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Das Bild in der Zeitung ist verschwommen. Trotzdem glaubt Marlies, die aufgetakelte Deutsche zu erkennen, die beim Essen im Hotel neben ihnen gesessen ist. Jetzt ist sie tot, im Nebel abseits der Piste abgestürzt. Marlies wird stutzig, denn der Begleiter der Toten ist am Vorabend Hals über Kopf abgereist. Sie überredet ihren Mann, den Kommissar, mit den Schiern zur Absturzstelle zu fahren. Dort finden sie ein Täschchen, das die Deutsche eindeutig identifiziert. Und auf dem Smartphone findet Marlies die Nachricht: "du wirst sterben. du schlampe". Marlies erfasst der Ehrgeiz und sie beginnt zunächst noch im Schlepptau des Kommissars, später dann auf eigene Faust zu ermitteln. Wer hat die Nachricht geschrieben? Wer hat ein Medikament, dass schwindlig und müde macht, in die Trinkflache geträufelt? Als erstes fällt der Verdacht auf den verheirateten Begleiter der Toten, doch dann gerät auch eine ungarische Kellnerin in den Fokus der Ermittlungen. Es muss aber ein ausgezeichneter Schifahrer gewesen sein, der die Tote in das Verderben geführt hat. Oder waren es vielleicht sogar zwei Täter?
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Seitenzahl: 285
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Mart Schreiber
Die Frau des Kommissars
Spuren im Schnee
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Kapitel 1 – Kopfweh
Kapitel 2 – Eine Zeitungsmeldung
Kapitel 3 – Der Kommissar übernimmt
Kapitel 4 – Dringend verdächtig
Kapitel 5 – Keine zwingenden Beweise
Kapitel 6 – Nebel
Kapitel 7 – Auf eigene Faust
Kapitel 8 – Kriminelle Energie
Kapitel 9 – Eine Reise
Kapitel 10 – Glauben und Hoffen
Kapitel 11 – Showdown
Kapitel 12 – Epilog
Impressum neobooks
Marlies öffnet vorsichtig die Augen und schließt sie gleich wieder. Sie hat keine Ahnung, wo sie sich befindet. Ja, sie liegt in einem Bett, aber in welchem? Und wo ist eigentlich Joe? Sie tastet nach ihm. Er liegt doch immer links von ihr. Sie spürt nur eine zerwühlte Bettdecke. Das dumpfe Gefühl in ihrem Kopf wird von einem stechenden Schmerz überdeckt. Und gleich von noch einem. Es ist, als würde der Blitz einschlagen. Die Erinnerung an gestern Abend kehrt in Bruchstücken zurück. Schnaps, einen Zirbenen. Sie weiß nicht mehr, wie viele Stamperl sie getrunken hat. Bram, der Hotelier aus Belgien, hat immer gleich nachgeschenkt. Marlies wagt einen neuen Versuch, die Augen zu öffnen. Die Sonne schimmert durch die zugezogenen Vorhänge. Den Kopf zu drehen ist keine gute Idee. Jede Bewegung löst den durchdringend stechenden Schmerz erneut aus. Sie muß aber ins Bad, weil ihr speiübel ist.
Nach einigen Minuten über der Kloschüssel gibt sie auf. Es kommt nichts. Sie wäscht sich das Gesicht mit kaltem Wasser und trinkt direkt vom Wasserhahn. Aspirin, das braucht sie jetzt. Ob zwei reichen werden?
Joe blättert mit gelangweilter Miene in einer Zeitung. Wie habe ich es nur in den Frühstücksraum geschafft, denkt Marlies. Joe hebt den Kopf und grinst Marlies an. Freude drückt das nicht aus, eher Spott, denkt Marlies.
„Einen wunderschönen guten Morgen. Auch schon da?“
„Sei bitte lieb. Ich habe schreckliche Kopfschmerzen.“
„Ich will jetzt nicht fragen, woher das kommt. Vermutlich vom Föhn. Schau doch raus, keine Wolke am Himmel. Alle Gipfel sind frei.“
Marlies mag vieles an Joe, manchmal sogar seine Ironie. Aber nur, wenn sie imstande ist zu kontern.
„Kaffee. Vorher brauchst gar nicht mit mir zu reden.“
Eine Stunde später gleiten sie mit dem Sessellift von Tauplitz über den leicht ansteigenden Talboden. Zur rechten Hand liegen noch einzelne Häuser, bevor der Wald beginnt und es kurz danach steil Richtung Tauplitzalm hinaufgeht. Links zeigt die leicht kupierte, sehr breite Piste ihr schon durchfurchtes Weiß.
Marlies spürt die Wirkung der Tablette. Sie mag diesen flachen Teil. Er wirkt so friedlich und beschaulich. Sie hat ihren Kopf an Joes Schulter gelehnt und die Augen geschlossen. Wenn sie etwas ganz besonders an ihm mag, dann ist es seine Ruhe und Gelassenheit. Und seine Gutmütigkeit, wenigstens ihr gegenüber. Marlies weiß, dass sie das glatte Gegenteil ist. Lebhaft, quirlig, leicht exaltiert. Und schon mal auch ungeduldig.
„Warum hast du nicht auf mich aufgepasst?“, sagt sie gespielt vorwurfsvoll.
