Der Fall Lucas De Jong - Elias J. Connor - E-Book
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Der Fall Lucas De Jong E-Book

Elias J. Connor

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Beschreibung

Der ehemalige Kriminalkommissar Noah Jansen ist ausgebrannt: Alkohol, Scheidung, Berufsverbot. Als der einflussreiche Medienmogul Lucas De Jong tot aufgefunden wird, holt man ihn zurück nach Domburg — nicht aus Mitgefühl, sondern weil sein Name noch immer Türen öffnet. Was als routinemäßige Spurensuche beginnt, entwickelt sich schnell zu einer brutalen Jagd durch ein Netzwerk aus Geld, Macht und Schweigen. Zwischen Stiftungen, geheimen Zahlungen und einer privaten Sicherheitsfirma folgt Noah einer Spur, die bis in die höchsten Kreise reicht – und zu Elena, seiner einstigen Frau, die mehr zu verbergen scheint, als er ertragen kann. Jeder Hinweis kostet Vertrauen, jeder Schritt bringt neue Feinde. Während die Stadt nach einem Schuldigen verlangt, muss Noah entscheiden, wie viel er von sich selbst noch aufs Spiel setzt, um die Wahrheit zu finden. Ein fesselnder Thriller über moralische Brüche, politische Verstrickungen und den Preis persönlicher Erlösung. Dunkel, präzise und gnadenlos ehrlich.

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Veröffentlichungsjahr: 2025

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Elias J. Connor

Der Fall Lucas De Jong

Ein fesselnder Thriller über moralische Brüche, politische Verstrickungen und den Preis persönlicher Erlösung. Dunkel, präzise und gnadenlos ehrlich.

Widmung

Für meine Freundin.

Deine Inspiration, deine Liebe und deine Muse lassen mich tausend Träume leben.

Danke, mein Engel.

Kapitel 1 - Rückkehr nach Domburg

Der Bus spuckt Noah an der Kante der Stadt aus, an der Domburg beginnt und zugleich das Meer. Er steigt aus, die Luft schlägt ihm ins Gesicht wie eine salzige Hand, und der Geruch von Diesel mischt sich mit dem Salz zu etwas, das seine Erinnerung aufwühlt, wie eine alte Schramme, die unter der Haut kribbelt. Er bleibt kurz stehen, die Hände in den Taschen seiner Jacke vergraben, und schaut über den Platz. Boote, eine schmale Promenade, Leute mit Hunden, die sich gegen den Wind stemmen. Die Häuser sind niedriger, als er sie in Erinnerung hat; die Fassaden haben Risse, und überall blinkt das Grün von Algen an den Pfählen.

Es fühlt sich an, als komme er von einer anderen Stadt. Dabei liegt Domburg nur ein paar Jahre hinter ihm, eine Zeitspanne, die sich jetzt wie ein Eigenteil anfühlt – nicht völlig fremd, aber auch nicht mehr heimatlich. Er atmet tief ein. Der Wind fährt ihm durch die Haare und trägt den Geschmack von Meer und Motoröl. Seine Knie machen kurz ein Geräusch, als er das Gewicht verschiebt. Er mag diese Stadt nicht gerne besuchen. Er hat sie hinter sich gelassen, nach der Scheidung, nach den Klinikaufenthalten, nach den Dramen, die seine Karriere beendet haben.

Und doch ruft sie ihn jetzt zurück. Nicht die Stadt selbst, nicht das Meer, auch nicht nur sein ehemaliger Chef oder seine Dienstkollegen, sondern etwas anderes: ein Name, eine Nachricht, ein Druck von Leuten, die wissen, dass sein Name noch etwas bedeutet.

Lucas De Jong – das ist der Name, der die Kinnlade der Boulevardkollegen fallen lassen würde, der Name, der schalen Geschmack von Macht in den Mund legt. Medienmogul, sagt man, ein Mann, an dessen Tisch Entscheidungen fallen, die ganze Karrieren beenden können. Und tot – tot aufgefunden am Strand.

Er zieht das verbeulte Notizbuch aus der Innentasche. Es ist ein kleines Ding, das Leder abgegriffen an den Ecken, ein Relikt aus besseren Zeiten. Er schreibt kaum noch Dinge hinein, aber er trägt es immer bei sich – das letzte Ritual. Heute fühlt es sich wie eine Waffe an, oder wie ein Anker. Er blättert daran, alle Seiten sind voll mit groben Strichen, Telefonnummern, einem Namen, der ihm wehtut: Elena. Dann klappt er es zu, steckt es wieder ein. Die Finger zittern nicht, aber die Kuppe des rechten Daumens drückt ein bisschen härter auf die Buchkante als nötig.

„Jansen?“

Die Stimme begegnet ihm wie ein Messer, und doch ist sie warm: Martens. Er ist zwei Schritte entfernt, in einer gedeckten Jacke, die Wangen vom Nordwind gerötet. Martens hat das Gesicht eines Mannes, der auf Geschichten steht wie auf Karten – er liest sie und kann sie nicht vergessen. Als er Noah sieht, nickt er kurz, hält die Ansprache knapp, dann spricht er den Namen aus, der alles legitimiert: „Noah Jansen. Wir… wir brauchen dich. Nicht offiziell – du weißt schon. Aber wir brauchen deinen Blick.“

Noah klopft den Ärmel zurecht. „Kein offizielles Comeback, bitte. Ich bin nicht wieder im Dienst.“

„Das weiß ich. Aber du warst… du warst gut. Und manchmal hilft ein altes Gesicht gegen junge Eitelkeit.“ Martens schiebt ihm einen Pappbecher mit Kaffee zu. „Amber ist da. Die Forensik auch. Der Strand ist abgesperrt. Es ist ein hässlicher Morgen.“

Sie laufen nebeneinander die Promenade entlang. Der Wind pfeift in Noahs Ohren, so dass er Martens’ Worte nur bruchstückhaft hört. Die Sirenen sind weit, gedämpft, doch die Nähe der Polizeiwagen ist greifbar. Am Strand liegt ein Schlauchboot halb im Sand, eine Decke über etwas, weiter vorne drei Kamerateams mit Stativen, die Gesichter hinter Winterjacken vergraben, Mikrofone wie kleine gelbe Vögel auf dem Knick der Arme. Sie arbeiten wie Geier. Noah sieht, wie ein Mann versucht, durch die Absperrung zu kommen; ein Polizist hält ihn mit der Hand auf Abstand. Die Gesichter der Neugier sind roh, hungrig.

„Was ist passiert?“, fragt Noah. Die Frage klingt dünn. Er weiß, dass es nicht die Art ist, die einen Fall löst. Es ist mehr eine Feststellung – wer fragt, wer antwortet, wer bleibt außen vor.

