Verlag: ROWOHLT E-Book Kategorie: Krimi Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2011

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E-Book-Beschreibung Der blaue Tod - Boris Meyn

Die Cholera wütet in Hamburg – doch nicht jeder Tote ist ein Opfer der Seuche. Ein Kind wird gesucht, ein Kind, das es nie geben durfte. Anwalt Sören Bischop wird eingeschaltet, denn zur Polizei will seine Mandantin nicht. In diesem heißen Sommer 1892 verfolgt Sören alle Spuren, und er gerät tief in die Abgründe einer Stadt, die so rasant wächst wie das Elend ihrer Ärmsten. Immobilienhaie und Arbeitsvermittler bestimmen über das Leben in den lichtlosen Quartieren, Brutstätten nicht nur des Verbrechens, sondern einer Gefahr, die alle bedroht …

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E-Book-Leseprobe Der blaue Tod - Boris Meyn

Boris Meyn

Der blaue Tod

Ein historischer Kriminalroman

Anlandung

8.August

Die Zornesröte stand ihm ins Gesicht geschrieben, als er das Schiff betrat. Fünf Tage Verspätung auf der Fahrt von Riga nach Hamburg, das war einfach unakzeptabel. Schließlich hatte es schon seit Wochen weder schweres Wetter noch Flaute gegeben. Und außerdem: Warum hatte das Schiff nicht, wie üblich, am Baakenhafen festgemacht, sondern dümpelte in zweiter Reihe an der Vorsetze des Strandhafens vor sich hin? Er war gespannt, welche Erklärung der Kapitän für ihn parat hielt. Der Mann war doch sonst so verlässlich.

«Wo ist Corneelsen?», fuhr er den Matrosen, der ihn an der Reling empfing, barsch an.

«Nicht hier», antwortete der Mann knapp. «Der Steuermann erwartet Sie in der Messe.»

«Harksen?» Was hatte das jetzt zu bedeuten? Wutentbrannt stieg er zur Messe hinunter, wo der Steuermann zusammengesunken am großen Esstisch hockte. «Wo ist Corneelsen?»

Der Steuermann blickte auf und erhob sich dann in gespenstischer Langsamkeit. «Der Kapitän ist tot», erklärte er mit zitteriger Stimme. «Er hat sein Grab im Kattegatt gefunden.»

«Mein Gott, Harksen, was ist los? War er denn krank? Oder hat er sich selbst–»

Der Steuermann schüttelte den Kopf. «Wahrscheinlich Unterleibstyphus oder so etwas. Keine Ahnung. Den Ersten Maat hat es nach zwei Tagen erwischt. Dann ist Corneelsen krepiert. Zwei weitere Matrosen übergaben wir kurz vor Helgoland der See. Seit der Elbmündung dann noch drei. Sie sind noch an Bord. Unten im Laderaum.»

Der Steuermann verstummte und blickte ihn ausdruckslos an. In seinen Ohren begann es zu brausen. Das Wort Quarantäne schoss ihm wie eine Horrorvision durch den Kopf. Wenn man das Schiff unter Quarantäne stellte, war die Ladung verloren. Das fehlte gerade noch. Durch die Verspätung hatte er schon genug Verluste zu verzeichnen. «Erzählen Sie genauer!»

«Sie bekamen einfach Brechdurchfall. Urplötzlich und ohne Vorwarnung.» Harksen schüttelte ungläubig den Kopf. «Es folgten heftige Krämpfe und hohes Fieber. Dann wurden sie besinnungslos – kurz darauf waren sie tot.» Der Steuermann verzog sein Gesicht zu einer schmerzlichen Grimasse. «Es war furchtbar. Wir konnten nichts für sie tun, so schnell ging es.»

«Haben Sie schon mit irgendwem darüber gesprochen?»

«Nein. – Sie hätten ihre Gesichter sehen sollen! Sie waren kaum wiederzuerkennen!»

«Ja, das ist tragisch. Waren außer Corneelsen Leute von der Stammmannschaft dabei, oder hat es Angeheuerte erwischt?»

«Sowohl – als auch», erklärte Harksen betrübt.

Er versuchte, ein betroffenes Gesicht zu machen. «Schreiben Sie mir bitte alle Namen auf. Ich kümmere mich um die Familien.»

«Und die drei im Laderaum?»

Er wandte sich der Kajütentür zu. «Warten Sie bis zur Dämmerung, dann verholen Sie das Schiff zum Baakenhafen. Schaffen Sie die drei mit der letzten Ladung unauffällig von Bord.» Er warf dem Steuermann einen prüfenden Blick zu und setzte seinen Hut auf. «Ich verlasse mich auf Sie, Harksen! – Und dann vergessen Sie die Angelegenheit so schnell wie möglich. Sie hören von mir. Es ist ja nun eine Kapitänsstelle neu zu besetzen. Guten Tag.»

