Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Eine widerliche Darstellung des Entführers vor offiziellen Stellen. Christoph hält Theresa in seinem Haus gefangen, er liebt sie seit der ersten Schulklasse abgöttisch. Damals sagte sie zu ihm: "Ich hab' dich lieb!" Dies bleibt in Christophs Gehirn hängen und schlimmer, es bohrt sich in seine ganze Lebensplanung ein. Theresa ist bei einem Klassentreffen arg- und wehrlos und Christoph nutzt die Gelegenheit, er nimmt sie mit zu sich, schließt sie in einem Schutzraum ein und hält sie wie ein Tier. Theresa lässt sich schließlich auf Christoph ein, folgt seinen Wünschen und bekommt eine Chance zur Flucht. Begleitet von neuer Überwachungstechnik und vor dem Hintergrund riesiger Flüchtlingsströme nach Europa zieht Christoph seine Mission durch. Psychologische Gutachten werden diesem Verbrechen weniger nahe kommen als diese Schilderung des Täters selbst. Christoph erzählt von Beginn an wie es zur Katastrophe kommen konnte. Doch für ihn ist es kein Verbrechen …
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 82
Veröffentlichungsjahr: 2015
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Michael Tycher
Die Freiheit der Waagen
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
1. Christoph
2. Theresa
Impressum neobooks
Die Geschichte dieses Romans ist frei erfunden. Personen, Namen, Handlungen, Orte und Ereignisse sind das Produkt der Fantasie des Autors. Jegliche Ähnlichkeit mit tatsächlichen, lebenden oder verstorbenen Personen bzw. Ereignissen ist rein zufällig.
Es ist wichtig, die Vorgänge von Anfang an zu erzählen. Sonst kämen die mir gemachten Vorwürfe in ein irreführendes Licht. Man wirft mir manch Böses vor, doch am Ende geschah alles nur aus einer reinen und tiefen Liebe, die ihres Gleichen in der Geschichte suchen wird. Ich bin unschuldig an all den Dingen, die passierten und würde in der Zukunft niemals – falls sich dieses Leben noch einmal so für mich ergeben würde – alles genauso machen. Also jetzt von vorne:
Einschulung war an einem Samstag, alle Kinder waren neu, scheu und kannten niemanden außer ihren Eltern, die sich bald verzogen. Ein Wink der zukünftigen Klassenlehrerin sorgte dafür. Ich begegnete das erste Mal Theresa. Wir beide sind kaum den verschiedenen Kitas entronnen und hatten uns gerade ein paar Sekunden gesehen, wir mussten in Zweierreihen Aufstellung nehmen. Wir schauten uns an. Ihre ersten Worte zu mir waren:
„Ich hab’ dich lieb!“
Ich kann mich verdammt gut daran erinnern und habe es nie vergessen, es strömte so unglaublich viel Wärme durch meinen Kinderkörper. Ihre strohblonden zu einem Zopf gebundenen Haare und ihre tief blauen Augen verfolgen mich bis jetzt, in diesem Moment, wo ich mich aus freien Stücken dazu entschlossen habe, dies alles staatlichen Stellen anzuvertrauen.
Es macht Sinn für alle Leser, die Ereignisse mit Theresa und meinen Weg bis zu den angeblichen Missverständnissen von Anfang an zu erzählen, genau wie sie sich bis zum heutigen Tag entwickelt haben. Ich möchte damit die Vorkommnisse erklären, aber nichts entschuldigen oder rechtfertigen, aber doch an der Aufklärung der Ereignisse mitwirken. Auch verschweigen werde ich nichts. Ich möchte endlich in Ruhe gelassen werden. Das, was passierte war nicht meine Schuld. Ich werde die reine Wahrheit hier wiedergeben und schwöre, dass ich nichts Wesentliches weglassen werde.
Während wir die ersten beiden Schuljahre durchliefen hing mein Blick ständig auf Theresa. Ihre Fröhlichkeit steckte mich an. Bei uns in der schmalen Elternwohnung war es immer dunkel und erdrückend wie in einem Käfig. Lachen war verboten und das Leben der Kinder schien eine Belastung zu sein. Ich kam mir überflüssig, ja gar nicht gewollt oder behütet vor.