Martens sieht ihm in die Augen. „Morgens von Spaziergängern entdeckt. Strandgängerin hat zuerst angerufen. Keine offizielle Identifikation vor Ort – wir gehen von Lucas De Jong aus. Kleidung war teuer, Mantel zerrissen, Taschen durchwühlt. Auffallend: keine Anzeichen für Diebstahl im großen Stil. Spuren deuten auf einen Kampf hin, aber der Leichnam…“ Er bricht ab, als wüsste er, dass Worte nicht ausreichen.

Sie erreichen die Absperrung. Uniformierte in gelben Warnwesten formieren eine Linie; hinter ihnen das Band, das die Zone markiert. Dahinter: Leute, die arbeiten, Männer mit Handschuhen, die in ihre Handschuhe blinzeln, ein Geruch von Chemikalien und Salzwasser. Ein Fotograf hebt die Kamera, als Noah sich nähert, merkt aber sofort, dass das Betreten des Bereichs nicht für ihn bestimmt ist. Ein Beamter, jung, aber mit einem Gesicht, das mehr Geduld hat, stellt sich vor und nickt knapper. „Martens“, sagt Martens knapp. „Wir haben Zugang.“

Amber taucht aus dem Gewühl wie jemand aus einem Bildschirm. Sie hat die Haare zu einem strengen Knoten gebunden, und ihr Gesicht ist dünn. „Jansen“, sagt sie, schnell. „Gut, dass du da bist. Wir brauchen möglichst unbestechliche Augen. Deine Handschrift hat Gewicht bei Leuten, denen unsere Worte nicht reichen.“ Sie hat ein Tablet in der Hand, auf dem kleine graue Bildchen flimmern – Fotos, Aufnahmen, die sie in der Nacht aus Backups gezogen hat. „Wir haben Videos aus einer Überwachungskamera in der Nähe. Schlechte Qualität, aber es zeigt ein Treffen. Wir haben Sondierungslinien – Geldbewegungen in den letzten Tagen, und ein Konto, das in die Schweiz führt. Das ist nicht nur ein Toter am Strand, Noah. Das riecht nach System.“

Er nickt, mehr aus Gewohnheit als aus Überzeugung. „Ich weiß, wie das riecht.“ Er blickt über die Absperrung. Die Decke auf dem Sand ist grau, klein im Wind, und dahinter die Andeutung einer Figur. Er hat Leichen gesehen, mehr, als ihm je gutgetan hat. Er hat Leichen gesehen in Wohnungen, in Autos, in Hotels, deren Teppiche zu viel über Geheimnisse erzählten. Diese waren nie einfach. Je prominenter, desto komplizierter die Finger, die daran drehten.

Die Knie des Gefreiten knicken nicht, doch etwas vibriert im Bauch. Die Jahre der Abstinenz haben ihm eine andere Sicht gegeben: weniger Robustheit, mehr Zerbrechlichkeit. Seine Abstinenz ist nicht ein Zeichen von Stärke, sie ist ein Scherbenkatalog. Die Dämonen rufen von Zeit zu Zeit. Heute, unter der Last von Seewind und Blitzlicht, ist einer der Rufer besonders laut. Er schiebt das Gefühl beiseite und tritt über die Grenze.

„Du gehst nicht offiziell hinein“, sagt Martens, halb Befehl, halb Bitte.

„Ich weiß. Ich gehe als… als neugieriger Kollege.“ Noah lässt die Worte wie eine halbherzige Entschuldigung klingen. Die Uniform gibt ihm einen kurzen Blick; ein Beamter hebt die Kinnlade über die Absperrung, als wolle er sagen, dass Regeln Regeln sind – aber für jemanden wie Noah, der ein Gesicht hat, das Dinge öffnet, gibt es eine Ausnahme.

Sie gehen auf die Stelle zu, die Decke ist jetzt in greifbarer Nähe, mehr eine Andeutung als ein Bild. Ein Sanitäter steht neben ihr, die Hände in den Taschen eines schwer wirkenden Mantels, die Augen leer von dem, was sie gerade gesehen haben. Noah bleibt ein bisschen hinter Martens, beobachtet, wie der Sanitäter eine Geste macht: die Hand hebt sich, zeigt nach draußen, ein Zeichen, dass der Mann hier nicht mehr lebt. Es ist die flache, unromantische Geste derer, die mit dem Tod arbeiten.

Amber zeigt ihm ein Bild auf ihrem Tablet. „Die Kamera am Strandcafé hat diesen Ausschnitt. Leider wackelig. Aber du siehst ihn, oder? Lucas – im Mantel. Gegen 03:35. Er trifft jemanden. Eine Frau. Blond. Kurzer Gang. Er argumentiert. Eine Geste. Dann ein Gerangel, kurz. Dann Jagdgeräusche, und der Bildausschnitt bricht ab. Es ist nicht sauber. Aber es stimmt. Jemand hat ihn angeschlagen.“

Noah runzelt die Stirn. „Die junge Frau?“

Amber sieht ihn an. „Blond. Ja. Sie trägt einen langen Mantel. Könnte sie gewesen sein. Wir haben noch keinen positiven Identifikationsabgleich. Aber die Gesten – er hebt die Hand. Sie tritt. Dann fällt er.“ Sie tippt noch hier und dort auf dem Bild herum, vergrößert einen feinen Schatten auf dem Sand. „Und da: jemand hebt einen Arm. Eine Silhouette springt weg.“

Noah sagt nichts. Seine Finger krallen sich kurz unter den Stoff des Notizbuches. Er hat so viele Male Menschen gesehen, die in die Kamera lächelten und deren Leben auf eine Seite verschwanden, die da heißt: „Handel und Skandale“. Er weiß, dass die Wahrheit oft so etwas ist wie eine Schande, die man unter dem Teppich versteckt, und dass Mächtige Teppiche in Luxusqualität haben.

„Wer hat angerufen?“, fragt er schließlich und blickt Amber mit einem fast zu belanglosen Blick an.

