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Intrigen, Krieg und Magie
Der Rote Krieger, Held zahlreicher Kämpfe mit magischen wie menschlichen Gegnern und Anführer des furchtlosesten Söldnerheeres von ganz Alba, steht vor der größten Herausforderung seines Lebens: Er wird in die Stadt Harndon berufen, um dort an einem Turnier teilzunehmen – einem Turnier, bei dem viel mehr auf dem Spiel steht, als nur den Gegner aus dem Sattel zu heben. Denn wenn die wilde Magie an die Grenzen der menschlichen Zivilisation drängt, werden Freunde zu Feinden. Und wenn der Drache erwacht, werden Wettkämpfe unter Rittern zu blutigen Kriegen ...
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Seitenzahl: 1372
Veröffentlichungsjahr: 2016
Das Buch
Der Rote Ritter, Held zahlreicher Kämpfe mit magischen wie menschlichen Gegnern und Hauptmann des furchtlosesten Söldnerheeres von ganz Alba, steht vor der größten Herausforderung seines Lebens: Er wird in die Stadt Harndon gerufen, um dort an einem Turnier teilzunehmen – einem Turnier, bei dem viel mehr auf dem Spiel steht, als nur den Gegner aus dem Sattel zu heben. Denn wenn die wilde Magie an die Grenzen der menschlichen Zivilisation drängt, werden Freunde zu Feinden. Und wenn der Drache erwacht, werden Wettkämpfe unter Rittern zu blutigen Kriegen …
Der Autor
Miles Cameron hat mittelalterliche Geschichte studiert und als Soldat selbst an vielen Kriegsschauplätzen gekämpft. Inzwischen widmet er sich jedoch ganz dem Schreiben und dem historischen Schwertkampf. Miles Cameron ist verheiratet und lebt in Kanada.
MILES CAMERON
DERDRACHEERWACHT
ROMAN
Aus dem Amerikanischenvon Michael Siefener
Deutsche Erstausgabe
WILHELM HEYNE VERLAGMÜNCHEN
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THE DREAD WYRM
Copyright © 2015 by Miles Cameron
Copyright © 2016 der deutschsprachigen Ausgabeby Wilhelm Heyne Verlag, München,in der Verlagsgruppe Random House GmbH,Neumarkter Str. 28, 81673 München
Redaktion: Joern Rauser
Karten: Steven Sandford
Umschlaggestaltung: Nele Schütz Design, München
Satz: Schaber Datentechnik, Austria
ISBN: 978-3-641-16488-1V002
Für die Mitglieder derCompagnia della Rose nel Sole
PROLOG
Überall im Norden der Terra Nova und der Terra Antica setzte der Frühling ein. Er kam auch nach Gallyen und Etrusca, nach Arelat, wo die Menschen wieder gelernt hatten, die Nacht zu fürchten, und nach Iberia, wo er sich ungewöhnlich früh zeigte. Aber zuerst war er auf den Feldern von Occitan zu bemerken, wo sich die Landwirte und Hausfrauen an die schwere Arbeit des Düngens und Pflanzens machten, sobald das Eis in den alten Ackerfurchen getaut war und der Boden wieder weich wurde. Wie tief und zahlreich die neuen Furchen waren, hing vom Reichtum der Bauern ab – manche von ihnen waren Freisassen mit Steinhäusern und zwei Pflügen, vor die Ochsen oder starke Pferdepaare gespannt werden mussten. Doch viele besaßen nur winzige Hütten am Rande dürftiger Äcker, auf denen sich ein junges Paar gemeinsam vor einen selbstgemachten Pflug spannte und das größte Kind hinter ihm herging. Die Furchen wurden in den kalten Boden getrieben, und jeden Tag krochen sie weiter nordwärts, von der frühen Sonne Occitans bis zu den Grenzlanden und zu den bisweilen vom Feuer geschwärzten Feldern Jarsays – und dann wieder nach Norden zum Albin und Brogat, wo es weniger arme Bauern und mehr Freisassen gab, aber auch etliche Landarbeiter ohne eigene Krume, und wo große eiserne Pflugscharen tiefer in die Erde schnitten, um die späte Sonne ein wenig wettzumachen.
Von Süden bis Norden wurde die Erde also überall dort umgegraben, wohin die Hand des Menschen reichte.
Und dieselbe Sonne, die die Felder wärmte, wärmte auch die Turnierplätze. In den Burghöfen oder bei den Stallungen oder unter den äußeren Mauern oder in alten Burggräben befanden sich die Felder des Mars, jene grausamen Orte, an denen junge Männer und einige wenige Frauen lernten, hart zu sein. Ältere Männer streckten ihre schmerzenden Muskeln, wärmten die vom Winter steifen Gelenke und verfluchten ihre verblasste Jugend oder ihre allzu weit fortgeschrittene Reife. Männer, die vom Krieg lebten, betrachteten voller Besorgnis die Zunahme ihres Leibesumfangs und arbeiteten während der fastenzeitlichen Enthaltsamkeit noch härter, sodass ihre Schläge gegen Sandsack und Stechpuppe durch Krieg und Kriegsgerücht beschleunigt wurden. Westlich von Occitan, Jarsay und dem Brogat brachte der Frühling auch Überfälle der Wildnis mit sich; hungrige Menschen und schlimmere Wesen nutzten das noch unbeständige Wetter dazu, einsame Besitzungen und Waldhäuser anzugreifen. Einige Ritter hatten sich dadurch schon am ersten Sonntag der Fastenzeit mehr als genug Übung erworben. Derselbe Drachenblick aus der Luft, der die Arbeiten der Bauern beobachtete, fiel auch auf den Rauch, der aus brennenden Häusern überall entlang der Westgrenze zur Wildnis aufstieg.
An sicheren Orten, die weiter entfernt von den Bedrohungen durch die Irks und die Kobolde lagen, hörten die Berufskämpfer vom Turnier des Königs in Harndon und träumten davon. Neue Rüstungen wurden geschmiedet und angepasst, Kettenhemden ausgebessert, älteres Rüstzeug wurde poliert und geflickt und abermals poliert, während sich die Krieger darauf vorbereiteten, zum Gefolge der großen Lords zu stoßen, die vor dem König von Albia höchstpersönlich kämpfen würden. Nachrichten über die Vorbereitungen für das Turnier wurden von Jongleuren und Troubadouren und Sängern und Huren verbreitet, von Zigeunern und Söldnern und Schulzen und Mönchen und all den anderen Männern und Frauen, die durch den scheußlichen Matsch der auftauenden Straßen stapfen mussten.
Und von Occitan bis zum Brogat lief das Gerücht um, der Rote Ritter habe in Morea einen weiteren überraschenden Sieg errungen, bevor der Boden vollständig aufgetaut war. Damit habe er sich zum Herrn über das ganze Land aufgeschwungen. In Occitan stimmten die Menschen ein neues Lied über ihn und seine Rote Truppe an, und als einer der Troubadoure sang, er rekrutiere wieder, umarmten zwanzig jüngere Söhne ihre Mütter, legten ihre Rüstungen an und ritten nordwärts an einen fernen Ort, der die Herberge von Dorling genannt wurde.
Es war Frühling, und die Gedanken der jungen Männer wandten sich dem Kriege zu.
1
Die Herberge von Dorling · Die Truppe
Pampe stand auf einem Tisch. Sie trug ein rotes Kleid, das unter dem linken Arm hochgebunden war – so hoch, dass das Fehlen von Unterkleidern deutlich zu sehen war. Sie sang.
Es wächst ein Palmbusch in dem Garten, in dem die Knaben und Mägdelein sich zu treffen geruhn,
Denn es würd’ sich nicht schicken, das, was sie tun, auf der Straße zu tun,
Er war sehr beeindruckt, als er’s zum ersten Mal sah,
Und klapperte in meinem Kuckucksnest mit viel Oh und viel Ah.
Ja der Kuckuck, o der Kuckuck, ja das Kuckucksnest,
Ja der Kuckuck, o der Kuckuck, ja das Kuckucksnest,
Ich geb dem Mann einen Schilling und vom besten Wein den Rest,
Wenn er die Federn aufschüttelt von meinem Kuckucksnest.
Manche mögen die Mädchen geschmückt und betresst,
Und manche mögen die Mädchen schlank um die Hüften,
Doch am liebsten liegen sie alle zwischen die Laken gepresst
Und klappern und rackeln in und an meinem Kuckucksnest.
Ich traf ihn am Morgen, und er nahm mich in der Nacht,
Ich wollt’ es richtig tun, hatt’ es nie zuvor gemacht,
Aber er hätt’ es nie gefunden und nie es erahnt,
Hätt’ ich den Weg ihm zum Kuckucksnest nimmer gebahnt.
Ich hab’s ihm gesagt und hab’ ihm gezeigt,
Wo der junge Kuckuck auf die Ästchen steigt,
Und seit er’s gefunden, ist er ganz und gar sattelfest
Zwischen den Federn von meinem Kuckucksnest.
Es ist stachlig, umschlossen und riecht manchmal nach Mist,
Es steckt in einer Ecke, wo es nicht leicht zu finden ist,
Ich sagte: »Junger Mann, du verpfuschst unser Glück.«
Er protestierte und ließ mich mit ’nem jungen Kuckuck zurück.
Ihre Stimme war nicht schön. Ein wenig krächzend, klang sie eher nach einem Papagei als nach einer Nachtigall, wie Mutwill Mordling stets zu seinen Spießgesellen sagte. Aber sie war laut und rau, und jeder kannte die Strophen und die Melodie.