Natürlich war die Angelegenheit ärgerlich, dachte er, als er von Bord des Schiffes ging. Aber ein paar toter Seeleute wegen brauchte man nun nicht gleich die Pferde scheu zu machen. Und auf Harksen konnte er bauen. Harksen war ehrgeizig. Als er die Kutsche bestieg, fiel sein Blick auf die Turmuhr von St.Katharinen. Er wollte sich keinesfalls verspäten. In drei Stunden musste er in Friedrichsruh sein. Um den Rest würde er sich morgen kümmern.

«Dann wären wir also vollzählig», rief der Gastgeber und schloss hinter dem letzten Ankömmling die Tür zum Salon. Um den großen Tisch in der Mitte des Raumes saßen die anderen – genau wie beim letzten Treffen. Niemand wagte, das Wort zu ergreifen, bis sich der Gastgeber schwerfällig auf dem großen Eichenstuhl an der Kopfseite des Tisches niedergelassen hatte. Er trug einen einfachen Rock aus grünem Leinen. Sein Gehstock lehnte an der Tischkante. Allein der weiße Bart erinnerte an längst vergangene Zeiten, als er noch den hellen Waffenrock der Kürassiere getragen hatte, aber den alten Mann mit den wässrigen Augen umgab immer noch die Aura des soldatisch Unerbittlichen. «Meine Herren, wie Sie wissen, haben wir noch knapp zwei Wochen.» Er blickte fragend in die Runde. «Sind wir uns nach wie vor einig?»

Die Anwesenden blieben stumm. Niemand wagte, den Anfang zu machen.

«Es muss jedenfalls etwas geschehen», meinte einer schließlich. «Seit Ihrer Entlassung regiert in Berlin die Unberechenbarkeit. So forsch sein Auftreten, so markig seine Worte auch sein mögen: Wilhelm ist zu jung und selbstgewiss. Er kann das Staatsschiff nicht ohne Mannschaft lenken – und sein Stab besteht aus Dilettanten, der neue Reichskanzler inklusive!»

Ein anderer nickte. «Engstirnige Ministerialbeamte und ein diplomatisches Korps voller aristokratischer Nichtskönner.»

«So wird das Reich jedenfalls keine Rolle auf der weltpolitischen Bühne spielen», erklärte ein Dritter.

«Wo bleibt die erhoffte Kolonialpolitik? Wo bleibt die Flotte, die dem Handel auf den Weltmeeren entsprechenden Schutz bietet?»

Der Gastgeber nickte zufrieden. «Das Gaukelspiel des Hohenzollern muss ein Ende finden. Seine hochfahrende Unbeherrschtheit wird den Staat in den Ruin führen. Am liebsten wäre es mir, wir könnten einen seiner Günstlinge, einen dieser süßlichen Herren, gleich mit zur Strecke bringen. – Herr Senator, was meinen Sie?»

Der Angesprochene nestelte nervös am Revers seines Gehrocks. «Verdammtes Gottesgnadentum. An die Stelle preußischer Tugenden sind heimliche Schwärmereien getreten.»

«Der Monarch ist ein Träumer», fügte ein anderer hinzu. «Während er in seinen Phantasien schwelgt, formieren sich immer mehr seiner geliebten Untertanen. Aber nicht in die von ihm gewünschte Richtung.» Er blickte den Gastgeber um Bestätigung heischend an. «Die Sozialdemokraten haben Zulauf wie nie zuvor. Und das Krebsgeschwür gedeiht allerbestens, solange sich in Berlin nichts ändert.»

Der Gastgeber lächelte gequält. «Solange ich das Sagen hatte, bin ich eisern gegen Pfaffen und Sozialdemokraten vorgegangen. Nun wagen sich die Ratten aus ihren Löchern.»

«Ein Haufen raub- und mordsüchtiger Gesellen, die nur darauf warten, den Bürgern den Hals umzudrehen», meldete sich ein Herr mit Knebelbart und stattlichem Embonpoint. «Herrschaften, wie Sie wissen, vertrete ich ein ganzes Konsortium. Natürlich weiß niemand, was wir im Schilde führen. Aber man wird es gutheißen, wenn das Ergebnis sichtbar wird. – Herr Reeder, Sie dürften meiner Meinung sein.» Er blickte einen anderen an. «Die Sozialdemokraten schüren Unruhe in der ganzen Arbeiterschaft und gefährden den wirtschaftlichen Aufschwung.»

«Richtig, richtig! Nach Aufhebung der Sozialistengesetze vor zwei Jahren nimmt das stetig zu», erwiderte der. «Erst die Maifeiertage, dann der Streik der Tabakarbeiter. Seit dem Gewerkschaftskartell vom letzten Jahr ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis sich die Arbeitsverweigerungen auch auf die Hafenbetriebe ausdehnen. Wir sitzen förmlich auf einem Pulverfass!»

