Der Chauffeur - Michael Tycher - E-Book

Der Chauffeur E-Book

Michael Tycher

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Beschreibung

Ein Chauffeur auf der Suche nach sich, eine unheilbar erkrankte Freundin, skrupellose Pharmabosse, Prominente und Volksvertreter. Und eine Uniclique, die sich neu entdeckt. Das gesprochene Wort in der Luxuslimousine bleibt nicht geheim ...

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Seitenzahl: 204

Veröffentlichungsjahr: 2013

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Michael Tycher

Der Chauffeur

Ein Pharma-Fall

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Der Chauffeur

Impressum

Der Chauffeur

Donnerstag

Berlin

„Was ist da schief gelaufen? Es ging so gut mit der Frau an, Fotos ausgetauscht, die Interessen passten, das erste Treffen stand quasi vor der Tür und jetzt das.“ Lars schluckt das Aspirin, spült lauwarmes Wasser nach und studiert die Mail noch einmal.

„Du Scheißkerl, das hätte ich nie von dir gedacht, du verdorbener Hurenbock! Unser Kontakt ist beendet. Maren.“ Lars scrollt die Nachricht weiter nach unten.

„Ja zum Teufel, ich habe ihr heute Nacht geschrieben. Kurz nach zwei. Und das nach dem Besäufnis beim Fahrertreffen.“ Mit offenem Mund liest er seine Botschaft an Maren.

„Eine Beziehung hat auch eine sexuelle Dimension. Für mich nimmt der Sex in der Beziehung die wichtigste Rolle ein. Dabei stehe ich besonders auf folgende Praktiken …“

Lars drückt die Mail weg, er spart sich den Abstieg in die Verwirrungen seiner erotischen Phantasie. Das war es, da ist nichts mehr zu retten. Was sagt Kumpel Ralf? Schreibe nie im angesoffenen Zustand Mails. Recht hat der alte Säufer.

Das Handy brummt. „Very first class Limo“ zeigt das Display.„Bin ich überhaupt schon fahrtüchtig? Egal, ich brauche jetzt Ablenkung“, beschließt Lars.

„Lars Maibach!“

„Guten Tag Herr Maibach. Wunderlich vom Limoservice. Falls Sie heute noch nicht anderweitig ausgebucht sein sollten, könnten wir Ihnen einen frischen Auftrag anbieten. Wie sieht es aus Herr Maibach?“

„Wann geht es los? Und wie lange dauert der Auftrag?“, es sind immer die gleichen Fragen. Frau Wunderlich macht doch den Job auch schon ein paar Jahre. Warum kommt sie denn nicht gleich mit den Fakten?

„Heute Nachmittag um 17.00 Uhr, Maschine aus Frankfurt, Herr Dr. Arnold Harnischfeger von einer Firma, warten Sie, … Epigon Pharma. Können Sie mir den Auftrag abnehmen?“

„Gerne Frau Wunderlich, aber wie lange haben uns die Pillendreher gebucht?“, Lars lässt sich seine Ungeduld nicht anmerken.

„Ach ja, es ist ein Stand-by-Auftrag, aber er reist morgen früh wieder ab, damit wären sie komplett zuständig für den Doktor.“

„Okay, ich mache den Job!“ Lars hätte ihn sowieso übernommen. Zum einen droht ein finanzieller Engpass in der Haushaltskasse, die er ungern mit seinen Rücklagen auffangen möchte. Zum anderen wäre noch die peinliche Sache mit der Mail an Maren zu verdrängen.

Wenn er ihre Adresse hätte, würde er ihr Blumen oder so ein Zeug schicken. Aber die Kommunikation per Mail ist gnadenlos. Da bleibt nichts übrig von einem Menschen. Als wäre er nie dagewesen, nur eine kurze digitale Erscheinung.

