Einer von diesen Tagen - Steffen Brabetz - E-Book

Einer von diesen Tagen E-Book

Steffen Brabetz

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Beschreibung

Darf ein junger Vater nach einem Urlaubstag mit einem kranken Kind nebst dringenden Erledigungen auch mal die Nerven verlieren? Was kann man tun, wenn der misstrauische Nachbar die Invasion des Unkrauts hinein in seinen Garten voller Argwohn beobachtet? Wieviel Schadenfreude darf eine Ehefrau an den Tag legen, wenn sich der absolut orientierungssichere Gatte im Urlaub hoffnungslos verfährt? Knapp vierzig Kurzgeschichten und Erzählungen sind in diesem Büchlein gesammelt. Geschichten zum Lachen, Schmunzeln und Nachdenken. Geschichten aus dem ganz normalen Alltag, der täglichen Arbeit und dem trauten Familienleben. Aber auch Geschichten über manches andere mehr ...

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EPUB
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Seitenzahl: 440

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Steffen Brabetz

Einer von diesen Tagen

Kurzgeschichten und Erzählungenaus dem Alltag, der täglichen Arbeitund dem trauten Familienlebensowie über ein wenig anderes mehr(1995 – 2020)

Steffen Brabetz

EINER VONDIESEN TAGEN

Kurzgeschichtenund Erzählungen

© 2021 Steffen Brabetz

Verlag & Druck: tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg

ISBN Paperback: 978-3-347-39601-2

ISBN Hardcover: 978-3-347-39602-9

ISBN E-Book: 978-3-347-39603-6

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.

„Es geht nirgends merkwürdiger zu als auf der Welt.“

(Kurt Tucholsky)

Einer von diesen Tagen

Von einem, der auszog, das Forschen zu lernen

Der Adventskalender

Buy one – get one free

Die Sommerkrise

Der Junggesellenabschied

Kunden sind keine Menschen

Bürger und König

Anruf bei Fatima

Die schwarze Reispfanne

Der Auftrag

Die Abenteuer des Herrn O.

Siebzehn Pfandflaschen oder

Die Geschichte mit dem Wunsch-Schluss

Verloren im Gebirge

Die Weihnachtsgeschichte für Fußballfans

Friedhof der Kuschelautos

Die ideale Hausordnung

Das Gebet für dich oder

(Noch) Ein Münchner im Himmel

Die neue Autobahn

Die Entdeckung des perfekt runden Kreises

Eine kleine Nachtmusik

Der Alm

Herr Meier löst sich auf

Die Erfindung des Fahrrads oder

Wie entsteht eine wissenschaftliche Veröffentlichung?

Wir gründen einen Verein

Pilkalampinoppi

Ode an die Werbung

Kreuzfahrt

Die Frau im Radio

Hier wacht ein deutscher Schäferhund

Punkte

Hochzeit

Milch

Drei Fragen am Telefon Rache geht durch den Magen Das Spiel

Im Banne der Mondfrauen

Die Hütte am See – Eine Liebesgeschichte

Buchtipp – Nachwort – Danksagung – Vorschau

Einer von diesen Tagen …

Ich hatte Urlaub. Einen einzigen, kleinen, winzigen Tag.

Und es wurde einer von diesen Tagen. Einer von diesen Tagen, an denen man fröhlich aufsteht und anschließend von einer peinlichen Panne in das nächste erreichbare Fettnäpfchen tappt. Nur ahnte ich davon noch nichts beim morgendlichen Anblick des wolkenlosen blauen Himmels und der strahlenden Sonne. Wohlig rekelte ich mich im Bett. Meine Frau musste bereits arbeiten, aber ich genoss meine Urlaubsstimmung.

Wenig später vernahm ich laute Rufe aus dem Kinderzimmer. Damit begann er … dieser Tag.

„Papa, ich kann nicht mehr schlafen“, rief unser Sohn wieder und wieder. Gemächlich schlenderte ich ins Kinderzimmer.

Aber was war das denn? Mit leuchtend fiebrigen Augen und rot glühenden Wangen schaute mich unser Nachwuchs an.

Adieu, du wunderschöner Urlaubstag. Dabei hatte ich vor, einige wichtige Dinge zu erledigen. Mit einem kranken Kind am Bein war aber kaum mit sehr viel Freiraum zu rechnen.

Nach dem Anziehen gab es Frühstück. Als sich keine fünf Minuten später die Cornflakes auf Küchentisch, Hose und Pullover wiederfanden, suchte ich neue Sachen aus den Schränken heraus. Zeit spielte heute keine Rolle.

Schließlich hatte ich Urlaub.

Erst einmal kam der Arztbesuch. Dass der Junge dringend auf die Toilette musste, natürlich nachdem ich ihn komplett von den Winterschuhen über Handschuhe bis zu Schal und Mütze angezogen hatte, ließ mich ärgerlich aufseufzen, aber auch das war immer noch kein Grund sich aufzuregen.

Die Wartezeit beim Arzt wurde mir auch nicht zu lang, einige von den kranken Gören fuhr mir immer wieder mit einem Polizei- oder einem Feuerwehrauto abwechselnd gegen das rechte oder das linke Schienbein. Ich fand das überhaupt nicht lustig.

Die Mütter der brutalen Kinder fanden meine verzweifelten Versuche, diese Angriffe zu stoppen, ebenfalls nicht lustig. Streiten Sie sich mal mit jungen Müttern über ihren gottgleichen und hochtalentierten Nachwuchs. Keine Chance.

Die Kinderärztin entschied sich beim Anblick meines Sohnes für einen Infekt. Übersetzt bedeutete das: Dein Kind ist krank, ich weiß aber auch nicht so wirklich warum.

Auf dem Heimweg wollte ich noch schnell bei meiner geliebten Sparkasse vorbeischauen.

„Was wollen wir in dem Haus?“, fragte mein Kind neugierig.

„Ich muss nur noch etwas Geld holen“, antwortete ich. „Ich habe nicht mehr genug bei mir.“

„Wollen wir heute noch ganz viel einkaufen?“, wurde die Befragung fortgeführt.

„Nein“, sagte ich ruhig. „Heute wollen wir nicht einkaufen.“ „Warum brauchen wir dann so viel Geld?“, fragte er weiter.

Die verdammte kindliche Logik. Wozu braucht man Geld?

Man braucht es eben. Ohne Geld geht es nicht. Basta!

Der Geldautomat verschluckte meine Karte. Ich tippte Geheimzahl sowie Wunschbetrag ein und wartete auf Karte und Geld. Aber nichts geschah. Weder das eine noch das andere wurde ausgespuckt. Ich solle mich doch an das Personal wenden, war schließlich auf dem Terminal zu lesen.

„Sie können jetzt nichts abheben“, sagte ich zu den hinter mir Wartenden. „Meine Karte steckt fest.“

Einer der Männer lachte laut auf.

„Konto überzogen?“, fragte er grinsend. „Geld ist wohl alle.“ Langsam reichte es mir.

Warum kam mir heute einer nach dem anderen dumm?

„Papa?“, fragte mein Sohn. „Ist dein Geld wirklich alle?“ Ringsherum lachten die Leute.

„Nein“, sagte ich laut und bestimmt. „Unser Geld ist nicht alle, der Automat ist einfach nur kaputt.“

„Aber klar doch“, lästerte der Nächste. „Bestimmt ist das Ding kaputt. Wir alle hier wollen nur bei der Reparatur zuschauen.“ Wenig später stellte sich doch tatsächlich heraus, dass der Geldautomat zu Unrecht meine Karte einbehalten hatte. Die Blicke der Wartenden straften mich dennoch weiter mit Verachtung. Genervt schlich ich hinaus aus meinem Kreditinstitut.

Mein Sohn trottete mir hinterher.

Den Tratsch der Tompeliner Klatschtanten, dass wir vollkommen pleite wären, konnte ich schon jetzt in meinem Kopf hören.

„Ich muss pullern“, rief der Kleine plötzlich.

Das fehlte mir gerade noch.

Ich schaute mich um, weit und breit war keine Toilette in Sicht, nur die Stadtmauer mit ihren kleinen versteckten Buchten. Verstohlen schaute ich mich um. Niemand schien uns zu bemerken, als wir schnell in einer Bucht verschwanden.

„Das Puller kommt nicht raus“, flüsterte er kurze Zeit später. Knurrend zog ich ihn wieder an und begab mich auf den Weg in die Stadtverwaltung. Über die kurze Wartezeit war ich hellauf begeistert, über das lange Gesicht der Sachbearbeiterin weniger. Zaghaft reichte ich meine Formulare über den Tisch. Währenddessen rannte mein Sohnemann kreuz und quer durch den Raum, auch ein Kind mit Fieber braucht ein wenig Auslauf. „Sie haben den Antrag unvollständig ausgefüllt“, sagte die Frau. Ich nickte wissend.