„Ich dachte immer, du kannst gut auf dich selbst aufpassen.“
„Red dich nicht aus. Du weißt doch, dass ich eine schwache Frau bin.“
„Heute abend lasse ich dich nicht aus den Augen, mein Schatz.“
Marlies ist eine hervorragende Schifahrerin, die ihre Spur gerne durch den jungfräulichen Schnee abseits der Piste zieht. Noch lieber sind ihr Schitouren, weit weg von Schiliften und Pisten. Sie bedauert es sehr, dass Joe unpräparierte Abfahrten meidet. Selten fährt er bei frischem Pulverschnee neben der Piste ab. Nur, wie oft gibt es schon frischen Pulverschnee? Nach zwei gemeinsamen Schitouren, bei denen er zwar gut hinauf, jedoch wegen der vielen Stürze total entkräftet wieder nach unten gekommen ist, hat er auf weitere Versuche verzichtet. „Wozu gibt es Pisten und Lifte?“, hat er gesagt.
Der liebe Petrus entschuldigt sich mit Sonnenschein pur und kaum Wind für den dichten Nebel und nachfolgenden Schlechtwettereinbruch am gestrigen Nachmittag. Wenn man vom leicht pappigen Schnee absieht, sind die Bedingungen heute ideal. Trotzdem fährt sie in der ersten Stunde nur auf der Piste, gemeinsam mit Joe. Nicht einmal Lust zu akrobatischen Einlagen wie Rückwärtsfahren und Drehungen hat sie. Wenn es zu schnell wird, überkommt sie ein mulmiges Gefühl und der stumpfe Schmerz im Kopf erinnert sie an gestern abend. Sie schwingt hinter Joe den Schneiderkogel hinunter und schlägt lange vor Mittag vor, beim Hotel Hierzegger, das am Fuß des Schneiderkogels liegt, eine Kaffeepause auf der Terrasse einzulegen.
Der Kaffee ist ausgetrunken und Joe hat bereits bezahlt. Marlies sitzt mit geschlossenen Augen weit zurückgelehnt in ihrem Sessel. Sie drängt nicht darauf, wieder in die Schi zu steigen, sie braucht Ruhe. In ihrem Kopf wird ein wummerndes Geräusch immer lauter. Wie wird sie das nur wieder los? Sie hofft auf die Wirkung des dritten Aspirins. Als sie die Augen öffnet, sieht sie einen Hubschrauber in Richtung Lawinenstein fliegen. Marlies schaut ihm nach, bis er hinter dem Kamm verschwunden ist.
„Da hat’s sicher jemand erwischt. Manche rasen ja, als wären sie alleine auf der Piste“, sagt Joe.
Marlies nickt: „Es muss ja kein Zusammenstoß sein. Manchmal ist es nur ein einfacher Sturz, und schon hast du einen komplizierten Beinbruch.“
„Oder eine Kopfverletzung. Du solltest auch einen Helm tragen.“
Das Rotorgeräusch wird wieder lauter, der Hubschrauber taucht hinter dem Bergrücken auf und fliegt in südwestliche Richtung davon.
Die Pause hat ihr gutgetan. Ihr Kopf ist fast klar, auch der Druck auf die Augen hat deutlich nachgelassen. Sie beschließen, zum Lawinenstein zu queren. Wie auch gestern fährt Marlies nun ihre Varianten im Gelände. Erst um drei machen sie eine Pause in der Kriemandlhütte. Selbst um diese Zeit ist sie überfüllt. Vor der Hütte ist sowieso alles besetzt, also bleibt nur das Innere, was bei Sonnenschein nicht die erste Wahl ist. Eine Gruppe von Bergrettern sitzt in einer Ecke der Hütte beisammen, gut zu erkennen an den roten Jacken, die sie über die Sessel gehängt haben. Marlies zieht es förmlich zu ihnen hin. Vielleicht haben die mit dem Hubschraubereinsatz zu tun, denkt sie.
„Habt’s eine Übung ghabt?“
„Nein, einen Einsatz. Aber das war schon kurz vor Mittag.“
„Aha, habt ihr den Hubschrauber angefordert?“
Einer der Bergretter dreht sich zu ihr: „Ganz schön neugierig bist. Wie eine Journalistin.“
„Nein, ich bin Lehrerin.“
„Na, da haben wir’s. Von mir wollten die Lehrer auch immer so viel wissen. Aber eine Antwort haben’s nur selten kriegt.“
Alle lachen und heben die Bierkrüge. Marlies legt den Kopf leicht zur Seite und zeigt einen Schmollmund.
„Nichts für ungut. Is ja nur Spaß“, sagt der große Bergretter mit dem Bubengesicht.
„Und habt ihr jetzt?“
Sie lachen wieder und klopfen sich auf die Schenkel.
„Sie lasst net locker. Ja, haben wir. Aber mehr sagen wir dir jetzt nimmer.“
„Und wo war’s?“ Sie sieht den Wortführer bittend an.
„Zahlst a Runde Schnaps?“
Marlies wirft einen Blick zu Joe. Er schaut nicht her, spielt stattdessen mit seinem Handy herum.
Fünf Schnäpse wären das, mit mir ein sechster, denkt Marlies. Das kann ich mir schon leisten.
„Was wollt’s für einen?“
„An Zirbenen.“
Oh weh. Marlies erinnert sich erneut an den gestrigen Abend. Der Jahrestag mit Joe. Er war zu müde, um mit ihr noch an die Bar zu gehen. Das war ihr Verderben.
Sie geht zur Schank und bestellt fünf Zirbene.