„Herr Maibach, sind Sie noch am Telefon?“

„Ja natürlich. Ich komme nachher ins Büro. Was für ein Fahrzeug wurde gebucht?“

„S-Klasse, der Wagen steht für Sie bereit!“

Firmenkrawatte, schwarzer Anzug, weißes Hemd und geputzte Schnürschuhe. Die Grundausrüstung eines Chauffeurs. Lars macht den Job jetzt fünf Jahre. Ein halbes Jurastudium, mehrere Arbeitsversuche als Knecht in Vertrieben unterschiedlicher Unternehmen und ein lächerlicher Versuch als Journalist.

Irgendwann muss man zu dem stehen, was man kann. Sicher die Fahrerei macht nicht reich, aber man ist frei in der Art wie die Arbeit zu erledigen ist, muss nicht in einem Büro rumkauern und ständig enge soziale Kontakte pflegen, um bloß nicht gemobbt zu werden.

Und wer kann schon sagen, er wäre mit berühmten US-Schauspielern einen trinken gewesen, hat besoffenen Talkmasterinnen den Rücken gekrault oder durfte einen Blick in Privatjets der allerreichsten Erdbewohner werfen?

Georg von der Fahrzeugausgabe bei „Very first class Limo“ ist ein 120-Kilo-Koloss. Die fehlenden Zentimeter bis zu einer Größe, die ihn nicht dick aussehen ließen, scheinen ein unüberwindbares Manko zu sein.

Jedenfalls fehlen ihm auch ein paar Anteile aktiver Gehirnmasse, denn er glaubt, die 150000-Euro-Schlitten gehören ihm persönlich.

„Lars, das letzte Mal lagen wieder alte Zeitungen im Kofferraum! Kannst du das nicht mal abstellen? Immer muss ich dir hinterher räumen. Denkt denn keiner hier mal an meine Arbeit?“

„Georg, ich denke während meiner ganzen Arbeitszeit nur an dein Wohlergehen. Deshalb lasse ich die Zeitungen extra für dich im Wagen. Da gibt es so viele frische Sudokus!“ Lars grinst und muss laut loslachen. Georg trägt es mit gespielter Fassung. Den Humor versteht er sicherlich nicht.

Es ist eine andere Welt. Lars genießt den Augenblick, er kennt ihn schon. Aber immer wieder ist er verzückt. Kaum ist die Tür der Luxuskarosse geschlossen, muss er tief durchatmen. Alles ist vom Feinsten. Ledersitze, modernste Elektronik und intelligente Hilfen. Beim Starten des Aggregats brummen die acht Zylinder sanft los.

Die 430 PS sieht man dem Fahrzeug nicht an. Wenn er möchte, kann das KFZ zum wilden Tier werden. Aber man hat es nicht nötig. Der Fahrgast ist König, ihm soll es gut gehen, er soll die Beförderung in angenehmer Erinnerung behalten. Ähnlich wie bei einem entspannten Flug. Das ist die Philosophie, nach der die besten Chauffeure der Welt arbeiten. Lars ist für verschiedene Unternehmen als Freiberufler in der Hauptstadt tätig.

Im Laufe der Jahre ist er mit nahezu jeder Limousine gefahren. Ob BMW, Mercedes oder Audi, jeweils ausschließlich mit den Spitzenmodellen. Wünscht der Kunde einen Exoten, dann kann es auch mal ein Bentley, Maybach oder Maserati Quattroporte sein.

Die Maschine aus Frankfurt kommt pünktlich. Lars steht mit dem Abholschild bereit. In großen Buchstaben steht dort drauf „Epigon Pharma, Dr. Arnold Harnischfeger.“ Die ersten Fluggäste strömen aus der Kontrolle.

Mehrere Abholer stehen neben Lars bereit, teilweise auch mit Schildern, teilweise kennen sie ihre Fahrgäste persönlich und können auf die Schilder verzichten.

Ein hagerer Mann im dunkelblauen Anzug und langweiliger grauer Krawatte kommt direkt auf Lars zu und zeigt dezent mit dem Finger auf das Schild. Damit ist klar, dass ist Dr. Harnischfeger.

