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Ziemlich schwanger! Jetzt kommt das, was alle kennen: 1. Hormone 2. Übelkeit 3. Wampe Echt jetzt? Was ist mit den anderen Sachen? Das Ding mit dem Muttersaft, der Fahrstuhlübung, dem Lachgas und der alles in allem vorherrschenden totalen Ahnungslosigkeit? Davon redet niemand. Sabrina Jäger und Stephan Weiner haben's aufgeschrieben. Angefangen bei Woche 5, erzählen sie uns, was abseits dem Klischee passiert. Aus seiner Sicht und aus ihrer Sicht. Von Woche zu Woche. Mächtig trächtig. Bis ... ja, bis wann eigentlich? Offiziell endet alles mit Woche 40. Aber was heißt schon "offiziell"...
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Seitenzahl: 300
Veröffentlichungsjahr: 2020
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35. Woche plus 7
36. Woche
37. Woche
38. Woche
39. Woche
40. Woche
Alles stinkt. Der Teppich im Wohnzimmer. Das Obst in der Küche. Die Küche insgesamt. Das Badezimmer sowieso. Selbst die Seife, klar, beherbergt eine faulende Bakterienkolonie oder ähnliches. Und wenn Seife stinkt, wird’s bizarr. Hat sich die Wohnung, die Straße, die Stadt, also eigentlich die ganze Welt verändert.
Nur bekomme ich davon nichts mit. Ich rieche da nix. Für sie stinkt alles. Bei mir ist eigentlich alles normal. Zumindest fast. Denn in letzter Zeit werde ich öfter aufgefordert, die Küche zu putzen; Tee zu kochen; das Fenster zu öffnen; das Fenster zu schließen; die Heizung aufzudrehen; dafür zu sorgen, dass es nicht so warm ist; nicht so kalt; eben angenehm und jeder Stimmung entsprechend. Früher wurde ich auch schon mal um was gebeten. Klar. Aber irgendwie anders.
Irgendwas ist anders. Ich fühle es. Die Veränderung. Momentan hauptsächlich aber in meiner Nase. Mir ist schon klar, dass da ein riesen Zinken in meinem Gesicht hängt. Nicht wirklich niedlich. Eher unangenehm groß. Ich kann sie sogar sehen, wenn ich schiele. Sehe die schwarzen Pünktchen. Die Hautunreinheiten. Doch noch nie war sie mir so als Riechorgan präsent. Hündisch. So komme ich mir nun vor. Und nehme automatisch Abstand. Vor allem zum Müll. Mit seinen vielen Bakterien. Ekelhafte Bakterien. Ich kann sie sehen, durch meine Nase. Und ich sehe, wie schädlich sie sein müssen. Bestimmt krass schädlich. Also lieber weg. Aber warum stinkt plötzlich die Seife? Und das Spülmittel? Tötet doch eigentlich Bakterien. Ist doch also eigentlich gut.
Aber, ja, klar, ich muss mich halt schonen. Die Beine hochlegen. Besinnung ist angesagt. Außerdem eine gute Ausrede, um ihm nun den Abwasch zu überlassen. Macht er eh zu selten. Nun sind wir zwei gegen einen. Denn ich glaube, ich bin nicht mehr allein. In meinem Körper. Um sicher zu gehen, pinkel ich über den Stab.
Wir wissen selbstverständlich ganz genau, was los ist. Sagen aber lieber nichts. Könnte ja sein, dass nicht ... – dass alles schief geht; dass „die Kugel“ im „Lauf“ stecken bleibt und wir, noch einmal beginnen, auf den Kalendertag achten, um die richtige Stunde der Fruchtbarkeit zu erwischen, um dann ... nun ja ... diese Fruchtbarkeit entsprechend effizient auszunutzen.
Die Zeichen stehen auf Erfolg. Geht man davon aus, dass Verwirrung, Launenhaftigkeit und emotionale Instabilität Erfolg bedeuten. Klischee? Ja, vielleicht. Aber woher soll ich das schon wissen. Gab es in meinem bisherigen Leben doch kaum Berührungspunkte mit „echten“ Schwangeren. Man hat das nur so halb mitgekriegt, wie die Freundin der Freundin schwanger war und immer dicker wurde. So Partygerede. Und auf Partys, da gehen die, die schwanger sind, ja sowieso immer schon voll früh. Keine Ahnung warum. Hab‘ aber das Gefühl, dass ich das bald rausfinden werde. Was bleibt uns also, als das Klischee? Beziehungsweise: Wir sagen erstmal, dass es Klischee ist, um dann alles anders zu machen. Denn so läuft es doch, oder? Am Ende immer anders. Und wenn wir schon dabei sind: Auf jeden Fall auch besser. Schon allein, weil wir uns so freuen.
Zwei blaue Streifen. Aber Moment. Einen Gang zurück. Lieber den Ball flach halten. Kann man diesen Tests denn zu 100 Prozent glauben? Diese Striche lassen da ja schon viel Raum zur Interpretation. Ist das jetzt eigentlich echt blau? Oder muss das eher so ein Azurblau sein? Oder Enzianblau? Es ist Freitagnachmittag. Bis Montag muss ich mich noch gedulden. Dann lass‘ ich mal den Arzt drüber schauen. Aber da war doch was. Auf irgendwas sollte man doch achten. Am Ende hält es bis Montag nicht durch, weil ich zu viel Salami gegessen habe, oder so. Aber war das überhaupt Salami? Was durfte meine Schwägerin nochmal nicht essen? Ich muss recherchieren.
