Der falsche Held - Mart Schreiber - E-Book

Der falsche Held E-Book

Mart Schreiber

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Beschreibung

Vier Erzählungen, vier Wendungen des Schicksals, die ihren Ausgangs- oder Endpunkt in der Wiener U-Bahn haben. Sven erhält am späten Abend einen Anruf aus dem Spital. Sein Bruder ist nach einer Schlägerei in der U-Bahn mit Verletzungen am ganzen Körper eingeliefert worden. Am Krankenbett lernt Sven die Freundin des Bruders kennen. Er ist sich sicher, ihr schon einmal begegnet zu sein. Clemens ist frisch verliebt. Der kurzen Begegnung mit einer fremden Frau in der U-Bahn schenkt er keine besondere Aufmerksamkeit. Doch der Zufall will es, dass Clemens auf eine Hochschaubahn der Emotionen gerät. Pierre fällt ein schmutzig-grüner Rucksack in der U-Bahn auf. Dieses zurückgelassene Gepäckstück kommt ihm verdächtig vor. Bei seinem ersten Kundentermin in der Bank hat er den Rucksack schon wieder vergessen. Henriette wird achtzig Jahre alt. Ihr Mann hat alles für den Geburtstagsausflug vorbereitet. Er will mit ihr noch einmal den Park besuchen, in dem sie mit ihren Kindern so oft waren. Schon auf dem Weg dorthin, sind einige Hindernisse zu überwinden.

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 184

Veröffentlichungsjahr: 2016

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www.tredition.de

Mart Schreiber

Der falsche Held

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© 2016 Mart Schreiber

Umschlagentwurf: Gerhard Bauderer

Verlag: tredition GmbH, Hamburg

ISBN

Paperback:

978-3-7345-2289-5

Hardcover:

978-3-7345-2428-8

e-Book:

978-3-7345-2429-5

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Inhalt

Der falsche Held

Frisch verliebt

Ein schmutzig-grüner Rucksack

Der letzte Ausflug

Der falsche Held

„Spreche ich mit Sven Hansmann?“

Es war bereits nach zehn Uhr am Abend. Sven, der es sich zuhause auf dem Sofa gemütlich gemacht hatte, konnte mit der weiblichen Stimme am anderen Ende der Leitung absolut nichts anfangen.

„Ja, worum geht’s?“

„Ihr Bruder liegt bei uns in der Notaufnahme. Seine Verletzungen sind bereits versorgt, aber er muss ein, zwei Tage bei uns bleiben.“

„Wie ist das passiert? Wer spricht überhaupt?“

Sven glaubte an einen Scherz. Warum sollte sein Bruder im Spital sein? Er hatte vor knapp zwei Stunden ein Bild von einem Mountainbike, um das er ihren Vater vermutlich schon bald um zusätzliches Geld anschnorren würde, auf Facebook gepostet. Außerdem verbrachte er jede freie Minute mit seiner neuen Freundin.

„Schwester Monika, Notaufnahme, Allgemeines Krankenhaus. Es sieht so aus, als wäre ihr Bruder in einer Schlägerei verwickelt gewesen. Die Rettung hat ihn gebracht und er kann wegen der Gesichtsverletzungen kaum sprechen.“

„Weiß man, wie das passiert ist?“

„Ich kann ihnen leider nichts Näheres dazu sagen. Aber sie können ihn noch kurz besuchen, wenn sie schnell sind. Er hat noch kein Zimmer und liegt daher einstweilen noch bei uns.“

Sven zögerte. Warum hatte sein Bruder gerade ihn anrufen lassen? Warum nicht den Vater oder seine ach so tolle neue Freundin?

„Ja, ok. Ich brauche nur zwanzig Minuten.“

Es war nur sehr wenig Verkehr, sodass er es in fünfzehn Minuten bis zum AKH schaffte. Er fuhr in die Garage und musste sich in der Eingangshalle erst orientieren, um zur Notaufnahme zu finden. Dort angekommen war er überrascht, wie viel Trubel zu dieser Uhrzeit herrschte. Alle Sitzgelegenheiten waren besetzt und die Schlange vor dem einzigen offenen Schalter versprach eine lange Wartezeit. Der Geräuschpegel erinnerte ihn an eine Bahnhofshalle zu Ferienbeginn. Er hörte ein Durcheinander an Stimmen in unterschiedlichsten Sprachen. Die Lausprecheransage konnte Sven nicht verstehen. Sie ging in dem lauten Stimmengewirr unter. Sollte er sich beim Schalter anstellen? Das würde mehr als zehn Minuten dauern, schätzte er. Ein dunkelhäutiger Mann, mit einer in einem Kopftuch versteckten Frau im Schlepptau, beschwerte sich bei der Dame am Schalter. Soweit Sven es verstehen konnte, fühlte er sich unfair behandelt, weil er noch nicht drangekommen war.