„Herzlich willkommen in Berlin, Very first class Limo, Sie sind mein Fahrgast, Lars Maibach mein Name, aber wir nehmen einen Mercedes, die S-Klasse.“ Meist löst die Anspielung auf den Maybach eine erste Unsicherheit, doch Harnischfeger geht gar nicht darauf ein.

„Ja, guten Tag, ich habe es sehr eilig. Wie lange brauchen wir ins Hotel Adlon?“

„Wir benötigen je nach Verkehrslage bis zu 30 Minuten, würden Sie mir bitte folgen, Ihr Fahrzeug steht gleich in der Nähe für Sie bereit. Haben Sie Gepäck dabei?“

„Nein, ich reise nur mit Handgepäck und außerdem fliege ich morgen früh wieder nach Frankfurt zurück. Hat man Ihnen gesagt, dass ich heute das Fahrzeug bis in den späten Abend brauche und morgen früh auch?“

„Doch ich bin informiert worden über den Stand-by-Auftrag. Ich stehe Ihnen komplett zur Verfügung.“

Diese Jobs sind im Gegensatz zu den einfachen Beförderungen von A nach B sehr lukrativ. Durch die große Anzahl von Stunden brummt es ordentlich in der Kasse. Wenn die Fahrgäste auch noch nett sind und ein dickes Trinkgeld hinterlassen, ist es ein angenehmes Arbeiten.

Die Fahrt vom Flughafen in das Zentrum zieht sich endlos lange hin. Wieder sorgen Baustellen und Verkehrsunfälle für Staus und Stockungen auf den Straßen. Harnischfeger sitzt hinten rechts und hat gleich zu den dort angebotenen Getränken gegriffen. Sein nächster Griff geht zum Mobiltelefon.

„Ja Roswitha, Arnold hier. Ich bin in Berlin angekommen. Mach mir bitte eine Presseerklärung und eine Ad-hoc-Meldung für die Börse fertig. Ich möchte sie Montag rausgeben. Durch den Abbau unserer Forschungs- und Entwicklungsabteilung können wir rund 500 Leute freisetzen. Das wird unsere Aktie beflügeln. Morgen bereiten wir eine weitere Topmeldung vor. Schicke sie mir auf mein Handy, okay?“

Na hoppla, da werden wieder Arbeitsplätze vernichtet, denkt Lars. Es ist nicht das erste Mal, dass er Ohrenzeuge von Arbeitsplatzabbau oder gewaltigen Verlagerungen von Produktionsstätten in den Osten oder nach Asien geworden ist.

Schweigen ist die erste Pflicht des Chauffeurs. Niemals hat er etwas mitgehört. Immer dumm stellen. Das Gespräch ist offenbar noch nicht beendet, Roswitha scheint etwas zu sagen.

„Nein, mach dir da keine Sorgen. Ich habe das schon mit Personal-Schmidt besprochen. Die Kündigungen sind juristisch wasserdicht. Außerdem bieten wir einen Sozialplan an. Der Betriebsrat ist auch schon im Boot.

Etwas Unruhe können wir nicht vermeiden. Doch wir befinden uns in einem sehr sensiblen Marktsegment und müssen der Konkurrenz voraus sein. Also bis später.“

Das Hotel Adlon liegt direkt am Brandenburger Tor und zählt zu den exklusivsten und teuersten Häusern in der Hauptstadt. Mit der schwarzen Limousine vorzufahren gleicht einem Ritual.

Das Empfangskomitee muss von den Fahrern die Gelegenheit bekommen, ihre Show aufzuführen. Mit einem Anruf fünf Minuten vorher ist man auf der richtigen Seite. Wenn es klappt, stehen zwei Herren in Hoteluniform bereit, sprechen den Gast persönlich an und geben ihm das Gefühl, die heimische Villa zu betreten.

Nachdem Lars seinen Fahrgast angemeldet hat und am Hotel vorfährt, wird der Doktor wieder gesprächig.

„Ich bräuchte Sie gegen acht Uhr. Dann geht es ins Grill Royal zum Essen.“, erklärt Harnischfeger.