Also wir hoffen, wissen aber nicht genau. Deswegen: Kopf frei kriegen, so gut es geht, spazieren gehen, oder so. Und ganz normal zur Arbeit gehen. Einer neuen Arbeit. Neu, weil gerade erst eingestellt. Angestellt, das schon, aber immer noch in der Probezeit. Könnte also entsprechend schnell vorbei sein. Doch die Arbeit ist wichtig. Soll wichtig sein. Soll schließlich nicht bloß Mittel zum Zweck, Mittel zum Geldverdienen. Sondern soll Leben sein. Abenteuer. Oder Vergleichbares. Zumindest war das früher so. Vor den zwei blauen Streifen, vor diesem neuen Gefühl. Das schafft neue Verhältnisse. Die Arbeit tritt ein wenig in den Hintergrund. Wobei sie gleichzeitig eine neue Funktion einnimmt. Ist jetzt essentiell. Muss Es ernähren können - im konventionellen Sinn.
Es – sehr abstrakt. Es gibt eine Menge wissenschaftlcher Ausdrücke für Es. Fötus, Nasciturus, allesamt unbrauchbar. Sie klingen nicht nach der Veränderung, die von Woche zu Woche um einen Zentimeter wächst. Beschreiben nicht annähernd, was allein der Gedanke an Es für ein Gefühlschaos anrichtet. Geben dem Ganzen einen theoretischen, mich eigentlich nicht betreffenden Wert. Ich habe damit ja nichts am Hut. Ich gab, was ich geben konnte und kann mich nun entspannt zurücklehnen, in dem Bewusstsein, den Ofen vernünftig auf Temperatur gebracht zu haben. Der Braten schmort vor sich hin und normalerweise würde ich mir jetzt ein Buch nehmen, es mir im Sessel gemütlich machen und auf das „Ping!“ des Weckers warten. Mit schützenden Handschuhen die Auflaufform schließlich hervorholen und servieren. Doch mein Ofen und ich leben nicht in den Fünfzigern. Heißt, hier lehnt sich niemand zurück und lässt den Dingen seinen Lauf. Hier wird reagiert, wenn sie sich beschwert. Wenn sie sich über die stinkende Wohnung beschwert, über die Temperatur. Wenn sie vielleicht ein Ziehen spürt. Vielleicht auch nicht. Sie holt mich hinter der schützenden Wand abstrakt wissenschaftlicher Begriffe hervor und lässt mich teilhaben, an dem was Es mit ihr, mit mir, mit uns gerade veranstaltet.
Autsch! Krampf! Stechende Schmerzen im Unterleib. Ist das normal? Oder habe ich was falsch gemacht? Kann man da überhaupt was falsch machen? Hätte danach vielleicht die Beine hochstrecken müssen. Vielleicht steckt das befruchtete Ei nun in der Mitte fest. Und will sich mit heftigem Hin- und Herkullern nach oben kämpfen. Früher, klar: Erstmal Schmerzmittel. Ne Ibu geht immer. Hauptsache Schmerz weg. Aber jetzt: da brauch‘ ich gar nicht den Beipackzettel lesen. Wahllos Schmerzmittel sind bestimmt nicht erlaubt. Ein Umstand, der mir etwas Sorgen bereitet. Mit meinen Kopfschmerzen bin ich nämlich Haupteinnahmequelle der schmerzmittelherstellenden Pharmaunternehmen. Schon wieder dieses krampfige Ziehen. Ich muss endlich zum Arzt.
Die Krämpfe, ja, scheiße. Besser gesagt, was mir von den Krämpfen berichtet wird. Sie stechen, in den Unterleib hinein. Sie krümmt sich. Schon krass. Auch ohne positiven Test würden wir jetzt dann wohl mal zum Arzt gehen. Krämpfe sind ja schon kacke. Außerdem soll der Arzt beruhigen. Soll sagen, dass alles in Ordnung ist. Normal. Soll Empfehlungen geben. Tipps. Wie sollen wir uns verhalten? Ist Panik angebracht? Mein Inneres sagt eindeutig: Ja. Äußerlich bin ich um stoische Gelassenheit bemüht. Flucht in die Statistik. Eine von Hundert im Eileiter. Risiko für Spontanaborte in unserer Altersklasse (Anfang/Mitte 30): 17 Prozent. Irgendwie hoch. – Statistik möglicherweise doch keine gute Idee. Google-Suche auf der Arbeit verboten. Stattdessen alle zwei Sekunden der Blick aufs Handy. Wann ruft sie an? Wann ruft sie an? Wann ruft sie an?
In der Mittagspause ruft sie an. Der Test beim Frauenarzt bestätigt den Test zu Hause. Positiv. Zu früh für einen Ultraschall. Blut abgenommen. Werte müssen vom Labor kontrolliert werden. Der Arzt war offenbar mehr als ruhig. Fast schon gelangweilt. Und gleichzeitig gestresst. Patzig. Warf mit den oben angedeuteten Fachbegriffen um sich und verunsicherte mehr als zu beruhigen. Begann, von den Gefahren zu sprechen. Erwähnte auch meine Befürchtung der Eileiterschwangerschaft. Die gilt es auszuschließen. Auf die Frage, was das genau bedeute, sagte er nichts, empfahl nur, nicht danach zu googeln. Ein Tipp aus der Schublade, Ablage „Verantwortungslos“. Als ob wir zwei Teenager wären, die nicht wüssten, worauf sie sich eingelassen haben. Doch wissen wir genau, wie und warum das alles passiert. Wir behaupten sogar, diese Entscheidung bewusst getroffen zu haben. Und würden gerne wissen, wie der Plan aussieht. Es muss doch einen geben. Eine schöne Tabelle, wo Woche für Woche Entwicklung, Untersuchung, Befund zu finden ist. Davon sagt der Arzt aber nichts. Vertröstet uns auf nächste Woche, da wüsste man mehr.