In diesem Fall bezog sich »jeder« auf die Anwesenden im Schankraum der Herberge zu Dorling, die den Ruf hatte, die größte Taverne der Welt zu sein. Der Schankraum wies Bögen und Erker auf wie eine Kirche, und massive Säulen, die auf steinernen Postamenten ruhten, welche bis hinunter in den Keller reichten – in jenen Keller, der gleichermaßen berühmt war. Die Wände waren doppelt mannshoch, und an ihnen hingen Gobelins, so alt und vom sechshundertjährigen Ruß und Rauch überzogen, dass fast nichts mehr auf ihnen zu erkennen war. Doch an der Längswand schien ein großer Drache zu prangen – an jener Wand, vor der die Theke verlief, hinter der die Schankleute und einige bevorzugte Gäste Zuflucht vor der Armee der Durstigen suchten.
Es war die kälteste Frühlingsnacht in einem Martius seit Menschengedenken, und draußen lag noch Schnee auf den Zelten. Daher füllte die Truppe des Roten Ritters – das heißt, jener Teil der Truppe, der sich nicht in den warmen Kasernen von Liviapolis befand – die Herberge und deren Scheunen bis zu den Deckenbalken; dazu kamen noch mehrere Hundert Moreaner, einige Viehtreiber und eine erstaunliche Mischung aus Söldnern, Huren, umherziehenden Spielern und närrischen jungen Männern und Frauen auf der Suche nach dem, was sie für »das Abenteuer« hielten, sowie zwanzig occitanische Ritter, deren Troubadoure und Knappen, die allesamt bis an die Zähne bewaffnet und erpicht darauf waren, ihre Kampfkünste zu zeigen.
Die Menschen standen so dicht gedrängt auf den zwei Zoll dicken Eichendielen des Schankraumes, dass die kleinste und anmutigste der Wirtstöchter Schwierigkeiten hatte, in die Zimmer hinter dem Schankraum zu gelangen. Zwar versuchten die Gäste, ihr und ihrem hölzernen Tablett voller Lederhumpen Platz zu machen, doch gelang es ihnen nicht.
Der Wirt hatte vier gewaltige Feuer im Hof entzündet und auch dort Tische aufgestellt; überdies schenkte er sein Bier in der höhlenartigen Steinscheune aus, aber alle wollten in der Taverne sein, und die kalte Brise, die das Wasser in den Pfützen zu Eis gefrieren ließ und das Vieh in den großen Pferchen oberhalb der Herberge zusammentrieb, sorgte auch dafür, dass der Schankraum so voll wie noch nie war und der Wirt bereits befürchtete, die Menschen würden darin ersticken – oder, was noch schlimmer wäre, kein Bier bestellen.
Der Wirt wandte sich an den jungen Mann, der hinter seiner Theke stand. Der junge Mann hatte dunkles Haar, grüne Augen und trug rote Kleidung. Er betrachtete den Schankraum mit genau der Befriedigung, die ein Engel über die guten Werke der Frommen empfinden mochte.
»Eure verdammte Truppe und die Viehtreiber gleichzeitig! Hättet Ihr nicht eine Woche später kommen können? Es wird kaum genug Nahrung für euch alle in den Bergen zu finden sein.« Die Stimme des Wirts klang sogar in seinen eigenen Ohren schrill.
Gabriel Murien – der Rote Ritter, der Hauptmann, der Megas Ducas, der Herzog von Thrake und Träger eines Dutzends weiterer Titel, die ihm von einem dankbaren Kaiser aufgeladen worden waren – nahm einen tiefen Schluck aus seinem Humpen mit dem schwarzen, süßen Winterbier und machte ein strahlendes Gesicht. »Wir werden genug haben«, sagte er. »Im Brogat ist es schon wärmer gewesen, und am Albin haben sie bereits Frühling.« Er lächelte. »Und dies hier ist nur der zehnte Teil meiner Truppe.« Sein Lächeln wurde wärmer, als er den Rekrutierungstisch betrachtete, der vor der Wand stand. Die abenteuerlustige Jugend aus sechs Grafschaften und drei Nationen hatte sich dort aufgestellt. »Und sie wird noch immer größer«, fügte er hinzu.
Vierzig Leute des Wirts – die meisten in seiner Livree und alle mit ihm verwandt – standen wie Soldaten hinter der langen Theke und teilten mit erstaunlicher Schnelligkeit das Bier aus. Gabriel beobachtete sie mit dem Vergnügen eines Mannes, der anderen bei der Ausübung ihrer Kunst zusieht. Er genoss die gelassene Achtsamkeit, mit der die Frau des Wirts die Bestellungen entgegennahm, und die Schnelligkeit, mit der das Geld eingesammelt oder die Kreditstäbe eingekerbt wurden, und auch die Leichtigkeit, mit der die Fässer angestochen und in die Krüge geleert und diese wiederum in die Humpen und Kannen gegossen wurden, während die Angestellten zwischen der Theke und den Fässern mit der steten Regelmäßigkeit von Bogenschützen hin und her liefen, die abwechselnd ihre Pfeile verschossen.
»Sie alle scheinen genügend Münzen zum Ausgeben zu haben«, gab der Wirt widerstrebend zu. Seine ältere Tochter Sarah – ein wunderhübsches Mädchen mit rotem Haar, das erst verheiratet gewesen, dann verwitwet war und nun ein Kind hatte, das gerade von einem Vetter auf dem Arm gehalten wurde, stand jetzt dort, wo vorhin noch Pampe gewesen war, und sang ein altes Lied – ein unerhört altes Lied. Es hatte keinen Refrain, und die Bergbewohner begleiteten ihren Gesang mit Lauten, die kaum mehr als ein vielstimmiges Summen waren. Als einer der moreanischen Musikanten die Melodie auf seiner Mandoline zupfen wollte, legte sich eine grobe Hand auf seine Schulter, und er gab es auf.
Der Wirt beobachtete seine Tochter so lange, dass seine Frau im Einsammeln des Geldes innehielt und ihn ansah. Dann zuckte er die Schultern. »Sie haben Geld, wie ich schon sagte. Ich hörte, Ihr habt dort draußen im Osten einige Abenteuer bestanden?«
Der Rote Ritter lehnte sich mit der Schulter gegen die Ecke zwischen einem niedrigen Bord und einem schweren Eichenschrank hinter der Theke. »Allerdings«, sagte er.
Der Wirt sah ihm in die Augen. »Ich habe all die Neuigkeiten gehört, aber keine scheint mir einen Sinn zu ergeben. Berichtet mir doch selbst davon, wenn Ihr mögt.«
Gabriel hielt inne, trank sein Bier aus und betrachtete den Boden seines Bechers. Dann schenkte er dem Wirt ein schiefes Grinsen. »Es ist keine kurze Geschichte«, erklärte er.
Der Wirt hob eine Braue und betrachtete das Menschenmeer. Die Menge rief nach Ser Alcaeus; sein Name wurde gleichsam gesungen. »Ich könnte Euch mit Eurer Geschichte nicht allein lassen, selbst wenn ich es wollte«, sagte der Wirt. »Sie würden mich lynchen.«
Gabriel zuckte die Achseln. »Wo soll ich anfangen?«
Von der Anstrengung des Singens war Sarahs Haut gerötet. Sie schlüpfte unter der Theke hindurch und nahm ihr Kind wieder entgegen. Dann grinste sie den Roten Ritter an. »Ihr wollt eine Geschichte erzählen?«, fragte sie. »Christus am Kreuz! Jeder wird sie hören wollen!«
Gabriel nickte. Wie auf magische Weise hatte frisches Bier den Weg in seinen Humpen gefunden. Diese Magie war von einer muskulösen jungen Frau mit einer feinen Spitzenhaube gewirkt worden. Sie lächelte ihn an.
»Es ist nicht leicht, einen Anfang für die Geschichte zu finden, Liebes.« Er erwiderte das Lächeln der Dienstmagd mit freundlicher Aufmerksamkeit.
Davon ließ sich Sarah nicht entmutigen. »Fangt einfach ganz vorn an!«, sagte sie.
Gabriel machte eine seltsame Mundbewegung; es sah beinahe so aus, als zucke ein Hase mit der Nase. »Es gibt keinen Anfang«, sagte er. »Sie führt einfach immer weiter in die Vergangenheit hinein – eine endlose Geschichte aus Bewegung und Stillstand.«
Der Wirt rollte mit den Augen.
Gabriel erkannte, dass er zu viel getrunken hatte. »Also gut. Sicherlich habt ihr den Kampf bei Lissen Carrak nicht vergessen.«
Hinter dem Roten Ritter stieß Tom Lachlan plötzlich sein gefährliches Lachen aus. Gabriel Murien riss den Kopf herum, und Lachlan – inzwischen ein Viehtrieber, fast sieben Fuß aus schieren Muskeln, in Tartan gewandet, mit einem breiten, von einer Silberschnalle gehaltenen Gürtel und einem Schwert daran, das so lang wie ein Schäferstab war – warf die Tür des Tresens auf und trat hindurch. »Und ob wir uns alle an den Kampf bei Lissen Carrak erinnern! Das war ein Kampf!«
Gabriel zuckte die Achseln. »Der Magister, der sich nun Thorn nennt …« Grimmig lächelte er, hielt inne und deutete auf eine Kerze mit einem Glasschirm, die auf dem Schrank stand. Ein Dutzend Motten verschiedener Größen flatterte um sie herum.
Über dem Drängen der Masse spürte Meg das Ziehen des Ops. Sie spannte sich an.
Er befand sich auf dem hellen neuen Mosaikboden seines Erinnerungspalastes. Prudentia stand wieder auf ihrem Podest, und ihre Statue war nicht mehr aus kaltem Marmor, sondern aus warmem Elfenbein; die Gesichtszüge wirkten beweglicher, als sie es zu seiner Zeit als Heranwachsender gewesen waren, aber ihr Haar war noch immer so grau-schwarz wie in seiner Erinnerung.
