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Die 93-jährige US-Kulturwissenschaftlerin Prof. Dr. Irma Mitteldorff soll auf ihrer Deutschlandreise in Berlin von einem Profi-Killer getötet werden. Lars Maibach ist ihr Chauffeur. Er lernt die Lebensgeschichte der alten Dame und die Gründe für ihre Auswanderung aus dem Nachkriegsdeutschland in die USA immer besser kennen. Während der Killer zum Schlag ansetzt, sind ihm längst die Geheimdienste auf der Spur. Irmas Reise nach Deutschland wird aber noch von einem anderen Geheimnis begleitet.
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Seitenzahl: 311
Veröffentlichungsjahr: 2013
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Michael Tycher
Irma
Riskante Bühne für Chauffeur Lars Maibach
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Inhaltsverzeichnis
Titel
New York
Los Angeles (Kalifornien)
Durban (Südafrika)
Hamburg
Singapur
Hamburg
Singapur
Hamburg
New York
Los Angeles (Kalifornien)
Singapur
Fort Maede (Maryland, USA)
Berlin
Los Angeles (Kalifornien)
Fort Maede (Maryland, USA)
Berlin
Frankfurt am Main
Berlin
Fort Maede (Maryland, USA)
Rechtenbach (Spessart)
Berlin
Rechtenbach (Spessart)
Langley (Virginia)
Berlin
Pullach
Berlin
New York
Berlin
Berlin (1938)
New York
Berlin
Wiesbaden
Berlin
Berlin (1958)
Berlin
Flug Frankfurt am Main nach Berlin
Berlin
Langley (Virginia)
Berlin
Pullach
Berlin
New York
Berlin
Langley (Virginia)
Berlin
Berlin
Berlin
Hamburg
Frankfurt am Main
Potsdam
Langley (Virginia)
Frankfurt am Main
Berlin
Frankfurt am Main
Berlin
Berlin (1965)
Berlin
Frankfurt am Main
Berlin
Los Angeles (Kalifornien) 1972
Berlin
München
Berlin
Hamburg
Berlin
Langley (Virginia)
Nähe Putlitz
Langley (Virginia)
Nähe Talkau
Berlin
Nähe Talkau
Langley (Virginia)
Rechtenbach (Spessart)
Berlin
New York
Berlin
Hamburg
Nachwort
Impressum neobooks
Winzig wirken die Miniaturbäume im Kontrast zu den beiden Wolkenkratzern. Die Ecke Albany Street und South End Avenue gehört zur Battery Park City am südlichen Ende Manhattans nicht unweit vom World Trade Center und ist eines der besseren Büroviertel in New York City. Hier werden unfassbare Gewinne erzeugt und Reichtum gesammelt, Kriege angezettelt und Börsen beeinflusst. Jeden Morgen, wenn Caiden die Büroräume der LCSCN Consulting Group betritt, Fahrer und Limousine sich entfernen, schüttelt er den Kopf über diese lächerlichen Straßenbäume.
Caidens Aufstieg begann als Investmentbanker, mit ein paar geschickten Schachzügen und mit schmierigen Kontakten zu Politik, Militär und Kultur machte er sich in den achtziger Jahren selbstständig und sahnte glänzende Gewinne ab. Nach wenigen Jahren galten seine Investitionsstrategien als bares Gold. Es waren nicht nur sein goldenes Händchen und die hervorragenden Verbindungen, die ihm immer zum Erfolg verholfen haben. Es war auch der Wille, Dinge zu steuern oder zumindest so weit zu beeinflussen, dass Profite entstehen konnten. Vorzeitige Kenntnisse und die passende finanzielle Investition seiner Klienten bei einem Militärputsch in Südamerika oder einem Umsturz in Afrika und schon wurden Rohstoffe anders bewertet. Ja, Caiden hatte das Abzocken im Griff, der zweimalige Crash an den Börsen zählte zu seinen besten Zeiten, zumindest finanziell. Es wurde Kasse gemacht. Jetzt steht die LCSCN Consulting Group mit ein paar Partnern, die in Caidens Augen bessere Deppen sind und minimale Anteile am Ganzen besitzen, bestens aufgestellt da und greift nach den Gewinnen der neuen vernetzten und digitalisierten Welt, nach den Sternen. Mit Mitte sechzig mag er sich nicht mehr an allen Fronten kampfbereit präsentieren, das können seine Adlaten machen, doch seine Finger nimmt er nicht aus dem Spiel.
„Guten Morgen, Mr. Caiden!“
Mrs. Roonberg, die Empfangsdame von LCSCN, eine Bilderbuch-Blondine, deren Kleiderschrank gleichzeitig eine prall gefüllte Boutique sein muss, arbeitet seit fünf Jahren für Caiden und seine Partner. Als Empfangsdame legt sie sehr viel Wert auf ihr Äußeres. Der Glencheckrock im matten Grau liegt die vorgeschriebene Handbreit über ihren Knien und passt vorzüglich zur Bluse in hellrosa. Caiden sieht sie, wenn er in New York ist, nur morgens und abends; er wirft gerne einen Blick auf Roonberg. Die Handbreite sollte er mal vergrößern.
„Guten Morgen, ich hoffe, es gab die letzten zwei Tage nichts Wichtiges hier?“
„Nein, Mr. Caiden, alles lief rund. Hatten Sie erfolgreiche Meetings in Singapur?“
„Alles zu meiner Zufriedenheit, ich bin sehr erfolgreich gewesen“, und schon eilt Caiden in sein Büro.
Dieses Projekt wird mir für alle Zukunft den Rücken frei halten, denkt er. Bestimmte Geschäfte sind auf einen sehr kleinen Personenkreis begrenzt: Auftraggeber, Täter und Opfer. Und prompt reduziert sich dieser Personenkreis um eine Figur.
