Der Franke in Rente - Joachim Engel - E-Book

Der Franke in Rente E-Book

Joachim Engel

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Beschreibung

Dieses Buch begleitet den Sebber in sein neues Leben als Rentner. Den Freuden und Leiden des Älterwerdens wird hier in Form von Kurzgeschichten ein Schmunzeln abgewonnen. Alltägliches, Gesellschaftliches und auch das bevorstehende Ende beschäftigen den Sebber, aber auch beim Thema Tod bleibt am Ende ein Grinsen. Der Text ist dabei in leicht lesbarer fränkischer Mundart geschrieben.

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Seitenzahl: 110

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Die Geschichten sin frei erfunden. Ähnlichkeiten mit tatsächlichen Personen oder Ereignissen wären zufällig und nicht beabsichtigt.

Wie? Sie denken: Der lüücht doch!

Nee, ich lüüch net, wirklich net.

Obwohl, wenn ich so drüber nachdenk: Des würd jetzt Jeder behaupt, sowohl der Ehrliche als auch der Lüüchner würd sagen: Ich lüüch net. Der Lüüchner wär ja ke Lüüchner, wenn er jetzt sag würd: Also gut, ich gäbs zu, ich hab gelogen.

Was kammer also jetzt noch gläb?

Also gut, des war jetzt der philosophische Teil des Buches.

Versprochen, ehrlich, ich lüüch net.

Joachim Engel, geboren 1961 in Haßfurt, aufgewachsen in Unterschleichach, lebt in Schweinfurt

bisher veröffentlicht:

Kurzgeschichten in Mundart:

Es hät fei schlimmer kum könn

Das Leiden des fränkischen Sebber

Der Franke gibt net auf

Romane in deutscher Sprache:

Rossmarkt (Episodenroman)

Die Seele ist ein leeres Fass (aus einem Polizistenleben)

Ein Wort vorweg

Der Sebber ist eine frei geschaffene Persönlichkeit, die sich nicht anmaßt, als Franke schlechthin zu gelten, bzw. die Auffassung des Franken generell zu vertreten. So greift er auch umstrittene Gedanken auf, über die man durchaus geteilter Meinung sein kann.

Ziel ist es beim Leser ein nachdenkliches Schmunzeln zu hinterlassen.

Empfohlen werden deshalb ein bis zwei Geschichten vor dem Schlafengehen. Vor einer Überdosierung wird ausdrücklich gewarnt.

Inhaltsverzeichnis:

1. Letzter Einsatz

2. Net zuständich

3. Am Rande der Gesellschaft

4. Ken interessierts

5. Pause

6. Es wird schlimmer

7. Wenn’s der Hund net mooch

8. Verkaufsgespräch

9. Haifischbecken

10. letzte Fahrt

11. Karriere

12. Ich mag meine Mitmenschen nicht (Teil 1)

13. Ich mag meine Mitmenschen nicht (Teil 2)

14. Gnadenfrist

15. Statistisch gsänn

16. Gegensätzliche Welt

17. Wer is der Kerl

18. So geht’s net weiter

19. Wenn’s rum is

20. Hängt na höher

21. Franken geht unter

22. Selber schuld

23. Ganz alee

24. Lizenz zum Töten

25. Glück khabt

26. Warum der Hund Gras frisst

27. Experten

28. Altes Fleisch

29. Vo Gauner und annere Leut

30. Zucchinipfännle

31. Morng zeich ich’s euch

32. Ein Hoch auf die Demokratie

33

.

Helau

34. Unruhige Nacht

35. Zu allem bereit

36. Sebber denkt

37. Nicht zu helfen

38. Spaß in der Baugruben

39. Sebber mir brauchen dich

40. Der Franke in New York

41. Ich bin unschuldich

42. Schwein gehabt

43. Sebber muss sterb

44. Ich war’s net

45. Versuchung

46. Lebensgefahr

47. Schlechten Tag erwischt

48. Selbst is der Sebber

49. Einfach mal die Fresse halten

50. Wer hat Angst vorm schwarzen Mann

51. Sünde die mich weckt

52. Was kenner säh will

53. Nicht ohne meinen Hund

54. Schinderhannes

55. Nimmer zum aushalten

1. Letzter Einsatz

„Sebber, willst du heut überhaupt nochma Streife fahr? Weil es is ja dei letzter Dooch vor deiner lang verdienten Pensionierung. Könnerst a herin bleib. Net dass nuch was passieren däd.“

„Ja wieso net? Wennst mich brauchst, bin ich da, bis zum End. Morng kannst mich dann mal kreuzweis…“ Der Sebber grinst. Sei Dienstgruppenleiter ah.