„Das weiß ich ja“, antwortete ich unterwürfig. „Aber ich habe nicht alle Fragen verstanden.“

„Ich muss wieder pullern“, rief mein Sohn plötzlich.

Missbilligend blickte die Dame erst auf ihn und dann auf mich. „Das ist doch ein ganz einfaches Formular“, sagte sie leicht gelangweilt. „Sie müssen doch nur die notwendigen Angaben ausfüllen, nach dem Kita-Gesetz des Landes Brannenburg und dem Einkommenssteuergesetz. Das kann doch nicht wirklich ein Problem sein. Oder können Sie etwa nicht richtig lesen?“

Das war doch die Höhe! Was hatten diese unverständlichen Gesetze denn mit meiner Fähigkeit zum Lesen zu tun? Ohne auf mein wütendes Gesicht zu achten, fuhr sie wenig später fort.

„Als meine eigenen Kinder klein waren, haben wir sie zu Hause noch mal auf die Toilette gesetzt, bevor wir aus dem Haus gegangen sind. Aber woher sollen das die modernen Väter von heute auch wissen.“

Die absolut überflüssige Belehrung gab mir endgültig den Rest. Nach dem Rausschmiss aus dem amtlichen Zimmer war meine Urlaubsstimmung vollkommen dahin. Niedergeschlagen schlich ich nach Hause. Zu allem Überfluss begann es auch noch heftig zu regnen. Einen Regenschirm hatte ich nicht dabei.

An einem Tag wie diesem hat man keinen Regenschirm dabei.

An der Haustür wartete die nächste Überraschung: Zeitung und Post hingen tropfnass aus dem Briefkasten. Verärgert schnappte ich mir den nassen Papierstapel, ging die Treppe hinauf und schob den Schlüssel in das Türschloss. Nach einem lauten Knirschen wurde mir bewusst, dass es wohl der falsche Schlüssel gewesen sein musste. Er bewegte sich weder vorwärts noch rückwärts, nach oben nicht und nach unten auch nicht.

„Ist die Tür kaputt?“, fragte mein Kind.

„Die Tür nicht“, stellte ich deprimiert fest. „Nur der Schlüssel. Ich kann die Tür nicht aufschließen.“

„Warum ist denn heute alles kaputt?“, fragte er weiter.

Ja, warum eigentlich? Wenn ich darauf nur eine Antwort wüsste. Aber an solchen Tagen gab es ohnehin nur viele Fragen und kaum Antworten. Ich hatte die Nummer vom Schlüsseldienst und das Handy dabei. Mein Glück war geradezu unerklärlich.

Eine halbe Stunde später und um fünfzig Euro ärmer, befanden wir uns endlich wieder in unserem heimischen Domizil.

Tief durchatmend schloss ich die Wohnungstür hinter mir. „Papa“, rief mein Kind. „Papa, ich habe Hunger.“

„Musst du denn nicht ganz nötig pullern?“, fragte ich zurück.

„Nein, nein“, antwortete er kopfschüttelnd.

Vollkommen umsonst, die ganze Aufregung. Sie hatte mich ein paar Nerven und einige neue graue Haare gekostet. Mehr nicht. „Was möchtest du denn essen?“, fragte ich zurück.

„Pommes“, antwortete der Kleine sofort.

Die Pommes lagen in der Tiefkühltruhe. Als der Backofen klingelte und die goldbraunen Kartoffelstäbchen auf dem Teller lagen, schaute mich mein Sohn vorwurfsvoll an.

„Aber ich habe doch Nudeln gesagt“, sprudelte es mir entgegen. „Nein“, widersprach ich vehement. „Du hast Pommes gesagt.“ Das Kind schaute mich finster an und schüttelte den Kopf.

„Nein“, sagte er bestimmt. „Pommes mag ich aber nicht mehr.“ Zähneknirschend warf ich die Pommes in den Abfall, kramte bunte Tortellini hervor und stellte einen Porzellantopf auf den Herd. Leider vergaß ich, wenigstens den Boden mit etwas Wasser zu bedecken. Zehn Minuten später hörte ich einen lauten Knall. Die meisten Scherben lagen zum Glück auf dem Herd oder ganz in seiner Nähe. Aufregen konnte ich mich nicht mehr.

Als es wenig später einen weiteren lauten Knall gab und eine der Herdplatten das Zeitliche gesegnet hatte, schob ich in aller Ruhe den Topf eine Platte weiter. Selbst heute würden nicht alle Herdplatten unsere Welt verlassen.

Abgesehen davon, dass die Nudeln nicht schmeckten, brachten mich wenig später die Rufe aus dem Kinderzimmer auf die Palme. Aber nur beinahe, denn ich hatte ja immer noch Urlaub. Leider war das schon fast in Vergessenheit geraten.

„Ich kann nicht mehr schlafen“, hörte ich aus der oberen Etage, kaum dass ich versucht hatte, den Nachwuchs zu einem kleinen verspäteten Mittagsschlaf zu bewegen. Nachdem der erste, zweite und dritte Versuch trotz Versprechungen und Drohungen gescheitert war, nahm ich ihn wieder mit in die Wohnstube.

Nach vier Mensch-ärgere-dich-nicht-Spielen, von denen ich, wie überraschend, natürlich alle vier verloren hatte sowie nach dem

Bau von drei oder noch mehr Lego-Häusern, sehnte ich den Abend herbei. Das war zu viel für mich.

Ich konnte einfach nicht mehr.

Als es wenig später klingelte, seufzte ich auf. Eine Ablenkung konnte ich jetzt gut gebrauchen. Vor der Tür stand ein lächelnder Postbote und überreichte mir zwei Pakete. So schnell hatten wir mit den Lieferungen gar nicht gerechnet. Eine positive Überraschung in der Vorweihnachtszeit. Oder alles nur purer Zufall? Das erste Paket enthielt schöne Dinge, leider hatten wir nichts davon bestellt. Und der schlichte Schwibbogen aus dem zweiten Paket war ebenfalls wunderschön, hatte aber einen kaum zu verbergenden Makel: Er funktionierte nicht.

Ich schloss die Augen. War das vielleicht nur ein Albtraum?

Als ich die Augen wieder öffnete, war der Schwibbogen immer noch defekt, die Sachen hatten wir immer noch nicht bestellt und mein Sohn schaute mich verwundert an.

„Ich will Milch trinken“, sagte er. Warum war es keine Überraschung, dass ich im Kühlschrank keine Milch finden konnte? Das lag sicher daran, dass ich den Zettel auf dem Küchentisch übersehen hatte: Milch und Brot kaufen.

Nur fünf Minuten entfernt befand sich ein Supermarkt. Bei all dem heutigen Pech hoffte ich inständig, dass sich der Laden auch jetzt noch dort befinden würde.

Es dauerte erneut eine geraume Zeit, bis ich unseren Sohn eingekleidet hatte, aber die angeforderte Milch war nun mal nicht im Kühlschrank, sondern im Kühlregal eines Discounters. Schnell huschten wir durch den Nieselregen in den Supermarkt. Zurück mit Milch und Brot waren wir fast ebenso schnell.

Der Regen hatte die Treppenstufen nass und rutschig gemacht. Dass ich mir kein Bein gebrochen hatte, empfand ich als ausgesprochen positiv. Die Tasche war weiß eingefärbt, die Milch tropfte heraus und den Rest hatte das frische Brot aufgesogen. Schimpfend humpelte ich die Treppe im Haus hinauf.

Mein Sohn versuchte, mich zu überholen, rutschte aus und hielt sich brüllend sein rechtes Knie. Der Tag war noch nicht zu Ende, aber ich schwor mir, nicht einen einzigen weiteren Schritt vor die Tür zu setzen, keinerlei Geräte einzuschalten oder das Telefon abzunehmen.

Am Abend erschien meine Frau.

„Hast du den Zettel gesehen?“, fragte sie gutgelaunt. „Milch und Brot sind alle. Du warst doch einkaufen?“

„Das Zeug liegt im Mülleimer“, knurrte ich genervt. „Alles gut gemischt und in ganz vielen kleinen Scherben.“

„Ganz ruhig bleiben“, sagte meine Frau schmunzelnd, „Das ist doch überhaupt kein Grund zur Panik.“

„Ich bin vollkommen ruhig“, rief ich erregt und sprang auf. „Ich kann und will mich gar nicht aufregen. Ich habe ja Urlaub.“

Meine Frau wich erschrocken einige Schritte zurück.

„Ich bin absolut ruhig“, schrie ich und ergriff wütend die Vase neben dem Fernseher. Danach die Vase auf dem Couchtisch, dann den Couchtisch, dann den Fernseher und dann … leider kann ich mich nicht mehr an alle weiteren Details meiner nachfolgenden Verwüstungen erinnern.