Caiden verschließt das Büro und ordnet an, von niemand gestört zu werden, auch von seinen Partnern nicht. Ein frisches Mobiltelefon mit einer ausländischen SIM-Karte, deren Herkunft, Käufer und Weg zu ihm nie verfolgt werden können, startet. Ein paar chinesische Schriftzeichen verraten einen Hersteller. Das Netz ist aufgebaut, Caiden tippt eine SMS hinein:
„Pl02jslkB23 2903“
Die Nummer des Empfängers wird hinzugefügt, er hat sie im Kopf, sie hat ihn oft gerettet und große Probleme gelöst. Nachdem die Nachricht gesendet worden ist, schaltet Caiden das Handy aus. Er wird es komplett mit Karte in den East River werfen. Zufrieden öffnet er die Bürotür und ruft seinen Partner Brodney an, er möge antreten.
„Irma, could we talk …“
„Wir sprechen in diesem Hause Deutsch, wenn wir beide alleine sind, liebe Cathy. Du hast es versprochen und ein wenig Kultur kann nicht schaden. Ich will mich nicht über das amerikanische Wesen äußern, also über was möchtest du mit mir reden?“
Prof. Dr. Irma Mitteldorff ist mit ihren 93 Jahren geistig fit wie kaum jemand in ihrem Alter. Die körperlichen Beschwernisse nimmt sie tapfer hin. Seit einem halben Jahrhundert bewohnt sie dieses Haus, das auffällt, da es mit seinem Landhausstil so gar nicht in das Straßenbild der Coronado Avenue auf Long Beach passen will. Sie und Wilhelm hatten es damals günstig erworben und saniert, heute werden in dieser Lage Schwindel erregende Preise gezahlt.
„Das mit der Reise, hast du dir das gut überlegt?“ Cathy massiert sanft Irmas Rücken, auf dem sich die Spuren eines langen Menschenlebens abbilden. Sie ist nicht Pflegekraft, sie liebt die alte Dame und für ihr Germanistikstudium ist Irma das Beste, was ihr passieren konnte. Es ist eine Win-Win-Situation.
„Meine Liebe, ich sage es heute, ich habe es vor Wochen schon im Kulturverein gesagt, und ein paar Tage vor der Abreise wird sich daran nichts ändern: Ja, ich reise für ein paar Wochen nach Deutschland! Wollt ihr mich alle etwa fesseln und einsperren in dieses Haus hier?“
Noch immer kann Irma emotional hochgehen, sich aufplustern. Wenn sie sich mit ihrer zierlichen Gestalt so ins Zeug legt, dann sollte man den Kopf einziehen, denkt Cathy. Sie legt das Massageöl beiseite und tritt vor Irma.
„Irma, es ist eine lange Reise, alleine schon der Flug, das Ungewisse, und du warst lange nicht mehr in Deutschland gewesen, dort hat sich auch einiges verändert und …“
„Dass ich bis auf einen kurzen Besuch vor ein paar Jahren zur Beerdigung einer alten Freundin ewig nicht in meiner Heimat gewesen bin, hat andere Gründe, du kennst sie. Aber du willst mir doch nicht weismachen, das Deutschland ein Entwicklungsland ist, nur weil wir hier in den Nachrichten kaum etwas über die deutsche Gesellschaft zu hören bekommen. Kindchen, Baseball und diese Dinge mögen interessant sein, aber die USA sind ein medialer Kokon, der sich vordergründig nur mit sich selbst befasst, das darfst du nicht vergessen. Und dieses tolle Massageöl hier gibt es ganz bestimmt auch in Berlin, frag mal dein Internet ab!“
Cathy gießt den frisch gepressten Orangensaft in die Gläser und versucht beiläufig zu wirken, aber es ist ihre letzte Karte.
„Man darf dein Alter nicht unterschätzen …“
„Was sagst du da?“
Cathy ist es falsch angegangen.
„Ich meine wegen der …“
„Halt, ich habe mit diesem Trottel von Arzt, wie heißt er gleich …“
„Dr. Warner!“
„Ja genau, der immer eine so wichtige Miene aufsetzt, wenn er mir ein homöopathisches Mittel verordnet. Der tut dann so, als ob ein verdammt schwerer chirurgischer Eingriff bevorsteht. Ich habe ihn bis jetzt überlebt und seine üppigen Honorare bezahle ich auch. Der wäre im Theater besser aufgehoben und könnte mit seinem Ausdruck in Strindbergs Totentanz als Edgar auftreten, der seine Frau tyrannisiert hat.“
Irma redet sich in Rage, doch sie merkt, dass Herz und Kreislauf dieses Tempo nicht mehr so richtig mitmachen wollen. Sie holt tief Luft und wischt mit einer Handbewegung Cathys Versuch beiseite, das Wort zu ergreifen.
„Aber genau dieser Heiler, dieser Warner, hat mir attestiert, dass nichts gegen eine Reise spricht. Meine altersbedingten Leiden sind nun mal da und der Tod rückt näher. Jedoch spricht keines dieser Leiden gegen eine Fernreise. Das hat dieser Scharlatan bestätigt und mir die Freigabe erteilt.“
„Was willst du um Gottes Willen alles unternehmen in Deutschland, und wie vor allen Dingen?“ Cathy mustert jetzt eindringlich die Miene der alten Dame.
„Du möchtest doch mitkommen, meine Liebste. Das geht aber nicht, jemand muss auf das Haus aufpassen und die Post überwachen. Ich brauche dich hier. Und in Berlin wartet jemand auf mich, der mich begleiten wird.“
„Was? Wer? Wohin denn begleiten?“
„Cathy, das mit dem Leben ist wie eine Bergbesteigung. Du kommst in den Jahren immer höher und höher. Dadurch erlangst du mehr Überblick, manche nennen es Weisheit. Den Begriff finde ich übertrieben, aber da ist schon was dran. Und ich bin schon fast am Gipfelkreuz angelangt.“ Irma legt eine Pause ein.
Cathy rückt näher ran und beendet endgültig die Massage, versteht aber nicht den Sinn der letzten Worte. Sicher die alte Dame hatte ihr Leben lang mit Kultur, vor allem mit dem Theater zu tun gehabt und neigt manchmal zu theatralischen Ausführungen.