„Könnten Sie mir in ein sechstes Stamperl nur Wasser geben“, flüstert sie zur Bedienung.“
„Aber zahlen müssen’s schon sechs.“
„Aber…“.
Die junge Frau mit dem Nasenpiercing und bis auf ein seitliches Schwänzchen kurzgeschorenem schwarzen Haar grinst sie an: „War eh nicht ernst gemeint.“
Marlies gibt ihr reichlich Trinkgeld. Beim Zurückgehen nimmt sie das Stamperl mit dem Wasser vom Tablett, das sie den Bergrettern mit einem „Bitteschön“ hinhält.
„Jetzt hätt i aber gern deines.“
Marlies stottert.
„War a Witz. Wird ja nix anders drin sein. Wie heißt denn eigentlich?“
„Marlies.“ Sie hebt ihr Schnapsglas mit einem „Prost“ und stürzt das Wasser hinunter.
„So. Jetzt sagt’s schon.“
„Wennst vom Lawinenstein zur Hütte hinüberfährst, kannst kurz vor dem Seillift rechts ins Gelände fahren.“
„Kenn ich. Da bin ich heute schon einige Male runter.“
„Du haltst dich aber sicher leicht rechts. Oder?“
„Na ja, am Anfang geradeaus und nach der ersten etwas steileren Stufe fahre ich dann eher rechts.“
„Genau. Der Unfall ist aber linkerhand passiert. Da kommt ein Abbruch, der von oben nicht einsehbar ist, erst wennst direkt an der Kante stehst.“
„Und was ist passiert?“
„Des kost noch a Runde.“ Die Männer grinsen.
„Marlies!“ Joe steht knapp hinter ihr.
„Hast mich vergessen? Komm, fahr ma. Sonst sperren’s uns noch den Verbindungslift zur Talabfahrt vor der Nase zu.“
„Tschüss, Burschen.“ Marlies winkt den Bergrettern zum Abschied zu und dreht sich zu Joe, der sie wider Erwarten anlächelt.
„Tschüss gibt’s net bei uns. Des hast Pfiati.“
Marlies ignoriert das erneute Auflachen der Gruppe. Sie hängt sich bei Joe unter und küsst ihn auf die Wange.
„Sorry, mein Schatz. Ich hab die ausfragen müssen. Du kennst mich ja.“
„Nur zu gut, du Neugierdsnase. Und was hast erfahren?“
Sie erzählt Joe vom Unfall im Gelände und dass der Hubschrauber deshalb gekommen ist. Als sie nachfragen wollte, was genau passiert ist, hat er sie gerufen.
„Na, wenn ich das gewusst hätte.“ Joe lacht und schaut auf die Uhr. „Kurz nach vier. Das wird knapp.“
Als sie unten am Almboden den Verbindungslift zur Talabfahrt erreichen, ein einfaches Seil, an dem man sich festhält, ist dieser bereits abgestellt. Sie sind aber nicht alleine beim Hinaufstapfen der paar Höhenmeter.
Vor zwei Tagen sind Marlies und Joe in Taulitz angekommen. Für drei gemeinsame Tage anläßlich ihres Jahrestages, den sie lieber feiern als ihren Hochzeitstag. Am ersten Abend haben sie schon sehr früh im Speisesaal des Hotels Grimmler Platz genommen. Marlies wollte unbedingt den Tisch in der Nische haben. Joe war aber dagegen, einfach die Tischkärtchen auszutauschen. Die Gäste könnten doch schon länger als einen Tag im Hotel sein, hat er gemeint.
Die, das ist dieses komische Liebespaar. Der Mann hat zuerst alleine in der Nische Platz genommen. Fünfzig plus, Halbglatze, mit seinem überdimensionalen Handy beschäftigt. Kaum gegrüßt hat er, obwohl ihn Marlies ein viel zu lautes „Einen schönen guten Abend“ entgegengeschmettert hat. Seine Begleitung, eine aufgetakelte Frau im kleinen Schwarzen und mit Netzstrümpfen ist etwas später in High Heels zum Tisch gestakst. Sie hat den Mann zu Begrüßung abgeschmust und ist mit ihren langen roten Fingernägeln seinem Arm entlanggefahren. „Nicht hier, Anke“, hat er geflüstert, sie aber nicht abgewehrt. Joe ist da anders. In der Öffentlichkeit gibt’s nur Bussis. Sobald Marlies mit ihrer Zunge an seinen Lippen ist, zieht er zurück. „Schau, da drüber sind Kinder“ oder „Wir fallen auf“, sagt er dann.
Heute sitzt ein junges Paar in der Nische. Marlies grüßt, aber sie schauen nicht einmal her. Vermutlich haben sie Marlies und Joe gar nicht bemerkt, denn sie reden laut miteinander, der – höflich ausgedrückt – gut genährte Mann mit vollem Mund. Marlies findet besonders den Mann unsympathisch. Sie beginnt laut mit Joe zu reden.
„Nimmst du das Huhn oder den Fisch?“
„Huhn. Warum schreist du so?“
„Weil du mich sonst nicht verstehst.“ Sie deutet zur Nische hinüber.
Das Paar hat die Anspielung mitbekommen und steckt jetzt die Köpfe beim Reden näher zusammen. Marlies ist zufrieden. „Man darf sich nicht alles gefallen lassen“, spricht die Stimme in ihrem Kopf.
„Schade, dass das Paar schon abgereist ist“, sagt Marlies.
