Perfekte Harmonie & Roter Sand - Steffen Brabetz - E-Book

Perfekte Harmonie & Roter Sand E-Book

Steffen Brabetz

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Beschreibung

Den Leser erwarten zwei dystopische Erzählungen. Den beiden recht unterschiedlichen Geschichten ist aber etwas gemeinsam: Das Streben nach Wahrheit, Freiheit und Menschenwürde. Mensch und Natur im Einklang, ein lang ersehnter Wunsch der Menschheit scheint endlich in Erfüllung gegangen zu sein. Der Respekt vor der Heiligen Mutter Natur ist die Grundlage einer perfekten Gesellschaft. Ranger Elim muss mit seinem Team den Tod eines unbekannten Mädchens aufklären, außerhalb der Städte dürfte es aber keine Menschen mehr geben. Nur langsam enthüllt sich die ganze Wahrheit über diese harmonische Welt . . . 2085 lebt Miko mit seiner Familie in einem Berlin, das geprägt ist von Massenarbeitslosigkeit, Verelendung und staatlicher Unterdrückung. Auf der Suche nach Arbeit gerät er in die Fänge einer gnadenlosen Justiz, die ihn für Jahre in ein Straflager stecken will. Ein großer Konzern unterbreitet ihm jedoch ein verlockendes Angebot, mit dem er seine Familie aus dem Elend retten kann. Aber der Preis dafür ist hoch . . .

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 475

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Steffen Brabetz

Perfekte Harmonie

&

Roter Sand

Zwei Erzählungen

Steffen Brabetz

PERFEKTE

HARMONIE

&

ROTER SAND

Zwei Erzählungen

© 2024 Steffen Brabetz

ISBN Softcover: 978-3-384-22414-9

ISBN Hardcover: 978-3-384-22415-6

ISBN E-Book: 978-3-384-22416-3

Druck und Distribution im Auftrag des Autors:

tredition GmbH, Heinz-Beusen-Stieg 5,

22926 Ahrensburg, Germany

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Für die Inhalte ist der Autor verantwortlich.

Jede Verwertung ist ohne seine Zustimmung unzulässig.

Die Publikation und Verbreitung erfolgen im Auftrag des

Autors, zu erreichen unter: tredition GmbH,

Abteilung "Impressumservice", Heinz-Beusen-Stieg 5,

22926 Ahrensburg, Deutschland.

PERFEKTE HARMONIE

Seite 9

ROTER SAND

Seite 185

Vorschau, Nachwort und Danksagung

Seite 348

PERFEKTE HARMONIE

„Um die Lügen der Gegenwart durchzusetzen,

ist es notwendig, die Wahrheiten

der Vergangenheit auszulöschen.“

(George Orwell)

Die zehn Gebote der Heiligen Mutter Natur

Du sollst die Heilige Mutter Natur

vor allen anderen Dingen ehren.

Du sollst nicht versuchen,

die Heilige Mutter Natur zu kopieren.

Du sollst die Heilige Mutter Natur nicht ausbeuten.

Du sollst bei deinen Taten stets auf das Wohl

der Heiligen Mutter Natur achten.

Du sollst darauf achten, dass auch alle Menschen

neben dir die Heilige Mutter Natur ehren.

Du sollst Tiere nur töten,

wenn es dein Überleben sichert.

Du sollst Pflanzen nur töten,

wenn es dein Überleben sichert.

Du sollst deine Kinder in jedem Moment im Geist

der Heiligen Mutter Natur erziehen.

Du sollst deine eigenen Begehren den Bedürfnissen

der Heiligen Mutter Natur unterordnen.

Du sollst die Heilige Mutter Natur gegen alle Feinde

unter Einsatz deines Lebens verteidigen.

Inhalt

Cover

Titelblatt

Urheberrechte

Morgen

Tatort

Schule

Naturehrung

Urlaub

Auftrag

Ausbildung

Wildnis

Erwachen

Tompelin

Reise

Entscheidungen

Nahrung

Heimkehr

Gespräche

Wahrheiten

Epilog

Titelblatt

Prolog

Arbeit

Gericht

Angebot

Familie

Abschied

Ausbildung

Mars

Neuland

Unglücke

Nachrichten

Aufruhr

Geheimnisse

Ende

Epilog

Storchgeklapper

Der ewige Krieg

Nachwort

Danksagung

Infos zum Buch

Lesermeinungen zu „Der Eismann erwacht“

Info zum Buch

Lesermeinungen zu „Einer von diesen Tagen“

Info zum Buch

Perfekte Harmonie & Roter Sand

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Titelblatt

Urheberrechte

Morgen

Info zum Buch

Perfekte Harmonie & Roter Sand

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Morgen

Der Morgen war einfach wunderschön. Die Sonne kitzelte meine Nase, ein leichter kühler Wind strich sanft durch das Haus und über meine Haut. Wie an jedem dieser herrlichen Tage frühstückten wir auf der Terrasse. Ich liebte den morgendlichen Blick auf das frische Grün der Sträucher im Garten und das der Bäume in den nahegelegenen perfekt gepflegten Parkanlagen. Allemal ein sehr viel schönerer Anblick als die chaotische, brutale und undurchdringliche Wildnis außerhalb unserer Siedlungen. Dort herrschten allein die Gesetze der Heiligen Mutter Natur.

Nach den schrecklichen Wirren der letzten Jahrhunderte hatten wir es nach vielen Irrwegen endlich geschafft, den heute noch lebenden Menschen kleine, aber komfortable Oasen als sichere Zufluchtsorte zu schenken, ohne dabei mit unserer Existenz die Heilige Mutter Natur zu verärgern.

Wie an jedem Morgen versammelte sich die Familie pünktlich am Frühstückstisch. Da waren meine Frau Sara und die drei Kinder. So unsere ruhige, oft verschlossene Tochter Jaria, die vor ein paar Tagen bereits zweiundzwanzig Jahre alt geworden war und eigentlich gar nicht mehr bei uns wohnen dürfte. Aber bei der Wohnraumzuweisung der Kommission hatte es einen unerklärlichen Fehler gegeben, wodurch sich ihr Auszug zu meinem Bedauern um Wochen oder womöglich Monate verzögerte. Sie hatte vor kurzem ihre letzten Prüfungen bestanden und sollte nun endlich ihre Arbeit im medizinischen Dienst antreten.

Meine Frau hatte mit dem Aufschub natürlich keine Probleme, Mütter ticken da einfach anders. Im Vergleich zu unserem sechzehnjährigen Sohn war Jaria allerdings ausgesprochen pflegeleicht. Riko dagegen, unser hagerer Schlacks, tobte sich derzeit in lautstarken pubertären Aufständen aus, eigentlich ziemlich normal für sein schwieriges Alter, aber unglaublich stressig für unsere Nerven. Das eigentliche Goldkind im Haus war unsere süße, lockenköpfige Mala. Mit ihren acht Jahren war unser Nachzügler ein ungemein lebhafter und kluger Wirbelwind, aber in dem Alter auch noch leicht zu lenken. Es war schon erstaunlich, dass Mala und Jaria Schwestern waren, die beiden waren sich in so vielen Dingen überhaupt nicht ähnlich.

„Ich hatte mir als Frühstück die 712 bestellt“, beschwerte sich Riko, kaum dass er am Tisch Platz genommen hatte. Meine Frau verdrehte kurz die Augen und schüttelte den Kopf, seine ewige Meckerei konnte sie schon lange nicht mehr ausstehen.

Ich versuchte, die Situation scherzhaft zu lösen.

„Irrtum vom Amt. Ich hatte mir die 350 bestellt“, erwiderte ich lächelnd. „Und? Schau mal einer an. Was habe ich denn da bekommen? Die 350. Scheint irgendwie doch zu funktionieren.“

„Witzig“, knurrte mein Sohn gereizt. „Wirklich witzig.“

Alle anderen schienen keine Probleme zu haben.

„Was gibt es bei dir in der Schule?“, wandte ich mich an Mala.

Die Kleine sprudelte sofort los: „In Mathe haben wir heute eine Kurzkontrolle und in Naturkunde einen Test über die Gebote.“

„Kennst du denn auch alle Gebote?“

„Aber Papa“, erwiderte sie vorwurfsvoll. „Du weißt doch, dass ich die Gebote kenne. Soll ich sie dir aufsagen?“

„Lass mal“, mischte sich Jaria schnell ein. „Mala, du bist echt eine Streberin. Du könntest die Gebote auch im Schlaf aufsagen.“

„Ja, das kann ich auch“, antwortete unsere Kleine stolz.