«Ich glaube, wir sind uns einig», meinte der Gastgeber und erhob sein Glas, während ein Lächeln über seine Lippen huschte. «Wir sollten nicht nur etwas gegen Berlin, sondern zugleich gegen die Sozialdemokraten unternehmen. Ein befreiender Doppelschlag, sozusagen. Meine Herren, ich habe da eine Idee…»

In der Kanzlei

13.August

Die Hitze war unerträglich. Sören Bischop stand am geöffneten Fenster seines Arbeitszimmers und fächerte sich mit der Zeitung ein wenig Luft zu. Fast zwei Wochen ging das jetzt schon, und ein Ende war nicht in Sicht. Ganz im Gegenteil, es wurde immer noch heißer. Als vor zwei Tagen leichter Westwind aufgekommen war, hatte Sören schon auf einen Wetterumschwung gehofft, ein paar Schauer oder zumindest eine Brise frischer Meeresluft. Aber die Hoffnung hatte getrogen. Das Einzige, was der Wind vor sich hertrieb, war der trockene Staub und der Schmutz auf den Straßen sowie der brackige und moderige Geruch aus den Fleeten, die so wenig Wasser führten, dass der innerstädtische Schiffsverkehr bis auf die wenigen Stunden des Hochwassers zum Erliegen gekommen war. An vielen Stellen glichen die städtischen Wasserstraßen einer morastigen Kloake.

Sören blickte auf seinen Terminkalender. Soweit dies möglich war, hatte er alle aushäusigen Angelegenheiten auf den Vormittag und die Abendstunden verlegen können. Die nächste Gerichtsverhandlung stand erst nächste Woche an. Bis dahin hatte sich das Wetter hoffentlich normalisiert, denn die Strafjustizordnung zwang ihn zum Tragen von Robe und Amtstracht, worauf Sören bei diesen Temperaturen gerne verzichten konnte, auch wenn die Säle des neuen Strafjustizgebäudes als gut belüftet galten.

Was den Prozess und das zu erwartende Urteil anging, brauchte sich Sören allerdings nichts vorzumachen. Er hatte sein Bestes getan, aber eine, wenn auch kurze Arreststrafe seiner Mandantin schien diesmal unabwendbar, schließlich war sie wegen ähnlicher Vergehen bereits zweimal ermahnt worden. Eine Geldstrafe konnte Minna Storck ohnehin nicht bezahlen, und vielleicht war das in diesem Fall auch gut so, denn ohne einen empfindlichen Denkzettel konnte man davon ausgehen, dass sie sich in absehbarer Zeit des gleichen Vergehens erneut schuldig machen würde. Drei Wochen Arrest – mit mehr war nicht zu rechnen – mochten da schon Wunder wirken. Kinder hatte sie keine; von daher musste kein Unbeteiligter unter dem Urteil leiden. Die Opfer ihres Handelns waren Gott sei Dank glimpflich davongekommen, wenn man bedenkt, dass Senator Lehmann oder ein Familienangehöriger an der Fischvergiftung genauso gut hätte sterben können. Natürlich war es ein starkes Stück, alten Fisch mittels Ochsenblut in den Kiemen zu frischer Ware zu machen, andererseits wäre doch eigentlich zu erwarten gewesen, dass in der Küche eines Senators spätestens die Köchin die verfaulte Ware hätte erkennen müssen. Das Mädchen, das den Fisch entgegen der Anweisung nicht am Hafen, sondern auf einem Gassenmarkt im Gängeviertel gekauft hatte, um so etwas vom Einkaufsgeld abzuzweigen, hatte seine Anstellung natürlich umgehend verloren.

Die Sünden der kleinen Leute, die Gaunereien der Besitzlosen. Sören machte einen tiefen Atemzug. Es war das eigentlich Tragische an diesen Fällen, dass die Vergehen meist durch die eigene Not begründet waren. Spätestens wenn er die Wohnstätten solcher Klienten näher inspizierte, überkam ihn häufig genug das kalte Grausen. Es war wirklich unvorstellbar, in welcher Armut ein Großteil der Bevölkerung dieser doch so wohlhabenden Stadt lebte.

Den Besitzlosen regelmäßig als Pflichtverteidiger bei Strafsachen zur Seite zu stehen war das Mindeste, was er tun konnte, auch wenn es dem Grundübel, der sozialen Frage, kaum Abhilfe schuf. Ein bisschen tat er es auch, um sein schlechtes Gewissen zu beruhigen, schließlich hatte er als Advokat inzwischen ein stattliches Einkommen. Sören hatte es nie bereut, die Medizin endgültig an den Nagel gehängt zu haben, auch wenn ihm seine fachlichen Kenntnisse bei manchen Fällen ausgesprochen nützlich waren. Seit fünf Jahren arbeitete er nun schon mit Albrecht Johns zusammen, und vor zwei Jahren, nachdem sich dessen ehemaliger Seniorpartner, Matthias Daniel, endgültig zur Ruhe gesetzt hatte, hatte Johns ihn zum Partner gemacht. Johns & Bischop– Rechtsanwälte. Jeden Morgen blickte Sören mit ein wenig Stolz auf das polierte Messingschild am Eingang des alten Hauses an der Schauenburger Straße.