„Falls Sie mich vorher benötigen oder eine Änderung Ihrerseits erforderlich ist, rufen Sie mich bitte an, hier ist meine Karte, ich bin stets für Sie erreichbar und halte mich in unmittelbarer Nähe zum Hotel auf.“

Lars überreicht seine Visitenkarte, auf der seine Handynummer und die Festnetznummer des Limousinendienstes vermerkt sind.

„Danke schön, dann bis später.“ Wie von Geisterhand geht die Autotür auf und ein Mann vom Hotel Adlon begrüßt mit seiner etwas albern aussehenden Uniform Harnischfeger. „Herzlich Willkommen in Berlin und im Hotel Adlon, darf ich Ihnen behilflich sein?“

Kaum ist der Doktor draußen, macht es plopp und die schwere Limousinentür ist verschlossen. Das Hotelpersonal umgarnt den neuen Gast. Letztendlich geht es nur um das Trinkgeld, von dem die Fahrer selten etwas abbekommen. Und hier im Adlon wird ordentlich gegeben, kein Klimpergeld, fast immer Scheine.

Lars stellt den Mercedes am Seiteneingang des Adlons ab. Jetzt beginnt die Haupttätigkeit eines Chauffeurs: Das Warten. Sollte ich vielleicht noch mal Maren anmailen. Ich könnte ihr alles erklären.

Ich war besoffen oder nein besser: Ein Kumpel hat bei mir übernachtet und wollte mich aus lauter Eifersucht reinlegen. Genau, diese miese Ratte muss der Schreiber gewesen sein, ich würde niemals so einen Dreck fabrizieren.

Das Handy brummt, Lars wird aus seinen Gedanken gerissen. Es ist eine Handynummer, Lars kennt sie nicht. Deshalb meldet er sich ganz formell als Mitarbeiter eines Limousinen-Service.

„Dr. Harnischfeger, Herr Maibach habe ich zufällig meine Brille im Auto gelassen. Können Sie so freundlich sein, mal hinten nachzuschauen?“

„Sehr gerne Herr Doktor. Einen kleinen Moment bitte.“ Tatsächlich liegt auf dem Fußboden eine Lesebrille.

„Ja, Herr Doktor, ich habe Ihre Brille gefunden!“

„Sehr schön, ich schicke jemanden vom Hotel runter, der wird Ihnen das gute Stück abnehmen.“

So schnell haben wir die Telefonnummer des Doktors im Speicher. So mancher Paparazzi würde vor Neid erblassen, wenn er meine sehr erlesene Liste von Promi-Nummern sein eigen nennen könnte, denkt Lars.

Zehn Minuten später schreitet ein steif dreinblickender Hotelbursche die Schlange der Limousinen ab. Das kleine Teufelchen in Lars lässt ihn eine Weile suchen.

Doch dann hat Lars ein Herz für den Jungen und übergibt ihm die Brille von Dr. Harnischfeger.

Zwanzig vor acht steht Dr. Harnischfeger vor der Hoteltür, viel zu früh und ohne vorwarnenden Anruf. Lars gerät in Hektik. Das TV-Programm abschalten und den Kaffee schnell entsorgen. Anzug und Krawatte zurechtrücken und schließlich die Abdunklungsrollos im Fond wieder schließen. Die wichtigen Fahrgäste wollen vom gewöhnlichen Fußvolk nicht erkannt werden.

Dann rollt Lars den Schlitten vor. Der Türmann erkennt die Lage und geleitet den Gast zum Auto, öffnet die Tür und schon sitzt der Doktor wieder im Mercedes.

„Was für ein schöner Abend, ich wollte noch etwas Berliner Frischluft einatmen. Fahren Sie mich bitte in das Restaurant Grill Royal.“

Die Fahrzeit beträgt keine fünf Minuten und schon ist Harnischfeger verschwunden. Zwei Stunden Wartezeit später kommt ein kurzer Anruf. „Würden Sie mich bitte in zehn Minuten wieder abholen?“

Wieder zurück am Hotel wird die Abholzeit auf sieben Uhr morgens vereinbart. Auf der Heimfahrt – er nimmt die S-Klasse mit zu sich – geht Lars gedanklich seine Mail an Maren durch. Eine gute Geschichte muss her. Der Alkohol und hinterhältige Freunde sind für seine Entgleisung verantwortlich.