„Ist ja ganz toll“, murrte Riko genervt. „Die blöden Gebote kann ja nun wirklich jeder runterleiern.“

„Ach ja?“, fragte ich skeptisch zurück. „Ist das so? Auch bei dir setze ich das normalerweise voraus. Wie steht es denn mit deiner Dienstzeit? Hast du dich endlich entschieden?“

Damit hatte ich ein heikles Thema angesprochen. Jeder Jugendliche unserer Gemeinschaft musste zwei Jahre gemeinnützige Arbeit leisten: Müllabfuhr, Reinigung, Abwasser, Altenpflege … es gab eine ganze Reihe von unangenehmen, anstrengenden und erforderlichen Tätigkeiten, die in einer gut funktionierenden Gesellschaft nun mal erledigt werden mussten. Die jungen Menschen sollten erst einmal das wahre Leben kennenlernen, bevor sie nach der Dienstzeit ihren eigentlichen Bestimmungen zugewiesen wurden. Dementsprechend unwirsch reagierte Riko. „Was soll das, Paps?“, knurrte er. „Immer wieder fängst du mit demselben Mist an. Ich weiß genau, was ich nicht will. Aber ich habe ja nur die Wahl zwischen dreckigen Tunneln, stinkenden Abfällen und verschimmelten Alten. Das reicht mir nicht.“

Sara schaute ihn vorwurfsvoll an, sagte aber erneut nichts.

„Eines Tages werden auch wir schimmlige Alte sein, wenn ich deinen unmöglichen Jargon einmal gebrauchen darf“, erwiderte ich erbost. „Irgendwann zählst auch du dazu.“

„Ja, ja“, brauste er auf. „Eines Tages … Irgendwann … Du musst mir nicht alles noch einmal erklären. Oder willst du mir beim Frühstück eine Naturehrung vorbeten? Es ist alles so öde und langweilig. Ich möchte endlich mal etwas Aufregendes erleben. So ein Natur-Ranger da draußen, das wäre mein Ding.“

„Die Außenwelt?“, nun musste ich grinsen. „Da draußen in der Wildnis ist es ganz sicher ziemlich abenteuerlich, aber das steht dir noch lange nicht zu. Dreck, Schlingpflanzen, Raubtiere, Krankheiten und Parasiten. Kannst du alles haben. Vielleicht später.“

„Später, immer wieder später“, schimpfte Riko weiter. „Ständig werden wir vertröstet. Und ihr Alten krallt euch die besten Jobs. Keine Chance für uns Jungen.“

„Leiste erst einmal deine Dienstzeit ab“, entgegnete ich scharf. „So wie alle Jugendlichen in deinem Alter und so wie deine eigenen Eltern auch. Anschließend kannst du deine Wünsche gerne äußern. Und falls du die Eignungstests bestehen solltest, darfst du dir auch die interessanten Aufgaben krallen.“

„Du kannst dich in unserer Abteilung vorstellen“, bot meine Frau an. „Wir sind immer auf der Suche nach tatkräftigen Jungs.“

„In deiner Chemieküche?“, fragte Riko ungläubig und schüttelte abwehrend den Kopf. „Du weißt doch genau, dass ich dort nie freiwillig hingehen würde. Es reicht mir schon, wenn ich den undefinierbaren Matsch essen muss, den ihr da in euren Kesseln aus was auch immer zusammenrührt.“

„Was willst du denn dann essen?“, fragte Mala entsetzt. „Doch nicht etwa tote Tiere?“ Das konnte sich unser Nesthäkchen überhaupt nicht vorstellen. Auch ich war angesichts seiner deutlichen Provokation ein wenig überrascht.

„Warum denn nicht“, entgegnete Riko grinsend, er liebte es, seine kleine Schwester zu ärgern und ständig die Eltern zu reizen. „Von Tieren und Pflanzen haben sich die Menschen über Millionen von Jahren ernährt. Also kann das doch nicht so falsch gewesen sein. In einem alten Buch habe ich gelesen, wie man einen großen Vogel ausnimmt und über einem offenen Holzfeuer braten kann.“

„Du bist ein Naturfrevler“, rief Mala empört und schaute ihren Bruder entsetzt und mich mit weit aufgerissenen Augen fragend an. „Du sollst keine Tiere töten. Bestrafen muss man dich.“

In mir regte sich ein leiser Verdacht. Waren Riko und seine undurchsichtigen Freunde vielleicht schon zur Tat geschritten?

„Mal ehrlich, Riko“, mischte ich mich ein. „Habt ihr etwa …? Wie kommst du überhaupt an verbotene Bücher?“

Riko lächelte still statt einer Antwort. Ich sah es am Blick meiner Frau: Sie machte sich große Sorgen, was aus dem Jungen werden würde oder vielleicht schon geworden war. Ich hoffte, dass mein Sohn genügend Verstand in seinem Schädel hatte, um nicht leichtsinnig zu werden. Bei schweren Vergehen gegen die Heilige Mutter Natur verstand die Kommission überhaupt keinen Spaß.

Das TMS (Transportation Message System) an meinem Handgelenk begann zu blinken und beendete das Frühstück, wie auch an jedem anderen Morgen. Wir hatten noch eine Viertelstunde Zeit, bis der Zubringer kam. Riko und Mala hatten es nicht so weit, die Schule im Zentrum der Siedlung war keine zehn Minuten Fußweg entfernt. Ich musste in die zentrale Stadt, um die herum sechszehn kreisrunde und autonome Wohnsiedlungen angeordnet waren. Den Kreis hatte schon Mutter Natur als perfekt erkannt. Wir konnten nur in aller Bescheidenheit versuchen, ihre unübertroffene Vollkommenheit nachzuahmen. Ich verstand einfach nicht, wie Riko das makellose Ideal unserer Gesellschaft in Frage stellen konnte.

In jeder Siedlung lebten etwa zehntausend Menschen, alle wohnten in kleinen, gut und bequem ausgestatteten Häusern mit Terrasse und einem eigenen Garten. Auf allen Dächern befanden sich Solarzellen und lautlose Windanlagen, selbst die Fenster und Fassaden produzierten Strom. Mit Erdwärme wurde geheizt, alle Baustoffe ökologisch produziert. Es gab weitläufige Parkanlagen, Schulen, Theater und Naturtempel, auch Spielplätze, Trimm-dich-Pfade, Großfeldschach, Volleyball- und Bolzplätze. Es mangelte uns einfach an nichts.

Das war überhaupt kein Vergleich mit den schlimmen Zeiten vor der Großen Seuche. So ein schönes Leben würde unseren armen Vorfahren wie ein unvorstellbarer Luxus erscheinen.

Nachdenklich stieg ich an der Bahnstation meiner Siedlung aus dem Zubringer. Da entdeckte ich wieder den kleinwüchsigen älteren, weißhaarigen, aber jederzeit gut gelaunten Mann. Wie an jedem Morgen drehte er sich zu mir um, lächelte mich freundlich an, zerknüllte ein kleines Blatt Papier und warf es auf den Boden. Jeder andere würde nach einem derartigen Naturfrevel schnell davonlaufen, was allerdings bei der lückenlosen Überwachung der Siedlungen vollkommen zwecklos wäre. Aber der Alte wartete geduldig jeden Tag auf mich.

Ich verstand ihn einfach nicht. Warum verhielt er sich so?

„Warum machst du das, Bürger?“, begrüßte ich ihn wieder einmal vorwurfsvoll. „Du weißt doch, dass ich dich anzeigen muss. Dann wird man dir erneut dein Einkommen kürzen.“

Ohne, dass ich ihn dazu auffordern musste, streckte er mir den rechten Arm entgegen. Aufseufzend zückte ich meinen Scanner und hielt ihn an seinen Unterarm. Nachdem die persönliche ID im Display erschienen war, gab ich noch den Code ein.

„Es ist doch schön, dass es auch heute noch solche aufmerksame und dienstfreudige Gendarmen wie dich gibt.“

Ich stutzte. Gendarmen?

Bisher hatte er während des Scans immer geschwiegen. Stets hatte er sich in aller Ruhe umgedreht und war, still vor sich hinlächelnd, einfach davon geschlendert.

„Was sind denn Gendarmen?“, fragte ich neugierig zurück.

„Oh, das ist eine gute Frage“, erwiderte er freundlich. „Das war weit vor deiner Zeit. Vor der Großen Seuche nannte man Ranger wie dich Gendarmen.“

„Woher weißt du das?“ Sein Grinsen wurde breiter.

„Das soll vorerst mein Geheimnis bleiben.“

„Das ist nicht zulässig“, antwortete ich streng. „Jede bisher nicht bekannte Information aus der alten Zeit muss unverzüglich der Kommission gemeldet werden. Das weiß doch jeder Bürger. Es darf keine Geheimnisse geben.“

„Ach ja?“, erwiderte er und blickte mich schelmisch an. „Keine Geheimnisse? Etwa so wie dein kleines totes Mädchen?“

Schnell verschwand er inmitten der anderen Bewohner, die zum Zug strömten und ließ mich vollkommen verblüfft zurück.

