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"Rossmarkt" begleitet Personen aus verschiedenen sozialen Schichten der Stadt Schweinfurt, deren Wege sich immer wieder auf zunehmend tragische und dramatische Art und Weise kreuzen und verknüpfen. Sebastian Weinhold, Hauptperson der Geschichte, ist es vorbestimmt, nach Verlust aller kleinbürgerlichen Werte ein tiefes Tal der Tränen zu durchschreiten. Auch wenn die Handlung frei erfunden ist, wird der Leser vom Autor in eine real anmutende Welt versetzt.
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Seitenzahl: 133
Veröffentlichungsjahr: 2014
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Wohin gehst du?
Rossmarkt
Aufstellung
Warmlaufen
Spielbeginn
Platzverweis
Ballgeschiebe
Halbzeitpause
Kabinenpredigt
Foulspiel
Gegentor
Neuer Spielaufbau
Schlussphase
Verlängerung
Elfmeterschießen
Auslaufen
Neuer Spielbeginn
Wir wollen hier die Geschichte des Sebastian Weinhold erzählen. Eines Mannes mittleren Alters, weder groß noch klein, sich nicht durch übergroße Intelligenz auszeichnend und darüber hinaus nicht mit Eigenschaften ausgestattet, welche sein ungewolltes Dasein als leidender und stiller Held eines Romans rechtfertigen würden.
Sein hier erzähltes Schicksal wird von Personen begleitet, die wir, genau wie unseren Sebastian, nicht bemüht sind, einseitig nur als gute oder schlechte Menschen darstellen zu wollen. Ihnen allen ist schließlich nur Eines gemeinsam: Das uns alle unablässig vorantreibende Streben nach Glück.
Wir wollen unsere Geschichte in der Stadt Schweinfurt und deren Umgebung spielen lassen. Eine Stadt die sich auf den ersten Blick, genauso wie unser Romanheld, durch keinerlei Auffälligkeiten auszeichnet, die nicht mit irgendwelchen von Herzögen oder Bischöfen geschaffenen Prachtbauten glänzen könnte, geschweige denn in irgendwelchen Reiseführern besondere Erwähnung findet.
Eine Stadt deren Bild von Anbeginn des 20. Jahrhunderts durch große Industrieanlagen und -betriebe geprägt und lange Zeit nicht verändert worden war. So hatte sich insbesondere nach Kriegsende eine Generation von zuverlässigen arbeitsamen Menschen herangebildet, deren Angehörige (es waren einige Tausend) in der Regel in der Metallproduktion Zuflucht und ein sicheres Einkommen gefunden hatten. Selbst aus größeren Entfernungen wurden mehrmals tagtäglich (es wurde in 3-Schichten gearbeitet) von eigens errichteten Buslinien die sogenannten Öltaschen (so wurden die Arbeiter von den anderen Bevölkerungsgruppen aufgrund ihrer weit verbreiteten, abgewetzten und öligen Ledertasche etwas verächtlich genannt) in die Stadt gebracht.
Erst Ende der 80er Jahre hatte sich das Bild der Stadt etwas verändert. Auch von Seiten der Regierenden war dem geänderten Freizeit- und Anspruchsverhalten der Bevölkerung Rechnung getragen worden. Das durchaus vorhandene historische Stadtbild war an vielen Stellen wieder hergestellt worden. Einkaufsmöglichkeiten und zum Verweilen einladende Plätze und Gaststätten waren entstanden.
In Ermangelung anderer Möglichkeiten hatte man lange im Fußball einen Ausgleich und eine Freizeitbeschäftigung gefunden und der FC 05, die sogenannten Schnüdel, waren eine feste Institution geworden. Dem wollen wir in der Einteilung und Untergliederung dieses Buches Rechnung tragen.