„Naja, in der Friedhofstrass in Dingsbumms könnt ich euch gebrauch. Da hats Familienstress gähm und die Fraa is durchgedreht. Du wässt ja, dass des immer die unberechenbarsten Einsätz sinn. Fahrt halt mal vorsichtshalber mit hie.“

Kurz drauf lässt sich der Sebber am Einsatzort vom Sachbearbeiter die Lage erklär:

„Die ham Streit khabt. Dabei is sie völlich ausgerastet, hat ihm des Gsicht zerkratzt und Haar rausgerissen. Jetzt hammer sa nausgschmissen und Haus- und Kontaktverbot erteilt. Mir packen grad noch a bor Sachen von ihr zam.“

Der Kollech geht widder nein Haus und der Sebber bleibt näber der jungen Dame, die sich widder weng beruicht zum ham scheint, stenn.

Aus der Einsatzmeldung wäs er, dass des Mädle scho öfters mit der Polizei zu tun khabt hat und a scho öfter eigsperrt war.

„Wieso muss ich aus meim eichena Haus naus? Des khört doch mir, zudem sin des mei Kinner, die senn gor net vo demm.“

„Des is uns grad egal. Wer sich aufführt wie a Wahnsinnicher, der fliecht naus, egal ob Mann oder Frau, Eichentümer oder Lebensgfährte. Gefahrenabwehr nennt mer sowas. Wer spinnt, der kummt fort…“

Die Dame guckt den Sebber unglaubwürdich an: „Was sin Sie denn für a Arschloch?!“

„Eins des Ihnen mal die Wahrheit sacht…“

Der Sebber grinst in sich nei. „Sie Arschloch“ hat ah nuch kenner zu mir gsacht. Anscheinend hat sa ja doch Respekt vorm Alter.

Empfindliche Uniformträcher hätten da jetzt sicher eigspannt und Anzeige erstattet. Net umsonst nimmt die Gewalt gecher Polizisten immer mehr zu. Beleidichung fällt da statistisch gsänn nämmlich mit nei.

Näh, ich finds fast witzich, mich so in den Ruhestand zu verabschieden. Mit „Sie“ hat sie mei Alter und mich persönlich respektiert. Mit „Arschloch“ hat sie eh blos mei Uniform und mei Amt gämeent….

2. Net zuständich

Der Sebber hat sich a schattigs Plätzla gsucht, unter ahm großen Sonnenschirm, bisle abseits vom Trubel. Obber was hässt Trubel auf Ikaria, der griechischen Insel der Hunderjährigen, also der Insel wo tatsächlich die meisten Hundertjährigen lähm?

„Den ganzen Dooch blos am Strand, den Dooch genieß, abends dann gut äss und trink. Des Lehm kann soo schö sei, wemmer den Hergott an guten Moo sei lässt.“

A älteres Ehepaar waren die einzichen sonstigen Urlauber am Strand heut. Obber die ham sich so laut angegift, dass es efach net zu überhören war und den Sebber tatsächlich bisle in seiner Ruhe gstört hat.

„Dann wärst du doch derhem gebliehm. Nörgelst ja eh blos den ganzen Dooch a mir rum. Und nachts schlaf lässt mich ah net, mit deim Gschnarch.“

„Ach leck mich doch am A…“ Wütend mecht der Herr kehrt und geht in Richtung Hotel davo.

Der Sebber schmunzelt unbemerkt.

Erinnerungen an seine aktive Polizeizeit wern wach.

Beziehungsprobleme warn doch damals sei Spezialität, hat er gedacht.

„Was wohl aus denna worn is?“, is dem Sebber nein Kopf kumma.

A junges Pärchen wars. Sie grad 18, er vielleicht 25. Ständich ham sa sich gstritten und immer gleich so, dass die Streife anrück musst. Mindestens ehmal im Monat. Insgsamt waren scho 10 Einsätz aktenkundich worn.