Woher wusste er von dem Mädchen?

Nach wie vor galt eine strenge Nachrichtensperre.

Während der Bahnfahrt schweiften meine Gedanken ab.

An allen anderen Tagen genoss ich die rasante Fahrt mit der Hochbahn, die Aussicht auf die grüne Landschaft und die atemberaubende Sicht auf die Hochhäuser der Stadt. Es waren nicht nur die Gebäude an sich, mich faszinierte vor allem der menschliche Erfindungsgeist. Frühere Generationen wären vor Staunen zu Salzsäulen erstarrt, könnten sie die Ökobilanz unserer Häuser bewundern. Wir verbrauchten nicht die Energie von Mutter Natur, wir produzierten Energie mit jedem einzelnen lichtdurchfluteten Fenster, mit geringster Erdwärme, mit jedem lauen Windhauch und leise plätscherndem Wasser.

Wir verbrauchten nicht mehr die Gaben unserer Mutter Natur.

Wir gaben ihr endlich zurück, was unzählige Generationen von Menschen ihr bisher gestohlen hatten.

Aber für all das hatte ich heute Morgen keinen Blick.

Woher wusste der alte Mann vom toten Mädchen?

Der Fund der Mädchenleiche hatte die Ranger in helle Aufregung versetzt. So etwas hatte es in den letzten fünfzig Jahren nicht mehr gegeben. Ein unbekanntes totes Kind, in keiner Siedlung als vermisst gemeldet, ohne Chip und ohne erkennbare Herkunft. Ein absolutes Rätsel. Dummerweise war mein Team mit der Aufklärung betraut worden. Ich wusste nicht, ob wir der Herausforderung gewachsen waren, zu ungewöhnlich war die Situation.

Kaum war ich in meiner Abteilung angekommen, musste ich auch schon beim Chef antanzen. Wie an jedem Morgen machte Korad einen leicht verschwitzten, heute dazu aber auch noch einen sehr verärgerten Eindruck.

„Elim, wie definierst du deine Aufgabe?“, begrüßte er mich.

So unfreundlich hatte selten ein Dienst begonnen.

„Meine Aufgabe als Ranger ist die Verfolgung und Bestrafung von Naturfrevlern. Meine Aufgabe …“

„Lass doch den Unsinn“, unterbrach er mich sofort gereizt. „Deinen Eid will ich nicht hören. Den kennt jeder von uns und du musst ihn mir nicht herbeten. Jeden Morgen belästigst du mich mit der gleichen Lappalie. Irgend so ein weißhaariger Zwerg aus deiner Siedlung zerknüllt Papier und wirft es auf den Boden.“

„Das ist keine Lappalie“, entgegnete ich.

„Ach, nein?“, sagte er gefährlich leise und warf Fotos auf den Tisch, die Bilder zeigten das tote Mädchen. „Wenn Papierfetzen wirklich so wichtig sind, was ist dann mit diesem Fall?“

Ich wusste nicht, was ich antworten sollte. Also schwieg ich.

„Vor einer Woche wurde sie gefunden und deine Truppe ist bis heute keinen Schritt weiter“, fuhr er fort. „Stattdessen kommst du mir jeden Morgen mit deinem verrückten Großvater.“

„Der Bürger wusste trotz der Nachrichtensperre von dem toten Mädchen“, wandte ich zu meiner Verteidigung ein.

Mein Chef schaute mich verdutzt an, schüttelte den Kopf und brach wenig später in Gelächter aus.

„Das ist doch keine Überraschung. So etwas spricht sich in Windeseile herum. Klatsch und Tratsch lassen sich weder durch eine Nachrichtensperre noch durch drohende Strafen aufhalten. Noch einmal, Elim: Wir brauchen jetzt endlich Ergebnisse. Die Kommission nervt mich bereits. Auch der Präsident hat schon angerufen.“

Ich hatte ja keine Ahnung, dass wir so unter Druck standen.

„Wir haben aber nichts“, antwortete ich zerknirscht. „In keiner Siedlung wird ein Kind vermisst. Sie hatte keinen Chip. Ich habe überhaupt keine Ahnung, woher sie gekommen ist.“

Mein Chef schlug mit der flachen Hand auf den Tisch.

„Verschone mich mit deinen Ausreden. Die kenne ich alle schon und sie langweilen mich inzwischen zu Tode. Wir brauchen Resultate. Und Resultate sind deine verdammte Aufgabe, Ranger Elim. Zerknülltes Papier sollte dich dabei nicht aufhalten. Und: Keine Ahnung will ich in Zukunft nicht mehr von dir hören.“

Damit war die Besprechung beendet.

Ergebnisse?

Woher?

Tatort

Krisensitzung! Wir kamen einfach keinen Schritt voran.

Immer wieder drehten wir die uns bekannten Fakten hin und her, her und hin, kamen aber zu keinem brauchbaren Ergebnis.

Mein Team bestand neben mir aus vier weiteren Rangern; zwei Frauen, Rena und Tama, sowie zwei Männern, Loft und Max. Die junge, mit ihren kurzen schwarzen Haaren und kleiner Stupsnase hübsche und recht impulsive Tama war erst ein knappes Jahr bei uns und hatte sich dabei schon mit beiden Männern eingelassen. Das tat den Karrieren aller drei wahrscheinlich nicht besonders gut, ihre Aufstiegschancen hatten sich durch die wechselnden Techtelmechtel garantiert weiter in die Zukunft verschoben.

Niemand in unserer perfekten Gemeinschaft durfte sich einfach so verhalten, wie er wollte, wenn er dadurch der Gemeinschaft Schaden zufügte. Das galt auch für ein ungezügeltes Liebesleben. Rena und ich gehörten schon zum alten Eisen, wir arbeiteten bereits seit vielen Jahren zusammen, ich verstand mich gut mit der ruhigen und gelassenen Frau. Das Team war eine bunte Mischung, gerade deshalb aber auch eine erfolgreiche Abteilung unter den Rangern der Stadt.

„Wir sollten den Fundort noch einmal genau untersuchen.“

Die Begeisterung über meine Forderung hielt sich in Grenzen. So einen Fall mussten wir auch noch nie bearbeiten. Normalerweise beschäftigte sich ein Ranger mit kleinkriminellen Taten oder Naturfrevlern, aber nicht mit fremden toten Kindern.

„Was soll das bringen?“, fragte Max unwillig.

„Hast du eine bessere Idee?“, brauste ich auf. „Unser Chef nervt mich, weil die Kommission Resultate sehen will. Außer Fragen haben wir aber nichts anzubieten. Das ist einfach zu wenig.

Selbst der Präsident soll schon bei Korad nachgefragt haben.“

Alle schwiegen überrascht. Niemand von ihnen hatte geahnt, dass die Angelegenheit inzwischen so hoch gehängt wurde.

Es war doch nur ein unbekanntes Kind. Wen interessierte das?

„Was hat die Autopsie ergeben?“, fragte ich weiter. Ich konnte auf den Unmut des Teams keine Rücksicht nehmen, denn es war klar, dass wir ab sofort einer ständigen Kontrolle der Kommission unterlagen. Ein hilfloses Schulterzucken unsererseits würde als Antwort ganz sicher nicht akzeptiert werden.

„Nichts Besonderes“, sagte Tama. „Wahrscheinlich starb sie an Erschöpfung, war leicht unterernährt, hatte keine Krankheiten, keinen Chip und sie war immun gegen die Seuche.“

Ich stutzte bei ihrer letzten Bemerkung.

„Stopp“, unterbrach ich Tama. „Sie war wirklich immun?“

„Ja“, antwortete sie überrascht. „Was ist daran denn so ungewöhnlich? Wir sind doch auch immun.“

„Sicher“, entgegnete ich gereizt. „Ich bin es. Du auch. Okay. Aber wir erhalten jede Woche unsere Injektionen. Das Mädchen stammt aber nicht aus unseren Siedlungen. Sie kann also nicht geimpft sein. Warum war sie dann immun?“

„Vielleicht hat sie doch irgendwoher ihre Spritzen bekommen?“

„Vielleicht? Vielleicht auch nicht! Was soll ich damit anfangen?“, reagierte ich verärgert auf Tamas Mutmaßungen. „Schafft mir einen Mediziner ran. Ich hasse Rätselraten. So schnell wie möglich will ich wissen, warum das Mädchen immun war. Vor allem will ich ganz genau wissen, woran sie gestorben ist.“

Meine Anordnungen stießen erwartungsgemäß auf wenig Gegenliebe, aber das ignorierte ich. Ich wusste natürlich, dass alle glaubten, dass das Mädchen von draußen aus der Wildnis gekommen sein musste. Vieles, eigentlich fast alles, sprach dafür, aber niemand getraute sich, das offen auszusprechen.