Tief in seinem Innern wusste er, dass sie kein verkörperter Geist mehr war, sondern ein Simulacrum. Und doch war sie das letzte Geschenk, das ihm der Magister Harmodius hinterlassen hatte, und er liebte es, sie wieder bei sich zu haben.
»Immolate tinea consecutio aedificium«, sagte er.
Prudentia runzelte die Stirn. »Ist das nicht ein wenig … theatralisch?«, fragte sie.
Er zuckte die Achseln. »Ich bin doch für meine Theatralik und Anmaßung bekannt«, sagte er. »Er wird blind sein, und mit ein wenig Glück wird er es dieser Anmaßung zuschreiben. Betrachte es als eine Nebelwand für unseren Besucher. Falls er überhaupt kommt.«
Sie zuckte nicht mit den Achseln. Aber irgendwie übermittelte sie das Gefühl eines Schulterzuckens, auch ohne einen Elfenbeinmuskel bewegt zu haben – vielleicht kam es durch ein leises missbilligendes Schnauben.
»Katherine! Thales! Iskander!«, sagte er sanft, und sein Erinnerungspalast drehte sich.
Der Hauptraum seines Palastes – die Kammer der Magie – war als Kuppel erbaut, die von drei Bögen getragen wurde. Unter diesen Bögen befanden sich Alkoven mit den Statuen von Heroen. Sein letztes Jahr als Ausübender der Kunst hatte seine Fähigkeiten so sehr verstärkt, dass er eine weitere Reihe hatte hinzufügen können.
In der unteren Reihe befanden sich die Fundamente seiner Macht, repräsentiert von dreizehn Heiligen der Kirche: Das waren sechs Männer, sechs Frauen und der androgyne St. Michael, der zwischen ihnen stand. Über den Heiligen befand sich eine weitere Reihe; sie wurde aus den Philosophen gebildet, die in seiner Jugend Einfluss auf ihn ausgeübt hatten – es waren die Alten der einen oder anderen Sekte aus den verschiedenen archaischen Zeitaltern. Doch nun erhob sich über ihnen eine weitere Reihe. Sie wurde gebildet aus zwölf Helden eines moderneren Zeitalters: sechs Frauen und sechs Männer und eine verhüllte Gestalt. Harmodius hatte sie aufgerichtet, und Gabriel war sich nicht ganz sicher, was sie bedeuteten, aber er kannte Sankt Aetius, der die Familie seines Kaisers getötet hatte; er kannte auch König Jean le Preux, der den Eroberungszug der Irks in Etrusca nach dem katastrophalen Zusammenbruch der archaischen Welt aufgehalten hatte, und er kannte die Kaiserin Livia sowie Argentia, die große Kriegerkönigin von Iberia.
Als er die Namen nannte, bewegten sich die Statuen, auf die er dabei zeigte – die ganze Ebene, auf der sie standen, drehte sich, bis in allen drei Abteilungen die Statuen, die er benannt hatte, in ihrer Position über dem großen talismanischen Symbol standen, das die grüne Tür am Ende der Kammer bewachte. Kürzlich war eine weitere Tür erschienen, unmittelbar gegenüber der grünen – eine kleine rote Tür mit einem Gitter davor. Er wusste, was dahinter lag, und er unternahm alles, um ihr nicht zu nahe zu kommen. In den Boden vor Prudentias Podest war eine Bronzescheibe mit silbernen Buchstaben sowie einem kleinen Hebel in den Boden eingelassen. Gabriel hatte sie selbst entworfen. Er hoffte, sie nie benutzen zu müssen.
»Pisces«, sagte er.
Sofort erschien unter der ersten Reihe der Statuen ein Band. Es wirkte wie aus Bronze, und in Gold, Silber und Emaille waren dreizehn Tierkreiszeichen eingraviert. Auch dieses Band drehte sich, allerdings in die andere Richtung der Statuen.
Klares goldenes Sonnenlicht fiel durch den großen geschliffenen Kristall, aus dem die Kuppel droben bestand, und es traf auf das Symbol der Fische und zerschmolz es zu einem goldenen Strahl.
Die große grüne Tür öffnete sich. Dahinter befand sich ein glitzerndes Rost und sah aus, als hätte jemand ein Fallgitter aus glühendem Eisen errichtet. Hindurch fiel ein grünes Strahlen, das die Kammer der Magie erfüllte und durch das goldene Licht der Kuppel aufgehellt wurde.
Er grinste zufrieden und schnippte mit den Fingern. Jede Motte in der großen Herberge fiel tot zu Boden.
Sarah lachte. »Das ist gut«, sagte sie. »Wirkt es auch bei Mäusen?«
Ihr Sohn, gerade einmal vier Monate alt, sah sie mit übergroßer Liebe an und versuchte, mit den Lippen ihre Brustwarze zu finden.
Gabriel lachte. »Wie ich schon sagte, der Magister, der sich inzwischen Thorn nennt, früher aber als Richard Plangere bekannt war, führte eine Armee der Wildnis gegen Lissen Carrak. Er bot all die üblichen Verbündeten auf: Kobolde aus dem Westen, Steintrolle, einige goldene Bären aus den Bergstämmen und unzufriedene Irks von den Seen sowie Lindwürmer und Wächterinnen. Alle Wesen aus der Wildnis, die einfach zu verführen sind, nahm er sich zu eigen. Auch gelang es ihm, die Sossag des Großen Hauses auf seine Seite zu ziehen, die im Gepressten Land nördlich des Binnenmeeres leben.«
»Und sie haben Hector getötet! Gottes Fluch möge auf ihnen liegen.« Sarahs Hass auf Hectors Mörder war so flammend wie ihr Haar.
Der Rote Ritter sah die junge Frau an und schüttelte den Kopf. »Ich kann deinem Fluch nicht beistimmen, Liebstes. Jetzt haben sie Thorn als Hausgast. Sie haben ihn verlassen. Und …« Er blickte zu dem Viehtreiber hinüber. »Die Sossag und die Huran betrachten uns als die mordenden Wilden, die ihnen das Land gestohlen haben.«
»Vor tausend Jahren!«, spuckte Tom Schlimm aus.
Gabriel zuckte die Schultern. Hinter ihm spielte Ser Alcaeus nun auf einer Kithara aus der alten Welt und sang dazu ein urtümliches Lied mit einer seltsamen, beinahe unheimlichen Stimme. Weil jedes Wort, das er sang, reines Archaisch war, schimmerte die Luft vor Ops und Potentia. Seine Frau Kaitlin, die nun so hochschwanger war, dass sie nicht mehr gehen konnte, sondern watschelte, hatte sich bereits in eines der besseren Betten der Herberge zurückgezogen. Hinter ihm starrte Pampe – Ser Alison – einen Hochländer an, bis dieser heftig gegen seine Gefährten stieß und ihrem drahtigen Körper Platz machte, damit sie zu ihm gelangen konnte.
Er traf die natürliche, aber falsche Entscheidung, mit der Hand über ihren Körper zu streichen, als sie ihm nahe genug gekommen war, und fand sich sogleich keuchend auf den harten Eichendielen wieder. Graf Zac, ihr Liebhaber, trat auf den Hochländer, der am Boden lag, und sprang von dort über den Tresen.
Der Hochländer stand auf. Sein Gesicht war eine Studie in Wut, doch er stellte fest, dass Tom Schlimms Mund nur eine Handbreit von seinem eigenen entfernt war. Er zuckte zusammen.
Tom gab dem Mann – einem seiner eigenen – einen vollen Bierhumpen. »Na los, trink aus«, sagte er.
Finster betrachtete der Wirt die Albier, die sich um den Ausschank scharten. »Habe ich Euch nicht einen eigenen Raum vermietet?«, fragte er den Hauptmann.
»Willst du die Geschichte hören oder nicht?«, fragte der Hauptmann.
Der Wirt grunzte.
»Also hat Thorn …« Jeder Mann und jede Frau in Hörweite war sich der Tatsache bewusst, dass der Hauptmann – oder der Herzog oder welchen närrischen Titel er gerade tragen und benutzen mochte – Thorns Namen soeben zum dritten Male ausgesprochen hatte.
Dreihundert albische Meilen weiter nordwestlich stand Thorn inmitten eines spätwinterlichen Schneeschauers. Er befand sich auf der östlichsten Spitze der Insel, die er zu seinem Zuhause gemacht hatte – zu seinem Ort der Macht –, und die großen Brecher des salzlosen Binnenmeeres brandeten gegen den Fels der Inselküste und stiegen zehnmannshoch in die Luft, angetrieben von einem starken Ostwind.
Draußen in der Bucht brach das Eis.
Thorn war an diesen dem Wetter ausgesetzten Ort gekommen, um eine Arbeit vorzubereiten – eine Reihe von Arbeiten, ein ganzes Nest von Zaubermacht – und damit gegen sein Ziel vorzugehen: gegen Ghause, die Frau des Grafen von Westwall. Er spürte seinen Namen wie das Wispern von Mottenflügeln vor dem Gesicht in einer heißen Sommernacht. Viele sprachen seinen Namen laut oder im Flüsterton aus, und oft genug schenkte er ihnen keine Aufmerksamkeit. Doch in diesem Fall wurde sein Name von einem Ausbruch der Macht begleitet, der sich am anderen Ende des Weltenkreises sogar im Äther bemerkbar machte.