Nun weiß ich auch nicht mehr als vorher. Der hat auch nur einen Test gemacht und ein bisschen Blut abgenommen. Vielleicht war der Test etwas teurer als meiner. Ich hab‘ ja den billigsten genommen. Zeigt aber das gleiche Ergebnis. Der Arzt ist sichtlich gelangweilt. Kennt er. Hat er schon tausendmal erlebt. Ich allerdings nicht. Ein bisschen mehr Freude hätte ich schon erwartet. So als Arzt könnte man sich da doch freuen, oder nicht? Ich würd‘ mich freuen, mit jeder Schwangeren, die da reinkommt. Hat er aber nicht. Der Arsch. Klar, jetzt beginnt das Kopfkino. Ist ja auch meine Veranlagung. Hat er sich also nicht mitgefreut, weil er Grund zur Sorge hat? Er vertröstet mich auf nächste Woche. Im Ultraschallbild könne man noch nichts sehen. Ich sei zu früh. Normalerweise kämen die Frauen immer erst in den späteren Schwangerschaftswochen zu ihm. Ist das nun ein Vorwurf? Auf jeden Fall könne man im Ultraschall dann auch eine Eileiterschwangerschaft ausschließen. Ah, ach so, ja danke. Weiß ich ja nun, woran ich die nächste Woche denken werde. Immerhin konnte er mich wegen der Krämpfe beruhigen. Obwohl der Embryo erst einige Millimeter groß sei, bereitet sich mein Körper wohl durch Dehnen der Muskeln und Sehnen auf das kommende zusätzliche Gewicht vor. Früh übt sich. Damit kann ich leben.
Also wir müssen uns noch zusammenreißen. Den Schein wahren. Ist ja noch nichts so richtig druckreif. Und am selben Abend kommen auch noch Gäste. Freunde halt. Der Besuch war schon lange geplant. Sie wissen von nichts. Und wir wissen nicht, ob sie wissen sollen. Letztlich merken sie es aber doch, als das obligatorische Glas Wein abgelehnt wird. Denn ohne Alkohol an so ‘nem Abend? Geht’s euch gut? Ja ja, wir glauben nur, dass und so weiter. Also erzählen wir doch vom positiven Test und den blauen Strichen, und dass man aber noch nichts Genaues wüsste. Es fällt trotzdem leicht, zu scherzen. Skurrile Namensvorschläge. Die Abwägung was besser sei, Junge oder Mädchen. Und zum ersten Mal bekommt „Egal, Hauptsache gesund“ eine greifbare Bedeutung. Denn was wir früher vielleicht lapidar so dahin gesagt haben, bezieht sich jetzt unmittelbar auf diese kleine ovale Scheibe, zu der sich dieses ein Millimeter große Wesen gerade entwickelt hat. Da wächst gerade ein komplettes Nervensystem heran. Fragil zu Anfang, ohne Knochen. Es sind bisher nur drei Keimblätter genannt Ektoderm, Mesoderm und Entoderm. Tick, Trick und Track, aus denen alle Organe, Kopf und Körper entstehen. Bisher schlägt noch kein Herz, aber bereits die erste Zellteilung reicht aus, um ein mulmiges Gefühl der Verantwortlichkeit in die Bauchregion einzupflanzen. Bei mir. Bei ihr pflanzt sich ein mulmiges im Kopf und ein krampfiges Gefühl im Unterleib ein.
Ich werde Zeuge eines Kampfes zwischen Kopf und Unterleib. Euphorie wechselt mit Wutschmerz, Albernheit mit angsterfüllter Traurigkeit. Ich habe gelesen, dass Frauen aufgrund hormoneller Umstellung das pure Glück empfinden. Wenn das stimmt, dann zumindest nicht zu Beginn. Wir trinken Kaffee und sprechen über alles was kommt, was kommen könnte. Was keiner ahnt: die neue Kaffeekanne macht dabei aufgrund der Hitze einen kreisrunden Fleck auf dem Holztisch. Er verfärbt sich. Lässt sich nicht direkt wegwischen. Scheiße. Ein riesiger, hässlicher weißer Fleck auf unserem braunen antiken Holztisch. Untersetzer wär‘ wohl angebracht gewesen. Sie bricht in Tränen aus. Ich google nach „Wasserfleck auf Holztisch“. 69.900 Ergebnisse. Letztlich muss der Föhn es trocknen. Sie hat sich längst wieder beruhigt. Wird zärtlich. Albern. Hat plötzlich Hunger. Legt sich aber vorher ein wenig hin. Krämpfe. Ich verstehe nichts. Würde gerne laut werden. Verkneife es mir. Muss ja nicht auch noch durchdrehen.
Ich glaube, es ist ein guter Start. Ich rede mir ein, dass alles normal ist. Diese Geschichte muss genau so beginnen. Chaotisch. Gezeichnet von Panik und Furcht und Freude und absoluter Ahnungslosigkeit. Ab sofort zählt mein Kalender nur noch Wochen. Und das ist schrecklich angsteinflößend, wahnsinnig surreal und fürchterlich endgültig. Was es gleichzeitig zu dem Besten und Verrücktesten macht, was überhaupt passieren konnte.
Hypothyreose. Schilddrüsenunterfunktion. So lautet die Diagnose. Der Frauenarzt verkündete sie angeblich mit einem Aufschrei des Entsetzens. Also so wie Mediziner halt vor Entsetzen schreien. So im Stillen, nehm‘ ich an. Ihre Reaktion darauf ist entsprechend vielschichtig. Ich möchte sagen, durchwachsen. Sie ruft mich auf der Arbeit an. Schnell verstecke ich mich mit dem Handy am Ohr in der Kaffeeküche. Keine Ahnung wie offen ich hier Privates besprechen kann. Bin ja neu.