Nach offiziell geltender Definition gab es außerhalb unserer und der anderen Siedlungen kein zivilisiertes menschliches Leben.

Nur sehr vage Gerüchte. Aber ganz sicher keine Menschen.

Wir trafen uns wenig später im Kino. So nannten wir unter uns scherzhaft das Rekonstruktions-Labor, in dem ein detailgetreues dreidimensionales holografisches Modell des Tatortes erstellt werden konnte. Früher soll ein Verbrechensort zwar akribisch untersucht worden sein, allerdings sind dabei unzählige Menschen wild darin herumgetrampelt. Heute waren wir unseren dilettantischen Vorfahren einige Schritte voraus: Je nach Größe filmten zwanzig, dreißig oder mehr, fest installierte und fliegende Mini-Drohnen das zu untersuchende Areal und der Computer berechnete daraus ein exaktes räumliches Modell, in dem jedes Details beliebig vergrößert oder von allen Seiten betrachtet werden konnte. Und am besten war: Man konnte darin einfach herumspazieren und sich alles aus jeder denkbaren Perspektive so lange anschauen, wie man wollte. Fingerabdrücke oder allerkleinste Rückstände konnten wir optisch oder mit jeder anderen gewünschten Wellenlänge untersuchen.

Der Originaltatort existierte natürlich immer noch und blieb weiter abgesperrt. Manchmal konnte nur er die allerletzten Fragen beantworten.

Ich fand es jedes Mal unheimlich im Kino. Alles zu sehen, aber durch alles einfach so hindurchspazieren zu können, das fand ich nach wie vor gespenstisch. Ständig erwartete ich, dass die Photonen eine Reaktion auf meiner Haut auslösen würden, aber nichts dergleichen geschah. Immer wieder war ich verblüfft, wie unglaublich real die Projektionen waren. Ich kannte den echten Fundort und das hier war eine absolut perfekte Nachbildung.

Wie beim ersten Mal erstaunte mich das verwahrloste Gebäude, in dem das Mädchen gefunden wurde. Eigentlich hatte ich so etwas in unseren Siedlungen bisher nur selten gesehen. Vor der Seuche müssen so Armenviertel ausgesehen haben, von denen ich vor Jahren mal in Dateien gelesen hatte, die natürlich nur ausgewählten Rangern zugänglich waren.

Die Tote hatte in der hintersten Ecke des Kellers gekauert, umgeben von einem Haufen Müll. Vieles davon stammte, zumindest meiner Meinung nach, nicht aus unserer Siedlung, es konnte nur von außen hereingekommen sein.

Aber das war natürlich reine Spekulation.

Das Mädchen war mager und unterernährt. Ihre Haut war tief sonnengebräunt, an Füßen und Händen hatte sie mehr Hornhaut als wir alle zusammen. Ihre Kleidung bestand aus einem bunten Sammelsurium von Stoffresten aus dem Müll, genauer gesagt, aus unserem Müll. Sie hatte es sich in diesem Loch häuslich eingerichtet, sie musste hier also schon längere Zeit zugebracht haben. Doch woher kam sie?

Immer wieder stand ich vor der gleichen Frage.

Woher war das verdammte Mädchen gekommen?

Ich verzweifelte langsam und schaute mich weiter um.

„Wurden die Fasern der Taschen untersucht?“

„Nicht nur einmal“, erwiderte Tama genervt. „Das sind einfach nur ganz normale Pflanzenfasern mit einem leicht verrosteten Metallschild als Deko. Nichts Besonderes. Allerdings finden die Pflanzen in unserer Produktion keine Anwendung.“

„Zoom mal bitte auf das Metall.“ Ich konnte es nicht erklären, das alles passte irgendwie nicht zusammen.

„Wurde das Metallstück schon untersucht?“

„Ja, natürlich wurde es untersucht“, entgegnete Loft mürrisch.

„Es wurde vor Jahren recht primitiv aus einer alten Stahlplatte herausgeschnitten, ewig von Hand gefeilt und mit kleinen Meißeln bearbeitet. Wirklich sehr hübsche Verzierungen.“

„Fakten“, unterbrach ich ihn finster. „Dein Modegeschmack interessiert mich nicht. Hast du noch mehr?“

Loft war beleidigt, eigentlich wie immer, wenn man ihn wieder einmal auf das Wesentliche hinweisen musste.

„Doch, doch“, knurrte er. „Die Platte war jahrzehntelang Wind und Wetter ausgesetzt gewesen. Interessant ist aber die Rückseite. Trotz der Bearbeitung sind dort deutlich die Buchstaben OMP zu sehen. Das Wort war ursprünglich wahrscheinlich etwas länger. Mehr ist leider nicht zu erkennen.“

„Und was bedeutet das?“

„Was weiß ich denn?“, gab Loft schulterzuckend zu. „Es sind doch nur drei Buchstaben. Das kann alles Mögliche bedeuten.“ „Alles Mögliche interessiert mich aber nicht“, sagte ich sauer. „Ich dachte, ihr hättet endlich verstanden, dass wir hier vorwärts kommen müssen. Untersucht das Metall noch einmal. Röntgen, Ultraschall, chemische Analyse, alles was irgendwie geht. Bringen uns die Taschen vielleicht weiter?“

„Nicht wirklich“, antwortete Rena. „Das Ganze ist aus unserer Sicht zwar primitiv, wenn man sich das aber genauer anschaut, steckt da jede Menge Arbeit drin. Alles sehr solide Handarbeit, nicht eine Spur von Maschinen.“

„Gibt es außer unserer vielleicht eine andere Siedlung, in der das eventuell hergestellt sein könnte?“

Schweigen folgte meiner Frage. Jeder von uns wusste, dass diese Dinge niemals aus einer unserer Siedlungen stammen konnten. Niemand wollte es laut aussprechen. Es war ein Dilemma.

Ich hatte immer noch keine Ahnung, wie ich das tote Mädchen der Kommission erklären sollte. Ohne die tatsächliche Existenz einer angeblich nicht vorhandenen Außenwelt konnte ich gar nichts erklären.

Ich setzte mich auf den Boden und ließ das ganze Umfeld noch einmal auf mich wirken. Nur wenig Licht drang in den Kellerraum, selbst bei schönstem Sonnenschein blieb das Versteck immer noch in ein diffuses Halbdunkel getaucht.

Was hatte das arme Mädchen hier nur verloren?

Vor wem oder was hatte sie sich hier versteckt?

Sie hatte sich in der ältesten und aktuell unbewohnten Siedlung verkrochen, die im nächsten Jahr komplett modernisiert und neu gestaltet werden sollte. Wohl deshalb hatte sie hier Zuflucht gesucht und auch gefunden. Nach zwei Stunden gab ich auf, wir hatten nichts Neues entdecken können.

Weit auseinanderliegend gab es in Europa noch andere Siedlungen wie die unsere. Wie viele Menschen genau die GroßeSeuche überlebt hatten, wusste niemand zu sagen.

Wir alle waren Bewohner unserer wunderschönen Erde und hatten die uralten Zwistigkeiten ein für alle Mal beendet.

Wir waren Verbündete im Streben nach einem friedlichen, glücklichen und ausgefüllten Leben für jeden Menschen. Die Gebote der Heiligen Mutter Natur stellte dabei kaum jemand ernsthaft in Frage.

Korad hatte auf meinen Wunsch hin den Antrag eingereicht, mit den Rangern unserer Nachbarn direkten Kontakt aufnehmen zu dürfen. Erstaunlich schnell wurde das genehmigt. Trotz der großen Entfernungen waren wir ausgezeichnet miteinander vernetzt, aber eine uneingeschränkte oder gar unkontrollierte private Kommunikation zwischen den Bewohnern gab es natürlich nicht. Ohne eine effiziente Kontrolle würden Frevler das nur für die Verbreitung ihrer abscheulichen und abartigen Ansichten nutzen. Das musste unbedingt verhindert werden.

Pünktlich saßen alle vor ihren Monitoren. Aus dem Osten war Krzysztof zugeschaltet, aus dem Westen Pierre. Aus dem Norden lächelte mich Smilla an und aus dem Süden Milena. Mit Rangerin Milena hatte ich in der Vergangenheit bereits öfter Kontakt gehabt. Für ihr junges Alter hatte sie bereits eine erstaunliche Karriere hingelegt. Sie war klug, ehrgeizig und scharfsinnig, außerdem mit ihren großen strahlenden Augen noch eine wahre Schönheit. Den letzten Gedanken behielt ich besser für mich, meine Sara konnte auch ohne jeden Grund eifersüchtig werden. „Danke fürs Kommen“, begrüßte ich die zugeschalteten Ranger. „Es ist schön, euch wiederzusehen. Leider ist der Anlass des Meetings ein Rätsel, bei dem wir eure Hilfe benötigen."

