Verlag: ROWOHLT E-Book Kategorie: Krimi Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2011

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E-Book-Beschreibung Die rote Stadt - Boris Meyn

Eine blutige Mordserie im Hamburg der Kaiserzeit Hamburg 1886: Im Hafen wächst ein riesiger Komplex heran, ein Jahrhundertwerk, Die rote Stadt. Die Wirtschaft blüht, und für ihre Bauprojekte ist den Hamburger Kaufleuten nichts zu teuer. Im Dovenhof gibt es sogar Fernsprecher, elektrisches Licht und den ersten Paternoster-Aufzug des Kontinents. Pech, dass bei der festlichen Eröffnung eine blutige Leiche in ihm ihre Runden dreht. Ein neues Opfer des unbekannten Messerstechers? Dass Commissarius Bischop in den Ruhestand gegangen ist, macht sich bei den Ermittlungen schmerzlich bemerkbar. Doch es gibt ja noch Filius Sören ...

Meinungen über das E-Book Die rote Stadt - Boris Meyn

E-Book-Leseprobe Die rote Stadt - Boris Meyn

Boris Meyn

Die rote Stadt

Ein historischer Kriminalroman

Vorwort

Hamburg 1886 – Als der 38-jährige Sören Bischop nach mehr als sechs Jahren Abwesenheit in seine Heimat zurückkehrt, hat sich das Gesicht der Hansestadt grundlegend geändert.

Die Veränderungen betreffen zum einen das administrative Gefüge, vorrangig das Gerichtswesen und die Organisation der Polizei. Bereits seit 1868 gibt es in der Stadt kein Bürgermilitär mehr, und im Jahre 1876 hat man auch das Nachtwächterkorps der Polizei aufgelöst. An deren Stelle ist nun ein etwa 650Mann starkes uniformiertes Konstablerkorps getreten, das von einigen hundert Sergeanten unterstützt wird. Eine Kriminalpolizei gibt es 1886 in Hamburg dagegen noch nicht. Die 1879 erlassenen Reichsjustizgesetze, das Gerichtsverfassungsgesetz, die Zivil- und Strafprozessordnung, haben auch in Hamburg die Zeit des fiskalischen Prozesses beendet und zu einem vom Senat unabhängigen Strafwesen geführt. Auch einige Deputationen – die Vorläufer der Behörden – sind zwischenzeitlich neu strukturiert worden. So hat man bereits in den sechziger Jahren die Schifffahrts- und Hafendeputation aufgelöst und ihre Aufgaben auf die Baudeputation (Sektion für Strom und Hafenbau) sowie die Deputation für Handel und Schifffahrt aufgeteilt. Die Commerzdeputation heißt seit 1867Handelskammer.

Auch die räumliche Struktur der Stadt hat sich verändert. Besonders deutlich wird dies an der baulichen Verdichtung in den ehemaligen Stadterweiterungsgebieten und Vororten, wo bereits die Straßenzüge einiger Stadtviertel vollständig mit großen Mietzinshäusern bebaut sind. Große Villen stehen nunmehr nicht alleine an der Elbchaussee und anderen Ausfallstraßen, sondern säumen fast vollständig das Ufer der Außenalster: Aus nur im Sommer bewohnten Landhäusern sind durch das Wachstum der Stadt ganzjährig bewohnte Repräsentationsbauten geworden.

***

Hamburg 1886 – Zwei große Bauprojekte beherrschen die Stadt. Mehr als vierzig Jahre nachdem das alte Hamburger Rathaus während des Großen Brandes 1842 gesprengt worden war, sollen Senat und Bürgerschaft endlich ein neues Domizil erhalten. Nach Entwürfen von Martin Haller als federführendem Mitglied eines Rathausbaumeisterbundes wird mit dem Bau des neuen Rathauses auf dem bereits seit 1843 hoffnungsvoll so benannten Rathausmarkt begonnen – ein Gebäude von riesigen Ausmaßen. Doch weitaus umfangreicher noch gestaltet sich das zweite große Bauprojekt: die Zollanschlussbauten im zukünftigen Freihafenbezirk. Dieses Projekt hat jahrelang die Gemüter in Hamburg erhitzt und spaltet die Bewohner der Stadt auch weiterhin in zwei Lager.

Obwohl man schon 1868 dem Deutschen Zollverein beigetreten ist, bleibt Hamburg auch nach Gründung des Deutschen Reiches Zollausland und Freihandelszone. Dieses Privileg hat man sich mit Artikel 34 der Reichsverfassung gesichert, der besagt, dass nur die Stadt selbst den Zollanschluss an das Deutsche Reich beantragen kann. Nachdem aber Reichskanzler Bismarck 1876 seine liberale Handelspolitik abgebaut hat und zur Schutzzollpolitik übergegangen ist, verstärkt das Reich den Druck auf Hamburg, den Zollanschluss zu beantragen, und droht seit 1879 damit, notfalls auch das zu Preußen gehörende Altona einzubeziehen, um den ungehinderten Schiffs- und Handelsverkehr auf der Elbe zu unterbinden. Hamburg droht innerhalb des Deutschen Reiches in die Isolation zu geraten, und es verwundert nicht, dass die Debatten zwischen ‹Anschlüsslern› und ‹Protestlern› mit erbitterter Heftigkeit ausgefochten werden.

***

Als Hamburg im Mai 1881 schließlich den Beschluss über die Bedingungen des Anschlusses Hamburgs an das Deutsche Zollgebiet unterschreibt, hat man dem Reich in zähen Verhandlungen zumindest einen Kompromiss abgerungen. Die Stadt behält nach dem Zollanschluss am 15.Oktober 1888 einen verkleinerten Freihafenbezirk, und auch die Zollverwaltung soll in der Stadt verbleiben. Ausgehandelt worden ist weiterhin, dass sich das Reich mit der Hälfte der Kosten an den Zollanschlussbauten beteiligen muss, Hamburg aber vollständige Planungsautonomie behält. Was folgt, ist eine jahrelange Standortdiskussion in den zuständigen Gremien, und erst im Februar 1883 kommt man aufgrund des Termindrucks zu einer Entscheidung: Die Zollanschlussbauten sollen auf dem Areal der Kehrwieder-Wandrahm-Insel entstehen, einem der ältesten Teile der Hansestadt.

Als Sören Bischop 1886 die Stadt erreicht, sind die ehemaligen Arbeiterquartiere auf dem Kehrwieder und Teile der Kaufmannsvillen und Palais auf dem Wandrahm bereits niedergelegt. Dort, wo einstmals fast 20000Menschen ihre Heimat hatten, wächst ein riesiger Moloch aus Backsteinen empor – eine rote Stadt.

