Im freien Fall - Mart Schreiber - E-Book

Im freien Fall E-Book

Mart Schreiber

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Beschreibung

Gustav musste fliehen. Mit ausladenden Schritten bewegte er sich entlang des Rückens einer Hügelkette, die überwiegend dicht bewaldet war. Hin und wieder kam er auf eine Lichtung, aus der er in ein weites Becken sehen konnte. Lichter flimmerten zu ihm herauf. Er drückte sich an den Waldrand, denn der Mond schien so hell, wie er es noch nie erlebt hatte. Gustav hätte gerne gewusst, wie spät es war, er hatte aber keine Uhr dabei. Er versuchte sich zu erinnern, wie weit er schon gegangen war, seit die Dämmerung endgültig in einer stetigen Dunkelheit geendet hatte. Erst dann war er aus seinem Versteck im Dickicht aufgebrochen. Der Mond war erst später aufgegangen. Um wieviel später? Vielleicht zwei Stunden?

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Veröffentlichungsjahr: 2021

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Mart Schreiber

Im freien Fall

und andere Kurzgeschichten

Jede dieser Kurzgeschichten führt in eine eigene Welt, mal ist es der Traum vom freien Fall, mal ist es die kurze Liebe einer Studentin zu einem amerikanischen Touristen in Wien.

Inhaltsverzeichnis

Im freien Fall

Wien ist nur eine Etappe

Warten auf Eva

In der U-Bahn

Der Unfall

Die Goldmann Affäre

Ich kann dir nicht vertrauen

Impressum

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Alle in diesem Buch geschilderten Handlungen und Personen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen wären zufällig und nicht beabsichtigt.