„Ich glaube nicht, dass du schon am Gipfelkreuz angelangt bist, da gibt es noch einiges zu erleben für dich.“
„Mag sein Cathy, aber ich möchte noch zwei Dingen in meinem Leben geklärt sehen. Ich möchte die Orte sehen, an denen Wilhelm und ich unsere intensivste Zeit verbracht haben, wo wir uns kennen gelernt haben und von wo wir vertrieben worden sind, weil man uns nicht wollte. Es ist kein Schlussstrich, nenne es späte visuelle Bestandsaufnahme! Zufrieden Kindchen?“
„Nein, du hast von einer zweiten Sache gesprochen, die du klären möchtest. Um was handelt es sich dabei?“
Irma greift ihren Stock und wackelt in die Küche. Cathy ärgert sich, weil Irma das Gespräch abrupt abgebrochen hat. Sie findet es unverschämt.
„Das ist nicht fair Irma, du hast mir noch nicht alles erzählt, was ist da noch zu klären?“, ruft sie hinterher.
Irma dreht sich langsam um.
„Ein schöner Tag heute, wir gehen ein bisschen an den Strand, mit den Füßen im Wasser, man soll viel mehr barfuß im Leben laufen, das sagen …“
„Professor Mitteldorff!“
Cathy kann ihre Wut über ihre Geringschätzung kaum verbergen und greift zu Irmas offizieller Bezeichnung, sie weiß, dass die alte Dame das gar nicht mag.
„Cathy, ich werde es dir erzählen, nicht heute. Es gibt Dinge im Leben, die erzählt man nicht einfach zwischen Massage und Strandspaziergang. Aber ich muss mich von etwas befreien, was mich mein Leben lang begleitet hat. Noch ist der Zeitpunkt dafür nicht gekommen. Und jetzt ist Schluss mit der Diskussion, ich reise nach Deutschland.“
„Okay ich fange nicht wieder damit an, versprochen, aber wie bewegst du dich dort fort? Eine Triathletin bist du ganz sicher nicht?“
„Brauche ich auch nicht zu sein. Es gibt gewisse Hilfsmittel, die ich mir leisten kann und auf die ich gerne zurückgreife.“
„Ja ???“
„Hatte mir bei meinen Kurzbesuch in Berlin auch schon sehr geholfen.“
„Du kennst den heißen Brei Irma, wie ihr Deutsche immer sagt. Du redest da jetzt aber ganz heftig herum. Wer ist es?“
„Ein Chauffeur!“
Die Saunders Avenue im Stadtteil Isipingo liegt südwestlich der City von Durban. Von dort ist die Entfernung zum King Shaka International Airport noch akzeptabel, ein Autobahnanschluss rundet die günstige Lage ab. Es ist ein Villenvorort, der aber nicht zur Übertreibung neigt. Gediegene Häuser und Apartmenthäuser, eben das, was Pierce als Basis auf der Südhälfte der Erde braucht. Eine unauffällige Tätigkeit als Handelsvertreter einer Software-Entwicklungsfirma für Verwaltungsanwen-dungen mit Sitz in London erklärt viele Reisen, und Fragen nach seiner Tätigkeit werden kaum gestellt. Manchmal ist Pierce für längere Zeit auf Reisen, die Nachbarn haben sich daran gewöhnt, das Verhältnis zu ihnen ist freundschaftlich, aber distanziert. Die gekaufte Wohnung in der Villenanlage ist schlicht eingerichtet, Pierce übernahm sie möbliert und veränderte nur wenig.
„Hey Pierce, ein kleines Bier haben wir uns doch verdient, oder?“ Brodney, der wie Pierce den ganzen Nachmittag im Garten der Anlage Pflanzen beschnitten hatte, möchte den Feierabend einleiten. Für Pierce ist die Gartenarbeit mehr als nur Entspannung. Mit Freude beobachtet er die Natur, betrachtet Pflanzen wie sie wachsen, in ihrer Pracht blühen und wieder eingehen. Es ist wie in einem Menschenleben, manchmal wird nachgeholfen, genau wie in der Natur. Pierce sieht seinen Job in dieser Welt als Menschengärtner, es gibt Verhältnisse, die neu geordnet werden müssen, so wie in einem Blumenbeet.
„Brodney, ich mache hier nur noch diese Reihe fertig, dann bin ich bei dir.“
Brodney hat als Soldat bei der britischen Royal Navy gedient, jetzt ist er pensioniert und verbringt einen Teil des Jahres mit seiner Frau in Südafrika. Pierce stammt aus Detroit, über seine Zeit bei einer Einheit der US Special Operations Forces gibt er dem alten Brodney nur wenig und verändert Auskunft, obwohl dieser immer wieder neugierige Fragen stellt, man sei ja schließlich ein enger Verbündeter, und zudem arbeitet Pierce für ein englisches Unternehmen.
„Hier Kamerad, das ist so eiskalt, damit kannst du einen Eskimo noch verblüffen. Haben die bei euch auch in der Army gekämpft?“
„Danke Brodney, na klar, die Jungs gehören doch zur USA, das weißt du doch.“
„Na, wie waren die drauf?“
Pierce spürt das sanfte Brummen seines Mobiltelefons in seinen Khaki-Shorts.
„Sorry, da möchte jemand etwas von mir“, erklärt er Brodney und zieht das Gerät heraus.
„Pl02jslkB23 2903“
Die SMS enthält nur diese Ziffernfolge. Pierce kennt den Absender, es ist Caiden, der einzige Auftraggeber, den er persönlich kennt. Niemals hatte er bisher Kontakt zu seinen Kunden. Doch Caidens und seine Wege trafen sich, als beide in ihren Geschäften noch nicht zu den Besten zählten. Pierce suchte damals ein neues Betätigungsfeld, in dem er seine Talente neu einsetzen konnte. Heute verflucht sich Pierce dafür, dass ein Mensch auf dieser Welt weiß, dass er nicht Pierce heißt und welches wirklich sein Geschäftsfeld ist.
„Es riecht nach Arbeit, nicht wahr du alter Profigärtner?“
„Ja, ich werde morgen abreisen, es gibt ein Problem bei einem Kunden mit seiner Software.“
Pierce lässt das Gespräch mit Brodney langsam aber bestimmt auslaufen, beendet es und verabschiedet sich.