Ehmal is Sie so ausgerast, dass der Sebber sa am Arm zurückhalt musst, weil sa ihn die Augen auskratz wollt.

„Sie ham mich gschlagen!“, hat sie gebrüllt und den Sebber angezeicht. Gut dass es damals scho die Kameras, also die Bodycam, gähm hat und sich die Beschuldigung ganz schnell in Luft aufgelöst hat.

Später is der Kerl dann mal zur Dienststelle komma, weil er a Bescheinigung für sein verlorenen Ausweis gebraucht hat.

„Mir ham uns getrennt. Des hat ken Wert mehr khabt.“

„Des brauchen Sie mir net zu sagen. Des hat jeder Blinde gsänn. Eure Streiterein warn scho immer heftich. Ich hoff, dass jetzt wirklich Schluss is. Weil getrennt habt ihr euch ja immer für zwä Dooch. Jedesmal Anzeige erstattet und am nächsten Dooch widder zurückgenomma.“

„Näh näh, desmal is wirklich rum, versprochen.“

A Wochen später is der Sebber mit seim Kollegen zu ahm Familienstreit gschickt worn. Wie sa ausgstiegen und auf des Haus zugeloffen sin, war der Kerl vor der Tür gstanna und hat scho vo weitem gewunken.

„Ihr seid des? Ich gläbs net. Gell ihr wohnt jetzt da?“ Der Sebber is ungläubich in sicherer Entfernung steh gebliehm.

Der Kerl hat aweng betreten geguckt. „Ja, die führt sich widder auf. Ich komm efach net mit ihr klar.“

Der Sebber hat sich mit dem Zeigefinger an Kopf gelangt und durch die gschlossenen Lippen geblasen.

„Pfäh, ich gläb ihr spinnt. Macht euren Scheiß gfälligst allee!“

„Wie? Kommen Sie jetzt net mit hoch?“

Der Sebber hat damals wortlos sein Kollegen gepackt und is davo gfahren.

Ja, des is gottseidank lang her. Grinsend hat sich der Sebber in seim Liegestuhl gedehnt und gstreckt, wie der ältere Herr zurück kommt und wütend mit erhobener Faust auf sei Fraa zustürmt.

Der Sebber hällt sich die Ohren zu und secht halblaut: „Lasst mich in Ruh, ich bin nimmer zuständich, und auf Ikaria scho dreimal net.“

3. Am Rande der Gesellschaft

Wie jeden Tag steht der Sebber an der Bushaltestelle. Er hats net eilich nein Streifenwagen zu kommen, nimmts gelassen, dass sich Jung und Alt vordrängen und steicht als Letzter in Bus nei. Der Busfahrer erwidert dem Sebber sei „Morgen“ net und is scho widder am losfahren, bevor der Sebber sich hiesetz kann. „Stoffel“ denkt er, sucht sich halt und bleibt stenn.

Zielstrebich geht der Sebber dann den kurzen Wääch zur Dienststelle, holt sein Schlüssel aus der Hosentaschen und will die schwer Eingangstür aufsperr. „Wos is denn jetz los, des gibts doch gor net.“ Ungläubich guckt der Sebber abwechselnd sein Schlüssel und die Tür an. Obber so sehr er sich ah anstrengt, der Schlüssel passt net.

Drinna sin scho die ersten Kollechen beschäftigt, sitzen ah ihra Schreibtisch oder tragen ganz geschäftich schwera Akten durch die Gegend.

Der Sebber rüttelt an der Tür und wedelt ganz wild mit die Händ, obber kenner reagiert. Manchmal guckt ehner in seiner Richtung, verziecht obber ke Miena oder zeicht süst irgendwie a Reaktion.

Die Tür bleibt zu.

„Ja, leckt mer doch am Orsch. Macht doch euern Scheiß allee.“ Endnervt geht der Sebber langsam davo in Richtung Innenstadt. „Nacherd mach ich mir halt an schöna Dooch.“ Beim Weggehen dreht er sich noch paarmal um und guckt zurück, obber hinter ihm reecht sich nix.

In der Stadt geht er langsam übern Marktplatz und überleecht, was er mit dem freien Dooch anfang könnert, so ganz allee. Das kenner für na Zeit hat wird schnell klar, wie er den erschten Bekannten mit „Hey servus!“ scho vo weitem grüßt, der aber hastig und ohne Antwort an ihm vorbeirennt.