„Eine Spaziergängerin, eine Frau. Name: Petra Visser. Sie sagte, sie hätte einen Mann auf dem Strand gesehen, der ins Wasser ging – oder gezerrt wurde. Ihr Hund war verängstigt. Keiner hatte Handyempfang, also hat sie die Hotline angerufen. Sie hat das Treffen beobachtet, ähnlich wie du es in Filmen siehst. Nur war es real, und es war schmutzig.“

„Und die Taschen?“

„Durchwühlt“, sagt Martens. „Keine Papiere. Keine Geldbörse. Schmuck fehlt.“ Er lächelt bitter. „Oder es sieht so aus. Wir müssen noch die Fingerabdrücke nehmen. Keine erste Identifikation am Leichnam, aber die Kleidung, das Profil, es passt zu Lucas. Wir warten auf den Forensiker.“ Er deutet auf einen Mann mit blauer Kappe, der Beweise sammelt. „Die Kollegen haben den Einsatz geräumt. Keine Spuren am Strand, die man nicht verwischen könnte. Aber der Wind arbeitet gegen uns, und das Licht ist schon ungewöhnlich am Morgen. Das Meer macht oft Tricks mit Spuren.“

Noah schaut auf das Meer. Die Wellen rollen gleichmütig, als hätten sie nie etwas anders getan als den Menschen Geschichten zu erzählen. Er denkt an De Jong, an die Macht, an das, was Menschen tun, wenn sie Macht besitzen. Er denkt an Elena. Der Name fällt in ihm wie ein Stein in eine dunkle Tiefe. Sie hat ihn verlassen, weil seine Hände zu sehr nach dem Glas fischten, weil seine Stimme zu oft in einer anderen Tonlage lag. Jetzt taucht ihr Name in seinem Notizbuch auf, in Vermerkschrift. Er schluckt. Es ist ein Gefühl, das wie ein altes, schlechtes Lied anmutet.

„Hast du sie gesehen, Noah?“, fragt Amber plötzlich.

Er sieht sie an. Ihr Blick ist forschend, nicht neugierig – das ist ein berufliches Interesse. Sie will wissen, ob er sie erkannt hätte, bevor irgendein Abgleich das sagt. Für einen Moment überlegt er, ob es eine Falle ist. Aber Amber ist zu professionell, zu nüchtern, um Spielchen zu treiben.

„Noch nicht“, antwortet er. „Ich sah keine Person, die eindeutig Elena wäre. Und selbst wenn ich sie sähe – ich erkenne Gesichter schlechter als Namen.“ Er lächelt schwach. „Aber sag mir, Amber: Wer würde etwas gegen De Jong haben? Du weißt, wie das geht. Er hat Feinde, Freundschaften gekauft, Karrieren gemacht und gebrochen. Und er hat die Macht, Damen und Herren zu ruinieren, wenn sie seine Wege kreuzen.“

Amber nickt zustimmend. „Das Netz ist weit. Es reicht bis in Stiftungen, zu Treuhändern. Wir haben ein paar Überweisungen, die seltsam sind. Kleine Beträge, aber über ein kompliziertes Muster kanalisiert – als würde jemand Spuren verwischen. Und dann sind da Leute, die ihm geschadet haben könnten: Wettbewerber, Ex-Anwälte, beleidigte Journalisten. Aber dann ist da noch etwas anderes: ein Muster von Drohungen in den letzten Wochen. E-Mails, anonym. Telefonate, die abbrachen. Das ist kein Einzeltäter-Gerangel. Das sieht nach Organisation aus.“

Sie gehen ein Stück am Strand entlang, ihre Schritte sinken in den Sand. Noah hält den Blick auf die Stelle, an der die Decke lag. Die Brandung macht eine monotone Melodie. Er könnte den Strand ganz betrachten und sagen, dass dies ein Unfall ist. Er könnte es auf das Trinken schieben, auf eine plötzliche Ohnmacht bei De Jong. Er könnte eine Million Gründe finden, warum es kein Verbrechen ist. Aber die Gesten in Ambers Bildern stören ihn. Die Bilder erzählen Geschichten, die die Worte nicht fassen können.

„Und wenn es Elena ist?“, fragt er leise.

Amber dreht den Kopf. „Dann ist die Sache komplizierter. Sie hat Kontakte, das wissen wir. Sie hatte in den letzten Monaten hier und da Beratungen. Aber du weißt, wie man Verdächtige behandelt: ohne Vorurteil. Wir fragen, wir prüfen.“

Er atmet aus. Die Luft schmeckt scharf. „Ich will nur eines: Dass ihr ehrlich mit mir seid. Keine Schonung. Keine Rücksicht auf bekannte Namen. Wenn sie involviert ist, dann muss das offen auf den Tisch. Ich will nicht an einer Lüge mitarbeiten. Ich will die Wahrheit. Und wenn sie schuldig ist, dann…“ Er sucht nach Worten, findet keine, und bleibt bei der Stille, die Worte nicht ersetzt. Martens sieht ihn an, als könne er die Abgründe lesen, die sich in Noah auftun.

„Wir sagen dir alles“, verspricht Martens. „Das ist deine Bedingung. Keine Geheimnisse. Nur Fakten.“

Noah macht eine zustimmende Geste. „Dann fangen wir an.“ Er öffnet das Notizbuch, den Stift in der Hand, und schreibt. Es sind keine heroischen Sätze, eher eine nüchterne Liste: Tatzeit, Zeugen, Kameras. Er notiert die Namen, die Amber nennt. Sein Stift kratzt, als hätte er keine Zeit gehabt, seine Hand wieder in die Ordnung zu bringen. Jede Linie ist eine neue Pflugschar, die Erde aufwühlt.

Hinter ihnen arbeiten die Leute noch. Ein Beamter kniet, zeichnet den Abdruck eines Reifens in den Sand, eine junge Kollegin packt Proben in Plastiktüten, sehr behutsam, als handle es sich um zerbrechliches Glas. Die Kamerateams warten draußen, geduldig. Manchmal, wenn die Presse wartet, fühlt Noah sich wie ein Mann, der auf seine Hinrichtung wartet, aber nicht wegen seines Gerichts, sondern wegen dem, was Erinnerungen an ihn richten können: an einen, der gefallen ist und nun wieder aufsteht.

Er schreibt weiter, während der Wind die Seiten seines Notizbuchs überquert, und je mehr er hinschreibt, desto klarer wird, wie zerbrechlich die Dinge sind. Ein Mann liegt tot, und um ihn herum spinnt sich ein Netz von Geld und Macht. Menschen werden vorsichtig, und manche werden unvorsichtiger, weil Angst Entscheidungen treibt. Noah weiß das. Er hat es erlebt.

„Wir sollten zum Revier“, sagt Amber schließlich. „Daten abgleichen, Leichnam identifizieren, E-Mails anfordern. Du kannst dort sein, so lange du willst. Wir brauchen dein Auge beim Befragungsstil. Manche Leute reden mit dir anders – sie hoffen, dass du sie verstehst. Und andere schweigen, weil sie Angst haben. Deine Aufgabe ist es, sie zum Sprechen zu bringen.“

Er nickt. „Dann lass uns die Stadt anschauen, die ich einst kannte. Vielleicht ist sie nicht mehr dieselbe. Aber vielleicht ist es auch gut so.“ Er steckt das Notizbuch wieder ein, schüttelt den Sand von seinen Schuhen, und geht mit Martens und Amber zurück die Promenade hinauf. Die Kameras bleiben zurück, die Decke auf dem Sand ist flach, und das Meer rollt weiter, als habe es nie aufgehört. Noah fühlt die alte Unsicherheit wieder wie eine zweite Haut, doch er mag sie jetzt. Sie ist ein Werkzeug – und ein Fluch. Er seufzt und geht weiter, bereit, das Spiel zu spielen, das den Namen Lucas De Jong in Domburg zum Mittelpunkt macht.