Der Arzt sagt, es ist schlecht für das Kind. Kann dem Ungeborenen gesundheitlichen Schaden zufügen. Bisschen vage sagt er, dass das Risiko für Fehl- und Totgeburten erhöht sei, wenn keine Behandlung erfolgt. Ich soll jetzt so Tabletten nehmen. L-Thyroxin. Bis sich das einpegelt, muss man aber warten. Wenn es sich denn einpegelt. Er kann es auch erst sechs Wochen später im Blut messen. Ist natürlich scheiße, klar. Braucht kein Mensch. Was, wenn dem Baby nur vier Finger wachsen? Insgesamt. Oder Schlimmeres?
Aber erstmal verdrängen. Denn es gibt Grund zur Freude. Der Beweis, der lebendige Beweis blinkt da vor mir auf dem Bildschirm: Zwei winzige pulsierende Striche auf dem Ultraschallgerät. Der Arzt murmelt irgendwas vor sich hin. Hört sich an wie „Glückwunsch“, oder so. Ich darf mich also nun offiziell freuen. Und das tu‘ ich auch. Klar, auch mit kaputter Schilddrüse. Weiß eh nicht genau, wozu die gut ist.
Neben L-Thyroxin soll Jod ganz gut helfen. Die Liste der einzunehmenden Medikamente wird länger. Um die Stimmung etwas aufzuheitern und um mich besser auf alles, was auch nur kommen könnte vorzubereiten, habe ich zwei Dinge besorgt: eine Medikamentendose für die ganze Woche und ein wissenschaftliches Buch für Medizinstudenten zur Schwangerschaft. Umfassende Informationen zu jeder Woche. Funfacts für werdende Eltern. Geil.
Er ist süß. Will mich wegen der Schilddrüsenunterfunktion aufheitern. Da auf dem Tisch liegen nun zwei Geschenke für mich. Ich packe sie aus. Zuerst das Kleine. Eine Medikamentendose. Oh. Mmh. Vielen Dank, sag ich. Und zwinge mich, kurz zu lächeln. Nun das große Geschenk. Ein Schwangerschaftsratgeber. Sehr ausführlich. Fast 400 Seiten. Ich schlage das Register auf. Steht nichts drin. Mit keinem Wort wird sie erwähnt. Die Schilddrüsenunterfunktion. Die Frau in dem Buch hat die anscheinend nicht. Kommt auch sonst wohl nicht so oft vor. Was uns anscheinend jetzt schon zum Sonderfall macht. Nochmals presse ich meine Lippen zusammen und ziehe die Mundwinkel nach oben. Ich glaube, er merkt, dass sich meine Freude in Grenzen hält.
Fakten beruhigen. Also mich zumindest. Vielleicht, weil es dann nicht alles so wischiwaschi ist. Denn bisher ist die ganze Schwangerschaft irgendwie nur ein pathologischer Fall. Und zwar ein schwer zu definierender. Der Arzt spricht viel im Konjunktiv. Könnte dies sein, könnte das sein. Abwarten. Könnte alles schnell wieder vorbei sein. Schwierig sich seinem natürlichen Gefühl der Freude hinzugeben, wenn alles, was die moderne Medizin macht, erstmal Angst schürt. Und vielleicht hilft da so ein Buch nicht gerade. Aber es beschreibt detailliert, was uns erwartet. Solange es nicht anders ist, gehe ich von einer gesunden Entwicklung aus. Und dann kann ich mich auch freuen. Oder nicht? Bestimmt. Außerdem bekomme ich so meinen ersehnten Plan. Pläne sind gut. Pläne geben Orientierung. Pläne lassen mich spontan sein. Weil das Ziel vorgegeben ist: ein gesunder Mensch. Der Weg dahin kann gerne kurvig sein. Kann gerne mit Schilddrüsenunterfunktionen aufwarten. Der Plan sagt, was passieren muss. Und wenn wir wissen, was uns aufhält, können wir gegensteuern. Wenn ich weiß, wo auf der Strecke Aquaplaning auftritt, kann ich ja auch entsprechend fahren. Wunderbar, wie beruhigend dieser Gedanke ist. Und so kann ich dann das erste Foto auch genießen.
Solche Bilder habe ich schon tausendmal gesehen. Sie sind klein und schwarz-weiß und sehen ein bisschen nach Radar und U-Boot-Kampf aus. Graue Wolken auf schwarzem Grund. Ich dachte nie „Ohh, wie süß!“ bei ihnen. Dachte immer „Ping! – Herr Kaleun!“ Nun nicht mehr. Ich sehe zwei winzige Striche. Auf dem Bildschirm haben sie geblinkt, sagt sie. Lebendige Striche. Sie leben wegen mir. Unvorstellbar. Schaue ich auf diesen quadratischen Zettel, muss ich unmittelbar an evolutionäre Kausalketten denken. Sie wird greifbar, die Evolution, die Biologie. Oder nicht? Ich habe mich quasi unmittelbar an der Entwicklung unserer Spezies beteiligt. Vielleicht bin ich dafür verantwortlich, einen weiteren Aspekt hinzuzufügen, der die Menschheit an der Spitze der Nahrungskette hält. Die Fähigkeit, Kunststoff zu verdauen beispielsweise. Die Chancen stehen allerdings schlecht, schaue ich auf meine langjährige Karriere als Allergiker. Was mich direkt wieder zum Gesamtziel zurückführt: ein gesunder Mensch. Ach und noch besser: Damit
ist eine Eileiterschwangerschaft komplett ausgeschlossen. Ha Ha! Also es kribbelt überall. Das ist sie bestimmt, diese Freude, dieses Gefühl, das nur entsteht, wenn ich weiß, dass ich bald Vater werde. Aber da war ja noch was: Denn wenn ich Vater und sie Mutter wird, gibt es da ja noch vier Leute, die Oma und Opa werden. Außerdem zwei Jungs, die Onkel werden. Also ihr Bruder und mein Bruder. Jetzt könnte man sicherlich ein großes TamTam machen. Könnte irgendeine lustige sketchartige Show auf die Beine stellen, in der sie eloquent-ironisch auf ihr neues Leben als Großeltern beziehungsweise Onkel vorbereitet werden. Oder wir rufen einfach an und sagen Bescheid. Denn für so einen Quatsch fehlt uns jetzt eigentlich auch echt der Nerv. Weil, jetzt ist sie auch noch erkältet. Liegt unter mehreren Decken auf dem Sofa und atmet schwer. Mein Rat ist in diesem Fall meistens Kräuterschnaps. Becherovka. Wurde früher schließlich nicht umsonst in Apotheken verkauft. Hilft immer. Nur nicht jetzt.