„Warum?“
„Weil wir doch Spaß mit ihnen hatten.“
„Du meinst dein Ratespiel über die Art ihrer Beziehung.“
„Genau. Du warst ja nicht besonders einfallsreich. Und als Hauptkommissar der Mordkommission in Graz, hättest aufmerksamer beobachten können.“
„Ich hatte halt nur für dich Augen.“
„Paperlapapp. Darf ich dich daran erinnern, dass du der ungarischen Kellnerin mit ihren prallen Brüsten ganz schön dreist nachgesehen hast. So bin ich ja zu meinem freien Wunsch für das Ratespiel gekommen.“
„Ich habe dir doch erklärt, dass Männer den Reflex haben, sexy gekleideten Frauen nachzusehen. Das hat keinerlei Bedeutung.“
„Ja, ja. Ihr Männer könnt nichts dafür. Eure Triebe sind stärker als euer Verstand. Apropos Antonia. Wo bleibt die heute nur?“
„Wird schon kommen.“
„Hoffen wir’s. Ich habe schon einen Mordshunger.“
Kurz danach taucht Antonia auf und nimmt ihre Bestellung sehr kühl entgegen.
„Alles ok, Antonia?“, fragt Marlies.
Antonia ignoriert die Frage: „Also zwei Mineralwasser still, einmal Fisch und einmal Huhn.“
„Was ist der über die Leber gelaufen?“, fragt Marlies, als Antonia außer Hörweite ist.
„Liebling. Was soll sie schon haben? Sie wird halt nicht gut drauf sein.“
„Am ersten Abend war sie aber sehr freundlich zu uns. Nur zu unserem Liebespaar war sie fast feindselig. Diese Anke hat sie einfach ignoriert.“
„Was du dir alles merkst. Sie hat doch erzählt, dass der Mann, wie hieß er schnell?“
„Hier kommt Kurt, ohne Helm und ohne Gurt.“
„Sehr witzig. Also dieser Kurt ist öfter da, weil er sich um das Abrechnungssystem kümmert.“
„Und das ist ein Grund, so unfreundlich zu sein?“
Die Suppe wird serviert. Nicht von Antonia, sondern von ihrem ungarischen Kollegen. Antonia taucht an diesem Abend nicht mehr auf.
Marlies zieht die Vorhänge zurück.
„Schade, dass wir heute fahren müssen. Schau nur, Joe. Es wird wieder ein Super-Schitag.“
Joe reibt sich die Augen. Das plötzlich einfallende Sonnenlicht stört ihn sichtlich.
„Es ist Samstag, Marlies. Was glaubst du, was heute auf den Pisten los ist.“
„Ja, schon. Leider gehst du halt keine Schitouren.“
„Bitte, wie oft haben wir das schon besprochen. Du kannst so viele Schitouren machen, wie du magst. Aber für mich ist das nichts.“
„Ich meinte ja nur, wegen des schönen Wetters.“
„Gehen wir frühstücken und packen wir danach zusammen. Okay?“
„Du hast ja recht. Wir könnten heute noch ins Kino gehen. Die Stadt hat ja auch ihre Vorteile.“
Marlies nimmt die ‚Kleine Zeitung‘, die beim Eingang zum Speisesaal aufliegt, zu ihrem Tisch mit.
„Kinoprogramm“, sagt sie zu Joe und hebt die Zeitung in die Höhe. Vom jungen Paar in der Nische ist nur das Schlachtfeld am Tisch übrig. Wie kann man nur so verfressen sein, denkt Marlies. Sie blickt sich um. Weder Antonia noch der ungarische Kellner sind zu sehen. Hubert, der alte Hausdiener, schleicht beim Buffet herum, schaut in die Küche und gibt Anweisungen, was wieder aufgefüllt werden muss.
„Ich glaube, heute müssen wir mit dem Kaffee aus der großen Thermoskanne vorliebnehmen. Nix Cappuccino, kein großer Espresso für dich“, sagt Marlies enttäuscht.
„Ich bring dir was mit. Was hättest denn gern?“ Joe ist stehengeblieben und lächelt Marlies an. Sie findet, dass er mit seinem glatt rasierten Kopf besonders männlich und sexy aussieht.
„Warum bist du nur so lieb? Wie hab ich das verdient?“
„Einfach durch deine pure Existenz. Also was?“
Manchmal würde sich Marlies gerne ganz normal mit Joe unterhalten. Nicht mit diesem ironischen Unterton. Er könnte ja auch „Weil ich dich immer noch liebe wie am ersten Tag“ sagen. Aber würde sie diesen Satz nicht gleich wieder unter ‚gespielte Übertreibung‘ einordnen? Sie weiß, dass sie ihren Anteil an diesem meist spaßig klingenden Umgangston hat. Irgendwie ist es ein Spiel, aus dem sie nur selten herausfinden.
Joe muss zweimal hin und her gehen, um das Gewünschte zum Tisch zu schaffen. In der Zwischenzeit hat Marlies das Kinoprogramm zum zweiten Mal überflogen. Sie ist nicht fündig geworden und blättert die Zeitung lustlos von vorne durch. Auf der Seite fünf bleibt sie hängen und starrt mit offenem Mund auf den halbseitigen Bericht mit einem Bild vom Lawinenstein.