Ankunft

Der grelle und anhaltende Pfiff fuhr dem Heimkommenden durch Mark und Bein. Seit dem letzten Halt am Harburger Bahnhof war erst eine knappe halbe Stunde verstrichen. Das Rattern der Räder verriet, dass der Zug sein Tempo drosselte. Sören Bischop legte Mittermaiers «Studien über den Umgang bezüglich criminaler Statistiken in größeren Städten» beiseite; seit einiger Zeit hatte er ohnehin nur noch zerstreut darin herumgeblättert. Er schob den Vorhang des Cabinetabteils zurück und wagte einen ersten Blick aus dem Fenster. Vor ihm erhob sich das riesige steinerne Turmportal der Elbbrücke. Zinnenbekrönt und mit runden Bögen erinnerte es mehr an ein mittelalterliches Stadttor als an ein Zeugnis moderner Ingenieurbaukunst. Die in Wellen geschwungene Eisenkonstruktion der Gitterbrücke, Symbol des Stromes, den sie querte, blieb dem Reisenden auf den ersten Blick verborgen.

Mit Genugtuung nahm Sören wahr, wie die geschlossene Wolkendecke auf Höhe der Elbe aufriss und die Sonne die Silhouette der Stadt, die er seit mehr als sechs Jahren nicht mehr betreten hatte, in gleißendes Licht tauchte. «Wenn das keine angemessene Begrüßung ist», murmelte er zufrieden, während das eiserne Geflecht der Brücke an den Fenstern vorbeizog.

Die bisherige Fahrt über hatte es ja eher so ausgesehen, als wenn ihn seine Heimatstadt mit dem im ganzen Reich berüchtigten Hamburger Schmuddelwetter begrüßen würde. «Na, zurück zu den Fischköppen im Regen?», so hatten ihn seine ehemaligen Kommilitonen bei der Verabschiedung im Burschenhaus noch aufgezogen. In Heidelberg herrschte natürlich ein anderes Klima. Im strikt meteorologischen Sinne und natürlich auch wegen der Studenten, welche die Stadt in großer Zahl und in den Abend- und Nachtstunden zudem sehr lautstark bevölkerten. Sören musste lächeln. Wie wahr – er hatte es sich all die Jahre gut gehen lassen, hatte nur wenig an Hamburg gedacht, wohl auch, weil es von vornherein für ihn feststand, dass er nach der Promotion in diese Stadt zurückkehren würde. Jetzt, wo er den Fluss, wenn auch auf dem Schienenwege, überquerte, wurde ihm bewusst, was er am meisten vermisst hatte: Es war das Wasser, der Elbstrom und der Alsterlauf sowie die unzähligen Kanäle und Fleete in der Stadt. Da nahm man die unangenehm feuchten und stürmischen Tage, an denen das Wasser auch von oben kam, gerne in Kauf. In Heidelberg gab es nicht einmal eine Brise, die den Regen hätte vertreiben können.

Je näher er der Stadt kam, umso intensiver vernahm er den Lärm und die Gerüche des Hafens. Mit jeder Schiene, über die der Zug ratterte, spürte er mehr und mehr die Entbehrungen der letzten Jahre im Binnenland, die er zuerst in Heidelberg, dann in Karlsruhe, in Erfurt, Frankfurt und schließlich erneut in Heidelberg verbracht hatte. Die wenigen Ruderregatten, an denen er erfolgreich teilgenommen hatte, waren nur ein halbwertiger Ersatz für die Segelei gewesen.

Eigentlich hatte er Schiffbauer werden wollen, und wenn nicht überraschend sein Großvater gestorben wäre, hätte er nun anstelle seines Doktortitels einen Meisterbrief in der Tasche gehabt. Eher unwillig hatte er damals, als Medicus Conrad Roever das Zeitliche segnete und zu aller Überraschung ein kleines Vermögen hinterließ, seine Schiffbauerlehre abgebrochen. Der Vater seiner Mutter hatte testamentarisch verfügt, dass ein Teil seines Vermögens Sören ein Studium ermöglichen solle – natürlich das der Medizin. Den elterlichen Argumenten hatte er zwar einiges entgegenzusetzen gehabt, aber schließlich hatte er sich dem Wunsch zähneknirschend gefügt. Ausschlaggebend für diesen Entschluss war wohl die Erkenntnis, dass er als examinierter Medicus neben der Arbeit noch genügend Zeit zum Lustsegeln auf Alster und Elbe haben würde, wie es seinen Neigungen am meisten entsprach.

Aber nun war alles ganz anders gekommen. Sören atmete tief durch, dann ließ er den Vorhang zurückgleiten und verstaute den Mittermaier in einem Seitenfach seiner Reisetasche. Am Anfang hatte sein Vater nur mit Unverständnis reagiert, als Sören ihm erklärte, er könne kein guter Medicus werden, da ihm die Sache nicht am Herzen liege. Als er jedoch gemerkt hatte, dass es Sören wirklich Ernst war mit dieser Entscheidung, war es im Hause des alten Commissarius Bischop zu fürchterlichen Szenen gekommen. Vor sechs Jahren hatten sie sich im Streit getrennt, und nicht einmal zwischen den Semestern hatte Sören den Weg nach Hause gefunden, um sich mit seinem Vater auszusöhnen. Wie sollte er ihm jetzt gegenübertreten und ihm beibringen, dass er dem Wunsch seines Großvaters endgültig nicht nachkommen würde? Welche Argumente konnte er noch vorbringen? In all den Jahren des Briefwechsels mit seiner Mutter hatte er deutliche Worte vermieden. Dabei wäre es so einfach gewesen, die Sache beim Namen zu nennen.

***

Seine Mutter hatte – auf Wunsch ihres Mannes offenbar – sogar einmal gefragt, ob Sören sich nicht wenigstens vorstellen könne, in der Gerichtsmedizin zu praktizieren. Für einen ehemaligen Commissarius war das natürlich nahe liegend, und so falsch hätte er mit dieser Vermutung auch gar nicht gelegen. Trotz seines hohen Alters– Hendrik Bischop hatte die achtzig überschritten – stand er, wie Clara es in ihren Briefen schilderte, immer noch mit beiden Beinen fest auf dem Boden. Sie könne ihn, schrieb sie, immer nur mit großen Mühen davon abhalten, sich wieder einzumischen, wenn in den Zeitungen der Stadt einmal wieder von einem kapitalen Verbrechen berichtet wurde. Sören war gespannt, in welcher körperlichen und geistigen Verfassung er seinen Vater vorfinden würde.