Ich schilderte ihnen den Fall des toten Mädchens in allen Einzelheiten und präsentierte unsere bisherigen Erkenntnisse. Meinem ausführlichen Vortrag folgte ein betretenes Schweigen von allen Seiten. Wir wussten alle, dass es so etwas nicht geben konnte und laut Kommission auch nicht geben durfte.

„Ich habe von einem ähnlichen Fall schon einmal gehört“, machte sich Pierre bemerkbar. „Weiter unten im Süden. Dann stellte sich aber bald heraus, dass es nur eine abgetauchte Jugendliche war, die ihre Dienstzeit verweigern und einem zügellosen Leben fern der Gemeinschaft frönen wollte.“

„Wir haben unsere Siedlungen wirklich sehr genau überprüft“, legte ich offen dar. „Sie stammt nicht von hier. Es mag in euren Ohren befremdlich klingen, aber sie muss außerhalb unserer Siedlung aufgewachsen sein. Ich habe keine andere Erklärung.“

Erneut schwiegen die anderen. Ich hatte da etwas angedeutet, was den allgemein gültigen Vorgaben ganz und gar widersprach. Schließlich erklärte jeder von ihnen, in seinem Zuständigkeitsbereich noch nie etwas Ähnliches erlebt oder davon gehört zu haben. Ob das der Wahrheit entsprach, wusste ich nicht.

Niemand von ihnen wollte sich in Schwierigkeiten bringen.

Das verstand ich, aber es brachte mich keinen Schritt weiter.

Das tote Mädchen blieb nach wie vor ein Rätsel.

Schule

Am Abend wartete die nächste Hiobsbotschaft auf mich.

Wortlos reichte mir Sara einen Brief. Das hatte inzwischen großen Seltenheitswert, Briefe auf Papier wurden nur in wirklich wichtigen Angelegenheiten verschickt. Es war ein Schreiben der Schule und es ging um Riko. Warum überraschte mich das nicht. Unser Junge hatte sich in den letzten Monaten zu einem echten Problemfall entwickelt. Sara verharmloste das immer wieder, aber ich hatte das Unruhepotential in ihm längst erkannt.

Nun war ihm also auch die Schule auf die Schliche gekommen.

Vielleicht war das gut so, um seinem heimlichen wilden Treiben endlich Einhalt gebieten zu können.

„Hast du eine Idee, warum sie uns vorgeladen haben?“

Sara unterbrach meine Grübeleien.

„Keine Ahnung“, gab ich zu. „Riko wird mal wieder irgendeinen Unsinn angestellt haben. Es wäre ja nicht das erste Mal.“

Ich versuchte, meinen Ärger vor ihr zu verbergen.

Was war nur in den Jungen gefahren?

In der Schule wurden wir bereits erwartet. Bislang hatte uns immer Rikos Klassenlehrer empfangen, heute allerdings saßen wir sofort der Direktorin gegenüber. Es musste also wirklich etwas Ernsthaftes vorliegen. Die Direktorin war eine für ihr Alter gut aussehende Frau um die fünfzig. Ihre Mimik hatte sie gut unter Kontrolle, aus ihrem Gesicht konnte man kaum eine Regung herauslesen. Nachdenklich schaute sie uns über den Rand ihrer großen Brille hinweg an. Wortlos reichte sie meiner Frau und mir jeweils ein Pad.

Die Fichte: „Gestern besuchte mich ein Unternehmer. Er betrachtete mich und schätzte, wie viel Geld er verdienen kann, wenn er mich an ein Sägewerk verkauft.“

Die Lärche: „Ich hatte gestern auch einen Besuch. Zu mir kam ein Wissenschaftler. Er murmelte unentwegt über die chemischenProzesse, die in mir ablaufen.“

Die Zirbe: „Auch ich hatte gestern Besuch. Es war ein Mensch, der versuchte, mein wahres Wesen zu ergründen. Lange, lange Zeit saß er ganz still vor mir. Er wollte mir so begegnen, wie es viele Menschen schon getan haben. Vielen von ihnen gelang es, in der Stille zu erfahren, dass hinter der mit den Sinnen wahrnehmbaren Natur, also der Natur, die die Menschen mit den Augen sehen, mit den Ohren hören, die sie schmecken, fühlen und tasten – dass es dahinter auch eine unsichtbare Natur gibt, in der unzählige Wesenheiten leben und walten.“

Den Text kannte ja nun wirklich jeder von uns. Wieder und wieder, in jedem Schuljahr mindestens zwei- bis viermal, wurden diese Zeilen durchgekaut, bis auch der allerletzte Trottel begriffen hatte, dass man unsere Heilige Mutter Natur und all ihre herrlichen Gaben mit Respekt zu behandeln hatte.

Leicht genervt legte ich das Pad zurück auf den Tisch.

„Und?“, fragte ich gereizt. „Wo ist denn nun das Problem?“

„Das Problem?“, die Direktorin wirkte aufgebracht, aber immer noch gefasst. „Das Problem? Wohl nur ein kleines Problem von vielen. Riko verhält sich zunehmend aggressiv, vernachlässigt ständig seine Pflichten in der Schule, aber auch die im Nature-Log. Er verweigert immer öfter seine Einträge, trotz mehrfacher Ermahnungen. Es scheint ihm einfach egal zu sein.“

„Er ist in der Pubertät“, wandte meine Frau beschwichtigend ein.

„Da sind Jungs nun mal etwas schwierig. Nur, weil er nicht jeden

Tag seine Chronik führt, bricht doch die Welt nicht zusammen.“

Ihren Einwand wollte die Direktorin nicht akzeptieren.

Erneut schob sie zwei Pads über den Tisch. Immer noch blieb sie ausgesprochen ruhig. Nach Scherzen war ihr allerdings auch nicht zumute. Die Situation schien tatsächlich kritisch zu sein.

„Um seine Chronik geht es mir gar nicht so sehr, auch wenn er damit seine Pflichten gegenüber der Gemeinschaft ignoriert. Das hier ist Rikos Aufsatz zum Thema, gespickt mit Provokationen gegen das Gleichnis und gegen fast alle unsere Gebote.“

Beim Lesen stockte mir tatsächlich der Atem. Ich musste den Aufsatz zweimal lesen. Das sollte mein Sohn verfasst haben?

Riko stellte in dem . . . seinem Pamphlet einfach alles in Frage.

Woher hatte er nur solche aberwitzigen Ideen?

Die Heilige Mutter Natur würde seine darin unverhohlen geäußerten frevlerischen Ansichten kaum dulden, unsere naturverbundene Gesellschaft durfte es erst recht nicht.

„Und?“, fragte die Direktorin, sie hatte uns ausreichend Zeit gelassen, den Aufsatz wirken zu lassen. „Ich verrate Ihnen mal, was Ihr Sohn auf meine Beurteilung geantwortet hat. Warum soll ich denn einen Baum umarmen, hatte er grinsend erwidert, der redet ja sowieso nicht mit mir.“

Nach einer kurzen Pause fuhr sie fort, der Sarkasmus in ihrer Stimme war nicht zu überhören: „Am besten gefällt mir die Passage, in der Riko alle drei Bäume fällen möchte, um daraus Häuser, Tische und Regale zu bauen. Je nach Qualität des Holzes.

Die anderen, ebenso sinnfreien Thesen haben Sie ja gelesen.“

„Was haben sie denn gegen Häuser?“, fragte meine Frau.

Ich schaute Sara erstaunt an. Was sollte das jetzt werden?

Nun wurde mir endgültig klar, woher Riko seinen Dickkopf hatte.

Die Direktorin war kurzzeitig sprachlos.

„Das hatte ich nicht erwartet“, gab sie verwundert zu. „Ihr Sohn steht kurz vor der Verlegung in einen Kurs, aber statt seine Taten zu bedauern, verteidigen sie ihn als Mutter auch noch. Ich bezweifle, dass Sie dem Jungen damit einen Gefallen tun.“

Ein Kurs? Davon war bisher noch nie die Rede gewesen. Unser Riko in der Umerziehung? Genau darum handelte es sich dabei. Die perfekte Harmonie unserer Gesellschaft durfte keinesfalls gefährdet werden, jeder Störenfried wurde möglichst still und schnell entfernt, umerzogen und anschließend wieder in unsere tadellos funktionierende Gesellschaft integriert. So konnte jederzeit der harmonische Gleichklang der Gemeinschaft garantiert werden, eine unabdingbare Voraussetzung für ein gutes, bescheidenes und friedliches Zusammenleben. Aber dass einmal unser Sohn Riko akut gefährdet und ein schwerer Straftäter sein könnte, damit hatte ich trotz aller mir bekannten Probleme und seiner offensichtlichen Missachtung vieler unserer wichtigsten Werte wirklich nicht gerechnet.