Die Zusammenarbeit hatte sich schnell als fruchtbar erwiesen, und auch wenn jeder von ihnen seinen eigenen, klar abgegrenzten Tätigkeitsbereich hatte, waren sie inzwischen so etwas wie ein eingespieltes Team. Albrecht Johns hatte Sören schon aufgrund seines Alters einiges an Berufserfahrung voraus, und Sören bewunderte die eloquenten Plädoyers seines Kompagnons, obwohl er sich insgeheim über Johns mokierte, da dieser auch im privaten Gespräch immer redete, als stünde er im Gerichtssaal. Jedes Wort war wohl überlegt, jeder Satz klang genau einstudiert, und es war für Sören undenkbar, dass sein Sozius vor anderen Menschen je die Beherrschung verlieren könnte. Johns hingegen blickte verwundert auf Sörens soziales Engagement. Es wäre ihm selbst nie in den Sinn gekommen, seine beruflichen Qualifikationen jemandem ohne angemessenes Honorar zur Verfügung zu stellen. Den wenigen Aufforderungen, als Pflichtverteidiger zu agieren, war Johns zwar ohne Murren nachgekommen, aber Sören hatte ihm diese Aufgabe schnell abgenommen, als er merkte, dass Johns an den Fällen wenig interessiert war und entsprechend nachlässig recherchierte.

Inzwischen war es jedoch so weit, dass Sören einen Großteil seiner Arbeitszeit mit Pflichtmandaten verbrachte. Seit einigen Jahren gelangten deutlich mehr Straftaten innerhalb der unteren Bevölkerungsschichten vor Gericht als zuvor. Vorrangig waren es Vergehen kleiner Ganoven und Gelegenheitsgauner, Trickbetrügereien und Prostitution, die zur Anklage kamen. Alles Vergehen, die niemandem Reichtum bescherten, sondern dem Angeklagten meist nur das Überleben sicherten. Sören überschlug im Geiste die Verhandlungen der letzten Monate und überlegte, ob die Zahl der Straftaten tatsächlich zugenommen haben mochte. Seiner eigenen Überzeugung nach war die gestiegene Kriminalitätsrate eher darauf zurückzuführen, dass die Obrigkeit nunmehr auch Bagatelldelikte verfolgte. Häufig genug Vorfälle, bei denen früher schon mal ein Auge zugedrückt wurde, wenn niemand wirklich zu Schaden gekommen war. Aber jetzt? Seitdem das städtische Polizeikorps umstrukturiert worden war, observierte man gezielt die arme Bevölkerung und die Arbeiterschaft. Vor allem die Sozialdemokraten waren der Obrigkeit ein Dorn im Auge. Ganze Trupps in Zivil gekleideter Polizeispitzel beobachteten Kaschemmen und Spelunken zu jeder Tages- und Nachtzeit. Die zunehmende Streikbereitschaft der organisierten Arbeiterschaft tat ihr Übriges. Seit dem Meldezwang, den man im Mai letzten Jahres eingeführt hatte, war alles noch viel schlimmer geworden. Kein Wunder also, dass jede Kleinigkeit zur Anzeige gelangte. Sören war davon überzeugt, dass diese Entwicklung auch in Zukunft anhalten würde. Wahrscheinlich würden eher noch mehr Verbrechen in den Statistiken auftauchen, denn zum Ende des Jahres sollte die Polizeibehörde vollständig neu organisiert werden. Die Stadt würde damit endlich auch eine selbständige Kriminalpolizei erhalten, was längst überfällig war. Sörens Vater, Hendrik Bischop, hatte sein Leben lang für die Einrichtung dieser Institution gekämpft. Ergebnislos. Jetzt sollte es also Wirklichkeit werden.

Sören nickte still in sich hinein. Nein, er benötigte keine weitere Bedenkzeit. Das Angebot, das Senator Hachmann ihm vor zwei Monaten gemacht hatte, klang zwar verlockend, aber sein Entschluss stand fest. Noch in dieser Woche würde er den Senator davon unterrichten, dass er für die Leitung der neuen Kriminalpolizei nicht zur Verfügung stand. Er konnte sich bis heute nicht erklären, wie Hachmann gerade auf ihn gekommen war. Gut, er hatte vor sechs Jahren als ermittelnder Staatsanwalt mit Sonderbefugnis des Senats einige Erfolge verbuchen und einen sehr komplizierten Fall lösen können. Aber seither hatte er ausschließlich als Advokat gearbeitet. Sein Entschluss war vor allem dadurch begründet, dass er als Leiter der Kriminalpolizei gleichzeitig auch Chef der Politischen Polizei hätte sein müssen. Und die Zielrichtung dieser Institution erschien Sören äußerst fragwürdig. Die Spitzel und Vigilanten der Politischen, deren Personal in letzter Zeit stark ausgebaut wurde, sollten gezielt gegen sozialdemokratische Umtriebe eingesetzt werden. Aber Sören war sich sicher, dass damit die Unzufriedenheit in der Arbeiterschaft nur noch geschürt wurde. In den Gassen der Gängeviertel gärte es bereits bedrohlich. Sören seufzte und dachte an seinen Vater. Vielleicht war es gut, dass der diese Entwicklung nicht mehr miterlebte. Hendrik Bischop war vor fünf Jahren im biblischen Alter von 85 gestorben. Er war friedlich eingeschlafen.