Ob sie es bereits ahnten? Als er ihnen in seinem letzten Brief mitgeteilt hatte, er würde in den nächsten Wochen zurückkehren, da ihm eine gute Anstellung in der Stadt in Aussicht gestellt worden sei, hatten sie sich nicht einmal erkundigt, in welchem Krankenhaus. Clara hatte nur ihre große Freude darüber zum Ausdruck gebracht, dass Sören nach Hamburg zurückkehre, und ihm vorgeschlagen, er könne doch das Haus seines Großvaters in der Gertrudenstraße beziehen, das stehe immer noch leer.

Das Vorstellungsgespräch bei Daniel & Johns war für den kommenden Tag angesetzt. Am besten war es wohl, Stillschweigen zu bewahren, bis er seine Eltern vor vollendete Tatsachen stellen konnte. Wenn er eine feste und lukrative Anstellung vorweisen konnte, würde es ihnen sicher leichter fallen, zu akzeptieren, dass ihr Sohn nicht als Mediziner, sondern als Jurist tätig sein würde.

Der Zug drosselte erneut sein Tempo, und Sören vergewisserte sich mit einem schnellen Blick aus dem Fenster, dass er sein Ziel erreicht hatte: Venloer Bahnhof – nur unweit von seinem Elternhaus entfernt. Hoffentlich hatte das Telegramm Martin noch rechtzeitig erreicht. Ein letzter Ruck, und das Quietschen der bremsenden Räder auf den Schienen hatte ein Ende.

***

«Na, Herr Doktor! Wie war die Fahrt?» Martin Hellwege empfing seinen Freund am Südausgang und streckte Sören die Hand entgegen.

«Danke der Nachfrage. Das Reisen mit der Bahn ist immer wieder ein Genuss, und ein Erlebnis zugleich. Hallo, Martin.» Sören schüttelte die Hand des Freundes. «Hat dich meine Nachricht also erreicht.»

«Auf Umwegen, ja. Und um deine Frage gleich zu beantworten: Natürlich kannst du dich bei mir einquartieren – solange du willst.» Martin Hellwege nahm Sören die Reisetasche ab und deutete auf einen offenen Zweispänner, der vor dem Bahnhofsgebäude parkte.

«Vornehm wie eh und je», stichelte Sören angesichts des exklusiven Gefährts.

«Bei der Strecke…» Martin zuckte mit den Schultern und hob die Tasche auf den Wagen.

«…hätten wir auch zu Fuß gehen können.»

«Von wegen. Wir müssen durch die ganze Stadt.» Martin breitete die Arme zu einer weitschweifenden Geste aus. «Wandrahm war einmal. Das Haus steht zwar noch, ist aber inzwischen unbewohnt. Ich residiere seit acht Wochen am Rotherbaum. Alte Rabenstraße. Direkt neben Mönckeberg, dem alten Pfennigfuchser.»

«Na, das ist ja eine Neuigkeit. Und deine Eltern?» Sören kletterte mit auf die Sitzbank.

«Haben sich auf unseren Landsitz in Volksdorf zurückgezogen.» Martin ließ die Peitsche knallen, und die Pferde setzten sich in Bewegung. «Mutter geht es seit einiger Zeit gar nicht mehr gut. Habe ich dir doch geschrieben.»

«Das tut mir Leid.» Sören verzog die Mundwinkel. «Aber Rotherbaum? Du hättest doch etwas sagen können, dann wäre ich bis zum Bahnhof Dammthor im Zug geblieben.»

Martin lächelte. «Nun, ich denke, eine kleine Fahrt durch die Stadt ist nach so langer Abstinenz ganz angebracht. Es hat sich viel verändert. Vor allem rund um unser altes Viertel. Wandrahm und Kehrwieder wirst du nicht mehr erkennen. Eine einzige Baustelle. Komm, wir machen einen kleinen Umweg.» Er dirigierte das Gespann Richtung Brookthor.

«Ich habe natürlich einiges in den Zeitungen gelesen», erklärte Sören und warf einen ungläubigen Blick auf die Kulisse, die sich ihm bot, als Martin den Wagen auf Höhe des Sandthor-Hafens zum Stehen brachte. «Du wirst es nicht glauben: Selbst in Heidelberg verfolgt man den Umbau der Stadt. Natürlich mehr aus politischer als aus baulicher Perspektive. Die Bereitschaft zum Zollanschluss hat man mit Erleichterung zur Kenntnis genommen. Der hanseatische Freihandelsstatus ist den Menschen in Süddeutschland immer suspekt gewesen.» Er blickte sich um und schüttelte den Kopf. «Meine Eltern haben mir zwar von den anstehenden Umsiedlungen und Neubauten berichtet, aber so gravierend habe ich es mir dann doch nicht vorgestellt. Die haben ja wirklich die ganze Seite vom Kehrwieder weggerissen.»

Der Wagen setzte sich langsam Richtung St.Annen in Bewegung. «Und es geht noch weiter», erklärte Martin.

«Ja, ich weiß. Mutter hat angedeutet, dass in den nächsten Jahren wohl auch das Viertel rund um den Holländischen Brook abgerissen und mit Speichern bebaut werden soll. Deswegen werde ich auch das Haus in der Gertrudenstraße nur vorübergehend beziehen. Wo sollen sie denn sonst auch hin, wenn das Haus am Brook abgerissen wird.»

«Mach dir nichts vor, Sören. Wie alt sind deine Eltern? Dein Vater muss doch schon weit in den Achtzigern sein.»

«Dreiundachtzig, ja», bestätigte Sören. Er hatte inzwischen nachgerechnet und versuchte, sich seinen Vater als greisen Mann mit schneeweißen Haaren vorzustellen, was ihm partout nicht gelingen wollte.

«Na also. Ein wahrhaft biblisches Alter. Und der weitere Ausbau des Kehrwieder-Wandrahm-Viertels wird sich sicherlich noch mehr als ein Jahrzehnt hinziehen – wenn es überhaupt dazu kommt», schob Martin nach. «Wissen deine Eltern denn inzwischen eigentlich…»

Sören machte eine krause Nase und schüttelte den Kopf. «Ich muss gestehen: nein. Ich denke, wenn die Sache mit Daniel & Johns durch ist, werde ich es ihnen sagen. Bleibt mir ja auch nichts anderes übrig. Hast du sie öfter gesehen in den Jahren?»

Martin schüttelte den Kopf. «Kaum. Seit Henny trübsinnig geworden ist, haben auch unsere Eltern, soweit ich weiß, keinen Kontakt mehr. Mein Vater lässt Mutter nur ungern alleine, und Besuch empfangen sie seither auch keinen mehr. Dort drüben liegt übrigens mein zukünftiges Kontor.» Martin deutete auf ein stattliches Gebäude Ecke Dovenfleet und Brandstwiete. «Du kommst gerade rechtzeitig. In drei Tagen wird der Dovenhof eingeweiht – und so lange bleibst du erst mal bei mir.»