Eine zweiflügelige grüne Tür öffnete sich wie von Geisterhand und ein Bett mit einem Verletzten wurde herausgeschoben. Sven zögerte nicht lange und schlüpfte durch die Tür, die sich hinter ihm automatisch wieder schloss. Er fühlte sich, als wäre er in eine andere Welt getreten. Man hörte Schwestern, Pfleger und vermutlich auch Ärzte miteinander sprechen, aber alles in einem gedämpften Ton. Eine Schwester kam ihm entgegen und blickte Sven streng an.

„Was haben Sie hier zu suchen?“

„Mein Bruder sollte noch hier liegen. Erik Hansmann heißt er.“

„Ach, Sie sind der Bruder. Wir haben miteinander telefoniert.“

„Dann sind Sie Schwester Monika.“

„Richtig. Übrigens sehen sie sich verdammt ähnlich. Sind sie vielleicht Zwillinge?“

Sven wunderte sich. Wie konnte sie das trotz Eriks angeblicher Gesichtsverletzungen erkennen?

„Nein, überhaupt nicht. Er ist um zwei Jahre jünger als ich.“

„Na dann. Man könnte sie aber glatt miteinander verwechseln.“ Und sie fügte lachend hinzu: „Im Moment natürlich nicht, denn ihr Gesicht ist ja unversehrt.“

„Wo liegt er denn?“ Sven wollte keine Unterhaltung über Ähnlichkeiten. Die Zwillingsfrage hatte er schon zu oft beantworten müssen. Er hasste es, mit seinem Bruder verwechselt zu werden, diesem ewigen Studenten, der nichts Anderes als Sport und Frauen im Kopf hatte.

„Gleich hier rechts.“ Sie zog einen Vorhang zurück, der ein Bett mit seinem Bruder darin freigab.

„Bitte leise sein. Offiziell ist es nicht erlaubt, dass Sie hier sind, noch dazu zu zweit. Aber wir sind ja keine Unmenschen.“ Sie lachte.

Erst jetzt bemerkte Sven die junge Frau, die leicht über das Bett gebeugt mit dem Rücken zu Sven stand. Sie drehte sich um, und Sven wollte pfeifen. Sie sah wirklich so umwerfend aus, wie Erik sie in seiner angeberischen Art beschrieben hatte.

„Du musst Valerie sein.“

„Ja, stimmt. Und du bist Eriks großer Bruder. Freut mich, dass wir uns endlich kennenlernen.“

„Mich auch. Mein Bruder hat schon gute Gründe gehabt, dich zu verstecken, so attraktiv wie du bist.“ Sven spürte, dass er den falschen Ton erwischt hatte. Zum Ausgleich grinste er Valerie übertrieben an.

„Ciao, Erik“, flüsterte Valerie wieder zum Bett gebeugt und deutete einen Kuss an.

„Ich warte draußen“, sprach sie zu Sven, der den Vorhang für sie zur Seite schob.

In diesem Moment der unmittelbaren Nähe zu Valerie war er sich sicher, sie schon einmal gesehen zu haben.

Sein Bruder räusperte sich. Sven dachte, der macht sich schon wieder wichtig. Aber gut, er war im Moment die Hauptperson.

„Du machst Sachen. Wie geht es dir?“

Erik hob die Hand und wiegte sie hin und her. Das „So lala“ konnte man fast nicht verstehen. Er öffnete nur den rechten Mundwinkel ein wenig, um zu sprechen. Sven konnte sich vorstellen, warum. Besonders die linke Gesichtshälfte von Erik war übersät mit Hämatomen und Abschürfungen. Unterhalb des linken Auges war die Haut großflächig dunkelrot bis blau verfärbt. Beide Augenbrauen waren abgeklebt und der Mundbereich war stark geschwollen.

