Der Eismann erwacht - Steffen Brabetz - E-Book

Der Eismann erwacht E-Book

Steffen Brabetz

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Beschreibung

Aus seinem einhundertjährigen Dornröschenschlaf erwacht, findet sich der Eismann nicht in der von ihm erhofften besseren Welt wieder. Das neue Europa des 22. Jahrhunderts scheint nur noch aus streng organisierten nomadischen Arbeitstrupps und einem vollkommen sinnlos geführten Krieg am Mittelmeer zu bestehen. Kaum glaubt der Eismann, diese eigenartige neue Welt endlich verstanden zu haben, folgen immer wieder weitere überraschende Wendungen. "Der Eismann erwacht" ist ein düsterer dystopischer Roman über ein diktatorisch regiertes Europa, in dem die große Mehrheit der Bevölkerung brutal unterdrückt wird und in dem Menschlichkeit, Menschenrechte und Meinungsfreiheit kaum noch eine Rolle spielen.

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Seitenzahl: 651

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Steffen Brabetz

Der Eismann erwacht

Roman

Steffen Brabetz

DER EISMANNERWACHT

Dystopischer Romanin drei Teilen

© 2020 Steffen Brabetz

Verlag & Druck: tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg

ISBN Paperback: 978-3-347-09553-3

ISBN Hardcover: 978-3-347-09554-0

ISBN E-Book: 978-3-347-09555-7

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.

Für meine Eltern

TEIL 1

DER EISMANN

TEIL 2

DIE BEGEGNUNG

TEIL 3

DER AUFSTAND

Ein kurzes Nachwort

TEIL 1

DER EISMANN

KAPITEL I

Weckzeit

Schulzeit

Reisezeit

KAPITEL II

Erntezeit

Kinderzeit

Sturmzeit

KAPITEL III

Frontzeit

Mordzeit

Todeszeit

KAPITEL I

Weckzeit

Mein Kopf schmerzte. Heftig pochte das erwachende Blut in meinen Schläfen. Ich versuchte, die Arme zu bewegen. Nichts rührte sich.

Meine Augen schmerzten. Meine Arme schmerzten. Ich spürte jede einzelne Muskelfaser. Endlich schaffte ich es, die Augenlider zu öffnen.

Verschwommen nahm ich mehrere Gesichter vor mir wahr.

Ich brauchte einige Minuten, ehe ich meine Umgebung genauer erkennen konnte. Ich lag auf einer harten Pritsche und war von drei weißgekleideten Menschen umgeben.

Mit mir unbekannten Geräten untersuchten sie meinen Körper.

„Der Eismann erwacht“, hörte ich entfernt eine Stimme.

„Die Körperfunktionen liegen in der Norm.“

Mir wurde erneut schwarz vor Augen.

Ich wusste nicht, wie viel Zeit seit meinem ersten Erwachen vergangen war. Immer noch lag ich auf dieser harten Pritsche.

„Ich … ich“, stammelte ich und war erstaunt über meine kratzige, kaum verständliche Stimme. „Wo bin ich?“

Neben mir saß jetzt nur noch ein Weißkittel.

Er beugte sich vor und musterte mich eindringlich.

„Falsche Frage“, flüsterte er. „Nicht wo, sondern wann bist du.“

Ich brauchte einige Minuten, um diese Worte zu verstehen.

Nur allmählich kamen die Erinnerungen zurück.

„Wann bin ich?“, fragte ich schließlich laut.

„Langsam begreifst du“, antwortete er. „Du hast dich vor sehr langer Zeit einfrieren lassen. Für genau einhundert Jahre. Nach deiner alten Zeitrechnung haben wir heute das Jahr 2130.“

Einhundert Jahre im Tiefschlaf? Ich hatte nicht geglaubt, nach dieser langen Zeit tatsächlich wieder zu erwachen.

Wir hatten uns einfrieren lassen.

Daran konnte ich mich noch erinnern. Aber warum?

Nach einhundert Jahren Frost brauchten die Nervenbahnen etwas länger, um die wiedererwachenden Impulse von Synapse zu Synapse zu jagen. Ach ja, wir hatten im Lotto gewonnen. Viel Geld, sehr viel Geld.

Da meiner Frau und mir die damalige verrückte und nervige Zeit überhaupt nicht mehr gefiel, ließen wir uns kurzerhand in Helium packen. Einhundert Jahre später würde die Welt garantiert besser sein.

„Zweitausendeinhundertdreißig?“, fragte ich mehr mich selbst als meinen Bewacher, „Ich bin wirklich wieder aufgewacht.“

Was mochte inzwischen alles passiert sein?

Lebte die Menschheit endlich in Frieden? Hatte man den Krebs besiegt? Gab es immer noch Atomwaffen? Hatten die Menschen vielleicht noch viel schrecklichere Dinge erfunden?

Viele Fragen. Keine Antworten.

Ich schaute mich um. Der Raum war spärlich eingerichtet und kaum beleuchtet. Blinkende Computer und Ärzte hatte ich erwartet.

Moderne Technik konnte ich aber nirgends entdecken.

Abwartend schaute mein Gegenüber mich an.

Unbewusst spürte ich seine Überlegenheit.

Er hatte mir einhundert Jahre Wissen voraus.

„Keine Fragen?“, kommentierte er mein langes Schweigen.

„Oh doch“, antwortete ich. „Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll.“ „Vielleicht solltest du besser keine Fragen stellen“, entgegnete er lächelnd. „Nichts ist mehr so, wie du es kennst.“

„Ich hatte meine Frau neben mir erwartet“, sagte ich. „Wir haben uns zusammen einfrieren lassen.“

Der Mann schmunzelte.

„Das ist die erste Überraschung“, antwortete er. „Deine Frau hat sich bereits zwei Jahre später wieder wecken lassen. Laut den leider unvollständigen Unterlagen kam ein gewisser Dominik mit einer Vollmacht. Danach werden die beiden sich wohl miteinander vergnügt haben. Nichts für ungut. So ist das Leben.“

Meine Frau hatte mich betrogen?

Ausgerechnet mit unserem dicken Nachbarn?

„Freu dich doch“, sagte der Mann und schlug mir auf die Schulter. „Andere Frauen bringen ihre Männer mit Gift oder einem Hammer um. Deine hat dich nur eingefroren.“

„Ich habe Hunger“, sagte ich, ohne auf seine Bemerkung einzugehen.

Prompt stand eine große Holzschüssel mit einem kaum definierbaren, schmutzig grauen Brei vor mir. Daneben ein Löffel, ebenfalls aus Holz.

„Was ist das denn?“, fragte ich erschrocken.

Ich tastete nervös nach dem Löffel.

„Was ist das?“, wiederholte ich meine Frage und hielt dem Mann die Schüssel unter die Nase. „Wir haben früher von richtigen Tellern gegessen. Schlimmstenfalls von Plastik- oder Papptellern. Solchen Fraß hätten wir niemandem vorgesetzt.“

„Ich weiß, dass damals alles besser war“, antwortete er ruhig. „Das erzählen mir alle Eismenschen. Dieser Brei ist die Standard-Nahrung für C- und D-Bürger. Gewöhne dich schon mal daran. In Zukunft wirst du kaum etwas anderes bekommen. Er wurde mit vitaminreichen Pflanzensäften ergänzt und ist eine absolut vollwertige Mahlzeit.“

„Ergänzt oder gestreckt?“ Meine Antwort ärgerte ihn, aber er schwieg. Das Zeug schmeckte, wie es aussah. Scheußlich.

„Wie sieht es denn in Deutschland aus?“, fragte ich weiter.

„Deutschland gibt es nicht mehr“, antwortete er. „Wir leben in der Europäischen Förderation, geführt durch unseren Ersten Rat.“

„Wer wählt diesen Rat?“, fragte ich neugierig.

Der Mann schaute mich mit großen Augen an.

„Wahlen? Ach ja, ich habe davon gehört. Das gab es zu deiner Zeit. Heute nicht mehr. Damals sollen die Menschen bestimmt haben, wer in diesen Räten saß. Aber das hieß nicht Rat, das hatte irgendeinen anderen Namen?“ Grübelnd schaute er mich an.

„Parlament?“, half ich ihm auf die Sprünge. „Alle paar Jahre haben wir die Abgeordneten gewählt. In freien und geheimen Wahlen.“

Der Mann lachte wieder.

Langsam nervte mich seine aufgesetzte Fröhlichkeit.

„Ihr Eismenschen schwelgt in so schönen Erinnerungen“, rief er. „Ich verstehe das, aber heute sieht die Welt ganz anders aus. Ich weiß wirklich nicht, ob es eine so gute Idee war, sich einfrieren zu lassen.“

„Aber die Welt wird in einhundert Jahren doch besser geworden sein?“ „Besser?“, entgegnete er. „Über deine alte Welt weiß ich nichts. Diese Zeit kenne ich nur aus den vielen Geschichten der Eismenschen.“

„Geschichten?“, bemerkte ich skeptisch. „Was ist mit Geschichte? Was lernen denn die Kinder in der Schule über meine Zeit?“

„Die Schulzeit für alle C- und D-Bürger beträgt fünf Jahre“, antwortete er. „Da lernen wir nichts über die Zeit vor dem Umbruch. Das ist auch vollkommen unnütz und wäre Zeitverschwendung.“

„Wenn es C- und D-Bürger gibt, muss es doch auch A- und B-Bürger geben?“, fragte ich neugierig. „Was bedeutet diese Einteilung?“

„Willst du das wirklich jetzt schon wissen? Du hast noch eine Woche Schonfrist. Nach einem Monat Ausbildung wirst du in deine Gruppe entlassen. Dann kannst du am eigenen Leib erleben, was dich von einem A-Bürger unterscheidet.“

„Kann ich ein paar Fragen schon jetzt loswerden?“

„Fang an“, entgegnete er gelassen und machte es sich mir gegenüber bequem, so gut es auf einem grob gezimmerten Holzstuhl eben ging.