„Unbekannte Schifahrerin tödlich verunglückt“, lautet die Schlagzeile. Die Frau mittleren Alters hatte sich vermutlich schon vorgestern bei dichtem Nebel ins Gelände verirrt und war abgestürzt. Erst am nächsten Tag fiel einem Variantenfahrer eine offensichtlich schwer gestürzte Schifahrerin auf, die fünfzig Meter links von ihm unter einem Felsabbruch bewegungslos lag und auch auf Zurufen nicht reagierte. Die Rettungskräfte konnten nur mehr den Tod feststellen. Die Unbekannte trug weder einen Ausweis noch ein Handy bei sich. Die Frau war noch nicht als abgängig gemeldet worden. Auch ein Rundruf in den umliegenden Hotels und Pensionen ist ohne Ergebnis geblieben. Die Polizei bittet um zweckdienliche Hinweise.
Marlies schaut auf das abgedruckte, unscharfe Foto. Es wurde wohl bei der Bergung aufgenommen. Das Gesicht der Frau ist voller Abschürfungen und blaugrünen Verfärbungen. Trotzdem glaubt Marlies, Anke zu erkennen. Das herzförmige Gesicht mit dem spitzen Kinn, in dessen Mitte ein winziges Grübchen platziert ist, die vollen Lippen mit der nur wenig geschwungenen Oberlippe, die breite Augenpartie.
„Joe. Schau nur.“
„Was ist denn so Wichtiges? Wollen wir nicht zuerst frühstücken?“
„Schau bitte auf das Foto.“
Sie hält ihm die Zeitung hin.
Joe überfliegt auch den Text und schüttelt den Kopf.
„Das ist doch diese Anke, Joe.“
„Hm, auf dem Foto ist wenig zu erkennen. Außerdem hätte ihr Begleiter sie schon vorgestern als abgängig gemeldet. Spätestens aber beim Anruf im Hotel wäre der Groschen gefallen.“
„Das ist Anke. Ich bin mir sicher. Schau nur die Augen an, den Mund und das spitze Kinn.“
Joe zuckt mit den Schultern und schiebt sich Eierspeise auf die Gabel.
„Ich frag mal den Hubert. Wo sind eigentlich die anderen?“
„Den Kellner habe ich schon gesehen und einen Cappuccino für dich bestellt. Beruhig dich doch wieder und frühstücken wir erst einmal. Dann kannst du immer noch fragen.“
Marlies ist aber schon aufgestanden und eilt mit der aufgeschlagenen Zeitung zum Hausdiener.
„An guten Morgen“, sagt der, als er Marlies auf ihn zukommen sieht. „Was sagen‘s zum Wetter?“
„Hubert, Sie haben doch auch die Frau gesehen, mit der Herr Kurt vorgestern noch da war.“
Sie hält ihm die Zeitung hin.
„Ohne Brille seh ich gar nix. Aber, ich hab’s eh einstecken.“
Er setzt die Brille auf und schaut auf das Bild.
„Schrecklich, das is, weil sich die Leut so überschätzen.“
„Ja, schon gut. Erkennen Sie die Frau auf dem Foto wieder?“
„Na. Das ist ja so unscharf.“
„Haben Sie die Frau vom Herrn Kurt gestern gesehen?“
„Kann mich nicht erinnern. Freitag? Da war ich drei Stunden beim Arzt. Eine Frechheit, wie lange man heutzutage warten muss.“
Marlies winkt mit der Hand ungeduldig ab. „Bitte Hubert, jetzt denken’s nochmal nach.“
„Das bringt auch nix. Ich kann mich echt nicht erinnern. Und außerdem, viel Denken macht Kopfweh.“ Seine Mundwinkel machen einen Ausbruchsversuch nach oben. Als dies nicht gelingen will, wendet er sich ab. „Ich muss mich jetzt wieder ums Buffet kümmern.“
„Wo ist denn die Antonia heute?“
„Die ist mit den Chefitäten nach Liezen gfahrn. Zum Einkaufen. Sie wissen ja, Shopping macht happy.“
„Komisch. Am Samstag sind alle drei weg?“
„Wenn’s um die Abreise geht. Die Rechnung können’s auch bei mir zahlen. Und mit dem Gepäck kann ich ihnen auch helfen, wenn ich da fertig bin.“
„Hm, kann ich vielleicht einen Blick in die Gästeanmeldungen werfen? Bitte, ich würde nur gerne wissen, wie diese Anke genau heißt.“
Hubert schaut Marlies kurz mit offenem Mund an. Seine Zähne wirken schmutzig, die Lippen sind voller Risse und passen damit zur zerfurchten dunklen Lederhaut seines Gesichts. Marlies erwartet ein „Das darf ich nicht“ oder etwas ähnlich Abschlägiges.
„Sie lassen eh net locker, oder? Die Frau schafft an und der Mann spurt. So is halt.“
„Danke. Sie sind ein Schatz.“
„So kommen’s mit.“
Er geht zur Rezeption vor und gibt ihr den Ordner mit den Anmeldungen. „I muss wieder zruck. Aber zum Schaun brauchens mi eh net.“
Marlies blättert die Gästeblätter eine Woche zurück. Sie findet weder einen Kurt noch eine Anke. „Da stimmt was nicht, da ist was faul“, sagt sie halblaut zu sich.
Als sie zum Tisch zurückkommt, wird sie von Joe mürrisch empfangen.
„Kannst du nie Ruhe geben? Ich habe mich echt auf ein gemütliches Frühstück mit dir gefreut.“
„Es tut mir schrecklich leid, mein Schatz.“
Sie setzt sich wieder auf ihren Platz und nimmt einen Schluck vom Kaffee, den sie sofort wieder ausspuckt.