Ihm hilft es. Trinkt gerne mal den Kräuterschnaps. Auch wenn er nicht krank ist. So wie jetzt. Hauptsache einer bleibt gesund, sagt er. Ich muss da jetzt ohne Schnaps durch. Fieber, Hals-und Gliederschmerzen ohne die rettenden Produkte der Pharmaindustrie überstehen. Muss das nun ganz alleine schaffen. Er recherchiert. Nach Hausmittelchen. Liest irgendwas von Zitronen und Ingwer. Geht los. Kauft Zitronen und Ingwer. Reichlich. Kocht mir Zitronen-Ingwer-Tee. Deckt mich mit Decken zu. Legt sich zu mir. Und wärmt mich zusätzlich. Der Schüttelfrost ist schnell vorbei. So ganz alleine muss ich da wohl doch nicht durch.
Also kein Schnaps. Okay. Ich hab’ da ja noch was anderes in petto. Jetzt müssen Omas Hausmittelchen her. Sie darf keine Medikamente nehmen. Dafür Zitronen. Alles was irgendwie gesund ist und macht. Vorzugsweise sollte es nicht stinken. Leider stinkt immer noch alles. Und die Übelkeit steigt. Mit Halsschmerzen, verrotzter Nase, Ekel und Gestank ist die Laune ein bisschen im Keller. Hinzu kommt die Sorge, um eine mögliche Beeinträchtigung des Ungeborenen. Kann es da drin erkältet sein? Eher nicht. Es ist auch noch gar nicht fertig. Hoffentlich wird es fertig, auch wenn sie erkältet ist. Was ist, wenn sie hustet und irgendwas verwackelt? Hier hilft das Buch. Mir zumindest. Momentan ist es nur ein Kopf mit schwarzen Punkten. Aus den Punkten bilden sich Augen und Nasenlöcher. Ohren, Arme, Beine lassen sich nur erahnen. Der Rest sieht mehr nach Paddel als nach Hand oder Fuß aus. Nur das Herz ist schon fertig und schlägt 150 Mal pro Minute. Ich denke, wir können uns erst mal beruhigen.
Von gelöster und befreiter Stimmung kann jedoch keine Rede sein. Wieder erreicht mich ein Anruf bei der Arbeit. Das Abendessen sei in Planung. Sie hat Appetit auf eine Nudelsuppe vom Japaner. Dem in der Innenstadt. Ob ich nicht kurz nach der Arbeit dort vorbei fahren könnte. Das bedeutet einen Umweg von fast einer Stunde. Die Innenstadt im Berufsverkehr ist mörderisch. Ich mache es trotzdem, sie ist schließlich krank. Da darf man sowas verlangen. Natürlich regnet es. Natürlich gibt es keinen Parkplatz. Natürlich ist der Laden so voll, dass ich ewig warten muss.
Wie lange braucht der denn?
Latent genervt, treffe ich irgendwann zu Hause ein. Ich verberge meine Laune so gut es geht, stelle die Suppe fein angerichtet auf den Wohnzimmertisch und beginne mit meinem eigenen Essen, einem herzhaften Baguette.
Uaargh. Ich kotz’ gleich. Haben die das Rezept geändert? Irgendwas stimmt da nicht. Das kann ich nicht essen! Die Suppe stinkt. Ekelhaft. Außerdem haben die Nudeln eine komische Konsistenz. Viel zu labbrig. Da muss er wohl nochmal los.
Die Suppe bleibt unangerührt. Ob ich nicht noch mal eben zum Bio-Laden um die Ecke gehen könnte, um eine vegetarische Tiefkühlpizza zu holen. Schweigend hole ich meine Schuhe und meine Regenjacke. Es regnet stärker. Wind ist aufgekommen. Der Bio-Laden ist fünf Minuten entfernt. Die Schlange an der Kasse doppelt so lang wie beim Japaner, der Kassierer unerträglich gut gelaunt. Zu Hause schiebe ich die Pizza in den Ofen. Sie isst zwei Stücke. Den Rest werfe ich am nächsten Tag in den Müll.
Ich ignoriere seinen genervten Blick, als er die Pizza in den Müll wirft. Er hätte sie ja selbst noch essen können. Dann wär‘s immerhin keine Verschwendung. Er wollte mir nur was demonstrieren. Wie unberechenbar ich bin. Einen Streit brauch‘ ich gerade echt nicht. Stattdessen irgendwas gegen diese verdammte Übelkeit. Ich recherchiere. Vor dem Schlafen Joghurt essen. Nach dem Aufstehen kleine Snacks. Zum Beispiel Salzstangen. Sollen den Blutzuckerspiegel erhöhen. Und so die Übelkeit vertreiben. Viel Trinken soll auch helfen. Und auf trockenen Haferflocken rum kauen. Das bindet die Magensäure. Alternativ hilft auch ein Stück Ingwer im Mund. Ich probiere alles aus. Um das Bett herum stehen Wasserflaschen, leere Joghurtbecher und zerbröselte Salzstangen. Auf die tret‘ ich, wenn ich wegen des vielen Trinkens in der Nacht nun ständig auf’s Klo muss. Ingwer macht es schlimmer. Die Haferflocken binden eher Spucke als Magensäure und verkleben mir den Mund. Der Erfolg lässt auf sich warten. Meine Laune ist eher so semi – nur wenn ich an das kleine schnelle Herzchen in mir drin denke, meistens beim Pinkeln in der Nacht, dann ist alles gut.