„Aber ich werde dir nur zehn Fragen beantworten. Mehr nicht.“

„Führen die Menschen noch Kriege gegeneinander?“

„Ja.“

„Werden die Menschen über einhundert Jahre alt?“

„Nein, nein. Kaum einer erreicht ein so hohes Alter.“

„Wurden die tödlichen Krankheiten wie Krebs besiegt?“

„Nein. Krankheiten haben wir mehr als genug. Auch Krebs.“

„Gibt es noch Geld?“

„Nein. Du bekommst auch so alles, was du brauchst.“

„Leben Menschen auf dem Mond oder anderen Planeten?“

„Menschen auf anderen Planeten? Um Gottes Willen. Nein.“

„Hat jeder Bürger eine freie Berufswahl?“

„Nein. Du hast die zugewiesenen Aufgaben zu erfüllen.“

„Kennt ihr noch das Recht der freien Meinung?“

„Freie Meinung? Was soll das sein? Du hast deine Arbeit zu machen.“ „Kann sich jeder Bürger ein Haus oder ein Auto leisten?“

„Nein und Nein. Das waren zwei Fragen.“

„Leben A-Bürger besser als D-Bürger?“

„Selbstverständlich. Warum sollte der Abschaum im Luxus leben.“

„Welche Aufgaben bekommen die D-Bürger?“

„Das ist eine sehr gute Frage. Aber bereits eine zuviel.“

Zehn Fragen waren einfach nicht genug.

Am nächsten Tag wies man mir ein spartanisch eingerichtetes Zimmer zu. Knappe zehn Quadratmeter mit einem rostigen Metallbett, einem wackligen Holztisch, einem Stuhl und einem Schrank mit quietschenden Scharnieren. Die kaum noch vorhandene Tapete hing in dünnen Fetzen von der grauen Holzwand, der letzte Farbanstrich lag Jahre zurück. Über der Tür entdeckte ich ein schlichtes Holzkreuz.

Technik gab es nicht. Weder Computer, Fernseher noch Telefon.

Auch keinen Lichtschalter.

Der Raum erinnerte mich eher an eine Gefängniszelle. Aber es gab hier etwas, was im Moment alles andere vergessen machte: Ein Fenster.

Der strahlend blaue Himmel schmerzte in meinen müden Augen. Draußen schien der Sommer zu beginnen. Dazu hätte ich kein Fenster benötigt, denn in meiner Kammer war es heiß. Eine Klimaanlage gab es natürlich nicht. Doch das Licht wirkte Wunder in meiner Seele.

Stundenlang stand ich am Fenster und ließ mich von der Sonne bescheinen. Außer den täglichen Mahlzeiten, die nach wie vor aus diesem grässlichen grauen Brei bestanden, ließ man mich in Ruhe.

Meine Kammer durfte ich nicht verlassen.

 

Schulzeit

Tage später öffnete sich die Tür und ein älterer Mann betrat mein Refugium. Er winkte der Wache zu und die Tür schloss sich hinter ihm. Seine Haare waren schlohweiß. Er zog sich den Holzstuhl heran und setzte sich. Fasziniert betrachtete ich sein faltiges Gesicht.

Wie alt mochte der Mann sein? Achtzig Jahre oder vielleicht mehr?

„Du hast bestimmt etwas anderes erwartet“, begann er schließlich das Gespräch. „Diese Welt muss dir eigenartig vorkommen.“

Was sollte ich darauf antworten?

Aus seiner eigenen Jugend musste er meine alte Welt doch noch kennen. Hatte er vielleicht Verständnis für meine Situation?

„Mein Name ist Isidor“, sagte er. „Aber diesen Namen kannst du sofort aus deinem Gedächtnis streichen. Für dich bin ich dein Ausbilder und Bürger C1–315–468–759. In vier Wochen wirst du mir dankbar sein für alles, was ich dir beigebracht haben werde.“

„Ich gebe zu, dass ich einen anderen Empfang erwartet habe“, antwortete ich. „Ich bin ein lebendiges Geschichtsbuch, aber niemanden hier scheint das zu interessieren.“

Der alte Mann lachte: „Lektion eins: Deine Vergangenheit ist für uns ohne Interesse. Deine alte Welt trägt die Schuld am Elend unserer Welt. Öl, Gas, Strom, Wasser, Natur – mit all diesen Dingen seid ihr viel zu verschwenderisch umgegangen. Heute baden wir eure Sünden aus. Hoffe nicht auf das Verständnis deiner Mitmenschen.“

„Und Lektion zwei?“, fragte ich eingeschüchtert.

„Du scheinst nicht dumm zu sein“, antwortete er lächelnd, ohne auf meine Frage einzugehen, „Manchmal glaube ich sogar, dass die Menschen heute noch viel dümmer geworden sind. Sie scheinen nichts gelernt zu haben. Du hast aber noch viel zu lernen. Eines haben die Menschen heute dir voraus – sie kennen diese Welt und ihre Spielregeln.“

„Es scheint sich ja sehr viel verändert zu haben“, wandte ich ein. „Was ist denn in den einhundert Jahren passiert? Gab es denn keinen Fortschritt?“

Der alte Mann schaute mich ernst an: „Es ist gut, dass du Fragen hast. Das zeigt mir, dass du lernen willst.“

„Du antwortest mir mit nichtssagenden Phrasen“, brauste ich auf. „Ich will endlich mal Antworten auf meine Fragen erhalten.“

Schweigend lehnte sich der alte Mann zurück. In aller Ruhe genoss er meinen Wutausbruch. Sein stilles Lächeln reizte mich weiter.

„Ich habe damals eine Menge Geld hingeblättert, um nach hundert Jahren Frost wieder aufzuwachen“, rief ich verärgert und sprang auf. „Jetzt werde ich wie ein Sträfling behandelt. Was soll das werden?“

„Du willst wohl alles sofort wissen?“, fragte der alte Mann und zog überrascht die Augenbrauen hoch. „Aber du scheinst deine Situation noch nicht richtig verstanden zu haben. Deshalb jetzt Lektion zwei.“

„Da bin ich aber gespannt“, erwiderte ich sarkastisch.

„Lektion zwei“, sagte er langsam, „Ist einfach: Rette deinen Arsch.“

„Rette deinen Arsch?“, wiederholte ich fragend.

Wieder lachte der alte Mann, lauter als zuvor.

Und schlug sich vor Freude auf die Knie.

Aber das Lachen klang erneut nicht echt.

„Ja“, wiederholte er. „Rette deinen Arsch. Du bist kein Sträfling. Nach der Ausbildung wirst du eingestuft. Egal, ob du ein C-, wohl aber eher ein D-Bürger sein wirst, die Leute in deinem Team werden dich als unerwünschten Eindringling betrachten. Du wirst härter und länger als sie schuften müssen. Sie werden dich ständig beobachten und belauern. Heute musst du dich in deiner Arbeit jeden Tag aufs Neue beweisen.“

„Was ist in diesen einhundert Jahren nur schiefgelaufen?“ fragte ich.

Der alte Mann schüttelte den Kopf und verließ wortlos meine Kammer.

Am nächsten Morgen schrillte eine Klingel und riss mich brutal aus meinen Träumen. Was war das nun schon wieder?

Grinsend schob sich das Gesicht meines Lehrers durch die Tür.

„Aufstehen“, rief er. „Raus aus dem Bett. Deine Ausbildung geht los.“

Durch das Fenster sah ich die gerade aufgehende Sonne. Ein traumhaft schöner Anblick, der wehmütige Erinnerungen an längst vergangene Zeiten weckte. Müde quälte ich mich aus dem Bett und warf mir einige Hände kalten Wassers ins Gesicht. Erneut schrillte die Klingel.

Der alte Mann grinste immer noch, als er mich erblickte.

„Die Nacht ist vorbei“, rief er fröhlich, „Nun beginnt für dich endlich dein neues, dein richtiges Leben.“

In den nächsten Wochen wurde mir mein neues Leben ausführlich erklärt, fast zu ausführlich. Ich erkannte bald, dass es wirklich besser gewesen wäre, sich nicht einfrieren zu lassen.

Der alte Mann redete stundenlang auf mich ein. Die Fragen konnte ich schon beantworten, aber meine eigenen Antworten oft nicht begreifen. Der alte Mann machte sich bei jeder Gelegenheit lustig über meinen Glauben an den menschlichen Fortschritt.

In Europa gab es keine Länder mehr, der Erste Rat, bestehend aus neunundvierzig A1-Bürgern, bestimmte das Leben auf dem Kontinent.

Alle Bürger wurden in Leistungsteams eingeordnet, abgestuft von A bis D. Jedem dieser Teams wurden entsprechende Arbeiten zugewiesen.

Ein Team bestand aus Brigaden und diese wiederum aus zehn bis zwanzig Gruppen von je zehn Personen.

Diese Gruppen wurden kreuz und quer durch Europa gejagt.

Arbeit gab es mehr als genug: Es wurden Häuser, Straßen, Schubkarren und Schiffe gebaut; Getreide gesät und geerntet; Kartoffeln gelegt und geerntet; Rinder, Schafe, Ziegen, Schweine geweidet und geschlachtet; Kanäle gegraben und gereinigt … und vieles vieles mehr.

Auto und Eisenbahn waren vor allem den A-Teams vorbehalten.

Obwohl ich das jetzt noch nicht beurteilen konnte, vermutete ich, dass die D-Teams wahrscheinlich die niedrigsten und schmutzigsten Arbeiten verrichteten mussten. Ich befürchtete, nach meiner Ausbildung weit unten eingestuft zu werden.

Und über alles wurde eine strenggläubige Kirche gestülpt, die mit den mir bekannten christlichen Werten kaum noch etwas gemein hatte.