„Ich wünsche euch eine schöne Zeit hier, ich muss noch einige Vorbereitungen treffen, mein Job soll professionell erledigt werden.“
Der Code „Pl02jslkB23 2903“ beruht auf einem System, dass nur sehr wenige Verbindungsleute auf der Welt kennen. Und Pierce ändert ihn in unregelmäßigen Abständen. Sicherheit ist alles, ganz besonders bei diesem Beruf. Die Ziffern bedeuten: Neuer Auftrag, Dringlichkeitsstufe bis drei Wochen, Details hinterlegt in Singapur, Bukit Brown Cemetery, Grabnummer.
Pierce sollte diesen Übergabeort für zukünftige Aufträge baldigst ändern. Hier heißt es: Dreißig Zentimeter hinter dem benannten Grab findet er in zwanzig Zentimeter Tiefe ein zusammengerolltes und eingeschweißtes Dokument mit Informationen zur Zielperson und dem Ort. Caiden wird alles perfekt und unauffällig abgelegt haben, der Job kann beginnen. Und er wird auch schon die Anzahlung auf seinem Konto haben, Caiden hält sich penibelst an die Regeln. Ein Blick mit dem Tablet auf sein Cayman-Konto bestätigt seine Annahme: 100.000 US-Dollar, Eingang gestern.
„Schatz! Ist das Trägerlose nicht ein wenig mutig?“
Britta sieht darin aus wie ein Traum. Lars weiß gar nicht, warum sich Frauen zum Ausgehen immer so elegant, reizend und toll rausputzen, dass man vor lauter Appetit am liebsten gleich daheim zur Hauptspeise schreiten möchte. Doch leider ist es dann oft so, dass der Abend interessant ist und lang dauert und schließlich fällt die Erotik der Müdigkeit zum Opfer.
„Du sieht damit hinreißend aus, meine Liebste, ich würde es anbehalten und wenn du nur einen Gedanken daran verschwendest, es jetzt wechseln zu wollen, dann hole ich es dir vom Leib, das geht dann schneller und wir sollten sodann beide etwas Aufregendes davon haben.“
Britta schlüpft in ihre Pumps.
„Heute Nacht, mein Süßer, wir müssen los, wir sind spät dran.“
Es geht mir, seit ich von Berlin nach Hamburg in Brittas große Eppendorfer Altbauwohnung gezogen bin, richtig gut, denkt Lars erfreut. Britta kennt er schon seit ihrer gemeinsamen Studienzeit, hat sie aber zwischenzeitlich aus den Augen verloren. Erst als er in Schwierigkeiten gekommen ist, weil quasi vor seinen Augen ein Fahrgast abgeknallt wurde, sind sie sich nähergekommen. Die Erinnerungen an diesen Pharma-Fall kommen Lars immer mal wieder. Wie gut, dass er damals Britta an seiner Seite hatte. Aber auch die Juristen Bert und Johann, die beiden anderen Studienfreunde, halfen mit vollem Einsatz bei der Lösung des Falles.
„Herr Chauffeur! Können wir heute den Polo nehmen oder steht da wieder so eine Angeberkutsche?“
Britta stichelt ganz gerne, wenn es um Lars Arbeitsgerät geht. Oft nimmt Lars die großen schwarzen Limousinen mit zu Britta. Meist, wenn die Aufträge nahtlos ineinander übergehen oder er einen Fahrgast für längere Zeit betreut und dieser den Chauffeur gerade nicht benötigt.
„Da muss sich die Starjournalistin mit ihrem Trägerlosen in den Polo setzen, sorry. Zurzeit herrscht Auftragsflaute in Hamburg. Aber am Horizont rollt schon eine Riesenwelle Arbeit auf mich zu. Deshalb genieße ich die autofreie Zeit. Übrigens, würde es mich in höchste Freude versetzen, wenn du das Vehikel fahren würdest. Nicht, dass du das Fahren gänzlich verlernst.“
„Wie fürsorglich du bist, das kann nicht unwidersprochen bleiben, mein Lieber. An deinem Sakko fehlt ein Knopf, ich würde es wechseln. Okay, ich fahre.“
Lars betastet das braune Sakko.
„Tatsächlich, ich ziehe das graue an, wenn es recht ist?“ Schwarze Anzüge kann Lars in seiner Freizeit nicht mehr sehen, es ist seine Berufskleidung.
„Klar, aber Tempo, wenn ich bitten darf.“
Mit dem Polo geht es zügig in Richtung Hamburger Rathaus. Der prächtige Bau beherbergt die Hamburger Bürgerschaft und den Senat. Britta steuert das Kfz problemlos durch die von Autos geplagte Innenstadt.
„Was steht da heute eigentlich an? Du hast dich ja ziemlich aufgebrezelt.“
Lars kommt öfter mit zu Brittas Presseterminen, er findet es interessant, wie sie ihre Arbeit macht, und beobachtet gerne die Menschen, die sich dort wichtig tun oder sich einfach für Dinge rechtfertigen, die sie verbockt haben. Bei heiklen Terminen darf er nicht mit, dann sind nur akkreditierte Pressevertreter zugelassen, aber oft genug klappt es. Britta hatte Lars schon mal als ihren Assistenten ausgegeben, das funktionierte problemlos. Wenn es Häppchen oder ein Glas Sekt gratis gibt, dann sagt er nicht nein.
„Im Rathaus wird heute eine Ausstellung eröffnet. Wir als großes deutsches Nachrichtenmagazin stehen automatisch auf der Presseliste. Wir werden sicher nicht sofort darüber berichten, aber Anwesenheit, gerade bei diesem sensiblen Thema, ist von der Chefredaktion erwünscht.“
„Was für ein Thema? Das klingt ja geheimnisvoll.“
„Die versteckten Juden in Hamburg“, erklärt Britta.