„Sie sollten einmal ernsthaft mit ihm reden“, die Direktorin hatte sich vorgebeugt, sprach leise und eindringlich auf uns ein. „Wenn er sein Verhalten nicht schleunigst ändert, werde ich bald nichts mehr für ihn tun können. Er ist ein kluger Junge, das weiß ich, aber er muss sich endlich anpassen.“

Natürlich stellten wir unseren Sohn zur Rede. Allerdings zeigte Riko wenig Einsicht. Wütend lief er vor uns auf und ab.

„Das ist alles so langweilig“, rief er erregt. „Alles ist schon tausende Male durchgekaut worden. Alles ist seit ewigen Zeiten genau vorgeschrieben. Niemand darf sich ernsthaft Gedanken über die Welt machen. Wenn ich mal eine kleine kritische Frage stelle, wird mir sofort eine Strafe in Aussicht gestellt, bei der zweiten Frage wird gleich mit einem Kurs gedroht. Mal ehrlich, das ist doch nicht mehr normal.“

„Ist das etwa ein Grund, die Gebote in Frage zu stellen?“, fragte meine Frau leise. „Das ist für dich ganz dünnes Eis, Riko.“

„Ja, ja“, winkte Riko ab. „Es ist doch immer das Gleiche. HeiligeMutter Natur hier, Heilige Mutter Natur da. Der Baum als ein heiliges Wesen. Aber aus dem Holz kann ich mir einen Tisch bauen oder einen Schrank. Mit Holz kann man auch ein Feuer machen, um richtiges Essen zuzubereiten. Die Menschen haben früher Fleisch, Fische, Pilze und Pflanzen gegessen. Ich kann einfach nicht begreifen, was daran so verwerflich sein soll.“

Ich war sprachlos. Meiner Sara erging es nicht anders.

Dass unser Sohn ziemlich aufmüpfig geworden war, hatten wir schon längst begriffen. Aber dass er unsere heiligen Grundsätze derartig radikal in Frage stellte, erwischte uns kalt. Ich kannte einige der Jungs aus seinem Freundeskreis, darunter waren auch ein paar notorische Spinner. Ich dachte zurück an das heutige Frühstück. Wie weit waren sie bereits gegangen?

„Da seid ihr wohl sprachlos“, der sarkastische Ton in Rikos Stimme war klar zu vernehmen.

Meine Frau stand schweigend am Fenster und schaute hinaus.

Es arbeitete stark in ihr, das erkannte ich an der mir nur allzu gut bekannten, tief gefurchten Stirn. Aber ich war ebenso ratlos.

„Zugegeben“, antwortete ich schließlich. „Deine Sichtweise erstaunt mich schon. Ich mache mir gerade darüber Gedanken, ob wir dich nicht besser gleich morgen früh persönlich in den Kurs einweisen sollten. Mit deinem Verhalten bist du eine Gefahr für die Gesellschaft. Was ist nur los mit dir?“

Sara hatte sich zu uns umgewandt und schaute nachdenklich auf Riko. War das noch unser Sohn?

Was hatten wir in den letzten Jahren denn falsch gemacht?

„Vielleicht ist das gar keine schlechte Idee“, sagte Sara leise.

„Aber ich denke, dass wir noch den Urlaub abwarten sollten.

Falls er genehmigt bleibt, nach dem toten Mädchen.“

Damit war Riko aber überhaupt nicht einverstanden.

„Urlaub? Zusammen mit euch?“, brauste er sofort auf. „Ich soll mit euch in den Urlaub fahren? Kommt nicht in Frage, ich bin doch kein kleines Kind mehr.“

„Eigentlich nicht“, erwiderte ich gelassen. „Aber wenn wir dich allein lassen, bricht hier wahrscheinlich das Chaos aus. Und wer weiß, wo du mit deinen Taten gelandet sein wirst, wenn wir aus dem Urlaub zurückkommen. Womöglich errichtest du im Wohnzimmer ein Lagerfeuer und brätst wilde Tiere. Du hast die Wahl: Urlaub oder Kurs. Noch kannst du es dir aussuchen.“

„Ist ja wirklich großzügig“, schimpfte Riko und stapfte wütend aus dem Zimmer. Sara und ich unterhielten uns noch lange über Riko, rätselten über sein unverständliches und unerklärliches Verhalten und waren am Ende ebenso ratlos wie zuvor.

Naturehrung

Die Glocke rief uns zum Gebet. Wie an jedem Sonntagvormittag. Es war Zeit für die Naturehrung. Die Heilige Mutter Natur hatte das Recht, jederzeit unsere Demut einzufordern. Wir arroganten Menschen hatten unserem Planeten in der Vergangenheit so viel Leid zugefügt. Das durfte sich niemals wiederholen.

In jeder Siedlung gab es einen Naturtempel. Im Inneren stand ein Altar: Eine Frau mit einem blauen Mantel und einer Krone hielt ein unschuldiges kleines Kind in ihren Armen. Das war die Heilige Mutter Natur, die ihr Kind, uns Menschen, immer beschützen wird. Die Bänke vor dem Altar waren in einem Halbkreis angeordnet. Es wurde natürlich von jedem Bürger erwartet, zur Naturehrung zu erscheinen. Es war beileibe keine Pflicht, aber ein Fehlen wurde schon in aller Stille registriert.

Der Priester trat vor uns und schaute sich um. Er ließ sich dabei sehr viel Zeit. Mit einer Handbewegung forderte er die Besucher auf, sich zu erheben. Er lächelte, verbeugte sich vor der HeiligenMutter Natur und wandte sich wieder uns zu: „Lasst uns gemeinsam die Heilige Mutter Natur preisen.“

Allerheiligste Mutter Natur.

Gepriesen sei dein reines Wesen.

Deine herrliche Schöpfung gedeihe

auf dem großen, grünen Erdenrund.

Verzeih uns unsere ungezählten Frevel,

wie auch wir verzeihen allen Frevlern.

Schenke uns einen Platz in deiner Obhut

und bewahre uns vor frevlerischen Gedanken.

Denn dein allein ist diese schöne Erde

Mit all ihren Pflanzen, Tieren und Menschen.

Bis an das Ende aller Zeiten.

Amen.

Wir sprachen die Lobpreisung laut mit, selbst der kleine Rebell Riko konnte sich der heiligen Atmosphäre im Naturtempel nicht entziehen. Das machte mir wieder ein wenig Hoffnung.

„Liebe Freunde“, sprach der Priester laut weiter. „Ich freue mich, dass ihr so zahlreich zur Naturehrung erschienen seid.“

Riko schnaufte leicht, vollkommen aus freien Stücken war er nicht hier, aber das hatte nicht in seiner Entscheidung gelegen.

„Um unsere Heilige Mutter Natur angemessen zu ehren, singen wir gemeinsam den Psalm 104: Mutter Natur, wie bist du groß.“

Mutter Natur, wie bist du groß.

Du hast den Himmel aufgespannt

wie ein großes Zelt.

Darunter dürfen wir wohnen.

Du lässt es aus den Wolken regnen.

Alle Tiere trinken davon.

Du lässt das Gras und die Bäume wachsen.

Die Vögel nisten in den Bäumen und loben dich.

Wie vollkommen sind deine Werke.

Voller Weisheit hast du sie gemacht.

Wir wollen für dich singen und arbeiten

und deinen Namen preisen. Amen.

Auch Riko hatte leise mitgebrummt. Er glaubte bestimmt, unter permanenter Beobachtung zu stehen. An seine Eltern dachte er dabei aber nicht und lag damit wohl nicht so ganz falsch.

„Liebe Gemeinde“, begann der Priester seine Predigt. „Ich könnte euch von den Schönheiten der Heiligen Mutter Natur erzählen oder von ihren Segnungen und reichlichen Gaben, an denen wir uns alle erfreuen dürfen. Das könnte ich tun.“

Er machte eine Pause und schaute erneut in die Runde.

„Aber warum sollte ich das tun?“, fuhr er fort. „Ich würde euch doch nur Dinge erzählen, die ihr alle längst wisst. Mit meiner Predigt möchte ich die Gemeinde aber nicht langweilen. Ich will daher über ihre Leiden sprechen. Denn wir glauben immer, dass es unserer Mutter Natur gut geht, dass sie blüht und gedeiht. Heute ist das auch so, aber früher waren die Menschen, unsere eigenen Vorfahren, brutal und vollkommen rücksichtslos. Sie beuteten die Heilige Mutter Natur gnadenlos aus.“

Er drehte sich um und zeigte auf die Statue.