Sören machte eine abwehrende Handbewegung. «So weit denk ich im Moment noch gar nicht. Drück mir lieber die Daumen, dass morgen alles gut geht. Ich weiß gar nicht, wie ich dir für den Kontakt zu Daniel & Johns danken soll.»

Martin winkte ab. «Eine Carte blanche unter Harmonisten.»

«Ich gehöre nicht zur Harmonie», entgegnete Sören.

«Aber ich – und ich habe für dich gebürgt. Wenn du erst einmal einen eigenen Kanzleisessel hast, sprechen wir über die Aufnahmemodalitäten… Wie bist du eigentlich auf Strafrecht gekommen?», fragte Martin. «Jeder vernünftig denkende Hanseat studiert Handelsrecht. Nimm dir ein Beispiel an mir.»

«Tja, ich glaube, das liegt bei unserer Familie im Blut… Aber wo du es ansprichst – was mich wundert: Warum hast du eigentlich noch keine eigene Kanzlei? Am Geld kann es doch nicht liegen…»

«Keine Lust. Ich fühle mich als Finanz- und Handelsberater ganz wohl. Außerdem rauben mir allein die ganzen Aufsichtsratsmandate die Zeit, die für eine florierende Kanzlei vonnöten wäre.»

«Warum nimmst du dir keinen Associé?»

Martin ignorierte die Frage. «Hat man in Heidelberg auch über unser Rathaus berichtet?» Sie hatten die Bergstraße erreicht, und neben ihnen ragte der Turm von St.Petri empor. «Im Mai war Grundsteinlegung. Sollen wir einen kleinen Schlenker machen?»

Sören schüttelte den Kopf. «Nicht nötig. Ich schau’s mir bei Gelegenheit an. So viel wird ja noch nicht zu sehen sein, und den leeren Platz kenne ich seit meiner Kindheit. Eine Randnotiz war’s auch der Heidelberger Zeitung wert, schließlich gibt es kein Rathausprojekt, das auf eine derart Ehrfurcht gebietende Planungszeit verweisen kann. Wann soll’s denn fertig sein?», fragte Sören und schob mit spöttischem Unterton nach: «Um die Jahrhundertwende?»

«Du weißt doch, wenn man hier in Hamburg etwas macht…»

«Und was ist mit den Speichern und dem Freihafenbezirk?», schob Sören nach. «Ich dachte, in zwei Jahren ist Zollanschluss, und bis dahin muss doch alles fertig sein?»

«Auch das solltest du als Hamburger noch wissen», antwortete Martin mit einem Augenzwinkern: «Wenn zwingende Umstände vorliegen, dann geht’s auch hier recht schnell. Denk an den Wiederaufbau nach dem großen Brand.»

«Ja, ja. Da solltest du mal mit meinem Vater sprechen. Der vertritt da eine ganz andere Theorie. – Aber du hast Recht. Meine lange Abwesenheit berechtigt nicht zu Sarkasmus. Schließlich kehre ich aus eigenen Stücken in diese Stadt zurück – und ihre Eigentümlichkeiten zu kritisieren ist nicht Sache eines angehenden Strafverteidigers. Mein Gott, ich hatte ganz vergessen, wie schön die Alster ist!» Sörens Blick schweifte über den innerstädtischen See, dessen südliche Promenade, den Jungfernstieg, sie gerade erreicht hatten. «Eigentlich hatte ich erwartet, dass Schwarting inzwischen eine noch größere Lokalität betreiben würde.» Er deutete auf den Alsterpavillon, der wie ein zierlicher Tempel die Uferseite der Promenade flankierte. Vor sechs Jahren hatten die beiden da einen kleinen Abschiedstrunk zu sich genommen, bevor Martin ihn zum Bahnhof gefahren hatte. Genau dieser Ort erschien Sören nun als einer der wenigen, die sich nicht verändert hatten. Die ganze Stadt war während seiner Abwesenheit wie aus den Fugen geraten. Alles wirkte so neu und großzügig. War es Einbildung, oder hatte vielleicht die gemütlich-altdeutsche Enge Heidelbergs, in der er sich, abgesehen von einigen Reisen, die letzten Jahre über aufgehalten hatte, sein Erinnerungsvermögen getrübt? Jeder Straßenzug, den sie auf ihrer Fahrt durch die Stadt passierten, jede Häuserzeile, die an ihm vorüberzog, kam Sören fremd vor. Die Bebauung jenseits der ehemaligen Stadttore war nun nahtlos mit der Stadt verwachsen. Wo vor wenigen Jahren nur vereinzelt Villen und Landhäuser gestanden hatten, erstreckten sich hinter dem Dammthor inzwischen dicht bebaute Straßenfluchten.

«So, wir sind da.» Martin zog die Zügel stramm, und die Pferde hielten folgsam an.

Sören betrachtete die imposante Villa eine Zeit lang und meinte schließlich erstaunt: «Hast du inzwischen Familie? Das hättest du mir doch schreiben können.»

Das Haus seines Freundes lag hinter einem verwildert anmutenden Vorgarten versteckt und wirkte wie die verkleinerte Ausgabe eines verwunschenen Märchenschlosses. An den Pilastern und Gesimsen, den Pfeilern und Lisenen rankten Weinreben, Efeu und ähnliche Kletterpflanzen bis zu den Balustraden der oberen Etage empor. Die Fassaden waren in gelbem Backstein ausgeführt und endeten an jeder Hausseite in versetzt angeordneten Giebeln, die mit kleinen Vasen und ähnlich dekorativen Zierelementen bekrönt waren. Zur Linken führte eine geschwungene Freitreppe vom Garten zu einer überdachten Terrasse, zur Rechten ein schmaler Weg entlang eines schmiedeeisernen Zauns hinauf bis zum seitlichen Eingang, dessen baldachinartiges Dach im Schatten des Turmes lag, der den ganzen Bau beherrschte. Es hätte Sören nicht weiter verwundert, wenn an einem der schmalen Turmfenster das Burgfräulein gesessen und auf Martin gewartet hätte. Wenn Sören nicht gewusst hätte, dass das ganze Terrain vor zehn Jahren noch weitgehend unbebaut war, er hätte glauben können, das Gemäuer stehe schon mehr als hundert Jahre an diesem Ort. Und auch die Nachbarhäuser wirkten ähnlich malerisch, auch wenn sie in der Mehrzahl keine Backsteinfassaden, sondern hell verputzte Mauerflächen aufwiesen.

«Nein, nein», entgegnete Martin mit einem Seufzer. «Familie gibt es bislang noch nicht.»

«Ist dein Domizil nicht, sagen wir… ein wenig geräumig?», fragte Sören und griff nach der Reisetasche.