„Während der NS-Gewaltherrschaft wurden die deutschen Juden in die Vernichtungslager nach Osten deportiert. Das Reich sollte judenfrei sein, so wollten es Hitler und seine Mörderbande. Die meisten hat es dann auch erwischt. Entweder sind sie freiwillig zu den Sammelpunkten gekommen und wollten an einen Arbeitseinsatz im Osten glauben oder die Gestapo hat sie gewaltsam abgeholt.“
„Halt Moment mal, es handelt sich also um ein NS-Thema, richtig?“
„Ja, Herr Chauffeur, sie haben es erkannt. Ich hoffe, das führt weder bei ihnen zu einer intellektuellen Überforderung noch zu dem ‚Ich kann es nicht mehr hören, außerdem war ich nicht dabei.“
Lars fühlt sich ertappt. Genau in diese Richtung wollte er gerade lospoltern. Doch auch er hatte als Chauffeur in Berlin viel mit Juden und Veranstaltungen im Zusammenhang mit dem Holocaust zu tun gehabt. Er erinnert sich an ein altes Pärchen, das er durch die Ausstellung der Wannsee-Villa geführt hatte. Dabei blieb ihm oft fast die Luft weg, als er schwarz auf weiß in den Protokollen der Wannsee-Konferenz nachlesen konnte, wie eiskalt logistisch der Mord an Menschen mit jüdischem Glauben durchgeführt worden ist. Ein paar Tage später ist Lars wieder in die Wannsee-Villa gefahren und hat weitere Dokumente gelesen, diesmal alleine.
Lars legt eine ernste Miene auf.
„Nein, das geht schon in Ordnung, ich war bloß nicht auf dieses Thema vorbereitet, aber jetzt bin ich bereit. Du musst also nichts über diese Ausstellung schreiben, sondern nur Präsenz zeigen? Habe ich das richtig verstanden?“
„Nicht so ganz, ich werde etwas für unseren Recherche-Pool schreiben. Du weißt doch, wir sammeln und sammeln bis endlich eine Geschichte daraus wird. So arbeitet dieses Nachrichtenmagazin schon seit Jahrzehnten. Wichtig ist heute, wer da ist und wer welche Reden hält. Immerhin heißt es, dass der Bundespräsident auch kommen soll.“
„Wow, und ich fahre ihn nicht, da hat er was versäumt. Aber halt, setze mich doch bitte weiter ins Licht. Was heißt: Die versteckten Juden in Hamburg?“
Britta hält die Augen auf, denn ein Parkplatz muss her.
„Nicht alle Juden wurden in die Vernichtungslager deportiert. Es gab mutige Hamburger, die sie bei sich in der Wohnung oder im Garten versteckt haben, und das über Jahre. Sie haben sie verpflegt und ihnen Mut zugesprochen. Einige haben überlebt, andere nicht. Sie sind durch Verrat aufgeflogen oder bei der Bombardierung durch die Amerikaner und Briten getötet worden. Sie konnten ja schließlich nicht mit in den Luftschutzkeller. Aber, es waren nur ganz wenige Deutsche, das muss auch deutlich gesagt werden, die so ein Risiko eingegangen sind.“
„Du meinst, man sollte aufpassen hier nicht den Gutdeutschen zu verkaufen?“
„Genau das ist der Knackpunkt, der politische. Es gibt inzwischen sogar die Vermutung, dass die Menschen, die deutsche Juden, also fast ihre Nachbarn, versteckt haben, miteinander in Verbindung standen. Sie haben sozusagen ein Netzwerk gebildet.“
„Hochinteressant! Warum parkst du nicht einfach hier rechts ein und steckst dein Presseschild hinter die Windschutzscheibe?“ Lars zeigt auf einen freien Parkplatz, der sich allerdings im Halteverbot befindet.
„Du weißt, wie ungern ich die Journalistin raushängen lassen möchte. Ich finde es peinlich, auf diese Privilegien zu pochen. Übrigens das gilt auch für Häppchen auf Pressekonferenzen. Ich vermeide diese Art von Verpflegung. Ich komme mir dabei etwas gekauft vor.“
Britta hat Recht, denkt Lars, er wird sich beim Catering zurückhalten.
„Was hältst du davon, wenn wir hinterher zu unserem Eppendorfer Italiener gehen und uns noch was Gutes antun?“ Britta hat schon die Lösung für die Nahrungsaufnahme gefunden.
„Gute Idee, aber nicht so richtig doll viel essen, den Hauptgang möchte ich lieber bei uns zu uns nehmen.“
Die ‚Trattoria Campo da Franco’ liegt nicht weit von Brittas und Lars’ Wohnung, die sich in der Geschwister-Scholl-Straße befindet, entfernt. Das Restaurant ist in dem Haus, wo einst der Komponist Johannes Brahms wohnte, und glänzt mit apulischer Gastlichkeit. Es ist gemütlich eingerichtet und das Essen schmeckt vorzüglich. Es ist das Stammlokal des Chauffeurs und der Journalistin.
„Ich fand die Reden steif. Außerdem hatte ich das Gefühl, dass es beim Wettkampf – wer zeigt die größte Betroffenheitsmiene – keine Verlierer gab. Und dass der Bundespräsident nur einen Gruß verlesen ließ, ist enttäuschend. Dann hätte er seine Anwesenheit gar nicht erst ankündigen sollen.“
Lars füllt in beide Gläser den Rest des offenen Rotweins und schaut Britta tief und intensiv in die Augen. Britta erwidert den Blick.
„Ich empfinde es auch so. Man sollte mal, wenn der Wirbel vorbei ist, sich die Zeit nehmen und die Ausstellung in aller Ruhe ansehen. Ich habe leider nicht viel von den Exponaten mitbekommen. Aber jetzt würde mich der Hauptgang interessieren. Du hattest ihn großspurig angepriesen.“
„Dann sollten wir bezahlen und die Lokalität wechseln, hoppla mein Handy vibriert.“
Lars schaut auf das Display.
„Das ist ‚Very first class Limo’ aus Berlin, um diese Uhrzeit. Die wissen doch, dass ich nicht mehr in der Hauptstadt arbeite. Vielleicht haben sie einen Job für mich hier in Hamburg.“
„Geh doch ran, dann weißt du es“, fordert Britta.