Zehn Minuten später sah ich mich nur vor einer einzigen Frage: Wie sollte ich das meiner Versicherung erklären?

Glauben Sie mir. Es gibt sie einfach … diese Tage!

Von einem, der auszog, das Forschen zu lernen!Ein modernes Märchen aus der bitteren Realität

Es war einmal ein junger, dynamischer Wissenschaftler namens Albert in einer alten, ehrwürdigen Universität. Dort saß er nun und strebte mehr oder weniger fleißig nach wissenschaftlichen Erkenntnissen. Eines Tages nun musste Albert sich an seinen Schreibtisch setzen und ein kleines Buch schreiben, welches er Projektantrag nannte. In diesem Buch standen viele gute Ideen, die den Leuten im fernen Ministerium so gut gefallen mussten, dass sie bereit waren, Geld für junge, dynamische Wissenschaftler und hochtechnische Gerätschaften auszugeben. Mit Elan saß er nun Tag für Tag, grübelte und zermarterte sich sein Gehirn und dabei wuchs sein Buch unmerklich Seite um Seite. Nach langen sechs Wochen war es endlich soweit, das Buch war fertig. Jedes einzelne Goldstückchen war wohl geordnet und wahrlich gut begründet.

Kurze Zeit später (etwa nach einem halben Jahr) begab es sich, dass aus dem fernen Ministerium, aus der Hauptstadt des neuen großen Reiches, ein Mann kam, der den wohlklingenden Titel eines Projektbearbeiters trug. Der Mann war sehr freundlich, trieb aber mit seinen Fragen unseren armen Albert an den Rand des Wahnsinns. Denn noch nie hatte er sich mit den wirklich wichtigen Fragen des Projekts gründlich auseinandergesetzt. Wie viele Bleistifte, Folien und Blätter Papier brauchte ein Wissenschaftler pro Woche? Gab es eigentlich Umrechnungstabellen für die verschiedenen Härtegrade von Bleistiften? War gar der Abrieb beim Schreiben gleich? Auch die Vielfalt an den unterschiedlichsten Papiersorten verwirrte den jungen und nicht mehr ganz so dynamischen Wissenschaftler Albert. Zum ersten Mal bekam er eine dumpfe Ahnung von dem, was da in der Zukunft auf ihn zukommen würde.

Und so geschah es also, dass es ihm zum ersten Mal heiß und kalt den Rücken herunterlief. Da es der Wunder ungezählte gibt, geschah es eines schönen Sommertages, dass der Projektantrag mit Wohlwollen im fernen Ministerium aufgenommen wurde. Der junge, jetzt wieder etwas dynamischere Wissenschaftler hatte, nun froh gelaunt, die Absicht, all die schönen und teuren Geräte zu kaufen, die er so dringend brauchte (so stand es jedenfalls in seinem Antrag). Da ahnte er noch nichts von den Wirbeln, die ihn bald ergreifen würden und vom verwaltungstechnischen Perfektionismus, der das Reich an allen Ecken und Enden fest im Griff hatte. Die Dynamik des Wissenschaftlers Albert drohte zum Stillstand zu kommen. Die nächsten Wochen bestätigten seine schlimmsten verwaltungstechnischen, gespenstischen Vorstellungen von Gutachtern und Sachbearbeitern, welche im Volksmund stark verharmlosend einfach nur Bürokraten genannt wurden.

Die bisherige, geradezu sträflich naive Auffassung Alberts vom Einkauf war folgende: Wenn man einen Schreibtisch von Projektgoldstückchen kaufen will, dann gehe man zu drei Tischlern, nenne ihnen die Größe des Tisches, die Art der Maserung und die Zahl der Schubkästen und schreibe sich dann auf, wie viele Goldtaler jeder der drei Tischler haben will. Die Niederschrift schicke man dann an das ferne Ministerium, wo streng blickende und seriös handelnde Menschen prüfend einen Blick in jene Schriftnotiz werfen. Bei einem positiven Bescheid gehe man dann zu einem der drei Tischler und kaufe einen Schreibtisch mit vielen großen Schubkästen. Armer Albert! Diese Naivität wurde nur noch übertroffen von der Größe des antarktischen Inlandeises. Es kam alles ganz anders und viel schlimmer. Als der junge, dynamische Wissenschaftler freudestrahlend die vielen Goldstückchen sah, bemerkte er mit Befremden die vielen, ihm bisher unbekannten Hände der Verwaltung, die auf einmal seinen nicht allzu großen Projekttopf umdrehten und seine schönen Goldtaler nachzählten.

Trotzdem ging nun unser Albert, mit einer ministeriellen Genehmigung in der Tasche, freudestrahlend zu einem Tischler und wollte einen Tisch kaufen. Mit stolzgeschwellter Brust wählte er einen wunderschönen Schreibtisch mit fünf Schubkästen aus und insgeheim malte er sich aus, wie schön es sich an und auf diesem Tisch Anträge und Projektberichte schreiben lassen würde. In der Folge aber durchschritt Albert einen verwaltungstechnischen Irrgarten, der ihn an die Bewältigung der Sturmbahn während seiner Armeezeit zu Zeiten des alten Reiches erinnerte. Der Chef schickte seinen jungen Wissenschaftler zuerst einmal auf Erkundung in das Dezernat Besorgung. Dort wurde ihm freundlich mitgeteilt, dass eine Bestellung überhaupt kein Problem sei, man müsse doch nur ein einfaches Formblatt ausfüllen, drei Angebote dazugeben und schon geht alles seinen Lauf. So machte sich nun also Albert auf den Weg und besorgte sich drei Angebote. Dann füllte er gewissenhaft das ihm teilweise völlig unverständliche Formblatt aus und schickte es an das Dezernat Besorgung. Dort kam es prompt zurück, mit der Bemerkung, man müsse natürlich doch erst zum Tischler der Universität, um die Angebote prüfen zu lassen. Also machte sich Albert erneut auf den Weg und versuchte in der folgenden Woche, den Tischler zu erreichen. Nachdem ihm das irgendwann gelungen war, sandte er in einem glückseligen Taumel die Bestellung zurück an das Dezernat Besorgung. Von dort wurde ihm am nächsten Tag mitgeteilt, dass Schreibtische mit mehr als zwei Schubkästen der persönlichen Zustimmung des Universitätskardinals unterliegen. Die Anordnung sei zwar irgendwann nur mündlich gegeben worden, aber sie müsse doch überall an der Universität bekannt sein. Und wenn sie nicht bekannt sein sollte, dann habe man sich dennoch danach zu richten. Trotz aller frustrierenden Nachforschungen, selbst im Sekretariat des Kardinals, gelang es unserem jungen und nun überhaupt nicht mehr dynamischen

Wissenschaftler nicht, einen einzigen Grund für diese Anordnung zu erfahren. So also setzte sich unser armer Albert an seinen alten, wackligen Schreibtisch und verfasste eine Bittschrift an den Kardinal der altehrwürdigen Universität, die er Antrag zum Kauf eines Schreibtisches mit mehr als zwei Schubkästen nannte. Diesen schickte er auf den unergründlichen Dienstweg durch einige bekannte und viele unbekannte Instanzen der großen und weitläufigen Universität.

Über allem, ganz oben, irgendwo in den unendlichen Weiten der Institution, thronte der Kardinal und entschied über alle wichtigen und unwichtigen Kleinigkeiten, die jeden Mitarbeiter und alle jungen, dynamischen Wissenschaftler betrafen.

Und wenn das Projekt noch nicht beendet ist, dann sitzt der nicht mehr ganz so junge und überhaupt nicht mehr dynamische, nun eher depressive und leicht ergraute Wissenschaftler auf einem alten Stuhl, hält einen Stift in seinen zittrigen Händen und wartet geduldig und still vor sich hinlächelnd auf seinen Schreibtisch mit mehr als zwei Schubkästen.

Der Adventskalender

Advent, Advent, ein Lichtlein brennt.

Erst eins, dann zwei, dann drei.

Schließlich ist es endlich soweit.

Weihnachten ist am 24. Dezember.

Wenn man aber den Geschäften, Märkten oder Versandhäusern glauben mag, beginnt Weihnachten bereits Anfang September, allerspätestens aber im Oktober.

Gerade, als ich die noch vom Mittelmeer-Urlaub feuchtklamme Badehose in die immer noch kräftige Spätsommersonne hängte, blätterte meine Frau bereits interessiert die ersten Weihnachtskataloge durch, voll mit Tannenzweigen, ökologischen Kränzen, Nürnberger Lebkuchen, geschnitzten Engeln und Schwibbögen aus dem Erzgebirge, Salzwedeler Baumkuchen, Strohsternen, Baumspitzen, diversen Geschenkideen und bunt schillernden Weihnachtsbaumkugeln. Aber es waren nicht nur die Kataloge.