Wir müssen unsere Geschichte zweifelsohne in unbedingter Vergangenheit erzählen. Die Geschichte, zumindest die des Aufschreibens würdige Geschichte des Sebastian Weinhold, ist vorbei. Sie lebt nicht in dem Hier und Jetzt neben unserer Eigenen. Sie ist abgeschlossen und unwiderruflich beendet.
Es war ein verregneter Freitagnachmittag. Die Stadt zeigte sich grau und eintönig. Menschen suchten unter großen Regenschirmen Zuflucht oder drängten sich an die Häuserfluchten, die jedoch kaum Schutz vor dem Regen boten. Die Nässe und damit einhergehende Kälte drang ungemütlich durch die Kleidung. Der Winter wollte einfach nicht weichen und vertröstete den so sehnlichst erwarteten Frühling immer wieder auf die nächste Woche.
Man wusste Jahre später nicht, wann das Verhängnis seinen Anfang genommen hatte. Niemand hätte jenen Freitag als Ausgangs- oder Wendepunkt benennen können. Dennoch wollen wir unsere Erzählung an diesem Tag beginnen und unsere Hauptpersonen von nun an ein Stück ihrer Wege begleiten.
Sebastian Weinhold ging schnellen Schrittes vom neuen Einkaufszentrum kommend am Gerichtsgebäude vorbei über den Jägersbrunnen in Richtung Rossmarkt. Dort wollte er auf seinen Bus, welcher ihn hoffentlich möglichst schnell nach Hause bringen würde, warten.
Etwas enttäuscht hatte er sich auf den Heimweg begeben. Eigentlich hatte er sich in der Stadtgalerie mit Anna verabredet. Anna war jedoch nicht anzutreffen gewesen. Wie immer, wenn es notwendig gewesen wäre, war sie nicht zu erreichen. Die Ausreden waren vielfältig. Kein Handy-Empfang im neuen Einkaufszentrum, Handy in der Handtasche nicht gehört, Akku leer, vielleicht auch nur versehentlich ausgeschaltet. So hatte Sebastian seine Frau angesichts der Vielzahl von Geschäften vergebens gesucht.
Sebastian trug keinen Anzug. Er hatte sich nach einem normalen Arbeitstag mit gewöhnlicher, nicht vornehmer, nicht zu abgetragener Kleidung auf den Nachhauseweg begeben. Sein aufkeimender Dreitagebart würde ihn wohl übers Wochenende begleiten. Sebastian trug eine beige Schildmütze mit aufgenähtem Fuchslogo aus Leder. Als Brillenträger benutzte er die Mütze gerne als Regenschutz.
Sebastian war froh, sich äußerlich nicht zu sehr vom gewöhnlichen Einwohner Schweinfurts zu unterscheiden. Der Rossmarkt war ohnehin schwer genug zu ertragen.
Obwohl Sebastian schnell gelaufen war, zeigten Jacke und Hose bereits durchnässte Stellen.
Wie täglich hielt sich eine Gruppe von annähernd zwanzig jungen Personen am Rossmarkt auf. Wir benutzen bewusst den Ausdruck Personen. Wir wollen die jungen Leute in ihren schwarzen Nietjacken, teilweise bis zum Boden reichenden reichlich abgetragenen Mänteln, schwarzen Stiefeln, über alle Maßen mit Metall bestückten Gesichtern und bunten Haaren nicht abwertend bezeichnen. Waren es doch Menschen die eben noch ziel- und planlos umherirrend ihren Weg in der Gesellschaft suchten. Zu jener Zeit jedoch sorgte die Gruppe dafür, dass sich Leute wie Sebastian Weinhold ungern am Rossmarkt aufhielten.
„Hey Alter, hast du mal eine Zigarette für mich?“ Ein 16-jähriges, auffällig mit schrill leuchtend roten kurzen Haaren hervorstechendes Mädchen kam auf Sebastian zu. Loretta, vom Elternhaus mit großen Hoffnungen bedacht, sie als schwere Last mit sich tragend, von der Mutter mit einem ungewöhnlichen Namen als äußeres Zeichen eines zu erwartenden besonderen Lebensweges gekennzeichnet, von hochtrabenden Erwartungen jedoch überfordert, sprach Sebastian an.