Der zweite Ruf war sanfter. Aber solches ereignete sich stets in dreifacher Weise, und kein Anwender der Kunst war jemals so dumm und unverständig, dass er zuerst seine Aufmerksamkeit erregte, dann aber ein drittes Nennen unvollständig ließ.
Das dritte Mal war beiläufig, verächtlich. Thorns astartige, knochige Hände zuckten.
Aber die Dunkle Sonne war kein beiläufiger Feind, und er stand an einem Ort der Macht und war von Freunden umgeben. Außerdem hatte er Thorn zum Erblinden gebracht, wie er es regelmäßig tat. Vorsichtig und mit gezwungener Ruhe, die einen gewöhnlichen Menschen dahin gelenkt hätte, die Zähne zusammenzubeißen, verschloss Thorn den kleinen Spalt im Äther, der durch das Nennen seines Namens entstanden war. Dann machte er sich wieder an die Arbeit seines zauberischen Wirkens.
Aber seine Geduld war zerrissen worden, und sein Zorn – matt dachte Thorn um das schwarze Loch in seiner Erinnerung herum, das einmal seine Ablehnung der Wut enthalten hatte – … und sein Zorn floss aus ihm heraus. Einiges davon lenkte er in sein Wirken gegen Ghause – welch bessere Rache könnte es schließlich geben? Aber noch immer spürte er, wie ihn die Dunkle Sonne klein machte, und das hasste er.
Und so, ohne weiteres Nachdenken, handelte er. Ein Angriff wurde in eine andere Richtung abgelenkt. Ein Wachtposten wurde getötet. Ein Wächter – ein Dämonenlord, wie die Menschen ihn nennen würden – wurde angestiftet, sein Sinn für die Wirklichkeit wurde untergraben und erobert.
Nimm dies, Sterblicher, dachte Thorn und machte sich wieder an sein zauberisches Weben.
Dabei ließ er einen Zweig fallen wie ein Vogel, der beim Bauen seines Frühlingsnestes gestört wird. Aber da er so sehr von Wut und Hass verzehrt wurde, bemerkte er es nicht einmal.
»Er hat Lissen Carrak angegriffen, und wir haben ihn besiegt. Er hat für jeden Fehler, der uns unterlaufen ist, ein Dutzend weitere gemacht – nicht wahr, Tom?« Gabriel lächelte.
Der riesige Hochländer zuckte die Achseln. »Hab noch nie gehört, wie Ihr zugebt, dass wir überhaupt einen Fehler gemacht haben.«
Auf der anderen Seite lehnte sich Ser Gavin gegen die Theke. »Stell dir einmal vor, wie Jehan diese Geschichte erzählen würde, wäre er hier«, sagte er.
»Dann gäbe es nichts anderes als meine Fehler«, sagte Gabriel. Doch er hob zusammen mit jedem anderen Mann und jeder anderen Frau in Rot seinen Humpen und trank.
»Wie dem auch sei, wir haben ihn besiegt«, sagte Tom. »Aber es war kein Chaluns und auch keine zweite Schlacht von Chevin.« Beide Schlachten – sie lagen tausend Jahre und mehr auseinander – waren ruhmreiche, aber teuer errungene Siege der Menschenmächte über die Wildnis gewesen.
Gabriel zuckte die Achseln. »Nein, eher war es ein Scharmützel. Wir haben einen Kampf in den Wäldern gewonnen und einen weiteren um die Festung herum. Aber wir haben nicht genug Kobolde getötet, um wirklich etwas zu verändern.« Abermals zuckte er die Achseln. »Weder haben wir Plangere getötet, noch haben wir ihn zu einem Sinneswandel gebracht.« Er sah sich um. »Aber wir leben noch. Die erste Runde geht an uns, nicht wahr?«
Tom Schlimm hob seinen Humpen und trank.
»Im Sommer sind wir gen Osten ins Reich geritten. Nach Morea.«
»Schon besser«, sagte der Wirt.
»Es ist eine verworrene Angelegenheit. Der Kaiser wollte uns anheuern, aber wir wussten nicht, wofür, denn als wir davon erfuhren, war er schon gefangen genommen worden, und seine Tochter Irene saß auf dem Thron. Herzog Andronicus versuchte, die Stadt einzunehmen.«
»Damit meint unser Herzog Liviapolis«, sagte Mutwill Mordling zu seinem ehrfürchtigen neuen Bogenschützen-Lehrling Skarp, einem Jungen, der so dünn und doch so muskulös war, dass ihn die meisten Frauen im Schankraum bereits bemerkt hatten. »Die größte verdammte Stadt der Welt.« Mutwill wusste, was es bedeutete, wenn sich alle Offiziere versammelt hatten, und geduldig hatte er sich in den Kreis der Geschichtenerzähler eingeschlichen.
Der Wirt hob eine Braue. Seine Tochter lachte. »Ich hab gehört, dass sie ihn selbst hat ergreifen lassen, damit sie die Macht bekommt.«
»Pah, das ist bloß ein Gerücht«, sagte ihr Vater.
Die Gefährten des Roten Ritters sagten nichts dazu. Sie tauschten nicht einmal Blicke.
»Wir sind gerade noch rechtzeitig eingetroffen«, sagte der Hauptmann genüsslich. »Wir haben den Usurpator bezwungen …«
Tom schnaubte verächtlich. Michael wandte den Blick ab, und Pampe machte eine grobe Geste. »Man hätte uns fast den Arsch aufgerissen«, sagte sie.
Der Hauptmann hob eine Braue. »Und nach einem kurzen Winterfeldzug …«
»Jesu!«, spuckte Pampe. »Du lässt die ganze Geschichte aus!«
»Bei Tars Titten!«, sagte Tom.
Während seines Fluchs setzte ein kurzes, betretenes Schweigen ein, sodass seine Worte noch deutlicher zu hören waren.
»Was hast du gerade gesagt?«, fragte Gabriel, und sein Bruder Gavin sah aus, als hätte ihn Toms schwere Faust getroffen.
Tom Schlimm runzelte die Stirn. »Das ist ein Hochländer-Fluch«, sagte er.
Gabriel starrte ihn an. »Wirklich?«, fragte er und seufzte. »Wie dem auch sei, nach einem kurzen, aber sehr erfolgreichen Winterfeldzug haben wir den Tross des Herzogs vernichtet und seine Armee hilflos im Schnee zurückgelassen, und dann haben wir uns auf einen Gewaltmarsch begeben …«
»Mitten in diesem verdammten Winter!«, unterbrach ihn Tom.
»Durch die Grünen Berge nach Osawa, um den Anteil des Kaisers am Pelzhandel einzutreiben.« Der Hauptmann lächelte. »Was sozusagen unsere Schulden getilgt hat.«
»Ihr erzählt gar nichts davon richtig«, meinte Pampe.
Gabriel sah sie finster an. Obwohl sie ihn schon seit vielen Jahren kannte, wusste sie dennoch nicht, ob Wut oder Spott in seinem Blick lag. »Warum erzählst du es denn nicht selbst?«, sagte er.
Rasch hob sie die Brauen und ließ sie wieder fallen. »Also gut.« Sie sah den Wirt an. »Also …« Sie hielt inne. »Wir hatten Glück und …« Sie dachte an die Sicherheitsbestimmungen und begriff, dass sie den Spion Kronmir nicht mit Namen nennen durfte, der den Feind verlassen und sich auf ihre Seite geschlagen hatte und nun zusammen mit Gelfred und der Grünen Banda auf dem Weg nach Harndon war. »Und … wir … äh …«
Gabriel fing ihren Blick auf. Beide lachten.
»Wie ich schon sagte«, fuhr er fort, »haben wir vor etwas mehr als einem Monat durch Verrat am Hofe des früheren Herzogs in Lonica den Aufenthaltsort des Kaisers herausgefunden. Wir haben ein gewagtes Rettungsunternehmen begonnen, sind seiner Armee auf dem Schlachtfeld gegenübergetreten, haben sie besiegt und seinen Sohn Demetrius getötet.«
»Der bereits seinen Vater umgebracht hatte«, murmelte Ser Alcaeus und gesellte sich zu dem Kreis.
»Und so haben wir den Kaiser seiner geliebten Tochter und der dankbaren Stadt zurückgegeben, unsere Belohnung entgegengenommen und sind geradewegs hierher gekommen, um sie wieder auszugeben«, sagte der Rote Ritter. »Außerdem haben wir, was du nicht bemerkt zu haben scheinst, mehr als die Hälfte unserer Truppe zur Bewachung des Kaisers zurückgelassen.«
»Sein Mund bewegt sich, aber ich verstehe kein einziges Wort«, lachte Tom Schlimm. »Außer dass wir noch bezahlt werden.«
Ser Michael gesellte sich zu dem Riesen. »Ihr habt die Begebenheiten so erzählt, als wärt Ihr selbst dabei gewesen, was aber gar nicht der Wahrheit entspricht.«
»Das ist üblich«, meinte Gabriel. »Wir nennen es ›Geschichte‹. Wie dem auch sei, wir waren fleißig, wir haben Silber erworben und sind allesamt auf dem Weg nach Süden. Wir helfen Tom dabei, sein Vieh auf den Markt zu bringen, und dann werden die meisten von uns zu Pfingsten dem königlichen Turnier in Harndon beiwohnen.«
»Mit einem kurzen Aufenthalt in Albinkirk«, sagte Ser Michael.
Gabriel sah seinen Schützling finster an, doch dieser zuckte nicht zurück.
»Um eine Nonne zu sehen«, fügte Michael sehr mutig hinzu.