Eine lautstarke Auseinandersetzung im Vorzimmer riss ihn aus seinen Gedanken. Es kam selten vor, dass Mandanten bereits im Vorzimmer die Nerven verloren, aber bei dieser Hitze lagen bei allen die Nerven blank. Bislang war Fräulein Paulina, die schon seit mehr als einem Jahr für die Anmeldung und einen großen Teil der Korrespondenz im Hause zuständig war, mit solchen Situationen noch stets alleine zurechtgekommen. Diesmal gelang es ihr anscheinend nicht; aufgebracht stürmte sie in Sörens Arbeitszimmer.

«Herr Dr.Bischop, wenn Sie vielleicht einmal nach vorne kommen könnten?» Ihre Stimme klang hilflos. «Ich fürchte, die beiden Damen kratzen sich gleich die Augen aus…!»

Eiligen Schrittes begab Sören sich zur Tür. «Nun, meine Damen», sagte er. «Worum geht es denn hier?» Vor ihm standen sich zwei Frauen in unmanierlichem Abstand gegenüber und warfen sich giftige Blicke zu. Eine von ihnen hielt drohend einen Sonnenschirm in der erhobenen Hand und schnaufte aufgebracht vor sich hin. Sie mochte einige Jahre älter sein als ihre Kontrahentin, obwohl man beide Frauen noch als jung bezeichnen konnte. «Also?»

«Diese respektlose Person…!», keifte die Ältere der beiden und deutete auf die andere, die ihr sogleich ins Wort fiel.

«Was heißt hier respektlos? Ich habe Ihnen sogar freundlich die Tür aufgehalten!» Sie blickte zu Sören. «Und nun behauptet sie, vor mir an der Reihe zu sein! So geht das ja wohl nicht!»

«Eine Unverschämtheit ist das!» Die andere stampfte mit dem Fuß auf. «Sie wissen wohl nicht, mit wem sie es zu tun haben? Dieses unmanierliche Benehmen können Sie unter Ihresgleichen…»

«Aber meine Damen», unterbrach Sören. Eine solche Situation hatte er in der Kanzlei noch nicht erlebt. «Sind Ihre Anliegen wirklich so dringend, dass es zu einer solchen Szene kommen muss?» Er warf Fräulein Paulina, die hinter ihm Schutz gesucht hatte, einen fragenden Blick zu. «Hat eine der Damen einen Termin?»

Fräulein Paulina schüttelte energisch den Kopf.

«Gut, gut.» Er blickte auf die große Standuhr hinter dem Empfangstisch. «Sie haben durchaus Glück, meine Damen», verkündete er, «dass ich heute die Zeit aufbringen kann, mich um Ihrer beider Anliegen zu kümmern. Eigentlich ist es unumgänglich, vorher einen Termin zu vereinbaren.» Er blickte den beiden Frauen nacheinander streng in die Augen. «Schauen wir also, wie ich Ihnen beiden weiterhelfen kann. Vorausgesetzt, Sie begraben jetzt sofort Ihre Streitigkeiten um den besten Startplatz. Andernfalls sehe ich mich genötigt, Ihnen eine Unterredung zu einem anderen Zeitpunkt anzubieten.»

Die beiden Frauen blickten sich etwas hilflos an, nickten aber schließlich zustimmend.

«Ich schlage vor», meinte Sören, wobei er die jüngere Frau – sie mochte knapp zwanzig sein und stammte der einfachen Kleidung nach zu urteilen aus dem Arbeitermilieu – freundlich anlächelte, «wir lassen dem Alter den Vortritt?» Natürlich war es taktlos, eines der Frauenzimmer als alt zu bezeichnen, aber einen uneingeschränkten Triumph wollte er der anderen Besucherin dann doch nicht gönnen. Der Vorschlag verfehlte seine Wirkung nicht. Fast zeitgleich nickten die beiden ihm zu. Die Jüngere grinste, die Ältere hatte die Spitze offenbar nicht bemerkt und marschierte an Sören vorbei in sein Büro.

«Wenn Sie der Dame in der Zwischenzeit einen Tee und einige Biskuits anbieten würden?» Sören zwinkerte Fräulein Paulina zu und schloss die Tür. «Nun», sagte er, nachdem er der Frau einen Sitzplatz angeboten hatte, «wie kann ich Ihnen behilflich sein?»

«Kann ich voraussetzen», begann seine Besucherin, während sie sich umschaute, als wenn sie kontrollieren wollte, ob die Tür auch wirklich geschlossen sei, «ich meine, kann ich mich wirklich darauf verlassen, dass Sie unser Gespräch absolut vertraulich behandeln?» Sie fingerte nervös einen Fächer aus ihrer bestickten Tasche und wedelte sich Luft zu.