Loretta stellte sich breitbeinig vor Sebastian. Ober- und Unterkiefer waren mit einem Kaugummi beschäftigt, wobei sich ihr Mund bei jeder Kaubewegung unappetitlich öffnete.
Sebastian schaute verlegen zu Boden. Alkoholgeruch schien den ganzen Rossmarkt einzuhüllen.
Zwei, drei Jugendliche aus der Gruppe wurden aufmerksam und beobachteten Loretta, ihr unsichtbaren Rückhalt gebend.
„Dann gib mir wenigstens ’nen Euro. Den hast du doch sicher übrig.“
Plötzlich ließ Loretta von Sebastian ab, ging zurück und verschwand in ihrer Gruppe. Erst jetzt wurde Sebastian gewahr, dass sich eine Polizeistreife genähert hatte. Ständige Kontrollen waren am Rossmarkt notwendig geworden. Immer wieder gleichbleibende Abläufe prägten das Bild. Die Ausweise der Jugendlichen wurden kontrolliert und am Polizeifunk mit der aktuellen Fahndungsliste abgeglichen.
Der jüngere Polizist sprach kurz mit dem offensichtlichen Anführer der Gruppe. Dieser hatte sich wohl schon dem Alter der 30 genähert, trug lange schwarze Haare und einen bis zum Boden reichenden Filzmantel. Der andere Polizist, Peter Hausmann, 47-jährig, hielt sich im Hintergrund und drehte derweilen an seinem überdimensionalen Schnurrbart.
Schließlich mussten die Jugendlichen auch diesmal ihre Jacken und Mäntel öffnen. Zum Vorschein kommender Alkohol wurde ihnen abgenommen. Die Jugendlichen wurden des Platzes verwiesen. Murrend zogen sie weiter, um sich wahrscheinlich zum nahegelegenen Theater zu begeben und sich dort unter einem der Treppenaufgänge niederzulassen, anderen Personen das heile Welt- und Stadtbild zu stören.
Die Polizeistreife entfernte sich. Peter Hausmann fuhr den Streifenwagen. Das heißt, er fuhr eigentlich nicht richtig, er führte Krieg mit dem Streifenwagen. Das Automatikgetriebe blieb für ihn ein nicht zu lösendes Geheimnis. Bei jedem Halt vergessend die Hebelstellung von N auf P zu schieben, versuchte er stets vergeblich nach dem Einsteigen den Motor zu starten. Beim Ein- und Aussteigen schimpfte er über den aus seiner Sicht unkomfortablen Streifenwagen, dabei geflissentlich übersehend, dass er mit 40 Jahren am Scheideweg angekommen, sich wie so viele Altersgenossen für den falschen Abzweig entschieden, von Sport und unnötiger Bewegung verabschiedet und den bequemen Weg zum Kühlschrank, Fernseher und Sofa gegangen war. Seine Körperfülle störte den Weg am Lenkrad vorbei empfindlich. In Ermangelung der Fähigkeit sich mit Problemen beschäftigen zu wollen, führte er täglich seinen Kampf mit Sachen, welche sich ihm nicht willenlos unterzuordnen bereit waren. Sein fein säuberlich nach oben gezwirbelter Schnurrbart duldete ebenfalls keinen Widerspruch. Jedes Härchen wurde auf seinen Platz gezwungen, musste sich unbedingter Herrschaft unterwerfen.
So lebte Peter in seiner kleinen Welt. Sein Beruf, seine Uniform, die damit verbundene Machtposition und blind zu befolgende Vorschriften gaben ihm den nötigen Halt. Mit widersprechenden Menschen und widerstrebenden Sachen wie z.B. Automatikgetrieben wollte er sich nicht beschäftigen. Dabei zeigte er eine ihn permanent umgebende Spannung, die Augenbrauen stetig nach oben gezogen, die Stirn in Falten gelegt.