Es war das simple Problem, beim Einkaufen an den vielen, schräg und sperrig in die Gänge gestellten, mehrstöckigen Schokoladenregalen vorbeizukommen, ohne, dass unser vierjähriger Nachwuchs die bunten Verpackungen in Griffweite bekam.

Haben Sie schon einmal versucht, einem Kleinkind den mühsam ergrapschten Schoko-Weihnachtsmann wieder zu entreißen? Oder ein zermatschtes weiß-rotes Überraschungsei?

Glauben Sie mir: Ein Schraubstock ist ein Spielzeug dagegen.

Der nächste Adventskalender musste es sein. Der da aber auch. Warum nicht noch einen dritten? Oh, der ist doch auch so schön. Die sich im trauten Heim stapelnde Schokolade reichte wohl noch nicht aus. Durfte es noch ein wenig mehr sein? Bereits nach wenigen Tagen reagierte ich auf Adventskalender wie ein gereizter bösartiger Stier.

Im Getränkemarkt fühlte ich mich bisher sicher. Schnell füllte sich mein Einkaufswagen: Ein Kasten Bier, ein Kasten Apfelsaft und ein Kasten Wasser mit halber Kohlensäure.

Ich wollte das Geschäft gerade verlassen, als ich die Stimme des Verkäufers hinter mir vernahm.

Möchten Sie vielleicht einen Adventskalender?

Als ich ihm nur mit einem dumpfen Knurren antwortete, mich langsam umdrehte und er in mein hochrotes Gesicht sah, wich er erschrocken einige Schritte zurück.

Haben Sie auch nur einen einzigen von diesen schwachsinnigen schokoladigen Kalendern, den mein Sohn noch nicht hat?

Meine Frage hatte einen sehr drohenden Unterton.

Seine Antwort machte mich aber schlagartig ruhig und neugierig. Keine Schokolade! Der Adventskalender für den modernen Herrn! Wow. Ein Kalender für mich? Meine sehr reservierte Erwartungshaltung wurde um Größenordnungen übertroffen.

Der Verkäufer hielt mir einen bunten Pappkasten entgegen. Hinter jedem bunten Türchen steckte eine 0,33er Büchse. Misstrauisch schaute ich auf den Verkäufer.

Dann wieder auf den bunten Pappkasten.

Garantiert kein billiges Büchsenbier, Qualität aus deutschen Landen. Gebraut nach dem deutschen Reinheitsgebot von 1516. Sie wissen schon.

24 Büchsen mit 24 mal 330 Milliliter braufrischem Bier für 24 Mal Hochgenuss an ganzen 24 Tagen. Das bedeutete garantierte 24 Mal einen erlabenden Trunk, 24 Mal eine köstliche Erquickung. Und das Ganze für nur Euro 13,99. Fast geschenkt.

Daheim angekommen, schaute ich auf den Kalender.

War heute wirklich erst der 28. November?

Aber das erste Türchen rief: Öffne mich. Öffne mich sofort. Verdammt, es war noch nicht Dezember. Ich drehte mich um, aber in meinem Rücken vernahm ich ein leichtes Klappern. War das die Büchse hinter dem ersten Türchen? Suchend schaute ich mich um. Weder meine Frau noch der Nachwuchs waren in der Nähe. Warum sollte ich päpstlicher sein als der Papst?

Nach der langen Einkaufstour schmeckte die erste Büchse vorzüglich, sie verdampfte geradezu in meiner Kehle. Die zweite konnte den Durst schon fast löschen. Allerdings nicht ganz, aber die dritte erreichte schließlich den Magen. Und nach der vierten kam ich auf den Geschmack. Es handelte sich wirklich um richtig gute Braukunst nach dem deutschen Reinheitsgebot von 1516, stellte ich nach der fünften Büchse fest. Als meine Frau in die Küche kam, drehte ich den Kalender schnell um.

Niemand durfte die vielen geöffneten Türen entdecken.

Zur Ablenkung hielt ich meiner Frau den neunten, oder war es doch schon der zehnte, Schoko-Adventskalender vor die Augen. Aber ihre Freude darüber war etwas getrübt.

Wo wollen wir den noch hinstellen? Am Bett steht ein Kalender, der nächste an der Tür, der nächste oben an der Treppe, der nächste unten an der Treppe ....

Ich zuckte mit den Schultern, außerdem waren mir die blöden Schokokalender nach der sechsten gar wohlschmeckenden Büchse auch vollkommen egal.

Ich könnte ein paar im Kindergarten abgeben, sagte ich schnell, denn in meinem Rücken klapperte bereits die siebente Büchse ungeduldig in ihrem bunten Papp-Gefängnis. Überraschenderweise fand meine Frau diese spontane Idee ausgezeichnet und so beglückwünschte ich mich wenig später mit ein oder zwei weiteren Büchsen Adventsbier.

Endlich konnte auch ich der nahenden Adventszeit viel Positives abgewinnen – multipliziert mit nullkommadreiunddreißig Liter. Am nächsten Tag, dem Morgen des 29. Novembers, musste ich allerdings mit Erschrecken feststellen, dass ich bei meinem Adventskalender bereits den 15. Dezember erreicht hatte. Bei meiner Geschwindigkeit war morgen früh Heiligabend.

Was tun?, fragte sich Lenin schon vor sehr vielen Jahren. Womöglich stand er damals vor ähnlich schwierigen Problemen. Laut dem allgemein akzeptierten Kalender war noch fast ein

Monat Zeit, laut meinem Adventskalender rückte das Fest aber deutlich schneller heran. Nur würde meine Zeitrechnung wahrscheinlich nicht die entsprechende gesellschaftliche Anerkennung finden. Ich musste eine Lösung finden. Wenn nur meine verdammten Kopfschmerzen nicht wären. Ich bräuchte einige Vorwände, um weitere Adventskalender für den modernen Herrn erwerben zu können, ohne dass meine neuartige Zeitrechnung Aufsehen erregen würde.

Nach etlichen Stunden mühseliger Grübelei hatte ich eine Idee. Heimlich schlich ich in das Kinderzimmer, griff mir einen Kalender, öffnete alle Türchen und stopfte mir die Schokolade hastig in den Mund. Nachdem ich im Bad alle verdächtigen Spuren von Mund und Fingern entfernt hatte, schritt ich laut polternd in das Wohnzimmer, in dem unser Sohn tief versunken mit seinem Lieblings-Teletubbie spielte und hielt den gähnend leeren Adventskalender in die Höhe. Sein unschuldiger Blick bescherte mir sofort ein ziemlich schlechtes Gewissen.

Aber jetzt gab es kein Zurück mehr.

Warum hast du die ganze Schokolade gegessen? schimpfte ich laut. Aber meine Frau schien mich noch nicht gehört zu haben.

Ich war noch nicht laut genug gewesen.

Du kannst doch nicht einfach alle Türchen aufmachen. Verwundert erschien meine Frau in der Tür.

Wann soll der Kleine das alles gegessen haben, fragte sie, mehr zu sich selbst, er war heute Nachmittag noch gar nicht oben. Woher soll ich das wissen, rief ich aufbrausend. Da ich die anderen Kalender in der Kita abgegeben habe, muss ich wohl für unseren Sohnemann einen neuen besorgen.

Meine Frau tröstete inzwischen den heulenden Nachwuchs und ich schlich mich schnell davon.

Die geniale List hatte bestens funktioniert.

Am späten Abend wanderte die leere Papphülle des ersten Adventskalenders für den modernen Herrn in den Papiercontainer. Mit einem Prosit auf den/die/das Umweltminister*in. Entsetzt stellte ich fest, dass ich bis zum allgemein anerkannten Weihnachtsfest noch mehrere gute Tricks bräuchte, jedenfalls bei meinem derzeitigen Arbeitstempo. Wie aber sollte ich es schaffen, meinem Sohn wieder und wieder den Schwarzen Peter in seine kleinen Schuhe zu schieben? Ein solches Maß an Ungehorsam würde selbst meine Gattin schnell misstrauisch machen. Alle zwei Tage einen prall gefüllten Adventskalender zu vernaschen, wäre meiner Figur allerdings kaum zuträglich und auch viel zu auffällig.

Ich musste neue Wege finden. Vorerst hatte ich zwei Tage Aufschub. Zwei kurze Tage, um einen perfekten Plan bis zum Heiligabend zu entwickeln. Nach zwei Tagen war ich auf fast alles vorbereitet, jetzt musste ich nur in aller Ruhe die Gelegenheiten abpassen. Allerdings fiel es mir sehr schwer, angesichts meiner schnell fortschreitenden 0,33er-Adventszeit, immer die Ruhe zu bewahren. Dann waren sie da – all die guten Gelegenheiten.