Die Bibel, die mir der alte Mann in die Hand drückte, war gekürzt und weitestgehend umgeschrieben worden.

Gleich nach Gott kam der Erste Rat.

Das Problem der letzten Jahrzehnte meiner alten Welt war die zunehmend schwierigere Gewinnung von Energie gewesen. Kohle, Erdöl und Erdgas waren auf kümmerliche Reste geschrumpft. Außerdem befanden sich diese Vorkommen meist außerhalb Europas. Die unterirdischen Leitungen aus Russland, durch die früher Öl und Gas nach Europa geflossen waren, verrotteten nun allmählich im Boden.

Irgendwann in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts brach die europäische Wirtschaft ohne jede Vorwarnung in sich zusammen. Der Wirtschaft folgte umgehend der aufgeblähte Beamtenstaat. Mit einem lauten Getöse ließ auch das soziale Gefüge nicht lange auf sich warten. Nichts blieb – kein Staat, keine Familien, keine Schulen, keine Unternehmen, keine Ordnung – einfach nichts.

Nur ein einziges großes Chaos.

Das Billigste, was plötzlich und überraschend zur Verfügung stand, war die menschliche Arbeitskraft. Energie dagegen gehörte nun zu einem kaum noch vorhandenen Luxus.

Die folgenden Tage raubten mir jegliche Illusion über meine Zukunft.

Mit zittrigen Händen saß ich an einem Holztisch und bearbeitete einen Fragebogen nach dem anderen. Ich wollte auf keinen Fall in einem D-Team landen und die Drecksarbeit für andere erledigen.

Verzweifelt kaute ich auf dem Bleistift herum.

„Gut“, unterbrach der alte Mann meine Gedanken und drehte eine Sanduhr um. „Die Zeit ist um. Den ersten Test hast du nun überstanden. Ob du ihn bestanden hast, werden wir bald wissen.“

An einem Tag musste ich nach ein paar Tests die Baracke verlassen.

Vor der Tür drückte mir der alte Mann einen Spaten in die Hand.

Ich stand vor einer mit Holzpflöcken abgesteckten, etwa zehnmal zehn Meter großen Fläche.

Der alte Mann lächelte. Das war kein gutes Zeichen.

„Was soll ich tun?“, fragte ich.

„Wonach sieht es denn aus?“, entgegnete er und schob mich in das abgesteckte Gebiet. „Du hast Zeit bis zum Sonnenuntergang. Ab jetzt.“

Unsicher schaute ich ihn an.

„Ich soll hier im Dreck buddeln?“, rief ich ungläubig. „Ist das dein Ernst? Ich bin doch kein verdammter Maulwurf.“

„Du solltest wirklich langsam anfangen“, antwortete der alte Mann kopfschüttelnd. „Bei Sonnenuntergang ist Schluss. Oder können Eismänner keinen Spaten halten? Kennst du so was von früher nicht?“

Wütend stieß ich den Spaten in die Erde. Die war hart, sehr hart. Meine Wut half mir aber nicht, die Sonne brannte erbarmungslos. Schweigend schaufelte ich weiter. In den kurzen Pausen sah ich hinüber zum alten Mann. Der saß im Schatten, schaute mich unverwandt an und sprach kein Wort mit mir. Stundenlang wühlte ich mich durch den Boden. Der feine Staub drang tief in meine Lungen ein. Als mich der alte Mann schließlich stoppte, war ich einer Ohnmacht nahe.

Ich schaffte es gerade noch, mich in meine Kammer zu schleppen und schlief sofort ein. An den nächsten Tagen folgten weitere Tests: Schnelligkeit, Geschicklichkeit, Wissensfragen, Handwerk.

Der alte Mann kannte kein Erbarmen. Er jagte mich tagsüber durch die Aufgaben und nachts durch meine Träume.

Ich verlor jedes Zeitgefühl. Eines Tages war der Tisch vor mir leer.

Überrascht schaute ich zum alten Mann.

„Du hast es geschafft“, sagte er und blickte mich wohlwollend an. „Und für einen Eismann hast du gut abgeschnitten. Wirklich erstaunlich gut.“

Vor lauter Freude atmete ich tief durch.

„Komme ich jetzt in ein B-Team?“, fragte ich erwartungsvoll.

„B-Team?“, rief er lachend und schüttelte den Kopf. „Ein B-Team? Habe ich dir immer noch nicht deine Arroganz ausgetrieben? Du kannst dich glücklich schätzen, dass du nicht bei den D landest. Du wurdest als C3 eingestuft. Und das ist weit mehr, als du erwarten durftest.“

 

Reisezeit

Hier stand ich nun. Ich – dahinter verbarg sich Bürger C3–222–170–998, ein Mitglied der Gruppe 900 der 170. Brigade eines C-Teams. Irgendwie erinnerte mich das an die unpersönlichen Strukturen militärischer Einheiten. Es blieb aber nicht viel Zeit, mir darüber Gedanken zu machen. Man gönnte mir genau einen Tag Ruhe.

Wortlos winkte mich der alte Mann am übernächsten Morgen zu sich.

Vor Aufregung hatte ich kaum schlafen können und wankte ihm müde entgegen. Wir betraten eine bisher verschlossene Baracke, in der ich eingekleidet wurde – dreimal Unterwäsche, drei Hemden, drei Hosen, zwei Pullover, eine Sommer- und eine Winterjacke, fünf Paar Socken, fünf Taschentücher, ein Paar Schuhe und ein Paar Winterschuhe, eine Wolldecke sowie einen Rucksack, um das alles zu verstauen.

„Das ist dein ganzer Besitz“, beantwortete er meinen fragenden Blick.

„Achte gut auf ihn und pflege ihn. Ersatz gibt es erst in zwei Jahren. Das wichtigste sind die Socken, trockene Socken. Pack alles in den Rucksack. Wir müssen noch heute aufbrechen. Deine Gruppe wartet.“

„Wo befindet sich meine Gruppe gerade?“, fragte ich neugierig.

„Am D9-Komplex, früher hieß die Stadt Erfurt“, antwortete er. „Zurzeit läuft die Getreideernte. Da wird jede Hand gebraucht. Deine Leute ziehen so schnell nicht weiter. Wenn alles klappt, erreichen wir sie in zehn Tagen.“

„Zehn Tage? Wie weit ist Erfurt weg?“

„Knapp vierhundert Kilometer“, sagte er schulterzuckend. „Mit straffen Tagesmärschen können wir das in der Zeit schaffen.“

Tagesmärsche? Noch immer hatte ich diese Welt nicht verstanden.

„Gibt es denn keinen …“, stammelte ich nervös. „Fährt denn keiner …?

Habt ihr denn für uns kein Auto …Eisenbahn … Flugzeug?“

Der alte Mann lachte. Ich wusste nicht, ob über meine jämmerliche Gestalt oder über meine dummen Fragen.

Trotz seines Alters legte der alte Mann einen forschen Schritt an den Tag. Ich konnte ihm kaum folgen. Regelmäßig machten wir Pausen.

Immer wieder trieb mich der alte Mann vorwärts.

Nach einigen Stunden erreichten wir ein Dorf.

Kein Dorf, wie ich es bisher kannte. Auf der spärlich bewachsenen Waldlichtung standen Baracken. Genau solche, wie ich sie schon von meiner Ausbildung her kannte. Das einzige vertraut wirkende Gebäude war eine kleine Holzkirche in der Mitte der Siedlung.

Nirgendwo konnte ich Menschen entdecken.

Zielstrebig ging der alte Mann auf eine abseits gelegene Baracke zu und schloss sie auf. Den Schlüssel hatte er aus irgendeiner Falte seines Mantels gezaubert. Im Haus reichte er mir schweigend einen Holzbecher mit Wasser, das er über eine Handpumpe aus der Tiefe geholt hatte. Anschließend füllte er für sich selbst einen weiteren Becher und setzte sich. Das kalte Brunnenwasser schmeckte köstlich.

„Wer lebt in diesem Dorf?“, fragte ich. „Alles sieht so aus, als würden jeden Moment Menschen aus den windschiefen Baracken kommen.“

Abrupt stellte er den Becher ab und erhob drohend seine rechte Hand.

„Nenne unsere Häuser nie wieder windschief, Eismann“, rief er beleidigt. „In diesen Baracken, wie du sie nennst, wirst du den Rest deines Lebens verbringen. Unzählige davon wirst du mit deinen eigenen Händen noch bauen müssen. Zeige endlich Respekt.“

„Entschuldigung“, antwortete ich schnell, eine derartig heftige Reaktion hatte ich nicht erwartet. „Entschuldige, ich wollte wirklich niemanden beleidigen. Aber deine Welt ist so anders.“

Langsam beruhigte sich der alte Mann: „Jetzt ist es auch deine Welt. Dein altes Leben hast du aufgegeben. Unbegreiflich für mich.“

„Warum wurde das Dorf verlassen?“

„Das Dorf wurde nicht verlassen“, antwortete der alte Mann. „Es ist gerade jetzt nur nicht bewohnt. Hier gibt es erst im Herbst wieder Arbeit, wenn im Wald Ernte ist: Pilze, Beeren, Eicheln, Kastanien, Holz.“ Hatte ich das richtig verstanden?

„Heißt das, die Menschen wohnen nicht mehr in Dörfern?“, fragte ich.

„Davon hast du mir noch nichts erzählt. Was ist mit den Familien?“

„Familien?“, gab er zurück. „Was meinst du damit?“

„Mann, Frau, Kind“, antwortete ich schulterzuckend. „Das musst du doch noch kennen. Wo findet das Familienleben statt? Auf der Straße?“ Der alte Mann stutzte und überlegte.

„Jetzt weiß ich, was du meinst“, rief er lachend. „Du meinst die Familie, wo Mann und Frau geheiratet haben, Kinder hatten, sich ein kleines Häuschen bauten und bis an ihr Lebensende zusammenlebten?“

Ja, dachte ich bei mir. So war das. Damals. Was war daran falsch?