„Der ist ja kalt.“
„Wundert’s dich? Du bist seit mehr als zehn Minuten weg.“
„Du, Joe. Stell dir vor. Bei den Gästeanmeldungen gibt es weder einen Kurt noch eine Anke.“
„Ach, Frau Kommissar ermitteln schon.“
„Hör auf. Ich finde das nicht zum Lachen. Übernehmen halt Sie, Herr Kommissar.“
Joe schaut Marlies versonnen an.
„Also, fassen wir den bisherigen Stand deiner Ermittlungen zusammen. In der Umgebung des Lawinensteins wird eine tödlich verunglückte Frau gefunden. Vermutliche Todesursache ist ein schwerer Sturz und möglicherweise anschließendes Erfrieren. Am Abend des gleichen Tages ist nur mehr ihr Galan zu sehen. Frau Anke ist vermutlich im Zimmer geblieben. Möglicherweise hat sie sich unwohl gefühlt. Dafür spricht, dass sie gestern spät zum Frühstück gekommen sind. Jedenfalls haben wir sie und diesen Kurt nicht gesehen. Ich nehme an, dass sie dann wegen ihrer Erkrankung abgereist sind. Und jetzt kommt’s. Die Gästeblätter der beiden sind nicht im Ordner.“
„Und das findest du nicht im höchsten Maße suspekt? Der Kurt sitzt am Abend des Unfalltages alleine im Speisesaal und am nächsten Tag ist auch er weg.“
„Bitte, Marlies. Ich hab’s grad zu erklären versucht. Die Polizei hat in allen Hotels und Pensionen angerufen und nach einer abgängigen Frau gefragt. Spätestens da hätte man an diese Anke gedacht. Für das fehlende Gästeblatt kann es eine einfache Erklärung geben. Der Kurt wird nichts bezahlt haben. Ein Gegengeschäft sozusagen für die Betreuung des Abrechnungssystems.“
„Ich habe die Anke aber auf dem Foto wiedererkannt.“
„Ja, aber nur du. Was sagt der Hausdiener dazu?“
„Der tut so, als würde er nichts wissen und spielt außerdem auf halbblind.“
„Okay, Marlies. Was schlägst du jetzt vor?“
„Ich weiß es doch auch nicht. Was würdest du machen? Du bist doch der Profi.“
„Also, mit dem Frühstück bin ich fertig. Ich geh schon mal nach oben und beginne zu packen. Kannst ja nachkommen.“
Marlies zieht die Lippen zu einem Schmollmund zusammen.
Joe ist schon aufgestanden und schaut sie fragend an. Er bemüht sich um ein freundliches Gesicht.
„Bist einverstanden?“
„Du, Joe. Hab ich nicht noch einen Wunsch frei?“
Joe lacht: „Glaube ich nicht. Der Saldo steht auf Null.“
„Ich könnte aber einen Vorschuss auf meinen nächsten freien Wunsch nehmen. Der kommt eh früher, als du glaubst.“
Joe setzt sich wieder hin, denn Marlies sieht ihn treuherzig wie ein kleines Mädchen an, das ganz lieb um ein Eis bittet. Sie weiß, dass sie damit Joes Widerstand brechen kann.
„Und was soll das für ein Wunsch sein?“
„Ich trau mich`s gar nicht sagen. Wirst auch nicht böse sein?“ Wieder der Liebes-Mädchen-Blick.
„Sag schon.“
„Also, wir machen es so, wie du willst. Lass mich bitte noch ein Joghurt essen und dann packen wir unsere Sachen zusammen. Wir fragen den Hubert, wo wir unser Gepäck lagern können, und fahren dann hinauf zum Lawinenstein.“
„Warum das? Es ist heute viel zu viel los.“
„Du kannst auch dableiben und auf der Terrasse die Sonne genießen. Ich würde mir halt gerne die Unfallstelle ansehen.“
„Wozu? Willst schon wieder Frau Kommissar spielen? Außerdem, wie willst die Stelle finden?“
„Ich hab eine Beschreibung von den Bergrettern. Bitte, bitte, Joe. Mir lässt die Sache keine Ruhe. Wennst nein sagst, darfst dich dann nicht wundern, wenn ich ganz unausstehlich werde.“
Sie beugt sich vor und gibt Joe einen Kuss.
„Okay. Aber nur, weil das Wetter so schön ist. Nach dieser Aktion ist Schluss mit deinem Detektivspiel. Versprochen?“
Marlies zeigt eine Schwurhand und grinst: „Joe, du bist mein Traummann. Wie hab ich dich nur verdient?“
„Ist das Gelände dort schwer zu fahren?“
„Ich zeig dir die beste Spur. Glaub schon, dass du das kannst.“ Sie sind beide aufgestanden und Marlies fällt Joe um den Hals. Sie bemerkt Hubert, der mit verschränkten Armen neben dem Buffet steht und zu ihnen herüber grinst.
Die Aufbewahrung des Gepäcks sei überhaupt kein Problem, erklärt Hubert. Außerdem könne er den Umkleideraum zur Sauna für sie aufsperren. Dort gäbe es auch Duschen. Das wäre doch einne kleine Entschädigung für die defekte Sauna.