Erst jetzt betrachtete Sören die Frau genauer. Sie mochte Mitte dreißig sein, war gertenschlank und trug ihre rotbraunen Haare zu einer aufwändigen Frisur hochgesteckt. Irgendwie kam sie Sören bekannt vor, und obwohl er sich sicher war, sie schon einmal gesehen zu haben, wusste er sie nicht einzuordnen. Sie hatte auffallend schmale Lippen, ein markantes, kantiges Kinn, und ihre Mundwinkel zuckten nervös. Unter der fast porzellanweißen Haut schimmerten blaue Äderchen hindurch. Nur auf der spitzen Nase zeichneten sich einige Sommersprossen ab. Um die Augen hatte sie bereits einige Fältchen, sonst hätte man sie durchaus zehn Jahre jünger schätzen können. Dass sie aus gutem Hause war, ließ sich nicht übersehen. Ihre schlanken Finger waren mit teuren Ringen besetzt. Sie trug eine aufwändig bestickte Bluse und einen langen, dunkelgrauen Rock mit passender Jacke.

«Die Angelegenheit ist sehr delikat, sie ist mehr als delikat… Ich muss wirklich auf absolutem Stillschweigen Ihrerseits bestehen.»

Sören versuchte, ihre Augenfarbe zu bestimmen, aber ihre Iris war fast farblos. Nur ein zaghaftes, helles Grau zeichnete sich um die winzigen Pupillen ab. «Wenn Sie mir erst einmal darlegen würden, worum es überhaupt geht, kann ich Ihnen sicher erläutern, inwieweit ich meiner Arbeit diskret nachgehen kann.» Er blickte sie fragend an.

«Um es kurz zu machen: Es geht um ein Kind. Ein Kind, das vor einundzwanzig Jahren geboren wurde. Ein Kind, das nicht sein durfte. Ein vorehelicher Fehltritt… meiner Schwester. Das Kind wurde von meinem… von unserem Vater weggegeben. Er hat dafür bezahlt.» Sie begann wieder heftiger mit dem Fächer zu wedeln.

Sören nickte langsam und schob einige Stifte auf der Schreibunterlage hin und her. «Ein Kostkind also», meinte er schließlich. «Und in welcher Beziehung benötigen Sie einen Advokaten? Stellt das Kind irgendwelche Ansprüche gegenüber… Ihrer Familie?»

Die Frau schüttelte den Kopf und versteckte ihr Gesicht nun fast ganz hinter dem Fächer. «Nein. Wie soll ich es erklären? Mein Anliegen hat keinerlei juristische Relevanz…»

«Dann weiß ich nicht, warum Sie zu einem Advokaten kommen.»

«Es ist die Besorgnis. Die Besorgnis meiner Schwester», schob sie schnell nach. «Sie hätte das Kind ja nie aus eigenen Stücken fortgegeben. Aber sie war noch sehr jung, und die Familie… unser Vater meinte, es gäbe keine andere Möglichkeit, als das Kind zu einer Landamme zu geben. Mein… unser Vater ist kürzlich verstorben.»

«Und mit welchem Anliegen kommen Sie zu mir?»

«Ich möchte, dass Sie das Kind ausfindig machen.»

«Nach einundzwanzig Jahren?» Sören schürzte die Lippen. «Entschuldigen Sie die Nachfrage, aber aus welchem Grund?»

«Die Ehe meiner Schwester ist kinderlos geblieben. Ihr Mann, der auf keinen Fall von dieser Sache erfahren darf, ist sehr krank. Er liegt im Sterben. Und es ist doch ihr Kind.»

«Sie erwarten also von mir, dass ich ein Kind, das längst kein Kind mehr ist, suchen soll. Was haben Sie für Informationen über das Kind? Wenn ich mich der Sache annehmen soll, benötige ich zumindest einen Hinweis, wo ich mit der Suche beginnen muss. Einen Namen…»

Die Frau zog einige Papiere aus der Tasche. «Es ist nicht viel, was wir haben. Ich… wir wissen ja nicht einmal, ob es ein Junge oder ein Mädchen war. Meine Schwester hat es nie zu Gesicht bekommen. Mein Vater hat sich um alles gekümmert. Er hat das Geheimnis um sein Enkelkind mit ins Grab genommen. Für ihn durfte es nie existieren. Aber er hat bezahlt.» Sie hielt Sören ein Stück Papier hin. «Die Empfangsquittung einer gewissen Inge Bartels über 100Mark. Das muss die Landamme sein, die für das Kind gesorgt hat. Sie erhielt die Summe wohl jährlich.» Die Frau reichte Sören einen weiteren Zettel. «Letztmalig vor acht Jahren. Hier ist ein Arztbesuch aufgeführt, für den mein… unser Vater extra bezahlt hat.»

Sören studierte die Zettel. Die Signatur war unleserlich. «Das ist nicht gerade viel.»

«Ich weiß, aber…» Sie stockte und reichte Sören ein Couvert. «Ich werde Sie großzügig entlohnen. Dies ist ein Vorschuss für Ihre Mühen. Es soll Ihr Geld sein, unabhängig vom Erfolg. Wir wissen ja nicht einmal, ob das Kind noch am Leben ist. – Das Einzige, worauf ich bestehen muss, ist, dass niemand etwas davon erfahren darf. Bei Erfolg biete ich Ihnen zusätzlich die vierfache Summe.»