„Sollte ein Kind so seine Mutter behandeln?“, fragte er. „Sie beschützte ihre Kinder voller Fürsorge, aber es wurde ihr nicht gedankt. Im Gegenteil: Tiere und Pflanzen wurden behandelt wie vollkommen unwichtige Dinge. Wir sprengten hohe Berge, um an Gold, Silber und andere wertvolle Metalle zu gelangen. Wir holzten scheinbar unendliche Wälder ab, um das edle Holz zu verschwenden und den fruchtbaren Boden in Besitz zu nehmen. Wir zogen gigantische Schleppnetze über den Grund der Weltmeere, bis es dort kaum noch Leben gab. Äcker wurden mit unzähligen Giften besprüht, bis fast alle Insekten ausgerottet waren. Wir verseuchten die Flüsse, Bäche und Seen. Wir schütteten große Müllberge auf und in den Ozeanen schwammen riesige Inseln aus Plastik. Die Menschen vor der Großen Seuche waren nicht dumm, aber blind in ihrem Handeln. Unsere herrlich schöne Erde litt furchtbar, aber die Heilige Mutter Natur beschwerte sich nicht. Niemanden unter den Menschen kümmerte ihr Leid.“

Der Priester machte wieder eine kurze Pause und ließ seine Worte auf die Zuhörer wirken.

„Viele Menschen glauben, dass die Große Seuche die Rache der Heiligen Mutter Natur an der Menschheit war. Das war keine Rache, denn Mutter Natur möchte jedes Leben erhalten. Es war aber eine neue Chance für die Menschheit, ein Neubeginn für uns alle. Dafür sollten wir unendlich dankbar sein. Aber heute gibt es wieder viele junge Menschen unter uns, die kleine Naturfrevel als harmlose Vergehen ansehen. Junge Menschen, die viel zu leichtfertig mit den herrlichen Gaben unserer HeiligenMutter Natur umgehen. Aber jede noch so kleine Untat ist ein schweres Vergehen. Wir wissen alle, wohin das geführt hat und unsere weit zurückliegende schuldbeladene Vergangenheit darf sich nicht wiederholen. Ich erwarte von euch, dass ihr jede einzelne Tat den Rangern meldet. Wir müssen stark sein und demütig bleiben. Wir preisen die Heilige Mutter Natur.“

„Wir preisen dich“, riefen wir gemeinsam im Chor.

Am Ende einer jeden Naturehrung traten ertappte Frevler vor den Altar, um freiwillig vor der gesamten Gemeinde ihre Vergehen zu beichten. Heute standen zwei Kinder mit tief gesenkten Köpfen vor uns.

„Die Heilige Mutter Natur beschützt uns alle“, sagte der Priester. „Leider vergessen das immer wieder einige von euch. Aber die Heilige Mutter Natur ist gütig, so dass wir ihnen die Frevel verzeihen wollen, sofern uns die beiden ihre hässlichen und grausamen Schandtaten mit reinem Herzen offenbaren.“

Er schob das etwa zehnjährige Mädchen ein paar Schritte vor.

„Das ist Naledi“, fuhr der Priester fort. „Sie ist elf Jahre alt. Was hast du uns zu berichten, mein liebes Mädchen?“

Das Kind schwieg und schaute ängstlich zu Boden.

„Du darfst sprechen“, forderte sie der Priester erneut auf. „Wir werden dir verzeihen, aber du musst uns deine furchtbaren Missetaten gestehen. Dann und nur dann kann und wird dir auch unsere Heilige Mutter Natur verzeihen können.“

„Ich, ich …“, stammelte sie leise und nervös. „Ich möchte meine böse Tat gestehen und um Vergebung bitten.“

„Gegen welches Gebot hast du verstoßen?“, fragte der Priester.

„Ich habe das siebente Gebot nicht eingehalten.“

„Wie lautet das siebente Gebot?“, fragte der Priester weiter.

„Du sollst Pflanzen nur töten, wenn es dein Überleben sichert“, murmelte sie kaum hörbar.

Der Priester legte beide Hände auf ihre Schultern.

„Kannst du das bitte noch einmal laut wiederholen, damit wir alle das siebente Gebot von dir hören können?“

„Du sollst Pflanzen nur töten, wenn es dein Überleben sichert“, rief sie laut und brach dabei fast in Tränen aus. Mir tat das Mädchen leid, aber ihre Tat durfte nicht ungestraft bleiben.

„Möchtest du uns von deinem sündigen Fehltritt erzählen?“, fragte der Priester nach. Natürlich wollte das arme Kind das nicht, aber sie würde heute den Naturtempel ohne Geständnis nicht verlassen dürfen.

„Was hast du getan?“, fragte der Priester mit sanfter Stimme.

„Ich habe ein Blumenbeet zerstört“, gab die Kleine zu. „Ich habe mit einem Ast alle Blüten kaputt gemacht.“

„Warum hast du das getan“, bohrte der Priester weiter.

„Ich weiß es nicht“, gab die kleine Naledi offenherzig zu. „In der Schule hatte ich gute Noten bekommen. Dann hat mich ein frevlerischer Übermut gepackt und ich habe den Blumen sehr wehgetan.“ Die letzten Worte waren ihr vom Priester vor der Naturehrung eingetrichtert worden, da war ich mir sicher.

„Bereust du deine grausame Tat?“, fragte der Priester.

„Ja, ich bereue meine schlimme Tat“, antwortete sie. „Ich bitte die Gemeinde und die Heilige Mutter Natur um Vergebung.“ „Wir vergeben dir“, rief die Gemeinde laut.

„Die Heilige Mutter Natur vergibt dir“, setzte der Priester hinzu. „Du wirst als Buße für deine Untat das von dir zerstörte Beet für zwei Jahre pflegen. Für sechs Monate musst du das rote Halsband einer Naturfrevlerin tragen und jeden Tag im Naturtempel zehn Lobpreisungen beten.“

Nun brach das arme Ding doch noch in Tränen aus und verschwand schluchzend hinter dem Altar.

Der Priester winkte den Jungen zu sich.

„Das ist Kendai“, sagte er. „Der Junge ist fünfzehn Jahre alt. Alt genug, um sich der Schwere seiner Taten bewusst zu sein.“

Mit gesenktem Kopf und verkniffenen Lippen stand er vor uns. Mir war klar, dass auch er nicht freiwillig seine Taten gestehen wollte, aber die Gebote galten nun mal für jeden von uns.

Ich schaute zu Riko. Auch er müsste eigentlich da vorne stehen.

Mein Junge wusste das ebenfalls, schwieg aber verbissen.

„Gegen welches Verbot hast du verstoßen?“, fragte der Priester.

„Ich habe gegen das dritte und sechste Gebot verstoßen.“

Ein kurzes Raunen ging durch den Naturtempel.

Der Junge tat mir jetzt schon leid.

„Nenne uns doch bitte das dritte Gebot“

„Du sollst die Heilige Mutter Natur nicht ausbeuten.“

„Vollkommen richtig“, strahlte der Priester. „Ich freue mich sehr, dass dir unsere Gebote noch nicht entfallen sind.“

Was hatte der Junge bloß angestellt?

„Dann kennst du sicher auch noch das sechste Gebot?“

„Du sollst Tiere nur töten, wenn es dein Überleben sichert“, antwortete der Junge finster. Erneut schaute ich meinen Sohn fragend an, aber sein Gesicht zeigte immer noch keine Regung.

„Mein lieber Kendai“, fuhr der Priester nach einer kurzen Pause fort. „Erzähle uns bitte von deiner Untat.“

„Ich habe ein altes Buch gefunden, das war so was wie ein Kochbuch von früher“ begann er mit belegter Stimme, machte aber sofort eine Pause und schaute trotzig auf den Boden.

„Und weiter, Kendai?“, hakte der Priester nach.

„Da stand drin, wie man ein kleines Tier ausnehmen und über einem Feuer braten kann“, antwortete er langsam.

Mala neben mir hielt sich vor Schreck die Hand vor den Mund und schaute mich mit großen Augen entsetzt an. Der Junge musste in ihren Augen ein wahres Monster sein.

„Was hast du dann getan?“, trieb der Priester den Frevler voran. Der Junge war also noch viel weiter gegangen?

Dann dürfte seine Strafe garantiert heftig ausfallen.

„Ich habe eine Falle gebaut und damit einen Hasen gefangen“, fuhr Kendai verängstigt fort. „Das tote Tier habe ich gehäutet, ausgenommen und dann ein kleines Feuer angezündet.“

Im Tempel breitete sich entsetztes Schweigen aus.

Dagegen war ja die kleine Naledi geradezu ein Unschuldslamm.