«Ein wenig. – Du kannst dir ein Zimmer aussuchen. Es sind ja genug vorhanden», sagte Martin mit einem Schmunzeln. «Wann kommt dein restliches Gepäck?»

«Die Bücher erwarte ich Ende der Woche. Bei der Kleidung habe ich mich auf das Wesentlichste beschränkt. Ich werde mich hier neu einkleiden. Zu welchem Schneider geht man denn so?»

Martin strich sich flüchtig über Hose und Rock. «Die Haute voleé geht zu Salomon an der Bleichenbrücke, oder zu Frantzen am Großen Burstah. Aber wenn du mich fragst: Die besten Hemden fertigen immer noch Heuer & Gutbrod. Wenn du möchtest, kann ich sie gleich für morgen bestellen.» Inzwischen standen die Freunde in der Halle des Hauses, und Martin deutete auf einen seltsamen hölzernen Kasten, der an der Wand neben der Garderobe hing.

«Du hast schon ein solches Fernsprechgerät? Ich habe davon gehört – ist es denn empfehlenswert?», fragte Sören interessiert.

«Das Stadttelefon? Ja, obwohl – es ist etwas gewöhnungsbedürftig, mit jemandem zu sprechen, von dem man weiß, dass er sich gerade am anderen Ende der Stadt befindet. Aber wenn man sich über diese Absurdität keine Gedanken macht, dann gewöhnt man sich schnell daran. Ich möchte es nicht mehr missen – und im Dovenhof, meinem zukünftigen Arbeitsplatz, hat jedes Kontor selbstverständlich einen eigenen Anschluss. Wie gesagt, ich bewohne das Haus erst seit acht Wochen. Den Anschluss hat der Vorbesitzer, ein Cousin von Senator Schröder, vor etwa fünf Jahren legen lassen. Inzwischen gibt es schon weit über tausend Teilnehmer in der Stadt. Ich werde dir erklären, wie es funktioniert…»

«Vielen Dank, aber vielleicht lieber später.»

«Wie unhöflich von mir. Natürlich willst du dich erst einmal etwas frisch machen. Komm, ich zeige dir das Badezimmer.»

***

«Du hast die Wahl», meinte Martin mit einem Blick auf die Uhr, als Sören nach einer knappen halben Stunde den Salon betrat. «Entweder wir essen in der Harmonie, oder wir gehen zu Clausen.»

«Das ist mir ehrlich gesagt egal», entgegnete Sören. «Hauptsache Fisch. Geräucherter Aal, Matjes oder Scholle mit Speck.» Er verdrehte genüsslich die Augen: «Und morgen dann Labskaus. Auch beim Essen habe ich einen gewissen Nachholbedarf.»

Martin musste lachen und reichte Sören ein Champagnerglas. «Hier, zur Begrüßung. Schön, dass die Stadt dich wiederhat. Das muss gefeiert werden.»

«Wenn ich es recht bedenke», meinte Sören und leerte das Glas, nachdem er mit seinem Freund angestoßen hatte, «dann wäre es wohl klüger, wenn wir den Besuch in deinem Club aufschieben könnten, bis ich bei Daniel & Johns war. Ich glaube, ich möchte den beiden Herren vorher lieber nicht begegnen.»

«Ja, da hast du völlig Recht. Daran habe ich nicht gedacht. Dann fahren wir vom Anleger aus rüber zum Uhlenhorster Fährhaus. So kommst du auch am schnellsten aufs Wasser. Danach ist dir doch sicher, oder?»

Sören nickte zufrieden. Natürlich war ihm danach – nach nichts sehnte er sich mehr, als endlich wieder Schiffsplanken unter den Füßen zu haben, auch wenn es nur die eines Alsterdampfers waren. «Wenn du nicht seekrank wirst?», neckte er Martin, der schon als Kind Sörens Faszination für Schiffe und Wasser nicht im Geringsten geteilt hatte. Martin knuffte ihn in die Rippen.

«Komm schon, du Witzbold – es gibt viel zu erzählen.»

Die Beichte

In dem Moment, als die schwere Eichentür des ehrwürdigen Hauses in der Schauenburger Straße hinter ihm ins Schloss fiel, war der Kloß im Hals, den Sören seit den frühen Morgenstunden verspürt hatte, verschwunden. Erleichtert und wie von einer drückenden Last befreit, studierte er das polierte Messingschild zu seiner Rechten. Alles war so verlaufen, wie Martin es vorausgesagt hatte. Nach allem, was der Freund ihm gestern zu verstehen gegeben hatte, konnte sich Sören tatsächlich begründete Hoffnung darauf machen, dass auch sein Name in Kürze auf diesem Schild zu lesen sein würde. In dem Gespräch, das er eben mit Albrecht Johns geführt hatte, war davon natürlich noch keine Rede gewesen. Allerdings blieb es nicht unausgesprochen, dass Matthias Daniel, der Senior der Kanzlei, vorhatte, sich in absehbarer Zeit aus dem aktiven Geschäftsleben zurückzuziehen. Was lag da näher, als sich rechtzeitig nach einem Juniorpartner umzusehen? Martin wusste natürlich mehr, kannte die Hintergründe ganz genau, schließlich waren Albrecht Johns wie auch der alte Daniel ebenfalls Mitglieder in seiner Loge, der Gesellschaft Harmonie. In einem solchen Rahmen konnten Gespräche und persönliche Empfehlungen natürlich abseits der offiziellen Wege gehandhabt und weitergereicht werden. Das war eine Praxis, die Sören schon von seiner studentischen Verbindung her kannte. Nüchtern betrachtet, war eine Burschenschaft oder ein studentisches Korps vor allem ein nach Berufsgruppen kanalisierter Einstieg, der durch die Mitgliedschaft in einer Loge oder Gesellschaft seine entsprechende Fortsetzung fand.

Sören richtete sein Augenmerk auf das geschäftliche Treiben in der Straße, das hier, unweit von Börse und zukünftigem Rathaus, in erster Linie auf eine ehrbare und kaufkräftige Klientel ausgerichtet war. Werbeschilder und Beschriftungen prangten im Gegensatz zu den meisten Straßenzügen in der Stadt nur vereinzelt an den Hauswänden. Die Auslagen in den Schaufenstern waren von zurückhaltender Eleganz gekennzeichnet und versprachen nicht mehr, als eine wohlhabende Kundschaft in den Verkaufsräumen erwarten durfte. Die Bürgersteige waren penibel gefegt und die Rinnsteine frei von Unrat – so schnell würde sich kein Bedürftiger oder um Almosen Bettelnder hierher verirren. Lediglich die schweren und bis an die Grenze ihrer Belastbarkeit mit Baumaterial beladenen Wagen, die sich bis zur Kleinen Johannisstraße hin stauten und auf Entladung am Rathausmarkt warteten, störten die arrangierte Ordnung des Straßenzuges.