Kapitel 2 - Erste Spuren, alte Instinkte

Noah fühlt noch den Sand in den Sohlen, als er mit Martens die Stufen zum Revier hinaufsteigt. Die Sonne hat Mühe, sich durch die Wolken zu bohren; sie steht flach, als wolle sie die Szene bewahren, nicht auflösen. Im Kopf sortiert er Bilder: die Decke auf dem Strand, die Silhouette der Frau in der Überwachung, die aufgewühlten Umschläge. Er hat schon Tode gesehen, aber dieser Geruch – Salz, Diesel, die schale Note von Sensationsgier – bleibt ihm besonders in der Nase.

Im Flur des Reviers drängen sich bereits junge Kolleginnen und Kollegen mit Tablets und Notizblöcken. Van Dijk steht in einer Gruppe, die Schultern zu eng, das Gesicht noch unreif. Als er Noah sieht, verzieht sich sein Mund zwischen Respekt und Unsicherheit.

„Guten Morgen, Jansen“, sagt er. Seine Stimme klingt zu hoch für die Stunde. „Wir haben die erste Identifikation beinahe bestätigt. Anscheinend ist es tatsächlich De Jong.“ Er sieht kurz zu Martens. „Er ist bekannt. Die Medien…“

„Die Medien sind da“, ergänzt Martens nüchtern. „Und sie sind hungrig. Wir brauchen Fakten, keine Spekulationen. Amber, wie ist der technische Status?“

Amber, die Forensikerin, legt ihren Tablet auf den Tisch. Sie hat die Ärmel hochgekrempelt, die Finger leicht bläulich von der Kälte. „CCTV ist voller Gruben, aber wir haben was. Wir konnten zwei Zeitstempel sichern – 03:35 und 03:38. Auf der zweiten Aufnahme gibt es einen kurzen Ausschlag in der Bildfrequenz, das ist wahrscheinlich der Moment des Gerangels. Die Forensik hat Proben genommen, wir warten auf die Präliminaruntersuchung. Es gibt außerdem ein merkwürdiges Arrangement am Fundort: Umschläge in einer Art Fächer gelegt, Briefe, teilweise ungeöffnet, teilweise mit Absendern.“ Sie tippt leise auf den Bildschirm, holt eine Vergrößerung hoch. „Die Umschläge stammen aus verschiedenen Instituten – eine Stiftung, ein Medienrechtsbüro, eine Personalagentur. Es wirkt inszeniert.“

Noah nimmt die Wörter in sich auf. „Inszeniert für wen?“

„Für die Kamera. Für jemanden, der ein Bild legen wollte“, sagt Amber. „Jemand, der ein Narrativ post mortem etablieren wollte. ‚Er war erpreßbar‘, oder ‚Er hat gezahlt‘, so etwas.“

Martens schüttelt den Kopf. „Oder es ist eine Provokation – jemand will, dass wir in eine Richtung denken. Wir dürfen uns nicht darauf einlassen. Wir müssen jede Spur prüfen.“ Er sieht Noah an. „Deine Aufgabe heute ist es, die menschlichen Zeugen zu befragen. Hausangestellte, Portier, die Leute, die direkten Zugang zur Villa hatten. Du kriegst Van Dijk als Unterstützung.“

Noah nickt und fühlt das Gewicht der Aufgabe auf seinen Schultern liegen. Er zieht das Notizbuch aus der Innentasche, öffnet es auf einer leeren Seite, schreibt „Zeugen: Haus, Portier, Fahrer, Reinigungskraft“. Das Schreiben selbst ist eine kleine Beruhigung.

Die Villa von De Jong liegt im besser gebauten Teil von Domburg, auf einer Anhöhe mit Blick aufs Wasser. Der Fahrer, ein groß geratener Mann mit breiter Stirn, begrüßt sie mit der Distanz derer, der man für Geld vertraut. Sein Name ist Marco.

„Ich bringe den Wagen immer“, sagt Marco, seine Stimme flach. „Herr De Jong verlässt das Haus selten vor zehn. Diese Nacht nicht. Normalerweise fährt er selbst. Aber in letzter Zeit… er traf sich oft spät.“ Er zupft an seinen Fingernägeln, eine kleine nervöse Geste. „Gestern hat er eine Frau erwartet. Sie war nicht die erste, die ihn besuchte in den letzten Wochen.“

Noah hält den Blick ruhig. „Hast du sie gesehen?“

Marco macht eine Kopfbewegung, als wolle er die Erinnerung nach oben spülen. „Ja. Gegen Mitternacht. Langhaarig, Blond. Elegant. Sie fuhr mit ihrem Wagen hier vor, stieg aus, sprach mit Herrn De Jong im Garten. Ich blieb am Wagen. Sie hatte die Musik an. Ich habe nichts weiter gehört.“ Er vermeidet Noahs Blick, zuckt mit den Schultern. „Ich habe danach noch Kaffeetassen aufgeräumt. Um drei ließ er mich gehen. Ich ging ins Haus, machte die Kaffeemaschine aus. Am Strand am Morgen sah ich den Polizeitrupp.“

„Warum ist sein Auto leer?“ fragt Noah.

Marco schüttelt den Kopf. „Er ging spät, manchmal läuft er ans Wasser, um nachzudenken. Er hat mich nicht angerufen, also dachte ich, er bleibt drinnen. Ich habe das Haus verschlossen.“ Seine Hände suchen unbewusst die Naht seiner Schürze. „Er war kein Mann, den man verschloss. Er vergaß oft Nummern. Vielleicht hat ihn jemand überrascht.“

Noah notiert die Dinge beiläufig. Sein Blick bleibt kühl, sein Ton präzise. In solchen Gesprächen sucht er nicht nur nach Fakten – er prüft Reaktionen, kleine Atemzüge, unstete Blicke. Marco ist nervös, aber nicht panisch. Er ist nicht derjenige, der eine Inszenierung plant.

Die Reinigungskraft heißt Aisha. Eine Frau in ihren Fünfzigern, die das Haus wie die Zeilen eines Buches kennt. Sie ist vorsichtig, spricht leise, ihre Augen haben eine kleinteilige Wachsamkeit.