Auftritt: Mein Vater, Spaßvogel. Er gibt mir den Rat, die nächsten Monate unterzutauchen. In einem fernen Land, in dem immer die Sonne scheint und kein Internetzugang zur Verfügung steht, um dort das Abklingen der Hormonschübe abzuwarten. - Nun ja. Ich nehme seinen Rat zur Kenntnis. Und ja, Regen und mit Menschen vollgestellte Feinkostläden sind ätzend. Aber es geht doch um mehr, es geht doch darum, Gefühle zu sehen, zu respektieren und nicht einfach jemanden in eine Ecke zu stellen. Und von wegen Hormondosis: Ich bin mir ziemlich sicher, auch vor der Schwangerschaft mindestens mehrmals genauso irrational gewesen zu sein. – Ja ja, sagt er. Und versteht: Gerade war mir nicht zum Lachen zumute.
Ich war bisher der Esser in der Beziehung. Habe gerne gekocht. Schon während des Studiums habe ich überlieferte Familienrezepte ausprobiert und die nun werdende Mutter sogar letztlich mit meiner Variante eines Nudelauflaufs von mir als Partner überzeugen können. Mit der Zeit kristallisierte sich eine gewisse Diskrepanz in unserem Essverhalten heraus. Ihr Fleischkonsum nahm deutlich ab, wohingegen meine Entscheidung eigentlich immer zu Gunsten des Steaks fällt und fiel, wenn ich die Wahl habe. Die Wahl wird mir aufgrund der Schwangerschaft mittlerweile abgenommen.
Es geht eigentlich nur noch um die Gefahr durch Toxoplasmose, Listerien oder Salmonellen. Oder besser gesagt darum, wie die Gefahr durch sie vermieden wird.
Hab‘ eine Liste vom Frauenarzt bekommen. Schaut mich mit ernster Miene an. Ich soll mich da auch bitte dran halten. Ich lese: „Eine Infektion durch Listerien oder Toxoplasmose kann schwere Schäden am Zentralnervensystem hervorrufen und Früh- oder Totgeburten auslösen.“ Darunter die Liste der Lebensmittel, die ich meiden soll. Ich will Sie damit nicht beunruhigen, sagt er. Danke. Zu spät. Hab‘ ja jetzt von dem Kram auch schon was gegessen. Dann achten Sie künftig drauf, sagt er. Wirklich viel bleibt mir nicht. Zuhause gehe ich die Liste weiter durch. Was? Noch nicht mal Camembert und Frischkäse? Jetzt bleibt mir nur noch der langweilige Gouda. Und bei dem wird mir gerade übel. Moment, darf ich eigentlich noch Butter essen? Steht nix drauf. Gegencheck im Internet. Butter ist unbedenklich. Ich rufe meine Mama an. Nee, sagt die. Davon wussten wir nix. Bei uns ging ja auch alles gut. Ihr habt keine Schäden von ein bisschen rohem Schinken bekommen. Ich soll da jetzt nicht so zimperlich sein. Und was ist denn das eigentlich für ein Arzt? Kann der auch mal ein bisschen was Positives ausstrahlen? Das macht euch ja ganz kirre und hysterisch, sagt sie noch. Ich soll das lieber ignorieren. Würd‘ ich auch am liebsten. Bin nämlich eigentlich total hibbelig vor Freude und hab‘ Lust auf Salami. Meine Mutter sagt, das wird schon und so ein bisschen Salami schadet auf keinen Fall. Aber dann wär‘ ja gegen ‘ne kleine Kippe oder n Schnäpschen auch nix einzuwenden, oder? Wie ist denn da das Verhältnis? Ich lass‘ die Salami lieber doch weg.
Also ja, das mit dem Essen ist echt ne frickelige Angelegenheit. Klar wussten die früher nix davon. Aber da haben die sich dann einfach nur gewundert, warum das Kind irgendwie nicht ganz so gesund auf die Welt kam. Wenn es da jetzt schon eine Liste gibt, kann man sich ja auch ein bisschen dran halten. Außerdem behaupte ich jetzt einfach mal, dass es sowieso nicht unbedingt schadet, wenn wir auf die 1-Euro-Salami von Aldi verzichten. Kann ja eigentlich nicht wirklich gutes Fleisch sein. Und Steak kann man ja auch durchbraten. Wobei die Liste natürlich noch länger ist:
Kein rohes oder nicht ganz durchgebratenes Fleisch, kein geräucherter Schinken oder Fisch, keine verpackten Salate, keine rohen Eier, keine unpasteurisierte Milch (gibt’s das überhaupt noch?), keine Rohmilchprodukte, keine Innereien, kein Alkohol, nicht streng vegetarisch leben, keine minderwertigen Kohlenhydrate. Dies in Verbindung mit spontanen Appetitwechseln ist meiner Meinung nach der Hauptgrund, warum der nicht-schwangere Part solidarisch an der Gewichtszunahme teilnimmt. Ständig wird über Essen gesprochen, wird nach den am wenigsten ekelhaften Mahlzeiten gesucht und wie sie so viele „hochwertige“ Kohlenhydrate wie möglich zu sich nehmen kann. „Hochwertig“ bedeutet in diesem Zusammenhang Kohlenhydrate aus Kartoffeln oder allem was aus Vollkorn gemacht wird.