Im freien Fall

Gustav musste fliehen. Mit ausladenden Schritten bewegte er sich entlang des Rückens einer Hügelkette, die überwiegend dicht bewaldet war. Hin und wieder kam er auf eine Lichtung, aus der er in ein weites Becken sehen konnte. Lichter flimmerten zu ihm herauf. Er drückte sich an den Waldrand, denn der Mond schien so hell, wie er es noch nie erlebt hatte. Gustav hätte gerne gewusst, wie spät es war, er hatte aber keine Uhr dabei. Er versuchte sich zu erinnern, wie weit er schon gegangen war, seit die Dämmerung endgültig in einer stetigen Dunkelheit geendet hatte. Erst dann war er aus seinem Versteck im Dickicht aufgebrochen. Der Mond war erst später aufgegangen. Um wieviel später? Vielleicht zwei Stunden? Ziemlich sicher war es nun nach Mitternacht, glaubte er. Der Mond stand hoch am Himmel und würde ihn bis zur Morgendämmerung erhalten bleiben, um dann zu verblassen. Er wusste nicht, wohin ihn der Rücken führen würde und wann er wieder ins Tal hinab musste. Das Versteck war ihm nicht mehr sicher erschienen. Es war nur wenige Stunden vom Haus seiner Eltern entfernt gewesen. Er musste ein neues finden, bevor die Sonne aufgegangen war. Sein Magen knurrte. Er tastete die linke Jackentasche ab und war beruhigt. Ein Joghurt hatte er noch bei sich. Und rechts spürte er einen kleinen Löffel. Dass er daran gedacht hatte, wunderte ihn. Ein Hund bellte. Einmal. Zweimal. Dann war es wieder still. Hatten sie vielleicht einen Suchtrupp zusammengestellt, um ihn zu verfolgen? Dem Hund hatten sie ein Kleidungsstück von ihm unter die Nase gehalten. Möglicherweise. Wahrscheinlich sogar. Sie würden alles tun, damit er nicht entkommen konnte. Er blieb stehen und lauschte. Nichts war zu hören. Dann vernahm er das Geräusch eines Autos im Tal, das langsam wieder leiser wurde und entschwand. Es war windstill. Nun hörte er seinen Atem. Beim Ausatmen keuchte er ein wenig. Er versuchte, nur durch die Nase zu atmen, doch diese war nicht frei genug. Er ging langsamer weiter. Nur nicht mehr außer Atem kommen. Wer wusste schon, wie laut dies zu hören war bei dieser Stille. Vielleicht waren sie nicht mehr weit entfernt, vielleicht waren sie viel schneller als er. Obwohl seine Beine schwer wurden, durfte er keine Pause einlegen. Essen konnte er auch später. Im Moment ging es darum, möglichst weit zu kommen, bevor die morgendliche Dämmerung langsam die Dunkelheit verdrängte, um dann in einem neuen Versteck über den Tag auszuharren. Gerne wäre er jetzt in seinem Bett gelegen und hätte geschlafen. Geschlafen, ohne befürchten zu müssen, dass die Tür aufgestoßen wurde und man ihn ins Freie zerrte. Wolkenschleier hatten sich vor den Mond geschoben. Er konnte noch seine Schuhe und ein Stück des Weges vor ihm sehen. Anfangs war es weicher Waldboden gewesen, doch nun tauchten immer mehr Steine auf. Die Steine wuchsen und wurden zum Hindernis. Er kam nur mehr langsam voran. Sei vorsichtig, dachte er. Besser ein wenig langsamer gehen, dafür aber sicher. Wenn er stürzte oder sich den Knöchel verstauchte, konnte dies das Ende seiner Flucht sein. Manchmal musste er seine Hände zu Hilfe nehmen, um nicht aus dem Gleichgewicht zu kommen. Der Wald hatte sich zurückgezogen. Er ging nun auf einem felsigen Grat, der abrupt endete. Vor ihm war ein Abbruch, der in der Dunkelheit wie ein schwarzes Loch wirkte. Er konnte nicht sehen, wie weit es nach unten ging. Auch links und rechts von ihm schien das Gelände steil abzufallen. Also musste er zurück. Was blieb ihm auch anderes übrig. Oder er wartete hinter einem großen Stein bis zum Morgengrauen, um dann nach einem möglichen Abstieg durch das felsdurchsetzte Gelände zu suchen. Denn, wenn er zurück ginge, würde er dem Suchtrupp in die Arme laufen. Er hob einen faustgroßen Stein auf und warf ihn in den Abgrund. Wenn er die Sekunden zählte, konnte er errechnen, wie weit es senkrecht nach unten ging. Einundzwanzig, zweiundzwanzig, dreiundzwanzig, vierundzwanzig. Es war kein Aufschlag zu hören. Ungläubig ging er an den Rand und ließ einen weiteren Stein aus seiner Hand fallen. Wieder nichts. Plötzlich spürte er einen Stoß von hinten und fiel in den Abgrund. Der Wind drückte seine Jacke nach oben. Sein Inneres schien sich gegen das Fallen zu wehren, konnte aber dem hinabstürzenden Körper nicht entfliehen. Er wollte sich irgendwo festhalten, doch es gab nichts zu greifen außer der schneidenden Luft. Die ausgestreckten Arme, mit denen er wild ruderte, konnten den freien Fall nicht bremsen. Am Rücken liegend würde er aufprallen. Doch noch war es nicht so weit. Er schrie. Schrie, so laut er nur konnte. Jemand rüttelte ihn. Er öffnete die Augen. Es war seine Mutter.

Was denn los sei, fragte sie. Ob er schlecht geträumt habe. Gustav nickte. Er spürte immer noch das Gefühl, ins Endlose zu fallen. Noch nie war er aufgeprallt. Selbst nach dem Aufwachen fiel er noch. Er klammerte sich am Leintuch fest. Das sei jetzt das vierte Mal in dieser Woche, sagte seine Mutter und streichelte über seinen Kopf. Sie setzte sich an den Bettrand und umfasste seine Hände. Er möge vor dem Einschlafen immer wieder sagen, es sei nur ein Traum. Immer wieder. So lange, bis er einschlief. Sie habe selbst einmal als Kind Albträume gehabt und von ihrer Mutter diesen Rat erhalten. Immer habe sie ein schwarzer Mann verfolgt und kurz bevor er nahe genug war, um sie zu fassen, sei sie schreiend aufgewacht. Doch einmal gelang es ihr im Traum, sich zum schwarzen Mann umzudrehen, der schon verdammt nahe war, und ihm entgegenzuschleudern, dass dies nur ein Traum sei. Alles nur ein Traum. Alles nur ein Traum. Danach wäre es mit den Albträumen vorbei gewesen.

