Mutter zu wissen.

Er redete sich immer heimlich ein, dass er allein ein noch viel besseres Bier brauen könnte, wenn man ihn nur ließe. Sogar die Bierkräuter würde er anders und ohne Frage besser komponieren. Doch, so machte er sich Mut, seine Zeit würde kommen. Wenn da nur nicht die Drohung wäre, bald mit aufs Feld gehen zu müssen. Nur noch ein Jahr, dann war Schluss mit der Hausarbeit, dann freilich auch mit den Brautagen.

Dann würde es ernst werden mit der Arbeit, die sie zusätzlich für ihren Gutsherrn verrichten mussten: Dung ausbringen, Schafställe bauen und decken, den Mühlenteich reinigen, Zäune errichten, Waschen und Scheren der Schafe, Pflügen, Eggen und vieles mehr.

Dazu kam die Arbeit am eigenen Garten, am windschiefen Haus und auf dem kleinen, ihnen gehörenden Feld.

Gegen Ende des Herbstes bekamen sie vom Gutsherrn immer ausreichend Holz gestellt, um Haus und Zäune zu reparieren und damit auf den Winter vorzubereiten. Der Rest wurde als Brennholz eingelagert. Es gab also das ganze Jahr über zu tun.

Matthias, sein jüngerer Bruder, kümmerte sich mit der Mutter seit drei Jahren um den ärmlichen, kleinen Gemüsegarten, die paar Hühner darin sowie das Schwein, das sie sich leisten konnten und mit Essensabfällen, Nüssen und Eicheln ernährten.

Da auch er später mit aufs Feld sollte, hatte Michael schon bestimmt, dass Elisabeth, die jetzt acht Jahre alt war, im nächsten Jahr Niklas als Brauhelfer ablösen und dann ebenfalls irgendwann die Mutter beim Backen und Brauen einmal ganz ersetzen sollte. Diese Tätigkeiten waren seit eh und je Frauensache, die Männer kümmerten sich um die richtige Arbeit.

Anteil an der Bierherstellung nahmen sie lediglich, wenn die Resultate schlecht oder sauer waren, und dann auch nur in Form von Wutausbrüchen.

Dass Niklas überhaupt beim Brauen helfen durfte, war nur der körperlichen Schwäche seiner Mutter zuzuschreiben. Anfangs hatten ihn die anderen Kinder, sogar sein kleiner Bruder, verspottet, weil er Mädchenarbeit verrichten musste. Allerdings, je mehr ihm die Arbeit Spaß machte, desto mehr ignorierte er die hämischen Bemerkungen der anderen.

Er als Ältester würde eines Tages die Arbeiten des Vaters komplett übernehmen müssen, so war es vorgesehen. Insgeheim hoffte er noch auf einen Ausweg, tatsächlich waren die Chancen aber mehr als schlecht. Schließlich wusste jeder, dass Männer kein Bier brauten und es in Zukunft auch nicht tun würden. Wenn es das geben sollte, hätten seine Mutter oder sein Vater ihm bestimmt schon davon erzählt.

3

Eines Tages spielte Niklas mit ein paar anderen Kindern Steine werfen im Dorf. Niklas war niemals der, der am weitesten werfen konnte, aber es machte trotzdem Spaß. Während er dem Größten und Kräftigsten von ihnen, der Veit hieß und alle Anlagen hatte, als Dorftrottel zu enden, beim Werfen zusah, bemerkte er, dass ein Mann durch ihr Dorf kam, der ihm völlig unbekannt war. Er wirkte ärmlich, trotz des Esels, den er mit sich führte. Neben dem Esel ging ein kleiner Junge, etwa so groß und so alt wie Niklas. Im Dorf machten beide Rast, setzten sich auf den Boden, aßen etwas Brot und teilten sich eine Rübe.

Niklas entfernte sich von seinen Spielkameraden und kam näher. Schüchtern betrachtete er das Paar. Er hatte schon mehrmals Botengänge in der Gegend gemacht, war aber zu keiner Zeit völlig Fremden begegnet.