„Lars Maibach.“
„Wunderlich vom Limoservice, für die späte Störung entschuldige ich mich, es ist aber schön, dass ich sie noch erreiche.“
„Was kann ich für sie tun, Frau Wunderlich?“
„Ich weiß, sie arbeiten jetzt vornehmlich in Hamburg, aber wir haben da ein kleines Problem.“
„Wenn ich helfen kann, wäre es mir eine große Freude.“ Lars zuckt mit den Schultern, um Britta zu signalisieren, dass er immer noch nicht weiß, um was es geht.
„Sie haben vor Jahren eine Dame aus den USA für ein paar Tage in Berlin betreut, Frau Professor Doktor Mitteldorff. Sie ist eine Deutsche. Können sie sich erinnern?“
Lars versucht sich zu erinnern.
„Nicht wirklich, ich habe mit sehr vielen Menschen in den letzten Jahren zu tun gehabt …“
„Es ist eine ältere Dame gewesen, sie ist wegen einer Beerdigung nach Berlin gekommen und …“
Jetzt fällt bei Lars der Groschen.
„Ja, ich erinnere mich, ein freundliches Wesen, richtig, wir hatten trotz des traurigen Umstandes viel Spaß gehabt.“
„Genau jene Dame kommt wieder nach Berlin und möchte wieder sie als Chauffeur buchen, natürlich nur, wenn sie Zeit haben und den Job auch annehmen würden. Und sie möchte darauf hinweisen, dass sie in den letzten Jahren nicht beweglicher geworden ist. Ich denke, sie bräuchte ein wenig Hilfe bei einigen Dingen“, analysiert Frau Wunderlich.
„Um was für einen Zeitraum handelt es sich“, möchte Lars wissen.
„Ein, maximal zwei Wochen hat sie angegeben. Wir würden gerne ihnen, Herr Maibach, den Auftrag geben. Zu ihrer Bezahlung würden wir einen erhöhten Spesensatz ansetzen und die Fahrt nach Berlin in der zweiten Klasse übernehmen. Würden sie zusagen, vermitteln wir ein kurzes Vorgespräch mit Professorin Mitteldorff, sie hat darauf bestanden, auch wenn es in unserem Geschäft sehr ungewöhnlich ist. Haben sie die Eckpunkte mitbekommen?“
„Ja, soweit ist alles klar, ich muss aber erst hier in Hamburg meine Terminplanung prüfen und absprechen.“ Lars ist sich noch unsicher.
„Geben sie mir morgen im Laufe des Tages Bescheid, das reicht uns völlig.“
Der Briefkasten vor der Tür, was wäre das für ein Luxus. Liegt er aber knappe 9.000 Kilometer entfernt, dann muss sich der Weg schon lohnen. Pierce steckt die Reise nach Singapur in den Knochen. Der Inlandsflug nach Johannesburg ist ein Klacks gegen den Stunden zehrenden Trip über den Indischen Ozean. Glücklicherweise erwischte er noch einen Platz bei Singapur Airlines in der Business-Klasse. Hier ließ man ihn in Ruhe schlafen, was bei den bequemen Sitzen leicht möglich ist.
Er buchte sich für sich eine Nacht ein Zimmer im Scarlet Hotel in der Erskine Road. Sehr zentral, zum Flughafen sind es 16 Kilometer, ein wichtiger Punkt, der immer wieder während der Planungsphase beachtet werden muss. Lange wird er nicht in Singapur bleiben, der Job wird ihn sicherlich an irgendeinen anderen Punkt der Welt bringen. Gut so, dieses feucht-tropische Klima ist nicht meine Welt, denkt er.
Der Bukit Brown Friedhof hat sich bisher als idealer Briefkasten erwiesen. 1973 fand die letzte Nutzung statt, jetzt hat der direkt daneben liegende Friedhof diese Aufgabe übernommen. Seit dem letzten Begräbnis wird der chinesische Friedhof als Park und Denkmal genutzt. Ab und zu verlaufen sich Touristen dorthin und ein paar Angehörige der Verstorbenen besuchen die Gräber ihrer Verwandten. Die Lage, südlich der Lornie Road, mit direktem Anschluss an das Autobahnnetz gab schließlich für Pierce den Ausschlag, diesen Briefkasten in Singapur zu eröffnen. Aber es müsste bald wieder ein Wechsel stattfinden. Zu viele Auftraggeber waren schon dort gewesen. Pierce wird das Projekt in nächster Zukunft angehen.
Durch den zähen Verkehr in der City schiebt sich das Taxi in nördliche Richtung. Pierce weiß, dass die Fahrt, wenn es gut geht, trotz der nur fünf Kilometer eine halbe Stunde dauern kann. Zum Glück hat er ein klimatisiertes Fahrzeug ergattern können. Der Fahrer versucht touristische Programme zu verkaufen, Pierce deutet freundlich an, dass er über seine Agentur in besten Händen ist. Kurze Hose und ein buntes Hemd, Pierce hat diese Kleidung bewusst gewählt, damit gar kein geschäftlicher Hintergrund seiner Reise sichtbar werden könnte. Man ist hier sehr neugierig und der chinesische Einfluss ist nicht zu unterschätzen.
Pierce lässt sich am ‚Singapore Island Country Club’ absetzen, das ist unauffällig und so mancher Feriengast ist hier auch schon gesehen worden. Von dort läuft Pierce einen guten Kilometer bei schweißtreibenden Temperaturen. Eine Vorsichtsmaßnahme und eine letzte Kontrollmöglichkeit, Verfolger zu entdecken. Langsam, aber zielsicher, bewegt er sich zu dem altbekannten Grab hin. Bei jedem Besuch ist er immer wieder überrascht, keine Kreuze auf den Gräbern zu finden. Ein paar Rucksacktouristen schleppen sich in den Schatten am Rande. Pierce behält sie im Auge, zwei Minuten später schickt sie ihr Navigationssystem weiter und hinaus aus dem Friedhof.
Pierce gräbt mit einem Minispaten in die Tiefe und legt ein eingeschweißtes Papierröllchen frei, das sofort in seiner Umhängetasche verschwindet. Das Sicherheitsritual beim Abmarsch ist ähnlich. Fußweg und Taxi, dann Einstieg in die Metro und Fahrt zum Hotel.