Darüber hinaus ist sie immer noch erkältet. Ich mache, was ich kann. Hauptsächlich Tee, klar. Aber eine Erkältung, die nicht mit harten Medikamenten bekämpft wird, bleibt gerne ein paar Tage länger. Das hält sie aber nicht davon ab, plötzlich mit vollem Elan Bratkartoffeln mit Speck zu machen, nur um sie, wenn sie fertig sind, gegen einen Vollkorntoast mit Honig zu tauschen. Alle anderthalb Stunden wechselt der Wunsch nach herzhaft oder süß mit einem trockenen Würgen, weil die Übelkeit am Ende eigentlich immer gewinnt. Das sieht nicht nach Spaß aus. Nein. Spaß macht das nicht. Sagen kann ich dazu natürlich nichts. Was soll ich auch sagen? Stattdessen umarme ich sie. Ich glaube, das hilft dann auch ab und zu.
Ihr Frauenarzt reagierte recht schreckhaft auf die Erkältung. Wieder einmal patzig, offenbar sein Normalzustand, diesmal aber sogar beinahe wütend fragte er, warum sie denn nun auch noch erkältet sei. Wir beschließen, dass der Frauenarzt mit so einer Attitüde einfach gar nicht geht und suchen uns jemand anderen. Frauenarzt Nummer Zwei ist ungefähr hundertdreißig Jahre alt, aber sehr viel angenehmer im Ton.
Wobei Frauenarzt Nummer Zwei jetzt auch nicht unbedingt vertrauenswürdig erscheint. Irgendwie haben wir Pech mit Ärzten, glaube ich. Beispiel: Er fand in ihrem Urin Ketone und schloss daher auf eine Blasenentzündung. Kurzerhand verschrieb er ein Antibiotikum. Wir stutzten. Salami geht nicht, aber so ein Antibiotikum dann irgendwie schon? Komisch. Wir stutzten noch mehr, nachdem wir im Internet verschiedene Dinge herausfanden, die uns wiederum an der Kompetenz von Arzt Nummer Zwei insgesamt zweifeln ließen. Erstens: Ketone lassen nicht auf eine Blasenentzündung, sondern vielmehr auf Unterzucker, sprich Diabetes, schließen. Diabetes liegt bei uns beiden in der Familie. Sowohl bei jüngeren als auch bei älteren Familienmitgliedern. Also, ja: Blöd. Zweitens: Die Bakterien einer Blasenentzündung können hinauf wandern und schweren Schaden anrichten. Die 17%-Spontanabort-Rate spukt wieder durch meinen Kopf. Oder noch schlimmer: Es stirbt. Und wenn es zu keinem Abort kommt, muss etwas vorgenommen werden, das sich „Ausschabung“ nennt. Ein grauenhaftes Wort für eine noch grauenhaftere Maßnahme. Wir brauchen eine zweite Meinung. Sofort. Und am besten einen neuen Frauenarzt. Schon wieder.
Ich hatte noch nie eine Blasenentzündung. Keine Ahnung, was da hilft. Ganz praktisch, denke ich also: Da gibt’s doch diese Blasen-Nieren-Tees genau für solche Fälle. Das trinkt jedenfalls eine Freundin immer. Gerade als ich die erste Tasse getrunken habe, lese ich auf der Verpackung: „Der Tee sollte während der Schwangerschaft und Stillzeit nicht verzehrt werden.“ Hä? Wieso denn das? Ich recherchiere mal wieder: „In den meisten Nierentees sind Kräuter wie Birkenblätter, Bärentraubenblätter, Himbeerblätter oder Frauenmantel enthalten. Diese können Wehen fördern, den Muttermund öffnen oder sogar einen Abort hervorrufen.“ Eine Fehlgeburt durch einen Blasen-Nieren-Tee? Echt jetzt? Gibt’s das wirklich? Kann mir irgendwie nicht vorstellen, dass da ne Frau mit Fehlgeburt kommt und der Arzt dann so: Klar, Tee getrunken, selber schuld. Oder so. Ich schaue in dem großen Schwangerschaftsratgeber nach. Da steht auch nichts von irgendwelchen Tees. Bisher konnte das Buch noch nicht wirklich überzeugen.
Früher war das wahrscheinlich einfacher. Als noch drei bis vier Generationen unter einem Dach lebten. Da hatten die Schwangeren in ihrem Umfeld Tanten, Schwestern, Cousinen – alle schwanger. Da wurde das Wissen sozusagen direkt weitergetragen. Oder man konnte es miterleben. Wie die Tante ihrer Tochter die Tasse mit dem Blasen-Nieren-Tee aus der Hand reißt. Einfach ganz natürlich. Und heute ein Handzettel vom Frauenarzt, Kleingedrucktes auf einem Tee. Oder Recherche nach seriösen Quellen im Internetwust. Ziemlich nervend. Also gut. Eines ist sicher: Irgendwie muss diese Blasenentzündung weg. Meine nächste Intuition: Wärmflasche auf den Bauch legen. Wärme hilft bestimmt. Oder doch nicht? Vielleicht bekommt das Baby da drin einen Hitzeschock oder es schmilzt vielleicht sogar. Kann ja offenbar alles sein. Ich recherchiere lieber nicht mehr. Stattdessen lege ich mich ins Bett und ziehe die Decke über den Kopf. Und das fühlt sich gerade einfach am natürlichsten an.
Unser Hausarzt kann uns etwas beruhigen. Ketone sind keine im Urin. Wer weiß, wie der alte Mann darauf gekommen ist. Fettflecken auf der Brille oder so. Stattdessen Leukozyten und Erythrozyten. Was der eigentliche Befund für eine Harnwegsentzündung ist. Diabetes ist damit ausgeschlossen. Die Gefahr jedoch noch nicht gebannt. Ein Antibiotikum will unser Hausarzt nicht geben. Unverantwortlich nennt er die Entscheidung von Frauenarzt Nummer Zwei bei dieser geringen Bakteriendichte. Er empfiehlt „Muttersaft“, Cranberrysaft, um genau zu sein. Seit dieser Woche wird der Saft nun flaschenweise getrunken. Er enthält offenbar die nötige Dosis Vitamin C – konnte geschmacklich jedoch nicht überzeugen. Er ist so unerhört sauer, dass mir, als ich aus einem Gefühl der Solidarität heraus daran nippte, fast der Atem stockte. Zum Glück war noch ein ganzer Haufen Waffeln mit Ahornsirup vom Frühstück übrig.