Als ich Theresa sah wollte ich ihr vor der gesamten Schulklasse beweisen, dass ich der Mensch bin, der für sie auserwählt worden ist. Ich fühlte mich unendlich zu ihr hingezogen. Warum, wusste ich damals noch nicht, irgendeine innere Botschaft sagte es mir: Dieses Wesen und kein anderes ist meine Zukunft. Heute bin ich mir sicher, dass sie für mich bestimmt ist. Ich warb um sie, erzählte davon, wie ich sie von bösen Geistern aus dem Netz befreien könne. Sie hielt sich für unschuldig und bedeckt, schäkerte fast frühreif mit anderen Jungs herum. Ich war fassungslos, sie sagte doch zu mir:
„Ich hab’ dich lieb!“
Mich alleine.
In meinen Träumen rettete ich sie vor Verbrechern und bösen Geistern, sie war der kleine Mensch, der mir plötzlich etwas bedeutete bis heute wo sie nicht mehr da ist. Meine Phantasie uferte bis ins Unvorstellbare aus. Ich war der Ritter, der Theresa von miesen Gestalten befreite, nicht nur in den Spielen im Internet. Doch sie wollte meinen Einsatz für sie nicht erkennen. Nicht jetzt, erst später sprachen wir darüber.
Quälend erschienen mir die Unterrichtsstunden in den Jahren, ich sah zu Theresa rüber. Erwiderte sie meinem Blick, durchzog mich ein intensiver Wärmeschwall. Ich war den ganzen Tag wie elektrisiert, blickte sie weg, wollte ich nicht mehr leben. Es mag für einen jungen Menschen heute lächerlich klingen, aber genau so war es. Und ich kannte damals keine Kitschromane und las keine Love Stories, die in den Weiten des digitalen Wahnsinns auch ihre Leser fanden.
Theresas Ignoranz mir gegenüber, wenn sie anderen Mitschülern ihre Aufmerksamkeit schenkte, traf mich wie ein Speer des Teufels. Plötzliche Lähmungswellen warfen sich über mich. Mein Herz schlug nicht, bombardiert von Artillerieeinschlägen verlor es den Rhythmus. Rasend vor Wut verfolgte ich ihre Blicke im Klassenraum, unschuldiges verträumtes Suchen nach Anerkennung strahlte sie aus, sie hat sich schon als Kind in den Mittelpunkt des Geschehens gespielt. Und sie hat gewonnen, die, die mich liebte.
Von den Kids kam auf ihre Provokation vielleicht ein Zwischenruf, ich weiß nicht mehr was es war, sie gab etwas zurück, ich verstand es nicht, alle lachten über das Geschehene, nur ich nicht. So war es damals, ich schluckte alles runter.
Wir Jungs spielten Fußball, es gab Klassenspiele, unser Team trat gegen das der Nachbarklasse an oder sogar gegen ältere Jahrgänge. Dann holten wir uns schwere Prügel ab, ganz schlimm, sie waren körperlich überlegen. Die Spiele fanden nach dem Unterrichtsschluss auf dem Sportplatz der Schule statt. Unsere Aufregung zog sich schon den ganzen Tag bis zum Spiel hin, den Unterrichtsstunden folgten wir bis zum Tageshöhepunkt schon lange nicht mehr, das Klassenspiel stand im Mittelpunkt. Ja, es war ein Ereignis, an dem auch ich teilnahm. Die Lehrer schauten bei den Klassenspielen zu, die Sportlehrer coachten uns und gaben bei Verletzungen Eisprays. Die Mädchen unserer Schulklassen machten am Rande des Spielfelds Stimmung, fast wie Cheerleader heute in den USA, auch Theresa war dabei.
Mein Talent für einen Mittelstürmer war schlecht. Der Trainer, unser Sportlehrer, erklärte mir, ich müsse mehr nach hinten hängen und dort Verantwortung übernehmen und dann blitzschnell in den Angriff wechseln. Ich hing also nach hinten, doch mit der geforderten Verantwortung und dem Blitzstart wollte es nicht so richtig klappen. Ich suchte Mitspieler, die sich mir anboten, aber niemand war bereit, mir die Verantwortung abzunehmen, alle liefen nach vorne, um Tore zu schießen. Die mir zugedachte Position könne ich nicht ausfüllen, erklärte der Lehrer in der Halbzeit.