Ein Schokokalender verschwand spurlos. Wer weiß, wo unser Sohn den untergewühlt hatte? Kinder kennen die allerbesten Verstecke. Ein weiterer wurde bei einem überraschenden Schneeregen völlig durchnässt. Wie konnte ich auch nur vergessen, das Fenster rechtzeitig zu schließen? Der nächste rutschte unglücklicherweise vom Tisch, ich konnte nicht mehr ausweichen. Die sieben Fußabdrücke, meine Frau schaute mich skeptisch an, konnte ich auch nicht erklären. Passiert ist passiert. Ein Kalender, kaum gekauft, wurde von einem aggressiven Dackel zerfetzt. Immer wieder diese Kampfhunde. Irgendein Bösewicht hatte die Leine einfach zerschnitten.

An das Weihnachtsfest konnte ich mich irgendwie nicht mehr erinnern. Möglicherweise hatte ich die ganze Bescherung verschlafen. Die vielen Geschenke meines Kindes jedenfalls waren mir alle vollkommen unbekannt. Ich hatte entweder keine bekommen oder sie waren bereits wieder verschwunden.

Ich wusste es einfach nicht mehr.

Eine Sache steht aber fest: Im nächsten Jahr kaufe ich nur einen Adventskalender mit Flaschenbier.

Büchsenbier schmeckt einfach nicht!

Buy one – get one free

Wir waren im Urlaub. In England. Ganz unten im Süden dieses eigenartigen Landes. Vielleicht erinnern Sie sich dunkel: England, das ist die Insel, auf der die meisten Dinge irgendwie anders sind als im restlichen Europa. Die Autos dort haben das Lenkrad auf der falschen, also der rechten Seite. Passend dazu fahren die Engländer allerdings auch auf der falschen, also der linken Straßenseite. Damit aber nicht genug: Zum Frühstück gibt es Schinken, Eier, Würstchen, Tomaten. Gebraten, gekocht, heiß bis lauwarm und schön fetttriefend. Panierter und frittierter Fisch, serviert in fettaufsaugendem Zeitungspapier mit mehr oder weniger knackig-pappigen Pommes, in aller Welt bekannt als Fish and Chips, sind nun wirklich nicht jedermanns Geschmack. Vieles ist anders – dort in England. Ein wesentliches Problem kannten wir allerdings auch aus Deutschland: Alles war teuer, wirklich viel zu teuer. Aber schließlich waren wir im Urlaub.

Da schaut man nicht auf das schnöde Geld.

Man hat es oder sollte gar nicht erst in den Urlaub fahren.

Ein schöner neuer Urlaubstag begann. Nichtsahnend stieg ich mit verquollenen Augen aus dem Bett. Nichtsahnend schlurfte ich mit müden Schritten zum dampfenden Frühstückstisch. Immer noch nichtsahnend stopfte ich mir Toast und Bacon (pappiger Toast mit fettigem gebratenen Speck – freie Übersetzung des Autors) in mich hinein.

„Ich habe mein Haarwaschmittel vergessen“, sagte meine Frau. „Dann kaufe dir doch eins“, entgegnete ich und ließ das zähe Fett langsam von den kross gebratenen Champignons abtropfen. „Auch hier in England gibt es Supermärkte, Drogerien und Apotheken“, sagte ich nach einer kurzen Pause. „Irgendwo gibt es vielleicht auch deine Mittelchen.“

„Davon gehe ich doch aus“, murmelte sie grüblerisch.

Aber es klang nicht sehr überzeugt. Überraschenderweise fanden wir noch am frühen Vormittag eine englische Drogerie.

Bereits im Schaufenster entdeckte ich das fantastische Angebot: BUY ONE – GET ONE FREE. War das nicht unglaublich?

Für mich war das eine völlig neue Erfahrung.

Ich musste nur eine einzige Flasche kaufen, mehr nicht.

Und bekam noch eine zweite dazu. Absolut kostenlos.

Also so richtig vollkommen gratis.

„Das habe ich daheim noch nie gekauft“, merkte meine Frau an. „Dieses Zeug taugt einfach nichts.“

„Aber es kostet nur zweineunundneunzig“, wandte ich ein. „Das ist so was von preiswert. Mehr geht einfach nicht.“

„Preiswert? Zweineunundneunzig?“, fragte sie skeptisch zurück und zog ihre Augenbrauen hoch. „Das sind doch keine Euros, mein lieber Mann. Das sind echte britische Pfund.“

„Aber es gibt gratis eine Flasche dazu“, beschwor ich sie weiter. „Das ist dann aber ein absolut toller Preis.“

Missbilligend schaute meine mich Frau an.

„Du bist mir vielleicht ein Rechenkünstler“, sagte sie. „Das sind knapp fünf Euro, also etwa zehn Deutsche Mark. Dafür bekomme ich zu Hause drei oder vier Flaschen.“

„Aber die hier geben uns eine Flasche gratis“, wiederholte ich betont langsam. „Das ist mir daheim noch nie passiert. Eine ganze Flasche gratis.“

Ich mochte solche Diskussionen einfach nicht.

Die weibliche Logik führte mich immer wieder ins Abseits.

Aber heute wollte ich das einfach nicht zulassen.

„Das wird jetzt gekauft“, sagte ich und ließ keinen Widerspruch zu. Vielleicht hatte ich sonst nichts zu sagen, aber ich war immer noch das Oberhaupt meiner Familie. Zumindest glaubte ich, das zu sein. Ich wollte, ich konnte, ich musste das jetzt bestimmen. Die zwei Flaschen wurden gekauft.

Zurück im Quartier erzählte ich der Vermieterin von unserem Glückskauf. Nach drei Versuchen in meinem gebrochenen Englisch und nach Mithilfe meiner Frau lachte sie laut.

„Das ist doch ganz normal“, rief sie. „Solche Angebote finden Sie in jedem Supermarkt. Warten Sie mal, ich bringe Ihnen mal die Zeitung von heute.“

Sie verschwand kurz in ihrer Küche.

„Wir wollten doch zum Hafen“, sagte meine Frau und zeigte auf die Uhr an ihrem Handgelenk. „Wir schaffen es vielleicht gerade noch rechtzeitig zur nächsten Führung.“

Ach ja, die historischen und uralten Schiffe.

„Die sind nachher auch noch da“, antwortete ich, denn die gute Frau kam mit der Zeitung zurück.

Es war nicht zu fassen, über zehn Seiten Angebote pur.

Buy one – get one free. Und das in einer unglaublichen Vielfalt. England wurde für mich plötzlich zum Schlaraffenland.

„Wir wollen zum Hafen“, wiederholte meine Frau in einem nicht gerade freundlichen Tonfall. „Deine bunten Zeitungen kannst du auch noch heute Abend lesen.“

Entgeistert schaute ich sie an. Ich sollte bis zum Abend warten? Das konnte doch nicht wirklich ihr Ernst sein. Die alten abgewrackten Schiffe lagen ganz sicher auch morgen noch im Hafen, aber die Angebote galten dann vielleicht nicht mehr.

„Papa, ich will endlich zu den Schiffen“, rief mein Sohn. Das war ja klar. Von einem Fünfjährigen konnte ich keine Einsicht in die Notwendigkeiten des Konsums erwarten.

Von meiner mir angetrauten Ehefrau aber schon.

„Buy one, get one free“, rief ich beschwörend. „Liebe Frau, wir können uns die Koffer mit Schnäppchen vollpacken. Wir müssen den Rest des Jahres überhaupt nichts mehr einkaufen. Und das alles fast für umsonst.“

„Sonst bist du doch immer so ein Einkaufsmuffel“, erwiderte sie und schaute mich böse an. „Wir sind im Urlaub und du willst shoppen gehen? Das glaube ich einfach nicht.“

„Du kannst mich wenigstens die heutigen Angebote anschauen lassen“, versuchte ich, etwas Zeit zu schinden. „Die alten Holzkähne werden in der Nacht schon nicht davonschippern. Morgen gehen wir dann ganz bestimmt hin.“

Es half alles nichts. Meine Frau kannte kein Erbarmen, griff sich unseren Sprössling und eilte davon. Ich zuckte mit den Schultern. Heute Abend, wenn ich die Angebote durchstöbert haben werde, heute Abend, wenn unser Quartier gefüllt sein wird mit den unglaublichsten Dingen, heute Abend werden die verdammten Schiffe sicherlich vergessen sein.

Meine Augen wurden immer größer. Buy one – get one free?

Das war nur der Anfang. Es wurde besser, sehr viel besser.