Als Erstes mixt sich Pierce einen Gin Tonic aus der Minibar (Hendrick’s Gin) und zieht sich mit samt Getränk in das Bad zurück. Mal sehen, wen Caiden aus der Welt geschafft haben möchte. Jedes Mal kribbelt es ihm, er weiß, dass er irgendeinen Menschen ins Jenseits befördern wird. Die Zielperson ist quasi schon tot, bevor er sie kennt. Spannend bleibt die Frage nach dem Ort und der Art und Weise.
Manche Kunden, es sind die meisten, wünschen sich einen Unfalltod. Aber es gibt auch sehr extravagante Vorstellungen. Hinrichtungen, die als solche erkennbar sein sollen bis zum wasserdichten Selbstmord, alles schon da gewesen. Die Tötungsmittel reichen vom abgefeuerten Projektil über den Einsatz von letaler Chemie oder pharmakologischen Produkten bis hin zur Verwendung elektronischer Varianten. Der Kunde ist König, die Dringlichkeit und Sonderwünsche bestimmen den Preis.
Pierce studiert die Daten der Zielperson. Caiden tickt wohl nicht ganz richtig, was soll das denn? Eine 93 Jahre alte Frau, Unfall oder natürlicher Tod werden bevorzugt gewünscht, eine Amerikanerin mit deutschen Wurzeln aus Los Angeles. Sie reist nach Deutschland und genau dort soll sie exekutiert werden. Pierce überfliegt die biographischen Daten und betrachtet kurz das aktuelle Foto. Eine von Krankheit gezeichnete alte Frau blickt ihn an.
Ein hochrangiger Militär, ein einflussreicher Politiker oder ein superreicher Wirtschaftsboss, das alles hätte Pierce erwartet. Aber dieser Job hier? Die biologische Lösung könnte schneller greifen, als er seine Arbeit erledigt hat, und warum gerade in Deutschland?
Das Trägerlose und die anderen Kleidungsstücke von Lars und Britta liegen verstreut in der Wohnung. Beim genauen Betrachten zeichnen sie eine Spur in das Schlafzimmer.
„Sie hat irgendetwas mit dem Theater zu tun, soweit ich mich erinnern kann“, Lars zieht behutsam die Schlafdecke über Britta.
„Ach, du bist bei deinem Auftrag. Ich fand das Theater, das du als Hauptspeise serviert hast, einfach umwerfend, Schatz, die Kritik fällt super aus, eine Wiederholung ist erwünscht.“
„Immer gerne, ein paar Zutaten könnten wir mal versuchsweise austauschen.“
„Und das wäre?“
„Phantasiesteigernde Applikationen!“
Brittas Hand gleitet sanft unter der Decke herab, zielsuchend wird sie fündig.
„Ich nehme den Job an und fahre nach Berlin, was hältst du davon?“
„Von einem Profi habe ich nichts anderes erwartet und ein paar Tage Trennung sind durchaus appetitanregend.“
„Okay, dann schreiten wir jetzt zur Nachspeise!“
Sein nächstes asiatisches Depot befindet sich in Südkorea, nahe der Hauptstadt Seoul. Es ist, wie alle Lagerstellen, üppig bestückt. Seit Pierce weltweit operiert, errichtete er mehrere gut versteckte Depots. Unnötige Risiken müssen vermieden werden, sie entstehen durch lange Transportwege, Grenzübertritte und eine große Konzentration von Menschen an einem Ort. Der Aufbau der Depots war mühsam und zeitintensiv. Anfänglich dachte er noch darüber nach, Bankschließfächer zu nutzen. Die Risiken schätzte er doch zu hoch ein. Er ist abhängig von Öffnungszeiten, Bankgebäude werden zudem vor der Einganstür mit Videokameras überwacht, und hin und wieder werden sie von Amateurgangstern geknackt, die sich irgendwie durch den Boden einen Zugang verschaffen. Letztlich sprachen praktische Gründe für Outdoor-Depots. Als Kunde mit einer Aktentasche rein in eine Bank und raus mit einem großen Koffer voller Waffen und Technik. Zu auffällig. Mit den Outdoor-Depots ist Pierce jetzt in der Lage, schnell und effizient zu handeln.
Die Depots sind im Wesentlichen alle mit den gleichen Arbeitsmitteln gefüllt. Diverse Handfeuerwaffen aller Kaliber, starke und durchschlagskräftige Waffen sowie Scharfschützen-gewehre der neuesten Generation. Sie ermöglichen den letalen Treffer aus gut einem Kilometer Entfernung. Verschiedene Sorten Sprengstoff in flüssiger und fester Form mit der dazugehörigen Elektronik für alle denkbaren Einsätze. Beobachtungs- und Abhörelektronik mit sensiblen Linsen und Sendern kommen bei komplizierten Kundenwünschen häufig zum Einsatz. Gifte und pharmazeutische Produkte für den direkt herbeigeführten Tod oder zur nicht nachweisbaren Überdosierung, die beim Opfer zwangsweise den Exitus nach einer bestimmten Zeit einleiten. Pässe verschiedener Nationalitäten, Bargeld und Kreditkarten gehören genauso dazu wie Mobiltelefone und reichlich SIM-Karten, die für die Einmalnutzung gedacht sind.
Genau so eine Karte plus Telefon benötigt Pierce jetzt. Eine Reise nach Seoul für eine SIM-Karte würde vom Risiko und dem Zeitverlust her in keinem Verhältnis stehen. Das Depot in Europa, das sich im deutschen Spessart befindet und für das Operationsgebiet Mitteleuropa zuständig ist, wird er ohnehin anzapfen müssen. In der Bugis Street nahe der von Touristen gern besuchten Markthalle wird er bei einem fliegenden Händler fündig und kauft eine SIM-Karte. Fragen werden hier nicht gestellt.