Gustav glaubte nicht, dass es bei ihm funktionieren könnte. Und doch sagte er vor dem Einschlafen immer wieder, dass alles nur ein Traum sei. Trotzdem wachte er schreiend auf. Wieder einmal war er in den Abgrund gestürzt. Wieder einmal hatte er das Gefühl, dass sein Magen, seine Lunge, sein Herz nicht im fallenden Körper bleiben wollten und nach oben drückten. Er sagte seiner Mutter, dass bei ihm das Vorsagen nichts nütze und er damit aufhören werde. Sie bat ihn, nicht aufzugeben und es immer wieder zu versuchen. Eines Tages würde es gelingen. Er müsse aber auch fest daran glauben.

Wochen vergingen. Die Albträume machten eine Pause. Wenn ihn seine Mutter fragte, ob es ihm nun gelungen sei, den Traum zu überlisten, schüttelte er den Kopf. Aber warum habe das nächtliche Schreien aufgehört? Er träume nicht mehr, sagte er. Der Mutter war es recht. So oder so musste sie nicht mehr an sein Bett eilen, wenn er im Traum schrie. Doch die Träume kamen wieder und damit das nächtliche Aufschreien. Gustav tat seiner Mutter leid, andererseits ärgerte sie sich, dass er nicht noch einmal versuchte, vor dem Einschlafen den Satz für den kommenden Traum zu üben. Der Satz „Alles nur ein Traum“ wirke bei ihm nicht, sagte Gustav. Sie sei damals weggelaufen und konnte stehen bleiben. So wäre es viel leichter, „alles nur ein Traum“ zu sagen. Aber er wäre im freien Fall. Er träume diesen nicht nur. Nach dem Aufwachen wich dieses Gefühl des Fallens nur langsam aus seinem Körper. Er könne den freien Fall nicht kurz stoppen, um diesen blöden Satz zu sagen. Vielleicht müsste er den Satz nur ein wenig anders formulieren, meinte seine Mutter. Sie dachte nach. Wie wäre es mit „Ich falle, aber es ist nur im Traum“, fragte sie. Gustav fand auch diesen Satz nicht passend. Der einzige Unterschied zum ursprünglichen Satz war, dass er den Sturz ins Bodenlose akzeptierte, aber hinzufügte, dass es nur im Traum geschehe. Er wollte sich trotzdem noch einmal bemühen, vergaß aber oft, den Satz vor dem Einschlafen immer wieder aufzusagen. Und doch gelang es ihm während eines Traums, den Satz auszusprechen. Aber es ist nur ein Traum. Ich werde bald aufprallen, aber es ist nur ein Traum. Die Träume verschwanden. Wenn er sich später an diesen Trick erinnerte, musste er lächeln und konnte doch nicht begreifen, wie man während eines Traums sagen konnte, dass es nur ein Traum sei.

Seine Erinnerungen an den freien Fall im Traum verblassten und verschwanden schließlich aus seinem Bewusstsein. Sein Großvater kam anlässlich seiner Firmung nach Wien. Er lebte in einem kleinen Seitental im Westen von Österreich und musste nicht überredet werden, der Firmpate von Gustav zu werden. Der Großvater war ein kräftiger Mann mit Riesenpranken. Er hatte am Bau gearbeitet und half hin und wieder sogar jetzt noch aus. Gustav fühlte sich bei und mit ihm besonders wohl. Wenn er zu Besuch beim Großvater war, gab es keine Grenzen für ihn. Er durfte sogar mit dem alten Moped herumfahren, obwohl er erst vierzehn Jahre alt war und daher auch keinen Führerschein für Mopeds hatte. Zur Firmung hatte er sich ein Rennrad gewünscht. Seine Eltern meinten, dass auch ein normales Fahrrad genüge, aber der Großvater erfüllte Gustavs Wunsch ohne Zögern.

---ENDE DER LESEPROBE---