Aber der Hauptmann beherrschte seine Gefühle. Er zuckte nur mit den Achseln. »Wir wollen einen Rat des Nordlandes einberufen«, berichtigte ihn Gabriel. »Ser John Crayford hat viele Mächte eingeladen. Der Rat wird neben dem Markt zu Lissen Carrak stattfinden.«
Der Wirt nickte. »Ja, ich habe es schon vernommen. Ich werde eines meiner Kinder mit Tom Schlimm losschicken. Ich selbst bin gerade nicht abkömmlich.« Er rümpfte die Nase. »Bitte um Entschuldigung – Ihr mögt zwar der König der Söldner sein, aber was habt Ihr mit dem Nordland zu schaffen?«
Gabriel Murien lächelte. Einen Moment lang glich er mehr seiner Mutter, als es ihm gefallen hätte. »Ich bin der Herzog von Thrake«, sagte er. »Das mir übertragene Gebiet reicht vom Großen Meer bis zu den Ufern von Ticondaga.«
»Lieber Christus und alle Heiligen«, sagte der Wirt. »Dann halten die Murien jetzt also die gesamte Mauer.«
Gabriel nickte. »Ja, Wirt, auch wenn die Äbtissin draußen im Westen noch ein wenig davon bewacht.«
Der Wirt schüttelte den Kopf. »Der Kaiser hat Euch die Mauer gegeben?«
Pampe verzog das Gesicht, als hätte sie nie zuvor darüber nachgedacht, dass ihr Hauptmann gleichzeitig der Herr der Mauer war. Tom Schlimm sah aus, als hätte ihn eine Axt zwischen die Augen getroffen. Gavin bedachte seinen Bruder mit einem Blick, in dem sich so etwas wie Misstrauen zeigte.
Nur Ser Michael wirkte unbeeindruckt. »Der Kaiser«, sagte er leichthin, »ist äußerst weltfremd.« Er kratzte sich am Bart. »Im Gegensatz zu unserem hochgeschätzten Herrn und Meister.«
Jegliche Reaktion auf diese Bemerkung ging unter, als plötzlich ein dünner Mann mit pechschwarzem Haar aus dem Aufzug stieg, der die Fässer aus dem tiefen Keller heraufbeförderte. Die Angestellten des Wirts nutzten den von Menschenkraft angetriebenen Aufzug bisweilen selbst, manchmal für einen Scherz, manchmal auch dann, wenn sehr schnell Bier benötigt wurde. Doch die meisten, die nun hinter der Theke standen, hatten diesen schwarzhaarigen Mann noch nie gesehen. Er trug ein gut geschnittenes, sehr kurzes Wams, eine dazu passende Hose und hatte blasse, beinahe durchscheinende Haut, wie es auf Darstellungen außergewöhnlich asketischer Heiliger bisweilen zu sehen war.
»Meister Smythe«, sagte Gabriel und verneigte sich.
Der Wirt blies die Wangen auf. »Könnten wir uns in einen anderen Raum begeben?«, fragte er vorsichtig.
Einer nach dem anderen krochen sie unter dem Tresen hindurch und betraten den Schankraum, dann gingen sie zum Ende der großen Halle und in ein Privatgemach unter der Traufe. Hier war es kalt, und die junge Frau, die den Hauptmann so verzehrend angesehen hatte, kniete anmutig nieder und machte sich daran, ein Feuer zu entfachen. Sie entzündete es mit einer Wachskerze und machte einen Knicks, doch diesmal waren ihre hellen Augen nur auf Meister Smythe gerichtet.
Dieser überraschte sie alle, indem er ihr nachsah, als sie Wein und Bier holen ging, und ein schmaler Rauchfaden drang aus seinem Nasenloch. »Ach, die Kinder der Menschen«, sagte er, hob eine Braue und sah Gabriel an. »Was für seltsame Tiere ihr doch seid. Du willst sie nicht haben, und doch verübelst du ihr, dass sie mich haben will.«
Gabriel riss den Kopf zurück, als hätte er einen Schlag erhalten, und hinter ihm hätte sich Pater Arnaud beinahe an seinem Bier verschluckt und versteckte das Gesicht hinter den Händen.
»Musst du immer genau das sagen, was andere Menschen denken?«, fragte der Rote Ritter. »Schon bei deinen eigenen Gedanken wäre es eine sehr schlechte Angewohnheit. Bitte mach es nicht auch noch mit den meinen.«
Meister Smythe lächelte höflich. »Aber warum verübelst du es mir?«
Gabriel atmete so lange aus, dass es kein Seufzer mehr war, sondern eher das langsame Nachlassen einer Anspannung. Seine Augen bewegten sich …
Er zuckte die Achseln. »Ich vermisse die Gesellschaft von Frauen in meinem Bett«, sagte er mit großer Aufrichtigkeit. »Und ich mag es, begehrt zu werden.«
Meister Smythe nickte. »Ich ebenfalls. Betrachtest du mich als Rivalen?«
Pampe trat dazwischen. »Da Ihr so etwas wie ein Gott seid und wir nicht, tut er das ganz bestimmt.« Sie lächelte den Schwarzhaarigen an. »Aber er wird darüber hinwegkommen.«
»Ich kann meine Kämpfe selbst führen«, sagte der Rote Ritter und legte Pampe die Hand auf die Schulter. Dann nickte er Meister Smythe freundlich zu. »Wir sind Verbündete. Und Verbündete sind oftmals Rivalen. Aber ich glaube, du legst zu großes Gewicht auf meine oberflächlichen Gedanken und meine animalischen Reaktionen. Ich mag die Mädchen, und manchmal handle ich aus Gewohnheit.« Er lächelte.
Meister Smythe nickte. »Ich, meine Verbündeten, bin für meinen Teil ein etwas mürrischer Gefährte. Wusstet ihr, dass ich vor dieser unbedeutenden Angelegenheit mit dem Zauberer im Norden vollauf glücklich und zufrieden damit war, auf meinem Berg zu liegen und nichts zu tun, als nachzudenken? Ich hatte mich aus guten Gründen von dieser Welt verabschiedet. Und jetzt, wo ich an eurem Spiel teilhabe, scheinen mir diese Gründe nur noch besser zu sein.« Er sah sich um. »Ich verspüre weder Ehrgeiz noch den Reiz der Herausforderung, sondern nur eine vage Mattigkeit. Und was unseren gemeinsamen Feind angeht …« Er hielt kurz inne. »Ich wünschte mir, er würde einfach ein anderes Spiel spielen und sich in eine andere Welt begeben.«
Das Dienstmädchen kehrte zurück. Es hatte breite Schultern – außergewöhnlich breite. Außerdem war es überaus anmutig, so als wäre es durch das Leben in einem großen Körper zu außergewöhnlichen Anstrengungen gezwungen worden.
Der Rote Ritter beugte sich vor. »Du bist eine Tänzerin!«, sagte er erfreut.
Die junge Frau nickte. »Ja, Herr«, erwiderte sie.
»Hochländer«, sagte Gabriel.
Meister Smythe lachte. »Eher eine Hochländerin.«
Sie errötete, senkte den Blick und hob ihn wieder – und sah Meister Smythe an.
Gabriel nahm einen Schluck Bier. »Ich glaube, diese Runde habe ich verloren«, sagte er. Pampe rollte mit den Augen und lehnte sich gegen den Tisch.
Das Feuer loderte auf und wurde zu einem beinahe hermetischen Brand, und sofort wurde es wärmer in dem kleinen Raum.
Pater Arnaud flüsterte etwas, und Tom Schlimm stellte sich zwischen die beiden, während Pampe lachte. »Das ist ja, als würde man zwei Löwen mit einem Häschen beobachten«, sagte sie.
Pater Arnaud fand das hingegen gar nicht lustig.
Meister Smythe ergriff seinen Bierhumpen und setzte sich auf den Stuhl am Ende des Tisches. Die anderen nahmen auf zwei Bänken und einigen Schemeln Platz, die drei Jungen herbeigebracht hatten. Es reichte nicht für alle. Ser Michael plusterte sich auf, damit er beinahe so groß wie Tom Schlimm wirkte, aber es nutzte ihm nichts, und Tom Schlimm musste sich in eine Ecke nahe beim Kamin quetschen. Für den vor ihm liegenden Schlaf – draußen im Moor beim Vieh – schien er Hitze aufspeichern zu wollen. Pampe hockte sich auf einen Schemel gegenüber dem Hauptmann. Meg kam herein und setzte sich auf die Bank neben den Hauptmann, und Gavin beanspruchte die andere Seite. Der Wirt setzte sich auf einen Schemel am hinteren Ende des Tisches, weit entfernt von Meister Smythe. Ser Alcaeus stand hinter dem Hauptmann und lehnte sich mit den Schultern gegen die Eichentäfelung der Wand. Mutwill Mordling wartete so lange in der Tür, wie eine Nonne für ein Gebet brauchen mochte, bis der Hauptmann ein Handzeichen machte und der alte Bogenschütze verschwand.
»Wo ist der bemerkenswerte junge Mann?«, fragte Meister Smythe.
»Wir haben eine ganze Truppe bemerkenswerter junger Männer.« Gabriel nickte. »Du meinst Ser Morgan?«
Meister Smythe nickte ebenfalls und zwinkerte ihm zu. »Ah – ich hatte ihn hier erwartet. Er ist in Morea.«
»Dort, wo er hingehört. In der Schule.« Ser Gabriel beugte sich vor.
»Du hast deine halbe Truppe in Morea gelassen?«, fragte Meister Smythe.
»Ser Milus hatte ein unabhängiges Kommando verdient. Jetzt hat er es bekommen. Er hat fast alle Bogenschützen und …« Der Rote Ritter verstummte.