Seinen Mitbewohner hat er auf die Straße gesetzt und Alkohol gibt es auch nicht mehr. Maren solle entscheiden, ob sie ihm noch eine Chance geben kann.

Am heimischen Schreibtisch in seiner Schöneberger Zwei-Zimmer-Wohnung tippt er die Mail für Maren ein. Der auf die Straße gesetzte Mitbewohner hat jetzt einen Namen bekommen, er nennt ihn Christian.

Beim Drücken auf die „Senden“-Taste prostet er sich selbst mit einem Glas Rotwein zu.

Freitag

Berlin

Keine Antwort von Maren. Lars plant den Tag:

„Gut, ich bring jetzt den Doktor zum Flughafen und dann könnte man über ein schnuckeliges Wochenende nachdenken, wenn keine Aufträge mehr kommen.“

Harnischfeger ist pünktlich. Die Straßen sind einigermaßen frei. Dann wieder ein Telefonat des Fahrgastes.

„Roswitha, guten Morgen. Der Text ist soweit in Ordnung, eine kleine Änderung noch zu den Entlassungszahlen, ich habe sie dir geschickt. Und jetzt die Bombe.

Wir haben eine Kooperation mit dem US-Pharmaunternehmen Virgil Pharma unter Dach und Fach bekommen. Das heißt, wir vertreiben deren Zytostatiker in Europa und in zwei Jahren auch in Asien.

Damit wachsen wir enorm. Die Umsatzzahlen werden sich vervielfachen. Ich habe dir die Eckdaten geschickt, mache bitte wieder eine Pressemitteilung und eine Ad-hoc-Meldung ebenfalls für Montag daraus. Ich bin Nachmittag im Büro und werde sie mir dann ansehen.“

Da wird ja sauber abgeräumt. Lars staunt immer wieder in was für einer Liga seine Fahrgäste spielen, ganz speziell, wenn sie aus der Wirtschaft kommen. Wieder tippt Harnischfeger ins Handy.

„Hallo, mein liebster Stiefbruder, guten Morgen, wie geht es dir?“ Die Ampel ist rot und in fünfzehn Minuten bin ich diesen Kerl los, denkt der Chauffeur.

„Es geht mal wieder um Positionierung an der Börse. Nimm das Gemeinschaftsdepot mit deinem Sohn, das von Ellen und deins in London. Kaufe heute für insgesamt anderthalb Millionen Epigon-Aktien an verschiedenen Börsen. Die dürften heute so bei fünf Euro stehen.

Es müssten sich rund 300 000 Stück erwerben lassen. Anfang nächster Woche erwarte ich Kurse um die zwanzig Euro. Der Gewinn sollte dann bei 4,5 Millionen liegen. Zehn Prozent gehören dir in jedem Fall, über einen Bonus reden wir noch. Ich bin jetzt gleich am Flughafen, wir sprechen nachher noch einmal.“

Wie bitte? Lars glaubt in einem schlechten Film zu sitzen, klassischer Insiderhandel.

„Herr Maibach!“

Nein, nicht reagieren, ich habe nichts gehört.

„Herr Maibach!!“, viel lauter.

Nein, keine Reaktion zeigen. Du hörst die Gespräche deiner Fahrgäste nicht mit.

„Herr Fahrer!“, wieder leiser.

„Ja, Herr Doktor Harnischfeger?“

„Sie sind doch absolut vertrauenswürdig und hören keine Telefongespräche Ihrer Fahrgäste mit und Sie halten sich an Ihre Schweigepflicht. Ich kann doch auf Ihre Professionalität und Diskretion setzen. Dafür werden Sie doch schließlich bezahlt, oder?“

„Ich bin viel zu viel mit dem Straßenverkehr beschäftigt. Wenn meine Fahrgäste miteinander sprechen, dann höre ich weg, wie eben. Mich interessieren die Gespräche meiner Fahrgäste außerdem nicht.“ Das sollte ausreichen.