„Du siehst ja erbärmlich aus. Wie ist das passiert?“

Der rechte Mundwinkel brachte ein „U-Bahn“ hervor.

Das war das Stichwort. Sven wusste nun, wo er Valerie zum ersten Mal gesehen hatte. Diese plötzliche Erinnerung und Eriks Zustand verwirrten ihn komplett.

„Hast du Schmerzen?“

„Ziemlich starke sogar. Sie waren zu dritt.“

Sven ahnte, was Erik damit meinte. Er hatte etwas Ähnliches schon erlebt. Schwester Monika zog den Vorhang zur Seite und bat Sven, jetzt zu gehen.

„Morgen können Sie ihn ab Mittag besuchen. Er wird wahrscheinlich noch heute Nacht auf die Unfallstation im neunzehnten Stock verlegt.“

Sven winkte seinem Bruder. „Bis morgen. Halt die Ohren steif.“

Beim Hinausgehen fragte er die Schwester noch, welche Verletzungen bei seinem Bruder diagnostiziert wurden.

„Ich darf ihnen das eigentlich nicht sagen. Soweit ich aber mitbekommen habe, hat er großes Glück gehabt. Das Jochbein dürfte nur geprellt sein. Das hat das erste Röntgen ergeben. Und ein Nasenbeinbruch ist auch keine gefährliche Sache. Der Rest sind Prellungen und Abschürfungen, diese allerdings am ganzen Körper.“

„Danke, Schwester. Und auch Danke für den Anruf.“

„Gerne. Jederzeit wieder wäre jetzt wohl nicht die passende Ansage.“ Beide lachten und Sven ging durch die sich öffnende grüne Tür in den Aufnahme- und Warteraum hinaus.

Valerie hatte sich gut sichtbar in einer Ecke gegenüber der grünen Tür postiert. Sven hätte sie aber auch gesehen, wenn sie mitten unter den anderen Wartenden gestanden wäre. Sie war eine der Frauen, die sich durch ihre besondere Ausstrahlung von normalen Menschen deutlich abhob. Ihr leicht gewelltes, kastanienbraunes Haar fiel natürlich über ihre Schultern. Es wirkte kräftig und glänzte matt. Wie schön musste es sein, darüber zu streichen. Das bronzefarbene Gesicht mit dem sinnlichen Schmollmund passte perfekt dazu. Ihre Figur war sehr schlank und trotzdem weiblich. Die engen Jeans ließen sportliche Beine erahnen. Sie wischte über ihr Smartphone, musste aber Sven aus den Augenwinkeln bemerkt haben, denn ihre großen, dunklen Augen richteten sich sofort auf ihn. Ein zartes Lächeln ließ ihr Gesicht noch makelloser erscheinen. Sie blickte Sven erwartungsvoll an, als würde sie auf ein Zeichen von ihm warten.

„Das klingt zum Glück alles nicht so schlimm.“

„Was hat er denn genau? Ich war nur kurz drinnen und dann bist du schon gekommen.“

„Du hättest gerne bleiben können. Na ja, ein geprelltes Jochbein und einen Nasenbeinbruch. Und dann noch Abschürfungen und Prellungen am Körper. Aber nichts ist gebrochen oder ernsthafter verletzt.“

„Er scheint aber große Schmerzen zu haben. Und reden kann er auch kaum.“

„Kein Wunder. Er kann den Mund kaum öffnen, und das Sprechen verstärkt die Schmerzen vermutlich noch.“

Valerie blickte zu Boden. Als sie den Kopf wieder hob, kullerten Tränen ihre Wangen hinunter, untermalt vom sich auflösenden Augen Make-up. Sven reichte ihr ein Taschentuch. Da sie es nicht nahm, tupfte er ihre Wangen trocken und versuchte auch die schwarzen Schlieren zu entfernen. Sie ließ es ohne sich zu regen geschehen.

„Danke. Gehen wir jetzt besser.“

„Magst du noch einen Drink mit mir nehmen?“

„Lieber nicht. Ich bin fix und fertig.“

„Ok. Vielleicht beim nächsten Mal. Kann ich dich nach Hause bringen?“

„Bist du mit dem Auto da?“

„Ja. Wohin soll es gehen?“

Die Wohnung von Valerie lag nicht weit entfernt vom AKH, allerdings in der entgegengesetzten Richtung von Svens Loft.