Theresa stand mit den uns anfeuernden Mädchen an der Seite. Sie schaute in meine Richtung und rief etwas, ich verstand sie nicht, alle brüllten durcheinander. Nur für Theresa und keinen anderen Menschen auf der Welt kämpfte ich. Der Lehrer blickte zu mir und ein anderer Schüler erhob sich von der Bank, Auswechselung. Ich rannte, etwas trieb mich unaufhörlich an. Ich schoss das wichtige Tor. Lob und Umarmungen folgten, ich war der Held, der Spieler der anderen Klasse, den ich überrannt hatte, lag noch auf dem Spielfeld. Nach dem Spiel sagte mir jemand, er sei im Krankenhaus wegen eines Schienbeinbruchs. Ich hätte ihn schwer verletzt, niemand könne sich erklären warum aus mir so plötzlich fast „ein Tier auf dem Spielfeld“ geworden sei.
Theresa stand am Spielfeldrand mit den anderen Mädels unserer Schulklasse. Sie tippte etwas in ihr Handy. Ich weiß es genau, weil ich kurz nach meinem Tor in ihre Richtung schaute. Sie war intensiv mit ihrem Handy beschäftigt. Meine Mitspieler fielen mir in die Arme, Glücksgefühle wegen des Tores überkamen mich und Theresa starte noch immer in ihr Mobiltelefon. Ihre Abwesenheit von den Ereignissen, die ich beobachtete, enttäuschte mich sehr. Meinen Jubel und die innere Befriedigung konnte sie nicht wahrnehmen. Viel schlimmer, sie drehte sich ab und rief ihre umstehenden Freundinnen zu sich, das was ihr Handy zu ihr sagte, war wichtiger als mein Kampf, der ausschließlich ihr gegolten hatte. Die Enttäuschung ließ mich die ganze Nacht nicht los, die Albträume quälten mich so, als würde jemand Säure auf meinen Kopf schütten. Irgendwann schlief ich ein und schwor mir, dass dieser Tag nicht ohne Folgen sein würde.
Am nächsten Tag in der Deutschstunde zeigte ich ihr meinen Ärger. Kein Gruß, kein Lächeln, ich strafte sie, weil sie mich gestern nicht beachtet hatte. Sie wollte mit mir reden und sagte:
„Toll, du hast ein irres Tor gestern geschossen“, aber mit meiner Wut im Bauch drehte ich mich sprachlos ab von ihr und lief sinnlos weg. Nicht alle hatten schon damals Handys, meines wurde mir erst von meinen Eltern zum Geburtstag versprochen, ich war quasi kommunikativ blind, in unserer Klasse ein Niemand. In den Netzwerken der Cliquen tauchte ich nicht auf, meine Anwesenheit war rein physischer Natur. Dabei gingen so viele Dinge um mich ab, von denen ich nie etwas erfahren habe.
Meine Eltern meinten, ich solle gute Bücher lesen und fürs Leben lernen. Sie selbst haben nur mit aller Not einen Computer begriffen, aber nur, weil sie damit vor ihren Freunden im gleichen Alter imponieren wollten. Einmal im Monat erhielten sie von einer ihrer Urlaubsbekanntschaften eine Mail. Einen Monat später schickten sie eine blöde Antwort zurück und feierten sich, weil sie der Meinung waren, sie können mit der neuesten Technik mithalten. Briefe mit dem Computer zu schreiben wäre eine Notlösung, besser wäre es, Texte mit Händen und einem Füllfederhalter zu schreiben, eine Schreibmaschine akzeptierten sie nur zähneknirschend.
Kein Schwein in unserer Klasse schrieb Briefe mit altmodischen Geräten, soziale Netzwerke und Online-Medien waren die Kommunikationsmittel der Gegenwart. Meine Mutter zeigte ein wenig Verständnis als ich ihr erklärte, dass alle Mitschüler in der Klasse einen PC hätten und es im Hinblick auf eine Empfehlung für die schulische Weiterbildung enorm wichtig wäre, den Internetanschluss zu nutzen. Sie willigte ein, mein Vater schmetterte aber alles nieder. Er wäre ohne den neumodischen Scheiß ausgekommen und das Leben besteht nicht aus dem Tippen in einem Gerät, ich müsse Leistung erbringen und erstmal die Schule durchlaufen.
Ein Jahr später verstarb mein Vater an Bauchspeicheldrüsenkrebs. Im gleichen Jahr gaben die Lehrer eine Empfehlung heraus. Im Sinne einer effizienten und gerechten schulischen Ausbildung rieten sie allen Eltern dazu, ihren Kindern einen PC mit Internetanschluss zu gewähren.