Hahnfurt lag etwas abseits, selten verirrten sich Auswärtige hierher; Niklas war, wie alle seine Geschwister, noch niemals weiter als zehn Kilometer von zu Hause weg gewesen. Er ging daher zu Recht davon aus, dass es draußen in der Welt genauso aussah wie hier im Dorf. Sogar das entfernte Nürnberg, von dem Vater einmal erzählt hatte, war für ihn nichts anderes als ein größeres Dorf.

Wenn nichts weiter passierte in Niklas’ Leben, würde er für den Rest seines Daseins über Hahnfurt und Umgebung nicht hinauskommen.

Und er würde weiterhin die neuesten Nachrichten von auswärts nur über die Hillebillen erfahren, Bretter aus hartem Holz, gegen die man mit Knüppeln schlug, um Nachrichten weiterzutragen.

Nach einer Weile sah Niklas den Jungen an und der schaute, nicht einmal unfreundlich, zurück. Das machte ihn mutig, er kam näher.

Als er die beiden musterte, fiel ihm die große Ähnlichkeit zwischen dem Mann mit Kind und seinem eigenen Vater und ihm auf. Nicht, dass sie sich wirklich ähnlich gesehen hätten, dazu hatte der Junge zu schiefe Zähne und zu blasse Haut, so als wäre er immer im Keller eingesperrt gewesen. Aber es war unverkennbar, dass beide arme Bauern waren, die den gleichen Kampf ums tägliche Brot ausfochten.

Dieses gleichzeitige Erkennen desselben Schicksals machte sie einander sympathisch. Niklas lächelte, der fremde Junge lächelte mit seinen schiefen Zähnen zurück. Niklas kam näher.

»Woher kommt ihr?«, fragte er.

»Aus Dauerling bei Regensburg«, gab der Junge zur Antwort.

»Wo ist das?«

»Zwei Tagereisen von hier.«

»So weit weg! Und wo wollt ihr hin?«

Niklas platzte bald vor Neugierde.

»Ich weiß nicht genau, es sind aber angeblich noch einmal zwei Tagereisen«, sagte der fremde Junge.

Nun meldete sich der Vater zu Wort.

»Der Bub kommt ins Kloster, damit er was lernt und niemals hungern muss. Ich bringe ihn jetzt nach Urbrach und dort bleibt er dann. Nicht jeder Junge hat so viel Glück, dass die Mönche ihn aufnehmen. Wir hatten letztes Jahr endlich mal eine gute Ernte, da fiel genug fürs Kloster ab. Da hat der Bruder Prior mir versprochen, aus dem Buben einen tüchtigen Mönch zu machen. Dort soll er dann arbeiten, studieren und seinen Eltern keine Schande machen.«

Er klopfte seinem Sohn auf die Schultern.

»Du brauchst dir keine Sorgen mehr ums Überleben zu machen, ihr habts eigene Ställe, eigenes Vieh, Felder, ja sogar gutes, eigenes Bier habts dort.«

Beim Wort ›Bier‹ merkte Niklas auf.

Bei dem wenigen, das seine Eltern ihm gegenüber von Klöstern und Mönchen erwähnt hatten, war immer nur von Männern die Rede. Michael und Elisabeth waren fromme Leute, jedoch nur so fromm, wie das harte Leben es zuließ.

Daher hatte Niklas auch nur die normale Alltagsfrömmigkeit erlebt, ein Gebet vor jeder Mahlzeit und vor dem Schlafengehen, sonntags die heilige Messe in der kleinen Dorfkirche und an hohen Feiertagen zusätzliche Gebete, diese allerdings verbunden mit dem besseren Essen.

An Brautagen gab man ein Brot mit zum Kloster, das war die Regel. Darüber hinaus wurde zu Hause nie viel gesprochen, schon gar nicht über Klöster und Mönche.

»Wer macht denn das Bier im Kloster?«, fragte er keck, »da gibts doch nur Männer. Und Brauen ist doch Weibersache.«

Der Junge und sein Vater fingen an, laut zu lachen.