Während der Fahrt sprachen sie nicht miteinander. Sven hätte gerne Valerie ausgefragt, er spürte jedoch eine ungewöhnliche Hemmung, die ihn an seine Jugend erinnerte. Valerie sah ihn nicht an, sie blickte starr geradeaus.

„Da vorne rechts kannst du mich aussteigen lassen.“

Sven fuhr rechts ran und drehte sich zu Valerie.

„Ich werde das Gefühl nicht los, dich schon einmal gesehen zu haben.“

Valerie zeigte ein verstörtes Gesicht und stammelte: „Wie kommst du darauf?“

„Ich bin mir ziemlich sicher, aber lassen wir es für heute. Reden wir beim nächsten Mal darüber.“

Er wusste nicht, wie er nach Hause gekommen war.

Ein sich immer schneller drehendes Gedankenkarussell hatte jede bewusste Wahrnehmung unterdrückt. Er musste mehr oder weniger automatisch gefahren sein. Mit einem Glas Rotwein in der Hand lümmelte er nun auf der Couch und schaute auf das Fernsehbild, das er nicht beschreiben hätte können. Valerie musste ihn auch erkannt haben. Warum hatte sie sonst so irritiert reagiert.

Sven klappte sein MacBook auf und trank den Espresso mit einem Schluck aus. Es war noch dämmrig draußen, aber die Sonne würde ihre ersten Strahlen schon bald durch die beiden ostseitigen Fenster seines hellen Lofts werfen. Früh aufstehen war kein Problem für Sven. Er liebte die Morgenstunden, wenn selbst der Verkehr noch schlief. Auch das Radio blieb still, denn Sven wollte diese Ruhe genießen. Es war die beste Zeit zum Arbeiten. Heute war er etwas unter Druck, denn der Slogan für den neuen, angeblich fast lautlosen Staubsauger-Roboter, war noch nicht geschrieben.

Sven sah das Briefing von der Agentur und Produktbeschreibungen durch. Er tippte Schlagwörter, die ihm in den Sinn kamen, in sein Notebook: Schlafen, Klavierkonzert, so leise wie ein Engel, Sauberkeit im Schlaf. Er war damit nicht zufrieden. Um Zehn sollte er seine Vorschläge bei der Agentur präsentieren. Er holte sich einen weiteren Espresso und ging zum Fenster. Anstatt eines Slogans für den Staubsauger fiel ihm Valerie ein. Sein Bruder hatte erzählt, dass er sie in einem Kaffeehaus kennengelernt hatte. Sie hatte ihn um sein Handy für einen kurzen Anruf gebeten, da sie ihres zu Hause vergessen hatte. War so ein Zufall möglich? ‚Unser Flüstersauger wünscht ihnen eine Gute Nacht.‘ Naja, etwas sperrig klang das schon noch, aber es war bis jetzt der beste Einfall.

Warum war er geflüchtet, als er Valerie in der U-Bahn begegnet war und die Aufregung sich wieder gelegt hatte? Der etwas peinliche Grund dafür fiel ihm sofort wieder ein. ‚Unser Flüstersauger lässt sie träumen.‘ Schon besser.

Die Präsentation in der Agentur war – wie von Sven befürchtet – kein durchschlagender Erfolg gewesen. Man hatte ihm für neue Ideen Zeit bis zum Ende der Woche eingeräumt. Aus einem Pflichtgefühl heraus rief Sven seinen Bruder an. Eriks Stimme war heute ganz gut zu verstehen.

„Ich rufe dich später zurück, Valerie ist bei mir.“

Sven wollte noch fragen, wie es ihm ginge, aber Erik hatte schon wieder aufgelegt.

‚So ist mein Bruder. Kaum geht es ihm etwas besser, behandelt er mich schon wieder wie ein lästiges Anhängsel.“

Sven erinnerte sich nur zu gut an die gemeinsame Jugend, als ihn sein Bruder mit abwertenden Worten wie Weichei, Stubenhocker und Lahmarsch bedachte. Sven hatte sich mit zwölf Jahren vom Indianer spielenden Kind zu einem Jugendlichen, der klassische Musik hörte, Bücher verschlang und von einer Karriere als Schriftsteller träumte, gewandelt. Sein Bruder war stärker, vor allem aber brutaler als er. Wenn es ab und an zu einem Streit kam, wurde Erik schnell handgreiflich. Bewegung und Sport waren seine einzigen Leidenschaften, mit dreizehn kamen die Mädchen dazu.