Ser Michael lachte. »Und all jene Ritter, denen wir vertrauen.«
Meister Smythe nickte. »Darum eure Eskorte aus thrakischen … Edelmännern.«
Ser Gabriel nickte. »Ich glaube zwar nicht, dass jemand von ihnen plant, mir ein Messer zwischen die Rippen zu stoßen, aber ich glaube, es ist für jedermann besser, dass sie ein oder zwei Jahre nicht in Thrake sind.«
Graf Zac kam herein und schloss auf ein Zeichen von Pampe mit einem Schwung seiner Hüfte die Tür. Er trug ein Tablett mit Brot und Olivenöl, ging zu Pampe hinüber und teilte den schmalen Schemel mit ihr.
»Und wir haben den Grafen Zacuijah, der den Rest von uns im Zaume hält«, sagte Ser Gabriel.
»Und den Magister, den du in deinem Kopf trägst?«, fragte Meister Smythe.
Diese Bemerkung rief einige verständnislose Blicke hervor, und auf Pampes Gesicht zeichneten sich ihre Gedanken deutlich ab. Sie biss sich auf die Lippe und sah ihren Liebhaber an. Er zuckte die Achseln.
Die meisten Männer und Frauen, die in diesem Zimmer anwesend waren, hatten den Hauptmann noch nie so hilflos und zögerlich gesehen. Aber er riss sich zusammen. »Nun sind all meine Geheimnisse enthüllt. Also gut. Maestro Harmodius hat seinem Platz in der … hm … körperlichen Welt wieder eingenommen.«
Meister Smythe nickte. Sein Blick ruhte auf dem Grafen Zac. »Und du gesellst dich zu unserer kleinen Kabale hier?«, fragte er.
»Ich möchte ein Turnier sehen«, sagte der Mann aus dem Osten. »Außerdem geschieht jetzt in Morea nichts Aufregendes mehr.«
Alcaeus grunzte. »Dein Wort in Gottes Ohr«, sagte er.
Graf Zac zuckte die Achseln. »Ja – es sei denn, irgendjemand vergiftet den Kaiser.«
Alcaeus legte die Hand auf seinen Dolch.
Meister Smythe ließ zu, dass ein Rauchfaden aus seinem Nasenloch entwich. Er holte eine Pfeife aus seiner Hosentasche – eine erstaunliche Affektiertheit; eine Draußener-Angewohnheit, die in zivilisierten Ländern nur selten zu beobachten war – und stopfte sie mit rotbraunem Blattmulch. »Könnten wir jetzt vielleicht anfangen?«, fragte er milde.
Gabriel breitete die Hände aus. »Ich habe nur wenig zu berichten. Und wenig zu sagen außer: danke. Ohne dich hätten wir gar nichts erreichen können. Es schmerzt mich zu sagen, aber ohne deine Einwirkung auf das delikate Gleichgewicht aus Macht und logistika hätten wir im letzten Winter verloren.«
Meister Smythe neigte das Haupt in freundlicher Zustimmung. »Wie war die Petarde? Das Sprenggefäß?«
Ser Michael stieß ein bellendes Lachen aus. »Laut«, sagte er. »Manchmal klingelt es noch immer in meinen Ohren.«
Meister Smythe spielte mit seinem Bart, als hätte er diesen nie zuvor bemerkt. »Ausgezeichnet. In den nächsten Monaten werden weitere Spielzeuge dieser Art zu euch kommen. Ich habe dafür gesorgt – das heißt, ich werde dafür sorgen –, dass ihr sie in Harndon an euch nehmen könnt.« Er sah sich um. »Und jetzt kommen wir zu … dem schwierigen Teil.«
Pampe erlaubte sich, die Nüstern zu blähen. »Das wäre also der einfache Teil gewesen?«
Meister Smythe seufzte. Er setzte die Pfeife an seine Lippen – eine langstielige Draußener-Pfeife mit überladenen Gravierungen – und sog an ihr, und die Pfeife entzündete sich von allein. »Ja«, sagte er. »In der nächsten Phase wird man alles, was wir tun, bemerken. Schon jetzt wird sich unser Gegner fragen, ob noch ein anderer Spieler beteiligt ist. Oder ob die Würfel manipuliert sind. Er hat zwei Versuche gemacht, seinen Bauern auf den Thron von Albia zu setzen. Er hat einen halbherzigen Versuch unternommen, Moreas Untergang herbeizuführen. Ich vermute, dass er glaubt, Harmodius sei sein Widersacher. Bisher.« Meister Smythe lächelte in gezierter Zufriedenheit. »Und jetzt …« Er stieß den Rauch aus. »Jetzt dehnt er seine Ränke auf Ticondaga und Dorling aus. Auf meinen eigenen Hinterhof.« Ser Gavin versteifte sich.
»Ganz ruhig, Junge«, sagte Ser Gabriel. »Ich bin mir sicher, Mater wird alles überwinden können, was uns bevorsteht.«
Meister Smythe schüttelte den Kopf. »Ghause ist das Opfer ihrer eigenen Eitelkeit«, sagte er.
Gabriel nickte. »Das habe ich schon immer befürchtet.«
Pater Arnaud lachte, ebenso wie Pampe. Tom Schlimm erlaubte sich ein Schnauben. »Ganz schön ehrlich.«
Gabriel tat so, als fächere er sich mit der Hand Luft zu. »Jetzt reicht es allmählich«, sagte er.
»Sie lieben dich«, meinte Meister Smythe. »Wenn sie über dich lachen, hilft es ihnen, mit deiner ermüdenden Überheblichkeit zurechtzukommen.«
»Immer wieder sagst du so etwas. Auf Feiern musst du wohl recht schwierig sein.« Ser Gabriel deutete mit dem Kopf auf die Pfeife. »Darf ich sie einmal probieren?«
»Er will bloß lernen, wie er noch mehr Rauchwolken ausstoßen kann«, sagte Pampe.
Ser Gavin war unglücklich, was sich auch auf seinem Gesicht zeigte. Er zog an seinem Bart und schüttelte den Kopf. »Er geht nach Ticondaga? Wie sollen wir uns ihm entgegenstellen?«
Meister Smythe gab seine Pfeife dem Hauptmann. »Wir werden versuchen, uns nicht täuschen zu lassen. Wir werden versuchen, uns nicht zu verraten. Er – ihr wisst, wen ich meine – ist an Ticondaga nicht im Geringsten interessiert. Er will Lissen Carrak und das bekommen, was darunter liegt. Aber … aber … wisst ihr eigentlich, wie ich eure Wirklichkeit erfahre?«
Stille setzte ein.
»An der Intensität unseres Starrens kannst du ablesen, wie gern wir es wissen würden«, sagte Ser Gabriel, hustete und übergab die langstielige Pfeife wieder an Meister Smythe.
Meister Smythe lachte. »Das hatte ich befürchtet. Also gut. Wenn ich mich nicht in eure Angelegenheiten einmische, fällt es mir nicht schwer, sie auf allgemeine Weise zu beobachten. Den allgemeinen Fluss eurer Wirklichkeit zu betrachten ist für mich so einfach wie das Atmen: Vergangenheit, Gegenwart und, wie ihr es seht, die Zukunft. Oder wenn ich es in eurer ausgezeichneten Sprache ausdrücken möchte: eure Unendlichkeit von Gegenwarten.«
Er blickte sich um. »Aber sobald ich mich einmische …« Er zupfte an seinem Ärmel. Nun schien er seinen Handrücken zum ersten Mal wahrzunehmen. Er starrte ihn an, und dabei wurde die Haut runzliger und sah nun wie die eines älteren Mannes aus. Er hob die Brauen, als wäre er überrascht. »Hm. Wie dem auch sei, sobald ich etwas unternehme, verändere ich alles. Und so ist es bei allen, die von meiner Art sind. Und übrigens auch bei euch, hehehe.«
Er lachte kurz. Keiner fiel ein.
»Egal. Ich möchte damit ausdrücken, dass ich umso weniger sehe, je näher ich an den Handlungen bin. Die Möglichkeiten der Gegenwarten nehmen dabei beständig ab.« Er verstummte kurz. »Klar?«
Pampe seufzte.
Meg lächelte. »Weil Ihr Euch entschieden habt, Euch einzumischen, steckt Ihr mit uns in derselben Reihe von Ereignissen fest und könnt kaum mehr etwas anderes sehen.«
»Gut ausgedrückt. Ja. Aber die Schwierigkeit besteht überdies darin, dass meine Gegenwart hier die … die … die … dass sie einfach alles verändert. Es ist ganz anders, als wenn ich nicht hier wäre, was unseren Gegner und auch die anderen angeht – mir gefällt der Begriff des Einmischens, denn er trifft vollkommen zu. Weil ich mich einmische, kann keiner von uns mehr etwas klar sehen. Es ist möglich, dass wir alles zu einem einzelnen Faden spinnen.«
Meg redete wie eine Person in einem Passionsspiel. »Schicksal«, sagte sie. »Schicksal wird es genannt, wenn sich mehrere von Eurer Art einmischen.«
»So wird es dann von euch wahrgenommen«, sagte Meister Smythe und hob die Brauen. »Jedenfalls weiß ich bedrückend wenig über die nächsten Monate. Aber inzwischen haben sich so viele von uns eingemischt, dass unser Gegner davon Kenntnis haben muss. Außerdem gießt er Macht in seine Schatten und seine Marionetten und seine Werkzeuge, und das Ergebnis wird … kataklysmisch sein.«
»Könntet Ihr nicht das Gleiche tun?«, fragte Tom. »Ich meine, wenn der Bastard betrügt, kann er doch auch betrogen werden.«
Meister Smythe nickte. »Das habe ich schon getan. Das Schwert an deiner Seite, Ser Thomas – das schwarze brennende Pulver.« Er legte die Hand an sein Kinn. Mit dieser Geste stimmte etwas nicht – als hätten seine Armgelenke zu viel Spiel. »Aber wenn es in dieser Sache verschiedene Seiten gibt, dann repräsentiere ich eine, die sich wünscht, dass auch die mächtigsten Wesen nach den Regeln spielen mögen. Ich würde zögern, meine Seite als die gute zu beschreiben. Ich möchte lediglich betonen, dass meine Seite für weniger Tote verantwortlich ist und sich darum bemüht …« – er sah beiseite – »… die negativen Auswirkungen so gering wie möglich zu halten«, murmelte er.