„Ja“, antwortete ich verdutzt. „So ähnlich. Gibt es das nicht mehr?“

Der alte Mann nickte: „Nein. Das gibt es heute nicht mehr. Ich hatte früher noch eine Familie. Heute ist alles anders. In einer Gruppe, auch in einer Brigade, arbeiten Männer und Frauen niemals gemeinsam. Es gilt eine strikte Trennung. Verstöße werden sehr streng bestraft. Alles andere endet nur im Chaos.“

„Und wo kommen dann die Kinder her?“, fragte ich erstaunt, „Die könnt ihr euch doch nicht backen.“

„Ach ja, die Kinder“, rief er lächelnd. „Die Methode hat sich in den letzten hundert Jahren nicht verändert. Kennst du noch die Geschichte von den Bienen und den Blumen?“

„Bienen? Blumen?“, fragte ich begriffsstutzig zurück. „Was soll das?“

„Ich glaube, dein Hirn ist immer noch nicht ganz aufgetaut“, antwortete er und lief durch den Raum. „Mann oben, Frau unten. Oder umgekehrt. So werden Kinder gemacht.“

„Ich weiß, wie Kinder gemacht werden“, sagte ich verärgert. „Ihr habt die Familie abgeschafft, lasst die Menschen durch die Lande ziehen und trennt Frauen und Männer. Wo, bitte schön, wenn die Frage erlaubt ist, wo sollen da die Kinder herkommen?“ Der alte Mann setzte sich.

„Die Trennung gilt nur für die Arbeit“, antwortete er nach einer längeren Pause und seine Augen verklärten sich bei der Erinnerung an vergangene Zeiten. „Jeden Sommer gibt es die Kinderzeit. Vier schöne Wochen lang. Jeder Nachwuchs ist wertvoll.“

„Kinderzeit?“, fragte ich. „Was bedeutet das?“

„Oh“, sagte er freudig. „Das wirst du bald erleben. Vielleicht schon in diesem Jahr. Ich bin dafür leider zu alt. Genug geschwatzt. Wir müssen aufbrechen. Wir werden in der nächsten Siedlung übernachten.“

Er stand auf, warf mir meinen Rucksack zu und verließ die Baracke.

Wortlos schleifte er mich in die Kirche, betete kurz und zeigte nach Süden. Weiter ging es durch unendliche Wälder. Die Wege waren nicht asphaltiert, aber sie waren zum Teil gewalzt.

Wir kamen gut voran, trafen unterwegs aber keinen Menschen.

Plötzlich entdeckte ich eine schnell näherkommende Staubwolke. Bei der Geschwindigkeit, mit der die Wolke zog, konnte sie nur von einem Auto stammen. Wenig später hielt neben uns ein schwarzes Fahrzeug.

Der alte Mann war überrascht, hier in dieser Einöde hatte er sicher keinen seiner Vorgesetzten erwartet. Dieses unförmige und hässliche Ding erinnerte mich nur entfernt an mir bekannte Fahrzeuge.

Wahrscheinlich schaffte es kaum sechzig Kilometer in der Stunde.

Der alte Mann senkte demütig seinen Kopf und wartete ab. Nachdem sich der Staub verzogen hatte, öffnete sich die Fahrertür, ein Mann in kaum einer besseren Kleidung als der unseren sprang heraus und riss die hintere Wagentür auf. Langsam und gemessen erhob sich ein dunkel gekleideter Mann von der Rückbank. Sein Anzug bestand aus einem besseren Stoff, mit Sicherheit war das kein C-Bürger. Der alte Mann hatte sich vor lauter Demut fast in den Wald zurückgezogen.

„A2–111–421–001“, rief der Mann herrisch. „Nenne deine Kennung.“

Der alte Mann wirkte verängstigt.

Vorsichtig trat er aus dem Schatten der Bäume heraus.

„C1–315–468–759“, antwortete er und reichte dem Mann ein Schriftstück, das er wieder aus einer kaum erkennbaren Falte seines Mantels gezogen hatte. In aller Ruhe studierte der A2 die Papiere.

„Oho“, rief er plötzlich. „Du hast einen Eismann bei dir?“

Er besah sich meine Erscheinung von oben bis unten.

Mit langsamen Schritten schlich er um mich herum.

„Meine schicke Kleidung ist aus deiner Zeit“, sagte ich, als ich von der ewigen Musterung genug hatte. „Man hat mich nackt eingefroren.“

Der alte Mann stolperte vor Schreck ein paar Schritte zurück.

Er legte den Zeigefinger auf seine ängstlich zusammengekniffenen Lippen. Schweigen? Ich ließ mir doch nicht den Mund verbieten.

Der A2 winkte den alten Mann zu sich. Er war sehr verärgert.

„Bist du sein Ausbilder?“, fragte er streng.

Der alte Mann nickte.

„Hast du ihm die Regeln erklärt?“, fragte er weiter.

Wieder nickte der alte Mann.

„Er kennt also alle einhundertzweiundvierzig Verhaltensregeln?“, folgte die nächste Frage.

Erneut kam nur ein kurzes Nicken vom alten Mann.

„Nenne mir deine Kennung“, wandte sich der A2 an mich.

Seine Augen blitzten wütend. Ich war wohl zu weit gegangen.

„C3–222–170–998“, antwortete ich schnell.

„Sieh mal einer an, ein C3. Das überrascht mich nun aber wirklich. Ich hätte dich eher als D5 in einer stinkenden Kloake erwartet.“

„Wie hast du dich gegenüber einem A2 zu verhalten?“, fragte er giftig. „Ich darf nur antworten, wenn ich gefragt werde“, antwortete ich.

Ich kannte diese verdammten einhundertzweiundvierzig Regeln.

„Bravo“, rief er sarkastisch. „Ich rate dir nur eins: Lege dein überhebliches Gehabe ganz schnell ab. Schau dir diese Welt an, die ihr uns in eurer Verschwendungssucht hinterlassen habt.“

Er stieg in den Wagen.

Sein Kopf erschien noch einmal im offenen Autofenster.

Drohend hob er eine Hand: „Eismann. Eins lass dir gesagt sein: Ich werde ab heute ein Auge auf dich haben. Solltest du noch einmal einen A2 duzen oder dich nicht benehmen, wie es sich für deinesgleichen gehört, schaffe ich dich persönlich zu den D5. Merke dir das gut.“

Der Wagen fuhr davon.

„Was macht eigentlich ein D5?“, wandte ich mich an den alten Mann.

Der aber war so wütend über mein Verhalten, dass er die nächsten Kilometer kein Wort mit mir sprach.

Mein Fehlverhalten würde ihm persönlich zur Last gelegt werden.

„Was macht ein D5?“, wiederholte ich irgendwann meine Frage.

Der alte Mann blieb stehen und schaute mich nachdenklich an.

„Glaube mir“, sagte er ganz ruhig. „Das willst du nicht wissen. Bete jeden Tag, dass Gott dich vor den D5 schützen möge.“

Am Abend erreichten wir das nächste Dorf.

Erneut keine Spur von anderen Menschen.

Ich war erledigt. Ich konnte mich nicht erinnern, irgendwann einmal in meinem alten Leben solche Wanderungen unternommen zu haben.

Schlafen, mehr wollte ich nicht, einfach nur schlafen. Aber der alte Mann hatte andere Pläne. Woher nahm er nur diese Energie?

Wieder hatte er aus seinem Mantel einen Schlüssel hervorgekramt.

Als ich müde und ausgehungert den rasch zubereiteten, schleimigen Brei löffeln wollte, schlug mir der alte Mann heftig auf die Hand.

„Du arroganter Kerl“, knurrte er erbost. „Erst blamierst du mich schamlos vor dem A2 und jetzt vergisst du jeden Anstand. Danke Gott für unser Essen.“

Verständnislos schaute ich ihn an.

„Gott?“, fragte ich zurück. „Was soll das? Ich habe Hunger.“

Der alte Mann schüttelte den Kopf.

Ohne Antwort ergriff er mich am Arm und zog mich aus der Baracke.

„Danke Gott“, wiederholte er und zeigte auf die kleine Holzkirche, die auch hier wieder in der Mitte der Siedlung stand. „Bete für deine Errettung. Bete für deine Zukunft.“

„Dein Gott ist mir egal“, rief ich ärgerlich. „Ich bin nicht getauft. Ich glaube nicht an deinen Gott.“ Nun wurde der alte Mann richtig wütend. Er zerrte mich hinein in die Kirche und warf mich vor den Altar.

„Du heidnischer Bastard“, rief er. „Schau auf unseren Heiland. Er hat unter seinen Mitmenschen gelitten und wurde für uns gekreuzigt. So wie wir unter euren Dummheiten bis heute leiden und weiter leiden werden. Gott wird dir verzeihen. Gott ist gütig.“

Ich schwieg, aber schnell hatte ich mich wieder gefangen.

„Dein Gott mag gütig sein. Aber was ist mit meinen Mitmenschen?“

Am nächsten Morgen zogen wir kurz nach Sonnenaufgang weiter. In der Morgenluft war schon die Wärme des kommenden Tages zu spüren. Die Landschaft wurde flacher und die schattigen Wälder wichen zunehmend Feldern – Getreide, Zuckerrüben, Kartoffeln. Einige waren bereits abgeerntet. Auf anderen war die Ernte in vollem Gang.

Viele Menschen waren unterwegs, das Getreide wurde mit Sensen geschnitten und zu Garben gebunden, auf Fuhrwerke gestapelt und abgefahren. Trotz des forschen Tempos, das der alte Mann nach wie vor an den Tag legte, bezweifelte ich, dass wir rechtzeitig meine Gruppe erreichen würden. Kamen wir zu spät, konnte die Gruppe schon weit entfernt sein: Zur Weinernte im Süden oder zum Deichbau im Norden. Die Sonne brannte erbarmungslos, der Weg führte inzwischen fast nur noch durch Felder.