Sebastian war in den Bus gestiegen. Im Wegfahren sah er noch einen verwahrlosten älteren Mann auf einer Metallbank sitzen. Der Mann hatte eine Plastiktüte zwischen den Beinen stehen. Er war wohl eingeschlafen.
Waldemar Klein war vor 10 Jahren mit großen Hoffnungen nach Deutschland gekommen. Seine Heimat in Kasachstan hatte er gerne verlassen, war er doch dort als vermeintlich Deutscher nach der Auflösung der UDSSR nicht mehr willkommen gewesen. Einzig im Alkoholgenuss war er der Bevölkerung nahe gekommen. Gerne hatte er mit Frau und zwei Söhnen schließlich die Einwanderungserlaubnis deutscher Behörden angenommen und war mit Familie und seinem Alkoholproblem im Gepäck in Richtung Deutschland aufgebrochen.
Kurzzeitige Beschäftigungen in Großbetrieben waren aufgrund seiner fehlenden Qualifikation, Unzuverlässigkeit und immer wieder aufkeimenden Trunksucht nicht von Dauer gewesen. So hatte er sich in einen für ihn nicht zu entkommenden Kreislauf begeben. Neues berufliches Scheitern hatte größeren Alkoholeinfluss zur Folge. Sein Abstieg wurde immer vorhersehbarer und unaufhaltsamer. Schließlich war auch die Situation zuhause unerträglich geworden. Seine Probleme hatten sich immer häufiger in Gewalt gegen die Ehefrau entladen und die anständigen und um Fuß zu fassen bemühten Söhne hatten ihn vor die Tür gesetzt.
So war er in die Euerbacher Straße gekommen. Vom Sozialamt der Stadt Schweinfurt war ihm ein Zimmer zugewiesen worden. Dort hatte er den Weg vieler Leidensgenossen genommen, war endgültig haltlos und verwahrlost, hatte sich auf die Stufe irgendwo zwischen Mensch und Tier begeben und wartete nun am Rossmarkt auf seinen nicht mehr zu vermeidenden vollständigen Untergang.
In seinem Zimmer gab es nur noch einen unansehnlichen übelriechenden, hauptsächlich mit Alkohol bestückten Kühlschrank, einen Klapptisch mit einem einzigen Kunststoff-Gartenstuhl und auf dem Boden liegenden dreigeteilten Matratzen.
Regelmäßig sammelte er ab Monatsmitte nach Verbrauch seiner Sozialhilfe leere Pfandflaschen in eigens mitgebrachten Plastiktüten, um so sein menschenunwürdiges Dasein wenigstens noch kurze Zeit fristen zu können. Seine dicke Pelzjacke, seine bläuliche Cordhose und auch der gesamte Waldemar Klein verbreiteten einen dumpfen, vor sich hin faulenden Geruch, der die Menschen um ihn herum auf Abstand hielt.
Der Bus mit Sebastian Weinhold näherte sich Sennfeld. Sebastian war in Gedanken versunken. Die Frau, welche ihm gegenüber saß, nahm er kaum wahr. Auch Dilan Yilmaz nahm von Sebastian keine Notiz. Sie hatte einen anstrengenden Arbeitstag im Leopoldina-Krankenhaus hinter sich gebracht, in dem sie als Ärztin in der Notaufnahme ihren Dienst versah. Dilan hatte ihre langen fast pechschwarzen Haare zu einem Zopf geflochten. Sie war fast so groß wie Sebastian, hatte schmale Lippen und große durchdringende Augen, die aber jetzt genauso gedankenverloren wie die Sebastians aus dem Fenster schauten. Ihre Beine hatte Dilan übereinandergeschlagen, den Ellbogen auf dem Oberschenkel gestützt.