Auf dem Weg hierher hatte Sören einen flüchtigen Blick auf die Baugrube am Rathausmarkt geworfen, die wahrhaft immense Ausmaße hatte. Nun würden sie also bald in einem Haus zusammenfinden, die beiden konstruktiven Antipoden, welche das Schicksal der Stadt von jeher gesteuert hatten: Senat und Bürgerschaft. Aber was hieß bald? Bei der Größe des Bauprojektes würden wohl noch einige Jahre verstreichen, bis das Rathaus bezugsfertig war. Nur mit Blick auf die Jahrzehnte, welche die beiden Gremien in ihren provisorischen Unterkünften verbracht hatten, der Senat im ehemaligen Waisenhaus an der Admiralitätsstraße und die Bürgerschaft seit mehr als vierzig Jahren im Hause der Patriotischen Gesellschaft an der Trostbrücke, war das Wort bald gerechtfertigt.

Sören ging die Schauenburger Straße gemächlichen Schrittes in östliche Richtung, und erst nachdem er die Schmiedestraße gekreuzt hatte und die stattlichen Mauern des Johanneums und akademischen Gymnasiums vor ihm aufragten, merkte er, wohin es ihn zog. Wie von unsichtbarer Hand geleitet, fand sich Sören auf seinem alten Schulweg wieder, der ihn hinunter in Richtung Wandrahmviertel führte. Gestern, vom Wagen aus, waren die Erinnerungen nur bruchstückhafte Fragmente gewesen. Aber jetzt, da seine Füße über das Pflaster schritten, auf dem er in seiner Jugend tagaus, tagein nach genau festgelegten Regeln gehüpft war – auf die roten Steine durfte man treten, die weißen waren verboten–, jetzt kamen sie wieder, die Erinnerungen: Straßenecken, steinerne Poller an Einfahrten, Türgriffe und schmiedeeiserne Stiefeleisen, Gitterroste über Kellerrutschen und all die kleinen Merkmale der Häuser, die sich seinem Gedächtnis eingebrannt hatten. Fast automatisch streiften die Finger seiner rechten Hand in kleinen Wellenlinien an den Mauern und Gesimsvorsprüngen entlang, beschrieben Bögen, wenn Fenster oder Eingänge das Mauerwerk durchbrachen, und fanden danach sofort zurück in den tastenden Rhythmus, der genau auf den Takt der eigenen Schritte abgestimmt war. Ein kurzer Abstecher zu Schröders Eisenwarenhandlung war obligatorisch. Enttäuscht stellte Sören fest, dass das Geschäft inzwischen unter anderem Namen firmierte. «Melchior Schiffsausrüstungen» stand auf einem neumodischen Schild, das über dem großen Schaufenster hing, an dem sich Sören seinerzeit fast täglich die Nase platt gedrückt und von großer Fahrt geträumt hatte.

Schon in der nächsten Woche würde er bei Daniel & Johns beginnen. Sören holte tief Luft und kehrte auf seinen ursprünglichen Weg zurück. Er fragte sich, ob er tatsächlich genügend Zeit für die Segelei finden würde. In der Anfangszeit war das natürlich ausgeschlossen. Wenn man die Teilhaberschaft in einer der angesehensten Kanzleien der Stadt anstrebte, musste man sich mächtig ins Zeug legen. Selbstredend waren die ersten Wochen bei Daniel & Johns als Probezeit zu verstehen. Und dann? Wenn sich die Wogen geglättet hatten, würde er hinüber zu Jonas Dinklage auf die Werft fahren. Ob der sich noch erinnern würde, nach all den Jahren? Sören fragte sich, ob der Eiserne Wal noch existierte, sein Segelboot, das er Jonas anvertraut hatte. Seine Briefe hatte Jonas nie beantwortet. Vielleicht existierte die Werft auch gar nicht mehr.

Inzwischen hatte Sören den Wandrahm erreicht und blickte auf die baulichen Überbleibsel der Straßenzüge zwischen St.Annen und Kehrwieder. Ein Panorama der Verwüstung tat sich vor ihm auf. Dort, wo vormals ein ganzer Stadtteil gestanden hatte, klafften riesige Lücken, waren Hunderte von Arbeitern damit beschäftigt, ameisengleich Berge von Erde umzuschichten und zu planieren, Pfähle zu rammen und Gerüste zu bauen. Wo einst die verwinkelten Häuser und Budenreihen zwischen Kibbeltwiete und Auf dem Sande ihre schiefen Giebel gegeneinander gelehnt hatten, durchschnitt ein langer Kanal das Erdreich. An einigen Stellen ragten bereits fertige Speicherblöcke wie Vorhänge aus rotem Backstein empor. Wo sich ehemals die kleinen Gärten der Häuser am Straßenzug Hinter den Boden befunden hatten, war nichts mehr – nur noch Wasser.

Verwirrt und bestürzt kehrte Sören dem Ort seiner Kindheit den Rücken und setzte seinen Weg zügigen Schrittes fort. Aber auch östlich von St.Annen hatten die Umwälzungen schon begonnen. Vor dem Holländischen Brook breitete sich der Bau der zukünftigen Zollabfertigung aus, und Sören schien es, als wolle er ihm den Durchgang verwehren. Der Straßenzug selbst hatte sich hingegen kaum verändert. Im Schatten der alten Ulmen ging Sören bis zu der Stelle, wo sich der Wandbereiter Brook auf der gegenüberliegenden Fleetseite zwischen den Häusern verlor – sogar die Anzahl der Schritte, die er von hier aus bis zu seinem Elternhaus benötigte, war Sören noch gegenwärtig.

Über Clara Bischops Gesicht huschte ein Lächeln. Der Blick seiner Mutter gab Sören unmissverständlich zu verstehen, dass sie ihn längst erwartet hatte. Ihre Lippen formten stumm seinen Namen, dann konnte sie nicht anders, als ihren Sohn stürmisch zu umarmen und ihn förmlich über die Hausschwelle zu ziehen. «Warum hast du denn nicht geschrieben, wann du ankommst?» Verschämt zog sie ein Taschentuch hervor und tupfte sich ein paar Freudentränen ab. Zeit zum Antworten ließ sie ihrem Sohn nicht. «Hendrik! Es ist Sören! Er ist da!», rief sie mit zitternder Stimme in Richtung Stube. «Dein Vater ist hinten und liest Zeitung. Er hört nicht mehr so gut. Aber du wirst ja selbst sehen… – Lass dich anschauen. Prächtig siehst du aus.»