„Die Redaktion wartet, wir haben heute Schlusstag für das neue Heft und die gemeinsame Konferenz mit den Leuten von der Online-Redaktion wird wieder zeitraubend sein. Die glauben, sie seien etwas Besseres. Schatz, weißt du schon, wo du in Berlin unterkommen wirst?“
Lars sitzt noch am Frühstückstisch im Morgenmantel und blickt in den Kaffeepot, der ihm offenbar eine Lösung verraten hat.
„Ich telefoniere ein paar Kollegen ab. Es ist nichts Ungewöhnliches, wenn man sich unter den Chauffeuren mit Quartieren hilft. Ich habe da schon eine Idee. Vielleicht hätte ich meine Berliner Wohnung in Schöneberg doch nicht aufgeben sollen.“
„Es gefällt dir wohl hier nicht, Kerle müssen immer ein zweites Standbein irgendwo haben. Das liegt an der Jäger- und Sammler-Mentalität.“
Britta ist fertig geschminkt und streift sich die schwarze Lederjacke über.
„Müsst ihr Frauen immer alles ins Gegenteil verbiegen? Ich bin hier sehr glücklich und so soll es auch bleiben und das ist gut so. Und finanziell wäre die Wohnung ein Klotz am Bein gewesen, das ist doch völlig klar.“
„Frieden, Euer Ehren. Liebling ich muss jetzt los, in die Welt der Medien. Bitte melde dich und mache keinen Mist wie letztes Mal mit dem durchgedrehten Pharmaboss, der seine Konkurrenz einfach weggeblasen hat.“
„Klar passe ich auf, und was soll eine 93-jährige Frau schon für ein Risiko darstellen? Die wird sicher keiner umbringen wollen.“
Eine lange intensive Umarmung mit erotischen Küssen, die das Nachziehen von Brittas Lippen erforderlich machen, beendet die Diskussion.
„Wir bleiben in Verbindung, ciao bello.“
Der gewünschte Anruf bei Irma Mitteldorff in Los Angeles war kurz und knapp. Sie stecke in Reisevorbereitungen und freue sich über den Anruf von Lars Maibach. Auch könne sie sich an Lars gut erinnern, wegen seiner Stadtkenntnisse und den passenden Geschichten dazu. Das hätte sie in einer schwierigen Lebenssituation abgelenkt. Mehr Informationen zu ihrer Deutschlandreise konnte Lars ihr nicht entlocken.
Das Restaurant „Per Se“ befindet sich am südlichen Rand des Central Parks. Man bekommt Zutritt über die vierte Etage im Time Warner Center, wenn man Einlass bekommt. Das „Per Se“ in New York zählt zu den besten und teuersten Adressen in der Welt, Reservierungen sind so gut wie unmöglich oder man plant für das nächste Jahr. Über ein Kartensystem des Restaurants mit entsprechenden Gegenleistungen der Gäste kann diesbezüglich einiges erleichtert werden.
Caiden ist Stammkunde im „Per Se“ und für ihn steht immer ein Tisch bereit, er zahlt dafür auch einen ordentlichen jährlichen Betrag. Die beiden Partner seiner LCSCN Consulting Group lassen sich das 300-Dollar-Menü schmecken. Hin und wieder schlürfen sie vorsichtig am Domaine Louis Carillon & Fils. Der französische Weißwein aus dem Jahre 1992 ist mit 2.200 Dollar noch lange nicht der teuerste Tropfen auf der umfangreichen Weinkarte. Obwohl ihre Partnergehälter ansehnlich sind, werden sie nicht alle Tage ins „Per Se“ eingeladen.
„Meine Herren, eine zuverlässige Quelle hat uns zugetragen, dass der US-Militärhaushalt im nächsten Jahr drastisch steigen wird. Dies ist beschlossene Sache, es sind nur noch einige Formalien zu klären. Der Kongress wird ebenfalls zustimmen. Sie wissen, was das bedeutet, wir werden diese Information vergolden und ich möchte sie ab sofort hart arbeiten sehen.“
„Wie weit können wir gegenüber den Investoren die Quelle näher identifizieren? Die Argumentationsstärke ließe sich verbessern, Mr. Caiden.“
Blake ist schon länger Partner bei der LCSCN Consulting Group und möchte die Akquise erleichtern.
„Blake, und das gilt auch für Smithers, ihr Verkaufstalent ist gefordert, eine Quelle gibt es nicht, es ist unser Unternehmen, das mit seiner bisherigen Performance Anlegern zu sehr viel Geld verholfen hat. Was ich ihnen mitteile ist, höchst vertraulich zu behandeln. Sollte jemand von ihnen dagegen verstoßen, werde ich sehr ungemütlich.“ Caiden muss am Pierce denken.
„Wir lagen bisher fast immer richtig und ich habe nicht vor, diese Strategie …“
Caidens privates Mobiltelefon ist aktiv geworden, er wirft einen genervten Blick darauf. Eine ihm völlig unbekannte Nummer erscheint. Das ist unmöglich, sein Privatgerät gibt es eigentlich nicht, ein Dutzend Personen können ihn darüber erreichen, darunter der Außenminister der Vereinigten Staaten von Amerika.
„Entschuldigen sie meine Herren.“
Caiden eilt mit dem Gerät in eine unbesetzte Ecke des Nobelrestaurants und nimmt das Gespräch an.
„Ja?“
„Bestätige den Auftrag!“, fordert Pierce.
„Es ist ein Fehler, diese Gespräch hier.“
„In Deutschland?“
„So will ich es.“
Mit einem Knacken ist das Gespräch beendet. Caiden spürt Unbehagen in sich aufkommen. Das Essen ist für ihn beendet, obwohl er noch von dem geplanten Börsengang berichten wollte.
„Irma, hast du auch deine Medikamente eingepackt?“ Cathy ist aufgeregter als die alte Dame.
„Kindchen, es ist alles in bester Ordnung und wenn etwas passiert, habe ich noch ein paar Adressen deutscher Ärzte, die mir Dr. Warner aufgeschrieben hat.“
„Pass, Kreditkarten und dieses komische Eurogeld, hast du wirklich nichts vergessen?“
„Nein und ja, komm mal mit“, fordert sie.
Beide gehen zu ihrem Schreibtisch, Irma zieht ein Dokument aus einem Ordner.
„