Buy two – get four. Buy three – get five. Buy five – get eight. Langsam erschien mir das Ganze etwas unglaubwürdig. Aber unsere Gastgeberin nickte mir immer wieder zu und lächelte. Das waren richtig gute englische Angebote. Da meine Familie verschwunden war, machte ich mich allein auf den Weg. Trotz meiner mangelhaften englischen Sprachkenntnisse durchforstete ich einen Supermarkt nach dem anderen. Mein Rucksack wurde immer schwerer. Ganz abgesehen von den Einkaufstaschen, die mir rechts und links von den immer tiefer hängenden Schultern baumelten. Schwerbepackt schleppte ich mich in Richtung Pension. Die Last der Schnäppchen drückte mich nieder. Kaum angekommen, winkte unsere liebe Gastgeberin mit neuen Werbeprospekten. „Brand new“, rief sie, sobald sie mich erblickt hatte. „Very brand new.“ Als Laiensprachkundler, der vom Komiker Otto vielleicht mehr Englisch gelernt hatte als von der Lehrerin in der Schule, übersetzte ich ihre Worte mit absolut brandneu, was sich beim Anblick der bunten Blätter als absolut richtig herausstellte. In diesem Moment kamen Frau und Kind zurück. Misstrauisch beäugte meine Gattin die riesigen Einkaufsberge, die sich in unserem kleinen Quartier türmten.

„Hast du jetzt genug eingekauft?“, rief sie beim Anblick der vielen bunten Verpackungen. „Hoffentlich erreichen wir heute Abend noch unsere Betten, wenn wir vom Inder zurück sind.“ „Was denn für ein Inder?“, fragte ich erschrocken und unterbrach kurz mein Studium der Buy-one-get-two-Prospekte. „Ich kenne hier keinen Inder. Gibt es dort auch Schnäppchen?“ Wütend schaute sie mich an.

„Beim Inder gibt es keine Schnäppchen“, antwortete sie verärgert. „Dort gibt es Essen, richtig gutes Essen. Und das ist in England mehr als selten.“

Ich winkte ab. Zum Essen hatte ich überhaupt keine Zeit.

„Ich muss noch einmal los“, sagte ich. „Die neuen Angebote gelten in einer knappen halben Stunde. Ich habe wirklich keine Zeit für dein Chicken Curry. Ich muss einkaufen.“

Wortlos nahm sie unseren Sohn an die Hand und warf die Tür heftig ins Schloss. Meine Prospekte verteilten sich durch den plötzlichen Windzug überall im Zimmer. Schnell sammelte ich die Blätter wieder ein. Wie konnte mir meine Frau das nur antun? Wollte sie denn gar keine Rücksicht auf mich nehmen?

Als die beiden vom mir unbekannten Inder zurückkamen, blieb meine Frau schweigend in der Tür stehen. Nachdenklich schaute sie auf die Unmengen von Schnäppchen, die sich im ganzen Zimmer verteilten. Die Berge waren deutlich größer geworden. Die neuen Prospekte waren aber auch sehr ergiebig gewesen. Immer noch schweigend tänzelte sie durch das Zimmer, geschickt den herumliegenden Päckchen ausweichend.

„Wie hast du das alles bezahlt?“, fragte sie neugierig, nachdem sie einen freien Platz auf ihrem Bett gesucht und gefunden hatte. „Hier liegt ja inzwischen ein kleines Vermögen.“

Ich zuckte mit den Schultern und schaute sie lächelnd an.

„Wozu gibt es denn Kreditkarten?“, fragte ich zurück und schaute mich glücklich im Zimmer um. „So viele Schnäppchen habe ich in Deutschland noch nie auf einem Haufen gesehen.“ „Ich auch nicht“, murrte meine Frau. „Apropos Deutschland. Wie willst du den ganzen Mi…, deine Schnäppchen nach Deutschland bekommen. Wir haben nur zwei Koffer.“

Mein Gott, das hatte ich ja vollkommen vergessen. Wieso musste mich meine Frau so brutal aus meiner Glückseligkeit reißen?

Die fehlenden Koffer waren bestimmt kein Problem.

Ich schlief sehr unruhig. Am nächsten Morgen konsultierte ich noch vor dem Frühstück unsere Pensionswirtin. Natürlich gab es in der Nähe einen Laden für gebrauchte Lederwaren. Meine Frau hatte es inzwischen aufgegeben, mich zu einem touristischen Tagesprogramm zu überreden. Ich konnte nicht mehr zurück. Ich hatte diese Schnäppchenjagd begonnen und musste sie nun auch zu einem erfolgreichen Ende führen.

Schließlich kam der Tag unserer Rückreise. Zwar benötigten wir zwei Taxis, um all unsere Habseligkeiten zum Flughafen zu bringen, aber für den Service zahlte ich natürlich gerne.

Der Zöllner schaute mich überrascht an, als wir mit gerade einmal siebzehn Koffern vor ihm standen.

„Da sind die Kronjuwelen aus dem Tower drin“, sagte ich leise und zeigte schmunzelnd auf unser Gepäck. Der rothaarige englische Zollbeamte sprach doch ohnehin nur sein unverständliches Insulanerkauderwelsch. Er lächelte gelassen zurück.

„Dear Sir, offnen Sie deine Koffer, please“, antwortete er und freute sich diebisch über meinen verdutzten Gesichtsausdruck. Ungläubig rang ich um Fassung. Der Mann konnte deutsch?

„Alle Koffer?“, fragte ich erschrocken zurück. „Das war doch nur ein kleiner Scherz. Wirklich, lieber Mister Sir. Natürlich habe ich nicht die Kronjuwelen in meinen Koffern.“

Der Zöllner wandte sich an meine Frau und sagte etwas zu ihr. Soweit reichten seine Sprachkenntnisse dann doch nicht.

„Was sagt er?“, fragte ich neugierig.

Meine Frau blickte mich finster an.

„Du sollst alle Koffer öffnen“, antwortete sie mürrisch. „Und außerdem sagt er, dass er deinen langweiligen deutschen Humor überhaupt nicht leiden kann.“

Ich öffnete alle siebzehn Koffer. Jeden einzelnen davon.

Der gelangweilte Zöllner ließ sich unendlich viel Zeit bei der Begutachtung meiner gut verpackten Schnäppchen.

Jede Verpackung drehte er hin und her.

Manchmal lachte er und manchmal nickte er anerkennend. Langsam wurde ich unruhig. Unsere Abflugzeit rückte näher und näher. Auf dem Boden lagen die siebzehn geöffneten Koffer mit all meinen Schätzen. Mein nervöses Getrappel störte den Mann aber überhaupt nicht, im Gegenteil. Seine Schritte und Handbewegungen verlangsamten sich immer weiter.

Als unser Flugzeug an den großen Fenstern der Abfertigungshalle vorbeischwebte, schrie ich wütend auf. Der Zöllner, der gerade wie in Zeitlupe den Inhalt des vorletzten Koffers durchwühlte, lächelte still vor sich hin. Sollte ich ihn mit meinen Fäusten von meinen Schätzen weg prügeln? Plötzlich spürte ich einen festen Griff an meinem rechten Handgelenk. Ich drehte mich um. Meine Frau hielt den zum Schlag erhobenen Arm fest. Ich hatte überhaupt nicht bemerkt, dass ich tatsächlich kurz davor war, den Zöllner zu verprügeln.

„Lieber Mann“, flüsterte sie und schaute mir tief in die Augen. „Tu das nicht. Wir haben viel zu viele Koffer und wir haben das Flugzeug verpasst. Willst du jetzt auch noch in einem englischen Gefängnis landen? Bist du jetzt komplett verrückt geworden?“ Der nächste Flug ging mehrere Stunden später, der Umweg über Kopenhagen kostete uns nur zweihundert Euro mehr.

Das Übergewicht – nein, nicht mein persönliches Übergewicht – sondern das unserer siebzehn Koffer, kostete schlappe einhundertfünfundachtzig Euro und siebenundsiebzig Cent extra.

Angekommen in Berlin verstaute ich die Koffer im Auto.

Nach einer knappen Stunde hatte ich es endlich geschafft.

Aber für drei Personen war nun im Fahrzeug kein Platz mehr.

Ich dachte nach: Sollte ich meine Frau mit der Bahn nach Hause fahren lassen? Oder vielleicht meinen Sohn bei der Flughafenpolizei als ein zugelaufenes Kind abgeben?

Plötzlich riss mir meine Frau den Autoschlüssel aus der Hand, quetschte den Nachwuchs zwischen die Koffer auf den Rücksitz, startete das Auto und brauste davon. Sprachlos schaute ich den quietschenden Reifen hinterher. Da stand ich nun.

Allein. Meine ganzen Schätze waren weg.

Die Sommerkrise (2004)

Das Jahr begann normal, vollkommen normal. Aus politischer Sicht chaotisch normal. Die Aufnahme einiger neuer Länder in die EU stand im Vordergrund, dabei wurde aber eine wirklich wichtige Frage der europäischen Völker vollkommen außer Acht gelassen: Wie wird eigentlich der nächste Sommer?

Die Meteorologen sagten dies und das, aber nichts Genaues.

Es gärte unter den Menschen. Der letzte, heiße und trockene Sommer hatte Begehrlichkeiten geweckt und das deutsche Volk erwartete nun Vergleichbares von der Bundesregierung. Lange Zeit wurde Volkes Stimme allerdings ignoriert.