Der Regen hatte zugenommen und die Welt die sich Sebastian und Dilan zeigte schien kalt und unfreundlich.
Der Bus erreichte Sennfeld. Dort hatte Sebastian vor einigen Jahren zusammen mit Anna eine Doppelhaushälfte im neuen Baugebiet am Ortsrand erstanden. So schien zu jener Zeit alles seinen geordneten Weg zu gehen. Sebastian hatte sich vom ersten Augenblick an unsterblich in Anna verliebt. Ihre kurzen schwarzen, spitzbübisch aussehenden, von Selbstbewusstsein zeugenden Haare, ihre zierliche sportliche Figur, ihr zielbewusstes Auftreten, alles hatte Sebastian in ihren Bann gezogen. Auch Anna hatte ihren Sebastian gerne genommen, ihn als ruhenden Pol mit starken Schultern gesucht und schließlich auch gefunden. Von den Eltern unterstützt, mit zwei grundsoliden Berufen ausgestattet, Anna arbeitete als medizinisch technische Assistentin im Krankenhaus, hatte man schnell geheiratet und an der gemeinsamen Existenz gearbeitet. Mit dem Haus in Sennfeld hatte dann der Traumstart in die gemeinsame Zukunft eine Fortsetzung gefunden.
Bislang war ihre Ehe kinderlos geblieben. Die berufliche Karriere und die finanzielle Lage hatten Familienzuwachs zunächst verhindert. Seit zwei Jahren hatte die Situation zu ändern begonnen. Seither wartete man in der oft stillen Doppelhaushälfte jedoch vergebens.
Sebastian war aus dem Bus gestiegen. Nach wenigen Metern schaute Sebastian durch den Regenschleier seiner Brille und realisierte, dass er seine Mütze im Bus hatte liegen lassen. Als er sich umdrehte sah er die Rücklichter des sich entfernenden Stadtbusses. „Scheiße!“, entfuhr es ihm während er sich erneut umwandte und seinen Nachhauseweg fortsetzte.
Sebastian hatte das Anwesen in der Flachsleite nun fast erreicht. Ewig gleich blickten alle Häuser in südliche Richtung, standen in Reih und Glied in völliger Einförmigkeit, wenig persönlichen Spielraum zulassend. Ein gepflegter Vorgarten und ein neben der Haustür stehender, grob aus einem mächtigen Stamm gehauener Indianerkopf, einzige Erinnerung an Sebastians indianerverliebter Kindheit, mehr war nicht übrig geblieben, luden zum Eintritt ein.
Das Haus war leer. Anna war, wie zu erwarten, nicht da. Sebastian betrat den Flur, ging ins Wohnzimmer, öffnete die Terrassentür und zog die neuen Gartenstühle unter den schützenden Balkon. Der Rasen war bereits kurz gemäht und wartete auf die Gartensaison. Rechts hatte Anna darauf bestanden, die Nachbarn der anderen Doppelhaushälfte mit 2m-hohen Steinen in Drahtgeflecht, sogenannten Gabionen, auf Distanz zu halten. So hatten beide versucht, andere Personen von sich fernzuhalten und auszusperren, nicht bedenkend, dass sie sich auch selbst ein wenig eingesperrt hatten.
Sebastian holte sich ein Glas Rotwein, wickelte sich fachmännisch in eine Fleecedecke, setzte sich auf einen der neuen Flechtstühle unter dem Balkon und schaute in die langsam voranschreitende dunkle Nacht. Nach zwei weiteren Gläsern ging er schließlich ins Bett und schlief sofort ein.
Als Anna gegen Mitternacht nach Hause kam fand sie Sebastian alkoholunterstützt aus Mund und Nase lärmend vor. Sie schlief auf dem Sofa im Wohnzimmer.