Sören warf einen Blick in das Couvert. 400Mark – das war sehr viel für einen Vorschuss. «Wenn ich die Person tatsächlich ausfindig machen sollte, werden Sie die Sache jedoch kaum länger geheim halten können», gab er zu bedenken. Einen solchen Fall hatte man ihm noch nie angeboten, und die Aufgabe reizte ihn. Zudem schien der Aufwand überschaubar. Der Name der Amme, das Alter des Kindes. Es gab nicht viele Möglichkeiten, an Informationen und Auskünfte zu gelangen. Entweder er wurde schnell fündig, oder die Sache war aussichtslos. «Ich mache meine Zusage davon abhängig, ob die Person, so ich sie denn finde, ihre wirkliche Herkunft erfahren wird.» Er schloss das Couvert und legte es vor sich auf den Tisch.

Die Frau nickte zaghaft. «Nach dem zu erwartenden Ableben meines… Schwagers.»

«Mit erbrechtlicher Berücksichtigung?»

Sie nickte erneut.

Sören nahm das Couvert an sich. «Wie kann ich Sie erreichen?»

«Meinen Namen und meine Anschrift finden Sie auf einer Karte im Couvert. – Ich bitte nochmals um absolute Diskretion.»

Nachdem Sören die Frau zur Tür geleitet hatte, öffnete er den Umschlag. Er warf einen Blick auf die Karte und pfiff leise. Jetzt wusste er auch, woher er die Frau kannte. Verständlich, dass sie auf Diskretion bestand, schließlich stammte sie aus einer der einflussreichsten Familien der Stadt.

Die junge Frau, die im Vorzimmer gewartet hatte, blickte sich neugierig um, als sie Sörens Arbeitszimmer betrat. Die Umgebung schien ihr nicht ganz geheuer zu sein, und erst nachdem Sören sie zweimal aufgefordert hatte, sich zu setzen, nahm sie ihm gegenüber Platz. Sie mochte höchstens zwanzig sein, aber ihr Blick verriet, dass sie bereits mehr vom Leben gesehen hatte, als es in diesem Alter üblich war. Ihre Jacke war an mehreren Stellen geflickt, dennoch sah man, dass sie sich Mühe gegeben hatte, sich dem Anlass entsprechend zu kleiden. Die roten Haare hatte sie zu zwei Zöpfen geflochten, die ihr bis auf die Schultern herabhingen. Die dunklen Ränder um die Augen zeugten von wenig Schlaf und viel Arbeit. Ihre Hände wirkten jedoch gepflegt, und auch ihre Zähne waren auffallend schön.

«Ich danke Ihnen für Ihre Nachsicht», begann Sören und lächelte die Frau freundlich an.

Ein verschmitztes Lächeln war die Antwort.

«Was führt Sie zu mir?», fragte Sören.

«Es geht um Marten Steen», erwiderte die Frau.

«Marten Steen, Marten Steen? Helfen Sie mir auf die Sprünge!»

«Die ganze Hamburger Polizei ist ihm doch auf den Fersen. Er soll den Wirt von der ‹Möwe› erstochen haben. Aber er war’s nicht, ganz bestimmt nicht.»

Sören erinnerte sich. Dass der Wirt einer Hafenschänke erstochen worden war, hatte er in der Zeitung gelesen. Der Name des mutmaßlichen Täters war ihm natürlich nicht geläufig. «Und warum sind Sie sich da so sicher?»

«Er würde so etwas nie tun», antwortete die Frau und schüttelte energisch den Kopf, dass ihre Zöpfe hin und her flogen. «Der kann doch keiner Fliege was zuleide tun.»

«Sie kennen diesen Steen also näher?»

Sie nickte. «Wir sind verlobt.»

«Hat er Ihnen gesagt, dass er es nicht war?»

Die Frau schüttelte den Kopf.

«Wie können Sie sich dann so sicher sein?»

«Marten war sternhagelvoll in der Nacht, als es geschah. Sie haben ihn nach Hause gebracht. Er konnte nicht mal mehr laufen. Er erinnert sich an gar nix mehr.»

«Wer sind sie?»

«Zwei Kumpane von Marten. Er sagt, sie waren angeblich dabei, und sie sagen nix. Aber er soll etwas für sie tun.»

«Augenblick mal, ganz langsam. Alles der Reihe nach. Wer sind die beiden Zeugen? Kennen Sie ihre Namen?»

«Der eine heißt Gustav», erwiderte die Frau. «Ich habe sie kurz gesehen, als sie bei Marten waren. Zwei üble Vögel. Ganz gemeine Sorte. Ich kenne mich da aus. Die wollen ihn zu irgendwas anstiften. Irgendein krummes Ding.»

Sören rieb sich nachdenklich das Kinn. «Also wenn ich das jetzt richtig verstanden habe, dann klingt es ja mehr danach, als wenn die beiden Kumpane die angebliche Tat beobachtet hätten und ihren Verlobten mit ihrem Stillschweigen erpressen wollten.»

«Ja.»

«Aber somit wäre er ja doch der Täter?» Sören fixierte die Frau.

«Das sagen die beiden ja nur. Sie sagen, er hätte dem Wirt im Streit sein Messer in die Brust gerammt.»

«Sein Messer?»