„Er hatte Briefe in einem Ordner“, sagt sie. „Jeden Monat. Er ordnete sie am Morgen, legte sie in Stapel. Gestern sah ich ihn mit einem Stapel auf dem Tisch. Die Umschläge, die wir jetzt am Strand sehen – ich sah sie im Wohnzimmer. Aber sie waren nicht geöffnet. Er legte sie da hin, begriff, dass er sie später durchsehen wollte.“ Sie faltet ihre Hände in einer alten Gewohnheit. „Eine Frau war in der Villa. Ich glaube, sie war nervös. Sie sprach leise. Sie rief ihn beim Vornamen. Ich weiß nicht ihren Namen.“ Aisha hält inne, als fühle sie, dass Fragen noch eine Art Schutzraum betreten. „Er war nicht der Mann, der Gewalt erwartete. Er verlieh sich in große Pläne, aber er hat auch viele Leute gebrochen.“

Das Wort „gebrochen“ hängt zwischen ihnen, schwer wie ein nasses Tuch. Noah denkt an die Art, wie De Jong als Medienmann Karrieren formen und zerstören konnte. Macht hat viele Formen; eine davon ist das Recht, Menschen öffentlich bloßzustellen.

Als nächstes kommt der Portier, ein älterer Herr namens Gerard, der die Besucher registriert. Er hat ein genaues Gedächtnis für Ankünfte und Abgänge. Seine Liste ist akribisch. Er spricht wie jemand, der Zahlen zu Geschichten formt.

„Die Frau kam um 23:30“, sagt er. „Sie, sagte sie, besuche Herrn De Jong privat. Ich notierte ihren Namen nicht, weil ich dachte, ich würde ihn später nicht mehr brauchen. Ich dachte nicht, dass es so enden würde.“ Er schaut Noah an, als suche er dort einen Vorwurf. „Er rief später jemanden an. Ich hörte nur ein Wort: ‚Verhoeven‘. Vielleicht habe ich mich verhört. Die Telefone sind leise. Aber das Wort bleibt in meinem Kopf.“

„Verhoeven?“, wiederholt Noah. Der Name ist wie ein kleines Messer, das im Gedächtnis steckt. Verhoeven ist ein bekannter Networker in Domburg – einer der Männer, die hinter Stiftungen sitzen, die Türen öffnen und schließen. „Hast du die Nummer?“

Gerard schüttelt den Kopf.

„Er rief oft Nummern an. Vieles lief über Sekretariate. Ich sah einmal, wie er einen kleinen Umschlag übergab, in einem Café. Aber das ist lange her. Ich will nicht…, ich will nicht das Spiel von Namen spielen.“ Seine Stimme wird weich, verknittert mit Stolz.

Noah spürt, wie die Interpretationslinien entstehen.

Verhoeven. Umschläge. Treffen. Jemand arrangiert Dinge – vielleicht als Drohung, vielleicht als Botschaft. Er notiert weiter, ohne sein Gesicht zu verändern.

Zurück im Revier tritt eine Journalistin an Noah heran, eine Frau mit blondem Bob, ein Mikrofon mit dem Senderlogo in der Hand. „Herr Jansen, haben Sie eine erste Einschätzung? War es Mord?“ Die Kamera im Rücken flimmert.

Er sieht sie an, kurz, direkt.

„Ich gebe keine Kommentare zum laufenden Verfahren ab“, sagt er sachlich. „Sagen Sie das bitte Ihren Zuschauern.“

Die Frau, geübt, macht eine Notiz. „Wird die Polizei heute noch weitere Festnahmen vornehmen?“

„Wir prüfen alle Hinweise. Wir bitten um Geduld“, antwortet Martens scharf. Die Situation verlangt ein Brechen des Rausches. Er stellt den Journalisten höflich, aber bestimmt zur Seite, wie man einen Hund leitet, der zu neugierig ist.

Im Verhörraum wartet die Assistentin von De Jong: eine Frau in ihrem Dreißigern, perfekter Zopf, perfekte Schuhe, deren Hände nach Perfektion greifen. Sie ist sichtlich gestresst, ihre Lippen sind dünn.

„Lucas war in den letzten Wochen extrem nervös“, sagt sie, kaum als Antwort, eher als Erklärung. „Er hatte Drohungen. Er sagte mir, jemand habe ihn unter Druck gesetzt. Er wollte nicht, dass ich es weiß, aber ich habe es gesehen. Er machte Termine zur Sicherheit. Er sprach davon, Dinge zu regeln, seine Firma zu ‚stabilisieren‘. Er schien zu glauben, dass Geld alles regeln kann.“ Sie lacht kurz, ein rauer Laut. „Wie falsch er lag.“

„Hat er jemanden genannt? Irgendwelche Namen? Eine Person, die vielleicht Probleme mit ihm hatte?“, fragt Noah. Seine Augen ruhen auf ihr wie eine leichte Zwangsjacke.

„Einige Namen. Krol. Verhoeven. Manchmal nannte er auch einen Firmenkontakt: Aegis. Es ist eine Sicherheitsfirma. Er sagte, er habe Dokumente, die er nicht verlieren dürfe.“ Sie öffnet die Hand, lässt die Wörter fallen. „Er bat mich, bestimmte Umschläge zu drucken und vorzubereiten. Aber ich habe niemals gedacht…“ Ihre Stimme bricht. „Ich habe nie geglaubt, dass es so endet.“

Noah atmet ein. Die Puzzlesteine ergeben ein Bild, das an einen Plan erinnert, jemanden, der Angst hat, seine Macht zu verlieren, und der versuchte, sich mit Umschlägen und Kontakten zu sichern. Aber er weiß: Bilder belügen. Jeder kann ein Narrativ legen, wenn er möchte.

Er ordnet eine Reihe von Maßnahmen an: forensische Abgleiche der Umschläge, Rückverfolgung der Absender, Bankabfragen, ein Zugriff auf CCTV in den umliegenden Straßen. Er sagt Van Dijk, er solle die Listen der Ein- und Ausgänge in der Nacht prüfen, wer mit wem telefoniert hat. Amber beginnt, Daten zu ziehen, während Martens die Pressearbeit koordiniert.

Als die ersten Laborergebnisse eintreffen, erklärt Amber, dass es keine offensichtlichen Spuren von Schuss- oder Stichverletzungen gibt. „Keine oberen Knochenbrüche, keine äußeren Wunden“, sagt sie. „Aber ein Hämatom am Hinterkopf ist vorhanden. Bluterguss. Das passt zu einem Schlag. Wir müssen die Autopsie abwarten. Es könnte eine Prellung gewesen sein, die sekundär führte. Oder eine Kombination.“ Ihre Stimme bleibt nüchtern, klinisch. „Auch haben wir Spuren von Alkohol und Sedativa im Blut. Nicht überraschend, aber nicht entscheidend. Die Frage ist: War er bewusstlos, bevor er ins Wasser gelangte? Oder wurde er ins Wasser gezwungen?“

Noah denkt an das Zucken der Kamera. An die Silhouette, die springt. An die Umschläge.