Eine halbe Stunde später gleiten sie wieder über das flache Gelände. Es ist schon fast zehn und ungewöhnlich warm. Marlies verstaut die Haube in ihrem kleinen Rucksack und öffnet die Schijacke. Sie schaut zu Joe, der durchaus zufrieden wirkt, und drückt sich an ihn. Joe legt den Arm um ihre Schultern und beginnt eine Melodie zu pfeifen.
„Uns geht’s doch gut, Joe. Findest du nicht?“
Joe pfeift weiter und zieht sie noch fester an sich.
Oben angekommen fahren sie sofort zum Sessellift des Lawinensteins hinüber. Dazu müssen sie nur noch einen kurzen Schlepplift auf halber Strecke nehmen, um etwas Höhe für den flachen Übergang zur Talstation des Lawinensteins zu gewinnen. Die Pisten sind schon leicht sulzig. Der Andrang der Menschen hält sich noch in erträglichen Grenzen. Beim Sessellift zum Lawinenstein stehen nur wenige Schifahrer.
„Was erwartest dir denn?“, fragt Joe, gleich nachdem sie den Sicherheitsbügel geschlossen haben. Sie haben den sechssitzigen Sessel für sich alleine.
„Keine Ahnung. Vermutlich werden wir eh nichts finden.“
„Und stellt Frau Kommissar dann ihre Ermittlungen ein?“
Marlies atmet seufzend aus: „Hab ich doch versprochen.“
Nach dem Aussteigen lassen sie die Hütte links liegen und stapfen den flachen Hang hinauf, der zur Bergstation der Gondel führt.
„Das auch noch“, schnauft Joe hinter Marlies im Grätschschritt watschelnd.
„Sind ja nur ein paar Meter.“
Sie errreichen die Kuppe, auf der der Seillift zur Hütte endet. Schifahrer, die vom Lawinenstein kommen, können damit den kurzen Gegenanstieg einigermaßen bequem bewältigen. Marlies fährt bis zum Begin des Seillifts in der flachen Senke. Dort schwingt sie am linken Pistenrand ab und inspiziert die Spuren, die ins Gelände führen. Rechts von ihr ist der zunächst nur leicht fallende Beginn schon ziemlich zerfahren. Einzelne Spuren sind nicht mehr zu erkennen. Kein Wunder, das ist auch die übliche Einfahrt zur Variante, die man weit hinunterschwingen kann, um irgendwann rechtshaltend auf die Piste der Mittersteinabfahrt zu stoßen. Eine einzelne Spur verläuft aber wesentlich weiter links in das Gelände. Die Spur ist sehr breit angelegt, was für einen unsicheren Schifahrer spricht. Marlies rutscht näher hin und stellt fest, dass es zwei Spuren sein müssen. Die breite Spur deckt die vordere teilweise zu. Diese ist aber trotzdem zu erkennen, da sie nicht gerade, sondern in kleinen Bögen verläuft. Marlies ist sich sicher, die richtige Spur gefunden zu haben. Die erste Spur könnte von Kurt sein, der Anke wahrscheinlich vorgefahren ist. Sollte sich die Spur nicht vor der Steilstufe scharf nach rechts wenden, dann führt sie in einen fast unfahrbaren Teil.
„Du, Joe. Diese Spur kommt mir eigenartig vor. Fahren wir ihr mal nach.“
Joe nickt nur und zeigt mit dem Stock, dass sie als Erste fahren soll. Marlies fährt der Spur leicht versetzt entlang. Im nur leicht fallenden Beginn muss sie mit den Stöcken anschieben, so tief ist der Schnee durch die starke Sonneneinstrahlung schon geworden. Sie kommen an eine Kante, ab der es unvermittelt wesentlich steiler wird. Marlies blickt nach rechts. Ungefähr fünfzig Meter entfernt sieht man die Abfahrtsspuren der Variantenfahrer. Unmittelbar nach der Kante sind offensichtliche Zeichen eines Sturzes zu erkennen. Der vorfahrende Schifahrer hat kurz unterhalb abgeschwungen. Die beiden Spuren wenden sich noch weiter nach links. Die eine zeigt ein seitliches Abrutschen, kein einziger Schwung ist zu erkennen. Die andere muss von einem sehr routinierten Geländefahrer stammen. Es sind kurze, teilweise gesprungene Schwünge, die perfekt ins anspruchsvolle Gelände gesetzt sind. Die Abrutschfahrt endet in deutlichen Anzeichen für einen weiteren Sturz. Hier wendet sich die routinierte Spur scharf nach rechts.
„Warte hier bitte“, sagt Marlies.
Auch Joe ist mit seinen Schiern seitlich abgerutscht. Marlies hat ihm schon am Beginn der Steilstufe empfohlen, mit den Schispitzen links zu bleiben, also mit der linken Schulter zum Berg. Marlies vermutet keine drei Meter weiter unten den Abbruch. Von oben ist nur eine weitere Kante zu sehen. Fußspuren führen direkt dorthin. Anke hat offensichtlich die Schier abgeschnallt. Für Marlies gibt es keine Zweifel mehr, dass es sich um ihre Spur handelt. Aber warum ist sie nicht wieder bergauf gestapft? Sie wird im Nebel orientierungslos gewesen sein. Außerdem ist es leichter, mit den Schischuhen bergab als steil bergauf zu gehen. Die Schier muss sie aber getragen haben, vielleicht links und rechts einen, um sich darauf abzustützen. Jedenfalls liegen keine herum. Oder hat sie die Bergrettung mitgenommen? Auch sie müssen jetzt dringend nach rechts, um in wieder besser fahrbares Gelände zu gelangen.