In der siebten Woche beginnt ein rasantes Wachstum. Ist ja schließlich auch noch mega klein. Wie ne Heidelbeere oder so. Trotzdem ist schon alles vorhanden, Herz, Gehirn, Ellbogengelenk. Es wird daher einfach größer, komplexer, fertiger. Alles spielt sich direkt oberhalb der Blase ab. Sie rennt daher praktisch alle zwei Minuten auf die Toilette. Die Nächte sind kurz und wir können beide nicht schlafen. Sie muss ständig pinkeln und ihr ist schlecht. Sorgen machen wir uns eigentlich keine mehr. Eher so unsere Gedanken, klar. Aber so funktioniert unser Kopf ja auch. Kino ist immer.
Bei der Arbeit habe ich noch nichts von den Veränderungen zu Hause verkündet. Zwar ist meine Probezeit so langsam vorbei. Doch bin ich mir nicht sicher, ob das nicht doch ein Kündigungsgrund sein kann. Ich will mich an der Kindererziehung lebhaft und engagiert beteiligen. Unbedingt. Da scheint der Konflikt mit meiner äußerst einnehmenden Arbeitsstelle vorprogrammiert. Könnte mir vorstellen, mich irgendwann äußerst drastisch entscheiden zu müssen. Lange werde ich die Neuigkeiten meinen Arbeitgebern also nicht mehr verheimlichen können. Oder ich muss mir eine gute Ausrede einfallen lassen, warum ich so elendig müde bin.
Natürlich wollen wir nicht vergleichen. Wir gehören nicht zu diesen Menschen, die andere Kinder angucken und sich über eventuell abweichende Entwicklungen kritisch auslassen. Trotzdem ist es nicht unbedingt nachteilig, mal zu gucken, wie das denn die anderen, Freunde von uns, so handhaben.
Also keine direkten Freunde. Eher Freunde von Freunden und wir wurden ein wenig vermittelt, als wir anmerkten, dass wir uns doch ganz gerne mal austauschen würden. Wir haben also vielleicht die Gelegenheit, mal zu gucken, was kommen kann. Und was wir unbedingt vorab wissen sollten. Auch wenn es manchmal leicht übertrieben wirkt. So waren wir in dieser Woche zu Gast bei einem Paar, das gefühlt bereits vor der Befruchtung ein fertig eingerichtetes Kinderzimmer hatte. Natürlich in Blau, da ein Junge. Mit niedlichen kleinen bunten Tieren an der Wand. Kann der das eigentlich schon erkennen?
Oh wie schön, sag‘ ich. Und bewundere die drei kleinen niedlichen Engelchen, die über dem Babybettchen schweben. Die großen hölzernen Buchstaben seines Namens im Regal, die Kuscheltiere auf seinem Kindersessel. Die Spieluhr an der Wand. Und den Straßenteppich auf dem Boden. Ein geräumiges Zimmer. Kein Staubkörnchen ist zu sehen. Sehr ordentlich für seine sechs Monate, denke ich. Sie betont bei der Kinderzimmerführung noch, dass er bereits mit zwei Monaten in seinem eigenen Zimmer geschlafen hat. Macht ihn das jetzt besonders selbstständig, oder so? Fängt ja gut an. Denn wir hätten noch nicht mal ein extra Zimmer für das Baby in unserer winzigen Wohnung. Unsere Wohnung besteht praktisch nur aus einem Raum. Wenn wir die Abstellkammer frei räumen, würde da vielleicht ein Bettchen reinpassen. Ein Straßenteppich aber nicht. Im direkten Vergleich hat unser Kind damit ja praktisch schon alle Chancen zur vollen Potenzialentfaltung eingebüßt. Hat keinen eigenen Raum. Muss bei uns im Zimmer schlafen. Kann sich gar nicht von uns abnabeln. Wie soll es da seine eigene Identität entwickeln? Wird auf ewig an Mamas Rockzipfel hängen. Und sich nicht durchsetzen können. Ich muss mich kurz setzen. Sie fragt, ob alles in Ordnung ist. Und bietet mir einen alkoholfreien Erdbeersekt an. Ein echter Sekt wäre mir jetzt lieber. Ich nehme dennoch dankend an.
Wir sind also ein wenig skeptisch, würd‘ ich mal sagen. Und das legt sich nicht, als wir die Wohnung betreten. Alles ist hier aufeinander abgestimmt. Bewohner auf Einrichtung und umgekehrt. Scheint irgendwie aufeinander aufzubauen. Alles ist da, wo es hingehört. Kein Handgriff muss, darf hier unnötig sein. Besteck, Stuhl, Lätzchen, alles griffbereit. Genauso erschreckend ordentlich, wie mit dem Geodreieck geplant, entwickelte sich ihre Schwangerschaft. Da hatte keiner Verwirrung, Angst oder Panik. Da wurden die vierzig Wochen Stück für Stück abgearbeitet. Eine Bilderbuch-Schwangerschaft. Werden sie zumindest nicht müde zu betonen. Jetzt ist das Kind da. Ein halbes Jahr alt. Wir sind natürlich neugierig, ob es uns bereits mit Scheitel und perfekt geknotetem Windsor an der Tür den Mantel abnimmt und einen guten Tag wünscht. Während wir, ekelhaft menschlich, insgeheim hoffen, dass diese heile Welt ins Chaos versinkt. Doch von Chaos keine Spur. Der einzige Grund, weswegen sich ein Blick zum Boden lohnt, ist nicht etwa rumlie