»Die Mönche machen ihr Bier natürlich selber«, sagte der Vater, »und sogar ein sehr gutes dazu.«

»Muss man Mönch sein, um im Kloster Bier zu machen?«, fragte Niklas, der sich durch das Lachen nicht verunsichern ließ.

»Ja freilich, das ist ein Grund, warum viele Menschen ins Kloster gehen, nie mehr Hunger oder Durst haben, das ist doch schon was.«

In diesem Moment fasste Niklas einen folgenschweren Entschluss.

Dann war die Rast beendet, Vater und Sohn standen auf und machten Anstalten, weiterzuziehen. Niklas wünschte ihnen eine gute Reise und machte sich auf den Heimweg.

Nachdem er fast zu Hause war, fiel ihm ein, dass er nicht mal die Namen des Jungen und seines Vaters wusste, die sein Leben so verändern sollten. Wie sehr sie es wirklich verändert hatten, wurde Niklas erst im Lauf der nächsten Jahre bewusst, sobald er gelegentlich an diesen Tag und diese zufällige Begegnung zurückdachte.

Für den Rest des Tages war er nicht mehr ansprechbar. Ruhig und in Gedanken versunken erledigte er seine Arbeiten. Er wollte erst überlegen, wie er es seinen Eltern sagen sollte, nur nicht gleich mit der Tür ins Haus fallen.

Wie der Vater des Jungen gesagt hatte, nahmen die Klöster nicht jeden. Und scheinbar dauerte es auch eine Weile. Aber bald wurde er zwölf, was tun? Viel Zeit blieb ihm nicht mehr.

4

Im zehnten und elften Jahrhundert gab es in Franken eine Reihe von Klostergründungen. Als Ableger eines größeren Klosters der Zisterzienser war im Jahre 1076 das Kloster Urbrach gegründet worden, hatte sich aber schnell eigenständig entwickelt. Durch den guten Ackerboden der Umgebung und die Umsicht der ersten Äbte wurde Urbrach sehr schnell sehr wohlhabend.

Besonders bekannt waren die Weine des Klosters, die sich nicht nur bei allen Ordensbrüdern großer Beliebtheit erfreuten. Nachdem im Jahre 1185 der Grundstein zu einer großen Kapelle gelegt worden war, die später zu einer der größten frühgotischen Kirchenbauten überhaupt ausgebaut wurde, entwickelte sich Urbrach auch über die direkte Umgebung hinaus zu einem religiösen und wirtschaftlichen Mittelpunkt. Das erfolgreiche Kloster konnte es sich leisten, sich nur den besten, talentiertesten oder zahlungskräftigsten Nachwuchs auszusuchen.

Bis jenseits von Nürnberg, sogar aus Regensburg, brachten die Väter ihre Söhne zur Erziehung nach Urbrach, immer mit der Gewissheit, dass es dem Jungen dort viel besser ergehen würde als dem Rest der Familie; zudem gab es dann einen Esser weniger im Haus.

In der Tat war es so: Wer bereit war, sich dem unerbittlich exakten Tagesablauf des Klosters zu unterwerfen, das fromme und arbeitsame Leben eines Mönches zu führen und die Klosterdisziplin niemals infrage zu stellen, der durfte sich wenigstens einer Sache sicher sein: Nie mehr Hunger oder Durst zu leiden!

Wenngleich Niklas’ Eltern niemals über das Mönchsleben Worte verloren hatten, so wussten sie doch darüber Bescheid.

Insgeheim wünschten sie beide sogar, dass einer ihrer Jungen das Glück hätte, ins Kloster zu gehen. Da Niklas’ Schicksal als Ältester bereits vorherbestimmt war, galten diese Hoffnungen Matthias. Einfache Leute, die sie waren, hatten sie keine Hoffnung darauf. Gelegentlich ein Brot für die ganz Armen war bestimmt nicht genug, um eine solche Belohnung zu erhalten.

Und zu mehr reichte es einfach nicht, das wussten beide, also sprachen sie nicht darüber. Niklas hatte sich einige Tage lang überlegt, wie er es am klügsten angehen sollte, kam jedoch auf keine Lösung. Da half ihm der Zufall: Der Abt von Urbrach war vor Kurzem verstorben.