‚Ich muss mit Valerie reden. Sie hat mich gestern auch erkannt. Da bin ich mir sicher.‘

Er nahm, ohne lange zu überlegen, die U-Bahn zum AKH. An der Information erfragte er die Station und die Zimmernummer von Erik. Wie von Schwester Monika angekündigt, war dieser auf die Unfallstation verlegt worden. Sven fuhr mit dem Lift in das neunzehnte Stockwerk des grünen Bettenhauses. Dort setzte er sich mit den Aufzügen im Blickfeld auf einen der früher einmal weißen Plastikstühle. So konnte er Valerie nicht übersehen, wenn sie ging. Er wollte Erik und Valerie nicht gemeinsam antreffen. Zuvor musste er Antwort auf die Fragen bekommen, die er nicht mehr aus dem Kopf brachte.

Schwester, Ärzte und Besucher stiegen aus den jeweils mit einem Glockensignal angekündigten Lift oder warteten auf einen Aufzug, der sie wieder nach unten bringen sollte. Die Wartezeit auf einen Lift war beträchtlich, obwohl es fünf Aufzüge gab. In seinem Rücken wurden aus dafür reservierten Aufzügen Betten mit und ohne Patienten vorbeigeschoben. Niemand schien es eilig zu haben. All diese Bewegungen wirkten auf ihn wie ein langsam fließender Fluss. Diese geruhsame Fortbewegung ohne Hast und Eile ließ Sven wieder an den Flüstersauger denken. Auch dieser war gemächlich unterwegs und strömte nicht nur wegen seines fast unhörbaren Summens Ruhe aus. ‚Unser Flüstersauger lässt Sie meditieren.‘ Auch nicht besser als die präsentierten Vorschläge.

Fast hätte er Valerie übersehen und auch überhört. Sie trug rosa Sportschuhe, die kein Geräusch verursachten. Ihre fast unhörbaren und doch dynamischen Schritte ließ ihr langes, braunes Haar wie sanfte Wellen vor einem flachen Südseestrand auf- und abwiegen.

„Sven, das trifft sich gut. Dein Bruder wird sich freuen.“

Sven war aufgestanden und ging ihr entgegen.

„Wie geht es ihm?“

„Schon viel besser. Möglicherweise darf er schon morgen nach Hause. Er bekommt Schmerzinfusionen, Antibiotika und das Jochbein wird noch einmal geröntgt.“

„Schön. Das klingt ja gut. Eigentlich habe ich auf dich gewartet. Hast du jetzt Zeit zum Plaudern?“

Valerie machte einen leicht verzweifelten Eindruck.

„Bitte, es ist mir wichtig.“

„OK, aber nur eine Stunde. Dann muss ich auf die Uni.“

„Eine Stunde ist schon mal ein guter Beginn. Im Erdgeschoss gibt es einen Starbucks. Passt das für dich?“

„Erinnerst du dich jetzt an mich?“

Er hatte an der Theke für sie einen Matcha Tee und für sich einen doppelten Espresso geholt. Sie saßen beide beengt in einer Ecke des gut besuchten Lokals.

„Ich glaube nicht. Es stimmt schon, du siehst Erik sehr ähnlich. Er ist aber etwas kleiner als du und wirkt sportlicher. Ich würde euch nicht verwechseln.“

„Ich war der in der U-Bahn, damals.“

Valerie lehnte sich zurück und sah ihn missmutig an. Sven versuchte, sie anzulächeln, aber mehr als ein leichtes Anheben der Mundwinkel schaffte er nicht.

„Wie hast du meinen Bruder kennengelernt?“

„Auf der Straße. Ich habe ihm nachgerufen.“

„Und warum?“

„Er hat mich damals gerettet. Warum drängst du dich da rein?“

„Ich dränge mich nicht rein. Was hat mein Bruder gesagt?“

„Er war erstaunt, mich wieder zu sehen. Aber er erkannte mich und konnte sich an Details von damals erinnern.“

„Kein Wunder, ich habe ihm davon erzählt.“

„Sven, bitte. Mach keine Scherze. Mir ist das zu ernst.“

„Mir auch. Ich verstehe meinen Bruder nicht. Warum hat er nicht gesagt, dass er die Geschichte von mir kannte. Übrigens hat er mir eine andere Version eures Kennenlernens aufgetischt.“

Valerie antwortete nicht. Sie hatte nasse Augen und sah so traurig drein, dass Sven sie am liebsten in die Arme genommen und getröstet hätte.