»Das ist ermutigend«, erklärte Gabriel. »Wir stehen also auf der Seite mit den geringeren negativen Auswirkungen. Das könnten wir auf das Banner unserer Truppe sticken.« Er nahm einen kräftigen Schluck Bier. »Ich weiß es zu schätzen, dass du zumindest nicht versuchst, rätselhaft und schwierig zu sein, aber dennoch – es gelingt dir ausgezeichnet. Darf ich deine Worte zurückgeben? Du sagst, je mehr du uns hilfst, je weniger kannst du erkennen, was wirklich geschieht. Du sagst, dass es mehrere von deiner Art gibt, was ich bereits vermutet hatte, aber ich glaube nicht, dass es bisher klar und deutlich ausgesprochen wurde. Du wirst uns bis zu einem gewissen Punkt helfen, aber wenn du mehr tätest …« Hier lachte Ser Gabriel herzlich. »Dann würden deine moralischen Überzeugungen als Gottheit in Gefahr geraten. Oder als Drache.«
»Oder was immer Ihr seid«, sagte Pampe.
»Ja«, sagte Meister Smythe. »Ihr seid fähige Schüler.«
»Darf ich dir ein paar Fragen stellen?«, wollte Ser Gabriel wissen.
Meister Smythe trank. »Natürlich. Aber du musst verstehen, dass es dabei um die Verwicklung in die Abfolge der Ereignisse geht. Je mehr Fragen ich beantworte, desto verwickelter bin ich darin, auch wenn ich gar nichts unternehme.«
»Herzlichen Dank«, sagte Ser Gabriel. »Aber das sind nicht unsere, sondern deine Schwierigkeiten.«
»Dem stimme ich zu«, sagte der Drache.
»Wird Harmodius jetzt die Seiten wechseln?«, fragte Gabriel barsch.
Ein Ausdruck des Schmerzes flog über Meister Smythes für gewöhnlich so ausdrucksloses Gesicht. »Meister Harmodius ist ungewöhnlich weit fortgeschritten«, sagte er. »So weit, dass er sich vielleicht entschließt, eine eigene Seite zu sein, statt sich auf eine bereits bestehende zu schlagen. Es ermutigt mich, dass er mit seinen Kräften in dem letzten Kampf so sparsam umgegangen ist. Mehr kann ich dazu nicht sagen.«
»Wird de Vrailly den König töten?«, fragte Gabriel.
Ein Dutzend Personen sogen gleichzeitig die Luft ein.
Meister Smythe stieß einen Rauchfaden aus – es war aber künstlicher Rauch, nicht sein eigener. »Die Abfolge der Ereignisse, die sich auf den König von Albia beziehen, sind mir nicht mehr deutlich«, sagte er. »Ich vermag es nicht klar zu sehen.« Er seufzte. »Aber ich kann nicht erkennen, dass dem König etwas zustößt, wenn man davon absieht, dass er immer mehr zum Werkzeug wird.«
Ser Gabriel lehnte sich zurück. »Verdammt. Wie ist es mit diesem Frühling? Jetzt? Mit dem Viehtrieb und den Märkten?«
Meister Smythe nickte. »Auch hier bin ich zu nahe an allem dran. Mein Gegner muss kurz davor stehen, mich bloßzustellen. Aber ich sehe, dass Thorn eine Allianz mit einem Wesen geschmiedet hat, das sich ›Der Schwarze Ritter‹ nennt. Sie beide haben Verbündete und Sklaven im Norden – und anderswo – und bereiten sich auf ein größeres Ereignis vor. Ihre Späher sind schon in die Adna-Klippen eingedrungen, und einige närrische Kreaturen haben sogar versucht, durch meinen Kreis zu schreiten. Gerade jetzt finden ein Dutzend Überfälle auf das Tal des Cohocton statt. Also, ja – ja, ich erwarte, dass ihr auf der Straße angegriffen werdet, und man Bemühungen unternehmen wird, den Handel zu unterbrechen. Mein Gegner versteht etwas vom Handel.«
Sie alle saßen da und verdauten diese Neuigkeiten.
»Wird es einen weiteren Angriff auf den Kaiser geben?«, fragte Ser Alcaeus.
»Ich bin kein Prophet«, sagte Meister Smythe mit deutlicher Verärgerung. »Und in Anbetracht deiner eigenen Rolle bei diesen Ereignissen bist du gefährlich nahe daran, mich wütend zu machen.«
Alle Häupter drehten sich.
Alcaeus errötete. »Ich habe meine Seite gewählt. Ich bin hier.«
Meister Smythe zuckte mit den Achseln. »Wie dem auch sei, ich bin zu nahe dran. Aber ich will sagen, dass jedes Ereignis, das die Stabilität der Stadt bedroht, auch … eine Gefahr für alles andere bedeutet.«
»Wie rätselhaft und hilfreich«, sagte Pater Arnaud. »Werdet Ihr am Rat des Nordens teilnehmen? Ihr seid einer der wichtigen Landeigner.«
Dieser Einfall rief bei Meister Smythe ein Lächeln hervor. »Bei deinem Gott, Pater, das war witzig.« Er sah sich um. »Nein, ich werde nicht daran teilnehmen. Wir befinden uns, wie ich schon versucht habe zu sagen, zu nahe an dem entscheidenden Punkt, an dem unser Gegner mein Verteidigungsmuster erkennen könnte. Das hätte außerordentlich problematische Folgen für mich. Wenn ich euch offen helfe, werde ich entdeckt. Und dann … dann verlieren wir.« Er zuckte die Achseln. »Selbst das ist eine Ausflucht. Ich kann gewisse Dinge tun; andere wiederum sind zu verräterisch.«
»Weil er stärker ist als du?«, fragte Ser Gabriel.
Meister Smythe runzelte die Stirn. »Ja.«
»Mist«, sagte Ser Gabriel.
»Gibt es einen Gott?«, fragte Pampe.
»Du redest nicht um den heißen Brei herum, nicht wahr?«, meinte Meister Smythe. »Menschenkind, ich weiß es nicht besser als du.« Er zog lange an seiner Pfeife. »Es würde mich nicht überraschen, wenn es eine Reihe von Wesenheiten gäbe, die für uns das bedeuten, was wir für euch bedeuten, und so weiter. Und über allen gibt es vielleicht einen Einzigen. Und vielleicht ist dieser Einzige fürsorglich und allmächtig statt gleichgültig, täuschend und raubtierhaft.« Er zuckte mit den Schultern. »Darf ich eine harte Wahrheit mitteilen?«
»Tust du je etwas anderes?«, gab der Hauptmann zurück.
»Alle Ausübenden der Kunst – von welcher Rasse auch immer – erreichen irgendwann einen Punkt, an dem sie fragen: Was ist wirklich?« Er sah sich um. Meg zuckte die Achseln, als wäre diese Frage unwichtig. Gabriel fuhr zusammen.
»Ja«, sagte er.
»Wenn du das Ätherische allein durch die Macht des Willens verändern und es zu dem Bild umgestalten kannst, das sich nur in deinem Kopf befindet«, sagte Meister Smythe sanft, »dann geziemt es sich für uns alle, die Frage zu stellen, was der Akt des Glaubens wirklich beinhaltet, nicht wahr?«
Pampe schüttelte diese Bemerkung genauso ab, wie sie den Schlag eines unfähigen Gegners abschütteln würde. »Aber Ihr wisst es auch nicht«, sagte sie. »Wie dem auch sei.«
Plötzlich zeigte Gabriel den gleichen Blick beinahe animalischen Verstehens, der auch bei Pampe zu beobachten gewesen war, als sie begriffen hatte, dass die Murien-Familie die Mauer inzwischen in ihrer gesamten Länge kontrollierte. »Du meinst, dass … mein ganzes Leben …« Er holte tief Luft; es wirkte, als empfände er dabei Schmerzen. »Mein Leben ist nicht von Gottes Willen oder seinem Fluch abhängig, sondern von einer Einmischung durch deinesgleichen, die mein Schicksal erschaffen?«
»Ah!«, sagte Meister Smythe. »Das ist genau das, was ich meine.« Er verstummte. »Aber es sind nicht nur meinesgleichen, Menschenkinder. Es sind alle möglichen Arten. Eure Wirklichkeit ist das Ergebnis einer Einmischung, die sich aus einem unendlichen Labyrinth von Willenskräften speist. Was könnte sie sonst sein?« Er lächelte; es war das Lächeln einer Katze, die sich anschickt, eine Maus zu verspeisen. »Auch eure Art biegt den Strang des Schicksals um. Sogar du selbst, Ritter. Und Meg hier. Und Tom Lachlan. Pampe. Alcaeus. Ihr alle.«
Gabriel trank den Rest Bier in seinem Becher.
»Dann sollt ihr alle verflucht sein«, murmelte er.
Meg warf ihm einen raschen Blick zu. »Ich habe ebenfalls eine Frage«, sagte sie leise.
Meister Smythes Blick ruhte nun auf ihr. Sie nahm ihn gelassen auf. Und lächelte. Sie fand, dass er wunderschöne Augen hatte.