„Hast du von dem armen Tier, das du so unglaublich grausam gequält hast, auch gegessen?“, fragte der Priester weiter.

„Ja“, gab der Junge flüsternd zu.

„Ich glaube nicht, dass dich jeder hier im Tempel gehört hat“, sagte der Priester streng. „Wiederhole deine Antwort.“

„Ja, das habe ich“, wiederholte Kendai laut und schaute wütend in tief bestürzte Gesichter. Mala war kreidebleich geworden und hatte meinen rechten Arm fest umklammert. Aber auch ich musste gestehen, dass mir bisher bei einer Naturehrung kaum eine so drastische Tat begegnet war. Selbst ich als Ranger wusste nicht einmal den Code für seine unglaublichen Handlungen, so selten kamen derartig barbarische Untaten vor.

Der Priester trat neben den Jungen und legte dem überraschten Kendai einen Arm um die Schulter.

„Wir sollten nicht vorschnell urteilen“, rief er und schaute in die Runde. „Ja, sein Frevel hört sich schrecklich an und das ist er auch. Aber es stellt sich die Frage, warum Kendais Eltern so ein furchtbares Buch besitzen konnten. Unsere wachsamen Ranger haben das gesamte Haus durchsucht und noch mehr davon gefunden. Allesamt Bücher, die den Grundsätzen der Heiligen Mutter Natur zutiefst widersprechen. Kendai ist ganz zweifellos ein Frevler, aber er ist auch ein verführter junger Mann.“

Ich schüttelte den Kopf. Was waren das nur für Eltern, die ihre Kinder solchen unseligen Versuchungen aussetzten?

„Seine Eltern müssten ebenfalls hier stehen“, fuhr der Priester fort. „Ihnen wurden aber bereits neue Aufgaben zugewiesen und sie leben nicht mehr in unserer Siedlung. Kendai wird seine Eltern nie wieder sehen, für seine Zukunft ist es die beste Lösung. Unsere Gemeinschaft wird gut für ihn sorgen.“

Er wandte sich an den niedergeschlagenen Jungen.

„Was denkst du, sollte deine gerechte Strafe sein?“

Kendai schaute ihn überrascht an.

Die Frage wurde einem Straftäter normalerweise nie gestellt.

Der Schuldige hatte sich jeder Entscheidung zu fügen.

„Ich weiß nicht“, murmelte er erstaunt.

Der Priester schaute ihn nachdenklich an.

„Bereust du deinen Frevel?“, fragte er scharf.

„Ja“, erwiderte Kendai laut. „Ich bereue meine Tat, weil sie meine Familie zerstört hat.“ Der Priester schüttelte den Kopf.

„Du bist schuldig, daran besteht kein Zweifel, aber es war nicht deine Tat allein“, widersprach er vehement. „Deine Familie haben die verbotenen und unnützen Bücher unserer grausamen und überheblichen Vorfahren zerstört. Sie sind schuld, denn die Bücher waren bis obenhin angefüllt mit furchtbaren Gedanken, die unsere schöne Welt vor der Großen Seuche fast vernichtet hätten. Aber die Heilige Mutter Natur konnte den drohenden Untergang der Erde gerade noch so mit der Seuche verhindern.“

Er drehte sich zum Altar um und kniete sich nieder.

„Dafür danken wir dir“, rief er.

„Dafür danken wir dir“, antworteten wir im Chor.

Er stand auf und schaute auf den wartenden Jungen.

„Kendai, deine Taten wiegen schwer“, sagte er, machte eine kurze Pause und schaute in die Runde. „Die Bürde deiner grausamen Tat wirst du noch für viele Jahre tragen müssen. Die Kommission hat entschieden: Du wirst für ein Jahr in einen Kurs eingewiesen, anschließend leistest du drei Jahre Dienstzeit ab und danach übernimmst du für fünf Jahre eine dir zugewiesene Aufgabe. Während deiner gesamten Dienstzeit trägst du das rote Frevler-Halsband und musst täglich fünf Lobpreisungen beten.“ Voller Entsetzen schaute der Junge auf den Priester.

Mit einer hohen Strafe hatte er sicher gerechnet, kein Wunder bei seinem geradezu unbegreiflichen Vergehen, aber die Härte der Bestrafung schien ihn jetzt doch zu überraschen. Ich war darüber nicht verwundert, mit der Schwere der Tat wuchs die Strafe. Das Alter spielte dabei keine Rolle. Noch einmal schaute ich zu Riko. Der verzog immer noch keine Mine, aber sein Gesicht war doch etwas blass geworden. Ich hoffte tief in mir, dass ihm das vielleicht eine Lehre sein würde. Ich hoffte es.

Auf dem Nachhauseweg schwiegen wir. Besonders meine kleine

Mala war tief betroffen. Fragend schaute sie mich an.

Ich blieb stehen, setzte mich auf eine Bank und zog sie an mich.

„Was ist los?“, fragte ich leise. „Wovor hast du Angst?“

„Gibt es viele böse Menschen bei uns?“, fragte sie.

Ihre großen Kinderaugen schauten mich traurig an.

„Keine Angst, Mala“, versuchte ich sie zu beruhigen. „Es gibt immer böse Menschen. Aber deshalb musst du dich nicht fürchten. Du weißt doch, ich bin ein Ranger und ich werde aufpassen, dass solche Leute bestraft werden.“

Ganz zufrieden war Mala mit meiner Antwort aber nicht.

Sie schien noch etwas anderes zu bewegen.

„Das weiß ich ja, Papa“, sagte sie stirnrunzelnd. „Aber wenn es zu viele böse Menschen gibt, bestraft uns die Heilige Mutter Natur dann irgendwann vielleicht alle?“

Ich hob sie auf meinen Schoß und strich über ihren Lockenkopf.

„Wenn du die Gebote befolgst, kann dir nichts geschehen“, antwortete ich. „Ich weiß doch, dass du ein braves Mädchen bist.

Ich verspreche, dass dir dann nichts passieren wird. Die HeiligeMutter Natur wacht über uns und vor allem über dich.“

Mala war damit zufrieden, sprang auf und lief zu ihrer Mutter.

So einfach war die Sache aber leider nicht, es gab genug Frevler in unserer Gemeinschaft und es war für uns Ranger überhaupt nicht leicht, den Übeltätern immer auf die Schliche zu kommen. Aber das konnte ich meinem Liebling doch nicht erzählen.

Urlaub

Erneut saß ich meinem Chef Korad gegenüber.

Ich erkannte sofort, dass er mehr als nur mies gelaunt war.

„In zwei Tagen beginnt dein Urlaub. Wie geplant.“

Damit hatte ich überhaupt nicht gerechnet. Ich war sprachlos.

Korad schien davon wenig begeistert zu sein.

Missmutig schaute er mich an. Er wirkte irgendwie nervös.

Auf seiner Glatze entdeckte ich kleine Schweißperlen.

„Was ist mit dem Mädchen?“, fragte ich erstaunt. „Du kannst mich doch nicht einfach wegschicken. Nicht jetzt. Wir sind dran, auch wenn wir immer noch keine Ergebnisse haben.“

Korad lehnte sich zurück. Er suchte nach den richtigen Worten. Das überraschte mich, denn mein Chef wählte eigentlich immer den direkten Weg. Eigentlich, aber heute wohl nicht.

„Elim, wenn es nach mir gehen würde“, sagte er verschwörerisch leise und beugte sich vor. „Dann würde ich dich und deine Leute Tag und Nacht hier einsperren und von einem Trupp Ranger bewachen lassen. Und zwar so lange, bis ihr den verfluchten Fall endlich gelöst habt. Das kannst du mir wirklich glauben.“

„Und warum tust du es dann nicht?“ Korad lehnte sich zurück.

„Tja, sagen wir es mal so: Anweisung von ganz oben.“ Sein Tonfall klang ziemlich verbittert.

Warum setzte ihn die Kommission so unter Druck?

Auch meine Frau war vollkommen überrascht.

„Ich hatte erwartet, dass wir den Urlaub verschieben müssen.“

„Ich verstehe das auch nicht“, antwortete ich schulterzuckend.

„Erst war das tote Mädchen mehr als wichtig und nun schicken die mich einfach weg. Keine Ahnung, was das soll.“

„Egal“, sagte Sara lächelnd und küsste mich. „Was interessieren uns die Probleme der Kommission? Wir machen jetzt endlich einmal Urlaub. Den haben wir uns auch redlich verdient.“

„Und was wird mit Riko?“

„Was soll mit ihm sein?“, meine Frau schmunzelte. „Der kommt ganz brav mit, das haben wir schon geklärt. Wir können ihm dann in aller Ruhe mal gehörig den Kopf waschen.“

Zwei Wochen Diskussionen mit unserem Nachwuchs?

So ein Mist. Erholung ade.