Bis zum Flughafen bleibt es still in der Karosse. Lars ist Harnischfeder beim Aussteigen behilflich und verabschiedet sich höflich.

„Das ist für Sie!“, murmelt Harnischfeger und drückt Lars einen 50-Euro-Schein in die Hand.

Durchaus üppiges Trinkgeld, denkt Lars.

Neue Aufträge sind nicht in Sicht. Ein Wochenende mit wenigen Veranstaltungen. Keine Events und Demos, nur die üblichen Partys. Mittags ist Lars in seiner Wohnung, schmeißt den Laptop an und überlegt wie er dieses geschenkte Wochenende nutzen kann. Meist bekommt er Aufträge und die ballen sich gerade am Wochenende.

Keine neuen Mails. Verflucht, wie hieß der Pharmaladen von dem Doktor? Epigon Pharma. Ein wenig Recherche und schon zeigen die einschlägigen Börsenseiten Profile, Erwartungen, Schätzungen und den Wertpapierpreis. 5,02 Euro pro Aktie.

Ich wäre ja schön blöd …

Die Reserve ist auf seinem Traderkonto geparkt. Früher hatte Lars den Spleen, mit ein paar Euro Einsatz stinkreich zu werden. Ein guter Bekannter von seinem Kumpel Bert sprach von einem tausendprozentigen Tipp.

Lars eröffnete ein Online-Konto und ließ sich für den riskanten Handel von Wertpapieren in der höchsten Risikoklasse frei schalten. Der Kauf von Optionsscheinen klappte perfekt, nach ein paar Wochen waren sie allerdings nur noch die Hälfte wert und drohten völlig wertlos zu werden.

Ein Notverkauf halbierte die Ersparnisse auf knapp über 10 000 Euro. Seitdem hat Lars kein Wertpapier mehr gekauft. Der gute Bekannte von Bert ist verschwunden.

Super, die Passworte funktionieren noch.

Epigon Pharma ist an der Börse tatsächlich handelbar. Lars gibt 2 000 Stück der Aktie ein und bekommt ein Angebot für 5,01 Euro pro Aktie plus Provision für die Bank. Nun hat er fünf Sekunden Zeit, das Angebot anzunehmen. Wie von einem Geist gesteuert drückt er die Enter-Taste. Ein Fenster öffnet sich bestätigt den Kauf des Wertpapiers.

Er ist im Besitz von 2 000 Aktien der Epigon Pharma. Lars lehnt sich zurück. Muss er ein schlechtes Gewissen haben, der Doktor macht das im großen Stil. Vielleicht war das alles auch nur eine Ente und der Kurs geht weiter in den Keller. Dann wäre er zumindest Teilhaber eines Pharmaunternehmens.

Das Handy brummt. Doch noch Aufträge für das Wochenende. Auf dem Display steht Bert geschrieben. Wie lange hat er mit seinem alten Studienkumpel nicht gesprochen? Fünf Jahre?

Bert hat das Jurastudium mit einer guten Note bestanden und arbeitet als Rechtsanwalt in einer großen Kanzlei in München. So war zumindest der Stand seit dem letzten Treffen.

„Hallo Bert, ich glaube es nicht, wie geht es dir?“

„Danke, ich kann nicht klagen, die Mandanten sorgen schon dafür, dass ich nicht arbeitslos werde. Wie geht es dir? Wir haben uns eine gefühlte Ewigkeit nicht mehr gesehen. Bist du immer noch Chauffeur?“

„Ja mit Leib und Seele, man erlebt so einiges und komischerweise habe ich gerade an dich gedacht.“

„Du, weshalb ich anrufe. Ich bin dieses Wochenende in Berlin. Heute Abend und Morgen bin ich aber den ganzen Tag beschäftigt. Hättest du Lust, dich morgen Abend mit mir auf ein paar gepflegte Getränke zu treffen? So mal richtig über die alten Zeiten quatschen.“

„Sieht gut aus. Dann halte ich mir den Abend frei. Wo wollen wir uns treffen?“

„Ich dachte in unserer alten Studentenkneipe, wenn es die noch gibt?“ schlägt Bert vor.