„Und die Umschläge?“ fragt er.

„Einige sind unverändert. Einige geöffnet. In einem ist ein Scheck. Eine andere enthält Anweisungen, wie ein Beratungsvertrag zu kündigen sei. Es sieht aus, als hätte jemand eine Botschaft legen wollen. Wir müssen herausfinden, wer das nachträglich arrangiert hat. Aber denken Sie daran: Wer von außen ein Bild legen will, läuft Gefahr, Details zu übersehen. Jemand, der es eilig hat, arbeitet schlampig.“

Noah hebt seine Hand. „Wir arbeiten die Reihenfolge ab. Wir lassen nichts aus. Wir fragen die Bank umgehend, die Transaktionshistorie der letzten zwei Wochen. Und wir prüfen Rufnummern mit Abgleich zu Verhoeven und Krol.“

Abends, als das Revier leerer wird, bleibt Noah noch. Martens geht, Amber informiert die Staatsanwaltschaft. Van Dijk bringt die Listen. Noah sitzt allein an einem Schreibtisch, die Lampe flackert, und öffnet das kleine Notizbuch. Er schreibt die neuen Hinweise hinein: Verhoeven, Krol, Aegis, Umschläge, Blondine 23:30. Neben seinen Notizen schreibt er einen einzigen Satz größer: „Elena?“ Der Name steht da wie ein Fragezeichen der Moral.

Seine Finger zittern leicht, vor Müdigkeit und einer Erinnerung, die sich wie Salz auf einer frischen Wunde anfühlt. Er hat sie lange genug weggeschoben, hat sich in Alkohol ertränkt, um das Bild nicht sehen zu müssen. Jetzt, in dem Schein der Schreibtischlampe, hat das Bild einen Alltag: Elena, blond, elegant, in einer Villa von Macht. Die Möglichkeit, dass sie Teil von etwas ist, zieht ihm die Luft aus den Lungen.

Er legt das Notizbuch weg. Er weckt sich selbst mit Vernunft: nichts ist bewiesen, niemand ist beschuldigt. Ein Fall ist eine Reihe von Fakten, keine Geschichten, die aus Verlusten geboren sind.

„Konzentriere dich auf die Fakten“, murmelt er in einem Flüsterton leise zu sich selbst. „Wenn Elena involviert ist, findest du es heraus, ohne Vorurteil.“

Doch als er das Licht ausmacht, liegt da ein Gefühl, das nicht mit Notizen weg winkt: Macht ist öfter ein Netz als ein einzelnes Seil. Und jemand hat jetzt begonnen, an den Knoten zu ziehen. Noah schläft nicht gut. Die Stadt draußen atmet, und am Strand bleibt der Sand, wo man Stimmen begräbt. Morgen wird er weitersuchen. Morgen wird er die Frau vom Pier noch einmal sehen – wenn sie noch einmal auftaucht. Und morgen wird er noch einmal anrufen bei Leuten mit großen Namen.

Kapitel 3 - Der Mann im Hintergrund

Die Akten türmen sich auf seinem Schreibtisch wie kleine, scharfe Inseln. Jeder Ausdruck, jede Transkription ist ein Hinweis, aber auch eine Falle: je näher er hinsieht, desto mehr verwischen die Ränder. Noah fährt sich mit der Hand über das Gesicht, nickt Amber kurz zu. „Zeig mir noch einmal die Geldflüsse“, sagt er. „Langsam.“

Amber tippt, scrollt, ihr Finger holt Pfeile über den Monitor, vergrößert eine Tabelle. „Schau“, sagt sie. „Drei Überweisungen von unterschiedlichen Gesellschaften – Eventfirmen, Beratungshonorare – alle laufen über einen Treuhänder in Genf. Von dort aus kleine Transfers an Strohmänner in den Niederlanden. Die Summen sind nicht riesig, 7.500, 12.000, 5.000; das fällt nicht auf. Aber die Häufigkeit und die Verknüpfungen sind auffällig.“ Sie zoomt in eine Zeile. „Sie sind an ‚Hollis & Co.‘ gegangen. Eine Briefkastenfirma. Und schau hier: Verwendungszweck: ‚Stabilisierung‘.“

Noah lehnt sich zurück. „Stabilisierung“, murmelt er. Das Wort hat etwas Bürokratisch-Temporäres, aber in ihrem Kontext klingt es wie eine Euphemismusfalle. Er denkt an De Jong am Strand, an die Umschläge. Wer stabilisiert wen, wenn nicht Machtstrukturen sich gegenseitig? Er fragt: „Wer zahlt an Hollis?“

„Absender sind teilweise Eventagenturen, teilweise ein kleiner Verlag, und teilweise eine Stiftung mit Sitz in Den Haag. Die Stiftung taucht auch in Verbindung mit Verhoeven auf.“ Amber zieht noch ein Diagramm hoch: Verknüpfungen, Linien – ein kleines Spinnennetz, das sich in Richtung der bekannten Namen zieht.

Noah blättert die Seiten durch, liest die Namen. Einfallende Erinnerungen an vergangene gemeinsame Aufträge mit Elena kommen hoch, unerwünscht. Er versucht, sie wegzuschieben, doch die Präsenz ihres Namens in einer der Buchungszeilen ist wie eine Narbe, die beim Regen schmerzt. „Amber“, sagt er abrupt, „hast du eine Buchung, in der Elena aufscheint?“

Amber nickt, ohne zu zögern. „Ja. Ein Consulting-Vertrag, Januar, Kontakt über ihre Firma Jansen & Co. – das ist ungewohnter Zufall, wenn auch nicht unmöglich. Sie hat angeblich als Beraterin für PR gearbeitet. Der Vertrag ist über eine Eventagentur gelaufen, die auch in den Überweisungen auftaucht.“ Sie lässt den Satz hängen, lässt ihm die Zeit, den Blick auf den Bildschirm zu verankern.

Das Blut in Noahs Ohren läuft plötzlich etwas schneller, so wie bei einem alten Mechaniker, der weiß, wenn eine Maschine unrund läuft. Er sagt: „Ist das direkt nachweisbar? Konto, IBAN?“

„Ja. Wir haben die Referenznummern, aber Hollis & Co. ist ein Treuhand-Gebilde – Nomini, Verschachtelungen. Wir brauchen Genf, Gerichtsbeschluss, Rechtshilfe. Ich habe bereits Kontakt zu einer Kollegin in der Schweiz aufgenommen. Sie ist kooperativ, aber das dauert.“ Amber schiebt ihm die Unterlagen rüber. „Das ist nur der finanzielle Teil. Daneben haben wir die Sicherheitsfirma ‚Aegis Operations‘, die in den letzten Monaten öfter mal für De Jong gearbeitet hat – Personenschutz, technische Überwachung. Ihre Rechnungen laufen oft über die gleiche Kette.“

Noah runzelt die Stirn.