Dies allein sprach sich jedoch nicht herum bis zu dem zwei Tagereisen vom Kloster entfernten Hahnfurt. Erst als der neue Abt Kilian beschloss, zur Feier seiner Ernennung die Bruderschaft des Klosters Urbrach um 50 Novizen zu vergrößern und dies überall im Umkreis bekannt machte, wurde es auch in Hahnfurt zum Gesprächsthema. Niklas schnappte es auf der Straße auf, und abends sagte sogar der sonst so schweigsame Vater etwas zum Thema.

»Wir sollten doch einmal versuchen, einen von unseren Buben nach Urbrach zu bringen.«

Die daraufhin leuchtenden Augen von Niklas übersah er und fuhr fort:

»Ich denke, dass der Matthias einen tüchtigen Mönch abgeben würde. Er kennt sich schon aus im Garten und Gartenarbeit ist im Kloster das Wichtigste. Der Niklas hilft mir dann auf dem Feld und Elisabeth, Ruth und Adelheid bewirtschaften den Garten mit dir. Bis wir sie verheiratet haben.«

»Im Kloster wird aber auch Bier gemacht«, warf Niklas zaghaft ein, »bitte lass mich ins Kloster gehen, Vater!«

Zuerst war Michael erzürnt über Niklas, dass er ihm vor der ganzen Familie widersprach. Er erinnerte ihn an seine Verantwortung, die er als Ältester für die Zukunft des Hofes trage. Dann sah er die Begeisterung in seinen Augen und versprach ihm:

»Ich werde es mir überlegen.«

Drei Wochen später war es tatsächlich so weit. Die Ernte war eingebracht und Michael konnte die Familie für ein paar Tage allein lassen. Der frühmorgendliche Abschied von der Mutter und den Geschwistern fiel überraschend schwer, obwohl alle annahmen, dass Niklas mit dem Vater wiederkäme. Niklas fühlte auf einmal zwei Seelen in seiner kleinen Brust. Neben dem unbändigen Verlangen danach, im Kloster Bier zu brauen, fühlte er doch so etwas wie Heimweh, obwohl sie noch nicht einmal abgereist waren. Was, wenn sie ihn im Kloster annehmen würden? Seine Sippe, seine Freunde, der kleine elterliche Hof in Hahnfurt wären dann außer Reichweite. Alles das, was bislang seine Welt war, sein kleiner, überschaubarer Niklas-Kosmos, wäre mit einem Mal verschwunden. Und mit einer Träne im Auge machte sich Niklas mit seinem Vater auf den Weg nach Urbrach.

Sie gingen zügig, der Vater mochte den Hof nicht zu lange unbemannt lassen. Niklas hatte Mühe, mit dem Vater Schritt zu halten. Doch Aufregung und Vorfreude ließen ihn alle Anstrengung leichter ertragen. Die Wege waren gut ausgetreten, relativ sicher, und »uns armen Leuten kann man sowieso nichts rauben«, wie Michael mehrfach betonte. Sie übernachteten unterwegs in einer Scheune, ein Gasthaus konnten sie sich nicht leisten.

Gegessen wurde, was Mutter ihnen mitgegeben hatte: Brot, Wurzelgemüse und Rüben. Wasser gab es in jedem Dorf, durch das sie wanderten. Es war teilweise abgestanden und brackig, also nahmen sie nur das Nötigste. Schon am Mittag des nächsten Tages standen sie an der Pforte des Klosters Urbrach. Sie baten um Einlass und erklärten ihr Anliegen, Niklas dem neuen Abt als Novizen anzubieten.

Der Bruder an der Pforte öffnete, und als sie im Hof des Klosters standen, fühlte sich Niklas wie in einer neuen Welt. Außer der kleinen Hahnfurter Dorfkirche hatte er noch niemals ein Gebäude aus Stein gesehen. Alle Häuser, die er kannte, waren aus Holz, Lehm und Stroh notdürftig zusammengeflickt. Dass es eine solche Pracht überhaupt gab, hätte er sich niemals vorstellen können.