Der Polizeibeamte Peter Hausmann war nach Feierabend wie gewöhnlich von seiner Frau Beate mit einem üppigen Abendessen empfangen worden. Eine säuberlich aufgeräumte Wohnung hatte ihn aufgenommen. Beate setzte sich zu ihrem Mann, aufmerksam darauf bedacht, dass es ihm an nichts fehlen würde. Beate war nicht berufstätig. Sie hatte ihren Job als Verwaltungsangestellte nach Geburt des gemeinsamen Sohnes Dominik auf Wunsch ihres Mannes aufgegeben. So bestand ihre Aufgabe einzig und allein darin, die 4 Zimmer-Wohnung in der Johann-Sebastian-Bach-Straße, im sogenannten Musikerviertel, sauber zu halten, den kleinen Haushalt zu führen und für ihren Mann da zu sein. Dominik war mittlerweile 17 und selten zuhause anzutreffen.
Peter Hausmann nahm sich ein zweites Bier aus dem Kühlschrank, griff die Fernbedienung und setzte sich aufs Sofa.
Auch Loretta war spät abends heimgegangen, hatte sich still in ein noch stilleres ansehnliches Haus an der Eselshöhe begeben, etwas Essbares im dem Kühlschrank vorgefunden und war in ihr mit Fernsehapparat und Computer ausgestattetes Zimmer verschwunden. Ihre Mutter hatte sie nicht mehr angetroffen, da diese längst zu Bett gegangen war. Diesmal war wenigstens der Fernsehapparat im Wohnzimmer aus und es standen keine geleerten Weinflaschen auf dem Tisch. Ihr Vater war in politischen Angelegenheiten unterwegs, besuchte wohl irgendwelche Vereine, hielt Vorträge, verteilte Urkunden und versuchte so am nächsten Tag erneut mit ewig gleichem fest einstudiertem Pressegesicht in der Tageszeitung abgebildet zu sein. Er befand sich gerade im Wahlkampf zum Landtagsabgeordneten. Sein mit großen Lettern bedrucktes Auto: „Jens Vogler - Ihr Mann für den Landtag“, war jedenfalls nicht vor dem Haus zu entdecken gewesen.
Selbst Waldemar Klein hatte an diesem Abend den Weg in die Euerbacher Straße gefunden, war dort langsam in den zweiten Stock und auf die Etagentoilette gewankt. Die übelriechende Toilette und den klebrigen, an Schuhen saugend und diese kaum freigebend wollenden Fußboden störte Waldemar Klein längst nicht mehr. So hatte er sich in sein Einzelzimmer begeben, war bekleidet wie er war auf die am Boden liegenden Matratzen gefallen und sofort eingeschlafen. Er hatte sich in eine Stellung begeben, in welcher er an die 12 Stunden reglos verharren würde, bis ihn ein beginnendes Zittern zwingen würde, seinen täglichen Kampf aufs Neue zu beginnen. Im Haus war längst Ruhe eingekehrt. Es hatten zu später Stunde wohl die meisten Bewohner bereits einen dem des Waldemar Klein ähnlichen Zustand erreicht.
So war der Tag zu einem unspektakulären Ende gekommen. Auch die nächsten Tage vergingen in eintöniger Gleichgültigkeit. Sie reihten sich aneinander und ordneten sich mühelos in Wochen. Es verging fast ein Monat und der Sommer kam, den Winter endgültig verdrängend, den Frühling übergehend und Allen wurde letzter Aufschub und stilles Verharren auf ihrem unvermeidlichen Weg zu großen Veränderungen gewährt.
Es war Samstag. Sebastian hatte sich auf sein Mountainbike gesetzt, war die Peterstirn hoch und durch den Ottenhäuser Grund zum Ellertshäuser See gefahren. Es störte ihn wenig, dass es die ganze Nacht geregnet hatte. Mittlerweile hatte sich die Wolkendecke gelichtet und erste Sonnenstrahlen drangen durch die noch kaum belaubten Baumwipfel.