Als am dreizehnten Juni des Jahres Wahlen zum Europaparlament stattfanden und die Wahlbeteiligung unter fünfzig Prozent lag, das sind weniger als die Hälfte aller Wahlberechtigen, begannen etliche Meinungsforschungsinstitute mit einer intensiven Ursachenforschung. Die Bundesregierung konnte die Veröffentlichung der Ergebnisse per Einstweiliger Verfügung erfolgreich verhindern. Sie hätten kaum beherrschbare Unruhen ausgelöst. Die Demokratie war in Gefahr.

Nach dem zwanzigsten Juni gab es erste Massenproteste der Bevölkerung gegen die aktuelle Wetterpolitik der Bundesregierung. Fast jeden Tag gab es ergiebige Niederschläge. Eine Änderung der Wetterlage in Richtung Sommer war nicht in Sicht. Pünktlich gegen die Mittagszeit schüttete es, mal Dauerregen, mal Schauer, mal Hagel, mal Graupel. Die Unruhe unter den Menschen nahm zu. Die Bundesregierung wollte sich vorerst nicht auf Maßnahmen zur Verbesserung der Wetterlage festlegen. Die nächsten Wahlen standen ins Haus. Da konnte man sich keine Fehltritte leisten und durfte auf keinen Fall dem allzu drängenden Volkswillen nachgeben. Eine Regierung durfte sich nicht von populistischen Gedanken leiten lassen, der richtige Weg, wo und wie auch immer der war oder sein sollte, wollte oder konnte, durfte nicht in Frage gestellt werden.

Anfang Juli gab es eine Krisenkonferenz der rot-grünen Bundesregierung, getarnt als Klausurtagung in Neuhardenberg bei Berlin. Angeblich wurde über die aktuelle Regierungspolitik beraten, aber in Wirklichkeit ging es nur um die aktuelle Wettersituation. Neben den bereits stattfindenden Demonstrationen wurde die Gefahr von Massenstreiks erörtert.

Eine baldige Änderung des Wetters war weiterhin nicht in Sicht. Am zehnten Juli wurde der französische Botschafter ins Außenministerium einbestellt. Die französische Regierung wurde unmissverständlich aufgefordert, sofort für den Stopp der Atlantiktiefdruckgebiete zu sorgen. Die Forderung der Deutschen wurde sofort auch von der polnischen, tschechischen und der slowakischen Regierung unterstützt. Der Botschafter Frankreichs verwies auf die ebenfalls vorhandene Verantwortung der britischen Regierung für die wechselhafte Wetterlage.

Unter heftigen Protesten verlies der Botschafter das Amt.

Fünf Tage später wurde der spanische Botschafter einbestellt. Mit Genugtuung registrierte die zutiefst beleidigte französische Regierung, dass Spanien nachdrücklich aufgefordert wurde, die unzweifelhaft vorhandenen Azorenhochs sofort durchzuleiten. Da die Azoren zu Portugal gehörten, wurde der Schwarze Peter von Spanien an das ungeliebte Nachbarland auf der Iberischen Halbinsel weitergereicht. Aber das wurde von allen mitteleuropäischen Beschwerdeländern nur als ein viel zu durchsichtiges Ablenkungsmanöver gewertet. Nach wie vor war das Wetter stürmisch, regnerisch oder einfach nur ungemütlich.

Wo blieb der versprochene Sommer?

Gut, einen Sommer konnte auch eine Bundesregierung nicht versprechen. Diese Regierung hatte schon ganz andere Dinge versprochen und auch nicht gehalten. Warum sollte das beim Wetter anders sein? Das Wetter blieb so schlecht wie es war.

Am ersten August wurden der spanische, französische, portugiesische und britische Botschafter ins Außenministerium bestellt und des Landes verwiesen. Polen, Tschechien, Slowakei, Slowenien und andere Länder in Europas Osten zogen nach. Die Ausweisungen wurden mit einem Ultimatum verbunden: Spätestens bis Mitte August müssen die westeuropäischen Länder für eine stabile Sommer-Wetterlage sorgen oder mit ernsthaften Konsequenzen rechnen. Die Franzosen und Engländer sollten die Tiefdruckgebiete endlich aufhalten.

Und das Wetter? Es schauerte, es hagelte, es gewitterte, es regnete, es windhoste, es nieselte, es schüttete. Anschließend war es zur Abwechslung mal trocken, aber kalt und windig.

In den Medien wurde der Ton schärfer. Die Bild-Zeitung forderte alle Deutschen auf, französische Produkte zu boykottieren. In vielen deutschen Städten wurden Renaults, Peugeots und alte Enten zu handlichem Schrott geschlagen. Wütende Passanten stürmten Parfümerien und schütteten literweise Chanel № 5 auf die Straße. Kein Problem, der nächste Regen spülte es ohnehin bald weg. Auf Grund der Krawalle kam es zu starken Verschmutzungen des Grundwassers, vor allem in den Regionen Köln, Düsseldorf und Berlin. Allein nur mit Chanel № 5? Nein, auch die Parfüms von Laura Biagiotti wurden nicht verschont. Denn der Süden Italiens behielt sein gutes Wetter vollkommen stillschweigend für sich.

Deutschland verklagte Frankreich vor dem Internationalen Gerichtshof. Dann Polen gegen England. Und Tschechien gegen Spanien. Schließlich Deutschland gegen England. Und England gegen Frankreich. Frankreich gegen Spanien … !

Irgendeiner klagte gegen irgendjemand anderen.

Die Franzosen waren erbost. Jeder Volkswagen, jeder Audi, jeder Ford, jeder Seat, jeder Skoda und selbst jeder unter Denkmalschutz stehende Trabant wurde in den nächsten Fluss gestürzt. War kein Fluss in der Nähe, wurden die Autos abgefackelt.

Am nächsten Morgen meldeten mehrere deutsche und französische Versicherungsgesellschaften Insolvenz an. Der französische Präsident Jaques Chirac beteuerte in einer weltweit ausgestrahlten Fernsehansprache seine und seiner Landsleute Unschuld am Wetter. Aber er betonte auch, dass sein stolzes Land zu den Atommächten zähle und er alle weiteren Provokationen der Deutschen, Tschechen, Polen und anderen Länder nicht länger dulden werde. Um seinen Worten Nachdruck zu verleihen, versetzte er die Fremdenlegion in Alarmbereitschaft. Die saß ja in den letzten Jahren ohnehin nur untätig herum und hatte nicht wirklich viel zu tun.

Alle Länder rings herum schwiegen still. Erschrocken. Lieber Dauerregen als atomarer Niederschlag. Aber in der Bevölkerung rumorte es weiter. Auf den Demonstrationen tauchten immer aggressivere Spruchbänder auf: „Wir sind die Urlauber“ und „Das ist unser Wetter“ und „Freiheit und Sonnenschein.“

Die inzwischen geschlossenen französischen Botschaften in Berlin, Prag, Budapest, Warschau, Bratislava, Wien, Lubljana und einigen anderen Hauptstädten wurden Tag und Nacht von aufgebrachten Menschen belagert. Die Briten schwiegen still. Am schlechten Wetter waren auch sie nicht ganz unschuldig, denn die Nordatlantiktiefs hielten sie auch nicht auf. Aber momentan hatte sich Europa auf die Franzosen eingeschossen. Und das war dem stolzen Inselvolk ganz recht.

Alle warteten auf den zehnten August.

Was sollte schon sein, es regnete. Nein, es schüttete aus allen Himmelsschleusen. Das Ultimatum war abgelaufen.

Am dreizehnten August des Jahres fand in New York eine Krisensitzung des UNO-Sicherheitsrates statt. Die Afrikaner, Asiaten und Amerikaner lehnten sich genüsslich zurück beim Betrachten der europäischen Selbstzerfleischung. Der US-Botschafter war besonders still, denn der Ursprung allen Übels lag im Golf von Mexiko und im Nordatlantik. Er wollte die erbosten Europäer aber nicht auf neue Ideen bringen. Nach tagelangen Beratungen, in denen es im Osten und Norden Europas einfach nur weiter vor sich hin nieselte, gab es nicht einen einzigen Lösungsansatz für die sogenannte European Summer Crises.

Am sechzehnten August wurde in Deutschland die Mobilmachung ausgerufen. Selbst die Reservisten der NVA (Nationale Volksarmee der Deutschen Demokratischen Republik – Anm. des Autors) wurden eingezogen. Am Rhein stand eine waffenstarrende deutsche Armee.

Die Franzosen waren natürlich nicht untätig geblieben. Die Maginot-Linie wurde umgehend reaktiviert.