Nachdem die Gschäfte noch alla zu ham und der Sebber sein Bürokaffee gewöhnt is, geht er beim nächsten Bäcker nei, wird dort gegrüßt und bedient, wie alla annern Anwesenden ah, käfft sich an Kaputschino mit am Hörnla und setzt sich an an freien Tisch zwischer lauter alta Leut.

„Oje, wu bin ich denn da hiegeraten. Die Alten ham vielleicht Probleme. Die näber mir reden scho a viertel Stund über die Spritpreise, wieviel der Diesel heut teurer und wo er vielleicht möglicherweis an Cent billicher is. Die hinter mir schenden über des Fernsehprogramm vo gestern abend. Mein Gott. Nacherd sölln sa halt die Kisten ausmach, wenn sa sich blos aufreechen. Ich muss da naus.“ denkt sich der Sebber und steht auf.

„Lasst mer blos mei Ruh.“ secht er leis, wie er langsam in der Spitalstraße auf an Informationsstand vo Green-Peace zuläuft und sieht, wie die jungen Leut im Strickpullover jeden Passanten ansprechen. Wundern tut er sich dann obber doch, wie er unbehellicht an dena vorbeilauf kann.

In der Bank steht er dann ungewöhnlich lang unbeachtet am Schalter, bis er dem jungen Ding erklär kann, dass er gern mal a Beratung wäächer ahner Geldanlage und ah wäächer seiner Lebensversicherung hab tät.

Die guckt na vo ohm bis unten an und secht dann, dass er dafür an Termin bräuchert, zöchert bisle und behauptet, dass die nächsten vier Wochen kenner mehr frei wär.

Als er kurz drauf im Sportgschäft a neue Joggingmontur und a bor Renndabben, äh Laufschuhe, käff will, kümmert sich vom Personal ke Sau um unnern Sebber. Alla sin mit jüngere Kunden beschäftigt.

Entnervt, ausgegrenzt, am Rande der Gesellschaft stehend, steicht der Sebber schließlich widder nei sein Bus und fährt hem.

Im Haus is alles ruhich. Frau Sebber is offensichtlich auf der Ärbert. Aufm Esstisch licht a Zettel:

Schatzi, damit dir net langweilig ist, bitte:

Staubsaugen,

Mülleimer leeren

Betten abziehen

Einkaufszettel siehe Rückseite

Ich freu mich auf ein gutes Abendessen.

dein Spatzl

Dem Sebber fällts wie Schuppen von den Augen, wie er seinen Lebensinhalt auf dem Zettel sicht. Entsetzt und sprachlos setzt er sich und es fällt ihm wie Schuppen vo die Augen.

„Scheiße, ich bin ja in Rente….“

4. Ken interssierts

Die Aachen gen vorsichtich auf. Die erschten Sonnenstrahlen fallen nein Zimmer. Langsam bewecht der Sebber den Unterkiefer, den Kopf, ärbert sich über den Hals zu die Schultern vor. Der Rücken bleibt steif, obber die Bee bewechen sich bisle.

Ke Zweifel: Er läbt nuch.“

Wos a Glück, denkt er sich. Freilich denkt er sich des spasshalber jeden Dooch, obber heut besonders. Heut is alles bisle annersch. Der Hals kratzt weng. Rücken, Hüften und Oberschenkel schmerzen. Der Sebber merkt sofort: Die genannten Körperteile ham heut ke Lust.

Mit am ächzenden lauten „Ach du Scheiße!“ rollt sich der Sebber seitlich ausm Bett und fängt sich grad nuch mit dem rechten Arm, der nuch zu funktionieren scheint, am Boden ab.

Mühsam mit am lauten Stöhnen kommt er hoch und mit wirrem Haar und ohne Socken schlurft er langsam in Richtung Küchen. Die Kaffeemaschien ignoriert er. Näh, heut müssen härtere Sachen her. Vielleicht a Kamillentee mit Honich drin. Vielleicht ganzergor a Medizin, a Aspirin, a Abuprofeen, an Sinupred, odder am Besten a ACC 600.

Wie er endlich am Küchentisch sitzt, fängt wenichstens des Hirn langsam des Ärberten an.

„Was muss ich jetzt mach? Wen ruf ich denn an? Zu welchem Doktor geh ich denn etzert?“