In den Nächten schlief ich vor Erschöpfung traumlos.

Eines Morgens erreichten wir eine breite Betonstraße.

Dieser Anblick weckte vage Erinnerungen in mir.

„Eine Autobahn“, rief ich überrascht. Der alte Mann nickte lächelnd. „Das ist keine Autobahn, das war eine Autobahn“, korrigierte er mich. „Wir nutzen nur noch eine Fahrbahn. Mehr können wir nicht erhalten.“ „Ihr habt Autobahnen“, freute ich mich. „Mit einem Auto kommen wir schneller voran. Dann erreichen wir noch rechtzeitig meine Gruppe.“ Der alte Mann schaute mich erstaunt an und brach in ein schallendes Gelächter aus.

Wir marschierten auf der Straße weiter nach Süden. Die Bäume spendeten nur wenig Schatten. Immer wieder prustete der alte Mann ohne Grund los und grinste mich an.

Plötzlich rauschten mehr als einhundert Fahrräder an uns vorbei.

Jetzt wurde mir alles klar. Auf dieser Autobahn fuhren keine Autos mehr, das waren jetzt Fahrradstraßen. Wie konnte ich auch vergessen, dass Autos den A-Bürgern vorbehalten waren.

Unterwegs erzählte mir der alte Mann, dass die zweite Fahrbahn als Ersatzteillager diente. Planken und Schilder lieferten wertvolles Metall.

Alles wurde einer Verwendung zugeführt – Mangel macht erfinderisch.

Nach zwei Stunden erreichten wir eine weitere Siedlung. Über dem Eingangstor stand auf einem hölzernen Schild in krakelig weißen Buchstaben Station 9-003. Endlich machten wir eine Pause.

Der alte Mann zeigte auf die Pumpe. Ich genoss das herrlich kalte Wasser. Obwohl wir noch nicht sehr weit gekommen waren, spürte ich in meinen untrainierten Knochen die Anstrengungen der letzten Tage.

Anschließend schlenderte ich über das Gelände. Diese Siedlung war nur eine einfache Fahrradstation. In den kleinen Baracken standen unzählige Fahrräder. Es gab auch Werkstätten, in denen schweigsame Menschen die Drahtesel reparierten. Von mir nahm kaum einer Notiz, alle Angesprochenen wandten mir ohne eine Antwort den Rücken zu.

Ich kehrte zum alten Mann zurück. Neben ihm stand ein dicker Kerl und kontrollierte ausgiebig unsere Papiere.

Anschließend erhielten wir zwei Fahrräder mit Anhänger.

Misstrauisch betrachtete ich mein Vehikel. Dieses angerostete Blechgestell wäre zu meiner Zeit mit Sicherheit auf dem Sperrmüll gelandet. Ich legte meinen Rucksack in den Anhänger.

Gut gelaunt trat ich in die Pedale. Zum ersten Mal seit meinem Erwachen fühlte ich mich frei, zum ersten Mal atmete ich die frische Luft mit Freude ein. Der alte Mann hatte mit meinem Tempo kein Problem. Im Gegenteil: Er erzählte mir alles über die Autobahnen.

„Woher weißt du soviel darüber?“, fragte ich ihn in der nächsten Pause. „Ich bin alt“, antwortete er. „Nachdem du eingefroren wurdest, bin ich noch fast jede Woche über die A9 nach München gefahren. Das ist sehr lange her. Eigentlich dürfte ich gar nicht mehr als Ausbilder tätig sein. Aber weil ich die alte Zeit noch kenne, verstehe ich die Eismenschen immer noch besser als die Jungen.“

„Was denkst du über uns Eismenschen?“, fragte ich neugierig. „Auch du warst damals jung. Du bist genauso schuldig wie ich.“

„Nein“, widersprach der alte Mann scharf. „Du hast dich einfrieren lassen und bist geflüchtet. Ich konnte mir das nicht leisten. Meine Familie habe ich im Chaos verloren. Ich habe um Brot, Wasser und um mein Leben gebettelt. Nein, ich bin nicht schuldig.“

Das war nicht fair. Zu meiner Zeit hatte ich den Müll getrennt, ein sparsames Auto gefahren und Energiesparlampen verwendet.

Doch aus heutiger Sicht war und blieb ich ein Verschwender.

Wir kamen gut voran. Die Fahrräder fuhren trotz ihres vorsintflutlichen Aussehens ausgezeichnet. Unterwegs trafen wir immer wieder kleine Trupps, die mit der Ausbesserung der Autobahn beschäftigt waren.

Zufällig schweifte mein Blick nach Nordosten.

Dort entdeckte ich eine dunkle Gewitterfront.

„Wir sollten uns bald einen Unterschlupf suchen“, rief ich dem alten Mann zu. „Da kommt ein Gewitter auf uns zu.“

Er schaute nur kurz auf.

„Das ist kein Gewitter“, antwortete er gelassen. „Das ist Berlin.“

„Berlin?“, rief ich erstaunt. „Ich dachte, es gibt keine Städte mehr.“

„Gibt es auch nicht“, bestätigte er. „Da stehen nur noch qualmende Fabriken. Nur noch wenige Menschen arbeiten dort. Die meisten werden bei dieser verpesteten Luft ohnehin nicht sehr alt. Zu deiner Information: Diese Jobs haben die D5.“

„Gibt es denn noch mehr von diesen Orten?“, fragte ich interessiert.

Der alte Mann nickte.

„Oh ja“, sagte er und machte es sich auf dem Hang bequem, er schien nach stundenlanger Fahrt in einer gönnerhaften Erzähllaune zu sein. „Berlin, oder was davon übrig geblieben sein soll, das ist der Industriekomplex D1. Dann gibt es im ehemaligen Deutschland noch ein paar weitere – bis hin zum Komplex D9. Offiziell haben alle diese Zonen nur noch Nummern. Namen werden heutzutage nicht mehr benutzt. In Europa existieren noch weit mehr Fabrikzonen. Wenn jemand schlecht arbeitet oder unsere Gesetze nicht befolgt, landet er in einer dieser Zonen. Schmutz, Dreck, Gift, Rauch, Unfälle, Krankheiten. Erspare dir, wenn möglich, solche Strafen.“

Der alte Mann lag im Gras, genoss die warme Sonne und erzählte von den Fabriken, der Feldarbeit und den Tricks des täglichen Lebens. Während meiner Ausbildung hatte ich nicht so viel gelernt wie in dieser friedlichen Stunde.

Die Strecke wurde langsam hügeliger. Der Verkehr hatte zugenommen, in beide Richtungen brausten immer wieder Fahrradkolonnen an uns vorbei. Wir erreichten die Elbe. Träge floss der Strom nordwärts.

Daran hatte sich auch in den letzten einhundert Jahren nichts geändert. Die alte Elbbrücke lag in Trümmern im Fluss. Direkt daneben bewegte sich langsam eine Fähre über den Strom. Auf der Fähre, die nur spärlich belegt war, musste ich mich an der Kurbel betätigen.

Am anderen Ufer wurden wir kontrolliert. Meinen Rucksack musste ich bis auf das letzte Kleidungsstück auspacken, unsere Papiere wurden mehrfach durchgeblättert. Nach einem kurzen Bad fuhren wir weiter.

„Warum wurden wir denn so genau kontrolliert?“, fragte ich später.

In den letzten Tagen war der alte Mann so gesprächig gewesen und bereits in wenigen Tagen würde ich auf mich allein gestellt sein.

„Früher gab es die Polizei, die allein durfte jeden kontrollieren.“

Der alte Mann lächelte.

„Was glaubst du eigentlich, was das für Leute waren?“, erwiderte er. „Das waren B3. Auch wenn sie keine Uniformen tragen, die B3 sind unsere Polizei. Du musst nur auf den Kragen schauen.“

Aus den Augenwinkeln heraus entdeckte ich auf meinem Hemdkragen ein unscheinbares C3. Das hatte ich bisher übersehen.

„Warum wurden wir so genau kontrolliert?“, wiederholte ich die Frage. „Was würdest du tun, wenn du glaubst, dass du auf Grund deiner Fähigkeiten höher eingestuft werden müsstest?“, fragte er zurück.

„Ihr macht doch Tests mit den Leuten“, antwortete ich. „Natürlich würde ich alles versuchen, um eine bessere Einstufung zu ergattern. Ich würde mit meinem Gruppenleiter sprechen. Leistung wird belohnt, das hast du mir oft genug erzählt.“

„Gut, gut“, rief er, trat heftig in die Pedale und brauste davon, wartete aber, bis ich ihn wieder eingeholt hatte.

„Was würdest du aber tun, wenn man dich nicht gehen lässt?“

Ich ahnte, worauf der alte Mann hinaus wollte.

Was könnte ich denn tun, wenn ich mich zurückgesetzt fühlen würde?

„Ich müsste die Gruppe verlassen“, antwortete ich nach kurzem Überlegen. „Aber wahrscheinlich wäre ich dann ein Flüchtling.“

„Ich wusste, dass du kein Dummkopf bist“, rief der alte Mann. „Schließlich habe ich dich ausgebildet. Es laufen ständig Flüchtige durch die Wälder, die sich mit gefälschten Papieren davonmachen wollen. Die Fähren an den großen Flüssen werden deshalb besonders streng kontrolliert.“ Es gab einen Widerstand? Das machte mir Hoffnung.

„Wohin fliehen diese Menschen?“, fragte ich. „Sie müssen doch ein Ziel haben, einen Ort, wohin sie fliehen können, wo sie frei sind.“

Das Lächeln des alten Mannes wirkte wehmütig.