Die Frau machte ein unglückliches Gesicht. «…ist seither verschwunden. – Ich weiß, ich weiß, was Sie jetzt glauben», schob sie rasch nach, «aber so war’s nicht. Er konnte sich doch nicht mal mehr auf den Beinen halten. Wie soll man denn da einen erstechen können?»

«Ich verstehe…» Sören erhob sich und reichte der Frau ein Taschentuch. Die Tränen, die ihr über die Wangen liefen, waren nicht zu übersehen. «Ich würde gerne mit Ihrem Verlobten sprechen», meinte Sören, nachdem sie sich das Gesicht abgetupft hatte.

Sie blickte zu Boden. «Ich hab aber nur zwanzig Mark», sagte sie leise.

«Über Geld machen Sie sich augenblicklich mal keine Sorgen», entgegnete Sören beruhigend. «Am gescheitesten wäre es, er würde sich selbst der Polizei stellen. Ich begleite ihn als Anwalt… Und ich verspreche Ihnen», fügte er hinzu, «dass ich ihn auch vor Gericht vertreten werde, sollte es zu einer Anklage kommen.»

«Das ist sehr nett von Ihnen, aber es wird kaum möglich sein.» Sie zuckte hilflos mit den Schultern. «Marten ist untergetaucht. Ich weiß nicht, wo er sich versteckt hält.»

Sören presste die Lippen aufeinander. «Ärgerlich», meinte er schließlich. «Wo arbeitet Ihr Verlobter? Wenn er gerade nicht untergetaucht ist?»

«Er arbeitet als Stauer im Hafen. Aber seit drei Tagen ist er nicht zur Arbeit erschienen, dabei ist er in einer Gang. Ich habe schon bei de Lüd vonne Eck gefragt. Keiner weiß, wo er steckt. Ich mach mir solche Sorgen.»

«Ich komme nochmal zu den beiden Zeugen. Hat Ihr Verlobter gesagt, was er für die beiden tun soll?»

«Das ist ja das Furchtbare», entgegnete die Frau. «Er hat nur Andeutungen gemacht und gesagt, es käme ja nun nicht mehr drauf an.»

«Genaues wissen Sie nicht?»

«Nur einen Tag hat er genannt. Am 22.August hätte der Spuk ein Ende. Mehr weiß ich nicht, und ich hab so Angst, dass der Spuk dann vielleicht erst richtig anfängt.»

«Und so lange will er sich versteckt halten? Wovon lebt er in der Zwischenzeit?» Sören schlug im Kalendarium die entsprechende Seite auf. Bis zum 22.August waren es noch neun Tage. «Ich weiß nicht, wie ich Ihnen helfen kann. Die einzige Möglichkeit, die ich sehe, ist, ein Mandat zu übernehmen. Wie gesagt, das mache ich gerne. Aber es setzt voraus, dass Ihr Verlobter sich der Polizei stellt. Ich muss mit ihm reden.»

Die Frau ließ den Kopf hängen. «So etwas habe ich mir schon gedacht.»

«Wenn Ihnen etwas anderes einfällt?»

Sie machte Anstalten, etwas zu sagen, hielt aber inne und schüttelte den Kopf.

«Wie kann ich Sie denn erreichen?», fragte Sören. Die Frau tat ihm Leid. Wenn er sich schon auf die Suche nach dem Verbleib eines verschollenen Kostkindes machte, dann konnte er auf dem gleichen Wege seine Beziehungen spielen lassen und sich nach diesem Steen erkundigen. Er hatte genug Kontakte zum Gaunermilieu, und der eine oder andere war ihm noch einen Dienst schuldig.

In ihren Augen flackerte ein Hoffnungsschimmer auf. «Ich arbeite bis zur Mittagszeit bei der Firma Beiersdorf und abends in einer Kaffeeklappe im Hafen. Warten Sie, ich schreibe Ihnen die Adressen auf…»

Sören reichte ihr ein Blatt Papier und einen Graphitstift. «Ich meinte Ihre Adresse. Wo wohnen Sie?»

«Im Falkenried. Ich teile mir ein Zimmer zum Trockenwohnen in der Olgapassage. Ich schreib Ihnen alles auf. Auch das, was Sie über Marten wissen sollten.»

«Und Ihr Name?»

Sie lächelte ihn an. «Altena. Altena Weissgerber.»

Besuche 

13.August

Sören betrat den Paternoster des Dovenhofs und ließ sich ein Stockwerk höher tragen. Wenn er schon einmal hier war, dann konnte er auch bei Martin im Kontor vorbeischauen. Vielleicht hatte sein Freund genug Zeit, sodass sie gemeinsam auf eine Weinschorle in der Restauration im Parterre einkehren konnten. Es gab einiges zu berichten. Zumindest die gestrigen Ereignisse wollte Sören Martin nicht vorenthalten. Zufrieden rieb er sich die Hände. Nach dem überaus erfreulichen Gespräch, das er gerade mit Ernst Schocke geführt hatte, gab es bis zum Wochenanfang keine weiteren Termine, die ihm die Laune hätten verderben können, und er wollte sich nun ganz auf den morgigen Tag konzentrieren.