„Valerie, ich verstehe dich. Es muss ein Schock für dich sein. Wie konnte dich Erik nur so hintergehen. Er hat die Situation ausgenutzt.“

„Erik hat mich nicht hintergangen. Was willst du eigentlich von mir?“

„Lass mich die Ereignisse von damals erzählen. Du wirst dann merken, dass ich es war und nicht Erik. Er kennt nicht alle Details.“

Sven versuchte Zustimmung in Valeries Gesicht zu erkennen. Sie senkte aber den Kopf und verschränkte die Arme.

„Es war am Tag des Ländermatchs gegen Ungarn. Hm, das wirst du vielleicht gar nicht wissen. Es war auf alle Fälle ein Sonntag vor etwa zwei Monaten, also noch im März, glaube ich.“

Valerie hatte ihre Position nicht geändert. Sie saß da wie ein trotziges Kind.

„Auf alle Fälle bin ich beim Volkstheater in die U2 eingestiegen und habe dich schräg gegenüber von mir im Eingangsbereich stehen gesehen. Du hast in dein Smartphone geschaut, aber dann doch den Kopf gehoben. Vermutlich hast du meine Blicke instinktiv bemerkt. Du kennst das doch. Man muss es nicht sehen, man fühlt es, wenn man intensiv angeschaut wird.“

„Was habe ich angehabt?“

„Hellblaue Sportschuhe, so ähnlich wie diese, nur eben hellblau. Ein dunkelblaues, recht kurzes Kleid, darüber eine enge schwarze Lederjacke, die in der Taille geendet hat.“

„Welche Farbe hat meine Strumpfhose gehabt?“

„Schwarz. Es war aber keine Strumpfhose, sondern halterlose Strümpfe. Die waren gut zu sehen, als einer der Schweine deinen Rock hochgestreift hatte.“

„Du hast aber genau hingesehen.“ Sie schaute wieder hoch.

„Ich erzähle nur jedes Detail, an das ich mich erinnern kann, damit du mir glaubst. Schon bei der nächsten Station sind vier oder fünf Hooligans eingestiegen. Es waren fünf. Da bin ich mir jetzt wieder sicher. Alle hatten Bierdosen in der Hand. Sie müssen schon besoffen gewesen sein, denn sie schwankten ziemlich und hielten sich aneinander fest. Außerdem strömten sie eine furchtbare Fahne aus. Sie grölten und versuchten, einen Schlachtruf, wie er beim Fußball üblich ist, anzustimmen. Sie schafften es aber nicht, gleichzeitig zu beginnen. Erst nachdem der Zug wieder angefahren war, haben sie dich bemerkt und dich gleich umringt. ‚Was hama denn da für eine geile Braut‘, hat einer zu dir gesagt. ‚Magst an Schluck‘, ein anderer. Du hast den Kopf geschüttelt und etwas gemurmelt. Das habe ich nicht verstanden.“

„Verzieht euch, habe ich leider gesagt. Das war ein großer Fehler.“

„Stimmt. Denn gleich darauf hat dir einer sein Bier über den Kopf gegossen, und ein anderer hat dein Kleid angehoben. Du hast versucht, sie abzuwehren, aber sie haben deine Arme festgehalten.“

„Es war schrecklich. Ich hatte Todesangst.“

„Kann ich mir vorstellen. Ich hatte auch große Angst um dich. Auf alle Fälle habe ich mich dann eingemischt. ‚Lasst sie doch‘, habe ich in einem betont neutralen Tonfall gesagt. Ich wollte sie ja nicht noch mehr reizen. Zwei von denen haben sich sofort zu mir gewendet. ‚Schau, a Held.‘ Einer stieß mich an. Da ging die Tür auf. Aber weder du noch ich konnten raus. Wir waren beide umringt. Menschen, die einsteigen wollten, gingen schnell zur nächsten Tür. Niemand half uns, alle haben weggesehen. Sie begannen mich zu schlagen und weiter zu beschimpfen.