Dabei hatte das Kloster nicht einmal den Gipfel seines Reichtums erreicht, auch die große Kapelle war nach fast 100 Jahren Bauzeit immer noch nicht ganz fertiggestellt. Dennoch war das, was im Klosterhof zu sehen war, für die Augen einfacher Menschen beeindruckend.

Mit einer in Franken neuen Bauweise hatte man die Hauptgebäude des Klosters errichtet. Kräftige senkrechte, hölzerne Balken sorgten für die aufrechte Stärke der Gebäude. Waagerechte Hölzer lagen als Riegel dazwischen, um der ganzen Konstruktion die nötige Stabilität zu verleihen. Die Gefache zwischen Ständern und Riegeln waren fein und weiß verputzt, was den Eindruck von Reichtum und Sauberkeit noch unterstrich.

An einer Stelle eines Gebäudes wurde gearbeitet, und so sah Niklas, dass die Gefache vor dem Verputzen mit Ziegeln gefüllt wurden. Das Hauptgebäude war am prächtigsten. Hier war das Untergeschoss aus festem, behauenem Stein, darauf hatte man eine neue, Fachwerk genannte Bauweise gesetzt.

Vom Hof aus sah man reges Treiben, im Garten arbeitete eine Gruppe Mönche, und man konnte sogar in den Weinberg sehen, in dem ein paar Brüder mit Hacken den Boden bearbeiteten. Einen der Mönche sah Niklas mit einer großen, leeren Schüssel zu einem großen Bienenhaus eilen.

In der Mitte des Klosterhofs stand ein gewaltiger Lindenbaum, der größte, den Niklas und Michael jemals gesehen hatten.

»Der ist ja fast so groß wie der Weltenbaum«, flüsterte Michael ergriffen. »Schau einmal, der geht beinah bis in den Himmel.«

Und dann kam aus einem der Nebengebäude ein Geruch, der Niklas nur zu vertraut vorkam: Dort roch es warm, süßlich und würzig nach Maische, dort wurde Bier gebraut!

Vor Aufregung wäre er beinahe über seine eigenen Beine gestolpert und in eine große Pfütze gefallen. Nur die schnelle Reaktion seines Vaters verhinderte, dass er seine einzige gute Hose und sein einziges gutes Hemd total verdreckte.

»Nun pass doch auf, Niklas, und sag jetzt nur noch was, wenn du gefragt wirst!«

Nachdem sie etwa eine Stunde gewartet hatten, wurden sie zum Abt geführt. In dem Raum, den sie jetzt betraten, fiel zuerst der ungeheuer große Tisch ins Auge. An einer Längsseite saßen fünf Ordensbrüder, in der Mitte thronte ein Mann, der unschwer als der Abt zu erkennen war. Nachdem Michael sich und Niklas vorgestellt und seine Bitte vorgetragen hatte, durfte Michael sich setzen, Niklas musste stehen bleiben.

Der Abt Kilian musterte die Besucher. Er war für einen Abt, dazu der eines nicht unbedeutenden Klosters, erstaunlich jung. Weder Michael noch Niklas hatten jemals zuvor einen Abt gesehen, aber in der Vorstellung war die Würde des Amtes dennoch immer mit Alter verbunden gewesen.

Nun schaute sie ein hagerer, schmaler Mann von etwa 40 Jahren mit intelligenten, lebhaften Augen an. Obwohl er sich noch nicht von seinem prachtvoll geschnitzten Stuhl erhoben hatte, konnte man sehen, dass er groß gewachsen war. Auch ohne Tonsur waren ihm nur wenige Haare geblieben, sodass das ganze Gesicht von den Adleraugen dominiert wurde.

»So, Michael aus Hahnfurt, dann erkläre mir bitte einmal, warum dein Sohn Niklas in unsere Klostergemeinschaft aufgenommen werden soll. Du weißt sicher, dass wir nicht jeden dahergelaufenen Bauernsohn als würdig befinden; warum soll dein Sohn also würdig sein?«

Michael erzählte zuerst von sich und seiner Familie, von der harten täglichen Arbeit, den fünf lebenden Kindern, verschwieg nicht die toten, betonte aber auch die Gottesfürchtigkeit ihres Lebens und dass sie es ohne Bitterkeit ertrügen.