„Ich habe Gerüchte gehört, dass es im Norden und Osten freie Gemeinschaften geben soll“, antwortete er. „Vielleicht auch in abgelegenen Gebirgstälern. Nur Gerüchte. Niemand ist je von dort zurückgekehrt.“

„Was passiert mit den gefangenen Flüchtlingen?“, fragte ich weiter. „Gibt es wieder die Todesstrafe? Oder steckt ihr sie in ein Gefängnis?“

Der alte Mann zog die Augenbrauen hoch.

„Todesstrafe?“, rief er überrascht. „Wir sind doch keine Barbaren und vernichten wertvolle Arbeitkräfte. Außerdem: Was habe ich dir denn erzählt, wie man ein D5 wird?“

Ich erinnerte mich wieder an unser Gespräch auf der Autobahn.

Ein D5: Abgestellt für die schmutzigsten Arbeiten.

War da der Tod nicht besser?

Im Flachland kamen wir gut voran. Bäume entdeckte ich kaum noch. So weit das Auge reichte, reihte sich Feld an Feld. An der nächsten Station tauschten wir die Fahrräder aus. Ich war erstaunt über die primitive, aber gute Organisation. Die neuen Drahtesel waren nicht schön, aber technisch betrachtet wieder in einem sehr guten Zustand.

„Du warst so neugierig auf die Fabrikgebiete“, sagte der alte Mann. „Deshalb werden wir jetzt durch den D0-Komplex fahren. Die alte Autobahn führt eigentlich um den Komplex herum, aber die Stadt wird dich sicherlich beeindrucken.“

Und ich war beeindruckt. Ich war schockiert. Die Luft war nicht zu atmen, die herumschwebenden schwarzen Dreckflocken brannten sich hinein bis in das letzte Lungenbläschen. Die Hauswände waren von einer dunkelgrauen bis tiefschwarzen schmierigen Schicht überzogen. Ruß klebte an jedem einzelnen Blatt der wenigen Bäume, die trotz allem hier ihre kümmerliche Existenz verteidigten.

Leben behauptet sich oft auf eine erstaunliche Weise.

Als die Luft wieder zu atmen war, hielt ich an.

Ich versuchte verzweifelt, mir den Dreck aus dem Mund zu spülen.

„Damit macht ihr euch die Umwelt kaputt“, sagte ich. „In dieser Luft kann man doch nicht lange überleben.“

Der alte Mann zuckte mit den Schultern.

„Für Filter fehlen uns Wissen und Technik“, sagte er. „Wir bauen sehr niedrige Schlote, um den Dreck nicht noch weiter im Land zu verteilen. Das Wasser wird sparsam verwendet und immer wieder aufbereitet. Der Dreck bleibt so auf jeden Fall im Komplex.“

„Aber sicher“, antwortete ich sarkastisch. „Der ganze Schmutz und Dreck bleibt in der Stadt und die armen Schweine darin verrecken.“

„Mein Gott“, rief der alte Mann genervt. „Das sind doch alles nur D5, die haben nichts Besseres verdient. So schützen wir unser Leben und können dort für uns die wichtigsten Dinge produzieren lassen.“

„Das ist menschenverachtend“, rief ich. „Ihr lebt auf Kosten eurer Sträflinge. Ihr wollt keine Todesstrafe haben? Aber dafür krepieren die Menschen ganz jämmerlich in diesen Fabriken.“

„Dummkopf“, brüllte der alte Mann wütend und ich wich erschrocken einige Schritte zurück. „Du eingebildeter Dummkopf. Ihr habt uns den ganzen Mist eingebrockt und jetzt willst du den Richter spielen? Dazu hast du kein Recht.“

Weiter ging es durch fruchtbares Hügelland. Irgendwie kam mir die Landschaft bekannt vor, auch wenn sich in den letzten einhundert Jahren viel verändert haben mochte. Einen Tag später erreichten wir einen schmalen Fluss. Das Wasser war kristallklar und es tummelten sich unzählige Fische darin. Die kleine Siedlung am Fluss war verlassen.

Nach einem ausgiebigen Bad fingen wir uns ein paar Fische. Ich stellte mich ziemlich ungeschickt an, aber schließlich konnte ich einige der flinken Biester erwischen. Nach der Fertignahrung und dem furchtbaren Brei der letzten Tage waren die Fische eine Delikatesse.

Auch der alte Mann lebte an diesem Abend auf, das kleine Holzfeuer weckte Erinnerungen. Er erzählte mir seine Lebensgeschichte.

Seine Jugend fiel in die Zeit der chaotischen Wirren, er hatte bald in dieser neuen Welt leben und sich behaupten müssen. Mir wurde an diesem Abend klar, warum ich auch von ihm als Eindringling betrachtet wurde.

„Ich kann mir nicht vorstellen, dass alles einfach so zusammengebrochen sein soll“, sagte ich und drehte die duftenden Fische über der Glut ein Stück weiter. „So etwas kündigt sich doch an.“

„Das sagt sich so leicht“, entgegnete der alte Mann. „Natürlich gab es viele Leute, die gewarnt hatten. Aber warum sollte man auf sie hören, die wollten sich doch alle nur in den Vordergrund spielen.“

„Wie hast du den Anfang erlebt?“ Der alte Mann ließ sich Zeit mit der Antwort und stocherte nachdenklich im Feuer herum.

„Der Anfang kam ganz plötzlich“, begann er mit brüchiger Stimme. „In den Nachrichten hieß es nur, es gäbe eine kurzzeitige Energieknappheit. Das Problem würde umgehend gelöst. Am nächsten Morgen stand ich am Ende einer riesigen Schlange vor der Tankstelle. Gegen Mittag gab es kein Benzin mehr. Die Supermärkte wurden leergekauft. Meine beiden Kinder waren damals drei und fünf Jahre alt. Der Große löcherte mich mit Fragen. Fernsehen und Radio versuchten zu beruhigen, aber es herrschte eine gespenstische Stille. Nach zwei Tagen fiel der Strom komplett aus. Ich rechnete damit, dass Polizei oder Armee irgendwann erscheinen würden, doch es tat sich einfach nichts.“ „Aber jedes Land hat doch Reserven?“, wandte ich ein. „Kraftwerke fallen nicht von einem Tag auf den anderen aus.“

„Das habe ich mich auch gefragt, Eismann. In unserem kleinen Städtchen hatten wir einfach keinen Kontakt mehr zur Außenwelt. Telefon, Computer oder Handys – nichts funktionierte. Leute, die mit ihren Autos in die nächste Stadt fuhren, kehrten nicht zurück. Es dauerte nicht lange, da plünderten Banden alle bisher verschonten Geschäfte. Wer eine Waffe hatte, regierte die Stadt oder zumindest einen Teil davon. Ich verbarrikadierte unsere Wohnung und versuchte, sie nach außen unbewohnt erscheinen zu lassen. Nach einigen Tagen musste ich das Haus verlassen, wir hatten kein Wasser mehr. Als ich nach einer Stunde wiederkam, war die Tür aufgebrochen. Meine Frau war verschwunden. Und meine beiden Kinder lagen erschossen in der Stube.“

Dem alten Mann versagte die Stimme. Verstohlen wischte er sich Tränen aus den Augen. Er stand auf und verschwand in der Dunkelheit. Als er nach einer halben Stunde wieder am Feuer erschien, schob ich ihm schweigend einen Holzteller hin. Aber er beachtete das Essen nicht und starrte ins Feuer. Ich wagte es nicht, ihn anzusprechen.

Dann räusperte er sich und erzählte weiter.

„Meine Frau habe ich nie wieder gesehen. Meine Kinder begrub ich hinter dem Haus im Garten. Ich konnte nicht länger dort bleiben. Immer wieder zogen betrunkene Banden durch die Häuser, nahmen alles mit, was sie für wertvoll hielten und zerstörten den Rest. Nach einigen Tagen brannten fast alle Gebäude. Hätte es nicht ab und zu geregnet, das verdammte Nest wäre vollständig abgebrannt.“

„Es tut mir leid“, sagte ich leise. „Davon hast du noch nichts erzählt.“

„Wundert dich das?“, fragte er zurück. „Es muss dir nicht leidtun, du hast meine Familie nicht ermordet. Du hast mit deinem Leben und ich mit dem meinem nur dazu beigetragen, dass es soweit kommen konnte.“ Er machte eine Pause, sah endlich auf den Teller und nahm sich ein paar Stücke vom inzwischen kalten Fisch.

„In den nächsten Tagen und Nächten versteckte ich mich in abgelegenen Häusern. Oft vertrieben mich die Bewohner, manchmal mit selbstgebauten Spießen aus Küchenmessern. Aus den Menschen waren Bestien geworden. Nach ein paar Wochen hatte eine der Banden die Herrschaft über die Stadt angetreten. Sie versklavten die Bevölkerung und eines Tages fingen sie auch mich. Die dreckigsten Arbeiten musste ich machen und zur Belohnung wurde ich auch noch ausgepeitscht. Ich weiß nicht genau, wie lange das dauerte – einen Monat, ein halbes Jahr oder drei Jahre – plötzlich war Schluss mit den Banden. Eines Tages erschienen Schützenpanzer und Uniformierte mit dem altbekannten blauen EU-Emblem. Nur wenig später waren die Banden besiegt. Strom und Benzin gab es immer noch nicht. Aber es zog Ordnung ein, endlich galten wieder Regeln. Wir fühlten uns befreit, aber das waren wir nicht. In ganz Europa wurden die Städte und Dörfer zurückerobert. Eine unbekannte Zentrale lenkte das Ganze, aber davon bekamen wir kaum etwas mit. Unbemerkt von den meisten Menschen gab es Tag für Tag weitere Einschränkungen. Mit der brutalen Gewalt war es vorbei, aber mit den persönlichen Freiheiten ebenso. Wir mussten die Stadt verlassen und wurden in Gruppen eingeteilt, die Frauen getrennt von den Männern. Heute kann ich das nicht mehr erklären, aber wir ließen uns wie kleine Kinder führen und waren glücklich dabei. Irgendjemand sorgte sich um unser Essen, Trinken und Wohlergehen. Im Gegenzug forderte man unsere Arbeit und unser Leben. Doch wir waren endlich keine Sklaven mehr.“

Staunend lauschte ich seinen Worten.