Erst jetzt bemerkte Sören, dass er vergessen hatte, an Blumen zu denken. Etwas verlegen betrachtete er seine Mutter, die immer noch um Fassung bemüht war. Ein paar Altersflecken mehr zeichneten sich auf ihrem Gesicht ab, sonst hatte sie sich kaum verändert. Ihr wahres Alter sah man Clara Bischop – sie war inzwischen siebenundsechzig – so oder so nicht an. Solange Sören zurückdenken konnte, hatte seine Mutter weißes Haar gehabt. Ihre aufrechte Haltung, die schmale Statur und der lange Hals verliehen ihr auch im Alter noch etwas Würdevolles.

«Komm, begrüße deinen Vater.» Clara griff nach Sörens Hand und schob ihren Sohn zur Wohnstube.

Im ersten Moment erschrak Sören, als er seinen Vater sah, wie er in gekrümmter Haltung weit vorgebeugt in einem Lehnsessel hockte. Erst auf den zweiten Blick entdeckte er die Lupe, die Hendrik Bischop vor sich hielt. Er hatte die Reform vor sich auf einem Hocker ausgebreitet und führte das Glas mit ruhiger Hand über die Zeilen. Dem Anschein nach hatte er von Sörens Eintreffen noch nichts mitbekommen.

«Hast du schon gehört?», fragte er mit rauer, aber fester Stimme, ohne aufzublicken. «Gestern Nacht hat’s Dannemann erwischt.»

«Hendrik!», rief Clara lautstark. «Sören ist da!»

Hendrik hob langsam den Kopf und schaute bedächtig zur Tür. «Ja, ja. Das war ja nicht zu überhören. Ich mag ja etwas schwerhörig sein, aber die Türglocke nehme ich dann doch noch wahr.» Er faltete die Zeitung zusammen und erhob sich umständlich. «Seit vier Tagen sitzt deine Mutter sprungbereit in der Küche und traut sich nicht mehr vor die Tür, um ja deine Ankunft nicht zu versäumen. – Setz dich, mein Junge. Schön, dass du deinem alten Herrn nochmal die Ehre erweist.»

Sören kam seinem Vater auf halbem Wege entgegen und reichte ihm die Hand. Die Jahre waren nicht spurlos an Hendrik Bischop vorübergegangen. Tiefe Furchen hatten sich in seine Gesichtszüge eingegraben. Erleichtert nahm Sören den kräftigen und festen Druck wahr, mit dem sein Vater seine Hand umklammert hielt und schüttelte. Auch schien sein Blick wach und klar, obwohl Sören wusste, dass Hendriks Augenlicht getrübt sein musste. «Es freut mich, dich in so guter Verfassung vorzufinden.»

«Was hat deine Mutter dir denn geschrieben?» Hendrik hob die Augenbrauen und warf Clara einen gespielt vorwurfsvollen Blick zu. «Dass ich senil und taub bin?»

Sören nahm beruhigt zur Kenntnis, dass selbst der humorvolle Umgangston, den seine Eltern stets untereinander gepflegt hatten, die Jahre überdauert hatte.

Ein Schmunzeln breitete sich um Hendriks Lippen aus. «Na, man weiß nie… Aber ich will nicht klagen. Von ernsthaften Gebrechen bin ich verschont geblieben.» Er wandte sich dem Gartenfenster zu. «Es gibt hier im Haus also keine Arbeit für dich – Herr Doktor», fügte er mit sarkastischem Unterton nach einer kurzen Pause hinzu und schritt dann gemächlich zu seiner Zeitung zurück, als wolle er keinen weiteren Kommentar zu diesem Thema abgeben.

Sören schluckte. Das war natürlich die Gelegenheit, die Sache endgültig zu bereinigen und mit der Wahrheit herauszurücken. «Ja, das ist auch der Grund meines Besuchs», begann er und korrigierte sich sofort, als ihm bewusst wurde, wie zweideutig und beleidigend seine Worte ausgelegt werden konnten. «Also», setzte er unsicher fort, «…natürlich nicht nur. Was ich sagen wollte, ist, dass ich erst jetzt herkomme, weil ich heute Vormittag ein Vorstellungsgespräch hatte. Ich bin bereits gestern angekommen und wollte euch überraschen. Das Gespräch ist ganz zu meiner Zufriedenheit verlaufen. Nächste Woche werde ich anfangen.»

«Hmm. Ach so», antwortete Hendrik knapp und tippte auf die Zeitung. «Dann hast du also schon von dem Mord gehört?»

«Mord? Nein, ich hatte noch keine Gelegenheit, mich näher…»

«Dannemann», erklärte Hendrik. «Gestern Nacht hat es Gustav Dannemann erwischt. Vor zwei Wochen den Gärtner von Lutteroths, und jetzt Dannemann.»

«Nun lass doch mal die dumme Zeitung», unterbrach ihn Clara ärgerlich. «Lass den Jungen doch mal erzählen.»

Hendrik ignorierte ihre Worte. «Beide mit durchgeschnittener Kehle», setzte er fort. «Das ganze Gesicht zerschnitten. Ist doch klar, dass es da einen Zusammenhang gibt, wenn innerhalb von zwei Wochen…»

«Dein Vater meint, ein Messerstecher treibt in der Stadt sein Unwesen», sagte Clara zu Sören gewandt und zuckte mit den Schultern.

«Ich-hab-mir-das-nicht-in-den-Kopf-ge-setzt», sagte Hendrik ärgerlich. «Das liegt doch auf der Hand. Ein Zusammenhang wird nur von der Polizeibehörde abgestritten. Versteht sich», setzte er erregt fort. «Man will die Bevölkerung beruhigen – traut sich ja sonst keiner mehr vor die Tür. In Wirklichkeit haben sie bloß niemanden, der sich darum kümmern könnte.»

«Und das Constablerkorps?», warf Sören ein.

«Ach die!», entgegnete sein Vater barsch. «Das sind doch alles Piefkes! Die machen Tamtam und heiße Luft. Das ist doch keine Ermittlungstruppe für Kapitalverbrechen. Ich hätte mir so sehr gewünscht, noch erleben zu können…»

«Na, nun mach aber mal ’nen Punkt!», unterbrach Clara ihren Mann. «Dein damaliges Engagement in allen Ehren, aber was politisch nicht gewollt wird…»

«Vielleicht wird das ja anders», mischte sich Sören ein, «wenn sich der preußische Einfluss weiter in der Stadt breit macht. Eingenistet hat er sich ja schon, wie ich feststellen konnte. Der zukünftige Zollanschluss scheint ja die ganze Stadt zu vereinnahmen. Wahrscheinlich wird es in naher Zukunft neben den Veränderungen im Gerichtswesen auch eine Neuorganisation der Polizei geben. Was hier in der Stadt fehlt, ist eine criminale Polizeidivision. Keine Unterabteilung, sondern eine eigenständig organisierte unabhängige und selbständige Truppe. Vater hat schon Recht. Andere Großstädte sind da inzwischen viel weiter. Dabei war Vater doch einer der Ersten, der in Hamburg vorgemacht hat, was anderenorts längst institutionalisiert wurde.»