Dann wendete er sich zu Niklas und erzählte von dessen bisherigem Leben, er sei fleißig und aufgeweckt und habe der Mutter schon seit fünf Jahren regelmäßig viel Arbeit abgenommen.

Jetzt blickte Kilian zu Niklas und fragte ihn:

»Du weißt bestimmt, dass neben der Arbeit für Gott ein jeder Bruder auch eine Arbeit für die Gemeinschaft übernimmt. Um eine Arbeit gut zu machen, muss man sie aber gerne machen. Gesetzt den Fall, wir würden dich in unsere Gemeinschaft aufnehmen, was ist die Arbeit, die du am liebsten für deine Brüder oder mit deinen Brüdern machen würdest?«

Niklas schaute auf seinen Vater, um Zustimmung zum Antworten zu erhalten. Der Vater nickte und Niklas sagte schüchtern nur vier Worte: »Bier brauen, ehrwürdiger Abt.«

Zuerst fiel ihm auf, dass hier im Kloster niemand lachte, als er seine Liebe zum Brauen erklärte. Er schaute verlegen zu Kilian und sah ein Lächeln in dessen Gesicht.

»Ich glaube, Bruder Thomas könnte noch einen tüchtigen Lehrjungen brauchen«, sagte der Abt zu dem Bruder, der neben ihm saß.

Dann, wieder an Michael gewandt:

»Wir werden es mit Niklas versuchen. Wenn der Junge so fleißig und folgsam ist, wie du sagst, dann wird es ihm hier gut gehen. Sollten wir ihn ungeeignet finden, werden wir ihn jedoch bald in dein Dorf zurückschicken. Du kannst wieder zurückkehren nach Hahnfurt, der Junge soll hierbleiben.«

Michael und Niklas gingen zurück in den Hof, dort nahm Niklas kurz Abschied von seinem Vater, den er lange nicht mehr sehen sollte. Der Vater verließ den Klosterhof durch die Pforte, Niklas war allein. Sein erstes Ziel hatte er erreicht. Was würde die nächste Zeit bringen?

Des Buches zweiter Teil: Klosterbier oder ›Flüssiges bricht das Fasten nicht‹

1

Die nächsten Monate waren für Niklas ausgefüllter, als er es sich jemals hatte vorstellen können. Niemals hätte er gedacht, dass man an einem Tag so viel arbeiten konnte.

Seine Einführung in das Klosterleben brachte er mit einer Mischung aus Ehrfurcht und Aufregung hinter sich. Er lernte viel Interessantes über die Anfänge des Klosterlebens, erfuhr von Benedikt und Monte Cassino, St. Gallen, Bonifatius, Cluny, der Abtei Prüm und dem Reformkloster Hirsau. Er hatte Glück. Sein Lehrmeister, Bruder Thomas, war tolerant den anderen Orden gegenüber.

Er sagte immer wieder:

»Wir alle kämpfen für die gleiche Sache, nur mit anderen Mitteln. Wenn du älter bist, wirst du dir selbst ein Bild machen können. Wir sind hier nicht so streng wie in Cluny, wo die Brüder immer mit dem Kopf nicken müssen, wenn der Prior in der Nähe ist, um ihm zu zeigen, dass sie nicht schlafen. Bei uns ist auch während des Gebets ein Nickerchen erlaubt, wenn man vorher seine Arbeit gut gemacht hat.«

Und die Aufgaben im Kloster waren weiß Gott vielfältig, jeder hatte seinen Teil zu leisten: Äcker bestellen, Gärten pflegen, Bücher kopieren, Kunstwerke malen, alles Werkzeug dazu wurde in den eigenen Werkstätten hergestellt, dazu noch backen, brauen, melken, schlachten. Besucher und Kranke mussten versorgt werden. Und schließlich war die Führung des Klosters auch außerhalb der Mauern politisch und wirtschaftlich eine Macht.