‚Na, du Schwuchtel. Hast kan Respekt.‘ Auch die restlichen Hooligans gingen nun auf mich los. Ich konnte es nicht sehen, aber diese Gelegenheit musst du genutzt haben, um ins Wageninnere zu fliehen.

„Ich war dir so dankbar.“

„Später habe ich dich bei zwei Frauen sitzen gesehen, die dich getröstet haben. Bei der nächsten Station sind die Hooligans raus. Keine Ahnung warum. Es war wie ein Filmschnitt. Ich habe gewartet und bin kurz vor dem Schließen der Türen ebenfalls ausgestiegen, denn ich war am Ziel, und die Schweine waren zum Glück wie vom Erdboden verschluckt.“

„Warum bist du nicht zu mir gekommen? Ich wollte mich bedanken.“

„Daran hatte ich gar nicht gedacht. Im Nachhinein betrachtet, verstehe ich das heute auch nicht mehr. Allerdings, hm, ich weiß nicht, ob ich das sagen soll.“

Valerie sah ihn interessiert an.

„Ich hatte eine nasse Hose.“

„Vom Bier?“

„Nein, nicht vom Bier.“

Valerie musste lachen, hörte aber sofort wieder auf.

„Sorry, das ist nicht zum Lachen. Danke, dass du mir so geholfen hast.“

„Ich hätte früher eingreifen müssen, es gar nicht so weit kommen lassen dürfen.“

„Du hast mich gerettet. Wer weiß, was die sonst noch gemacht hätten.“

„Glaubst du mir jetzt?“

Sie sahen sich beide an. Valerie nickte.

Sven dachte, das wäre der richtige Moment, um Valeries Hände zu ergreifen.

„Aber ich liebe Erik trotzdem.“

„Klar, daran wollte ich nichts ändern.“ Sven spürte einen Stich, als er dies aussprach. Sein Bruder hatte kein Anrecht auf Valerie. Erik hatte sich schäbig verhalten und sich mit fremden Federn geschmückt.

Valerie schaute auf ihre Uhr. „Ich muss jetzt gehen.“

„Schade, gibst du mir noch deine Telefonnummer, bitte?“

Sie zögerte kurz.

„Nur, wenn du willst.“

Sie griff in ihre Tasche und gab ihm ein Kärtchen:

‚Valerie Eisenstein, Studentin der Psychologie.‘ Adresse, Telefonnummer und Email standen darunter.

„Hat mir Erik geschenkt.“

‚Komisches Geschenk‘, wollte Sven noch sagen, unterdrückte es aber, weil er Valerie nicht kränken wollte. Er überlegte kurz, ob er seinen Bruder noch besuchen sollte. ‚Nein, ich kann ihm nicht in die Augen sehen.‘

Am nächste Morgen tippte er in sein MacBook: ‚Flüstersauber unser Sauger‘ und ‚Unser Robi macht‘s leise. Einfach zum Träumen.‘

Kurz danach rief Erik an: „Kannst du mich abholen. Ich werde heute entlassen.“

Sven kam mit Staus nicht gut zurecht. Schon nach zehn Minuten „Stop-and-Go“ hätte er sein Auto, einen gelb-schwarzen Smart, am liebsten in die Luft gesprengt. Oder weniger martialisch, einfach stehengelassen, mitten im Stau. Was dachte sich Erik eigentlich? Er musste doch wissen, dass er damit enttarnt war. Warum hatte er Schwester Monika aufgetragen, Valerie und ihn anzurufen? Vielleicht ein Irrtum der Schwester oder Erik hatte einfach vergessen, dass sich Valerie und sein Bruder nie begegnen dürfen.

Hatte Erik Valerie in der Zwischenzeit schon alles gestanden und sie um Verzeihung gebeten? Er traute es seinem Bruder zu, Valerie mit seinem gespielten Charme eingewickelt zu haben. Erik war schon in der Jugend ein Womanizer gewesen. Sven hingegen war ein Spätzünder, was Mädchen betraf. Erik brachte schon mit Vierzehn ständig wechselnde Freundinnen nach Hause, Sven wurde im Laufe seiner Pubertät immer schüchterner. Einsam lebte er seine sexuelle Begierde aus, oft mehrmals täglich. Erst als Sven Germanistik zu studieren begann und als Existenzialist auftrat, erlöste ihn eine Studienkollegin, die wie er