„Wir erhielten Nummern und zogen nun kreuz und quer durch das Land. Anfangs gab es ein großes Durcheinander. Im Laufe von zwei, drei Jahren funktionierte alles perfekt. Jeder wurde nach seinen Fähigkeiten einer Gruppe zugewiesen. Wir waren es zufrieden.“

„War das wirklich so einfach?“, fragte ich zweifelnd.

Der alte Mann lächelte wehmütig.

„Es klingt unglaublich“, antwortete er. „Aber es war so einfach. Erklären kann ich dir das nicht. Wir sehnten uns nach Geborgenheit.“

Der alte Mann erzählte bis weit nach Mitternacht. Ich verstand nun, dass ich mich in seinen Augen feige aus meiner Welt gestohlen hatte.

Am Morgen machte der alte Mann keine Anstalten aufzubrechen.

„Was ist los?“, fragte ich verwundert.

Er beobachtete mit Seelenruhe von seiner Pritsche aus, wie ich meine Habseligkeiten zusammenpackte. Langsam setzte er sich auf.

„Heute bleiben wir hier“, antwortete er. „Wir warten.“

„Warten?“, fragte ich erstaunt zurück. „Worauf? Das Wetter ist gut.“

„Das Wetter ist gut“, ahmte mich der alte Mann nach. „Ich dachte, du freust dich über einen Ruhetag. Hast du es wirklich so eilig, zu deiner Gruppe zu kommen? Übermorgen nimmt uns ein Kahn mit.“

„Ruhetag?“, freute ich mich. „Dann lege ich mich gleich wieder hin und hole den fehlenden Schlaf nach. Die letzten Tage waren ziemlich anstrengend.“

„Na-na-na“, rief der alte Mann belustigt. „Nur nicht übermütig werden. Ruhetag heißt noch lange nicht, dass du den ganzen Tag auf der faulen Haut liegen kannst.“

Das hieß es auch wirklich nicht. An einer Stelle waren Dachschindeln zu erneuern, an einer anderen mussten Wandbretter getauscht werden. Auch die Anlegestelle hatte ein paar morsche Balken. Obwohl mich der alte Mann den ganzen Tag kreuz und quer, über, unter und durch die Häuser jagte – ich empfand letztendlich diese Arbeit als Befreiung.

Am nächsten Morgen waberten dichte Nebelschwaden über den Fluss und die angrenzenden Wiesen. Man konnte kaum die Hand vor den Augen erkennen. Die Nacht war überraschend kühl gewesen.

Der alte Mann setzte sich ans Ufer und schloss die Augen.

Er lauschte den Geräuschen dieser frühen Morgenstunde.

„Wann kommt denn endlich das Schiff?“, fragte ich fröstelnd.

„Halt die Klappe“, sagte er leise. „Genieße diese Stille. Solche Ruhe wirst du nicht mehr allzu oft erleben.“ Er hob den Zeigefinger.

„Eine Lerche“, flüsterte er. „Da muss man sehr früh aufstehen.“

„Es war die Nachtigall und nicht die Lerche“, murmelte ich genervt. Dieser Morgen war nicht schön. Er war kalt, nass und ungemütlich.

Der alte Mann schaute mich verstimmt an.

„Was ist denn das für ein dummer Spruch?“, fragte er gereizt. „Ist das ein Sprichwort aus deiner Zeit?“

„Sprichwort?“, rief ich überrascht. „Romeo und Julia. Shakespeare. Das musst du doch auch noch kennen. Lest ihr keine Bücher mehr?“

„Bücher?“, kam seine Gegenfrage. „Lesen? Wozu soll das gut sein?“

Für einen kurzen Moment war ich sprachlos.

„Kennt ihr denn heute nicht mehr Shakespeare? Mann, Grass, Balzac, Aitmatov, Fontane, Tolstoi, Sokrates, Goethe, Schiller?“, sagte ich erstaunt. „Was bringt ihr denn den Kindern bei?“

Der alte Mann zuckte mit den Schultern.

„Was haben diese Menschen denn geleistet?“, fragte er zurück. „Als ich ein junger Mann war, habe ich ein paar von den Namen schon mal gehört, aber geholfen hat mir das auch nicht.“

„Diese Leute haben Literatur geschaffen“, antwortete ich. „Weltliteratur. Gedanken über die große weite Welt, die uns umgibt.“

„Bücher“, bemerkte er abfällig. „Ballast und unbrauchbarer Plunder. Den einzigen Wert, den Bücher haben, ist der Brennwert im Ofen.“

Der alte Mann war doch ein intelligenter Mensch.

Wie konnte er nur so etwas sagen?

„Bücher bieten mehr“, rief ich. „Geschichten und das Wissen der Welt.“ Der alte Mann winkte ab: „Verschone mich mit deinen Büchern und deinen Geschichten. Dieser Unsinn verdreht den Menschen nur den Kopf. Bücher kannst du nicht essen.“

Für ihn war damit das Gespräch beendet.

Ich stand auf und machte einen kleinen Spaziergang.

In einem hatte der alte Mann aber Recht: Dieser Morgen war wirklich unglaublich schön. Als die Sonne ihr sanft fließendes Morgenlicht über die Wiesen schickte, löste sich der Nebel langsam auf. In der Ferne entdeckte ich auf dem Fluss ein Segelschiff.

Ich kehrte zum alten Mann zurück. Der saß immer noch seelenruhig am Ufer neben der Anlegestelle und beobachtete zwei braungebrannte Männer, die das Schiff mit Tauen am Steg festmachten. Es war in meinen Augen kein richtiges Schiff, eher eine große hölzerne Barke mit zwei Segeln und Rudern.

Wenig später betrat ein stämmiger Mann mit einer Kapitänsmütze den Steg und begab sich zum alten Mann. Lachend schlug er ihm auf die Schultern. Die beiden kannten sich. Fasziniert betrachtete ich die uralte Mütze. Ein Relikt aus einer längst vergangenen Zeit.

„Du bist also der Eismann“, begrüßte mich der Kapitän und betrachtete mich von oben bis unten. „Ein C3? Das haut mich glatt auf die Planken.“ „Wie heißt der Fluss?“, fragte ich neugierig.

„Mein lieber Isidor“, wandte er sich kopfschüttelnd an den alten Mann, „Hast du deinem Schützling nicht beigebracht, dass die Dinge heute keine Namen mehr haben?“

Dann wandte er sich wieder mir zu: „Das ist der Wasserweg WT-17-44, kurz der Siebzehn-Vierundvierziger. Der Fluss hat keinen Namen mehr.“ Er ließ uns stehen und kümmerte sich um das Entladen. Dabei ging er mit seinen Leuten nicht gerade zimperlich um. Auf den schmutzigen Kragen der Männer entdeckte ich ein D2. Ihrer Umgebung schenkten sie nur wenig Aufmerksamkeit. Wenn sie redeten, sprachen sie nur miteinander.

Nicht erst jetzt erkannte ich, dass diese Welt aus sich voneinander abgrenzenden Gruppen bestand. Wahrscheinlich hielt sich jede dieser Gruppen für die wichtigste und alle anderen für faule Schmarotzer.

Ich staunte, was die Männer alles vom Schiff schleppten.

Die Kisten wurden in das am nächsten liegende Haus geschafft.

„Was passiert damit?“, fragte ich den alten Mann.

„Irgendwann kommt eine andere Gruppe und räumt das Lager“,

antwortete er. „Wahrscheinlich sind das alles Materialien für Halle.“

Ich lachte: „Ich denke, die Dinge haben keine Namen mehr.“

Der alte Mann musste nun ebenfalls lachen.

„Du hast Recht, Eismann“, antwortete er. „Aber ich bin ein alter Mann. Ich kenne noch viele alte Namen. In einigen Jahren werden diese Namen aber vergessen sein, als hätten sie nie existiert.“

Nach zwei Stunden war das Schiff entladen. Wir gingen an Bord. Die D2 setzten sich an die Ruder und legten los. Schweigend und gleichmäßig zogen sie die Riemen durch das ruhige Wasser. Es regte sich kein Lüftchen, die Segel hingen schlaff am Mast und die Sonne brannte vom Himmel. Wir kamen gut voran, die D2 schienen keine Erschöpfung zu kennen. Links und rechts erstreckten sich weite Felder. Am Abend wurde das Schiff am Ufer vertäut. Nach dem kargen Abendbrot, das jede Gruppe für sich einnahm, legten wir uns schlafen.

Kaum war die Sonne wieder aufgegangen, ging es weiter. Ich genoss die Fahrt. Plötzlich stutzte ich. Die Landschaft kam mir sehr bekannt vor.

Aus der Ebene heraus erhoben sich links und rechts vom Fluss steile Hügel. Auf halber Höhe entdeckte ich eine Burgruine.

„Ich kenne diesen Ort“, rief ich freudig und sprang auf. „Hier bin ich schon oft gewesen. Das ist die Sachsenburg und vor uns liegt die Thüringer Pforte. Der Fluss muss die Unstrut sein.“

„Recht hat er, dein Eismann“, antwortete der Kapitän dem skeptisch dreinblickenden alten Mann. „Früher nannte man diese Durchfahrt so. Auf der anderen Seite gab es auch eine Burg, aber diese Steine wurden in der Uferbefestigung verbaut.“

„Woher wissen Sie das?“, fragte ich überrascht.