An der Spitze des Klosters Urbrach stand der Abt Kilian. Er vertrat das Kloster nach außen hin, schloss Kauf- und Pachtverträge ab, empfing die Gäste des Klosters und speiste mit ihnen an einem besonderen Tisch. Er hatte, da er über den Klosterregeln stand, eine eigene, reich und behaglich ausgestattete Wohnung und eine besondere Küche. Er leitete die kirchlichen Verrichtungen und stand im Rang eines Bischofs. Als Zeichen seiner Würde trug er bei offiziellen Anlässen einen gekrümmten Stab.

Kilian zur Seite stand der Prior Karlmann, der ihn in seiner Abwesenheit vertrat. Er leitete alle Übungen und Arbeiten der Mönche, nahm ihnen die Beichte ab, erlegte ihnen Bußen auf und überwachte die Einhaltung der Ordensvorschriften. Während alle Brüder untereinander sich mit ›Du‹ anredeten, gebrauchten sie Kilian und Karlmann gegenüber das ›Ihr‹.

Dem Provinzenmeister war die Aufsicht über die neu eintretenden Klosterbrüder anvertraut, solange sie noch nicht das Mönchsgelübde abgelegt hatten.

Der Sakristan oder Kustos hatte die äußere Ordnung des Gottesdienstes zu besorgen, zur Kirche zu läuten und alles, was zum Gottesdienst gehörte, wie Wachskerzen, Altarbekleidung, Abendmahlgeräte, in seine Obhut zu nehmen.

Der Singmeister oder Kantor leitete den Gesang in der Kirche, überwachte das Abschreiben der Bücher und hielt die Bibliothek in Verwahrung. Er hatte die größten Ohren, die Niklas jemals gesehen hatte.

Der Kellermeister Otto und Niklas’ Lehrmeister, der Brauer Thomas, waren wichtige Persönlichkeiten im Kloster und hatten mehrere Gehilfen zur Besorgung ihrer umfangreichen Ämter unter sich. Unter Ottos Aufsicht standen die Ackerhöfe des Klosters; er sorgte dafür, dass die nötigen Vorräte in die Küche und in den Keller geschafft wurden und führte die Schlüssel zu den Vorratsräumen. Sowohl Otto als auch Thomas sah man an, dass sie die geistigen Getränke verwalteten. Beide trugen einen Kugelbauch vor sich her, die roten Knollennasen und die Tonsur ließen die Männer als gemütliche, fröhliche Naturen erscheinen. Otto schien ein paar Jahre älter zu sein als Thomas, dafür war Thomas der Größere von beiden.

Der Leiter der Backstube, Ansgar, war Otto untergeordnet.

Der Bruder Pförtner saß am Eingang des Klosters in einer besonderen Zelle. Wenn ein Fremder Einlass begehrte, meldete er ihn beim Abt und führte ihn nach erteilter Erlaubnis hinein. Die Klöster boten Pilgern und Reisenden gern gastfreundliche Herberge. An vorbeikommende Arme verteilte der Pförtner Brot und Reste vom Tisch. Amtspersonen untergeordneter Art waren der Kleidermeister, der die Schneider, Schuhmacher, Gerber und Weber beaufsichtigte, der Werkmeister, der den Bauleuten vorgesetzt war, und der Siechenmeister, der die Aufsicht über das Krankenhaus führte.

Niklas lernte unter Anleitung seiner Mitbrüder lesen und schreiben und dazu das unentbehrliche Latein. Er war so beschäftigt, dass er überhaupt nicht an Hahnfurt dachte und daran, dass er unter Umständen jahrelang nicht mehr nach Hause kommen würde.

Er wurde unterwiesen in Disziplin, Zucht und Bescheidenheit. Wer damit nicht zurechtkam, dem drohte die Klosterordnung mit schweren Strafen. Fasten, Ausschluss vom Gottesdienst, Kasteiung bis aufs Blut, mitunter sogar Verurteilung zum Hungertod und zur Einmauerung waren Strafen für Mönche, die sich Vergehen zuschulden kommen ließen.