»Der Patriarch«, begann sie.
»Ein erstaunlich würdiger Mann«, erklärte Meister Smythe.
»Er meinte, dass … dass das Leben an der Grenze zur Wildnis gewisse Auswirkungen auf unsere Kräfte hat.« Als sie einmal begonnen hatte, schien es so zu sein, dass Meg nicht mehr genau wusste, was sie eigentlich fragen wollte.
Meister Smythe schürzte die Lippen. »Das ist eine scharfsinnige Beobachtung, der ich eine meiner eigenen hinzufügen möchte. Was ist das übliche Ergebnis, wenn sich zwei Kulturen in einem Krieg gegenüberstehen?«
Meg schluckte. »Die eine wird vernichtet?«, fragte sie mit plötzlich heiser gewordener Stimme.
Meister Smythe schüttelte den Kopf, als ob sie eine unfähige Schülerin wäre. »Nein, nein«, sagte er. »Das geschieht fast nie. Sie gleichen sich einander an. Das bewirkt der Krieg.«
»Wollt Ihr damit sagen …« Meg verstummte. »Dass wir uns an die Wildnis angleichen werden?«
»Meg, die Wildnis ist ein künstlicher Begriff, der von den Menschen dazu benutzt wird, alle Wesen zu beschreiben, die keine Menschen sind.« Meister Smythe lächelte grimmig. Dann seufzte er. »Die Wildnis ist keine Verschwörung. Sie ist eine Lebensweise. Aber je länger du mit ihr in Kontakt bist, desto mehr wirst du uns gleichen.« Er zuckte die Achseln. »Tatsächlich würden alle weitblickenden Wesen sagen, dass sich die Menschen ihr besser anpassen und mehr von ihr lernen können als die übrigen Eindringlinge.« Meister Smythe spreizte die Finger auf dem Tisch und betrachtete sie mit echter Neugier. »Ihr wisst doch, dass alle anderen Rassen euch fürchten. Und dass ihr die … gibt es ein freundliches Wort dafür? Dass ihr die bevorzugten Werkzeuge aller Mächte seid. Ihr seid erfinderisch, endlos gewalttätig und nicht sonderlich helle.« Er lächelte, um seinen Worten den Stachel zu nehmen.
»Eindringlinge?«, fragte Gabriel. »Werkzeuge?«
»Gute Güte, Ser Ritter, du glaubst doch nicht etwa, dass du von hier stammst, oder?«, fragte der Drache.
»Aufhören!«, rief Tom Schlimm und erhob sich. »Halt! Es reicht jetzt. Mir brummt der Kopf. Ich muss nicht alle Geheimnisse des Universums kennen. Das klingt ja, aus würdet Ihr aus Eurem rauchigen Hintern reden.«
Auch Pater Arnaud stand auf. Er war bisher nie einer Meinung mit Tom gewesen, aber nun schien ein guter Zeitpunkt gekommen zu sein, damit anzufangen. »Ich glaube nicht, dass sie noch mehr ertragen können, Meister Smythe. Die Wirklichkeit, die sich die Menschen erschaffen, ist zerbrechlicher, als es ihnen bewusst ist.«
»Du bist weise«, sagte Meister Smythe. »Möchtest du deine Heilkraft zurückhaben?«
Pater Arnaud verhielt sich so, als wäre er geschlagen worden.
Ser Gabriel stand auf und stellte sich neben ihn. »Das war grausam«, sagte Gabriel.
Meister Smythe wirkte verwirrt. »Ich wollte nicht grausam sein. Der gute Pater – ich vermute, er ist ein würdiger Mann – hat seine Kräfte durch das Wirken einer winzigen Kreatur verloren … pah, es ist fast unmöglich, das zu erklären. Aber er glaubt, dieser Verlust sei auf mysteriöse und vielleicht sogar mystische Weise mit seiner Sünde verknüpft.« Meister Smythe zuckte die Achseln. »Ich verstehe das Gefühl von Sünde. Ich glaube an das Streben nach Vollkommenheit, doch ich habe sie selbst nicht erreicht. Zumindest bisher nicht.« Er lächelte wie ein Mann, der trotz starker Schmerzen grinst. »Vielleicht mag ich deshalb die Menschen so gern. Hier.« Er klopfte Pater Arnaud auf die Schulter und drehte sich um, gerade als die junge Frau mit den breiten Schultern eintrat und zwei Krüge mit schäumendem Bier brachte.
Sie machte einen Knicks, ohne dabei auch nur einen einzigen Tropfen zu verschütten.
»Angelst du gern Forellen?«, fragte Meister Smythe.
Die junge Frau strahlte wie eine frisch entzündete Laterne. »Ich liebe besonders die kleinen in den hohen Bergflüssen, Herr«, sagte sie.
»Ja«, bestätigte er. »Sie sind wunderschön, wenn sie jung sind.« Er nahm ihr die Krüge ab, stellte sie auf den Tisch und wandte sich in Richtung des Schankraumes voller Ritter. »Gute Nacht, Verbündete. Oder Freunde – ich hätte nämlich lieber ein paar Freunde. Das Schlimmste kommt noch. Aber wie ich schon sagte: Was wir tun, ist wert, dass wir es tun. Das ist die ganze Belohnung, die wir erhalten werden.« Er hob seinen Krug.
Alle Personen im Raum hoben den ihren. »Auf den Sieg«, sagte er.
»Auf den Sieg«, wiederholten alle. Meister Smythe verneigte sich. Dann ergriff er die Hand der jungen Frau. »Und auf das Vermeiden negativer Auswirkungen.«
»Herr?«, fragte sie.
»Wir gehen jetzt angeln«, sagte Meister Smythe.
Die Tür schloss sich hinter ihnen.
Meg zuckte die Achseln. »Das Mädchen hat nichts eingewendet«, sagte sie.
»O mein Gott«, sagte Pater Arnaud laut.
Gabriel atmete so tief aus, als hätte er lange die Luft angehalten. »Gut so«, sagte er.
Der Morgen kam – früher für die einen und später für die anderen, und für einige Glückliche oder Unglückliche hatte es gar keinen Schlaf gegeben. Doch nun gab es Arbeit für sie.
Nell musste sechs Pferde vorbereiten. Da war der prächtige, achtzehn Handbreiten große Hengst des Hauptmanns namens Ataelus – eine Neuerwerbung von Graf Zac; ein schwarzer Dämon mit wankelmütigem Temperament und bösartigem Biss. Aber an diesem frischen frühen Morgen im Martius betrug sich Ataelus würdevoll. Zwar erzeugte eine Stute in der Nähe eine gewisse Unruhe in ihm – andauernd hob er den großen Kopf und bleckte die Zähne –, aber er war viel zu kultiviert, um seinen Gedanken freien Lauf zu lassen.
Nell mochte ihn. Sie kümmerte sich ausgiebig um sein glänzend schwarzes Fell. Er hatte vier weiße Läufe, was von den Albiern als ein unglückliches und von den Steppennomaden im Osten als ein glückliches Zeichen betrachtet wurde. Nell suchte in ihrem Korb nach den passenden Bürsten, von grob bis fein, und strich mit vorsichtigen Bewegungen über das Tier, wobei sie besonders auf die Stellen achtete, an denen die Haare ihre Richtung änderten. Sie summte bei der Arbeit.
Und hatte jeden Grund, glücklich zu sein. Gestern hatte der Hauptmann sie mit ihrem Namen angesprochen und für ihre Arbeit gelobt. Die Narbe auf ihrem Gesicht verheilte gut mit ein wenig Hilfe von Meg, und es würde nichts zurückbleiben. Aber das Beste war, dass der neue muskulöse Bogenschütze in der vergangenen Nacht seine Ansichten und Absichten klar ausgedrückt hatte und mit der Zunge über ihre Narbe geleckt hatte.
Schließlich hatte sie ihm den Daumen in die Seite stecken müssen, damit seine Begeisterung ein wenig gedämpft wurde. Was er im Sinn hatte, führte zu Babys, und sie hatte andere Pläne. Aber es war trotzdem schön gewesen.
Sie summte Pampes Lied. Keine jungen Kuckucke kamen für sie infrage.
Als sie mit drei Pferden fertig war, ging sie und weckte ihn auf. Nachdem sie ihm ihre Meinung verdeutlicht hatte, war er zu einem feinen Gefährten und einer angenehmen Wärmequelle geworden. Und er machte ihr Spaß.
Nell hatte herausgefunden, dass junge Männer wie Pferde waren. Man musste ihre Zügel fest packen und durfte niemals Angst zeigen, dann lief alles gut. »He, Schlafmütze!«, rief sie und versetzte ihm einen liebevollen Stups zwischen die Rippen.
Er murmelte, streckte den Arm aus und erhielt einen Mundvoll Stroh.
»Jeden Augenblick werden die Trommeln schlagen, Junge. Wuchte endlich deinen muskulösen Hintern aus dem Stroh. Ser Bescanon mag keine Säumigen. He!« Er rollte zur Seite und versuchte, ihr auszuweichen, doch sie trieb ihm die schwieligen Daumen in beide Seiten.
Wie ein Wesen aus der Wildnis flog er aus dem Stroh.
Sie verging vor Kichern.
Er versuchte, sie zu küssen, und sie griff in ihre Gürteltasche und reichte ihm eine fünf Zoll lange Süßholzwurzel. »Dein Mund stinkt wie eine Latrine«, sagte sie. »Wir haben hier gewisse Standards, Junge. Du hast das Silber des Hauptmanns angenommen, also beweg dich endlich.«
Er rollte wieder herüber; sein schmutzig-blondes Haar war voller Stroh. »Was soll ich damit machen?«, fragte er.