„Du meinst die Luise in Dahlem? Wir hatten damals ja viele Lokale unsicher gemacht.“

„Ja, das Ding mit dem Biergarten, genau das meine ich.“

„Na dann so gegen acht, ich bin da!“Lars checkt noch einmal den Aktienkurs: 4,99 Euro.

Warten wir es ab.

Die Studien-Clique. Wer war da noch alles bei? Mit Sonja hatte Lars eine zweijährige Affäre, sie muss sich nach ihrer Trennung nach Rostock aufgemacht haben. Ob sie dort das Studium beenden konnte, weiß Lars nicht. Britta hat nie wirklich Jura studiert, sie hat damals gewechselt und Publizistik in Köln studiert.

Irgendetwas von ihr hat Lars vor ein paar Jahren in einem Magazin gelesen, sie muss jetzt eine erfolgreiche Journalistin in Hamburg sein.

Ach ja, da war dann noch Johann. Der brave Beamtensprössling. Hat wilde Sau auf den Partys gespielt aber ein lupenreines Examen im Sprinttempo hingelegt. Ganz wie Papa das wollte. Der wird irgendwo Richter oder so etwas geworden sein. Bert wird das schon wissen. Tja, und Lars ist Kutscher geworden …

Eine neue Mail blinkt. Sie ist von Maren und zwei Sekunden später von Lars geöffnet: „Das ist eine Lüge, du hast selbst deine Mail geschrieben, einen Mitbewohner gibt es nicht. Schreibe mir Deine wahre Geschichte. Maren.“

Was geht jetzt ab? Will sie mich doch noch treffen oder ist das jetzt ein mieses Spiel. Okay, ich habe Scheiße gebaut. Wir hätten schon längst in einem schnuckeligen Restaurant unser erstes Rendezvous haben können, vielleicht schon viel mehr. Das habe ich verbockt.

Jetzt will sie meine wahre Geschichte, was soll ich schreiben. Sie weiß wie ich aussehe, mein Geld verdiene – gut ein wenig frisiert ist die Vita schon – und wie ich über eine feste Partnerschaft denke. Zukunft, Kinder und diesen Kram haben wir auch schon durchdiskutiert.

Komm, bleib relaxt Kumpel, wir haben ja noch nicht einmal ein Date gehabt. Vielleicht sieht sie völlig anders aus als auf den Bildern oder sitzt im Rollstuhl und ich wäre froh, bald das Weite suchen zu können.

„Very first class Limo“ Das Handy brummt und zuckt aufgeregt als wenn es wüsste, dass dieses ein Notruf sein muss. Okay, du hast heute nichts vor und bist noch nüchtern. Lars nimmt das Gespräch an.

„Wunderlich vom Limoservice. Wir haben ein großes Problem. Ein Fahrer ist uns für heute abgesprungen. Herr Maibach, könnten sie heute noch einen Job übernehmen? Es ist kurzfristig, ich weiß, aber Sie würden uns damit sehr helfen.“

„Ja, das passt schon. Um was geht es denn?“

„Abholung am Flughafen, Party im Grunewald und dann ins Hotel. Die Fahrt für Morgen habe ich schon organisiert. Sie übernehmen den Nacht-stand-by. In zwei Stunden am Flughafen, schaffen Sie das?“

Ein wenig lässt er sie zappeln und gönnt sich eine kurze Denkpause. „Das müsste klappen, steht der Wagen schon bereit?“

„Ja, sie bekommen die S-Klasse, den Mercedes 500. Der Fahrgast heißt Philip Barna, der Talkmaster und TV-Moderator, soll ein wenig schwierig sein. Aber Sie sind ja Profi und machen das schon. Vielen Dank und bis später.“ Wunderlich hat aufgelegt.