«Wie ein Mediziner klingst du wirklich nicht», stellte Hendrik nach einem Moment des Schweigens fest. Er gab sich Mühe, seinem Sohn nicht ins Gesicht schauen zu müssen, und auch Clara hielt ihren Blick abgewandt.

Sören blickte seine Eltern unsicher an. «Ihr wisst es längst?», fragte er schließlich.

Hendrik presste die Lippen zusammen und nickte. «Du vergisst, dass du nicht der einzige Hamburger bist, der in Heidelberg studiert hat. Senator Kirchenpauer mag zwar noch tatteriger sein als dein alter Herr, aber auch er nimmt noch regen Anteil am Leben.»

«Auch er hat seinerzeit in Heidelberg studiert und ist immer noch Mitglied der Altengarde deiner Verbindung», sagte Clara. «Bei einem seiner Besuche hat er uns dann zu unserem fleißig studierenden Kandidaten der Jurisprudenz gratuliert.»

«Wir sind natürlich aus allen Wolken gefallen», ergänzte Hendrik.

«Warum habt ihr mir nicht…?»

«Warum hast du uns nicht…?», fragte Clara zurück.

«Ich, na ja, ich hatte doch bereits angekündigt, dass die Medizin eben nicht… ich wollte es euch natürlich längst mitteilen», begann Sören, dem die Röte ins Gesicht geschossen war. «Aber ihr habt es mir nicht leicht gemacht. Großvaters letzter Wunsch. Habt ihr mir nicht deutlich genug zu verstehen gegeben, ich dürfte ihn, der mir all das ermöglichte, posthum nicht enttäuschen?» Er blickte seine Eltern an. «Das hing wie das Schwert des Damokles über mir. Es dauerte natürlich, bis ich mir dessen bewusst war. Viele Jahre. Damals, während der ersten Semester meines Medizinstudiums in Heidelberg, habe ich den Widerwillen, den ich verspürte, wenn ich beim Aufschneiden der Leichen zugegen war, herunterzuschlucken versucht. Vielleicht war auch das studentische Leben um mich herum viel zu interessant, als dass ich meinen wirklichen Neigungen die nötige Aufmerksamkeit hätte schenken können. Auch den Dienst im Feldlazarett, wo ich während der Kriegsjahre mein erstes Praktikum absolvierte, empfand ich damals mehr als Herausforderung denn als Berufung. Ich habe mich das ganze Studium über unbewusst dazu gezwungen durchzuhalten. Selbst die Zeit meiner Assistenz bei Professor Erlinghagen am Krankenhaus Karlsruhe ließ mich erkennen, dass es nicht die Medizin war, die mich begeisterte. Das stetige Unbehagen, das ich verspürte, versuchte ich erst mit meiner Flucht ans Krankenhaus Erfurt, dann nach Frankfurt zu bekämpfen – vergeblich. Zu dem Zeitpunkt hatte ich neben der Arbeit als Medicus bereits erste Vorlesungen in der Jurisprudenz gehört, die mich immer mehr fesselten. Nach kurzer Zeit musste ich feststellen, dass ich in meiner freien Zeit mehr juristische als medizinische Fachbücher wälzte. Bei meinem letzten Besuch vor sechs Jahren hatte ich den Wechsel zur Jurisprudenz bereits in Erwägung gezogen. Das Recht zog mich mehr und mehr in seinen Bann – erst das Handelsrecht, dann das Staatsrecht und schließlich und letztendlich: das Strafrecht. Als ich euch vor sechs Jahren mitteilte, dass ich aus beruflichen Gründen nach Heidelberg zurückkehren würde, war das also nicht gelogen, auch wenn es nur der halben Wahrheit entsprach. Ich ging mit dem festen Entschluss, mich an der juristischen Fakultät einzuschreiben.» Sören blickte seine Eltern, die ihm aufmerksam zugehört hatten, schweigend an.

Hendrik räusperte sich. «Du musst dich nicht entschuldigen. Wir sind doch stolz auf dich. Ich will damit sagen…» Er räusperte sich erneut. «Also, dass ich damals so aufbrausend reagierte, liegt einfach daran, dass ich dir den steinigen Weg, den ich selbst beschritten habe, ersparen wollte. Es ist ja so, dass ich mein Ziel, ein criminales Commissariat in der Stadt zu etablieren, nie erreicht habe. Und auch sonst…» Hendrik schwieg einen Moment lang. «Und im Übrigen hat uns Senator Kirchenpauer die ganze Zeit über auf dem Laufenden gehalten.»

«So erfuhren wir auch von deiner erfolgreichen Promotion», sagte Clara. «Wir sind nur darüber enttäuscht, dass du uns all das erst jetzt gestehst. Dein Vater wäre der Letzte gewesen, der dem nicht irgendwann zugestimmt hätte», erklärte sie. «Wo hast du dich vorgestellt?»

«Bei Daniel & Johns. Ich werde nächste Woche anfangen.»

«Daniel & Johns», wiederholte Hendrik und legte die Stirn in Falten. «Als Strafverteidiger, wie ich annehmen darf», murmelte er und blickte Sören fragend an.

«Ja, vorwiegend in Strafrechtssachen, hoffe ich», erklärte Sören.

«Dann wirst du also…» Hendrik zögerte. «Dann wird dein berufliches Ziel also sein, all diejenigen vor Gericht zu verteidigen, die ich mein Leben lang gejagt habe, um sie hinter Schloss und Riegel zu bekommen?»

«Ihnen Gerechtigkeit im Strafmaß zukommen zu lassen, ja.» Sören ahnte natürlich die Frage, die ihm sein Vater als Nächstes stellen würde. Er hatte genug Zeit damit verbracht, sich Gedanken darüber zu machen, wie er seinem Vater gegenüber argumentieren konnte, ohne ihn zu brüskieren. Ein ehemaliger Commissarius sah die Dinge naturgemäß aus einer anderen Perspektive.

«Auch einen Messerstecher, der unbescholtene Bürger massakriert?»

«Auch der hat ein Recht auf eine angemessene Verteidigung», antwortete Sören. «Du vergisst, die Zeit des fiskalischen Prozesses ist vorbei… Mein Ziel ist es ja nicht, einen überführten Straftäter auf freiem Fuß zu lassen…»

«Ich meinte ja nur