UNO-Generalsekretär Kofi Annan reiste hektisch kreuz und quer durch die europäischen Länder. Die Fronten waren verhärtet, genauso wie die Schlechtwetterfronten, aber keine Seite war zu irgendwelchen Zugeständnissen bereit. Schließlich stimmte der deutsche Bundeskanzler Gerhard Schröder einem persönlichen Treffen mit dem französischen Präsidenten Jaques Chirac zu.

Als Verhandlungsort wurde Straßburg im Elsass und als Termin der einundzwanzigste September festgelegt. Tagelang wurde verhandelt. Plötzlich stellten einige Staatssekretäre aus beiden Delegationen erstaunt fest, dass der kalendarische Sommer bereits seit mehreren Tagen vorbei war. So ein Schmudddelwetter war für einen frühen Herbst doch vollkommen normal. Schröder und Chirac lachten und fielen sich glücklich in die Arme. Warum weiter streiten? Der Sommer war vorbei.

Und die Soldaten gingen nach Hause.

Der Junggesellenabschied

Dieser Abend musste ein Knaller werden. Mein bester Freund heiratete meine beste Freundin. Nicht, dass Sie jetzt etwas Falsches denken: Die Braut war eine gute Freundin, mehr nicht. Ganz großes Ehrenwort.

Meinem Kumpel Max musste ich den letzten Abend in Freiheit versüßen, denn für unsere gemeinsame Zukunft hatte ich bereits schlimme Vorahnungen. Was würde aus unseren Kegel- und Doppelkopfabenden werden? Was mit den richtig schönen Zechgelagen – ohne Frauen, versteht sich?

Dahin wird sie sein, die unbeschwerte Ära der Junggesellenzeit. Wenn sich dann irgendwann mal Nachwuchs einstellt, wird es endgültig vorbei sein. Keine Treffen mehr auf ein paar kühle Bierchen, stattdessen ermüdende Vorträge über die ach so erstaunlichen Fortschritte der kleinen Göre. Dazu Kaffee und Kuchen. Ja, und natürlich keine Zigaretten, schließlich haben die Großen eine Vorbildwirkung für die Kinder.

Aber all das schob ich jetzt beiseite. Dieser Junggesellenabschied musste einfach ein Knaller werden. Da die beiden Brautleute schon vor der Ehe in einer Wohnung lebten und sogar, Schande über die verkommene Moral der heutigen Jugend, zusammen in einem Bett schliefen, bereitete ich das Ganze in meiner Wohnung vor. In den letzten Wochen hatte ich einen ausgefeilten Schlachtplan aufgestellt, besorgte reichlich Bier, Wein, Weinbrand, Likör und Schnaps. Auch etwas zum Futtern war dabei. Alles war gut vorbereitet, alles, bis auf eine winzig kleine Kleinigkeit. Und die ließ mir Tag und Nacht einfach keine Ruhe. Woher sollte ich hier in Tompelin ein heißes Striptease-Girl herbekommen? Meine Heimatstadt war nur ein großes Dorf. Das heiße Höschen wäre noch nicht ganz aus der Torte heraus, dann wüssten es garantiert schon alle Tompeliner Klatschweiber.

Ich war verzweifelt, denn die liebe Braut durfte auf gar keinen Fall davon erfahren. Anne war ausgesprochen eifersüchtig, da gab es nicht sehr viel Bewegungsfreiheit für meine Planungen. Können Sie sich an den Spruch mit dem Appetit und dem Essen erinnern? Selbst mit dem Appetit hatte es Max nicht einfach.

Die schöne Braut hatte reichlich Temperament.

Oder sollte ich besser doch auf das Torten-Mädel verzichten? Was hätten Sie denn getan? Sie schweigen?

War ja klar, dass Sie mir nicht helfen wollen.

Zwei Kolleginnen auf Arbeit versetzen mir schallende Ohrfeigen, als ich mich vorsichtig nach ihrer Bereitschaft zum Strippen erkundigte. Dabei waren das wirklich zwei hübsche Schnecken.

In meinem engeren Bekanntenkreis riskierte ich mehrere Freundschaften, als ich unter den hübschen Mädchen und Frauen nach einer Freiwilligen suchte. Zum einen fand sich niemand und zum anderen nahmen mich im Falle von Ehefrauen die Männer zur Seite und redeten Tacheles. Mein Gott, waren meine Freunde spießig. Das war mir bisher noch gar nicht so bewusst gewesen. Warum nur wollte sich keines der Mädels vor uns ausziehen? Ich hätte damit überhaupt kein Problem.

Nach einer Woche hatte ich noch nichts erreicht, ich stand immer noch am Anfang. Wie sollte ich den verdammten Junggesellenabschied nur zum Höhepunkt bringen? Ich war absolut verzweifelt, aber zur Party gehörten nun mal ein knackiger Hintern und feste, runde Brüste, die sich langsam aus schwarzer Seide schälen würden.

Was für ein herrlich schönes Bild. Mir wurde schon ganz heiß. Verflucht noch mal, es musste ein Mädchen her.

Gelbe Seiten! Warum bin ich denn nicht eher darauf gekommen? In Tompelin gab es einige Angebote für Partyservice, aber bei meiner Frage nach einer Lady für einen Torten-Striptease legten ausnahmslos alle sofort auf.

Schließlich rief ich die Auskunft an und ließ mir die Nummern aller Partyservice-Firmen in einem Umkreis von einhundert Kilometern nennen. Insgeheim dachte ich nebenbei an die nächste Telefonrechnung, aber solche profane Gedanken konnte ich mir jetzt nicht erlauben.

Die meisten Serviceunternehmen fanden sich natürlich in der knapp achtzig Kilometer entfernten Hauptstadt Bärlin. Nach fünf Anrufen in der ehemaligen Reichshauptstadt gab ich auf. Ein heißes Girl war ja gut, aber bei den genannten Preisen brannte meine Brieftasche gleich mit ab. Mein Konto war ohnehin schon überzogen. Ich versuchte es in unserer Kreisstadt Brenzlau, nahe genug an Tompelin, aber vielleicht doch weit genug entfernt für den alltäglichen Klatsch. Dreimal war ich, wie nicht anders zu erwarten, erfolglos. Deprimiert wählte ich die vierte und auch letzte Nummer auf meinem Zettel.

„Partyservice Dombrowski“, meldete sich eine nette Frau.

Holla, was für eine geile Stimme. Wenn die Figur dazu noch passen würde, wäre das genau die richtige Frau für meine Torte. „Entschuldigen Sie“, stammelte ich unsicher. „Ich möchte für meinen Freund, also … meinen besten Freund, so einen richtig schönen Abend vorbereiten, der Mensch, na ja, mein bester Freund eben, der heiratet in drei Tagen. Es geht um eine letzte Party vor seiner Ehe.“ Die Frau lachte.

„Mein Gott, Sie sind aber nervös“, antwortete sie freundlich. „Die, wie Sie zu sagen pflegten, letzte Party vor der Ehe, nennt man einen Junggesellenabschied. Aber was können wir für Sie tun? Wir liefern auf Wunsch alles: Getränke, Feuerwerk, Essen.“ „Das ist nicht mein Problem. Darum habe ich mich schon längst gekümmert“, antwortete ich. „Nun ja …, wie soll ich Ihnen das erklären? Die Situation ist nicht ganz so einfach. Es handelt sich schließlich um meinen besten Freund. Und auch um meine beste Freundin. Übermorgen soll die Party steigen.“

„Wenn Sie mir freundlicherweise mal gestatten, Ihr wüstes

Gestammel einmal zu interpretieren“, sagte Frau Dombrowski. „Dann fehlt Ihnen eigentlich nur ein heißes Girl aus der Torte mit einer Strip-Einlage. Oder irre mich da etwa?“

Ich war über die Offenheit der Dame überrascht.

„Sie irren sich nicht“, gab ich kleinlaut zu.

„Wo in Brenzlau wohnen Sie denn?“, fragte die nette Frau weiter, mit meinem Wunsch schien sie überhaupt kein Problem zu haben. „Dann können wir einen Termin vereinbaren.“

„Ich wohne nicht in Brenzlau“, antwortete ich leise. „Ich komme aus Tompelin.“

„Oh je, Tompelin?“, rief sie überrascht. „Dann würde ich doch eher empfehlen, dass ich nicht zu Ihnen komme, sondern Sie mir einen Besuch abstatten. Wenn ich in Tompelin auftauche, wüsste das keine zehn Minuten später die ganze Stadt. Ihre Party wäre schon vor Beginn sowas von erledigt.“

„Sehen Sie da nicht etwas zu schwarz?“, fragte ich erstaunt. „So schlimm ist es ja bei uns nun auch wieder nicht.“

„Nun ja, man hat inzwischen so seine Erfahrungen“, antwortete sie schnippisch. „Tompelin hat zwar Stadtrecht, aber das war es dann aber auch. Wann wollen Sie denn zu mir kommen?“