Barna? Natürlich kennt Lars den. Sieht aus wie Everybody’s Darling, der Traum aller Schwiegermütter. Diesen Fahrgast hatte Lars bisher noch nie befördern dürfen.

Auf geht’s. Das Expressprogramm wird routiniert absolviert. Rasur, Haare waschen, frisches Hemd, Anzug, Krawatte, etwas zu Essen für den Notfall, Papiere, Geld und schon geht es ab.

Das Abholschild ist diesmal überflüssig. Jeder kennt Barna aus dem Fernsehen. Ob Sportübertragungen, Benefizgalas, Kochsendungen und Quasselabende, er hat schon alles gemacht und ist überall präsent. Prompt kommt Barna als Erster aus der Maschine gestürmt. Lars hält ihn auf und stellt sich vor.

„Na, dann mal los. Zeit ist Geld, ab, ab“, Barna scheint eine Begrüßung für überflüssig zu halten. Lars geht vor zum Wagen. Vor dem Mercedes bleibt Barna stehen und schaut das Auto wie einen Fremdkörper an.

„Ich hatte ausdrücklich einen BWM bestellt und zwar einen aus der 7er-Serie. Und was ist das hier?“ Der Talkmaster zeigt auf die Luxuskarosse als stünde dort eine Rikscha.

Lars kennt diese Art von Kunden, sie kommen zum Glück selten vor. Allerdings sollte man die Grundzüge im Beschwerdemanagement beherrschen. Das macht vieles leichter.

„Oh, das tut mir leid. Ich werde mich darum kümmern, damit Sie den vollen bestellten Komfort erhalten!“

„Das will ich doch hoffen. Jetzt aber los, das Ding wird ja nicht auseinander fallen.“

Die Fahrt geht in den Berliner Grunewald. Beste Wohnlage und feinste Villen. Oft stehen private Wachdienste vor den Palästen und die Polizei bezieht Stellung, wenn wichtige Personen dort residieren. Ziel ist eine Privatvilla in der Trabener Straße.

Das zurückgesetzte Anwesen gehört einem Berliner Millionär, der sich schlicht Panke nennt. Ihm gehören mehr Immobilien in Deutschland als Lars Kilometer an einem Tag fahren kann. Panke veranstaltet öfters Partys in seiner Villa. Als Lars sich mit dem Mercedes der Villa nähert, sieht er schon eine gute Handvoll anderer Limousinen. Auch die des Regierenden Bürgermeisters, der den Freuden von Luxuspartys sehr zugeneigt ist, steht ebenfalls dabei. Weitere Karossen rollen in die Trabener Straße.

Vor zwei Securitymännern bleibt Lars stehen. Als Barna aussteigen möchte, gibt er diesem seine Visitenkarte.

„Wenn Sie mich brauchen, rufen Sie kurz durch. Dann komme ich vorgefahren.“

„Das will ich doch hoffen!“, erklärt Barna und knallt die Autotür zu.

Entlang der Trabener Straße sieht Lars die Limousinen der anderen Fahrer. Einige von ihnen kennt er schon seit längerer Zeit. Mit ihnen hat Lars zusammen größere Einsätze und Protokollfahrten durchgeführt.

Die Fahrer lümmeln sich vor ihren Autos und quatschen miteinander. Einige rauchen Zigaretten. Lars gesellt sich zu ihnen.

„Hallo Lars, hast du den Barna gebracht?“ fragt ein lebender Schrank. Lars kennt ihn gut. Er arbeitet auch als Türsteher bei sensiblen Veranstaltungen und ist befugt, eine Waffe für den Personenschutz zu tragen.

„Ja, ich bin kurzfristig für einen Kollegen eingesprungen. Der Fernsehtyp ist schon ein komischer Patient, nicht gerade ein Sympathieträger.“

Der Schrank grinst: „Das kannst du laut sagen. Ich bin für den mal durch die halbe Stadt gegeistert. Er hat irgendwo seine Designerbrille liegen gelassen. Das Ding war nirgends auffindbar. Zum Schluss hat er mich beschuldigt, ich hätte die Brille geklaut.