„Ich fahre schon seit meiner Jugend auf der Unstrut“, rief der Kapitän lachend. „Da lasse ich mir von keiner Landratte Vorschriften machen. Früher hatte jeder Stein und jeder Ort einen Namen, aber bald werden sie alle vergessen und verloren sein.“

„Was soll diese Pforte sein?“, knurrte der alte Mann verärgert, weil er sich durch die Euphorie des Kapitäns zurückgesetzt fühlte. „Da sind nur zwei Hügel. Einer links. Einer rechts. Und in der Mitte ist der Fluss.“

„Dieses Tal hatte eine historische Bedeutung“, antwortete ich. „Wer vor tausend Jahren die Thüringer angreifen wollte, musste hier durch. Deshalb gab es auch an beiden Ufern Burgen.“

„Was soll das?“, rief der alte Mann. „Wen interessieren schon die toten Thüringer, Herr Oberlehrer? Tausend Jahre. Was für ein dummer Unsinn. Wir müssen vorwärts kommen. Deine Gruppe wartet nicht.“

„Ganz ruhig, Isidor“, sagte der Kapitän, klopfte ihm gelassen auf die Schultern und stopfte sich dann in aller Seelenruhe seine Pfeife. „Kein Grund zur Panik. Wir liegen gut in der Zeit.“

Dann stapfte er über das Deck und trieb seine Ruderer an.

KAPITEL II

Erntezeit

Was würde mich in meiner Gruppe erwarten?

An den Tagen grübelte ich still vor mich hin und in den Nächten träumte ich oft wirr. Zwei Tage später erreichten wir das Lager.

Zielstrebig steuerte der alte Mann auf das größte Gebäude der Siedlung zu. Hinter dem Eingang saß ein glatzköpfiger Mann mit einem gelangweilten Gesichtsausdruck. Widerwillig nahm er vom alten Mann die Papiere entgegen. Plötzlich sprang er auf und glotzte mich an.

„Na endlich“, sagte er. „Der neue Eismann ist da.“

Er riss die Tür hinter sich auf: „Der Eismann ist da.“

Es blieb eine Weile ruhig, dann erschien ein dicker, verschwitzter Mann und starrte mich neugierig an. Er baute sich wenige Zentimeter vor mir auf. Seine schwammigen Augen blickten kalt.

„Kennung!“, rief er fordernd und stolzierte langsam um mich herum.

„C3–222–170–998“, antwortete ich. Er schlich weiter um mich herum.

Außer einer permanenten Arroganz strahlte sein aufgedunsenes Gesicht keine anderen Gefühlsregungen aus.

Schließlich wandte er sich an den alten Mann: „Du hast gute Arbeit geleistet. Ich muss zugeben, dass ich ziemlich erstaunt bin, einen Eismann als C3 zu erleben.“

Er trat bedrohlich nah an mich heran. Sein Atem roch nach billigem Fusel. Eins wusste ich schon jetzt: Was auch immer dieser Mann für eine Rolle spielen würde, ich mochte ihn nicht.

„Pass auf, Eismann“, sagte er und seine dunkelrote Schnapsnase kam mir noch näher. „Ich bin B2–222– … 1 …, egal, dein Brigadechef. Lass dir einen Rat geben: Das Gequatsche von den alten Zeiten interessiert hier niemanden. Und als C3 musst du dich erst einmal beweisen.“

Er wankte zurück in sein Hinterzimmer und nach lautem Glucksen hinter der Tür kehrte er zurück. Nachdem er sich mit einem fettigen Hemdsärmel über den Mund gewischt hatte, wandte er sich an den demütig wartenden Glatzkopf.

„Ruf endlich den 900er“, knurrte er ärgerlich. „Der soll sich seinen Eismann abholen. Ich will heute nicht mehr gestört werden.“

Laut knallte er die Tür hinter sich zu.

Der alte Mann blickte mich traurig an: „Mach’s gut, Eismann.“

Er lächelte kurz, drehte sich um und ging schnell hinaus. Ich war allein.

Der Glatzkopf beachtete mich nicht weiter, kurbelte an seinem Telefon, das mich an alte Kriegsfilme erinnerte, brüllte Kommandos hinein und knallte den Hörer auf die Gabel. Aus dem Raum des Brigadechefs drang lautes Schnarchen. Mit der Disziplin, die mir der alte Mann laufend gepredigt hatte, schien man hier recht locker umzugehen.

Nach einer halben Stunde riss ein verschwitzter Mann die Tür auf.

Vor seiner hünenhaften Gestalt wich ich erschrocken zurück.

Als er das Schnarchen hinter der Tür hörte, lachte er kurz und schüttelte den Kopf. Dann schnappte er sich mit Leichtigkeit mein Bündel, winkte mir zu und verließ wortlos die Baracke.

Ich hatte Mühe, seinen weiten Schritten zu folgen.

„Ich bin dein Gruppenchef“, rief er und musterte mich eindringlich. „Für die Oberen bin ich C2–222–170–900. Der 900er, Leiter der neunten Gruppe. Für alle anderen bin ich der Baum.“

Der Baum? Bei dieser imposanten Körpergröße konnte ich den Namen schon nachvollziehen. Ich lauschte angestrengt seinem Vortrag über die Regeln der Gruppe, die Regeln der Arbeit, die Regeln von diesem und die Regeln von jenem. Antworten konnte ich nicht, denn beim vorgelegten Tempo japste ich ständig nur nach Luft und rannte dem Baum hinterher. Er steuerte auf eine der vielen Baracken zu, riss die Tür auf und warf meinen Rucksack auf das erste Bett neben dem Eingang.

„Ruh dich aus“, sagte er, ohne mich anzuschauen. „Bald kommen meine Leute. Ab morgen hast du deine Arbeit zu erledigen. Die anderen werden dich antreiben und ärgern. Sie sind gute Arbeiter, aber sie werden auf dich wenig Rücksicht nehmen.“ Der Baum ließ mich allein.

Deprimiert schaute ich mich um. So also sollte in der Zukunft mein Leben aussehen: Eingepfercht mit unbekannten Männern in einer engen Baracke und verurteilt zu harter Arbeit.

Die nächsten Stunden kamen mir endlos vor.

Ich war wütend auf den alten Mann.

Wie konnte er mich hier nur allein zurücklassen?

Ich hatte doch keine Ahnung von dieser Welt.

Panisch vor Angst rannte ich mehrmals um die Baracke.

Irgendwann vernahm ich schlurfende Schritte. Nach und nach betraten meine neuen Kameraden den Raum. Wie erwartet starrte mich jeder von ihnen neugierig an. Sie schwiegen. Diese Stille wurde unerträglich.

„Meine Kennung ist C3–222–170–998“, platzte ich schließlich heraus und erntete lautes Gelächter. Der Baum setzte sich zu mir. In seinen Augen entdeckte ich Mitleid, die anderen prusteten weiter vor Lachen.

„Es ist gut“, sagte der Baum und legte seinen Arm um meine Schulter. „Wir sind die Gruppe 900, aber die Kennungen spielen unter uns überhaupt keine Rolle.“

„Jeder hier hat seine Fähigkeiten“, sprach er weiter. „Jeder von uns hat einen Namen. Diese Kennungen sind eine Erfindung der Obrigkeit.“

Ich war überrascht. Erst wurde mir meine Nummer eingetrichtert und nun spielte sie keine Rolle mehr? Wie würde mein Name sein?

„Du bist der Eismann“, antwortete er, meine Frage vorausahnend, und lächelte. „Einen anderen Namen musst du dir erst einmal verdienen. Aber ich will dir die anderen vorstellen. Wir arbeiten als Gruppe und wir leben als Gruppe. Stelle dich nie gegen uns. Wir werden nun für viele Jahre dein Zuhause sein.“

Es war ein eigenartiges Sammelsurium unterschiedlichster Menschen.

Da war die Sense – ein muskelbepackter Mann, der die Sense wie kein anderer schwingen konnte. Ruhig, frohgelaunt und gemütlich.

Die Kugel – ein dicker, kurzatmiger Kerl, aber unglaublich nett.

Der Zwerg – klein, abgebrochen und voller Gift gegen jedermann.

Die Zwillinge – zwei ungleiche Menschen, die sich nicht trennen ließen. Der Italiener – ein junger, schwarzhaariger Kerl, der seinen Namen dem Aussehen und seinen Temperamentsausbrüchen verdankte.

Und der Boxer – sein faltiges Gesicht erinnerte an eine permanent angriffslustige Dogge. So gefährlich war er aber auch. Ohne Vorwarnung konnte er bitterböse und aggressiv werden.

Schließlich der Winker – ein alter, griesgrämiger Mann, bei jeder Frage schüttelte er nur abwehrend den Kopf, tat freiwillig keinen Handschlag mehr als notwendig und war allem und jedem gegenüber gleichgültig.

Und zum Schluss, und das mit dem Schluss durfte ich wörtlich nehmen, zum Schluss kam ich. Der Eismann.

Am ersten Abend wurde ich mit Fragen durchlöchert.

Ich sollte mich wohl für mein ganzes bisheriges Leben rechtfertigen.

Der Baum saß still in der Ecke und beobachtete uns.

„Warum hast du dich einfrieren lassen?“, fragte der Winker und schüttelte den Kopf. „Deine Zeit war bestimmt besser als die heute.“

„Nun ja“, antwortete ich. „Ich muss zugeben, dass ich etwas anderes erwartet habe. So gesehen, war es sehr viel besser.“

„Na klar“, rief der Zwerg grinsend. „Wenn ich aufwache, erwarte ich eine vollbusige Blondine neben mir. Und? Da liegt nur die Kugel.“

Die Zwillinge prusteten vor Lachen.

„Blödsinn“, antwortete ich verärgert. „Ich hatte geglaubt, dass die Menschen inzwischen friedlich miteinander leben würden. In einer modernen und besseren Welt.“ Dann wandte ich mich an den