„Aegis?“

Der Name klingelt an der Grenze dessen, was er bereits wittert: ein Dienstleistungsnetzwerk, das Sicherheit suggeriert und, wenn nötig, Gefährlichkeit auslagert. Er erinnert sich an einen Vorfall vor Jahren, wo Aegis-Leute sich in eine Schlägerei mischten, nicht ganz offiziell, um einen Kunden zu schützen.

„Wer leitet Aegis?“, wirft er nach.

Amber scrollt weiter. „Ein gewisser Krol, ein Mann mit Verbindungen in die private Sicherheitsszene. Er selbst ist selten in der Öffentlichkeit, aber sein Netzwerk ist groß. Er hat Leute, die Straßen, Häuser und auch Aussagen ‚in Ordnung bringen‘ können, wenn nötig.“

Noah hält den Atem an, nicht aus Überraschung – der Name tritt in so vielen Akten auf, dass eine Erwartung von ihm verlangt, kalt zu bleiben – sondern aus einer anderen Regung: die Lage wird größer, machtvoller, gefährlicher. Die Fäden ziehen in Richtung Politik, Wirtschaft und Sicherheitsmanagement. „Gut. Wir fordern sofort die Kontenblätter an“, sagt er. „Und: Ich will, dass Van Dijk die Liefer- und Serviceverträge von Aegis überprüft. Wer hat welche Geräte installiert? Kameras? Fernzugriffsmöglichkeiten?“

Martens kommt herein, die Hände in die Seiten gestemmt. Er trägt das Gesicht eines Mannes, der Verantwortung teilt – nicht entledigt. „Die Staatsanwaltschaft will Ergebnisse sehen“, sagt er kurz. „Sie möchten es schnell. Wenn das Netzwerk bis in Stiftungen reicht, dann wird das politisch. Bereitet euch vor auf Druck. Und – wir müssen vorsichtig sein mit Namen im Raum. Medien würden uns zerreißen bei unsauberer Vorgehensweise.“

Noah stimmt nickend zu. Martens hat Recht – und doch steht etwas anderes hinter seiner eigenen Zustimmung: sein Puls ist schneller, die Erinnerung an Elena brennt. Er weiß, wie leicht es ist, Emotionen zu verstecken, aber sie verraten sich in den kleinen Dingen: wie er seine Hand um das Notizbuch presst, wie er die Augen zusammenkneift, wenn Amber mit Elena auf dem Bildschirm verweist. Er zwingt sich, neutral zu bleiben. Ein Fall ist ein System von Fakten, keine Beziehungsfolklore.

Am Nachmittag fährt er in die Nähe des ehemaligen Büros von Elena. Es liegt in einem unscheinbaren Gebäude, Glasfront, dezente Beschilderung. Er parkt, geht rein, meldet sich an der Rezeption. Zum Glück ist sie dort – sie ist nicht im Ausland, nicht in Flucht, offensichtlich nicht verschwunden. Sie sitzt an ihrem Schreibtisch, ernst, elegant, als gehöre ihr das Spiel, das sie spielt. Sie hebt den Kopf, sieht ihn an. Es ist ein Blick, der Schwierigkeiten gleich in feine Teile schneidet. „Noah“, sagt sie einfach. Keine Begrüßung, keine Umarmung. Eine Nähe ohne Wärme.

„Elena“, antwortet er. Er hält Abstand. Professionell. „Ich bin dienstlich hier.“

Sie legt die Hände flach auf den Tisch, als wolle sie ein Blatt Ruhe darauf legen. „Ich habe das erwartet“, sagt sie. „Du wirst nicht überrascht sein, wenn ich sage: Ich bin kooperativ.“

Er beobachtet ihr Gesicht. Sie wirkt nicht panisch, aber ihre Augen sind müde. „Du hast für De Jong gearbeitet“, sagt er. „Die Unterlagen deuten auf dich hin – eine Beratung, ein Vertrag über Jansen & Co. Es ist Teil vom Puzzle. Erzähl mir von dem Auftrag.“

Sie atmet aus, als sei das eine übliche Prozedur: ehrliche Aussprache gegenüber einem Mann, der einst ihre Ehe zerschlug.

„Ich war Beraterin in Kommunikationsfragen“, sagt sie. „Du weißt, wie das läuft: Krisenmanagement, Imagepflege. Ich habe ihm geraten, wie er mit Skandalen umgehen soll. Ich war nicht seine Anwältin, ich war seine Freundin in einem Beruf. Wir haben oft zu viel geredet, das stimmt.“ Ein kurzes bitteres Lächeln fliegt über ihr Gesicht. „Aber ich habe ihn nicht totgemacht, Noah.“

„Das behaupte ich auch nicht“, sagt er. „Ich verlange Klarheit. Sag mir, was du über ‚Stabilisierung‘ wusstest. Sag mir, ob du Aufträge hattest, Geld erhalten hast. Wenn du etwas verheimlichst, wird es schlimmer, wenn wir es später herausfinden. Du kennst das Spiel.“

Sie nickt, erst langsam, dann fester.

„Ja. Der Begriff tauchte auf. Aber oft verwenden Leute euphemistische Begriffe. ‚Stabilisierung‘ heißt in manchen Meetings: Man reguliert ein Problem, man droht leise, man kauft Ruhe. Ich habe einen Vertrag über ein Projekt, bei dem ich Kommunikationsstrategien liefern sollte. Das Projekt wurde über eine Eventagentur – Lumen – gebucht. Und ein Teil der Zahlungen floss später über die Treuhandstrukturen.“ Sie sieht ihn an. „Ich habe das Geld bekommen. Es war Beratungshonorar. Ich habe im Januar zehn Sitzungen gehalten, To-Do-Listen erstellt. Ich habe nie Anweisungen gegeben, jemanden zum Schweigen zu bringen.“

„Du hast mit ihm am Abend gesprochen?“, fragt Noah.

„Ja“, sagt sie. „Wir haben uns gestritten. Er wollte Dinge mit Rücksicht regeln – und er hatte Angst. Er hat gesagt, er fühlte sich erpressbar. Ich wollte, dass er öffentlich mit der Wahrheit umgeht. Ich dachte, wenn er den Ball flach hält, klärt sich vieles. Ich weiß nicht, was passiert ist. Ich war nicht am Strand.“

Er sucht in ihrem Gesicht nach Lügen. Sie hat eine Art, die Stimme zu modulieren, die aus Erfahrungen geboren ist. „Hast du einen Grund, mir nicht zu sagen, wen du getroffen hast?“ fragt er.