„Joe, wir müssen nach rechts weg. Weiter unten können wir versuchen, zur Unfallstelle zu gelangen.“
Marlies setzt zwei, drei kurze Schwünge und hört Joe fluchen. Er ist gestürzt und hat große Mühe, wieder aufzustehen.
„Wie soll ich da nur runterkommen?“
„Hier ist es wirklich schwierig. Abrutschen ist wegen der kleinen Felsblöcke und Latschen nicht ratsam. Du müsstest springen.“
„Ha, ha. Kann ich nicht.“
„Komm erst einmal zu mir runter.“
Eigentlich stellt sich Joe gar nicht so schlecht an, denkt Marlies. Durch seine Angst hat er aber zu viel Rücklage und kann daher seine Schier nicht steuern. Joe kommt unmittelbar vor ihr erneut zum Sturz. Marlies hilft ihm auf.
„Vorschlag. Ich fahre dir so flach wie möglich vor und mache dann eine Spitzkehre.“
Es sind vielleicht zwanzig, dreißig Höhenmeter. Dann wird es wesentlich leichter. Da jede Hangschrägfahrt wegen der Felsen und Latschen nur sehr kurz ausfällt, sind einige Spitzkehren nötig. Joe braucht für eine Spitzkehre sicher die doppelte Zeit wie Marlies, dafür gibt es aber keinen weiteren Sturz. Schließlich bleiben sie bei einer kleinen Kuppe stehen.
„Magst was trinken?“
„Nein, ich will nur hier raus.“ Marlies schmunzelt, weil sie der Satz an das Dschungelcamp erinnert.
„Bist du ein Star?“, fragt sie ihn keck.
„Was soll das? Mir ist nicht zum Scherzen.“
„Na, es heißt doch: Ich bin ein Star, holt mich hier raus.“
„Sehr witzig. Und was jetzt?“
„Wir fahren jetzt wieder nach links. Hier unten sollte es auch für dich kein großes Problem sein. Dann müssen wir die Schier abschnallen und die Steilstufe bis zum Ende des Abbruchs hinaufsteigen.“
„Ich bin jetzt schon schweißgebadet. Aber gut, wenn wir schon so weit gekommen sind.“
Der felsige Abbruch ist von hier aus gut zu sehen. Marlies schätzt, dass er gute zehn Meter hoch ist. Beim extrem steilen Aufstieg mit den Schischuhen müssen sie die Stöcke kurz nehmen, um nicht die Balance zu verlieren.
„Schau mal. Da links ist was Rotes.“
Marlies schaut in die Richtung, in die Joe mit dem Schistock deutet. Richtig, da schaut ein kleiner roter Zipfel unter dem Schnee hervor.
„Du hast ja Adleraugen.“
„Behalte die Handschuhe an, wenn du’s rausziehst.“
„Alles klar, Herr Kommissar.“
Marlies ist schon bei der Stelle und zieht ein rotes Täschchen aus dem Schnee. Muss wohl von der Unfallstelle abgerutscht sein, denkt sie.
Was ist wohl in dem Täschchen? Obwohl sie sich noch immer im steilen Hang befindet und keineswegs sicher steht, öffnet sie den Reißverschluss des Täschchens. Sie hat nur dünne Handschuhe an, sodass sie gezielt hineingreifen kann. Als Erstes holt sie ein Handy hervor, das aber tot ist. Sie zeigt es Joe, der unterhalb von ihr auf der rechten Seite steht. „Akku leer, glaub ich. Aber wir können dann im Hotel schaun. Mein Ladegerät sollte passen.“
Sie steckt das Handy in ihre Jackentasche und holt als Nächstes einen Ausweis heraus. Dieser lautet auf Anke Oswalt und ist zu Marlies´ Überraschung ein Behindertenausweis.
„Du, Joe, diese Anke ist, also war, Epileptikerin. Was sagst jetzt?“
„Vielleicht hatte sie einen Anfall und ist deshalb abgestürzt?“
„Möglich, aber genauso gut könnte sie im Nebel den Abbruch einfach nicht gesehen haben. Die Frage ist doch, welche Rolle der zweite Schifahrer gespielt hat.“
Dann ein deutscher Personalausweis.
„Rat mal, wie alt die Anke ist.“
„Keine Ahnung. Sag schon.“
„Fünfundvierzig, wenn ich mich nicht verrechnet habe.“
„Ich hätte sie jünger geschätzt, etwa so alt wie du.“
„Danke. So schnell wird aus einem Vorschuss-Wunsch ein richtiger.“
Als Letztes fischt Marlies ein durchsichtiges Plastiksäckchen mit einigen Geldscheinen darin heraus.
„Marlies, hör jetzt auf. Schaun wir, dass wir zu der Aufprallstelle kommen. Ich fühl mich da nicht sehr wohl.“
„Ja, okay.“
Marlies schaut in das Täschchen und glaubt, nur noch einen Lippenstift und ein Päckchen Taschentücher zu erkennen.
Sie erreichen die zertrampelte Unfallstelle und blicken nach oben. Der Abbruch ist zerklüftet und fast senkrecht.
„Das reicht, um zu Tode zu kommen“, sagt Joe keuchend. „Hat sie einen Helm getragen?“
„Auf dem Foto in der Zeitung ist sie ohne Helm, aber mit einer Haube zu sehen.“
„