„Nein“, sagt sie streng. „Aber ich habe einen Grund, dir nicht mein Privatleben zu offenbaren, einfach so. Wenn du etwas Bestimmtes willst, frag mich direkt. Und ja, ich werde kooperativ sein. Aber ich will auch kein Schauobjekt meiner eigenen Fähigkeiten werden.“

Die Unterredung bleibt sachlich, doch unter der Oberfläche wird klar, wie schwierig die Lage ist: Elena ist Teil der Finanzströme, aber das bedeutet nicht automatisch Mord. Es bedeutet, dass sie im Kreis der Mächtigen mitspielte – und das allein macht sie verdächtig. Noah spürt, wie seine rationale Haltung rutscht, willig, in Richtung Beschützer zu schlittern, ein instinktives Retten, das nichts mit Dienst zu tun hat. Er zwingt sich, den Fuß in den Boden von Professionalität zu stemmen.

„Wir dokumentieren alles“, sagt er. „Du gibst uns deine Unterlagen. Keine Ausreden.“

Sie reicht ihm eine Mappe. Darin befinden sich Verträge, E-Mail-Korrespondenzen, Quittungen. Er blättert durch, misst Worte, erkennt Anspielungen. Es gibt nichts, was ihr direkt eine Tat anhängt, aber ihr Name taucht in den Routen auf, zu klein, um übersehen zu werden. „Gibt es noch etwas, das du uns sagen willst?“, fragt er.

Sie sieht ihn direkt an.

„Ja. Pass auf dich auf, Noah“, sagt sie leise. „Du tauchst plötzlich auf. Ich weiß, wie die Leute hier ticken. Sie mögen Gesichter, die man kennt. Sie mögen Namen, die geöffnet werden. Sei vorsichtig. Du bist nicht mehr der Mann, der du früher warst.“

Die Worte treffen. Nicht als Vorwurf, eher als Warnung. Noah fühlt, wie etwas in ihm aufblitzt, das er seit Jahren im Griff hat: die Versuchung, zu eskalieren, Dinge mit roher Gewalt zu lösen. Er atmet tief durch. „Du warst nie diejenige, die es hätte tun müssen“, sagt er, mehr zu sich als zu ihr. „Wenn du nichts zu verbergen hast, bleib erreichbar und sag uns alles, was du weißt.“

Sie stimmt bereitwillig zu. „Ich werde das tun.“

Als er zurück im Revier ist, fällt ihm auf, wie schnell sein Herz auf die Begegnung reagiert hat. Er macht sich Vorwürfe: Favoritismus, Nähe, alte Gefühle. Und doch ist dort auch ein klares Motiv, warum er ihr nicht misstrauen mag: er kennt sie. Er kennt die Nuancen in ihrer Stimme, in der Anspannung hinter ihren Augen. Er ist nicht neutral – und das ist ein Problem in einer Untersuchung, in der Neutralität goldenen Wert hat.

Die nächsten Tage arbeiten sie die Spuren ab. Van Dijk telefoniert, zieht Logins, prüft Aegis-Installationen. Amber bohrt weiter in den Daten, findet Zugangspunkte, Remote-Logins, Atlantische IP-Hops, die wie kleine Gesichter in der Dunkelheit auftauchen. Martens veranlasst Rechtshilfeanträge nach Genf. Noah schreibt Fragen, führt Gespräche, lässt Zeugen kommen – den Chauffeur, eine Ex-Lebensgefährtin von De Jong, einen PR-Berater, der Verhoeven sporadisch erwähnt. Die Welt dreht sich wie ein Kesseltopf, aus dem Dampf pfeift.

Eines Abends sitzt Noah noch am Monitor, benennt Adressen auf dem Bildschirm, als Amber hereinkommt und ihm etwas in die Hand drückt: einen USB-Stick.

„Ich habe was Interessantes“, sagt sie. „Nicht nur die Zahlungen. Ich habe eine verschlüsselte Mail gefunden, zwischen De Jong und einem Konto, das mit einem Gerät verbunden ist, das Aegis betreut hat. Die Mail enthält eine kurze Aufzeichnung: ‚Verschieb die Kameras 23:35–23:40. Kurz.‘“

Noah starrt auf das Wort „verschieb“. Sein Verstand macht die Verbindung in einem geschmeidigen, aber erschreckenden Sprung: Kameras aus, Lücke da, Möglichkeit zur Tat. „Wer hat Zugriff auf diese Kameras?“, fragt er.

„Aegis. Und das Handbuchzutrittskonto war mit einem Login verknüpft, das mehrfach von einer IP im Netzwerk des Anwesenbetreuers genutzt wurde. Aber...“ Amber senkt die Stimme. „Die Logs zeigen eine Interaktion von zwei Parteien: Aegis hat in der Nacht eine Remote-Session, die von einem Nutzer in einem Büro in Domburg initiiert wurde.“ Ihr Finger tippt die Namen an. „Krol. Und da – eine Mitarbeiterin, die in einer Liste auftaucht: ‚Elena Jansen‘.“

Noah stockt der Atem.

Der Raum verhält sich eine Sekunde so, als würde ein Messer scharf durch Glas fahren. Noah fühlt, wie sein Herz in einem Rhythmus schlägt, der nicht nur die Erregung der Spurensuche ist, sondern auch etwas zutiefst Persönliches: Elena, Kameralogins, die Nacht. „Das kann manipuliert sein“, sagt er sofort, und die Stimme ist eine schützende Wand. „Jemand kann Metadaten fälschen. Jemand kann einen Account missbrauchen. Wir dürfen nicht springen.“

Amber nickt. „Ich weiß. Wir prüfen alles. Aber du musst verstehen: die Indizien häufen sich. Geld über Hollis, Aegis-Session, Elena in Verträgen. Es ist eine Kette, Noah. Eine Kette kann reißen – oder sie kann die Wahrheit halten.“

Er verlässt die Station und läuft in die Nacht. Die Stadt ist grau, Wind streicht an den Häuserwänden. Er bleibt vor einem Fenster stehen, denkt an Elena, daran, wie ein einzelnes Wort in einer Mail eine Lawine auslösen kann. Er fragt sich, wie sehr er zulassen kann, dass das Persönliche die Arbeit übernimmt. Er hat Versprechen gegeben: keine Vorverurteilung, Neutralität. Aber er ist nach all den Jahren nicht immun gegen das, was jenseits der Sache liegt: das Gesicht der Frau, die seine Welt einmal hielt, jetzt vielleicht in ein Netz aus Macht verstrickt.

---ENDE DER LESEPROBE---